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Full text of "Compendium der christlichen Dogmengeschichte [microform]"

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THE HENGSTENBEEG COLLECTION 




IN THE LIBRAßT OF THB 



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Purcliased from the estate of the late 

Frof. E. II'. Ilengstenherg, D. I>.,<if Berlin, 

and deposited in the Library by an associatioa 
of gentlemen. 



ihrarrj No. 

CHICAGO, Kov. 19, 1875. 



SJielf No.. 



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der 

cMstUcben DogmengescMcIite. 



Von 



J9. liUdw« Fr« O« Bamngarten-C^nisinis. 

•Geh. Kirchenrathe und ordentl. Professor der Theologie auf der 

Universität Jena, Ritter des Ordens vom weissen Falken und des 

H. S. Ernestinischen Hausordens , Mitglied der Socieias Hagana 

und der histor. theolog. Gesellschaft zu Leipzig. 



Eeii.erf«+eTiberg Collection 



Druck und Verlag voo Breitkopf 8f Härtel. 
1840. 



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Ich lasse die erste Abtheilung dieses dogcoen- 
geschichtlichen Gompendium einstweilen erschei- 
nen : die zweite wird, so Gott will, noch im 
Laufe dieses Jahres nachfolgen. Es sei mir ver- 
gönnt, hierbei Folgendes vorläufig zu bemerken. 

1. Der Streit über die Angemessenheit der Ab- 
thellung der Dogmengeschichte in die allgemeine 
und specielle, läuft in grossen Misverständnissen. 
Man wird in der, hier gegebenen, ersten Abthei- 
lung wohl Nichts von dem übergangen sehen y was 
man in dieser Wissenschaft mit Recht sucht^ und 
die zweite Abtheilung wird nur theils die geschicht- 
lichen Resultate der ersten in Beziehung auf die 
christlichen Idee'n im Einzelnen zusammenfassen, 
theils bedeutende einzelne Vorstellungen und 
Aeusserungen beurtheilen. Sie wird auch hierbei 
einen ganz anderen Gang nehmen, als das früher 
von mir verfasste Lehrbuch der Dogmen- 
geschichte. 

2. Zwischen dem Beginne und der Beendigung 
des Drucks von diesem Buche liegen einige Jahre. 
Man wird dieses nicht nur in den Angaben der 
Literatur bemerken, indem bei den.ersten Perloden 
vieles Bemerkenswerthe noch nicht berücksichtigt 



Dieses Blatl Tdllt weg bei der Erschoinun;! 



der 2. Abtheilunj: 



werden konnte: sondern es hat auch der Plan des 
Buchs allmälig- einige Ahänderungen erfahren. Es 
ist vom Anfange herein hei Männern und Lehren 
Vieles unerwähnt gehliehen, was für den beson- 
deren Theil hestimmt worden war; aber in den 
allgemeinen Theil aufgenommen sein würde , wenn 
dieser schon in der Art, wie^ vornehmlich in den 
zwei letzten Perioden, hearh'eitet worden wäre. 
Hier und da wird sich vielleicht auch eiiie Ver- 
änderung oder Erweiterung der Auffassung von den 
Gegenständen wahrnehmen lassen, wie sie im Laufe 
dieser Jahre vielfach bei mir eingetreten ist. 

3. Nach alle diesem würde es mir allerdings 
angenehm sein, wenn die genauere Beurtheilung 
des Buchs bis zur Vollendung des Ganzen auf- 
geschoben würde. Aber in jedem Falle empfehle 
ich das Buch der freundlichen Beachtung und Er- 
wägung kundiger Leser. 

Jena. April 1840. 

öer Verfasser. 



Einleitung und erste Abtheilung. 



Einleitung^ 

in die 

christliche Dogmengeschichte. 



Um das Innere xindAeussere, und Stoff nnd Form un- 
serer Wissenschaft vollständig: darstellen zu liönnen, wird 
die E i n 1 e i t u n g in d r c i Abschnitten von dem B e g: r i f f e 
derDogmengreschichte, der Geschichte und Litera- 
tur und der Methode derselben handeln. 



Erster Abschnitt. 

f^on dem JBegri/fe der christlichen Dogmengeschichte* 

§♦ 2* 
Die christliche Dogmengeschichte soll die 
Entwickeln ngj die Veränderungen und die Kämpfe der 
christlich - kirchlichen Glaubenslehre darstellen. ^) Die 
Geschichte der Dog:men und die der Dogmatik lassen 
sich hierbei nicht von einander trennen : denn sowohl die 
Form und der Inhalt der Glaubenslehre, als die Zusam- 
menstcUungr derselben zu Inbegriffen und Systemen und 
die Auffassung »des Einzelnen , bestimmen und charak- 
terlsiren einander wechselseitig. ^) 

1. So lange man den Namen, Do gm enge schichte, 
unter welchem diese Wissenschaft einmal ausgebildet worden ist 
und sich selbständig aufgestellt hat , beibehalten will , hat man 
von demselben einige Misverständnisse fern zu halten, welche 
in der gewöhnlichen Sprache beinahe unvermeidlich geworden 
sind , und sich , wie es oft geschieht , auch an unrichtige Auf- 
fassungen der Sache anschliessen. Sie liegen theils in dem 
Namen, Dogma, iheils in dessen Pluralform. Denn an jenen'*) 

a) Der Name kam in den kirchlichen Sprachgebrauch theils aus 
dem allgemeinen, insbesondere aber ans dem philosophischen (u-nd in 
diesem war er dreifach : allgemein, wie bei Aristoteles, stoisch, skep- 
Dogniengcscliichtc. j[ 



2 Erster Absclin. Von d. BegTiffd. christl. Dogmciigcscb. 

liaLen sich von Alters her die Vorstellungen von Willkühr, vom 
Unwesentlichen, oder vom Feststehenden und Statutarischen'') an- 
geknüpft : aher nach allen diesen Seiten hin , und indem man das 
Dogma dem Evangelium , wie die Theologie der Religion , ent- 
gegenzusetzen pflegte '^) , hat es sowohl Vorurtheile gegen die Dog- 
raengeschichte , als einseitige Behandlungen derselben gegeben. 
Ganz dasselbe zeigt sich bei dem Gebrauche des Namens , Dog- 
matik , seit derselbe ganghar geworden ist. In der Pluralfoi*m 
lag die Möglichkeit , in der Vielheit , der Masse , die Einheit 
der Sache und die Idee der Wissenschaft untergehen zu lassen. 
Wir nun verstehen hier , nach dem gemeinsten Sprachgebrauche 
der Kirche'^), unter Dogmen die christlich - kirchlichen Lehren 
überhaupt, ohne vorerst einen Unterschied zwischen ihnen, nach 
Ursprung und Bedeutung, zu machen, und halten uns auch in der Be- 
ziehung an den gewöhnlichen Gebrauch des Namens '') , als wir uns 
in der Dogmengeschichte auf die Glaubens lehre beschränken. 



tisch , vgl. Nitzsch Syst. d. ehr. Lehre S. 45 ff. 3. A.\ theils ans den Pau- 
liiiischea Stellen, Eph. 2,15. Kol. 1, 14. vgl. 2, 30. Diejenige Anwen- 
dung des Wortes , in welcher schon die älteste Kirche es für die christ- 
liche, ursprüngliche Lehre selbst gebrauchte {Ignat. Maines. 13. 
Böyfiaza I. X. xal dnoaröXojv, und dann oft schlechthin to äöyfia, rd 
SoyfiaTo), entsprang aus jenen Stellen des N.T. nach der gangbaren fal- 
schen Auslegung derselben. Umgekehrt von den vernünftigen Religions- 
begriffen T« Söyfiara Isid. epp. 4. 163. 

b) In dem kirchlichen Gegensatze von S6y/ia und zrjQvyfia [Basti. 
Sp. S,37. und eben so, dass das Dogma etwas Geheimes sei, noch Eu- 
logius b. Photius 230. S. %Q9.BcI{k. : vgl. Suicer. u. d.W.) hatte jenes 
Wort zugleich die hier bezeichnete Bedeutung, Feststehendes, zum Grunde 
Liegendes, und die vom Aeusserlichen, Ritualen. Das Dogma bezog sich 
in diesem Gegensatze immer auf die kirchlichen Mysterien sammt ihrer 
Deutung. Unrichtig meinte Semler, Schabe die blossen LehrmBinungen, 
KT], das Wesentliche bedeutet. 

c) Die neuere theologische Sprache hat fn denselben Gegensatz neben 
dem Dogma die Mj'^then gestellt. 

d) Wie bei Gennadins, wie im Mittelalter, bei Petavius und Thomas- 
sin , und in der gewöhnlichen Bedeutung des Namens , Dogmatik. 

e) Die Entgegensetzung von Söyfia, Say/uarixäv und jjd-txov, Trpaxnxov, 
rd Tov ßiov u. s. w. ist bleibend in der altkirchlichen Sprache : doch wer- 
den hierfür gewöhnlich auch solche Stellen aufgeführt, in welchen das 
dem Söyfia Entgegengesetzte nicht die L e h r e vom Praktischen, sondern 
das Leben selbst ist. Die tadelnde Bezeichnung des Novatianus (jBm- 
seh . H. E. 6, 43.), der Alexandriner bei Nestorius {Cyr: c. Nest. % 7 : 
Ol aocpol TüJv Soy ^axiaxöiv twv VEontQuiv) u. Anderer, als SoyftaTiarai^ hat 
ihren Sinn in der Bedeutung von Sayfiari^Eiv , nicht im Worte Soy/na. 
Die herabsetzende Bedeutung von Söyfia beim Marcellus [Euseb.- c. 
Marc. I, 4): Menschenmeinung, gehört ihm allein an. 



I. Kml^itmig^ in die Dog^engcschichte. 5 

2. Geschichte tler Dogmea und der Dogmatik sind bald 
so unterschieden worden, dass man diese mehr auf die (innerliche 
oder äusserliche) Form der Glaubenslehre bezogt), bald so, 
dass man in dieser die verschiedenen Anordnungen der Lehren zu 
Lehrgebäuden darstellen wollte. ^) Alles dieses aber ist und wird 
durch einander , und man kann keines ohne das üebrige verste- 
hen und würdigen. Und mll man (mit Münscher und Hagenbach) 
unter der Geschichte der Dogniatik die des Geistes und der Be- 
wegung und Entwickelung der Glaubenslehre im Allgemeinen ver- 
stehen ; so ist dieses ja der Gegenstand der allgemeinen Dog- 
mengeschichte. 

Sowolil die Form, als Gegenständ und Inhalt 
der christliclien Dogmengeschichte, sind durch ihren Na- 
men und ihren allgemeinen Begriff *) bestimmt vorgezeich- 
net. Für die Form haben wir, mit üebergehung dessen, 
was nur äusserlich^ zufällig, willkührlich ist, die Forde- 
rung auszusprechen, dass die DG» im wahren Sinne des 
Worts pragmatisch sei. ^) 

1.") Die DG. soll Wissenschaft, geschichtliche Wissenschaft, 
Geschichte geistiger Bewegungen und Resultate, ferner Geschichte 
von Dogmen , und von christlich - kirchliehen Dogmen sein» 

2. Der Begriff der pragmatisch en Geschichte ^) hat von 
seiner ursprünglichen Bedeutung , welche es von Polybius erhielt, 
das beibehalten , dass er durchaus auf das Objective , Reale, 
Wirkliche hinweist. Wie wir nun leicht begreifen , was in dieser 
Forderung liege , so erkennen wir auch bald ein zwiefaches Mis- 
verstandniss, welches einen falschen Pragmatismus auf unserra 
Gebiete hervorbringen kann. Der nämlich, dass man in der Auf- 



/)J.F. Ga ab erste Linien zu einer Geschichte der Dogmatik. Tüb. 787. 

g") CG. He in rieh Versuche. Gesch. derverschiedenen Lehrarten und 
ehr. Glaubenswahrheiten von Christo bis auf unsere Zeiten. L. 790. So 
haben siediebeuesten Dogmatiker, vornehmlich Twesten, Nitzsch 
und Hase, dargestellt. 

ß) W. C.L. Ziegler, Ideen über den Begriff und' die Behandlungsart 
derDpgmengeschichte. Gabler's neuest. Ih. J. 1, 4. 337ff.L.Lange : 
einige Worte über kritische und pragmatische Behandlung der Kircben- 
insbesondere der DG., lUgen's Zeitschr. f. bist. Th. H. 3. Nr. ^. K. 
Daub, die Form der christl. Dogmen- undEirchenhistorie, in Betracht 
gezogen. 3 Abth. in Br. Bauer's Zeitschr. f. spec. Theol. L 1. 2. IL 1. 

b) E. A. Borger, disputatio de historia pragmatica. Hag. Com. 
1818. 8. p. 9. SS. C.F. Tilgen, quae cura eiadkibenda sit, quialiormn 
de rebus div. sententias rite exponere velit. L. 833. 4. 

1* 



4 Erster Abscliii. Von d. BegTÜTcI. ebi*Istl. DogiMcngcscIi. 

Fassung und Darstellung der DG. die Principien von Geist und 
Freiheit vernachlässigte , und für die Erscheinungen auf ihrem 
Gebiete nur Erklärungen und Ableitungen im Aeusserlichen und 
Materiellen suchen wollte. Dadurch wurden zugleich die wahren 
Gründe und die rechte Bedeutung' jener Erscheinungen aus den 
Augen gerückt, und die Ansicht in daa Gemeine, ja das Nie- 
drige herabgezogen; auch ist es dabei unmöglich, den Zusam- 
menhang im Grossen und die Idee des Ganzen aufzufassen. 

Wenn der Gegenstand der Dogmcng-cscLIcIite eben das 
Dogma ist, wo und wie es gedacbt nnd ausgesprocben 
worden sei, und ohne irgend cineFoi'm und Art des Den- 
kens und der Lclirc auszuscblicsscn ^) 5 und zwar das 
ehristlicb-birc bliebe Dogma ^) : so sebeidet sieb das 
Gebiet der DG. von dem der Gescbicbte der Kircbe, 
<les cbristllcb-bircbliclien Lebens, der cbristlicben Sit- 
tcnlebrc und der Pbilosopbie.^) 

1. Es nimmt die DG. in sich auf die Dogmen der Einzelnen, 
der Secten und der Kirche : ferner sowohl die mehr volksmässi- 
gen, als die in den Schulen entstandenen; die in der blossen Ent- 
wickelung der positiven Lehre , und die im freien Denken über 
sie gewordenen, und was sich wissenschaftlich oder gläubig, prak- 
tisch , phantastisch , speculativ , als Meinung und Gedanke in den 
kirchlichen Zeiten und Räumen bewegt und entwickelt hat. Jedoch 
immer mit Auschluss der wirklichen Privatmeinung und des 
wirklich Unbedeutenden. Aber dieses beides historisch, 
objectiv au fgefasst und gewürdigt : als dasjenige nämlich, Avas we- 
der auf eine bestimmte Denkai't und Gesinnung, im Einzelnen oder 
in der Kirche , zurückweist , noch für eine solche irgend einge- 
wirkt hat. 

2. Wenn wir nur die christlich-kirchlichen Lehren in 
den Kreis der DG. aufnehmen sollen , so sind doch diejenigen 
natürlich nicht ausgeschlossen, welche, obgleich weder aus chi'ist- 
lichen noch aus kirchlichen Principien hervorgegangen, sich doch 
in Zusammenhang mit Begriflen und Formen der Kirche gesetzt 
hal)eu : wie es selbst in der Gnosis, dem Manichäismus, der Theoso- 
phie und in den speculativen Schulen der Philosophen geschehen ist.- 

3. Die historischen Gebiete , von denen sich die DG. zurück- 
zuziehen hat , wie sie hier bezeichnet worden sind , bleiben ihr 
indessen nahe und verwandt. Oft hat die DG. auf denselben ih- 
ren Ausgangspunct zu nehmen , und oft lässt sich die Entwicke- 
lungder Dogmen nur auf ihnen verfolgen. Aber jene Theile der 



I. Einleitung' in ^ie DogmengeschlcLtc. S 

christlich - kirchlichen Geschichte lassen sich'auch unter einander 
nicht streng scheiden oder gesondert halten. ") Der Stoff der Ge- 
schichte der Philosophie in den christlichen Zeilen lässt sich 
aus unserer Geschichte wenigstens in den Perioden und Bildungen 
nicht entfernen , in denen entweder das Dogma eine durchaus 
philosophische Bedeutung und Form annahm , oder die Philoso- 
phie ihre Richtung und ihr Ziel in den kirchlichen Begriflen ge- 
l'undeu hat. 

§♦ Ä* 
Als der Inhalt dieser Wissenschaft sind ohen (§ . 1 .) die 
Entwiche! ung', die Veränderungen und Kämpfe der Glau- 
Lenslehrc genannt worden. ^) Es liegt schon in diesen Be- 
griffen, dass in dieser Wissenschaft nicht das Ganze, das 
Eine und das Bleibende über dem Einzelnen, Vielen und 
Wechselnden vernachlässigt werden dürfe , dass sie viel- 
mehr jenes als den Träger von diesem darzustellen habe. ^) 

1. Die DG. hat es mit der Entwickelun g der Glauhens- 
lehre im dreifachen Sinne zu thun : mit der Entwickelung der ein- 
zelnen Dogmen , wie sie nach und nach vielseitiger und tiefer 
aiifgefasst und ausgeprägt worden sind , mit der Entwickelung der 
Glauhenslehre im Ganzen, zu welcher die kirchliche Denkart in 
kleineren und grösseren Kreisen immer hingestreht hat , und mit 
der Entwickelung des Geistes, wie sie in der Glauhenslehr,e und 
durch dieselhe stattgefunden hat. Die neuere speculative Ansicht 
der Geschichte des Geistes und auch der Dogmengeschichte , hat 
diese Entwickelung oder ForthewegTing des Geistes und Gedan- 
kens vielleicht einseitig oder unrichtig aufgefasst : aber sie hat das 
Vei'dienst,die Idee derselben hervorgehoben zu haben.*) — Die 
Veränderungen der Glaubenslehre gehen sowohl das Ursprüng- 
liche, die geistige Grundlage derselben an, und sind Veränderun- 
gen des christlichen Geistes zur Lehre , zum Dogma; als dieses, 
das Dogma, Veränderungen in den I)ogmea\, oder der Dogmen 

a) Zur Geschichte des christlichen Lebens : A. N e a n d e r Denkwürdig- 
keiten aus der Geschichte des Christen tliums und des christl. Lebens. 
BerL (8^3 ff.) 1 825. IIL J. IL v. W e s s e n b e f g ßetrr. über die wichtig- 
sten Gegenstände im Bildungsgänge der Menschheit. Aarau 830. 8. 

a) Marheineke^Jahrb, f.wiss. Th, 1832. JuLl — 3.Dauba. a. 0. L 
53. „Die Dogmengesch. soll die Geschichte der GlaubensmeinuDgen als 
freier Bewegungen in damaliger Zeit, und in ihrer Tendenz zur Glau- 
benswahrheit und zur Einheit der Kirche mit Gewissheit berichten." — 
Die Aeusserungen derselben Schule (vgl. Hegel, Rel. philos. LS. 9 f.) 
gegen die historische Behandlung der Dogmen beziehen sich nur auf die 
Behandlung derselben für die Glaubenslehre , und zwar die ausschli^s- 
eend und uarichtige liistoi'ische Bchaadlung. 



6 Erster Atschn. Von d- Begriff d. cliristl. Dogmengcseh , 

zum UrspröngHchen zurück. — K ä m p f e fanden sowohl auf der 
Seite der Glaubenslehre Statt, bei ihrer Entwic|celung, ihrer Ver- 
theidigung , und bei dem Untergänge des Einzelnen : als Kämpfe 
des Geistes mit dem Dogma, 

2. Die DG. hat es allerdings zunächst und unmittelbar mit dem 
massenhaften Stoffe der Meinungen und Lehren in der Kirche zu 
thun. Aber eben schon in jenen Begriffen : Enlwickelung, Verän- 
derungen , Kämpfe , und in der Idee der DG., als Wissenschaft 
und christlicher Geschichtswissenschaft , ist ihr als gleich wesent- 
liche Richtung die auf das Ganze gegeben, von welchem das 
Einzelne umschlossen ist, auf die höhere Einheit, welche durch 
die unendliche Mannichfachheit hindurchgeht , und auf das Blei- 
b e n d e , Avelches sich in dem unaufhörlichen Wechsel der Mei- 
nung erhalten hat , und immer bewahrt : also auf Sache , Geist 
und Gedanken des Christenthums. Die Dogmengeschichte hat dem- 
nach, neben der Zusammenstellung des Materials, das geflissent- 
lich auszuführen , wie jene höheren Principien sich durch alle 
kirchlichen Zeiten hin erhalten haben, wie sie oft klarer und ent- 
schiedener, und in raannichfacber Gestalt, hervor getreten sind • 
wie man sie endlich im Ganzen als das Gesetz der Entmckelung 
und Vollendung wahrzunehmen hat. Ja auch an deni Bestehen und 
Wirken des Unächten und Falschen in den kirchlichen Meinungen 
zeigtsich doch überall der höhere Geist der christlichen Zeit*) ; so- 
wie in der Unsicherheit, mit welcher es immer aufgetreten ist, undin 
dem Schicksale, wie es sich immer selbst geschwächt und zerstört 
hat, das Gesetz aus der höheren Ordnung der christlichen Dinge. 

Zusatz, In dem hier Gesagten stellt sich denn die Bedeutung 
der Dogmengeschichte für den christlichen Gedanken und für die 
theologische Einsicht dar. Diese Wissenschaft hat die Bestimmung 
und die Kraft zugleich zu läutern und zu befestigen, und 
sie darf sich nicht auf Eines von beiden ausschliessend richten. 
Das läuternde Moment liegt inderMannichfaltigkeit, Zufälligkeit 
undVeränderlichkeit des dogmatischen Materials : das befestigende 
in der Einheit und dem Bleibenden, in Sache und Geist, deren Ge- 
schichte sie darstellt. '') Wir übergehen, was man ausserdem ge- 

ä) Es geht durch die ganze DG. hin, wasOelsner von einem einzelnen 
Moment derselben bemerkt, in Zschocke Prometheus I. 327. „Das Ni- 
cänische Concilium war eine der grössten Begebenheiten in der Geschichte 
der menschlichen Gesittung. — Es war das Zeichen eines Riesenschrittes 
der Menschheit , dass man abstracter Begriffe wegen zusammentrat, und 
ihnen höhere Wichtigkeit als allen materiellen Interessen beilegte,'* 

b) C,F. Illgeu: der Werth der ehr. Dogmengeschichte, L.817, 



I. Elnlcitang^ in die Dogmengiescliiclife. 7 

wohnlich unter dem Werthe der DG. verstanden hat : vornehm- 
lich die Bedeutung derselben für andere theologische Disciplinen 
oder für die Wissenschaft, insbesondere die Geschichtswissenschaft 
überhaupt, oder für gewisse Zwecke und Berufe des Lebens. Un- 
ter Solchem darf man denn auch den formalen Werthund Nu- 
tzen dieser Wissenschaft nicht übersehen, wie sich durch dieselbe, 
indem sie (und gerade auf einem Gebiete, auf welchem man sich so 
leicht zerstreut, und auf dem man oft die Verwirrung herrschend 
gememt hat) Anordnung, Scheidung, Klarheit schafft, und oft 
selbst geistige Nothwendigkeit nachweist , der logische Sinn und 
das geistige Oi'gan entwickeln und bilden kann. 



Zweiter Abschnitt. 

Geschichte und Literatur der christlichen Dog- 

meng'eschichte. 

§♦ ©♦ 

In materiellerHInsiehtist dicDogmcngescluchtcso 
alt, als CS das Interesse in der Kirche ist, frühere oder für 
vorzüglich gelialtene Lehren aufzusuchen und zusammen- 
zusteiien. Aber sie ist viel Gestalten durchgegangen, ehe 
sie aus dem theologischen, mehr oder weniger befan- 
genen, Interesse in das literarische, und aus diesem in 
das wissenschaftliche, nach Begriff und Darstellung 
übergegangen ist. Das theologische war bald negativ, bald 
positiv, bald speciell, bald allgemein^), und bald lag es 
auf dem kirchlichen, bald auf dem nicbtkirclili-. 
eben Standpuncte. ^) 

1. Das Zusammenstellen der kirchlichen Meinungen früherer 
Zeiten beginnt im theologischen Interesse bereits im Streite mit 
den Häretikern des zweiten Jahrhunderts. Damals kam es hiei-bei 
nur noch darauf an , dass man von Alters her in der Kirche an- 
ders als diese Häretiker gelehrt habe : also war das Interesse mehr 
nur negativ, polemisch. Bald aber erweiterte es sich. Man wv)llte 
nun beweisen, dass es stets Eine Lehre, imdzwardie der Kirche, 
gegeben habe : und so wurde das Dogmengeschichtliche vornehm- 
lich seit dem Arianischen Streitigkeiten behandelt, in Beziehung 
auf einzelne ausgezeichnete Männer (z.B. Dionysius von Alexan- 
dria) und auf die gesammte Kirche. Reich an Nachforschungen 
und Zusammenstellungen dieser Art wurde der Nestorianiscbe und 
Eutychianische Streit sammt denen, welche aus ihm hervorgingen 



8 Zweiter Absclin . GescliicLte ii . Literatur d . clirlstl .DG. 

(vornehmlich dcmDrei-Capitelstreitu. dem monolheletischen), spä- 
terhin der Bilderstreit : und seit dem Concilium von Chalcedon lich- 
ten es die grösseren Kirch enversamuilungen, ehenso sich mit Samm- 
lungen altkirchlichcr Zeugnisse zu -waffnen und zusichern, wie es 
die streitenden Parteien gegen einander zu ihun pflegten. Theils 
dogmalisch, theils literarisch, sind die manchei'lei Sammlungen zur 
DG. in der griechischen Kirche , welche im 7. Jahrh. heginnen, 
und durch das Mittelalter hingehen unter den Namen: necpaXaici-, 
laQci (IsQcc 7VaQdX?.i])..a), '/QTJasig''), in anderen Beziehungen und 
Gehieten auch Anthologien und Eklogeu genannt. Ihnen liegt auch 
weniger das Interesse der kirchlichen Orthodoxie , als ein allge- 
meines , religiöses und sittliches , zum Grunde. 

Das dogmatische Interesse rief auch die lateinischen Schriften 
üher Sentenzen (d.i. Dogmen) seit dem 7. Jahrh. hervor. Das 
Ausgemachte und Beste der dogmatischen und moralischen Litera- 
tur sollte zusammengestellt werden , um dem Gedanken zum Aus- 
gangspiinct und Anhalt zu dienen. Die Bestimmung dieser Schrif-' 
ten erliielt durch Petrus L o m h a r dus eine philosophische Wen- 
dung, indem jene Zusammenstellung^') nunmehr zum Stoffe für die 
dogmalische Erörterung wurde. Hier kam denn schon mehr die 
Verschiedenheit der Ansicht und Sprache alter Zeiten zur 
Erwägung: freilich nur als Verschiedenheit der Form oder in Ne- 
hendingen. In solcher Weise hat sich das dogmengeschichtliche 
Suchen , auf dem Grunde des Petrus Lomhardus, his zu der Zeit 
der Refonnation herah fortgesetzt. 

2, Das Forschen und Sammeln unter den Dogmen vergangener 
Zeit vom u n ki r c h 1 i c h e n Standpuncte aus war nicht minder he- 
fangen als das kirchliche. Die Opposition in der Kirche hat sich 
schon in alten Zeiten hemüht, in den kirchlichen Meinungen , in- 
dem sie solche geschichtlich zusammenstellte, nur Unangemessen- 
heil , Verworrenheit und Widersprüche nachzuweisen. Das Buch 
des Stephan Göhai'us '') und Peter Ahälard's Sic et Non '^) , wa^ 



a) A. Mai. praef. Scrr. Vett, N, Coli. I. LIV. Thilo über Euseb. v. Alex. 
r)3. — SammluDgeu solcher Art von Maximus (Opp. II, 528 ff. Combef.\ 
Leontius Byzantinus, Mai. a. 0. 232. ff, undTo, VII. P. 1, 74 ff, Presb, 
Anaslasius : löyob rviv dyicov Trarigojv, i^yovv exloyi) y_QT}GE<'iv ebd. 1 ff. 
Severus [iriva^ yQi\as.Mv — Anastas. Sin. oSr^y. c. 4.], J. Damascenus, 
Opp. II. 244 ff. Leg. Dahin gehopten auch die Schriften, Öqoi genannt. 

fo) Maioriivi exempla doctrinaqnc. Prolog-. Sentt. Lomb, 

c) Phot. 232 — Kiipd?^ata, ttsqI vjv t} Sid tüjv ygr/osojv StTiXjj y.al dv-r 
Tty.sifiiv?! GTrovSa^si- y.azaay.&vij — wird von ihm der Auszug aus Gobarus 
iiberscli rieben. 

il) Zuerst heransfjegeben von V. Cousin: Oavrages incdits d'Ah^^ 
lard, Par, 1836. 4. Vgl. Cous. introd. p. CLXXXIV, ff. 



I. Einleitung m die Dogmcngcsclnclitc. 9 

ren von solcher Art : Leide waren ohne Zweifel in der Absicht ver- 
fasst, um den kirchlichen Sammhingen von Zeugnissen und von 
Sentenzen entgegenzutreten. 

§* 8'* 

Die Zelt der Reformation führt geschichtliche Znsam- 
menstellnngen derselben, bald polemischer bald apolojfc- 
tischer Art, herauf. ^) Die folgenden Zeiten Lrachten Lis 
zu der Epoche freierer theologischer Bestrebungen, belKa- 
tljolischenu. bei Protestanten manche umfassendere Samm- 
lungen zur Dogmengcschichtc hervor 5 auch schon selb- 
ständige und freiere ^)^ gewöhnlich aber Tiaren sie mit der 
Wissenschaft der Glaubenslehre und mit der Kirchengc- 
schichte verbunden^). 

1. Am nächsten hatten die Protestanten ein Interesse und 
Verlangen , geschichtliche Beweise theils gegen die herrschende 
Kirche, theils für sich zu führen: denn ihre Sache Amrde ja vor- 
nehmlich durch den Vorwurf der Neuerung hestritlen. Nur hülle 
sich nicht in diese Bemühungen das unprotestanlische Vorurtheil 
einmischen sollen, dass das Alte u. Aelteste als solchesund schlecht- 
hin das Wahre wäre. Die Lutherischen halten an M. Flacius, M. 
Chemnitz, Jo. Gerhard") , Ge. Calixtus , dieReformirten an Joh. 
Dalläus''), P. Chamier '^j, Jo. Forhesius a Corse '^) u. A., achtungs- 
werthe Dogmenhistoriker in jenem Sinne. '^) Das Dogma von der 
Eucharistie war (wie schon in älteren Zeiten) vor allen anderen ein 
besonderer Gegenstand geschichtlicher Erörterungen für die kirch- 
lichen Parteien, 

2. Es war mehr zufällig , und hatte seinen Grund in dem üe- 
hergewichte der Gelehrsamkeit jener Zeit, dass die k a t h o 1 i s c h e 
Kirche des 17. Jahrhunderts in der s e 1 h s tä n d i g e n Behandlung 



a) Jo. Gerhar d : Loci theologici, ed. J. F. CoHa.Tuh. 763. XÄTL 4. 

b) Eine Reihe einzelner histor. Werke, und: de iimjiatrumaddeß- 
nienda rel. cairiia — controvcrsa. hat. Gen. 686. 4. Fraiixi. Or. J 63?. (M. 
S eriv ener. a]}oIogia pi'O SS. PP. 673.) 

e) D a 11. Ch a m i e r : j>anstratta catholica s. controversiarum de reli- 
gione adversus pont(/icios corpus ed. 5. ed. J. II. J Ist cd iu s. 629. V, 
Früher II 6717'. Bullüig- er, deorigine crj'oris. (529) Tig. 1568. f. 

d)J.ForbesiiaCorse instruot. hisi:o7'ico-[:heologicac-de dociri- 
nischr. inde a iempoi'e ylpp. ad sec. 17. 1645 f. {Opp. 703). 

e) Die protestantischeDograengeschiclite ward gegen dieseKivclie gewen- 
det von J. B. Bossuet: liistoire des variatioiis des eglisesj)7'otestan~ 
tes. Zuletzt Par. 770. V. 12- Gegen jbn /. Basnagc \Jiist. de Vegl. 
Hot, (G99 II,) 7^1. V;), 



10 Zweiter Absclm. Gcscliicliteii. Literatur d. ehristl.DG. 

des dogmengescliichtl. Stoffes voranging. Anfangs mehr dogma- 
tisch und literarisch: dogmatisch, um Muster und Anregungen 
für die Kirche zu geben ; literarisch , als Gegenstände der Ge- 
lehrsamkeit. In Beiden zeichneten sich die Benedictiner der Con- 
gregation von St. Maurus aus. ^) Aher schon mit einem kritischen 
Zuge wTirde das Werk von Dion. Petavius geschrieben^), mit 
welchem denn auch die selbständige Behandlung dieser Wissenschaft 
eigentlich beginnt. 

3. Die Dogmatik und die Kirchengeschichte waren seit der Re- 
formation in der genauesten Verbindung mit der Dogmengeschichte; 
und der Umfang, in %velchemdie Dogmatik, vornehmlich die pro- 
testantische, seit dem Anfange des 17. Jahrh. gewöhnlich ausge- 
führt wurde , sowie die besondere Bedeutung , welche man auf 
Kirchengeschichte legte ^), hatten jenes dogmengeschichtliche Be- 
streben in den beiden Wissenschaften zum Grunde. 

Der freiere Sinn und die durchgreifende Bedeutung;, 
welche, zuerst der Deismus, und dann die neuere protestan- 
tische TJ[ieoloj>"ie seit Semler in die dogmengescliiclitlichen 
Forschungen legte ^), gab derselben nun ganz den Rang 
einer selbständigen Wissenschaft 5 für welche dann die 
wissenscliaftllclien Forderung-en und Bedingungen vielfach 
erörtert, und deren Masse und Inhalt in einer Reihe, jedocL 
meist nur im Grundrisse gegebener oder unvollendeter, Ar- 
beiten dargestellt worden sind. ^) 

1. Der entwickelte Deismus bediente sich der DG. in derselben 
Weise und Absicht , nur umfassender und durchgreifender , wie 
vormals die kirchliche Opposition **). Das Dogma der Kirche sollte 

f) J. G. Herbst die Verdienste der Mauriner um die Wissenschaften. 
Tlieol. Quartalsch. 1833. 1. 3. 3. H. 1834. 1. H. 

g)Dion. Pcta v ii opvs de thculogicis dogmatibus.VsiV, 644f.V. (Von 
Jo. Clericus-Theoph. Aietliinus — heraus^. Antv. 7001F. VI.) — JNeben je- 
nem, bestimmter kirchlich, L. Thomas sin dogmata theologica. Par. 
684 ff. III. (N. A. Yen. 757. VII.) 

^ h) Baronius, Nat. Alexander, Tillemont — die Centurien, Venema. Die 
lürchengeschichte der Protestanten wurde mit dem Ablaufe des 17. Jahrb. 
und im Beginn des 18-, auf zweierlei Weise freier und ergiebiger für die 
Gesch. der Dogmen , durch mystische Unkirchlicbkeit (G. Arnold) und 
durch philosophischen Geist (^Mosheim). 

a) J. Priestley Gesch. der Verfälschungen des Christenthums. A, 
d. E. [Historxj of ilie Corruption of Christianity. 782. II.) ßerl. 785. 
8. Hamb. 785.8. (H. Royaards, Tb. Stud. u. Krit. 1834. 2. 417.). Wir 
könneu auch P. Bayleu. Voltaire {Dict-pkilos.) hierher rechnen. Planck's 



I. Klnlcltuiig in dl« Dogmengescliiclite^ 11 

durch sie in seiner Unbestimmtheit , Zufälligkeit , Menschlichkeit, 
und in den Widersprüchen dargestellt werden, unter denen es ent- 
standen und gebildet worden sei. Genauer und gelehrter fasste 
S e ni I e r- diese Forschungen von derselben Seite auf'') , und in sei- 
ner Schule zuerst wurde die Idee der DG., als einer selbständigen 
Wissenschaft, aufgestellt und auszuführen gesucht. Mehr nur dog- 
m a tisch , als für ein Hülfsmittel zum Verständniss und zur ma- 
teriellen Aufklärung der Dogmatik, hatte J. A. Ernesti für sie 
gesprochen *') : und in den Schriften '*) und Samraliingen C. W. F. 
Walch's, in denen sich die Bestrebungen und Einflüsse der Schu- 
len von J. F. Buddeus und J. L, Mosheim vereinigten, tritt 
die DG. mehr mit literarischem Interesse hervor, indem ein über- 
reicher Stoff ein eigenes Feld und eine freie Statt für sich 
suchte. 

2. In der Literatur der DG. , als selbständiger Wissenschaft, 
geht, wie in den anderen Wissenschaften , die Praxis vor der 
Theorie her, und in jener wieder die Sammlung vor der Vei*ar- 
beitung. Das Rössler'sche Werk zur DG. der Kirchenväter ®) 
macht Epochein dieser Disciplin. Neben ihm geht eine nicht mis- 
lungene Probeschrift in Mosheimischer Richtungauf die Philosophie, 
als auf den Geist der ältesten Dogmenbildung , desselben Ver- 
fassers ,, Lehrbegriff der christlichen Kirche in den ersten drei 
Jahrhunderten." ^) Au jenes Werk Rössler's schliesst sich S. G. 
Lange's erster Versuch einer Dogmengeschichte an. ^) W. M ü n- 
sch er hat die wissenschaftliche Behandlung derselben eino-eführt, 
und sich einen bleibenden Namen auf diesem Gebiete erworben. '*) 
Mehr von der Seite des Lebens als der Schule fasste sie F. Mun- 
ter auf. ^) J, C, F. Wundemann hat in dem Geiste der Plancki- 
ßchen Schule gearbeitet : demselben, welchen ein neues Werk von 



Idee einer Geschiclite der Verfälschungen des Christenthums : Lücke 
G. J.Planck S. 71. 

b) Einleitung zu Bauingarten , Untersuchung tli, Streitigkeiten. Halle 
759. If. III, Zu dess. evang. Glauhenslehre 1762. ff. III. Ausserdem be- 
sonders : Ei. Iiistoriae eccl. selecta capita. 767. tf. III. 

c) De theologiae historicae et dogmaticae coniimgcndae necessitate, 
759. Opuscc. tk. 511 ff. 

d) Gedanken von der Gesch. der Glaubenslehre. Gott, 764. 2. A. 

e) Bibliothek d. Kirchenväter in üeberss. u,-Auszügen. L. 776. X. 8, 

f) L. 775. 8. 

g) Ausführl. Gesch. der Dogmm. I. L. 796. 

h) Hdb. der ehr. DG. 797 — 809.IV.(3. A.von 1.2. B., 2. vom 3. B.) 
t) Hdb. d. ältesten ehr. DG. D. von Evers. Gölt. 802. ff. II. 



12 Zweiter Absclin. Gescliicliteii.Xiteratiird. clinstl. DG. 

C. G. H. LcnlznoclibcslimmtenindvolJständig-crcrkcnneulässt.'') 
Die kleinere Schrift von Augusti hat sich theils als das früheste 
Compcndiuni , thcils in ihrer sinnreichen und reichhaltigen Art, 
um das Studium dieser Wissenschaft verdient gemacht. ^) 

Musterarheitcn für die DG. haben W. C. L. Ziegler und G. 
J. PI a n c k, in der Behandlung einzelner Erscheinungen oder Zei- 
ten, auf diesem Felde gcgehen. Bei jenem herrscht die speculalive, 
Lei diesem die psychologische Entwickelung- vor. Ein grosses Ver- 
dienst Avürde sich D. V on Coelln a uch als Dogmenhistoriker erwor- 
l)cn hahen : die einzelnen Arbeiten desselben, sowie die gehaltreiche 
Erweiterung des M ü n s ch e r ' s c h e n Lehrbuches '") , tragen das 
Gepräge Aar gründlichsten Forschung und unbefangener , erleuch- 
teter Auifassung. Aber die neueste Zeit hat, vornehmlich dui'ch 
Anregung' und Beispiel A. N e a n d e r ' s , eine historisch - theolo- 
gische Schule begründet, deren Mittelpunct die Dogmengeschichte 
ist , und von welcher aus sich immer mehr Licht über Männer und 
Zeiten der kirchlichen Vergangenheit verbreitet. ^^) Mit richtiger 
Erwägung der Sache ^ und zugleich mit freierer Denkart hat sich 
die neuere katholische Kirche mit der protestantisch ausgebildeten 
Wissenschaft der DG. ausgesöhnt. °) 



k) Wundemann: Gesch. d. clirisllicJien Glaubenslehren vom Zeit- 
altei- des Athauasius bis Gregor d. Gr. L. 798. f. II. L en tz : Gesch. der- 
chrisllichen Dogmen in pragmatischer Entwickelung. Heimst. 834. f. 11. 

l) Lelirb. der ehr. DG. 4. A. L. 835. Zu den genannten ist hinzuge- 
kommen :L. F. O.Bau m garte n-Crusius Lehrb. d. ehr. DG. Jena 833. 

ni) W. M ü n s c h e r ' s Lehrb. d. ehr. DG. (2. A, 819.) 3. A. mit Belegen 
aus den Quellenschriften, Ergänzungen der Literatur, bist. Noten und 
Fortsetzungen versehn von D. von Coelln. 1. Hlft. Marb. 832. 2. H. 
1. Abth.834. (Vgl. Dav. Schulz Vorr. zu D. v. Coellnbibl. Theol. XV). 

Weniger bedeutend : L. Bertholdt, Hdb. der ehr. DG. Erl. 822.11. 
Ausserdem Schickedanz Vers. e. Gesch. d. Glaubenslehre u. der merk- 
würdigsten Systeme, Compendien u. s. av. Brschw. 831. P,A. Ru- 
pert! Gesch. d. Dogmra. Bei-l. 831. 

Einzelne Darstellungen unten : vgl. üebersicht über die kirchen- und 
dogmengesch. Literatur 1830 -33. ALZ, 1834. N. 172. ff. 

7i) Nach Neander K. V o r 1 ä n d e r tabellarisch - übersichtliche Darstel- 
lung der DG. Hanib. 1835. 4. 1. Abtheilung, Selbständig, aber unvoll- 
endet: C. R. Hagen b ach tabellarische üebersicht der DG. bis auf die 
Reformation. Basel 828. 4. 

o) Ungünstig hatten noch überdieDG. gesprochen : J. D ö lli n ger Vorr. 
zu: d. Lehre von der Eucharistie in den ersten drei Jahrb. Mainz 826. 
4. Selbst Hermes: W. E sse r Denkschr. aufH., S. HO. Dagegen hat 
jene Wissenschaft in F. A.. S taudenmai er, theol. Encvklop. (Frkf. 
834.) 647. ir. und H. Klee: Dogmengeschichte 1. Mainz 837. (angekd.) 
Bearbeiler gefunden, wenn gleich entschieden auf dem Standpuncle ih» 
rer Kirche. 



I. Einleitung in die Dogmengcscliiclitc. 13 

Auch scittlem dicDog:mcngcscliIc]itc zur selbständigen 
Wisscnscliaft geworden ist, Jiabcn ihre alten Genossen, 
die Kirchcngescliicbte und die GlaubenslcLre , und mit al- 
lem Rechte, die Verbindung mit ihr nicht aufgegeben, und 
die neuesten Bearbeitungen derselben bieten reiche Quellen 
und Anregungen für sie dar. ^) Die Archäologie der' 
Kirche steht in weclisclseitiger, bedeutender Beziehung 
mitderDogmengeschichte.^) Die theologischeuDisciplincn i 
der P a tri s ti h , der S y m b o 1 ih und der Polemik liön- ' 
nen als aufgelöst in die DG. angesehen werden : sofern man j 
die erstercn beiden nicht blos als specielle Zusammenstel- 
lungen einzelner Theilc von unserer Wissenschaft betrach- 
ten mag. ') 

1. Die Kirchcngeschiclite, getrennt von der DG. und geschie- 
den von allem Stoffe derscILen , würde es nur mit der Bildung und 
Verfossung (in der Art, wie Planck die christliclie Gesellschaftsver- 
fussung hehandelthat) , und mit Umständen und Geschick der Kirche 
zu ihun hal)en. Ungeschieden von der DG. will sie entweder die 
Darstellung des gesamniten, inneren und äusseren, Lehens der 
Kirche sein , oder sie richtet sich mehr auf das äusserliche Lehen, 
als auf ihren eigentlichen Gegenstand , aher meint , sich von dem 
Dogma, als dem wesentlichen Princip des Lehens und der Verän- 
derungen in der Kirche , nicht trennen zu können. Und allerdings 
würde sie, solange die DG. noch nicht ihre wissenschaftliche Voll- 
endung erhalten hat, und weil es oft dringend nothwendig ist die 
Gegenstände für das Studium zusammenzuhalten , für jetzt noch 
nicht in ihrem Interesse handeln , wenn sie den dogmengeschichtli- 
chen Stoff von sich auscheiden wollte. Die Idee der Kirchenge- 
schichte , als solcher , ohne die Geschichte der Dogmen , wird in 
Tittmann's Abhandlung , über die Behandlung der Kirchenge- 
schichte ,'') dargestellt : einen Versuch dieser Art hat Rehm's 
,,Grundriss der Geschichte der christ. Kirche" gemacht. '') Ihnen 
gegenüber, und als Hülfswerke auch für die DG. stellen sich alle 
neueren Bearbeitungen der Kirchengeschichte dar. 

Die neuere Dogmatik hat, nur mit Ausnahme der seihständi- 
gen , besonders der speculativen , Bearbeitungen , die Dogmenge- 
schichte, bald mehr als gelehrte Begründung, bald mehr zur 
Läuterung , also bald mehr literarisch , bald mehr kritisch , in sich 
beibehalten. Ausdrücklich verbunden mit der Dogmatik haben sie 



a) Zeitschr. f. d. bist. Theologie, 1. 3. JS33. S. l. ff. 

b) J\Iarburg- 833. 8, 



14 ZwcItcrAbsclin.GeschicIiteu. Literatur cl^clirlstl. DG. 

C. D. Beck «=) und C. F. StäudHn '^) helianäelt. Bei Werken wie 
C. F. V. Ammon's; ,, Die Fortbildung- des Christenthuras zur 
Weltreligion," ") gehörte es zum inneren tieferen Plane, die Ge- 
schichte der Glaubenslehre , wenigstens in den allgemeinsten Zü- 
gen, darzustellen. ^) 

2. Die Archäologie der Kirche schwankte früher, sowohl 
dem Namen als der Sache nach , zwischen dem , was ihren eigent- 
lichen Gegenstand ausmacht, und der Dogmengeschichte. So in 
Balth. Bebel's antiquitates ecclesiasticae°). Aber fortwährend ste- 
hen sowohl die Sammlungen als die Bearbeitungen der Archäologie 
im nächsten Verhältnisse zu unserer Wissenschaft , Avelche durch 
sie bald erläutert wird, bald selbst Erklärungen und Licht dort- 
hin gewährt. Und hier hat sich die, erst neuerlich weiter gediehene, 
Geschichte der christlichen Kunst, als ein vorzügliches Hülfsmittel 
für die Dog'meng'eschichte bewährt. ^') 

3. Die Patristik entstand in der altprotestantischen Kirche aus 
demselben apologetischen und polemischen Bedürfnisse wie die DG. 
Den Kirchenvätern legten ja die Protestanten gewöhnlich et\\^as 
mehr Ansehen bei, als sonst dem kirchlichen Alterthume : sie stütz- 
ten sich daher gern auf dieselben und auf ihr Zeugniss und gingen 
gern in geschichtliche Darstellungen über sie ein. ^). Allmälig be- 
gann das Literarische in jener Disciplinvorzuherrschen. ^) Aber im 
Wesentlichen macht sie einen Theil der DG. aus. 



c) Commentarii historiei deeretorum Tel. ehr. etformulae LufJhe- 
Tiae. L. 801. 8. 

d) Lehrbucli der Dogmatik und DogmengescLichte. Gott. %%% k. A. 

e) 3 Abthb. L. 833 — 35. (N. A.836 f.) 

f) Ebenso in vielen, wcicbe die allgemeine Religionsgescbichte behan • 
dein : vor Allen B. Constant: dela religion, eonsiderec dans sa souvee, 
sesfoi'mcs etses dcüelopiJemens.Vair. 834 — 3L IV. .D. von Petri.Berl. 
834 ff.) 

S) Antiqmtatcs ecclesiasticae in trihus post Chr. naf. seculis. Ai^. 
C69. und Jntt. ecell. sec. IV. 680. II. 4. 

h')F. Munter. Symholavct. eeel. ehr. artis operihus expressa. Hvn. 
819. Dess. Sinnbilder und Kunstvorstellungen der alten Christen. Alt. 
835. II.F. AdelungdieKorssun'schen Thüren in Nowgorod. Berl. 833.4. 

{) Jhr. Sculfeti medullae theologiae PP. syntagma. Fref. 634. 4. 
J. C. S uze er. ihesavrus ccclesiastiens. Amst. ([1683) 738. f. II. 

k) Die neuesten Werke, welche auch die älteren berühmten Sammlun- 
gen für Biographie u. Literatur derKYV. verzeichnet haben: J. G. Wale h 
hibliotheca patrislica (1770^ ed. J. T. L. Banz. Jen. 834. 8. — F.,W. 
G 1 d Av i t z er Bibliographie der Kirchenväter u. Kirchenlehrer. Landsh'. 
838. J. N. Loch er er Lehrb. d. Patrologie. Mainz 837. Dazu die pa- 
tristischen Chrestomathien von Augusti (L. 813. IL) und Royaards fUtr. 
83L I.} B ^ . ^ j V. 



I. Elnlcitiingr in die Dog^eng:cschicIitc. 15 

Die Polemik war im Laufe des 18. Jahrh. so matt geworden, 
dass sie in die SymLoIikiihergehen konnte^) : und auch diesebei- 
denDisciplinen nimmt die Dogmengeschichte, was das Wesentliche 
anlangt, als Theile von sich in Anspruch. Doch bleibt auch der 
Symbolik die Selbständigkeit unbestritten, wenn es auf die durch- 
geführte Darstellung der kirchlichen LehrbegrifFe ankommt, wie 
sie von Marheineke gedacht und aufgestellt , neuerlich auch von 
Möhler in die kath. Kirche eingeführt worden ist, und wie sie min- 
der befangen und mit wissenschaftlicher Lauterkeit von Planck und 
Winer gegeben wurde. ™) 

Die Geschichte der K e tz e r e i e n und die der Parteien gehörte 
ebenfalls in unseren wissenschaftlichen Kreis: sie hatten sich, 
von Neuem in der Mosheim'schen Schule, aus dem allgemeinen Ge- 
biete der Kirchengeschichte der umfassenderen Behandlung wegen, 
abgesondert. ") 



Dritter Abschnitt. 
Von der Methode der christl. Do^mengescMchte, 

§* lO* 
Dliß Methode einer jeden g-escLIcttirchen Arbeit ist 
zwiefacli: eine für die Geschiclitsforscliungf nnd 
eine für die geschieh tlicLe Darstellung: für die Samm- 
lung des Stoffes und für dessen Anordnung. 

Für die crstere hat die Dogmengeschichte Alles mit 
der Kirchen geschichte gemein, '^) Die Regeln^ welche für 
sie bei der Benutzung einiger Quellen gelten, lassen sich 
sicherer aus der Erwägung im Einzelnen auffassen, als all- 
gemein hinstellen. ^) 

1 . üeber Quellen und QuellenbenutzungzurKirchengeschicbte t 

t) Dogmengescbichte, als Gesch. derPolemik,Ph. Gerbet üeberblick 
der ehr. Conlroverse von den ersten Jahrh h. bis auf unsere Zeiten. Uebs. 
von J. J. Wedige gen. Cremer. Münster 834. 

TTi) G. J. Planck Abrisse, bist, und vergleichenden Darstellung der 
doginat. Systeme unserer verschied, ehr. Hauptparteien. 3. A. Gott. 822. 
G. B. Winer comparative Darst. des Lehrbegr. der verschied, ehr. 
Hauptparteien. L. 824. 4. 

11) C. W. F. Walch Entw. e. vollst. Hist. d. Ketzereien. 762 ff. XL 
S. J. Baum garten Gesch. der Rel. parteien. Herausg. von Semlcr,. 
Halle 766. 4. Gregoire hist. des sectes religieuses. Par. (810. II.j 
820. ff. VI. 8. 



IG Dritter Abschnitt. Von der Methode der clirlstl. DG. 

C. W. F. Walch krit. Nachricht von den Quellen der Kirchenhl- 
storic. L. 770. ") 

2. Für die Dogniengcschichte kann es in Beziehung' anf gewisse 
Quellen zweifelhaft scheinen , ob sie für die Dogmen der Kirche 
oder nur für Einzchneinungcn zu gehrauchen seien (wie dieses 
heiSymhoIen der Fall ist) , oder auch, oh sich überhaupt Dog- 
men aus ihnen erkennen lassen. So hei den Liturgie'n ^) und den 
kirchlichen Dichtern. Denn in jenen hat oft die Form über den Ge- 
danken geherrscht, und den kirchlichen Dichtern hat seihst dieKircho 
zu jederzeit eine grössere Freiheit der Auffassung und Darstellung 
eingeräumt*^) : wenn sie gleich aucli wieder oft das freiere, dichte- 
rische Wort oder das Bild zu dogmatisch aufgefasst und festgehal- 
ten hat. 

Für die-Melhodc der Darstellung: in der Dogmcn- 
p'esehichte ist ZTveierlei zu erwägen, Beides geht frei- 
lich zugleich den Inhalt und die Idee dieser Wissenschaft 
selbst an : die Abtheilung* und Gliederung derselben als 
allgemeine und besondere Geschichte der Dogmen, 
und die Bezeichnung und Durchfiihrung- ihrer Perioden. ^) 

1 . Die Methode einer Wissenschaft ist nicht blos Form und Ma- 
nier derselben, sondern der natürliche Ausdruck ihrerJdee und die 
Darstellung ihres Wesens. Das hier zuerst Erwähnte , die Abthei- 
lung der DG. in die allgemeine und besondere, geht mehr den Stoff 
und Inhalt, das Zweite, die Periodisirung , mehr den Geist und die 
Idee unserer Wissenschaft an. 

Die Darstellung der Dogmengeschichte in den zwei 
Thcilen, dem allgemeinen und besonderen, ging aus der 
g-emeinen ^vissenschaftlichen Analogie hervor. Aber die 
giCTTÖhnliche Auflassung dieser Eintüeihmg weist auf die 
Entstehung- der DG. aus Kirchengeschichte und Dog^matik 
zurück. ^) 



a) DazndieEinleitungsscliriften indieKGr., und diekirchengescliiclit- 
liclieti Werke: die der neuesten Zeit insbesondere , was Principien und 
Urtheil betrifft. 

6) J. C. Köcher Beweis, dass man die Glaubenslehre der Katholiken 
aus ihren liturgischen Büchern erweisen könne. Brschw. 747./. J-Ev- 
ncsti Anitmuratoriiis. Opiiscc. th.I. {Theoh.Li enhart. deanti- 
qins\liturgn.s et de dlsci.plma arcani. Ai-gent. 829. 8.) 

c) Nach früheren Abhandlungen Augusti's, dess. Denkwürd.a. d. ehr, 
Arch, V. 406 ff.: Dogmatische Wichtigkcitder öffentl. Gebete und Gesänge, 
Hierher Abhh. über Nonnus, Epbrüux u. A. (vgl, unteu^. Volksglaube 



I; Einleitang: iü die DogmeögeScliIchte. 17 

1. Gewöhnlich mrddie al Igemein e DG. von dem verstanden, 
was vormals die innere Kirchengeschichte genannt wurde , von der 
Darstellung der kirchlichen Zeiten nach dem, was sich in ihnen als 
Geist und Lehre hewegt hat : die specielle von dem historischen 
Stoffe derDogmatik. Freilich aber (abgesehen davon^ ob man diese 
Gegenstände mit Recht das Allgemeine und das Besondere j Spe- 
cielle nennen könne) können die Grenzen dieser beiden Theile nicht 
genau gezeichnet und nicht stetig genug geschieden werden : Un- 
ordnung ündrWiederholungen sind hiervon die nothwendige Folge. 
Diejenigen , welche dieser Scheidung in unserer Wissenschaft wi- 
dersprechen i haben entweder (Münscher) das Materiale der DG; 
in Einer , fortlaufenden Erzählung ,- aber nach zwei Seiten hin be- 
arbeitet ^ mit Rücksicht auf das Denken und geistige Leben im 
Ganzen, und nach den einzelnen Dogmen. Oder sie haben unbe- 
dingt nur Eine Erzählung gegeben, da sie denn für jede Periode 
dasjenige Dogma hervorgehoben haben, welches in derselben seine 
Entstehung, Ausführung oder besondere Bedeutung gehabt hätte. 
(So Lentz nach Planck.) Dort herrscht das allgemeine^ hier das be- 
sondere Element vor. Aber fi*eilich wirdbei jener Methode der Stoff 
zu zerstückelt gegeben werden müssen , bei dieser mangelhaft ; 
auch kann dieselbe kaum gleichmässig und consequent durchge- 
führt werden. . 

Die Aitheilüng scheint auch diesem zufolge ihren guten Grund 
und ihren Werth zu behalten. Es macht sich in dem Stoffe der DG. 
et^vas Allgemeines und etwas Besonderes wahrnehmbar, beides als 
Gegenstand der Darstellung, und beides auseinanderzuhalten , um 
vollständig und zusammenhängend dargestellt zu werden. Das All- 
gemeine ist Ge^st , Gedanke , inneres Leben der einzelnen Perio- 
den', das Specielle sind die Begriffe und Formen. Jenes muss in 
den Beziehungen aufgefasst werden : nach Aussen ^ nach Innen, 
positiv und negativ. Dieses , wie es im Begriffe der DG. ausge- 
sprochen wurde : nach Entwickelung , Veränderung , Kämpfen. 
Wir werden also hier , mit Anwendung jener Abtheilung, in dem 
ersten Theile durch die einzelnen Perioden hin von den Ein- 
flüsse n auf Geist und Gedanken der Kirche , von G e i s t und G e- 
danken selbst, von der dogmatischen Richtung uud von den 
dogmatischen Kämpfen in der Kirche zu sprechen hahen. Den , 
zweiten Tlieil werden wir, und mit steter Beziehung auf den ' 



und Volksgefühle aus. Volksliedern : CA. Peschek, der relig. Glaube 
des Mittelalters, und : Beitrag zur Gesch. der Kreuzzüge — aus der Ma- 
nessischen Sammlung der Minaesänger. Släudl. und Tzschirner Archiv f. 
p. KG. IV. 3. V. 1. 

Dogmengeschichte. 2 



i8 Dritter ALscLnltt. Von der Metliodd der clirlstl, DG. 

ersten , für die Geschichte der einzelnen Dogmen verwenden. Ob 
sich dieser Theil mehr oder weniger an die gangbare Anordnung 
derDogmatikanschliessen werde : dieses ist zur Sache gleichgültig. 
Statt der chronologischen Anordnung des ersten Theiles hat 
Nik. Kist^) die ethnographische vorgeschlagen: Geist und Den- 
ken der Kirche nach demverschiedenen Charakter zu beschreiben, 
welchen etwa das syrische, ägyptische, griechische, römische, 
germanische Christenthum an sich getragen habe. Diese Verschie- 
denheit gehört ohne Zweifel in die allgemeine DG. : aber es ist 
bei Weitem nicht das Einzige, was bestimmend, modificirend auf 
das dogmatische Wesen der Kirche eingewirkt hat, es ist nirgends 
unvermischt hervorgetreten; es gehört ferner mehr nur den ur- 
sprünglichen Zeiten der Kirche an, und es würde bei dieser Dar- 
stellung gerade das Moment der Entwickehing in dem geistigen 
Leben der Kirche vernachlässigt werden. ^) 

Die Perioden der Dogmengescliiclite sollen nicht ge- 
rade dieselben sein, welche für die Kircliengeseliiclitc, 
ziemlich übereinstimmend, angenommen werden : aber es 
dürfen auch nicht alle Erscheinungen, w^elche im gewöhn- 
lichen Sinne Epoche machen, für die Ahtheilung der Pe- 
rioden gehraucht werden. ^) Nach der Idee dieser Wis- 
senschaft wird unsere Darstellung in s e c h s Perioden aus- 
geführt werden. ^) 

1. *) Es ist in der Sache der Perioden mehr üebereinstimmung 
auch unter den Dbgmenhistorikern, als es sich beim ersten An- 
scheine wohl zeigen mag. Das ,, Lehrbuch der ehr. DG." hat den 
Fehler einer übermässigen Vermehrung der Perioden so begangen, 
wie es hier eben gesagt worden ist. '') Aber die neuesten Aus- 
führungen des Gegenstandes") lassen sich mit derhier zu befolgen- 
den wohl vereinbaren. 

2. Die alte Abtheilung der Geschichte in die alte, mittlere 
und neue kann (mit Münscher) auch der Periodisirung der DG. 

a) N. C. Eist {Arch. voor kerkelijke GeschiedenisW . Leiden 833): 
die Geschichte der Lehre des Christenthums in ihrem Verhältnisse zur 
Kirchen- und Dogmengeschichte, als ein besonderer Theil der hist.Th. 
dargestellt. lUgen's Zeitschr. f. d. hist. Th. V. %. 1835. p. 1. 

63 Eine physiologische Eintheilung der Culturgeschichte (nach drei- 
hundertjährigen Cyklen) L. Choulant,, anthropolog. Vorlesungen. L. 
834. 1. Vorl. 

ß) Hagenbach, üb. d. Perioden d.DG. Th. Stud. u. Krit. 1828. 4. 

h) Baur, Jahrb. f. wiss. Kr. 1836. 29 f. 

c) Wie bei Hagenbach ([apologetische, polemische, systematische, 
.symbolische, philosophisch -kritische Periode) und bei Lentz. 



I. Einleitung^ in die Dbgmengeschiclite. 19 

zum Grunde gelegt werden. Sie bedeutet für diese : die Zeit der' 
Bildung des kirchlichen Lehrbegriffes — die des Fes ts tei- 
le ns und Festhaltens desselben — die seiner Läuterung. ' 
Denn auch ohne die Erklärungen , welche die folgende biblische 
Vorbereitung über Evangelium und Kirchenthum geben wird, 
muss es doch eingeräumt werden und es ist anerkannt, dasssich die 
Glaubenslehre in ihrer Entwäckelung und mit ihrer Controvers vom 
Ursprünglichen entfernt , dass sie einer Läuterung bedurft habe, 
und dass diese in verschiedenem Charakter und allmälig erfolgt sei. 
Endlich auch das„dass diese Läuterungzumürsprünglichenzurück- 
streben müsse. 

Jene dreifache allgemeine Anlage erscheint nun wieder in folgen- 
der Vertheilung : 

Erste Periode : Bildung desLehrbegrifTesdurch Denken und 
dui'ch Meinungen (bis zum Nicänischen Goncilium). 

Zweite Periode : Bil düng des Lehrbegriffes darch die Kirche 
(bis zum Chalcedonischen Goncilium). 

Dritte Periode: Befestigung des JLehrbegriffes durch die 
Hierarchie (bis auf Gregor VII). 

Vierte Periode: Befestigung desselben durch die kirchli- 
che Philosophie (biszumEndedes 15. Jahrhunderts). 

Fünfte Periode; Läuterung desselben durch Parteien (bis 
zum Anfang des 18. Jahrhunderts). 

SechstePeriode: Läuterung durch die Wissens chaft(bis 
auf unsere Zeiten). 
Wobei wir , hier nur vorläufig, zu bemerken haben , dass wir in 
diesem Läuterungsacte der sechsten Periode, auch wenn sie voll- 
endet sein wird , noch keinesweges das Endziel der kirchlichen 
und geistigen Entwickelung erkennen.*^) Die einzelnen Perioden 
sind übrigens, wie wir sehen , von sehr verschiedenem Umfange. 
Aber daraufkommt es in den Angelegenheiten des inneren Lebens 
überhaupt nicht an, oft arbeitet gerade der Geist in dem kürzesten 
Zeiträume, innerlich und vorbereitend, am meisten: auch war da, 
wo die Epochen schnell aufeinanderfolgen, das Leben der Kirche 
immer auf einen kleineren Raum beschränkt: wo jene weiter aus 
einander liegen, zog sich das kirchliche Leben in die Breite 
aus, oder es bestand bereits in einem weiteren Kreise. 



d) Die Dreitheiligkeit der speculativen Schule (Daub : patristisches, 
päpstliches, reformatoriaches Zeitalter — Staudenmaier : Unmittelbar- 
keit des Glaubens — Negation der Unm. — Negation der Neg. ; sowie Aehn- 
lichesbei Rosenkranz in d. Encyklopädie) fasst dieselben Hauptmomenle 
auf: aber sie legt zu viel in die gegenwärtige Periode , oder fasst sie 
zu weit. 



20 II. Biblische Vorbereitung» 

II. 

Biblische Vor bereit uiigf. 

§♦15* 

Das Ciiristcnthunij dessen ItircbllcbeEntwiclicluiig'eii, 
Veränderungen und Kämpfe hier von der dogmatischen 
Seite darzustellen sind, ist nicht aus fremden Religio- 
nen oder Weisheitslehren hervoi'gegangen ^) : sondern es 
stammt aus dem Geiste der Religion ^) , und seine unmit- 
telbare Grundlage ist das Prophetenthura des Alten Testa- 
ments gewesen . Aus diesem trat es zur rechten Zeit, wenn 
gleich in seinem nächsten Kreise durchaus unvorbereitet, 
in dem Leben Jesu Christi und in der Kraft her\'or, welclie 
von ihm ausgegangen ist : und nicht als ein Lehrbegrifl, 
sondern als Erscheinung , Anstalt , 3Iacht des religiösen 
Geistes. ^) . 

1. Die Versuche'"'), das Christenthom historisch zu begreifen 
und abzuleiten, werden in der biblischen Theologie dargestellt und 
beurtheilt: wie diese ganze ,4)iblische Vorbereitung" nur 
Resultate von dieser giebt , zur Begründung und zum Ausgangs- 
puncte für die Dogmengeschichte. Jene angeblichen Quellen und 
Ursprünge des Christenthums kommen nur als Wurzeln mannich- 
facher Formen oder Entstellungen in der christlichen Kirche, in 
Betracht ; das Evangelium selbst hat mit keinem von allen Etwas 
gemein, und am allerwenigsten mit Solchem, was auf dem Gebiete 
des damaligen Judcnthums selbst lag , innerhalb dessen es sich zu 
entfalten bestimmt war. 

2. Das neue philosophisch -religiöse Judenthum'') hat, wie^e 
alte israelitische Welt, ein grosses Recht, seinem Stamme vor dem 
gesamniten Alterthum den Geist der Religion beizulegen. In den 
patriarchalischen Geschichten liegt der Sinn , dass jener Geist aus 
der Urzeit herab gekommen und von der Urstäte der Menschheit, 
in einfachsten , lebensvollen Formen an eine offene Stelle hervor- 
gedrängt sei , wo er mit allen Welttheiien in Berührung kommen 
sollte : aus dem tieferen Asien nach Palästina. - 

3. Der Streit zwischen den rationaiistischenund den supernatu- 
ralistischen Leliren ist völlig überflüssig, wenn in der evangelischen 

a) Dogmengescliichte bis dortbin verfolgt in J. ü. Rode r, Arcbäologie 
derKircbeiidogmen.Cob. 812. Zum Theile J. A. Eberbard, Geistdcs 
Urcbristentbums — Halle 807 f. III. 

A") S. L. Steinbeiin, die Offenbarung nach dem LehrbegrifTe der 
Synagoge. Frkf. a. M. 835. 1. 



II. Bibliscliie Vorbereitung. Üi 

Urgeschichte das Ausserordentliche in Umständen, Lehen 
und Kraft angenommen wird.' Er betrifft dann eine Grenzheslim- 
mung zwischen dem Werke der Vorsehung und der unmittelbaren 
göttlichen Einwirkung , welche dem menschlichen Geiste unmög- 
bch ist, und die ihm wir von der Schule aufgedrungen wird. Um 
so freier ist daher hier schon der Standpünct für die Dogmenge- 
schiclite. . 

Die Messlaniscbe Erwartung*, welche In den Jahr- 
bunderten naeb dem Untergänge des Propbetentbums un- 
ter den Juden immer matter undscbwäcber geworden war, 
ja deren Spur in den nächsten Zeiten vor der cbristlicben 
JEpocbe beinahe vergebt, fasstesicb im Zeitalter Jesu wie- 
der mehr zusammen. Sie scbloss sieb an die Darstellungen 
des Bucbs Daniel an ^) : aber verband mit diesen den Sinn 
wnd die Bilder alles Hoben iind Edlen in den BiicbernA. 
T. 5 ja auch freie Bilder aus der Nabe und der Ferne. 

1. Das Buch Daniel hatte wahrscheinlich dem Messianischen 
Glauben auch die chronologische Beziehung gerade auf jene Zeit 
gegehen, durch die siebenzig JahreswoChen , welche auch die jü- 
discheBerechnung, wie die christliche, alte u. neue, gewöhnlich in 
diese Epoche auslaufen liess.. Aber in jenem Buche seihst*) ist viel- 
leicht so wenig wie sonst in der Zeit , in welche dasselbe gehört, 
eine Messianische Verkündigung zu finden. 

Indem sieb Christus an die Messlaniscbe Idee, als au 
die concreteste, mächtigste und sinnvollste für seine Volbs- 
genossen zunächst anscbloss, trennte er dieselbe docb ge- 
flissentlich und mit Weisheit von ihrer äusserllcben, volks- 
mässigen , politischen Form , insbesondere sofern es sich 
um seine Person bandelte ') : ja er lenkte von der Messias- 
erwartung auf eine höhere Idee, die vom göttlicbeh 
Reiche, und in dieser wieder auf die Idee des gött li- 
eben Geistes^) bin, indem er alles Dieses, und über- 
baupt deuMosaismus, aucb in jener seiner edelsten ßlütbe, 
im Propbetentbume , 25ur Geistigbclt und AUgemeinbcit 
veredelte. 

1. Die Erfüllung der Messianischen Weissagung in seiner Per- 
son wird von Christus am häufigsten in solchen Schriftstelleu nach- 

a) Weder in dem Bilde desMenscliensoLnes (7. Cap.), noch in den Re- 
den von dem Gesalbten (9. Cap.). - 



22 n. Biblische Vorbereitung;. 

gewiesen , welche das Judenthum, unseres Wissens, nicht im 
Gebrauche hatte, und vornehmlich in Stellen von allgemein sittli- 
chem u. religiösem Inhalte. Aber von allenMessiasnamen gehra;uchte 
er den Evangelien zufolge den des Menschensohnes am gewöhn- 
lichsten, ohne Zweifel um des einfachen, menschlichen, frommen 
Sinnes willen , welchen er haben konnte, 

2. In der Idee des göttlichen Geistes lagen die Begriffe beisam- 
men : geistige Genossenschaft , für geistigen l^nÜLzweck , durch 
geistiges Mittel zusammengehalten. In dieser Idee vollendet sich 
die des Reiches Gottes : und in der Begründung der Sache durch 
Vater, Sohn und Geist wird nichts Anderes als die wirklich 
erfolgte Stiftung des göttlichen Reichs ausgesprochen. 

Indem der Tod Jesu, welchen der Glaube an die Auf- 
erstehung; desselben heiligte, bewährte, verherrlichte, die 
Jüngerschaft ebenso vom Judenthum trennte, in vvelchem 
Leiden und Tod des Messlas keine Statt hatten, als in das 
Geistige erhob, traten nun auch in den Jüngern die Ideen 
des göttlichen Reichs für Menschheit und Geister- 
welt , und der Herrschaft des göttlichen Geistes, als 
das Wesentliche der neuen Sache, hervor. Zugleich aber 
wendete sich ihre Vorstellung immer entschiedener von 
der Messianischen Bestimmung Jesu zu einer freien, aber 
erhabenen Auffassimg seiner Person, auf eine ideale 
Christologie hin ^). 

1. Es ist das nQwrov ipsv^OQ der orthodoxen Theologie so 
gut wie des älteren Rationalismus und wieder der neuesten Kriti- 
ken der evangelischen Geschichte gewesen , dass sie, die apostoli- 
sche Christologie lediglich als Messiaslehre genommen haben. Sie 
wai' es nicht , und wurde es immer weniger , je mehr sich die 
christliche Lehre und Sache vom Judenthume trennte. 

Dem Bedürfiaisse des Menschengeistes In jenem Zeltal- 
ter fcam denn das Evangelium in jeder Weise , aber vor- 
nehmlich insofern entgegen , als die Welt nach einer sitt^ 
liehen Vereinigung, nach einem menschlichen Ideal 
und nach geistigen Tendenzen verlangte'). Aber das 
Evangelium war bestimmt, als der bildende und erziehende 
Geist in der Menschheit zu bleiben und fortzuwirken , als 
Begeisterung für das Reich Gottes^), getragen 
und vereinigt durch die Person Christi. 



II. Biblisclie Vorl)ßreifung^. .25 

1. Alle edleren Bestrebungen und Lehren jener und der vor- 
hergegangenen Zeiten kommen auf Eines von diesen drei höheren 
Interessen hinaus : vornehmlich Platouismus , Stoicismus und jene 
tieferen mystischen Lehren, in welchen sich dann Orient und grie- 
chische Philosophie verbanden. 

2. Diese Begeisterung", nicht aber die Theorie des Spiri- 
tualismus (wie der St. Simonismus und neue, jüdisch -deutsche 
Leliren unter uns , es dargestellt haben), machte <las Evangelium 
aus. Aber freilich steht auch jene wenigstens aller materiali- 
stischen Brutalität entschieden entgegen. 

Aber in dieser Bestimmung; für das geistige Hdil der 
Welt lag: für das Evangelium die Notliwendigkclt und die 
Tendenz, sicli zu Dogmen zu entfalten, welclie eine man- 
aiicbfaclie Gescliicbte haben mussten. ^) Denn einestheils 
inusste die geistige Macht, in welcher es eben bestand, 
4jine zeitliche Basis, einen weltlichen Körper, ja auch eine 
schirmende Hülle haben, und dieses waren das Dogma 
xind die Kirche: anderntheils musste das Evangelium 
alle Arten und Formen der Menschen und der Gedanheu 
durchgehen , um dieselben, sie sich aneignend, zu durch- 
dringen.-) 

1. Das Judenlhum hat sich neben dem Christenthum, besonders 
seit M. Maimonides, auch in einer dogmatischen Gestalt auszubil- 
den gesucht. Diese Dogmatik des Judenthums blieb aber immer 
etwas Todtes, Aeusserliches , Zufillliges. 

-2. Dieseldee, die der Parabeln Jesu, Matth. 13, 24 — 35, läuft 
vornehmlich durch A. Neander's geschichtliche Schriften als wal- 
tender und ordnender Gedanke hindurch. 

§. »1* 
Wenn uns nun in dieser wohlbegründeten Auffassung 
eine Erklärung und eine Apologie des Dogmenwesens in 
der Kirche gegeben wirdj so gelangen wir durch dieselbe 
auch zu dem richtigen Begriffe des Häretischen in der 
Kirche, vvle es wahrhaft und an sich zu verstehen sei, 
nicht -blos wie es im Verhältnisse zur jedesmaligen Kir- 
chenmeinung gestanden hat. Die Häresis fand da Statt, wo 
ein fremder Geist oder Lehren, welche aus einem solchen 
stammen, sich des Evangelium zu bemächtigen und 
dasselbe iu sich aufzulösen versucht hat^) 



24; Allgemeine Dogmcngescliiclite. Erste Periode. 

I . Es finden sich aier diese häretischen Versuche nicht allein 
in freien Angriffen des Fremden, sondern auch unter jenen Käm- 
pfen, in denen das christliche Princip weltliche Dinge und Lehren 
zu durchdringen gestrejjt hat, 



Die 

christliche DogmengGSchichtCi 

Erster Theil, 

Allgemeine Dogmengeschichtet 
ErstePeriode, 



Das Evangelium trat schon in der apostolischen Ge- 
meine in DiiFerenzen der Lehre nnd des Lebens ein , und 
bald begann sich dem Christenthume ein dogmatischer 
Charahtier einzubilden, in welchem es sieh denn durch 
diese Periode unter mancherlei Einflüssen und im Yersehie- 
denartigsten Streben weiter ausgeführt hat ^). 

1. Wir sprechen von der ,, apostolischen Gemeine," in wel- 
cher das Evangelium hereits in eine dogmatische Verschieden- 
heit zerfallen sei*). Denn, wie die Vorbereitung ausgespro- 
chen hat, in den Aposteln und in der unmittelbaren Jüngerschaft 
war dieses noch nicht geschehen. Nur die Möglichkeit einer 
Verschiedenheit von Meinung und Ansicht wurde durch sie gege?- 
ben. Theils durch die verschiedene Geltung ihrer Person, vor- 
pehmlich wie man das Bild von dieser aus den evangelischen und 
den früheren apostolischpn Geschichten festhielt, theils durch ihre 
Lehren und Schriften. Und hier in dreifacher Beziehung. 1) So- 
fern die Apostel die üeberzeugungsgründe für die göttliche Sen- 
dung Christi verschieden suchten und aufstellten. 2) Sofern sich 
ihnen Person und Geschichte Christi verschieden darstellte, wenn 

a) Vop den Sp^ltviqgen in Lehre und Meinung sclipn bei der ersten Ge- 
meine nach den Aposteln, spricht Celsu§ {Orig. Cels..^, 117 Spenc: 
£^s itlJrj&os anagiyrse TSfivovrat xal ay^i^ovzai^ xal avdast? iSlag e'xstv 
h'xaaroi &iXovat) und Hegesippus {Eus. 3, 3^: (is-/qi tmv tote xqo- 
vüjv "TTag&ivos xad'aQo. icalddiücp&ogog h'fistviv tj ^MxXriola — vgl. 4, 23). 

Die Apostel uiid die apostolische Gemeine : {J.F. Buddeus : eccle- 
sia apostolica s. de statu eccLsub apostolis. Jen. 729.) A. Neand er, 
Geschichte der Pflanzung und Leitung der christlichen Kirche durohr 
die Apostel. Hamb. 833 f. IL 



Die chrisll. Dogmeng-eschlclite. Erster Theil. 25 

gleich Allen ideal, und in der Weise verschieden, äass sie da- 
durch nicht geistig" getrennt wurden. 3) Sofern sie die Idee'n 
des Evangelium: die Stiftung des Gottesreichs und den göltli^ 
chen Geist, mit diesen aher die Bilder von der Rückkehr Christi 
und von seinem Tode zu verschiedenen Vorstellungen ausgehildet 
hatteu. Indessen fast alle Verschiedenheiten, welche sich hieraus 
entwickeln konnten , löseten sich in der apostolischen Gemeine 
in die' Differenz auf, wie die Sache des Evangelium im Verhält- 
nisse zu Juden- und Heidenthum gestellt und genommen 
TVTirde. Aher das Wesen und der Stamm der Gemeine hlieh doch in 
der sittlich - frommen Auffassung des Evangelium, und in der 
Ueherzeugung vereint, dass Eine und dieselbe Sache von Christus 
und von allen Aposteln ausgegangen sei''). 

Auf jene Differenz allein beziehen sich auch die Reden der 
apostolischen Briefe von Spaltungen in der Gemeine. Da, wo 
nicht geradezu gegen jüdische Anmassungen oder gegen heid- 
nische Verführungen gesprochen wird, haJjen sie es immer mit 
der Erörterung der Grenzen zuthun, innerhalb welcher dem Ju- 
denthum nachzugeben sei oder man sich dem Heidenthum anbe- 
quemen dürfe*. Die Parteiung, welche sich nach' Paulus und 
Petrus nannte, und welche durch die ganze Geschichte der 
Kirche hindurchgegangen ist, als einSti'eit zwischen freieren, be- 
sonders vom Judenthum freieren, und hefangneren Christen*^), 
erscheint in den Schriften N. T. ausdrücklich nur zu Korinth''). 
Doch Tiissen wir nicht, oh diese Parteiung tiefer gegangen, oder 
oh nicht in ihr hios eine äusserliche Beziehung vorzugsweise auf 
den Einen oder den andern Apostel und Lehrer gelegen hahe* 
Neben den beiden hestand dort die Partei des Apollonius und 
eine von Christus ; und lagen diese Differenzen tiefer, so könnte man 
in ihnen leicht die frühesten Regungen von Denkarten erkennen, 

b) Hierher gehören die kirchlichen Annahmen von der gemeinsamen 
Tradition, vom apostolischen Syraholum, von der Theilung der Erde 
Tinter die Apostel. Spuren von ausgleichenden Bestrebungen in Be- 
ziehung auf gewisse vermeinte Differenzen der Apostel, finden sich 
in unserm Kanon (Petrinische Briefe) und in Apokryphen. 

c) Neue Erörterungen über die Petriner in der ersten Kirche, bei 
Credner: Beiträge z, Einl. in die biblischen Schriften. Halle 1832. 
Die Stelle des Hegesippus gegen 1 Kor. %, 9 (bei Gobariis: vgl. 
Routh. Reliquiae S. 1. 203) wird von Baur in 2Jusammenhang mit 
dieser Parteiung gebracht. 

Eine andere Bedeutung erhielt die Petrinische und Paulinische Par- 
teiung später in der Geschichte der Hierarchie, 

d) F. C. Baur, die Christuspartei in der Kor. Gemeine. Tübin"". 
Zeitschr. f. Th. 1831. 4. 61 if. Dess. einige weitere Bemerkk jiber 
d. Christuspartei in Korinth. Ebds. 1836. 4. 3 fp. ' " 



26 Allgemeine Dogmengescluelite. Erste Perlode. 

welche späterhin sehr bedeutend geworden sind"). Ausser den 
Petrinern und Paulinern deuten die ältesten Geschichten der Kir- 
che auch auf einen Anhang hin, welchen Jakobus, der Bruder 
Jesu, gehabt habe *^). Aber keine Partei der ersten Zeit hat sidi 
nach Johannes genannt: erst die gnostischen Secten haben seinen 
Namen in ihre Angelegenheiten hereingezogen^). Denn, soweit 
wir zuverlässigere Kunde aus jenen Zeiten haben, so war die 
persönliche Wirksamkeit des Johannes nur sittlich, still, ausglei- 
chend und einigend gewesen: und, seitdem sich die Johannei- 
schen Schriften geltend machten , wurde Lehre und Geist von 
ihnen zum herrschenden Sinne der Kii'che, und es blieb von 
ihnen Nichts mehr für Parteiungen übrig''). 

§♦»♦ 
Allmälig: aber Tvirkten die religiösen Elemente der Zeit 
mit melir Bedeutung: nnd Erfolg, kämpfend und bekämpft, 
auf den chrlstliclien Geist und Gedanken ein : das Juden- 
tlium und das Heidcnthura. Aus dem Jude'ntlmm ging 
bald nur ein sinnliclier nnd gebundener Geist licrvor ^), 
bald traten aus ihm gewisse Denkarten bervor, und zo- 
gen sieb in die neue Sache hinein. Es waren der Ebio- 
jiismus^) und der Chiliasmus'): freilich späterhin 
schon in der alten Kirche sehr erweiterte und Tcränderte 
Denkarten und Parteien^). 

1*). Das rohere und stürmischere Judenchristenthum (welches 
sich in den ältesten Gemeinen ohne Zweifel oft nur sehr schwach 
vom blossen Judentlium unterschieden hat^)) zog sich natürlich 

e) Durch Apollonius war vielleicht zu Ephesus die Logoslehre ver- 
kündigt worden, welche sich dann der glänzende Prolog des Johannes an- 
eignete. Für die Christuspartei kann unter so vielen Hypothesen 
(vergl. Rückert Comm. I. Beil.) vielleicht auch wohl die Annahme 
Statt finden, dass sie (vgl. 3 Kor. 10, 7) einen unmittelbaren, mysti- 
schen Zusammenhang mit Christus von sich behauptet habe. 

/) Zur kirchlichen Geschichte desselben vgl. Credner, Einl. i. d. 
N. T. I. 571 £F. 

§•) Auch spätere Abkömmlinge derselben, wie die templerischen Jo- 
hanniter, deren Evangelium [F. Munter, notitia codicis gr., ev. 
Jo. variatnm conttnentls. Havn. 828. 8) sich hei Thilo findet, Cod. 
ap. N. T. 819 SS. 

h) Doch kann es hier und da schon früher alogistische Widersprü- 
che gegeben haben. 

a) Dav. van Hey st, de Judaeo-ehristianismo ej'usque vi et effi- 
cucitate, quam exseruit in rem. ehr. seculo primo — L. B. 828. 8. 

V) Daher denn sowohl bei den Kirchenvätern oft das Schwanken 
darüber, ob man es mit Juden oder mit Judenchristen zu thun habe 



Die clirisfl. Dogmengcschiclite. Erster Tlieil. 27 

immer mehr zurück, wie sich theils die äusseren Geschicke an 
den Juden und ihrer Sache erfüllten, theils der christliehe Geist 
sich entfaltete. In der erstem Beziehung machen die Zerstörung- 
von Jerusalem und das Schicksal der Juden nach Bar Chochha 
Epoche. Eine Krisis zur Ausscheidung der jüdischen Stoffe aus 
dem christlich-kirchlichen Leben erfolgte in dem Paschastreite °). 
Aher die stille, innerliche Ein\\arkung und die Parteiung vom Ju- 
denthumnahra ohne Zweifel unter diesenUraständen eherzu. Wird 
übrigens der Geist, welcher sich ans dem Judenlhum in die Kir- 
che ältester Zeit hereingedrängt hat, hier als ein sinnlicher und 
gebundener (fleischlicherin der apostolischen Sprache) be- 
zeichnet; so muss man dabei doch weder das übersehen, dass 
sich auch ausser dem eigentlich jüdischen Leben und Denken 
Erscheinungen dieses Sinnes gefunden haben, wiewohl sie sich 
doch immer gern an das Judenthura anschlössen, noch (was 
auch aus dem Folgenden hervorgehen wird) dass sich hin und 
.wieder das Judenthum auch in geistig -freier Weise dargestellt 
habe, auch innerhalb der Kirche. Denn ausserhalb derselben 
war das zweite und dritte Jahrhundert eine sehr rege, entwik- 
kelnde Zeit im Judenthum*^), , 

2. Wo die jüdische Denkart in der christlichen Gemeine 
bestimmter und sicherer erschien, bildete sie sich ganz natürlich 
nach den zwei Seiten heraus, in denen sie Ebionismus und 
Chi.liasmus hiess : wie nämlich der Messianische Glaube, als 
Ansicht und als Hoffnung , und bald roher , bald glänzender, 
in das Christenthum zurückwirkte. In ihnen beiden aber trat die 
erste Verhüllung der geistigen,. freieu Sache des Evangelium und 
für eine lange Nachwirkung ein» 

I 

(wie es ja bei der Kritik der judaigirenden A2)okryphen fortwäh- 
rend Statt liat), als in der Auslegung der apost. Briefe die üngewiss- 
heit, ob jüdische Gegner oder falsche Genossen der Gemeinen zu 
verstehen seien. So sind die Minim {ßtinaci: vgl. Buxtorf. Lex. 
talm. 1199) noch bei Hieronymus [ep. ad Augustin. 11.2. ed. Vall,) 
zweifelhaft, ob Juden oder Christen ? (inter Judaeos haeresis — quos 
vulgo Na^iaraeos nuncupant.) 

c) A, Neander, über Veranlassung und BeschaiFenheit der älte- 
sten Paschastreitigkeiten in der ehr. Kirche, Stäudlin u, Tzschir- 
ner kirch.enhist. Archiv. ?, H, 1823- F. W. Rettberg, über den 
Paschastreit in "d. alten K. Illgen, ^eitschr, f, d, hi^t. Tb, II. 2, 
1832. 

d) Judenthum, schlechthin so genannt, bedeutet hier überall 
(nach dem altkirchlichen Sprachgebräuche im Worte 'lovSa'ia/j.6g) das 
palästinensische, eigentliche. Das Alexandrinische, diese Hauptform des 
jüdischen Hellenismus, ging bald in andere Systeme über. 



28 Allgememc Dog'mehgesclilclife. Erste Periode. 

Ebionisraus und Nazar enismus®) führten dieselben Na-* 
men, welche anfangs die Judenchristen überhaupt gelragen hat-f 
ten^), oh sie dieselben nun von Freund oder Feind empfangen 
hal)en mögen. Natürlich konnte sich diese Denkart schon dar- 
um so verschieden ausbilden , weil es viele Seelen im Juden- 
thum selbst gegeben hatte^). Also ist der Ebionismus auch wohl 
als essenisches Judenchristenthura aufgetreten''): ja vielleicht 
oft als solches, indem man wohl annehmen kann, dass der Es-^ 
senismus die übrigen Judensectcn am längsten überlebt hat; als 
asketische Secte , als nicht an das Heiligthum zu Jerusalem ge- 
bunden, und als diejenige Partei, welche auch dem Alexandrir- 
nismus und den Einflüssen aus dem tieferen Orient zugänglicher 
war. Hätte es übrigens auch unter jenen S«cten eine Partei Jo-^ 
hannes des Täufers gegeben , so würde sie wohl kaum zu den 
Christen herübergekommen sein'). Neben jenen Verschieden- 

e) L cqincn, de christidnis Nazarenis et Eb., JJiss. Damascen. 
7. {P'og't Mblioth. hacresiolog. IL 1.) Gieseler, über Eb. u. 
Kaz., Släudlin u. Tzsch. Archiv IV. 279 ff. L. Lange, die Eb. 
und Nikolaiten der apost. Zeit. L, 828, Credner^ über Essaer und 
Eb. u. einen theihveisen Zusammenhang derselben. Wincr Zeitschr. 
f. wiss. Th. 1. 2 u. 3. 211 IF, 277 ff. Bavr, de EMonitarum, ori- 
gine el: doetrina, ah Essacis rcpetenda, Tub. 831. 

/■) Für den Ebionitennamen CEßiwvaloL) nehmen wir weder die 
allkipchl. Deutungen, noch die Sage von der Armuth der Gemeine 
von Jerusalem, sondern (mit de Wette) den israelitischen und urchrist- 
licheu Sprachgebrauch fvgl. RIatth. 5, 3 und Jac. 2» 5- and.) zu 
Hülfe, in welchem die Freunde des Messias jjpromme Arme« heissen. 
Ebion, der angebt. Stifter der Partei, ist eine Fiction oder das Abs- 
tractum der Partei, 

g) Die Verzeichnisse dieser Secten, gcAviss schon mit Beziehung 
auf ihre Einwirkung in der Christengemeine gemacht, von Hegesip- 
pus, Eus. 4, 22, Const. ap. 6, 6, Justinus, Tryph. 80, Epipbanius 14—24, 
vgl. Lehrb. der DG. 110 ff. : undVales. zu Eus. a. 0., Credner Einl. 
K. T. I. 620 f. In der Stelle des Hegesippus ist zum Theile mit 
Credner wohl zu lesen; yvSifiai, Stacpogot tv rjj Tre^iTOfifj^ iv vto~s 
loQaiiX' rwv y.ard tt/s q:vlijg Iov8a y.dl tov XQtoxov avrat» Alle 
seien Israelit-. Ursprungs. 

A) Bestimmtere Spuren von Essenern unter den Ebioniten zeigen 
sich in den Heikesaiten (vom lebendigen Gott wohl genannt, 
dem von Alters her feierlichsten Gpttesnamen bei den Juden : Orig. b. 
iEuseb. G, 38. Epiph. 19), und den Sampsäern (ijAiay.oi', Heiiognostl 
des Philaslrius, Epiph. 53). Auch in den Namen Ossäer und 
Jessäer beim Epipbanius. 

i) Die Baptisten und Hemerobaptisten in jenen Verzeichnissen ge- 
boren gewiss nicht hierher. Aber die Johannesjünger der Cleraenti- 
nisehen Recognn. (I, 54. CO) sind, m'o nicht eine Fiction, eine Z wi- 
sch enparleij deren es ja späterhin auch viele gab, sich an den 
Namen des Täufers, als des in der Mitte stehenden oder unent- 
schiedenen, anschliessend. 



Die cliristl. I)og:inciiffcscliiclite. Erster Tliell. 29 

heiten aber, welche die Ebioniten mit sich herULerhracliten, ha- 
ben sich gcAviss andere in ihnen selbst entwickelt. Hier mögen 
die urchristiichen Differenzen über die Gültigkeit des Juden- 
thums wieder aufgelebt sein^) ; eine freigeistiscbe Art derselben^) 
kann auch mit dem Sadducäismus zusammengehangen haben ; 
auch ejne speculative bildete sieh n.atür lieh aus""^). Die Kirche 
hatte im Ebionismus vornehmlich die Meinungen desselben von 
der Person Christi im Auge: bei ihnen hatten beide Theile das 
meiste Interesse. A])er Avährend der Ebionismus, als jüdischer 
Messiasglaube, die ideale Vorstellung von Christus durchaus 
zurückwies , zeigte er doch die Verschiedenheiten in seiner An- 
sicht, dass ihm Christus entweder nur als durch die Geistesgal)e 
Geweihter (als Prophet oder Messias) , oder als übernatürlich 
Geborner, oder auch als die Incarnation eines Engels*^) erschien. 
So konnte Epiphanius (30, l) sagen, dass Ebion sich in alle Hä- 
resen hineingestaltet habe. 

3. Der Chiliasmus unterschied sich von dem gemeinen 
christlichen Volksglauben an die Erfüllung der Rückkehr Christi 
nur durch die sinnlichere Farbe, den entschieden irdischen Ton. 
Das Befangenste in solchen Meinungen war ein voller Buchsta- 
benglaube, die Erwartung der tausendjährigen Herrschaft Christi ; 
und darum wurden jene lebendigeren Judenchrislen nach dieser 

k) Ob nämlich das Gesetz überhaupt noch, oder ob es wenigstens 
bei den Judenchristen noch Gültigkeit habe? Vielleicht auch, ob es 
nicht in der christl. Geineine einen P rosely ten grad geben solle? 
(wie Viele die Meinung des apost. Decrets, AG. 1 5, 29, verstanden 
haben: vgl. Olshausen bibl. Comm. II. 759. %. A. van Heyst a. 0. 
70). Gegen diese letzte Meinung wohl Borna b. ep..3 : vtnon inciir- 
raihus tanquanf, prosclyti ad illorum. legem.. Die Stelle ./o^e/;//. A. 
20, 2, A: (^Svvaa&ai xal %o)Qi? ■jrsgizoftTjg tu S'tiov aeßtiv) deutet 
auf keine Differenz unter den Juden hin: die Rede gehört einem 
freigeistischen Juden an. 

l) Diejenige, welche sowohl Epiph. 30, 18, als Blethodhis Symp. 
vivg. 113 {ot Tovs TrgocpTjTixs i^ iöias y.tvTjasoiS ?,£?^a^7}Z£vat (pt?MVEt— 
«ovvres) bezeichnet: welche die Propheten A. T. verwarfen. 

m) Als speculative Ebioniten galten vornehmlich die Heikesaiten. 
Die Clementinen Avurden Einem aus dieser Partei schon von Cotele- 
rius und Clericus, dann von Lardner u. A. beigelegt, unter Mos- 
heira's Widerspruch. Am bedeutendsten von JNeander (zuerst in d. ge- 
net. Entwickl. der gnost. Syst. 361 if.). Allerdings haben nach Epi- 
phanius 30, 15 Ebioniten die apokryphen „Fahrten des Petrus" vielfach 
ausgeschmückt. 

n) Hierauf C. A. D o ederlein, de Ehionaeis e numero hostiiim 
divinUatis Christi cximondis.'ßülzow 1770. 8. Richtiger, und mit 
Beziehung auf altjüdische Diüerenzen selbst, Schnecken bu rger, 
über e. häufig übersehenen Punct in der Lehre d. Eb. von der Per- 
son Christi. Tiib. Zcitschr. 1830. I. 



50 AUgemcIne Dogmengesclilclite. Erste Periode. 

Meinung' angesehen und von ihr genannt. Auch diese Denkart 
mag* ihre Verschiedenheiten gehaht hahen : die Meinungen des 
Judenthums selbst über Erscheinung und Sinn des tausendjähri- 
gen Reichs waren ja immer verschieden gewesen °). Papias*), 
welcher sich dahei auf die ursprünglichsten Lehirer der Kirche 
heriefi), und Cerinth gelten als die Vertreter des Chiliasmus 
in den ersten Zeiten der Kirche : bemerklicher machte sich der- 
selbe dann bei den Montanisten und im 3. Jahrhundert, in dem 
Streite des Nepos und Korakion mit den Alexandrinern''). 

4. Auch in dem Ebionismus musste sich allmälig immer 
Mehr von seinem ursprünglichen Charakter verwischen. Die mil- 
deren Parteien nahmen vielleicht selbst den Nazarenernamen vor- 
zugsweise an : wohl schon weil es ein Name von weiterer Bedeu- 
tung und mehr allgemeinem Gebrauche war*). Diese Milderun- 
gen gingen die Grundsätze vom Gesetze und die Lehren von 
Christus an *) . Der Chiliasmus erweiterte sich schon bei jenen 
Aegj^tiern des 3. Jahrhunderts zum Gegensatze gegen die alle- 



o) Irenäus (1, 36): prophetias curiosius exponere nituntur — 
von den Ebionitcn : bezieht sich wohl nicht auf Ghillasmus, sondern 
auf das Festhalten am Messias glauben. 

p) Hieron. cat. scrr. 8. {Hie dicitur millc annorum iudaicam edi- 
disso SsvriQwaiv — Tradition : vgl. Fabr. z. d. St.) Eus. 3, 39, 
und Papias Fragment b. Iren, anzuf. St. 

q) Iren. 5, 33 {quemadinodum, prcshyteri meminerunt, qui Joan- 
nem discipulinn domini videritnf). Doch wird in der übrigen Stelle 
dieses irdische Glück nur als die niedrigste Stufe von Beseligung 
dargestellt. — In jener Beziehung heisst Papias TiaQaiztos der chil. 
Lehren Eus. a. 0. • 

r) Euseb. 7, ?4. Beim Hieronymus werden die platten Ausleger der 
proph. Schriften mit den Chiliasten zusammengestellt (Semnudaei — 
nostri Judaizantes — Millenarii — vgl. Credner Beitr. 273). So 
auch Orig. princ. 2, 11, 2. 

s) Epiphanius selbst unterscheidet Na^ojgatot^ Na'Ctgatoi, Naaa- 
Qatot. Der zweite, der alte Nasiräername, blieb für die Asketen bis 
in das Mittelaller im kirchl. Gebrauche. Ob die Nasaräer {ttqo Xqi- 
arov schon bestanden) mit der syrischen Secte der Nasairier (aus- 
führlich Gesenius zu Burckhardt's Reisen, Weim. 823. I. 514 L 517 
f. Hammer, Gesch. d. Assassinen. Stuttg. 818. 331.) oder mit den Naso- 
räern, d. i. Zabiern, zusammenhängen ? wissen wir nicht. 

t) Die Verschiedenheit dieser Parteien in Hinsicht vornehmlich auf 
die Ansicht von Christus bemerkte schon Origenes (Cels. 5, 272. 274. 
^EßLOJvatoi SirroiunA. dficpörsgot., iTLMdXÜi. to. 16, 12). Aber es gehö- 
ren auch wohl Irenäu;s berühmte Worte hierher 1, 26 : ea qiiae sunt 
erga dominum, non similiter ut Cerinthus et Carpoerates opinan- 
ftir. {Noji similiter, ovy' 6/uoioje oder i'aa, dem consentiunt entgegen- 
gesetzt.) Zu Theodore't (H. E. 2, 1) und Hieronymus Zeiten war 
der Unterschied dieser Benennungen, Ebioniten und Nazaräer, gang- 
bar, und er blieb so. (Hier. comm. in Es. 8, 14 : Naxaraci, qui ita 



Die cliristl. Dogiuengescluclitc. Erster Tlicil. 51 

o-orisclie Auffassung der heiligen Sclirift und zur anlhroponior- 
phistischen Ansicht in den götllichen Dingen : hei den Montani- 
sten") und den ^Heidenchristen jener und folgender Zeilen mag" 
der Chiliasraus oft eine politische Farhe und Richtung erhalten 
hahen. 

Von dem Heidenthum Ijamen selir bald bedeutende 
und umfassende Einflüsse zu der neuen Sache herüber* 
Während das, was in der jüdiscb-urchristlichen Meinung»; 
das Heidenthum am gewöhnlichsten charahterisirte, Leicht- 
sinn und Abei^iaube, von der Gesinnung der Kirche bald 
und überall ausgrestosssen wurde ^), konnte sich der Geist 
und das Leben der Kirche w^eder dem philosophischen, 
noch dem politischen Einflüsse des damaligen Helden- 
thums entziehen^). Aber mächtiger als Alles traten jene 
Manglehren an das Chrlstentbum heran, mit welchen die 
Zeit vor imd neben dem Evangelium ihr geistiges Bedürf- 
niss zu befriedigen gesucht batte : und diese Lehren und 
Parteien sind es, welche sich zur cliristllcben Gnosis 
entwickelten ^ ) . 

1. Ohne Zweifel lagen in dem Heidenthum höhere Elemente, 
selbst in der damaligen Versunkenheit und Zerstreuung der Gei- 
ster : und die jüdisch-urchristliche Ansicht hatte zu sehr nur das 
Aeusserliche, das Volksmässige und das Schlechteste von jenem 
vor Augen"). Gewiss aber ist es, dass die christliche Meinung 
im Ethnicismus nur Erscheinungen von Unfrömmigkeit und Un- 
sitte erkennen mochte. Eine selbständige , grössere Unterneh- 
mung zu Gunsten des Heidenthums (wir wissen nicht, ob mit 

Christtim reeipiunf, ut observationes legis veteris non amittanf — 
und anderwärts, doch sie auch wieder mit Ebioniten und Chiliasten 
vermischend.) 

Unter diesem Namen erhielt sich denn die Partei länger (Augustin. 
Faust. 19, 18: Nazaraei, qni tesque ad nostra tempora, iam qtii- 
dem in exigiia, sed adhuc tarnen vel in ipsa patieitate perdurant). 

v) Tert. Marc. 3, 24. {De restitutionc ludae etc. qiiomodo alle- 
gorioa interpi^etatio in Christum, et in eeel. spiritaliter competat, 
longum est persequi — Iiistum et Deo dignum, illie quoqite exsul- 
tare famulos eins, tibi sunt et afßieti in nomine ipsius.) 

a) A. Tholuck, über das Wesen und den sittl. Einfluss des Hei- 
denthums. N e a n d e r Denkww. 1. — F. Jacobs, über die 
Erziehung der Hellenen zur Sittlichkeit: vermischte Sehr. 3. 
Th. (1829) und: Heidenthum und Christenthura. ebds. 6. Th. (1837).' 
K. Grüneisen, über das Sittliche der bildenden Kunst Lei den Grie- 
chen : Hlgen Zeitschr. 3, %. 



32 Allgemeine Dogmengeselilelite. Erste Perlode* 

Beziehung auf die christliche Erregung gemacht) war die, frei^ 
lieh in Fabel gehüllte, Wirksamkeit des Apollonius von Tyana''). 

2. Die Entwickelung des christlichen Geistes als Dogma und 
als Kirchenthum steht allerdings im Zusammenhange auch mit 
dem Einflüsse des. philosophischen Geistes und der bürgerlichen 
Zustände im Heidenthura. Jener wurde in der Kirche durch den 
Ebionismus nur mehr angeregt und hervorgerufen. Neben dem 
Kirchenthum bildete sich allmälig auch Tempel- und Priesterwe- 
sen, dieses zugleich von Seiten des Judenthums her, aus. 

3. Die NichtbefriediguHg, Rathlosigkeit jener Zeit in religiö- 
ser Hinsicht zeigte sich in ihrem öffentlichen Leben als Ve^rhin- 
dung und Vermischung der Gottesverehrungen, in ihren Lehren 
und Schulen als Vermischung von Dogmen, Vorstellungen, Bil- 
dern. Je weiter sich diese Manglehren von Schule und Wissen- 
schaft entfernten, also im Orient vornehmlich, desto aheiithetier- 
licher und bunter wurden sie. Der Alexandrinisinus, selbst eine 
solche Vermischung, stand anfangs in Gemeinschaft mit den 
übrigen, in und ausser der Kirche : aber schon im dritten Jahr- 
hundert trennten sich diese Systeme bis zur Feindseligkeit °). 
Aber das Christenthum , anziehend für diese Lehren und von 
ihnen angezogen , fand in ihnen seine erste und eine seiner 
grössten Epochen, in welcher es jetzt schon grosse geistige Kräfte 
entwickelte und sich in seiner geistigen Macht und Lauterkeit auf 
das entschiedenste erwies» 

Der Name der Gnosis war in -solchen Parteien selbst wohl 
längst im Gebrauche gewesen: er hatte einen zugleich mehr orien- 
talischen und Platonischen Klang als ähnliche Worte ''), und eine 
bestimmte Bedeutung vom Ungemeinen und Tiefen, Daher wir 
nicht entscheiden können, ob die Kirche ihn den Parteien gege- 
ben habe, oder diese sich selbst. Der Charakter der christlichen 



b) F. C. ßaur, Apollonius von Tyanaand Christus— Tiib. 1832. 

c) Dasselbe Verbältniss findet sich in speculativea Ausbildungen 
der Israelit. Religion: die Zabierlfehre (Cod. Nasaraeiis s. Über 
Adami, ed. Norberg. Load. G. 815. III. 4) und die Kabbala ent- 
sprechen genau der Gnosis und dem Alexandrinisraus. 

Der Piatonismus bezeichnete dann die Quellen jener Lehren, welche 
er von sich ausgeschieden hatte, als die morgenländische Weis- 
heit und Philosophie [dvnToXiy.'^ cpiloaoq)ia — ro itaXaiov Porph. V. 
Plot. 16); und wie die Systeme sich entgegengesetzt waren, so stan- 
den sich in den Traditionen der Schulen auch als Quellen die apo- 
krypbischen Schriften von Zoroaster und Hermes entgegen (M. 
Sehr. : de Ubrorum Hermciicorum origine et indole. Jena. 837). 

d) Vgl. Matter anzuf. B. I. 46 ff. ßaur. 87 f. Im platonischen 
Spracligebr., B. d. Weish. 10, 10. Barnab. ;J. 9. 18, auch schon im 
Gegensatze zu TTtarts. 



Die cliristl. DogmengescliIcLte. Erster Theil. 55 

Gnosis, historisch aufgefasst, Hegt zuerst allgemein in jener 
Mischung von Bildern und Lehren, wie sie sich nunmehr mit 
dem Christenthum in verschiedene Beziehung setzte: hestimmter 
dann im emanatistischen und dualistischen Inhalte der 
Lehren, so dass hald das Eine hald das Andere in den Systemen 
vorgeherrscht hat. Denn diesen Inhalt hatten die Manglehren 
gerade in den Ländern angenommen, in denen sich das Christen- 
thum zuerst ausbreitete. Die gesammte Gnosis hatte eine heid- 
nische Grundlage : es stellt sich diese schon in ihrem ausschliess- 
lich kosmologischen Sinne heraus, hei welchem das sittliche 
und religiöse Element bald vernachlässigt , bald seihst unter- 
drückt war ^). Mit dem heidnischen Sinne und der heidnischen 
Thorheit (Magie, Astrologie) kam übrigens mit der Gno'sis zu- 
erst heidnische Wissenschaft und Kunst*) in die Earche herüber. 
Die Ableitungen der christlichen Gnosis aus einzelnen Reli- 
gionen oder Schulen des Alterthums oder jener Zeit^), oder aus 
dem Judenthum'*), ja aus dem Christenthum selbst^), sind dem 
Geiste und Inhalte dieser Lehren nicht angemessen ; jener war 
eben synkretistisch, dieser viel zu verschiedenartig und zu selb- 
ständig dichtend. , - 

Die Klrclie nimmt über die Entstcliimg'szelt der eigent- 
lichen Gnosis hinaas ^) Spuren und Vorgänger derselben 
an. Gewiss lässt sich die Anwendung jener fremden 

e) Der eigentliche Gegenstand der Gnosis ist daher nicht blos das 
noXvd-gvXXT]Tov ' n O'&sv t6 xäicdv (Ens. 5,37. coli. Tert. praescr. 7: 
Marc. 1, %. Epiph. 24,. 6); sondern es war das Geheimniss der Ent- 
stehung und der' endlichen Bestimmung aller Dinge. 

/), Poesie {Er. Munter, odae gnösticae — Havri. 812.), bildende 
Kunst {J ab Ions kl, de Alexandra Severo, ehrist ianorum sacris per 
gnosticos initiato. Opuscc. IV. 38 ss. und : de origine imagimnii 
Christi. Das. III. 377 ss.), Cultus {Ders. de origine Jesti nativit. 
Chr., Das. III. 317 ss.), Exegetik, Religionsphilosophie. 

o) Vergl. Matter und Lewa Id. J. J. Schmidt, Forschungen 
•im Gebiete der altern Bildungsgesch. Mittelasiens, Petersburg 824. 
Ders. üb. die Verwandtschaft der gnostisch-theosophischen Lehren mit 
den Religionssystemen des Orients, vorzügl. des Buddhaismus. L. 828. 
und Abhandll. desselben in den Memoires de l'acad. des scienees de 
S.Petersbonrg. 1830. 32. Jo. von Müller, allg. Gesch. 9. B. 7. Cap. 

h) Aus der Kabbala {Buddeus, de haeresi Falentinianoruvi. An: 
introd. ad philos. Ehr. 619 ss.) oder dem jüdischen Alexandrinis- 
mus (verglichen wird derselbe mit Recht auch von Neander). Aus 
beiden Semler. 

i) J. A. Möhler, Versuch über den Ursprung des Gnosticismus. 
Tüb. 831. vergl. Baur anzuf. B..74 ff. 

Dogmengeschichlc. 3 



34 Allgemeine Dogmengescbiclite. Erste Perlode. 

Mischlclifc auf die cLrlstHclic Sache, aiicli die entscliied- 
nere oder feindselige, überhaupt nicht auf eine gewisse 
Zeit feststellen, und sie hann theilweise sehr frühe begon- 
nen haben. Abier -wenigstens in den Schriften N. T. 
sind die Spuren unsicher^), und die, von dorther genann- 
ten oder in der Tradition aufgefiihrten, ersten Vertreter der 
Gnösis (Simon der Zauberer, Nikolaus, Dositheus 
undM e n a n d e r,C er i n t li u s) sind historisch zweifelhafte, 
oder nach Geschichte und Lehre, völlig dunkle Personen '). 

1 . Die Entstehungszeit der christlichen Gnosis wird von der 
kirchlichen Tradition sehr sinnvoll mit der des Ehionismus gleich 
angesetzt: in die Periode Hadrian's''). Denn auf der einen Seite 
rief damals der anscheinende Untergang des Judenthums die 
heidnischen Unternehmungen hervor, und von der andern regten 
die jüdischen Einflüsse auf die Kirche den Gegensatz des Hei- 
denchrislenthums «luf, so hei den Gnoslikern wie hei den Alexan- 
drinern. 

2. Spuren der Gnosis im N. T.'') (polemische Beziehungen 
auf dieselbe) sollen sich finden in den Briefen an die Kolosser, 
den Pastoralh riefen, den Johanneischen, der Apokalypse. Nur 

-die in den Pastoralbriefen bezeichneten Gegner treten den kirch- 
lichen Gnostikern etwas näher ") : die übi'igen brauchen nur jü- 
disch oder heidnisch Gesinnte verschiedener Art gewesen zu 
sein , die Johanneischen Briefe scheinen eine ganz allgemeine 
Bezeichnung zu geben ^). 

3. Das geschichtliche Gebiet beginnt wohl erst mit C erinlh : 
aber mit Unsichei-heit und Verwirrung®). Es lassen sich indes- 
sen die beglaubigteren Nachrichten über ihn dahin vereinigen, 

a) dem. Alex. 7, 17 (mpl rovg 'j^Sgiavov xgovov? oi rde ai^t- 
atig tTTtvoyaavres ytyovaai). Euseb. 4, 7. Ba^nag. Ann. II. 44. 

b) Aeltere Verhandlungen t C. C. Tittmann, de vestigiis gno- 
sticorum in N. T. fru^ti'a quaesiti's. L. 773. 8. J. Hörn, biblische 
Gnosis. Hann. 805. 

Th. Ittigjde haeresia7'ehü aevi apostoltct,h..G90.Af]tenä. 696.4. 

c) F. C. Baur: die sogen. Pastoralbriefe des Ap. Paulus, auf's 
Neue kritisch untersucht. Stuttg. 1835. 

d) Anders Paulus: die drei Lehrbriefe des Joh., mit Nach- 
weisung e. Gnosis, gegen welche diese Br. warnen. Heidelb. 8^9. 

Apokryph. Darstellungen von Gnoslikern in der apost. Gemeine unter 
Anderem : Sendschreiben der Korinthier an Paulus und drittes Send- 
schr. des P. an die Kor. Hersg. v. Rinck. Heidlb. 8?3. (Von Ilinck 
vertheidigt: vgl. S. 112 ff.) 

ej P. E. Jabloiiski, de regno niiUenario Cerinfhi. Opuscc. lll. 
441 ss. J. E. C. Schmidt, Cerinth, ein judaisirender Christ. Bibl. 
f. Kr. u. Ex. I. 181. Pavlus, hist. CerintJn. Jen. 799. 8. 



Die clirlstL Dogmengfescluclitc. Erster TJieil. 53 

dass er dein Judenchristenthum eine alexandrinische Form haLe 
geben wollen^), in welcher der den Messias weihende Geist als 
Logos (aber ohne Selbständigkeit) aufgefasst , ferner die Engel- 
lehre in die von weltschaffenden und verwaltenden Kräften ver» 
wandelt^), und die Bestimmung Christi zwar als eine für die Erde 
gedacht wurde^ jedoch so^ dass Cerinth die chiliastischen Farben 
vielleicht' mehr für geistige Erfolge anwendete**). In allen diesen 
Beziehungen würde Cerinth's Lehre das volle Gegenstuck zu der 
des Johannes sein, und die Sage von dem Gegensatze ZTvaschen 
Johannes und Cerinth^) hätte einen angemessenen Sinn» 

Bei Simon Magüs'') muss es durchaus unentschieden blei- 
ben j ob die Sagen über ihn irgend einen historischen Hinter- 
grund haben^ oder ob sie vielleicht aus einer Beschimpfung der 
christlichen Magier und Emanatisten aus AG. 8^ 9 ff.^ oder aus 
der Ableitung der Gnosis von Samaria, oder durch eine mythi- 
sche Entgegensetzung von Simon Magus Und Simon Petrus ent- 
standen, oder ob nicht verschiedenartige Sagea und Gestalten 
in ihnen zusammengeflossen seien. Die Nikolaiten sind in 
der Apokalypse (2, 6. 15. vgl. 14. 2 P. 2, 15. Jud. 11) ge- 
wiss Bileamiten : es bleibt ungewiss , ob sich an diese Benen- 
nung noch etwas persönlich Geschichtliches angeschlossen habe^). 
Dositheus und Menander"^) können, soviel sie historisch 
gelten mögen, auch Menschen ausser der christlichen Gemeine, 
oder in nur entfernter Beziehung auf dieselbe, gewesen sein, 



/) Nach Epiphan. ^^8* 1 war er nur zum Theile {dno fiigovg) dem 
Jadenthum ergeben. 

g) Der Mensch Jesus, als Theil der Welt, ist ein Geschöpf dieser 
Kräfte. Dieses bedeutet fabricaioi'is ßlius (nicht Joseph's Sohn) Iren. 
3, 11. ' 

h) So auch (gegen CajüS und Dion. AL) INeander KG. I. 679. 

i) Iren. 3, 3. Eus. 3, 28. 4, 14. 

k) Beausobre, Hut. d. Man. I. 259 ss. Dagegen Moshem. 
de uno Simone Mago, Diss. adhist. eecL II. 55. ss. — Neander, 
Gesch. d. Pflanzung u. s. w. I. 80 f. Baur anzuf. B. 303 S. 

l) M o s k e m. demonstratio scctae Nicolaitarum. Diss. L 395 ss. 
Janus, de Nicolaitis ex haereticoriim eatalogo expungendis. Iken. 
thes. diss, I. 101 ss. Münscher, einige Vermuthungen über die 
Nikolaiten. Gabler, J. f. th. L. V. (1803) 17 fP.i 

In die Gnosis werden sie zuerst versetzt von Iren. 3, II. Nico- 
iaitae — vvlsio eins quae /also cognominatur scientia. Der Wi- 
derspruch der ältesten Berichte (Iren. a.'O. und I, 36 — Clem. Alex. 
Str. 2, 20. 3, 4, vgl. Eus. 3, 29. Coteler. ad Consi. ap. 6, 8) über 
den Stifter dieser Partei und seine Schuld wird von Gobarus bemerkt, 
b. Photius a. 0. 291 Bekk. 

m) Dositheus zuerst von Hegesippus erwähnt, Euseb. 4, 22 : Me- 
nander von Justinus Martyr. 

3* 



36 Allgcnieliic Dograeng'cscliiclilc. Erste Periode. 

welche im Volke Anhang gefunden hatten. Aber die Bezeich- 
nungen von diesen Männern erhielten im kirchlichen Sprachge- 
brauche bestimmte Bedeutungen : Simonianer hiessen die Aber- 
gläubischen und Profanen , Nikolaiten die Sittenlosen , Menan- 
drianer die im Ritus von der apostolischen Tradition Abgewiche- 
nen , Cerinthianer die, welche im Lehrbegriffe auf gnostische 
Weise abgefallen waren. Sie blieben in der Sprache der Häre- 
siologie feststehen. 

- §*&* 

Die g'uostiselien Systeoie, soweit wir mit ihnen Leliannt 
sind, lassen sich am angemessensten^) nach den Ent- 
wichelungen, welche hei ihnen in Hinsicht auf ihre 
HaupthegrilFe 5 den Dualismus und Emanatismus, gefun- 
den werden, und nach dem Grade abtheilen, in wel- 
chem sie dann wieder der christlichen Kh'che näher 
harnen und ilire Eigenthümlicliheit mit derselben auszu- 
gleichen suchten. Wir unterscheiden demnach die Syri- 
sche, Aegyptische, die Mys teriengnosis, und 
die mildernden und vermittelnden Parteien, wel- 
che es zimi Theile nur durch einige Formen , welche sie 
heibeliielten, verdienten , dass man ihnen den alten Gno- 
stikernamen heilegte^). 

l**). Seitdem die Gnosis nicht mehr als ein Gemisch von 
Träumereien oder Tollheiten angesehen wurde, sondern als eine 
geistige Geschichte, vornehmlich seit Mosheim '') , wurde ein 
Princip der Abtheilung derselben gesucht. Das Vaterland der 
einzelnen Parteien kam dabei am öftersten in Erwägung: aber 
dieses giebt ein unzureichendes, auch zn sehr nur äusserliches 
Princip. Von Neander wurde das Verhältniss der Gnostiker zum 
J u d e n t h u m , von Baur das zu allen drei Religiousformen 
der damaligen Welt, Judenthum, Heidenthum, Christenthum, als 
Eintheilungsgrund gebraucht. Nach dieser zweiten Auffassung 

ö) Die guostischcn Parteien und Systeme: J. B e ans obre, In- 
stoire ci'it. de Manichee et du Maiiicheisme. Amst. 724. II. 4. 
Massud:, diss. ]ji'aev/ae in Irenaeum, diss. I. Neander, genet. 
Entwick. der vornehmsten gnost. Systeme. Berl. 818. und KG. 1. 2. 
627 SS. A. Lewald, comm. ad hist. religionuni velt. lyertinens, 
de doctrina gnostiea. Heidelb. 818. J. Matter, hist. crit. da 
gnosticisme. Par. 828. II. 8 (und e. Kupferlieft). D. Uebers, von T. 
II. Dörner. Heilbr. 833. II. F. C. Baur, die chrisll. Gnosis, oder die 
dir. Rcligionsphilosophie in ihrer geschichll. Enlwickelung. Tüb. 835. 

h) Lücke, Abb., theol. Zeilschrift von Scbleiermacher, de Wette und 
Lücke. 2. 138 IF. 



Die clu-isll. Dogineng:escljiIcI»tc. Erster Tlieil. 57 

stellt sich ein vorzugsweise hei<lnisclier, christlicher, jüdischer 
Standpunct heraus , welchen die Gnostiker eingenommen. Es 
scheinen diese Abtheilungen darum nicht angemessen, weil die 
eigentlich gnostischen Parteien (einige , welche unter jene 
Cl.-issification gestellt werden, sind nicht zu diesen zu rechnen) 
alle theils eine heidnische Grundlage gehaht"), theils im Gegen- 
satze zum Judenthum gestanden haben , welcher «ie ja zum 
Theile sogar hervorgerufen hatte. 

2. Der Eintheilungsgrund, wie er hier liefolgt wird, ist die 
verschiedene Hineinhildung dieser Systeme in den gnosti- 
schen Chai'akter hinein, und die Rückhildung derselhen in das 
Chrislenthum. Es liegen in dieser Verschiedenheit der gnosti- 
schen Formen zugleich die Hauplepochen ihrer Geschichie. In 
der Syrischen Form haben sich Dualismus und Emanalismus 
zugleich schroff dargestellt, in der Ae gyplischen heiTSchte 
der Emanalismus vor und allmälig verging in ihr der Dualismus 
völlig, aber auch der Emanalismus erhielt eine plalonisirende 
Ausgleichung : in der M y s t e r i e n g n o s i s suchte sich die Gno- 
sis praktisch und als Gesellschaft gegen das Chrislenthum aufzu- 
stellen. Von den au sgieichenden, mildernden Parteien 
Icnkle die Gnosis zu dem Sinne des Evangelium (wenn auch nicht 
dem^lcr Kirche) um : sie behielten von der allen Gnosis nur All- 
gemeines hei, die Herabwürdigung des Sinnlich-Materiellen, oder 
die Abneigung gegen Judenthum und Gesetz. Diese beiden letz- 
ten Ausbildungen der Gnosis haben sich denn natürlicherweise 
(als Ophitenparlei und als Marcipnitpn) am längsten innerhalb und 
neben der Kirche erhalten. 

Diesem nach hat sieli die Gnosis in ihren, unsg:eschlchl- 
Ilch bekannt gewordenen, Formen so cnt^vichelt, dass die 
Syrische, welche im S a t u r n i n u s vertreten wird, noch 
schroff dualistisch ist, so dass selbst das cmanatistische 
Prlncip zurücktritt^), die Aegryptische aber, fortschrei- 
tend in den Schulen des Basilides^) und des Valen- 
tin« s 3), zuerst beim Basilides nur reiner emanatistlsch er- 
scheint, dann aber beim Valentinus, in entschiedener 
Vercini(i:ung mit dem Platonisraus, nicht nur den Dualis- 
mus völlig' aufgicbt, sondern auch den Emanalismus ver- 

c)DocIi mit überwiegendem IndüFcrcntismus : dieses war der Sinn der 
angeblich Simonianiscben Lehre (Iren. I, 33): esse se (Siinonem) cum 
(IUI Sil super omnia patcr, et susliiiere vocari se quudcunqiie euin 
vocant homines. 



58 Allgemeine Doginengiesehiclite. Erste Periode, 

geistigt. In gleichem Fortscliritte hat in diesen Parteien 
die Berücksichtigung christliclier Begriffe nnd der^ heiii" 
gen Schriften Statt geftinden"*): auch dem hellenischen 
Charakter ist Geist und Art derselben immer näher ge» 
treten.') 

1. Saturninus von Antiochia") ist von zwei Grundprineipien 
ausgegangen (Vater und S at an soll er sie genannt haben), und 
hat von diesen zwei Schöpfungen hergeleitet, (Der Name, Mensch, 
hat ihm wohl, nach den alten Lehren vom Mikrokosmus, Welt be- 
deutet'').) In der Vermischung dieser Welten herrschen die xo-^ 
ajLvonQÜTogsg, Geister der Gestirne:') das LichtAvesen, der So- 
ler ^), ist bestimmt, mit ihnen und mit dem Reiche des Bösen zu 
kämpfen und die Welt zu läutern. 

2. Des Saturninus Zeitgenosse, Basilides von Alexandria®), 
ist von sieben Geisteremanalionen aus dem unaussprechlich Ewi- 

a) Von Justinus Martyr an (]Tryph. 35) beim Irenäus (1, %'i), Ter» 
tall. Can.23), Epiphanias C23J, Theodoret (H. F. I, 3) u, s, f. (vgl.En- 
seb. 4, 7) erwähnt und dargestellt. Beim Clemens AI. nicht: daher 
stellte ßeausobre den Saturninus in die unhistor. !?eit zurück (Hist, 
d. M. II. 2). Pie verschiedenen Formen seines Namens (vorn. Saturni-r 
nus und ^aTo^vtkog) weisen auf syrische Veränderung einer griephi^ 
sehen Form hin. 

. b) Die Idee des Makrok. u. Mikrok, (bald mehr auf die Meoschenge-- 
slalt des Universum, bald mehr auf die Weltkräfle oder Weltelemente 
im Menschen, hingewendet) geht durch das ganze philosophirende und 
bildende Alterthuin hindurch. Auch die Alexandriner nahmen sie auf 
(äv&gifjTToe ßgayve xuafiog Philo V. Mos. 3. 673 D.): Vgl. Lobeck: Aglao- 
pham.'II. 908 ss. Sie kehrt hier im System der Ophiten (yvo der Adam 
Kadmon, die Idee der Welt bedeutet, und der zweite Mensch, die Welt 
selbst) nnd im manichaischen wieder. 

e)Die Berichte der alten KHst. verwechseln die Macht nnd Wirksamkeit 
dieser Geister mit der der ursprünglichen Principien, indem sie die 
beiden Welten (Menschen arten) durch die Engel erschaffen werden 
lassen. (Engel hat Saturninus selbst wohl jene Geister nicht genannt; 
die alle Kirche gebrauchte bekanntlich diesen Namen überall von den 
gnostischen Untergotlheiten.) 

d) "jtfioQcpo?, dysvvTjvog Svvafii?, von der avoj Svv. verschieden. 

e) Der Häresiarch genannt, als Anfänger eben der alexandrin. Gnosis 
(Eusei). Chron, ad Hadr. 17, p, 383 Mediol. Philastr, 32). Epiphanius 
allein nennt ihn einen Syrer. In der Disput. Archelai p, 275 (Routh. 
Hell. IV.) Avird Basilides zu den Persern versetzt : gewiss ist der Gno^ 
sliker gemeint : aber bei Persien dachte man an eine manichäische Lehre, 
Die Nachrichten iiber ihn vereinigen sich in der Periode des Hadrian, 
als der Zeit seines Wirkens. 

Die Berichte des Clemens AI. und des Irenaus, Epiphanias u. s. w. 
über Basilides sind vereinbar mit einander, so dass wir nicht nöthig 
halben, die der zuletzt Genannten mehr von der Schule, UQd die des 



Die christl. Dogineiigeschidite. Erster Tlicil. 39 

gea (ttQQijTog-dvvdjLieis) ausgegangen , welche mit jenem die 
selige Achtzahi {oydodg) ausmachten. Aus ihnen sind in all- 
mälig abnehmender Klarheit andere Himraelski-eise hervorgegan- 
gen, deren Geisterfürsten *) in dem mystischen Namen, Abraxas, 
verehrt imd magisch beherrscht werden sollten s). Zu dem unter- 
sten Kreise gehört der Weltenschöpfer («p^^wv)'*) : aber in sei- 
ne Schöpfung ist das ungöltliche Princip eingedrungen'). Die 
ursprüngliche Mischung des Göttlichen und üngöttlicheu {dqyiyiT] 
avyyjvoig) theilte sich dieser Schöpfung, und auch dem 
Menschenleben^) mit. Die Vorsehung aber halt die Welt zusam- 
men^), und äer JSovg läutert sie. 



erstea von dem Stifter zu versteLen ; aber 5» jeder Beziehung geht na- 
tüi'lich die AucloritUt von Clemens dabei voran. 

J') Die höhern Welten selbst (anders Epiph. und Theodoret, welche 
den Namen auf den Soter beziehen), viimdus in quo dicimt desceni/issn 
et adsccndisse salvatorem (Iren. 1,34), hiesseu beim Bas. /iff«/a/rärw, 
gewiss aus Jes. 38, 10-, ond wahrscheinlich das Wort in der Bedeu- 
tung: Grenze — so dass der Name den Worten nach dem Koros, dem 
Begriffe nach dem Pleroma der Valentinianer entspricht. 

g") Nach den Aelteren (i>/acaj't«s, de gcmmis Basilidianis. Ed. Chi- 
ßct.A.atv. 657. A.Jablonski, denom. Abraxas signißcatione. Opusce. 
If^. 80 SS.) B e 11 e r m a n n, über die Gemmen der Alten mit dem Abr . bilde. 
Berlin, 817-19. 3 kl. Sehr. U. F. Kopp, palaeographia eritica P. 3. 
4. 1829 s. 4. und die reiche Zusammenstellung bei Malter. Als Bezeich- 
nung des höchsten Gottes nahmen den Abraxas Epiph., Theodoret, 
Hieronymus. Nicht unrecht vergleicht Hieron. (zu Arnos 3) Abr. mit 
Mithra: wenigstens die Symbole beider vermischten sich oft, und 
beide erhielten eine stehende Bedeutung in dem mystischen Cultus. 

h) Die Archonljker (zuerst b. Epiph. 40) waren gewiss eine zu den 
Basilidianern gehörige Partei : in Beziehung auf die Wanderungen des 
Erlösers benutzten sie und dieHierakiten das apokr. uvnßaTixöv des Je- 
saia. Vgl. Lawrence zur Adscensio Jes. Oxf, (819) 145 s. 

?■) Dieses ungöttliche Princip hat einen sehr unbestimmten Begriff 
beim Basilidcs. Aber (auch nach Neander) dualistisch war Bas. Sy- 
stem gewiss: dieses geht schon aus jenem Hauptbeginlfe der ursprüngli- 
chen Vermischung hervor, wenn gleich die Stelle des Clemens (Str. 4, 
12, 601) Ttws ovx tt&toe, {yeid^ojv rov 8täßokov ; mit Gieseler und Banr 
ohne Zweifel anders, von der providentiellen .Ilcchtfertigung der Chri- 
stenverfolgungen, zu verstehen ist. 

1i) In der menschlichen Seele zeigt sich jene Vermisc^jung in der 
sinnlichen Störung und Yerfiilschung {TiQOiaQxrifiaxa). Isidorus 'jtSQl 
TtQosfpvov? "^v^tIs — Glem. Str. 2, 20. 

l) Die TtQovoia ityy.aTsondQTj rats oiolait ovv ttJ tojv oXojv ys^dan 
Clem. 4, 12) ist wohl nichts Anderes, als jene Weisheit, zu welcher der 
Archon in der Furcht gelangt {dpxv oocpiag tpößog ^eov Clem. 2, 8). Sie 
soll dreifach sein : scheidend, ausführend, wiederbringend {SiayfQirtxt}, 
TsltojTixv, dTiooTariY.i'j). In der Vergeltung durch den Weltlauf, wie ihn 
Bas. dachte, lag ihm die Ide» der Metempsychosis (Orig. lib. 7 ad 
Rom. 7i 9), 



4:0 Allgenieme Dogmengcschichte. Erste Periode. 

3. Vom späteren Valentinus (Alexandriner, zu Rom und 
auf Cypern) sind gewöhnlich und von Alters her die Beschrei- 
bungen der Gnosis hOTgenomraen worden. Daher die Valentinia- 
nischen : EvS-og, Giyrj, aiwvss^^) (Lebensentfaltung des Göttli- 
chen), nXyQio/iia, dfjij^iovQYos'^), dnoXvTQdooig, als allgemein 
gnostische Begriffe gewöhnlich gebraucht werden. Es war die 
ausgeführteste, bedeutendste Lehre, auch ihr Wirkungskreis wohl 
der umfassendste. Auch wurde Valentinus, wahrscheinlich der 
Erste unter den Häretikern, zu Rom aus der kirchlichen Gemein- 
schaft ausgestossen. Der Platonisraus hat diese Lehren geläutert: 
er stellt sich in drei Momenten dar. Das weltliche Piüncip , das 
Finstre und Leere, ist im Valentinianischen System nichts Selb- 
ständig-Ursprüngliches, sondern es ist durch ein Herabsinken aus 
dem Lichtreiche in das Leere") entstanden. Ferner: die Ema- 
nationen aus der göttlichen Tiefe sind hier durch die Ennoia ver- 
mittelt, durch das Vorstellen, das objectivirende Bewusstsein i'). 
Endlich : die gewordene Welt ist eine demiurgische Nachbildung 
der übersinnlichen, der göttlichen Idee'ni). Zwei bedeutende Ge- 
danken liegen unter andern noch in den Valentinianischen Bil- 
derlehren. In der Darstellung der Aeonenpaare (avQuylai) wird 
die, in allen alten Naturphilosophieen wiederkehrende'"), Idee 
ausgesprochen von den beiden ürkräften der Dinge, der positiven 



m) Vgl. Lehrb. d. DG. 133. Es war in der Dicbtersprache langst 
schon die Personification des Aeon (bald für Ewigkeit, bald für Welt- 
zeit; dieses mehr in der heidnischen, jenes mehr in der christli- 
chen) vorhergegangen: neu. war im gnost. Gebra;uche nur die 'Mehr- 
zahl, Aeonen. 

7i) Der St]fiiovQy6c hat auch Lei den Piatonikern niederen Rang. Nu- 
menius, Eus. P. E. 11, 18 : tov SijfiiovQyovvroQ ■d'sov XPV ^ivai' xal vo- 
fti^Eoß'ai TraTc'pa tov itqwtov ■d'sov. 

o) Ktvüjfia dem Pleroma entgegengesetzt. Valentin bezeichnet als 
den Grund der Materie die Enthymesis und die näd-Tj (Furcht und 
Trauer, tpößos, J.vttt], l'y.nli]^is, o.7.oyiay Iren. 1, %. 4. 1, 29. 5, 4) der 
gefallenen Sophia : Unklarheit, Hemmung, also Verdichtung ihres gei- 
stigen Wesens. So sei das gestaltlose Wesen (a/topyos ovaia) aus ihr 
geboren Avorden. 

p) Ptolemäus soll zur IWota noch d-iltjua gesetzt haben, beides als 
die göttlichen Urzustände {Sia&iGsio). 

q) Von diesem Standpuncte aus (in der Voraussetzung, dass alle Gno- 
sis als Piatonismus zu nehmen sei) : imagines et similifudi?ies aeonum 
res esse — bestreitet Ii-enäus die Gnosis im Allgemeinen, ?, 7. fVgl. 
ßaur a. 0. 461 ff.) 

r) avCvyiai-vgL Wyttenb. z. PI. Phädon S. 177 s. Neben Philo giebt 
selbst das Buch Sirach Spuren dieser Lehre, 36, 15 {Svo Svo, sv xazt- 
vaiTi TOV avog überall), i%, ?4 (TraVra Siaad, ev na-rav. hos). Auch 
gehört hicher ursprünglich wohl das Fragment vom Aegypt. Evange- 



Die chrlstl. DogmengcscLicLte. Erster Tlieil. -41 

und der negativen. Und in der Geschichte des Falles der Sophia 
(und es ist die Künstlichkeit zu hemerken , mit welcher das Sy- 
stem diesen so entlegen als möglich von dem Ürwesen stellt*)), 
wie ihr nämlich im Verlangen nach dem Urwesen und nach sei- 
ner unmittelbaren Erkenntniss die Kraft vergehe und sie sich in 
das Leere zerstreue , sollte der gleichfalls uralte, der Faust ge- 
danke, ausgedrückt werden , dass die Geister nur im Uebermuthe 
des Wissens fallen und vergehen. Die Unterscheidung der drei 
Pi'incipien, auch im Menschengeisle , des pneumatischen, psychi- 
schen, hylischen, deutet ebenfalls auf den Platonisraus hin. Aber 
Alles ist nach dem Val. System bestimmt, dereinst, wenn die 
niedere Natur vergangen sein wird , in das Pneumatische über- 
zugehen, in welchem nur Einheit, Licht und Leben ist*). 

4. Vom Saturninus wird nur eine geringe Beziehung auf 
christliche Begrifite , und auch diese zweifelhaft , berichtet") : 
der Soter erscheint bei ihm eigentlich nur als Weltgeist. Viel- 
leicht hat er die urchristliche Geschichte lediglich als Allegorie 
behandelt. Basilides aber nahm an, dass der ]Vovg auf Jesum 
in der Taufe gekommen sei (wenn er gleich vielleicht die Ge- 
schichte Jesu nur für das Symbol einer grossen göttlichen Ge- 
schichte gehalten haben mag) : jedoch im Tode, meinte er, habe 
der Mensch Jesus für sich gestanden^). Es ist ungewiss, ob 
die e^i^yriTma. des Basilides Auslegungen von apostolischen 



lium, Clem. Ro. % Cor. 1% Clem. AI. Str. 3, 13 („wenn die Zwei Eines 
geworden sind, und das Männliche und Weibliche nicht mehr männlich 
und weiblich"). 

Mannweiblich {aQQEv6&t]lvs)wsiv das Prädicat des Bv&oe, Iren. 1, 11. 
ygl. Lehrb. d. DG. a. 0., und Thilo zu Synes. Hymn. 2, 64 (ar Sl 
a^(j7]v Gl' St S^^lvg). Doch dieses (vgl. 3, 185) bedeutet etwas Anderes 
als in der altmystischen und gnostischen Sprache, nämlich die Ge- 
schlechtlosigkeit, das Nichtcreatiirliche, das inegovaiov, der Gottheit. 

*) Dabei ist zn bemerken, dass der Sinn der drei Aeonenclassen beim 
Val. der sei, zuerst göttliche Eigenschaften, dann allgemeine Wirkun- 
gen, endlich sittliche Wirkungen der Gottheit darzustellen. 

t) Gewiss war dieses der Sinn des Valentinus, wenn er gleich von 
einem Beharren des Demiurg und des psychischen Reichs im totcos 
fisaözT/Tog spricht. 

zi) Die doketistiscbe-.Iren. 1, %2. Epiph. u. A.Philastr. ^\ {Christum 
timhrafilifer apparuisse, non cavnem hominis verum et animam acce- 
pisse, atque omnem oeconomiam mystcrii Saluaioins ita eomplesse). 

v) Dass auch der Tod Jesu als Sündenstrafe zu nehmen sei. 
Cl. A. Str. 4, 12. Die Feindseligkeit der Basilidianer gegen das Märtyrer- 
thum (einstimmig bei den Khst. berichtet, vgl. Euseb. 4, 7) halte wohl 
dasselbe Bestreben zum Grunde, Bild und Idee vom Tode Jesu herab- 
zusetzen. Daher umgekehrt vom Marcion der Märtvrertod gepriesen 
wurde, wie er in den Tod Jesu viel legte. 



42 Allgemeine DogmeDgeseliichte. Erste Periode. 

Scliriften gewesen seien '^): jedoch bezeugen es schon die Namen 
seiner Emanationen, dass er apostolische Schriften gehrauchte^). 
Aber beim Valentinus zieht sich selbst durch die Grundform der 
Spi'achgebrauch des N. T. hindurch ; er war viel mit den Evan- 
gelien beschäftigt 5) : die Person Christi macht in seinem System 
sogar ein wesentliches Moment aus , wite dieses System ja über- 
haupt den Menschen zum Mittelpunct gemacht hat , dessen Er- 
neuung im Evangelium erschienen sei^); nur werden die man- 
cherlei Namen Christi aus dem N. T. (Xoyog, Xqiotos, 'Iijaovgt 
aoiTi^g'^'')), unter verschiedene Wesen yertheilt, dem dichteri- 
schen Charakter der Lehre gemäss, alier zugleich andeutend, dass 
Eine göttliche Kraft und Wirksamkeit in ihnen allen dargestellt 
werde. Auch die Schriften des A. T, sind von Valentinus in sei- 
neu Kreis hereingezogen worden : aber wohl schon durch die Be- 
nennung der gefallenen Sophia mit einem althebräischen Namen 
(Sophia Achamot) wollte er den untergeordneten Rang von jenen 
zu verstehen geben. Bei den Propheten der isr. Geschichte fand 
er eine Verschiedenheit der Begeisterung'"''). Eine allgemeine 



w) Agrippa Castor, Widerlegung der e|/;y. des Basilides,, Hieron. Cut. 
21 ; dagegen Euseb. 4, 7 : nur erwähnt habe A, C. das Werk des Bas. 
Andere proph. Schriften bei Bas. und seiner Partei : von Cham, von 
Barkosch (P ar cb o r Ci. AI.), welche Isidor commentirt hat. Barkosch war 
doch auch wohl aus 4 Mos. 24, 7 entlehnt. Ausserdem Orig. {hom. i i7i 
Luc.) ausus fuit et Bas. scrihere evangelium et suo illud nontine 
iitulare. 

ar) Nov?, Aoj'oe, (pQovrjai?^ ao(pla, (^vafiig, SixatoovvTj, siqtjv^. 

y) IrenUus (3, 14) und Origenes (Gels. 2, 27: fiExayaQd^avTas t6 
ivayy. a).).ovs ovtt oiSa t} rovs a.716 MaQxiojvoe xal tovS dno OvaXsvti- 
vov) stellen in dieser Beziehung Val. und Marcion zusammen. 

5) Diese Beziehung der Menschheit zum Evangelium wird in der Sy- 
zygie : av&(j(u7tog und exy.lijaia ausgedrückt. Aber durch das ganze 
Val. System geht jenes Hervorheben der Menschheit hindurch. Die 
Geistesmenschen sind sogar bestimmt, den Tod aus der Natur hin weg- 
zunehmen — Rede Valentin's b. Gl. AI. Str. 4, 13 : toV ■&dvaTov 7}&i- 
Xere ueoiaaa&ai, tts savrovt, 'Iva — a7io-&dv7j 6 S^äv. iv vutv xal St 
v/iojv orav yag top /itv zoa/iop avtjts — xvgtsvsze ttjS xriaswe x. tjjS 
(p&ogas ÜTiaar/S- 

ad) Dazu kommt der Horos , welcher dieselbe Bedeutung mit diesen 
Christus-Namen beim Val. hat, nur dass sich in ihm mehr die das Pneu- 
matische erhaltende Kraft, als dasjenige darstellt, durch welche die 
Aveltlichen Dinge geläutert werden sollen {ivigysia ftsgiaTix?] xal iSga- 
artx^ Clem.). Idee und Name ist allerdings nicht aus ägypt. Mythen (C 
Ho oper, de l^aleiitinianoruni hacresi eoniecturae, quibus ilHus 07'igo 
ex Aeg. theol. deducitur. Lond. 711.), sondern aus dem Alexandriuis- 
mus {Philo q. rer.dtu.Iiaei\ — fu&ogios oxas — vomLogos). 

bb) Iren. 1, 16, 3, 



Die cbrlstl. Dog-mengescliichte, Erster Theil. 43 

Gleichstellung der höheren Religionen, als göttlicher Offenbarun- 
gen, lag auf dem gnostischen Standpuncte überhaupt'^*'), 

5. In den Schulen der beiden Letzteren hat sich Geist und 
Art derselben vollkommen fortgesetzt. Die Basilidianer, eine, wie 
es scheint , sehr gemischte Partei , neigten sich schon sehr aus 
der ursprüijglichen Gnosis heraus : au der Geschichte Jesu , vor- 
nehmlich an seinem Tode, haben sie viel gekünstelt und gedeutet. 
Isidor benutzte aitgriechische Bilder und Mythen '^'^). Unter den 
Valentinianern tritt Herakleon als ältester Ausleger apostoli- 
scher Schriften auf^*) : die Partei erscheint auch später noch, 
aber in unglaubhaften Berichten. Pt o 1 e m|ä u s war theologischer 
Kritiker der Mosaischen Gesetzesscbrifteu vom gnostischen Stand- 
puncte aus^^): Markus scheint die tieferen Philosopheme und die 
Kunst der Griechen mit seinen Lehren und den kirchlichen For- 
mell 25U vereinigen versucht zu habeja^°), An die Stelle des Dua- 



ce) Valentinas, Kogvqittioe roiv irgsaßivovToiv Tt]V ttotvorrjta, Clem. 
5tp, 6, 6 -^ bezieht sich eben hierauf, 

dd) Freilich als angebliche Reste uralter Prophetie. Pherecj'des Frag- 
ment von der vKOTirsgos Spvg xul to in' avrov nsTroixiXutvov (papos — 
CI. SlF. 6, 2, ohne Zweifel von Isidor vom materiellen und dem sinnli- 
chen Princip verstanden, Pherecydes und die allerälteste Theologie der 
Griechen konnten in ihrem morgenld. Dualismas, dem Isidor besonders 
angenehm sein — vgl, Pher. Fragment b. Celsus, Orig. 6, 303, — Sturz 
zu der ersten Stelle, vornehmlich Baur a. 0. 238. 

ee) Fragmente der Auslegung des Job, (eine des Lukas wird nicht 
mit Sicherheit daher angenommen , dass Clemens AI, zwei Deutungen, 
anscheinend von Stellen des Lukas, citirt) aus Oi'igenes von Grabe (Spi- 
cil.PP. ef /taer-,) und Massuet (app, ad Iren.) zusammengestellt, {Jo. 
Vogt, de Heraoleone et Heracleonitis. Bibl. haer. 1.2, 273 ss.) 

,, Der Logos, Schöpfer und Fürst der Geister : die Menschen bestimmt, 
in das Geistige umgewandelt zu >veFden: ausserdem werden sie dem 
Satan gleich. Die Offenbarung hat zugenommen, wie Hall, Stimme, 
Wort [riyos, (pwvi}, koyoi)^' 

ff) Brief an Flora, Epiph. 31. IrenUus hat seine Partei vornehmlich 
im Auge. Die Angabe Tertullian's, Valent. 4. {via quam Ptolem, in- 
stravit, nominibiis et numeris aeonum distinctis in personales sub- 
stantias, sed extra Deum deteiininatas , quas Falentinus in ipso, 
summa divinitatis ut sensus , affectus et motus incluserat) geht viel- 
leicht nur auf die Form und Darstellung des Ptolemäus. Jedenfalls Avar 
ihm die Einheit des göttlichen Princips ein Grundgedanke {o^oXoyqv-^ 
(jtävr] jjuty x. iraTnqTtvjuivtj angf. Brief), 

gg) insbesondere die pythagoreische Zalilenmyslik (die Tetraktys : 
fiovÖTTje, iv6zt}S, fiovds, tp), die Orphische heil. Poesie, Mysterienritus. 
Iren. 1, 8. 9. 18. Epiph. 34. Theodoret 1, 9, Auch die Apolytrosis, 
der Erfolg der Marcosian, Sacramente (Ja c, Rhe nfe r d, de redemtione 
MarcosiorumetHeracleonitarum,: Opp. philol, 194 ss.), stammte aus 
jenen Mysterien her. Vielleicht als Richter gebraucljte Markus auch 



44 Allgemeine Dogmcngcselilclitc. Erste Periode. 

lisimis stellte er ganz die alexandrinische Log-oslehre '*''). Die 
Partei war, wie schon Irenäus ei'wähnt, reicli an Apokryphen. 

Die Mysterleng'nosls hat sleli neben diesen Ent- 
wlcliclungen der Gnosis , in welchen sie sich bereits in 
das Allgeuicine, Vernünftige und Christliche zurüch- 
neigte, in dem ursprünglich gnostlschen, fremdartigen 
Charakter festgestellt, und sicli zur bleibenden Gegen- 
partei gegen die bestehenden Rcligionsformen , und ge- 
gen das Cliristenthum machen wollen. Die Ophiten 
stellen sich mehr als eine morgcnländische^), die Kar- 
pokratlaner mehr überhaupt als heidnische^) 3Iyste- 
rlenparlei dar. An sie mag sich in späteren Zeiten, auch 
wohl ohne eigentlichen historischen Zusammenhang, man- 
ches Feindselige gegen das Christenthum mit Bildern und 
Symbolen angeschlossen haben 3). 

1. Die Geschichte und die Verfassung" der Ophiten oder 
Ophianer") weist auf ältere''), ohne Zweifel ägyptische ''), Seelen 
zurück, von denen ein Theil sich mit dem Christenthum in Ver- 
bindung setzte ; und die durchgängige Anwendung jüdischer Spra- 
che hei den chi'istlichen Ophiten lässt vermuthen , dass jene sich 
vorher auch mit dem Judenlhum verbunden gehablhahen. DerDua- 
lismus herrscht hier wieder vor dem Emanatismus vor , und das 
weltliche Princip (laldahaot, Kind der Leerheit, der Tiefe '^)), 



die Apokalypse, Lesonders Ij 8-, wahrsclieinlicli auch 13, 18. Die Ver- 
wechselung dieses Marcus mit einem Mitslifter des Priscillianismus in Spa- 
nien, 4. Jahrh. (Sulp. Sev, 2, 4G) beim Ilieronymus : Coiel. in Constt. 
ap. 6, 8. 

hh) Der Grund der Welt sei das Aussprechen und Gestaltnehmen 
des Logos. 

d) Jo. Vogt, de Ophttis. Bibl. ha?.res, II. 37 ss. Mos heim, Gesch. 
d. Schlangenbrüder. Vers. e. unpart. u. gründl. Ketzergesch. Heimst. 
748. 2. A. G. IL F. Fiildner, de OphUisl. Rintel. 834.4. Der Name 
zuerst beim Origenes. Beim Augustinus (ha;r, 17, 77) werden Ophitae 
und Opliei unterschieden. 

h) Oi'ig. Cels. C, 194. 30'2 nennt einen vorchi'istlichen Euphrates als 
Stifter. (Matter I. 180.) Nach Gieseler (Beurth. v. Malter, Ih. St. u. K. 
1830. 2.) ist er der irigaTiHog Evcp(jdTT)?, Theod.H. F. 1, 17, und diePc'. 
raten also Ophiten. 

e) Die gnoslischen Mysteriengrade b. Epiph. 25, 2. 26, 9: ipißiort- 
rat, arguTiojTiy.ol, ?.s'vtTiy.oi', dealen auch auf ägyptischen Ursprung hin. 

d) Diese Ableitung (Bahn t, wie in den Ugyptisii-enden Stücken des an- 
gehl. Sauchuniathou durch Philo v. Byhlos, Baarr) scheint den übrigen 
vorzuziehen zu sein : auch der (so b, Fuldner wieder) von Zehaot. 



Die cliristl. Dogmen gcsclilclitc. Erster Tlicil. 4ö 

der Sohn der gefallenen Weisheit '^), ist das eigentlich Wirksame 
und ein Gott widerstrebendes Wesen. Aber eben schon dadurch, 
dass es arbeitet,- erschafft und kämpft, entgeht ihm nach dem oph; 
System die Kraft. Dazu kommt die Macht von Christus, Avelcher 
die Lichltheile, welche sich vom. Anfange in das Wellliche zer- 
streut haben, an sich zieht und vereinigt *). Das D i a g r am m a, 
die Zeichnung der Weltkreise, in denen der böse Geist waltet, 
und durch welche hindurch die Geister zurückgeführt .Averden, 
war zugleich Symbol und magisches Mittel. Für den magischen 
Gebrauch enthält es auch mystische Gebetsformeln °). Der Ge- 
danke, dass sich das weltliche Princip durch sein eigenes Werk 
verzehre, konnte sich mit sittlicher Verderbniss verbinden. Das 
Symbol der Schlange endlich mag in verschiedenem Sinne 
unter ihnen verehrt worden sein ; als das uralte Zeichen sowohl 
für die Welt und die Weltseele {ocpiopOQcpos) als auch für die 
Weisheit; und im Gegensatze zum .ludenlhum^ als Darstellung 
dessen, dass das von Juden Gehas'ste überall das Gute und Bessere 
sei. In ähnlicher Weise dann die Rainiten und die Verehrer 
des Verräthers Judas.*') 

2. Die Aegyptier, Karpokrates (Karpokras) und sein Sohn 
Epiphanes, sollen einen Bund gegen alle menschliche und 
fromme Sitte und alle Volksreligionen ') gestiftet haben : ihre 
Lehren aber aus Missdeutungen philosophischer und biblisclier 



e) Nach Iren. (1, 30") und Theodoret (I, 14) ist diese Sophia keine 
reiue Emanation, wie dev Novg, sondern aus dem überströmenden Lichte 
(als dvaßXvo&tiaa (pojTos ly.fiäs Theod.) entstanden. Gleichsam ein 
nicht zusammengehaltenes, Lestiramtes, persönliches Wesen. Als ge- 
fallne heisst sie auch itqovvikoc, rrgovreixog (Lüsternlieit nach Epiph. 
?5, 4. 37, 6~ — ohne Zweifel aus einem morgenld. VVurzelworte). 

,/) Die ophit. Theorie hat viel Valenlinianisches in sich : aber ver^ 
fälscht, entstellt. Vielleicht gehört dahin auch der Gebrauch des Wor- 
tes atw7>ss für die niederen', die Gestirngeister, dafern die Ophiten das 
Wort so gebraucht haben. 

g-) aialter II. ?20 ss. 

h) Kainitenj auch Kaianer, beim Epiph. dieselben mit den Judasver- 
ehrern, bei Philastr. (34) getrennt. Die Sethiten von Epiph. (37. 39) 
von jenen unterschieden: richtiger als Iren. I, 30 und Theodoret. Ba- 
trachUae im Justinianischen Codex und Philastr. 11, wahrscheinl. auch 
Solche, welche das den Israeliten und Juden Feindselige (Exod. 8, 2 ff.) 
für das Bessere und Göttliche hielten. 

i) G. fl. F. Fuldne.j', de Carpocrafia7iis rlllsenhist. th. Ahhanül. 
3, 180 ff. 

Das Laster haben sie dSid(f.ogov genannt, d. i. unvermeidlich bei der 
Uebermacht des Sinnlichen , .aber unbedeutend, da es ja eben nur sinn- 
lich, äusserlich sei. 



46 Allgemeine Dogmcngcsehiclitc. Erste Periode. 

Idee'n zusammengesetzt gewesen sein. Vornehmlich der von 
der Gerechtigkeit als allgemeiner Gleichheit''), von der Gemein- 
schaft (xoiVMVi'a) und von der göttlichen Monas: ferner der von 
Glauhe, Liehe und von der Gesetzlosigkeit des Weisen. Jesus 
soll ihnen nur wie alle ührigen menschlichen Weisen gegolten 
haben ^). Es war hier wohl kaum noch etwas alt und eigentlich 
Gnoslisches zu finden : die Partei, in der geistig zerfallenen Zeit 
aus fremden Elementen gebildet , hat sich wohl nur ausserlich 
an die ausgeartete (ophitische) Gnosis angeschlossen , oder ist 
zu ihr gerechnet worden. Aber wir erfahren hierbei von einer 
Menge schlechten Stoffes in der damaligen Welt : er setzte sich 
jetzt in Parteien zusammen, welche nur als christliche Häresie 
eine Stelle in der Geschichte behalten haben™). 

3. Gewiss (oben 5) haben diese Parteien lange gedauert ; aber, 
abgesehen davon, dass ihr Name^) auch wohl als schmachvolle 
Bezeichnung ähnlich Gesinnten beigelegt -wurde , so mögen sich 
ihre Spnbole, mit anderen (wie den Abraxaszeichen) untermischt, 
auf viele Parteien ähnlicher Denltungsart fortgepflanzt haben; an 
denen es durch die folgenden Zeiten hin wohl nie gefehlt hat. 
Oefter noch sind sie wohl als magische Zeichen und als Talismane 
fiir den Aberglauben aller Parteien vorgekommen. Aber schon hier- 
durch i^Tirden diese Symbole jeder Zeit ein Gegenstand der Fäl- 
schung und Täuschung °), 



k) Epiphanes Trspl SfAaioawrjS. 

l) Die böberen Reden der Karp. über die Person Christi mögen sich 
allein auf die Präexistenz seiner menschlichen Seele bezogen haben, 

7») Die ähnlichen Parteien: An'titakten ,nnd Prodicianer 
(Clem. AI. Str. 1, 15. 3, 4. 7, Theodoret. H. F. 1, 6. 16), Verächter 
des Gesetzes, als eines Werks vom Judengott. Diese nach Theodoret 
dieselben mit den, seit dem 4. Jahrh. erwähnten, Adamitcn (^ea«5 0- 
bre, sur les Adamites, in Lenfant hist. des Hussites,\\. 355. BayleA. 
Adamiten und Pr'odikus). 

Die BorBorianer {ßopßoßojSr/S alaxQovßyia^ vgl. 2 P. 2, 22) Epiph. 
26, 3. Theod, 1, 13. Philaslr. 73. Vornehmlich die letzten werden 
gewöhnlich auf die Nikolaiten zurückgeführt. 

«) Und durch sie wiederum der Gnostikername (denn die Gnostiker- 
secte schlechthin b. Epiphan. 26 ist ophitisch); bekanntlich auch(Orig. 
Gels. 6^ a. 0.) der Christenname. 

o) Jos. de Hammer, mysierium Baphomeiis revelatum — Fund- 
gruben des Orients VI. 1 (^1818). Dagegen Raynouard Journ. des Sav., 
Märzu. April 819. Neil, Baphomet. Wien 820. 

G. Gesenius, de inscriptione Phoenieio-graeea in Cyrenaica nU' 
per reperta, ad Carpocratianorum, haeresinperttnente. Hai. 825- Vgl. 
Boeckli. ind. lectt. aestiv. Ber. 832. U. F. Kopp, ep. crit., th. St. u. 
Kr. 1833.2. 



Die clirlstl. Ddgmengeschlclite. Erster Tlieil. 47 

§♦ 8* 
Unter den, unelgentllch sogenannten, Gnostikern end- 
lich, denen, welche , im Znsammenhange mit den gnosti- 
schen Bewegungen, nnd mit Anwendung einiger allge- 
meiner Gedanken dieser Parteien , in der Tliat doch in 
anderem Geiste gedacht und gesprochen haben, kurz unter 
den'vermittelnden, zurückmhrenden , nehmen Bar- 
desanes^) nnd Tatianus^) untergeordnete Stellen 
ein 5 aber Marcion von Sinope ist eine durchaus ehren- 
werthe, bedeutende Erscheinung '), und mit ihm sind es 
auch gewiss Manche wenigstens, in der nach ihm genann- 
ten, Partei gewesen^). In diesen Parteien glich sich also 
die Gnosis selbst mit dem christlich-kirchlichen Sinne aus. 
1. Bardesanes von Eclessa, Bar Deisan, um die kirchliche 
Sprache und Dichtkunst der Syrer hochverdient"), entfernt sich 
von der Gnosis entschieden schon durch die Idee der Schöpfung, 
zu welcher er sich bekennt''). " Indem er aber die uralte Vorstel- 
lung, dass das Böse in der Materie wurzele*^), und zugleich die, 
dass das materielle Lehen von den Gestirnen komme, und dem 
Gestirnfatum unterworfen sei , während dem Geiste unbedingte 
Freiheit zustünde''), bestimmt dachte und stark aussprach, immer- 
hin durch gnostische Einflüsse dabei angeregt: war es natürlich, 
ihn den Dualisten, den Gnostikern, völlig beizuzählen. Doch ist 
in der Kirche das ürüieil über seinen Gnosticismus schwankend 
geblieben"'). 



«) F. Str uns, histona Bardesanis et Bardesanistarum. Vit. 710. 
4. A. II ahn, Bardesanes gnosticus, Syrorum primvs hymnologus. 
L. 819: 8. Bpiph. 5ß. Ephraem, Eus. 4, 30. Dial. de recta ßde \s,. L. 
Marcion) 3-5 Sect. Augast. haer. 35. 

h) Dieses zwar nichts als habender höchste Gott geschaflen : aber in- 
dem er den Sohn des Lebendigen und den heil. Geist als die schaß*enden 
Principien aufstellt, kommt er ja doch der kirchlichen Ansicht ganz nahe. 
Die UrkrUfte (Substanzen: vgl. Hahn-. S. 68) der Dinge, welche er zu- 
erst crschaifen sein lässt, erinnern mehr an die plat. Ideenlehre als an 
die gnostischen Aeonen. 

c) So : Satan sei durch sich selbst entstanden {p.v.ro(fvfj?, avroyivvi- 
To?) Dial. de r. f. 72 Wetst. : nümlich durch sich selbst Satan. ' 

d) Bardes. B. ttsqI stfiaQfiivrj? — Fragm. b. Eus. P. E. 8, 10., und 
dasselbe zum grössten Theile, Recogn. 9, 19 — 28. J. C. Orell. 
Alex. Aphr. all. defato quae supersunt. Tur. 824. 202 — 218). 

e) Schon in Beziehung darauf, ob' er von der kirchl. Denkart zur 
Gnosis (Epiph.), oder von dieser zu jener Euseb.) übergegangen sei. 
Ephraem dagegen hält dieorthod. Reden Tur blosse Anbequemung. Har- 
monius, Bard. Sohn, Freund der Griechen, Theodoret. H F 1 'l'» 
Soz. 3, 16. 



48 Allgemeine Dogmeng'eschiclite. Erste Periode. 

2. Tatianus aus Assyrien^) hat in seiner gnostischen Pe- 
riode gewiss im Wesentlichen nichts Anderes gelehrt, als was auch 
seine apologetische Schrift sagt: dass*nur das geistige Wesen gut 
und göttlich sei, und nur die Verbindung mit ihm {av^vyia %ov 
nvEVfiaTOQ) mit Gott vereine. Aber es ist möglich, dass er iu' 
späterer Zeit und in sein Vaterland zurückgekehrt, diese Lehren 
theils mehr im Gegensatze zum Judenthum gedacht, theils prak- 
tischweiter ausgebildet habe°), und hierdurch das Haupt der En- 
kratiten geworden sei. Doch sind die Gxnindsätze, welche die- 
ser Sccte zugeschrieben werden , in allerlei Formen immer vor- 
gekommen, und daher ist denn auch in der kirchlichen Häresiolo- 
gie der Enkratitenname niemals untergegangen^). 

3. Nach der altkirchlichen Meinung, welcher Tertullianus vor- 
angegangen war, halte M a r c i o n (gegen die Mitte des 2. Jahrb. ^)) 
zu den Gefährlichsten in der Gnostikerpartei gehört. Gewiss 
stand er auch mit der bereits angeregten, dogmatischen Rich- 
tung der Kirche im Widerspruche;- und gnostische Formen 
hat er sich ohne Zweifel zu Rom vom Syrer Gerden^) angeeignet. 
Aber dem klaren, praktischen Sinne des Mannes und dem Geiste 
seiner Lehre ist es wohl zuzutrauen, dass er diese Formen nicht 
im eigentlichen Sinne genommen und gebraucht habe. So hat 
denn der gerechte Gott, dem guten entgegengesetzt (nach 
einem alterthümlichen, nicht nach einem gnostischen Sprachge- 



f) D ufo ur de Longuerue, de Tatiano et Encratitis. Vogt. LiLl. 
liaer. 1. 2, 202 ss. fl. A. Daniel, Tatianus d. Apologet. Halle 837. 

g) Tat. Schrift. 'jtsqI tov y.ard tov aojr^pa xazaQZia/iov Cl. AI. 
Str. 3, 12. Eus. 4, 16. 28. 5, 13. Hier. cat. 29. 

h) Tatianer und Enkratiten werden von Origenes undEpiph. (45. 46) 
unterschieden, von Anderen vermischt (^Eus. 4, 29}. Der Name iyxQa- 
TBt? kommt auch als allgemeine Bezeichnung A'or. 

Andere hiiret. Meinungen des Tatian sind wohl nur aus harten Reden 
desselben hergeleitet worden. Wie die von der Verdammniss Adam's 
(vgl. dagegen Sap. 10, 1), Ir. 1, 30. 3, 39., und dass das : es werdeLicht, 
nur ein Wunsch desDemiurg gewesen (Orig. expl. or. rfom .13). Leichtwar 
es^demTat. aucliAeonenlehren beizulegen und DokQtisvxnsiHieron. adGal. 
6. piitativam carneiri introducens, Tat., Encratitarum haeresiarches 
— wie die gewöhnliche, richtige Lesart lautet: vgl. Daniela. 0. 264 If.). 

i) Tertull. adv. Marc. 5. BiaJogus de recta ßde s. conti^a Marcio- 
nitas (Orig. Opp. 1. Ru.) ed. I. R. Wetsten. Bas. 674. 4. (Aus dem 4. 
Jahrh. : den Origenes als Sprecher gegen gnost. Häresis, insbesondere 
^t'^Gn die Marcionitischen Lehren, einführend.) Esnig (Armen. 
Bischof 5. Jahrb.), Marcion's. Glaubenssystem: übersetzt v. Neumann. 
Zeitschr. f. bist. Th. IV. 1. 21 IF. A.Hahn, de gnosi Marcionis anti- 
nomi. Regiom. 820 s. 2Progrr. — Neander und Baur. 

Ä) Iren. I. 28. 3, 5. Epiph. 41. Eus. 4, 11. Theod. H. F..1, 24. 



Die christl. Dogmengescbichfe. Erster Theil. 49 

brauche^)) , dem Marcion wohl nur eine verschiedene (geringere, 
äüsserliche) Offenbarung der Gottheit bedeutet, diejenige, 
•welche dem Jüdenthum in einer äusserlichen , nur auf Aeusserli- 
ch es gestifteten, Religionsgesellschaff zu Theii geworden sei ; aber 
unter der Hyle (mit Satan oft abwechselnd) ™) , welcher das Hei- 
denthum huldigte , mag er die Macht und das Leben des Stoffes, 
des üngeistigen verstanden haben < Die Welt war ihm also ein 
Werk der göttlichen Schöpfermacht, aber endlich, beschränkt, 
und das Geistige allein der Gottheit näher"). In Christus soll 
nach M. der ewige Gott erschienen sein (d. i. in Kraft und Werk 
sich geoffenbart haben) °). Dass M. von der Geburt und Kindheit 
Jesu Nichts wissen: mochte, dieses darf wohl nicht mit der Kirche 
dahii; gedeutet werden , dass er jene nicht für wahrhaft, real ge-^ 
halten habe ; eben so wenig als dieses bei der Kirche der Fall 
Avar, deren evayysXiov ^a auch die ganze irdische Basis vom Leben 
Jesu überging* Und wenigstens den Tod Jesu achtete er doch für 
einen wahrhaften und eigentlichen : dessen Erfolg er freilich mehr 
übersinnlich auffasste, als eine Zerstörung des Todtenreichs. Den 
,, heilbringenden Geist" (Tert. 1, 19) konnte M. Christum nennen, 
ohne ihn für ein Scheinwesen zu halten. Die Bestimmung Christi 
wurde von M. rein menschlich -sittlich aufgefasst, AViedervereini- 
gung mit Gott zu schaffen, in Liebe , ohne Zwang und Furcht : ja 
als Stiftung eines neuen, geistig-ewigen, Reichs^). Diese sittliche 
Richtung der Lehre und Gesellschaft Marcion's wurde auch von 
der Kirche nicht geleugnet, nur ungünstig gedeutet* Auch die 
Dingenach dem Tode wurden von ihm geistiger als in der gewöhn- 
lichen Meinung, und sittlicher als von den Gnostikern, aufgefasst. 



Z) Marcion selbst soll daFdr deü Gegensatz von dya-d-og unti Sixatoe 
Rom. 5, 7 gebraucht haben. Vgl. Athenag. Schntzschr. 29 [ovx 
ajvapxst Stuatotg stpai, dkkd dya&oTe sivai ■jiQoxtizai), Beim Irenäus 
I, 7, 1. 5 (von Baur a. 0. 244 hierher bezogen) liegt die Bedeutung 
nicht im Namen der Gerechten^ sondern in dem tpvytKÖv, als wel- 
ches nur in den Ort des Demiurgen gelangen dürfe. Baäilides hatte ja 
§ixtttoavvy sogar unter den göttlichen Emanationen, Avie auch Nean- 
döf bemerkt (KG. I. 681). Nur beim PtolemUus (Epiph. 33) findet 
sich der Gegensatz. 

m) Bei Theodoret wird Satan (1, 24) als viertes Princip Marcion*3 
angesehen. 

n) Just. M. ap. I. 26 (ttkXov zivd, ojS ovra /isi'^ova, rd fisi^ova - 
nenoiTjxivat). 

o) Christus cirmmlator Bei ^— Tert. Marc. 1, 19. Anfän» des 
Evangelium: — Deus descendit in civitatem — Capernaum. 

P) „Christus novae tantaeque religionia illuminator" Tert. 4 17- 
„Regnum novum annuneiat'^ Z, %i. ' ' 

Dogmengeschichte. 4 



50 Allg'ememe Dograeng'eschlclile. Erste Perlodie. 

Die Entschiedenheit, mit welcher M. dachte und handelte, zeigt 
sich auch in seinen bekannten Unternehmungen 'i), den Kanon der 
heiligen Schriften festzustellen, die christlichen streng von den 
jüdischen zu scheiden, und Grundsätze (exegetische und theologi- 
sche ")) für die Auslegung der Schrift aufzustellen : wie befangen 
und einseitig er auch hierbei oft verfahren sein möge. 

4. Marcion wollte als Bildner des kirchlich- ungeordneten 
und gnostisch- verwirrten Lebens der Christen auftreten , und 
hierin, wie in dem geistig- anregenden Charakter seiner Lehre, 
mag der Grund davon gelegen haben, dass sich sehr Verschiedene 
an seine Partei anschlössen, und von der von den KVätern so viel 
besprochenen Getheiltheit der Marcioniten ') . Aber an eine Verei- 
nigung irgend einer von diesen Parteien mit den Ophiten ist kaum 
zu glauben. Auch die wahrscheinlich lange Dauer der Partei be- 
greift sich aus ihrem Geiste, ilirer Verwaltung und ihrer geordne- 
ten Verfassung*). Apelles, einer der Vorzüglichsten unter deii 
Marcioniten"), scheint dieLehrformen des Marcion alexandrinisch- 
bildlicher ausgeführt zu haben : die schaffenden Kräfte Gottes (er 
erklärte sich entschieden für Ein Princip der Dinge) werden als 
Christus, als der edle Engel und als der Feuergeist (a;2^e/M5 mc/y- 
tus nnäigneus) dargestellt: in Beziehung auf die Welt der Ideale, 
die unvollkommene Welt und die der Materie. Christus aber habe 
sich in seinem Herabsteigen auf die Erde einen sinnlichen Leib 
bereitet, welchen er in der Himmelfahrt zurückgegeben. Die 
heiligen Schriften nahm Apelles als Gegenstand freier Prüfung 



. q) II ahn, antUhescs Marc, Über — rcslitutus. Reg. 823. Der s. 
das Evang. Mavcion's in s. urspr. Gestalt. Kgsb. 823. (vgl. Thilo, Cod. 
apoer. N. T. 401 ss.) Ei. de canonc Marc. Rßgiom. 824. Die neueren 
kritischen Schriften zum N. T. über Marc. Kanon und Verbesseran- 
gen des N. T. : vorn. Credner Beitrr. 40 IT. 

r) Exegetische: Verwerfung der allegor. Deutung : Bial. de recta 
F. low. : xpü.al aiyQacp(t,l,ov voiixui; — tbeol.': Annahme der Accom- 
luodationslchre. 

s) Eis SiacpÖQor? yvojuas — Siaazaaa von der Marc.partei Hhodon 
Eus. 3, 13. Auch das Buch des Augustinus contra adversarium legis 
ei prophetariim (Opp. VIII.) war gegen die Marcioniliscbe Partei vei;'- 
fasst(Retr. 2, 58). 

t) Myrias bekehrter Marcioniten, Theodoret ep. 113 (aber Marcioni- 
ten und Ophiten anderwärts A'ermischend, H. F. 1,24). Kaisergesetze 
gegen sie Euseb. Vit. Const. 3, 64 s. 

v) Tertull. (auch in einer besond. Schrift contra Jpelleianos, carn. 
C/t?'. 8.), Rhodon, Tatian's Schüler, gegen Apelles, Eus. 5, 131.Epiph. 
4, Ö. (Routh 1. 347 ss.) Theodoret 1, 25. Philumene, deren Offenbarun- 
gen (jfavsQwatit) Apelles geschrieben hat, mag mit Beausobre und 
Baur für einen allegorischen Namen .gehalten werden. 



Die clirisü. Dogmengeschichte. Erster Theil. öl 

und AuswahFj»; im A. T. wiesen seine Gv'k'köyiGf,iol (Resultate) 
Widersprüche, und diesem gemäss einen verschiedenen Ursprung 
nach. Zuletzt hlieb er bei einer Lehre vom Glauben stehn. 

Mit den Lehren des Apelles steht, wie bereits von Baur bemerkt 
Worden, Manches in den berühmten Clementinischen Homilie'n 
(Unterhaltungen zwischen Simon Magus und Petrus) ''^) in unver- 
kennbar verwandtschaftlichem Verhältnisse. Ist nun gleich das 
Ganze offenbar gegen einige Lebren Marcion's verfasst, vornehm- 
lich gegen die von dem guten und gerechten Gott und von der 
unbedingten Verwerflichkeit des A. T. ; so kann man dennöcli 
wohl annehmen , dass die Schrift einem alexandrinischen Marcio- 
niten angehöre , welcher sie ja auch nur anderen Marcioniten 
entgegengesetzt haben kann. Auch Bardesanes soll ja gegen 
die marcion. Lehre geschrieben haben. Für ein rein-ebionitisches 
Wei'k (oben S. 29) mochten diese Schriften kaum zu halten sein. 
Die wesentlichen Idee'n der Clementinen sind : Erschaffung aller 
Dinge durch Gott, auch des elementarischen Stoffs, welcher die 
Beengung und Pein für die Geister sei ; die Lichtnatur, die Gott- 
verwandtsChaft und die Freiheit des menschlichen Geistes , daher 
Gottes Offenbarung von Anbeginn an die Menschengeister ^), und 
darum die Einheit der Offenbarung (des Geistes Adam's) durch 
alle Propheten hin und bei Christus. Dazu kommen freie Grund- 
sätze über die Religion des A. T. , welche ja schöii jenen Haupt- 
Mee'n zufolge hier einen untergeordneten Rang haben musste^). 



v) So wui'de von Ap. äas ylvsa&s Soaiftoi r^ansttrai (Jleinichen 
exe. 9 ad Bus. III. 389 ss. Hansel ü. 1 Thess. 5, 21 s., Th. Stud. 
«. Kr. 1836) gebraucht: xqoj, dno Träayg y^aaijs dvaXävwv rd VP7J~ 
ai/ia, Epiph, 44, ?. 

zo) Nach Neander und neben Banr (Gr. Gnosis 300 IT.) D. von 
Coelln, Cleraentinen — AUg, Encyklop. XVIII. 136 ff. 

x) Das älteste System des Rationatlsmas in der ehr. Kirche • 

17, 17. Tm fvatßal ifitpvrw x. xa&agio dvaßXv^ei. reo vco ro d?^7]d-ie 
a. s. w. Ehds. gegen vorübergehende Einwirkungen Goües — 3, 18, 
8, 6 s. Einheit des Prophetenthums bis auf Christus. 

y) Zu solchen vermittelnden Versuchen gehört auch wohl die Lehre 
der Schrift (an €lem. Alex.): «« twv Qeo86tcv xal rijg dvarohxr/S 
xaAov^. diöaaxaUae — iitcrofiai, und nach dieser Ansicht hat sie 
ihren Einen,^ zusammenhängenden Sinn. „Der höhere Logos (der fio- 
vayavTjs) schafft durch den niederen,- weltlichen {'WQojTÖroxos) , aber 
im Abglanze seiner Herrlichkeit {(pwTiofio? Sö^i]?) und in unmittel- 
barer That (tiqossx^s ivBQysia). Die göttl. Weisheit führt es im Ein- 
zelnen durch." Einen andern Charakter haben die ix tojv ngotprjTinojv 
txAoy'ai , von denen unten. 

Wenn Theodotus derselbe gewesen ist, welcher als Stifter der 
Melchisedekiten aufgeführt "wird (Epiph. 55. Theod. 2, 6. Philastr. 
52)j so hegt vielleicht darin eine Spur davon, dass er sich zu einer 

4" 



S2 Allgemeine Dog^cngescMcLte. Erste Periode. 

Eine vielgestaltige Erscheinung;, durch die Meinungen 
dieser Zeiten hindurchgehend , war der Dohetismus^): 
hald zur Gnosis gehörig, jedoch nicht in allen ihren For- 
men gefunden, bald auch selbst in der kirchlichen An- 
sicht von Person und Leben Christi entwickelt. ^) Im All- 
gemeinen legt sich in demselben die Richtung dar , die 
christliche Urgeschichte nicht in apostolischer Art und 
Denkweise, vielmehr phantastisch, und auf Kosten der 
christlichen Wahrheit und des ehristlichen Geistes, zu 
idealisiren. ') 

1. Was man dokelistische Lehre genannt hat''), ist geschicht- 
lich etwas sehr Verschiedenartiges. 1) haben Ausdrücke dafiir 
so geheissen , dass die Leiber , in denen Himmlische erschienen 
seien , nicht zu ihrem Wesen gehört haben , sondern nur irdisch 
angenommen worden seien (Josephus , Philo) : 2) die Lehre (Ba- 
silides), dass das Menschliche (Psychische) an Christus keine 
Kraft zur Erlösung gehabt habe ; von Marcion nur stärker aus- 
gesprochen: Christus sei als reiner Geist erschienen : 3) die, dass 
die leibliche Natur Jesu blos Schein, Phantom, Täuschung gewe- 
sen (Simonianer). 4) Dass dieselbe vom Himmel herabgekommen, 
überirdisch, nur mit sinnlichem Scheine, gewesen (Valentinus, Bar- 
desanes)^). 5) Dass sie nicht die Grundlage und das Werkzeug 
aller irdischen Zustände gewesen sei, sondern im Tode ver- 
tauscht mit einer anderen Natur (Bjisilidianer). Man hat auch wohl 
6) die Lehre noch zum Doketismus gerechnet , nach welcher in 
der christlichen Vorstellung von Christus ein zwiefaches Wesen, 
aber entweder gar nicht oder nur vorübergehend, verbünden, an- 



sehr allgemeinen Religlonsansicht erhoben habe : denn als deren Typus 
hat Melch. oft gegolten. Eine ungehörige Verehrung des Melch. (als 
des heiligen Geistes ) wird auch den Hierakiten beigelegt, 
diesen ägypt. Gnostikern des 3. Jahrh. (Epiph. 67. Aug. haer. 47). 
Auch diese hingen wahrscheinl. mit den (vermittelnden) Platonikera 
zusammen, daher sie auch für Origeuisten gehalten wurden. 

fl) Fales. ad Eus. 6, \%. H. A. Niemeyer, de docetis. Hai. 8?3. 
Das Soxsiv zuerst so bei Ignatius, dann beim TertuUianus. 

b) Das Himmlische nach altgewöhnlicher Ansicht als Stoff höherer 
Art oder als kein Stoff angesehen. Vgl. Hehr. 9, 11. 

Die doketistischen Meinungen 3) und 4) wurden schon oft von einander 
unterschieden. Novatian. tnn. 10 (^Christum., qui in imagine fuity 
et non in veritate — qni aetheream s. sideream voluit carnem). 
Moneta 3, 3 u, A. Irenäus stellt sie und andere wechselsweise dar — 
3, 16. 5, 14und Beausobre H. 137. Oft vermischten sie sich mit eiu- 
ander— Ilgen,Einl. z. B. Tobi (bei i;j, 19) S. ?63. 



Die clirlsll. Dogiracng-esclilclite. Erster Tliell. Ö5 

genommen wurde (Cerinthns) : wobei indessen immer mehr das 
Göttliche als das Menschliche in Christus verringert wurde. 
Die spätere Kirche fand mit mehr Recht 7) alle diejenigen Leh- 
ren (Apollinarismus, Eutychianismus) doketistisch, in denen die 
Menschheit Jesu zwar anerkannt wurde, aber nicht rein und voll- 
ständig, oder das Göttliche in einem unbedingten, vernichtenden 
Uebergewichte über das Menschliche aufgefasst. Aber nicht gehört 
in den doketistischen Meinungskreis die orientalische Lehre von 
der Nichtigkeit und der Täuschung der welllichen Dinge. 

2. In den gnostischen Parteien war der Doketismus natürlicher 
Weise weder denen angemessen, welche die Person Christi nur 
menschlich auffassten, sie geradezu nur den menschlichen Weisen 
zugesellend (Karpokratianer), noch denen, welche von Christus 
eine geschichtliche, sittliche Wirkung unter den Menschen her- 
leiteten (IMlßEcion). Neben der Gnosis finden sich (jedoch immer 
zweideutige) Spuren des Doketismus zu Antiochia *=) und zu Alexan- 
dria ^) im 2. und 3. Jahrhundert. Indessen lag in der That die 
Doketensprache der alterthümlich- morgenländischen Ausdrucks- 
weise zu nahe, als dass sich auch die kirchliche Darstellung 
ganz rein von ihr zu halten vermocht hätte, 

3. Von drei Arten die christliche Urgeschichte zu idealisiren» 
der religiösen, derspeculativen, derp ha ntas tischen, 
hat sich der Doketismus an die letztere gehalten. Bei der Gno-- 
sis kamen hinzu, oder entschieden auch allein für die. doketisti- 
sche Ansicht, ailte Voll^svorstellungen , nach denen es entweder 
unerträglich erachtet wurde , dass das Himmlische im Menschen- 
leib erschienen sei, oder unmöglich, dass derjenige vomDemiurg 
Et\^'as angenommen habe, welcher ihn habe überwinden sollen, 
und der eine materielle Natur getragen , welcher nichts Böses 
JiabQ an sich tragen dürfe«, 

§♦10* 

Endlich trat in dieser Perlode , aher für eine lange, 
folfferelche Einwirkung-, dasselbe , das dualistisch-emana- 
tistische Heidenthum, als M a ni c h ä i s m u s in die Kirche 



c) Serapion, B. von Antiochia, 2. Jahrh. Ausg., Euseb. 6, 12 — 
von der Doketensecte und ihrem Evang. Petri — Doch wird von Cred- 
ner (Beitrr. z. Einl. 263 s.) der Stifter derselben, Mapy.tavd? , von 
einem Anhänger der Secte des Marcus, Markosier, verstanden j also auf 
einen gnostis'chen Doketismus bezogen. 

d) Jul. Gassianus, dem. Alex. Str. 3, 13, 1. 6 rrji (ioxjjaswg tl- 
(XQxoiv 17, 1. Zweifelhaft ob derselbe mit Koaaiavos Theodoren 
H. F. 1, 8. 



54 Allgemeine Dogmcngescliiclite. Erste Perlode. 

ein. ^) Für jetzt zwar nur nocb in seiner Grundlage, aber 
vom Anfange an doch als VersucL, von jenem Standpuncte 
aus cntscUiedenerj und reiner noch altcrthümlich-orienta- 
lisch, auch geordneter als es in der Gnosis geschehen 
ivar^), jedoch am meisten in jarglistiger Anbequemung^'), 
gegen das Christenthum zu wirken. Die Partei hat sich 
sclion in dieser und im Beginn der folgenden Periode, 
bedeutend verbreitet, jedoch ohne Zweifel mit grossen 
Verschiedenheiten. '*) 

1. Ursprung und früheste Geschichte des Manie h als mus^) 
sind in jedem Falle unbekannt; die kirchlichen Berichte hierüber 
stellen ein buntes Gemisch von Traditionen , Fabeln und Misverr 
Ständnissen dar , und es ist umsonst sie vereinigen zu wollen : ja 
man darf wohl gar nicht von der Annahme einer persönlichen 
Geschichte des Mani ausgehen. Wie der Name schon eine allr 
gemeine Bedeutung hat'') , und in der Partei etwa nur so galt wie 



a) Acta disputationis Arehelai ep. Mesopotamiae ef Mar 
netis haeresiarchae (Lat. ausser den Bruchstücken bei Epiplianius und 
Cyrill von Jerusalem: wahrsch. war der griechische Text Original) : 
L.A. Zacagni Collect, monumentt. vett. eccl. gr. et lat. Rom 698. 
(Fabric. Ausgabe des Hippolytns II. 134 ss, Gallandi III. Mansi ainpl. 
Coli. I. 1129 ssO Routh. IV. 119 ss. Vgl. Hieron. cat. 72. Phot. 85. 
Epiph. 66. Cyr. Hier. 6, 13. Eus. 7, 31. Theodoret. H. F. 1, 26. und 
die übrigen Häresiologen. Widerlegungen: AlcxandriLycopolitae ■ttqos 
rag Mavi'/alov Sö^a? Covibejis. Auctar., noviss. II. 3 ss. Didym. 
y.ard Maviyalojv ebdas. 21 f. Titi Bostrens, y.azd Ma.viy_ai(ov (Hie- 
ron, cat. 192. Phot. 232) Basnag. thes. I. 59 ss. (Gall. V). Gregor. 
Nyss. av/J.oytafiol y.ard Maviyaiojv QLU). und Au gustin 's Schrif- 
ten gegen die Man., 8. Th. Bened. (1. Th. : de genesi contra Man., 
de moribiis eccl. catlt. und de mor. Man.) Mani angebliche Schrifr 
ten, ^vart'iQiov , svayyäXiov , ■d'rjoavQog, Fabric. B. gr. V. 284 ss. 
(VII. 315 ss.) epist. fundamenti und andere Briefe. 

J. C. JFolf, Manichaeismus ante Manichaeos. Hamb.. 708. 4. 
J.B cau sohre oben S.36. erw.B. GegenBeaus,^ als milderenBeurtheiler 
und als Feind der Kirche. A. A. Georgii Alphabetmn Tibetanum. 
Rom. 762. 4. Gegen ßayle philos. u. bist. Vertheidigung desselben, Leibr 
nilz, Mosbeim, Lardner. Neuerlich: It. A. v. Reichlin-Meldegg, 
die Theologie des Magiers Manes und ihr Ursprung. Frkf. 825. A. 
F. V. de. }F egnern: Manichch. indulgentiae , cum brevl totius 
Maiiichaeismi adumbratione — L. 827. 8 (Vgl. Gi eseler, Th. St. 
u. Kr. 1, 3). Vornehmlich: F. C. Baur: das manicbäische Religi- 
onssvstem. Tüb. 831. 

b){}: e r g. I. c. XXXV. P. v. B o h 1 e n, Indien 1, 374 (Auf Indien deuten 
schon Aeltere bei Mani hin , wie Suid. u. MävTjs — P^ßuere, die vier 
Schrr. Mani's mit den 4 Veda's vergleichend). Die morgenländ. und 
africanische Kirclie deutete den Namen in das hebräische Menachem. 
m\i(Manichaeus),a\e Griechen in Manes, nach dem Anklang xaxiMavsis. 



Die cliristl. Doffinciig^esclilchtc. Erster Thell. öo 

der des Buddha (welcher ja seihst in die Sagen von Mani mit 
verweht worden ist), so ist der Manichäisinus wohl nur als ein 
Ereigniss, eine Epoche anzusehen : nJimlich als das Eindringen 
einer, durch die wiederhergestellte zoroastrisch-raagische Religi- 
onslehre in Persien verdrängten*^), dualistischen Volksreligion, in 
die christliche Welt und in die Kirche. Dieses aher nur in 
entschieden feindseliger Absicht , um in dieser die Macht wie- 
derzuerlangen , welche sie in ihrem Vaterlande verloren halte. 
Die letzten Jahrzehende des 3. Jahrh. haben dieses Ereigniss in 
sich getragen : die meisten Nachrichten weisen auf die Regie- 
rungszeit des Probus hin (275 IT.). 

2. Ohne Zweifel war der Manichäismus von Anfang an und 
in sich seihst vielgestaltig (^öy/LiaTa ea /lwqIwv aigioeMV ovfi- 
i7rf^o(>57/t£Va Euseb.), und eshahen sich mit ihm auch vielleicht 
schon während er hervorbrach, mancherlei andere Parteien aus 
dem Oriente vermischt; ja es hat wohl das bösartigste und ver- 
worrenste Heidenthum jener Gegenden und Zeiten das Seine in 
demselben abgelagert'^) : wie ja die Begriffe von Manichäismus 
und Heidenthum Wechselbegriffe in der kirchlichen Sprache ge- 
blieben sind. Diese Verschiedenartigkeit und Verworrenheit erhielt 
durch die Mysterienverfassung der Partei noch mehr Nahrung 
und Bestand. Aber was in demselben allgemein war, dieses bestand 
1) im Verhältnisse zur Gnosis (mit welcher ersieh freilich auch 
theilweis wieder vermischte, und welche hinwiederum th eil weis in 
ihn überging) in dem tiefer und eigentlicher orientalischen und 
dualistischen Charakter: auch war er, wie gesagt, nach Princip 
und Plan feindseliger gegen das Christenthum , endlich durchaus 
organisirter. Und 2) im Verhältnisse zur Kirche zeigte er sich 
überall als entschieden, zerstörend, vollständiger heidnisch, und 
schon nach seiner ganzen Richtung fremdartig , indem er nur 



Der dunkle Name Terebinthns, welcher in diesen Sagen mit dem des 
Buddha bald abwechselt, bald zusammengestellt wird, ist zuletzt viel- 
leicht nur eine gTlechische Verstümmelung von diesem i^MvarriQiov 
BovSa), 

ß) S. de Sa ei/, Memoires sur diverses antiquites de la Perse. 
Par. 793. 4. 298 ss. 

Der vornehmste Unterschied zwischen den orient. und den griechi- 
schen Nachrichten von Mani (vgl. Her bei ot Bibl. u. d. W. Mani. 
Pocoeke, Spee. Ins f. ar. 149) liegt eben darin, dass jene die Sache 
mehr mit den pei'sischea Geschichten verbinden. 

d) August. Faust. 20, 23: Nee- vos gentium schisma estis, 
qüia piurimum ab Ulis distatis in -peius. 



S6 Allgemeine Dogmengeschiclite. Erste Periode. 

Kosmologie sein wollte, und dieses auf dualistischer , pantheisti 
scher, materialistischer Grundlage.^) 

3. Die Anhequemung an die christlich-kirchlichen Formen ^) 
gehörte wohl nicht blos der äusserlichen Darstellung und den 
niederen Graden des Manichäismus an, sondern zu seinem Wesen 
und System , indem es ihm nicht um einen Kampf mit dem Chri- 
slenthum oder eine Reformation desselben , sondern um seine 
Verdrängung zu thun war. Jene ist niemals weiter getrieben wor- 
den als bei ihm. Die Manichäer behaupten, Trinität, Christus, 
Jesus , Menschwerdung' Gottes und Menschensohn , Leiden und 
Tod Jesu, Geistesgabe, Kirche bei sich zu haben , und natürlich, 
nicht nur so gut wie die Kirche, sondern mehr und besser als diese. 

4. Die ausserordentliche Verbreitung des Manichäismus, noch 
im dritten, und immer von Neuem, unter m-annichfachen Verfol- 
gningen^), im 4. und 5. Jahrhundert, zeugt theils von einer fort- 
währenden grossen Erregung und Empfänglichkeit des geistigen 
Lebens jener Zeit; theils auch wohl von der frischen Kraft, welche 
diese Art des Heidenlhums in sich trug ; theils von einer gros- 
sen Fügsamkeit der manichäischen Lehre und Partei. Denn ohne 
Zweifei waren es Manichäer verschieden-er Art , die im Orient, 
Lesonders in Persien und Indien, und die ägyptischen, die in Vor- 
derasien, die Römischen und im proconsularischen Africa''). 



e) Der Vorwarf der blossen Gläubigkeit, welchen der Man. den 
Christen zu machen pflegt, bezieht sich zugleich auf ihren Offenba- 
rungsglauben {dnXäQiOL, Archel. 10, creduli u. s. w. genannt) und 
auf den Mangel der Speculation (Aug. Faust. 5 , 1 ausfiihrlich dager 
gen). Aber der Speculation gab der Man. die bestimmte, ausschliess- 
liche Richtung auf die Geheimnisse der Natur : Avgust. acta c. Feiice 
1, 9. {Dociiit iios initittm, medium et finem: doc. nos de fabrica 
vnmdi, quare facta est et unde facta est et qui fecerunt: docuit 
nos, quare dies et quare nox; doc. nos de cursu solis et cuvsu 
lunae ctc.~) 

f) Von Agapius {^k, Jahrh.) Pholius, 179: aythov anavTa rd 
T7;g svafßiiae xal Tcagd Spiarai'oJe ovofiara t^t a.XXai% — ivvoiais 
fitxa(f.iQO)v aal TTSQtTL-d'i'i?., ovTOJ TT)V oixtittv aasßsiav TrstQarat xpa— 
ivrkiv. Agapius stellte siph s.ogar als Polemiker gegen Eunomins auf. 

g) Diocletianus Edict gegen die Manichäer (als Persersecte und 
im Zusammenhange mit den fortwährenden Beschlüssen gegen orien- 
talische Magie) von 296 in : Mosaicarum et Rx)m. legum, collatio, tit. 15. 
S. 116. ed. Blume {,,Ferendum est, nc forte — aeeidente tempore co~ 
ncniur per exsecraiidas consuetiidi7ies et saevas leges Persarum — 
vnlversum orhem nos fr um veluti venenis suis inficere") : oft kritisch 
bestritten (Wa Ich, G. d.Ketz. I. 804 ff.): yerlh. auch von iVe an der 
K. G. I. 858. Spätere Edicte iin 4. Jahrh. u^ s. w. {Gothofr. ad C. 
Theod. XVI. 5, 7) und Justinianus {Basilic. ed. ffeimbaek 1. 47 ss.). 

Ä) Zweifelhaft ist es, ob üeberreste oder Verwandte, voif ihnen die 
Magusäer {Basü. ep. ?o83, oder noch die jetzigen Teufelsanbeter im 



Die christl. Dogmengesblilclite. Erster Thell. S7 

Die allgemeinen Gedanlten des Manicliäismus kommen 
hinaus auf die Lehre von einer ursprünglichen und blel- 
henden Geschiedenheit des Reiches des Lichts und der 
Finsterniss '.), von der Weltentsteliung: , nicht durch die 
Vermischung; der beiden (wie bei den dualistischen Gno- 
stifcern) , sondern zur Läuterung^ und Wiedervereinigung: 
der gefesselten Lichttheile ^) 5 ferner auf eine völlig mate- 
rialistische Ansicht der Welt und des Lebens ^) 5 und auf 
die unbedingteste Freiheit Im Gebrauche der heiligen 
Schriften*). Die Gesellschaft war in Graden und umfas- 
send organlsirtO« 

1 . Der ursprüngliche Gegensatz wird im Manichäismus sowohl 
als zwei Reiche, Naturen, Substanzen *), als auch wie zwei Herr- 
scher von Anbeginn beschrieben : und es leidet keinen Zweifel, 
dass dieser Gegensatz als ein wirklicher, substantieller angesehen 
■wurde. Es ist wohl zu glauben , dass der Gottesname in ihm 
nur dem guten Princip beigelegt worden sei''), so dass er bei ihm 
nur die Alles umfassende Macht und Wirksamkeit, das Leben und 
die Geschichte der Welt bedeutete. Wie aber das Reich des Bösen 
vor der Weltschöpfung ewige Kämpfe in sich selbst gehabt haben 
soll ; so wird es nach der man. Lehre auch nach dem Weltunter- 
gange sein : keine gnostische Wiederherstellung ") . 

2. Es liegt ein tiefer Sinn darin, dass der Man. dem Bösen 
nicht die Kraft zu schaffen beilegen mochte: auch wollte er 
>\'ohl das llebergewicht des guten Princips in der bestehenden 



Orient seien (Jezid's : Niebuh r, Beschr. v. Ar. 344 If., und die Neue- 
ren")— Amin on, Fortb. d. Chr. II. 1. 111 ff. 

Die AbschwöruDgsPormeln fiir die Manicbäer : Jo. Goar. encholog. 
gr. 885. Coteler. ad dem.. Recogn. i, 27. (PP. apostl. I. 537 ss.) Jo. 
Toll, insign. itin. lit. {Trat. 696) \%1 ss. {Galland. III). Vgl. Cave 
H. L. L 141 s. 

ö) Jedes Reich mit fünf Elementen (stirps Bei ^ stirps tenebrarum). 
Die der Hyle Aug. ep. fand. 31. haeres. 46 (fumus, tenebrae, ignis, 
aqua, venhis). Gewiss bezieht sich auf diese Fünfzahl der Elemente 
(quinta essentia)) der Vorwurf des 'Agtaronhuov bei Cyr. Hi. 6, 13 
(Vgl. Lehrb. d. DG. 236). 

b) Faust, ap. August. %\, \ t Nunquam in nosiris quidem asser- 
tionibus duorum Deorum audttum est nomen. Dagegen Epiphanias 
(66, 25 : Svo S-iOvS aäßti aiyhvvtixovi etc.) und überhaupt die kirch- 
liche Meinung. 

c) Are hei. 11 : nach der Weltverbrennung (diese trifft die Welt- 
schlacke , nachdem das Göttliche ausgeschieden) dnoHaTaoTaaie h'avat 
T(ay Sie (pvasoiv. 



S8 AUgcmelne Dogmöngesclilclite. Erste Periode. 

Welt darstellen, indem er deren Entstehung^ dem Plane undWerke 
des guten Princips zuschrieb. Die Ausführung des Gedankens 
war die : Nachdem das Reich des Bösen den ihm hei seinem Drange 
nach dem Lichtreiche entgegengesetzten Sohn der Lehens- 
mutter, den ersten Menschen, überwninden hatte, riss 
es dessen Lichtelement, seine Waffenrüstung, an sich und rüstete 
damit dämonische Naturen, Geisterfursten seiner Art (Archonten) 
aus. Eine andere Emanation des Guten, der 1 eh endige Geist'^), 
umgibt diese nun mit einer Schöpfung, welche sie festhält, und. 
innerhalb welcher die geraubten Lichttheile wieder aus ihrer 
Gefangenschaft ausgeschieden, geläutert und zu dem freigeblie- 
benen Lichte gesammelt werden sollen. Der Mensch , aus den 
edelsten Theilen jener gefesselten Archonten®), nach dem Bilde 
des ersten Menschen erschaffen, ist der vornehmste Gegenstand 
und zugleich das vornehmste Werkzeug für jenen grossen Läute- 
rungsprocess der Welt. Das freigebliebene Licht ist Christus^), 
das gefesselte ist Jesus, der \eiHens{ähige (na'd'r/TOS, pattbilis)°). 
Die Sonne ist der Sitz von jenem : Christus und Sonne wechseln 
daher in der nianich. Bildersprache immer mit einander ab. Aber 
ausser dem allgemeinen Process der Läuterung^') hat der Son- 
nengeist noch in einer besonderen Incarnation auf Welt und gei- 



d) Der heilige Geist ist in der manicli. Accommodation bald dieser 
lebendige Geist, bald die Lebensmntter, bald der geistig-sittliche Zug 
in den menschlichen Geistern. Hier wird er dann leicht mit Christus 
selbst abwechselnd erwähnt (Jug. Faust. 20, 2: Christus Del 
virtns et sapientia : virtus quidem in sole, sap. vero in luna habifat). 

e) Die Archonten, aus welchen (die Kirche pflegte zu deuten: durch 
welche) die Menschen geschalTen sein sollen, werden ^a-Aüe (Epiph, 
36, 10) und NsßgojB genannt: Theodoret. a. 0. u. A. 

f) Auch dextera luminis {Mani b. Aug. de actis cum, Fei. 1, 16: 
dextera luminis vos tueatu]' et eripiat vos ab omni incursione ma- 
ligna). 

g) Das vielfach ausgerdhrte Bild der Kreuzigung der Archonten 
oder Jesu am Firmament und durch die ganze Natur {Christus con- 
ßxus , coUigatus , concretus, Aug. Faust. %, 5, crueißxus, dis- 
tentus u. s. w.)- Am Holz gekreuzigt : d. i. das höhere Princip arbeitet 
sich aus den niederen Gebieten der Natur herauf. 

h) In diesen die Nalurallegorie'n von dem mächtigen Apparat (Ar- 
chel. 3. and ) zum Ausschöpfen und Treiben des geistigen Lebens aus 
dem StolTe heraus^ oder dichterischer, von dem Reize der Lichtjung^ 
frau für das geistige Element, von den Licht- oder Seelenschiffen, 
Sonne und Mond (naves ad evectationem — transfretationem praepa- 
ratac : Mani b. Aug. de nat. boni 44), von dem Liebesdrang der Ar- 
chonten als dem Grunde aller Naturphänomene, vom Omophoros und 
Splendilcnens, Ti-ägern von Erde und Himmel (Archel. 7. Aug. Faust. 
30, 9. 35, 5 — 7). Es ist klar, dass in diese letzten Bilder Atlas und 
der Orphische Phanes (.Thilo zu Synes. S. 100 ff.) hereiugeflossen sind. 



Die cliristl. DogmeiigescliicLte. Erster Tliell. SO 

stige Menschheit eingewirkt : dieses war die irdische Erscheinung 
Jesu. Doch wie der Manichäismus diese durchaus unter einem 
poetischen und doketistischen Gesichtspuncte auffasst, welchen 
die kirchlichen Darstellungen verschieden angehen , und nach 
der untergeordneten Stellung, welche er dem Christenthum an- 
weist, ist es wohl anzunehmen , dass er die Person und Erschei- 
nung Christi nur als Allegorie {Inideiyina Alex. Lyc.) habe gel- 
ten lassen wollen') : ührigens das Geschichtliche derselben im 
Allgemeinen einräumend, aber als Dinge von geringer Bedeu- 
tung^). 

3. Der Materialismus (in der Kirche gewöhnl. im Manichäis- 
mus mehr alsAnthropomorphismus aufgefasst ^)) geht durch 
das ganze System hindurch. Geist, Licht, Aether bedeuten in ihm 
dasselbe : der Process der Welt ist nur die Rückläuterung des 
Materiellen, Trüben, Dichten in das Einfache, Ursprüngliche, der 
Massein die Kraft"^), und, wenn die Partei auch nach den Zeug- 
nissen der Gegner sich in sittlich-würdiger und ernster Haltung ") 
behauptet hat , insoweit ihre Erscheinung offenkundig war , so 
lagen doch die Grundlehren derselben, die, wenn gleich materia- 
listische, Vei'achtung der Materie"), auch der entgegengesetzten 
Auffassung und Behandlung offen. Mit jener materialistischen 
Ansicht hängt dann die Lehre von der Metempsychosein der Durch- 
führung, wie sie der Manichäismus zuerst in der Kirche ihr 
zu Theil werden liess, ganz natürlich zusammen^). 



i) Daher wird die Sendung Christi bisweilen auch als eine Wi ed er- 
holte beschrieben. Vielleicht verstand M. bald nur die Mission, Be- 
stimmung der Menschheit, bald die Gestalten darunteri Avelche der 
Novs in den Menschengeistern annehme. Aug. Faust. 16, 10; Sub 
Christi nomine iTiescio quid Colitis , quod nobis mentiendo finxistis. 

k) Alex. Lycop. 24: tt/v hhyo [livrjv iiaXaidv anaaav toTOQiav 
(von Christus) ixßäXloiat. 

l) August, de gen. c. Man. i, 37. Confess. 5, 10. 

in) Die geretteten Seelen werden als LichtsUule über der Sonne 
(arüAos (pojTo? Epiph., xtojv Agap. b. Phot.) dargestellt: der ursprüng- 
liche Aether, Grund und Mittelpunct der Natur {rihioe djjo) , in wel- 
chen jene Seelen zurückkehren sollen. 

7i) Signactdum, oris , rhanuum, si7ius : Aug. mor. M. 10 ss. 

,o) Die Lehre von zwei Seelen des Menschen lag in dem ganzen ma- 
nich. System, wenn sie gleich ausdrücklich nur von Augustinus berich- 
tet wird (daher von Baur S. 163 ff. bezweifelt). Merkwürdig ist die 
Herabsetzung des Gefühls, als einer nur psychischen Sache, bei den 
Manichäern. Theodoret: tijv sls rovs Trivjjrae yivoftivTjv (piAav- 
•d'Qwitiav , T^s vXrjS ß'EQanslav Xiyovai, 

ji) Msrsfixjjvyo'iosts Agapius : Faust. 30, 21 : revolutiones. 



60 Allgemeine DogmcngicscLiclite. Erste Perlode. 

4. Wie Mani als die Erscheinung des Parakleti) , so wurden 
seine Schriften als das Höchste von heiliger Schrift angesehen. 
Neben ihnen wurden nun auch die urehristlichen Schriften äusser- 
lich anerkannt '■). Aber erstens mit Apokryphen untermischt, 
für welche diese Partei eine sehr ergiebige Stätte wurde*). Dann 
mit ausdrücklicher Unterordnung unter den höheren Geist und 
unter die Vernunft. Ferner nach der fi^eiesten Kritik der Schrif- 
ten und einzelnen' Stellen (besonders bei und in den Evangelien) 
und mit der willkührlichsten Deutung*). Dazu kam noch die un- 
beschränkteste Anwendung der Lehre von der Anbequemung im 
Leben Jesu und in der heiligen Schrift"). Judenthum und A. T. 
galten nicht nur als untergeordnete Dinge, sondern sogar als Er- 
scheinungen aus dem Reiche der Finsterniss, aus welchem man 
das allgemeine Vernunftgesetz herauszulesen habe"^). Die FallS" 
geschichte wurde im ophitischen Sinne gedeutet '^^'). 

5. Der G r adunterschied und die Gliederung der Gesellschaft in 
Mj'sterien, hatten wohl ihren Grund ebensowohl in der zweideu-. 
tigen Stellung derselben, vornehmlich zur christl. Kirche , als in 



q) Wie gewöhnlich bei solchem Vorgeben schwankt die Sage, ob er 
Christus (Tüeodoret) oder der Paraklet (Eus. : beides zugleich) habe sein 
wollen oder der Apostel Christi (^Ep.fundam.). Die Feindschaft der 
abcndld. Manichaer gegen die Apostelgeschich te {■'471g. ut. er. 3) 
schreibt sich zuletzt wohl daher, dass sie den Paraklet erst später 
gekommen glaubten. 

Aber (Archel. 13): renovat de die in dicm Salvatoris nostri 
ernditio: und in diesem. Sinne arbeitete der Man. fort. 

r)F. Trechsel, über den Kanon, die Kritik und. Exegese der 
Manichaer. E. hist. krit. Versuch. Bern 832. Die Grundsätze der 
Partei über die h. Schrift sind ohne Zweifel vornehmlich erst in 
Africa entwickelt worden. (Das. S. 99.) 

s) Apokryphen dreierlei Art: altkirchliche, auch judenchrist- 
liche, in neuen Recensionen, gnostisehe, manichäisch überarbei- 
tet, und eigentlich manichäisch e. Bei diesen letzten spielten L e u- 
cius Charinus, wahrscheinlich auch ein apokryphischer Name (vgl. 
Ev. Nicod. 17) und seine -ntgioSoi, ruiv dnoaröiojp (Conc. Nie. 2. 
act. 5.) eine berühmte Rolle. Vgl., neben Beausobre und Trechse^ 
Thilo, Jota Thomae XXXII. (Hai. 823.) 

f) Z. B. von Matth. 7, 17 — 19. 13, 24 fi.Joh. 10, 8. 14, 30. auch 
1 Job. 5, 19. für den Dualismus und gegen das Judenthum. 

w) Man. ep. ad Odam: jj tov Xptarov irgost/yogla ovofin sart 
fiBray^QTjoTiitov — Daneben auch absichtlich unbestimmte Reden Jesu 
[indifferenter et absolute loqui) Faust. 19, 1. 

v) Faust, ap. Aug. 22, 2: Reddite legi propriam dignitatem^ 
Israeliticas ab ea turpitudines — incidite et statim videbitis, nos 
Judaismi inimicos Juisse et non legis. So vornehmlich der Dekalogas-. 

w) Tit. Bostr. 3 praef. August. Faust. \, 3 {Soletis laudarö 
serpentenif quod homini per suum consilium oculos aperuit). 



Die clirisll. Doginengesclilclite. Erster Theii. 61 

<lem Charakter des morgenländ. Heiligthums, weicher ihr wesent- 
lich war^). Die Organisation derselben in zwölf und zweiundsie- 
Jbenzig Vorsteher, und was «onst damit zusammenhing, war eine 
offenbare Nachbildung der urkirchlichen Verfassung; unJ es sollte 
durch sie vielleicht auch der Anspruch auf Universalität ausge- 
sprochen werden , wie er im Christenlhum gelegen habe. Wie- 
Avohl im entschiedenen Gegensalze gegen das, bereits entwickeile, 
äusserliehe Wesen der Kirche y), gegen Tempel, Altar, Bild und 
Priesterthura, hat dennoch die bildlich-phantastische Art des Mani- 
chäismus ^) auf das Aeusserliche und das Bilderwesen der Kirche 
Einfluss gehabt: gewiss freilich grösstentheils unwillkührlichen. 
Weit bedeutender jedoch war der Einfluss des Manichäismus auf 
die Kirche durch den Kampf, welchen er erregte."") 

Weniger, als es in den bisher dargestellten VerLält- 
nissen immer und lebhaft geschähe ^ vermochte sich die 



is) Zwischen den beiden €raden der Elccti und Auäilores fand 
allerdings (wie immer in Mysterienanstaltenl ein Verhältniss Statt wie 
zwischen Prieslern und Laien — Jene durch diese ernährt (ci'rtxaA- 
Ataror iv ßQojfiaat, to7s ixXexTots 7iQof<p£Qovai j4rch. ^. Avg. mor. 
Man, 17 al.) — auch jene Sündenvergehung' (peceantibus veniam lar- 
gicntes Aug. Faust. 30, 1 ; indulgentia 6, 4) und zwar mit Hand- 
auflegung, und in Erwiederung der Darbringuogen, gehörte den Aus- 
erw'ahlten zu. (Gegen Wegnern , welcher behauptet, die Indulgenzea 
seien der katholischen Kirche angeboten worden, ausser Gieseler a. 
0., Baur S. 285.) Aber die Electi führten auch den Priester-Namen. 

y) Es bleibt utfgewiss, welche Stelle Taufe und Abendmahl 
im Manich. gehabt haben. Als angebliche Christen setzten sie diese 
Gebräuche natürlich in ihren niederen Graden fort, oder erkanntea 
sie in ihnen an ^hierauf beziehen sich die Versicherungen des Felix, 
Act. c. Fei. 1, 19. und die Einräumung Augustin's, mor. cath. 35); 
aber wie es in den höheren Graden gehalten worden^ und ob nicht 
hier ein anderer Ritus eingetreten sei, oder doch die Taufe in einer 
höheren Bedeutung? lässt sich nicht entscheiden. Und in jedem Falle 
konnten sie davon sprechen, dass die Wassertaufe kein Heil schaffe 
{Aug. haer. 46: BapUsmum, in aqua nihil cuiquam putant salutis 
afferre). 

ä) Aug. c. Faust. 15,5 (Annan recordaris amatoriuTn canticum tuum, 
ubi describis maximum regnanUum regem, seeptrigerum, perennem, 
fioreis coronis cinctum et facie rulilantem). Vgl. Thilo a. 0. 121 ff. 

aa) Hier hat die kirchliche Philosophie oft Meinungen ausgespro- 
chen, welche ihrem späteren System allerdings widersprachen : vor- 
nehmlich von -der ursprünglichen Freiheit und Güte der menschl. Na- 
tur, von der nur negativen Natur des Bösen, dass der Tod ein Natur- 
gesetz sei u. s. w. 



62 Allg'emcliie Dogmcng^csclilclite. Erste Periode. 

Kirche anderen positireu Einflüssen des Heidenthum» 
jener Zeiten zu entziehen. T^on den M y s t e r i e n, 
damals einem grossen , wiewolil selir ungeordneten, 
nianniclifaelieu Interesse^), gingen in die Kirche man- 
che Stimmungen, Denhai*ten und Formen, hewusst und 
unbewusst, über^), und einmal aufgenommen, wur- 
den sie zum Theile sogar etwas Bedeutendes und Blei- 
bendes 3). 

1. Die alten Mysterien^), ursprünglich zum Schutze der Volks- 
religion und der Priestermacht gestiftet, halten damals ihre Be- 
deutung und Bestimmung geändei^t : und es flüchtete sich nun die 
religiöse Opposition jeder Art in dieselben. So mochten sie 
zum Theil wohl sehr edle Elemente des religiösen Lebens die- 
ser Zeiten in sich enthalten , auch die Philosophie verband sich 
gern mit ihnen ; und selbst das dem Christenthum aufgezwungene 
gesellschaftliche Geheimniss konnte eine Sympathie zwischen ihm 
und den Mysterien bewii'ken. Uebi'iaens beginnt natürlich der 
Einfluss dieser Anstalten erst in der Kirche, und die Stiftung der- 
selben, die christliche Sache , liegt ohne Zweifel über ihn hin- 
aus''). — Aber das Vermischen und Verwirren, dieser Charakter des 
geistigen Lebens jener Zeiten, hatte sich auch in den Mysterien 
geltend gemacht. Dem Namen nach bestanden neben einander die 
eleusinischen , dionysischen, die Geheimnisse des 
Mithra'=) und der Isis. 

2. Selbst wohl der veränderte Begriif des Mysterion und die 
Bedeutung des Geheimnisses in der kirchlichen Ansicht und Denk- 
art , freilich erst im 4 . Jahrhundert gereift und vollendet , hatten 
ihre Wurzel in jenem Zusammenhange mit den fremden Myste- 
rien. Im Einzelnen ferner manche dogmatische Vorstellung (vor- 
nehmlich in Taufe und Abendmahl, für welche sich ja dort auch 



c) Sf. Croix, rech. — sur les mysteres du paganisme. Ed. S. de 
Saey. Par. 817. II. 8. C. J. Lob eck, j4glaopkamvs s. de theolo- 
giae mysticae Graecorum causis — Reg. 829. II (L. Preller, Deme- 
ter und Persephone, e. Cyklus mytholog. ünterss. Haml). 837). 

6) Boulanger, J. A. Stark (Hamann hierophantische Briefe : 
Schrr . IV), S c h eil i n g — die Sclirift : Eleusis (3. Th.. von : die Allgegen- 
wart Gottes) Golh. 819. 

c) Die Mitliragelieimnisse haben (wie ja die Idee des Mitlira als 
Sonnengottes ganz im Manichäismus inne liegt) ohne Zweifel mit gno- 
stiscli-manicbäischen Parteien in Zusammenhang gestanden: daher 
ihre grosse Verbreitung in den christlichen Zeiten (Seel, die Mi- 
thrageheimnisse. Aarau 8^3. 4. Matter, hist. d. gnost. Planehes 
V- 83). 



. Die christl. Dogmengcscliiclite. Erster Tlieil. 63 

Analogie'n fanden '^)) und mancher einzelne Gebrauch. Dann die 
immer mehr hervortretende Idee des Priesterthums, seiner Wei- 
hen, seiner geistlichen Macht und seiner Trennung vom Volke.*) 
Auch in der kirchlichen Legende kann man einzelne Einflüsse 
von dorther bemerken^). Aber vor Allemist die, mit dem 3. Jahr- 
hundert beginnende, Verfassung des kirchlichen Lebens und der 
Gottesverehrung in Mysterienform, eine nie verkannte Nachahmung 
jener fremden Mysterien gewesen. Daher denn auch der Wider- 
spruch gegen dieselbe bei Vielen, welche nach einer reinen, vor- 
nehmlich nicht heidnisch gemischten , Gesellschaft A^erlangten : 
heim Marcion °) und den Melelianern''). Freilich fand sich in der 
Nachbildung die wesentliche Ungleichheit, dass die chi-istlichen 
Mysterien Alle zum höchsten Grade hinaufführen wollten. In 
dieser Anwendung der Mysterien waren die alexandrinischen Juden 
schon vorangegangen» Aber in den Schriften des sogenannten 
Dionysius Areopagita') sehen wir, wenn wir uns auch 
manche Vermuthungeu über ihn noch nicht aneignen mögen, 
jedenfalls' einen Versuch , das fremde Mysterienwesen auf das 
Vollständigste, in Formeln, Begriffen und Einrichtungen , anzu- 
wenden. Das platonische Interesse dieses Schriftstellers machte, 
dass er diese Anwendung gegen die Gnostiker wendete. 

3. Die Mysterien Verfassung der Kirche ging mit dem Anfang 
des 5. Jahrhunderts zu Ende : und gewiss hat die immer weitere 
Verbreitung und wesentliche Einführung der Kindertaufe, neben 



d) Justin, apol. 1. 66. "j4qtos «. itoxTjQiov vSazos rtd'srai fisr' 
iTtiXoyuiv Tivojv. Tert. bapt. 5. {Et sacins quihusdam per lavacrum 
initiantur, Jsidis aut Miihrae etc.) CA. Böttiger, die Isis Ves- 
per • — zuerst Minerva 1809. 

e) P. E. Müller de hierarchia et sttidio vitae ascet. in sacris et 
mystt. Grr. Ro.que latentibus. Havn. 803. 8. 

. /) Die Sage von' der Höhle {anrilaiov)., als Geburtsstätte Jesu (Prot- 
ev. Jac. 18. Just. Tryph. 88: Gersdorf. Sprachchar. 325. Credner 
Beitrr. z. Einl. 235) ist sonst und jetzt oft hierher gezogen worden. 

g) Nach Gal. 6, 6. Tert. praescr. 41, apol. 7. Epiph. -42, 3 (fivarij- 
Qia reXiizai zwv y.axrjxovfiivuiv oQOivrojv). 

li) Athanas. apol. c. Ar. 11. Conc. Alex. 339 {uvarijgia rov ßaai- 
Xiojs y.gvTtrsiv nach Sir. 26, 16). 

■ i) M. Abh. de Dionysio Jreopagita. Opusce. th. (Jen. 836.) 267 ss. 
Vgl. J.A.V. Engelhardt Sehr, des Dion. Ar. Sulzb. 823. K. Vogt, 
Neoplatonismus und Christenthum , üntsch. u. d. angebl. Sehr, des Di. 
A. Berl. 826. Das altprotestantische und anerkannteste Urtheil: Jo. 
Dallaeus , de scriptis , quae sub Bionysii Ar. et Ignatii Ant. no- 
minibus circumferuntur. Gen. 666. 4« 

„Drei Grade der ehr. Mysterien — eine geistige Emanation -^ das 
Kirchliche dem Himmlischen entsprechend." 



6/4 Allgemeine Dogmengescliielife. Erste Periode. 

der zunehmenden Oeffentlichkeit des kirchlichen Lehens, zu ihrer 
Abstellung mitgewirkt. Doch hat sich wenigstens in der Sprache 
der Kirche jener alte Einfluss niemals verwischt. Die sogenannte 
discipllna arcani, eine geflissentliche Ausdeutung der Mysterien- 
verfassung der alten Kirche, wohei sie auch mit Accommodation, 
esotischer Lehre und mit anderen Erscheinungen sonst vermischt 
wurde ^) , halte schon darin Unrecht, dass sie jenen Mysterien 
eine ursprünglich christliche Bedeutung und eine Bestimmung 
für alle Zeiten der Kirche geben wollte. 

Neben solclien Einflüssen aus dem Heldenflium, welche 
in grösserem oder Itleinerem Kreise , mehr oder -weniger 
allgemein, und bald so Statthatten, dass die Denkart unter 
den Christen von ihnen aufnahm, bald so , dass dieselbe 
durch sie zu Widerspruch und so zu eigener Entwickclung 
erregt wurde; geschähe die bedeutendste Einwirhung auf 
Geist und Gedanken der Kirche von Seiten der philoso- 
phisch cn Schulen jener Zeit ^). Und wenn die Kirche 
gleich fest an der Selbständigkeit und der höheren Würde 
ihrer Sache hielt 5 so war doch eine wechselseitige Anzie- 
hung zw^ischen dem Chrlstenthum und diesen Schulen so 
natürlich als erspriessllch : aber die Kirche blieb bei dem 
Platonismns stehen, als bei derjenigen Lehre und 
Schule, welche nicht nur die verbreitetste war und damals 
eben auch in einer Entwickeluiig stand, sondern Ihr auch 
als etwas Verwandtes erscheinen musste^). 

1 . ") Unter den damals herrschenden philosophischen Schulen 
konnte die Pythagoreische, oder was damals sich diesen 
Namen beilegte, eine mysteriöse, magische Partei, weder selbst 
sich der christlichen Sache nähern, noch diese sich von ihr ange- 
zogen fühlen''). Doch die pythagoreischen Symbole, die Zahlen-, 
Symbolik insbesondere, waren in gnostische Secten übergegangen : 



k) Streitscbrr. zwischen E. a Schelstrate (zuletzt de discipllna ar^ 
cani. Rom. 68&. 4.) nnd G: E. Tentzel (j'esponsio ad E. a Seh'. Goth.^ 
C87. 4.) Jo. Lud. Schedius , de sacris opertis Christianorum s. 
de diso., quam vocant arcani. Gott. 790. 

Neuere Schriften :Theob.LienLart(oB. S. i^)unAJ.A.TöJilot: de 
arc. disc. Col. 830. Dagegen Ca 7'. Frominann-. de diso, arc., quae 
in vet. eccl. ohtinuisse fertiir. Jen. 833. 8. 

d) J. D egerando , las f. comparee des sy Siemes de philosophie. 
% Ed. Par. 8^3. To. 4 (Kirchliche Philosophie). 

ft) Baur a. S. über Apollonius von Tyana. 



Die cliristl. Dogmeiigescliiclite. Erster Theil. 6Ö 

wie Lei Marcus Lemerkt worden ''). Die skeptische Denkart, 
deren Zeit eben damals war, bot nur in ihren historischen Fragen 
und Ergebnissen den christlichen Apologeten Hülfsmittel gegen 
die fremde Philosophie dar : wie demHermias"^). DerEpikureis- 
m u s war schon im Judenthum verhasst und berüchtigt ®) ; und 
hätte er auch ii-gend ein annehmbai'es Moment gehabt, so würden 
ihm in der Kirche schön seine Freunde geschadet haben, welche 
immer Gegner des Christenthums waren : wo nicht Celsus, doch 
Luciaiius ^) und Andere ^). Gegen Aristoteles regten sich von 
Alexandria her mächtige Vorurtheile, sowohl in Hinsicht auf seine 
Lehren als auf Methode und Schule^). In der Kirche dier ersten 
Jahrhunderte wurde diese fast sprüchwörtlich für Grübelei und 
Kleinlichkeit*) : aus der Lehre des Aristoteles griff man das Dogma 
von der Ewigkeit der Welt zur Bestreitung auf ^). Gnostiker, 



c) Aus Missverständniss, oder wenigstens sehr uneigenllich, wurde 
der Dualismus der Manichäer von den Pythagoreern hergeleitete Acta 
ArcheU 51. Soor. 1, 22^ 

d) ,JtaavQft6s zojv s^co q)iXoaoq}WP ; — (H. Verspottung der heidn. 
Philosophen — von F. W. Thieneinann. L. 828. Hier mit denHer- 
mianern Aug. haer. 59, zusammengestellt). 

e) Buxtorf. Lex. Chld. talm. 194 ss. 

J') Fr. Ad^ Philippi: de Celsi, adversarii christianorum, philoso- 
■pTiandi gencre. Ber. 830. 8. Origenes hat den Epi.kureismüs des Celsus 
wohl nicht blos aus der Uebereinstimmung des Namens mit dem Epiku- 
reer, Freund des Lucian, abgenommen (c. Geis. 1, 68j 4, 36), sondern 
aus dem Chara:kter seiner Lehre. Und diese warj in ihrer theor. und 
prakt. Haltung, epikureisch, wenn gleich, wie AlleS damals, mit plato- 
nischen Anflügen (Mosheim). 

K. G. Jakob, Charakteristik Lucian's von Samosata. L. 836. 

Die Sekte der E 1 p i.s t i k e r Plutärch. Symp. 4, 4. 3), von H e um a n n 
(Acta phil. 3. 911 ff.) für Christen gehalten, von Lessing (Werke IV. 
261 ff. XIV. 188 ff.) für Pse.udomanten ; möchte wohl a'uchden Epikure- 
ern beizuzählen sein (die Gegenwart reiche nicht aus für das Wohlbeha- 
gen. J, C.Leusehner^ Opuscc. Varr. de secta Elpisticorum. L. 735). 

g) Widerlegung der Epikureischen Kosmologie.: Dionysius Alex. jt. 
^vosoje (Euseb. P. E. 14), Routh. I. c. IV. 345 ss. Clemens AI. Str. Anf. : 
JEpikur «i^forjyToe ^faTß'pjfß;»' U. s. W. 

h) Aus dem dritten Jahrh. wird eine aristot. Schule zu Alexandria 
erwähnt unter Anatolius, Eus. 7, 32 (t^s 47r' "uils^avSgsias ''Agiaxo- 
Ttkov? StuSox^js tijv Siazßiß^v 2.6yo9 iyat -jtqos tcuv T^Se tcoXitwv av- 
OTTjGa.O'd'di. d^ioj&tjvat). . . . . 

z) Iren. % 14: Mtnuiiloquium et suhtilüas circa quaestiones, 
Arisiotelicum est.,T.ert. praescr.l -. Miserum Aristotelem , quiillis 
dialecticam instituit etc. 

k) Die merkwürdige Schrift unter Justinus Martyr Werken : dva- 
rgoTv^ Soyfiärviv Tivwv'AQt,aT0TaXiy.6jv - — gehört wahrsch. in das 3. 
Jahrh., und wird von Photius 125 beschrieben:, iriea TTgayfiareia xard 
Tov ngojzqv x. davriQov rije. qivaiH^e dxQödasws, tjtoi, xard et§ove x. 
vhje X. OTSQTjascüi tni'/EiQrjuaTixol koyoi,xal xard tov Tvifinrov ooj/ia- 
zoe ofloiws xal xard rijs a'c'Siovziv^cEOJS, ijv^AQiarorü.Tjg evaTTizizi — . 

Dogmengeschichtc. 5 



66 ÄUgeineme Dogmcngescliiclite. Erste Periode* 

Artemoniten^^ , Arianer wurden nach und nach als Aristoteliker 
Lezeichnet, und, .wie. oben hemerkt, auch die Manichäer. Stoi- 
cismus und Piatonismus, denen sich auch das ethische Ele- 
ment des Pythagoreismus beimischte ^ gaben zusammen den Stoff 
her zur e kl ektisc:hen Philosophie, welche, und mehr noch der 
Sache als. dem Namen nach, damals eigentlich herrschte"^). Hat 
der Stoicismus für sich auf Einzelne in der Kirche dieser Zeiten 
eingewirkt , so ist es nur in seiner sittlichen Kraft und Strenge 
geschehen. Von Marcion und Novatianus ") wurde es behauptet : 
möglich ist es, dass er auf TertuUianus, Cyprianus, vielleicht auch 
späterhin auf Ambrosius, eingewirkt habe. In Clemens ron Alexan- 
dria herrschten allerdings Stoische Idee'n Vor"). 

2. Die Entw'ickelung des Piatonismus, welche gleichzfeitig mit 
der des kirchlichen Denkens fiel, bestand eben in seiner Trennung 
vom Ekleklicismus und seiner selbständigen Aufstellung. Die Ver- 
wandtschaft desselben mit dem Geiste iler Kirche lag theils in sei- 
nem religiösen Inhalte , welcher ihn fast sogar aus dem Heiden- 
thum herauszustellen schien , theils in einzelnen Idee'n und For- 
melni") : und die Johanneische Lehre schien ja selbst diese Ver- 
wandtschaft anerkannt uud geweiht zu haben. Aber es kam noch 
das geraeinsame Interesse der Kirche und des Piatonismus gegen 
die Gnosis hinzu. An dem Widerspruche gegen diese, sowie 
an dem gegen den Manichäismus , nahm auch die heidnische 



l) Von den Artemoniten Anon. b. Eus. 5, ?-8: *u4QtaT0Tili]S xal 
Qtoq.Qaaros ■O'avud^ovTat- 

m) G. learius, de philos. eclectica, an Stanley bist. phil. (L.711) 
1205 SS. Hist. critique de V eclecticisme, ou des nouveaux Plaiomci- 
ens. ^Avign.) 776. II. 8. Clemens AI. Str. 1, 7^ 338: tpiloaocplav ov 
Tijv 2tuj't^r}V Xäyoi u. s. w., «AA hau. it'grjTai itaQ ixaoTj] tmv ai^iaeoiv 
TOt'roJv xn?Me — r tovto avfiTvav to ixXsxTixov qsiXooörpiav (pTjfil, 
Pliilos. Eklekticismus bei Dio, Maximus Tyr. , Themistias u. A. 

n) Euseb. 6, 43 : — iziQae ipiloaoqda? apnarije — von Novatianus 
über sich selbst gebraucht, mit Neander wohl auf Askesis zu beziehen. 

o) Dem Pantänus wird Stoische Philos. beigelegt. Eus. 5, 10. — Aber 
falsche Anklage des Stoicismus, wo die kirchlichen Werke" und ihr 
Verdienst verworfen wurde (,,aUe Vergehungen seien sich gleich''), 
bei Cyprian ep. 52. Ambros. depoen. 1, 1. Hieronymus gegen Jovinianus. 

p) Aeltere Erörterungen des Verhältnisses des Piatonismus zum 
Christenthum: Luxdorphiana e. Piatone. Ed. Ol. W^ormius, Ed. nov. 
Havn. 801. 4. Stäudlin, de philos. Plat. cum doctr. rel. iud. et 
Christ, cognatione. Gott. 819. 4. Neuere von verschiedenem Stand- 
puncte: Const. Ackermann, das Christliche im Plato und in der 
plat. Philosophie. Hamb. 835. E. C. Baur, das Christliche im Plato- 
nismus, oder Sokrates und Christus. Tüb. 837» (Auch Tüb. Ztschr. f. 
Th. 1837. 3). 



Die clirlstl. Dogmeng-eschicUte. Erster l*lieÜ. 0if 

Schule Theil. Er bezog sich sowohf auf Quellen und Geist (di6 
Parteien lagen aus einander, wie Orientalisches und Hellenisches) j 
als auf den Inhalt (der Piatonismus war dem Dualismus wie dem 
Emanatismus feind, und, indem er die göttliche Macht und 6\e 
Klarheit des göttlichen Wesens ühheschränkt und ungetrübt be- 
hauptete , setzte er Beschränkung und Fall nur in die geschaffene 
Seele). Dem entsprechend T^ar denn auch der Widerspruch gegen 
die praktische Seite der gnostischen Lehren')« 

§♦14* 

Seitdem also in der ÜLirche pLilosopliirt wurde, ist dei* 
Plälönishius in ihr zur Anwendung^ und zu geistiger 
Bedeutung gelangt. Und dieses tlieils in seinem allgemei- 
nen Charakter, tlieils in einzelnen Dogiherij und mehr oder 
weniger ursprünglich und rein : in Alexandria bildete er 
ölch amvveitesten als christliche Philosophie aus'). Der 
Streit über den Piatonismus der Kirchenväter ist demnach 
leicht zti entscheiden^ wenn man den Gegenstandbiestlmmtj 
linbefangen und vollständig aufiasst. *) 

1. Der allgemeine Einliuss des Piatonismus war der verstärkte 
und bestimmtere des gebildeten Heidenthums überhaupt: sich 
vornehmlich auch darin äussernd, dass das dogmatische oder 
auch speculative Interesse mehr und mehr über den einfach-prak- 
tischen Geist der christlichen Welt hinauskam ; in der kirchlich- 
dogmatischen Sprache blieb vieles Platonische für immer fest- 
stehn. Unter den Lehren fielen der platonisirenden Auffassung 
die von Weltschöpfung, Logos und Trinität vorzüglich zu. Platöni- 
sirend waren denn die philosophirenden Väter des 2. Jahrhunderts") 
alle 5 auch Irenäus ; entschiedener die Apologeten : aber Alexan- 
dria richtete eine platonische Schule auf, deren Mittelpunct die 
ausgeführte Lehre der befangnei^en Platöniker von der Präexi- 

q) Plotin» Enn. lt. 9. {Plotin. ad gnosticos Über — ed. Ge. AnU 
Heigl. Ratisb. 832. 8. Vgl. Greuzer, th. St. u» Kr. 1834. %. 334 
ff.) Porph. V. Plöt. 34: TtQos zovg xaxov t6v (itjfitovgyov tou y.öofiov 
xal t6v itoaftov sTvat Xiyovrae- Vgl. Boutertoek^ philosophorum 
Alexandrinorum et Neoplatonn. recensio accuratinr : Gomm. Soc. R* 
Gott; V. 1823. 227 ss. Baur, Gnos. 417 ff. 

Simplicius, Gomm. in Epictet. 162 ss. (L. B. 640. 4) bestreitet in 
gleicher Weise den Manichäismus vom platonischen Standpancte aus. 

ö) An tignos tischer Piatonismus des Maximus (Eus. 4, ^7. Hier, 
cat. 47): ^rspi vXtje (Eus. P. E. 7, 22). Routh. I. c. 1, 423 ss: Auch 
Älelilo von Sardes hat nach der Aufschrift mehrer seiner Schrif- 
ten dem Piatonismus nahe gestanden (Eus. 4, ?4, Hier* cat. 21) — wie 
TtBQi V^if^s» aojfiaros ?} vooe und sfAstd 

5* 



68 Allgemeine Dogracngescliiclite. Erste Perlodö» 

slenz der Seelen wurde. An diese Schule schlössen sich von an- 
dei'wärts her nur Wenige an, wie Gregor von Nyssa. Weiter 
gingen nur Einzelne, Avie Dionysius Areopagita, vor Allen Synesius. 

2. Es sind für die Beurtheilung des Streites üher den Plato- 
nisnius der Väter'') 1) eben die Arten und Grade der Anwendung 
jener Philosophie zu unterscheiden : der Alexandrinische Plato- 
nismus wurde schon in seiner Zeit , und späterhin (als Origenia- 
nisnius) in der Kirche verworfen. Man darf 2) es nicht übersehn, 
dass die Kirche in Geist und Vertretern stets daneben die Selb- 
ständigkeit und den unbedingten Vorzug der christlichen Offen- 
barung behauptet habe'). Es kann 3) von keiner Verfälschung 
des Christenthums durch den Piatonismus die Rede sein. 4) Eben 
so wenig von einer blossen politischen Anbequemung zur frem- 
den Philosophie*). Auch ist es 5) entschieden, dass selbst dem 
nicht mehr eklektischen , sondern schon selbständigen, Platonis- 
mus Viel gefehlt habe um acht zn sein, und-dass dann auch fiir 
die Wenigsten unter den Kirchenlehrern die platonischen Schrif- 
ten selbst Quelle gewesen sind. Und insofern hat auch diejenige 
Erörterung dieses Gegenstandes Recht , welche den Ursprung 
der platonischen Idee'n in der Kirche mehr in einer Denkart jener 
Zeit überhaupt nachweisen wollte. Doch aus dem Judenthume 
lassen sie sich nur insoweit ableiten , als in dieses selbst Platonis- 
mus eingedrungen war ^). 

Zu bemerken ist übrigens der entschiedene und bleibende 
Unterschied, ja Gegensatz , in welchem sich vom 3. Jahrb. an, 
auch abgesehen von den christlichen Dogmen, der heidnische 
und der christliche Piatonismus entwickelt haben ^) . 



. b) Aeltere Literatur b. Walch. bibl. patr. 445 ss. ed. Danz. 

F. D. Colberg, platonisch-hermetisches Christenthum. L. (690) 
710.8. Souverain, le Platonisme devoile, ou essai touchant le 
verhe Platonicien. (Ainst.) 700. 8. (Löffler, Vers, über den Platonis- 
mus der RVtt. 2. A. ZüII. 792. 8.) Gegen Souv. und Clericus {epp. 
crit. an Ars cvit. JH. Anist. 712): J. Baltus, defense des saints 
peres , accuses de Plafonisme. Par. 711. 4. — Mos hem. de tur- 
bataper recentwres Platonicos ecel. Heimst. 725. (Auch an Cudworth. 
Syst. int. Anh. 89 ss., und Diss. ad H. E. 1, 90 ss.) 

c) H. N. Claus eil : apologetae eccf. ehr. anfefheodosiani, Pla- 
ionisejusqvephilosophiaearhUri. Havn. 817.8. Die Schrift vom All der 
Dinge geg. Plato(Phot. 48. Fragm.Hippol. Opp. 1.220 s.): Lehrb. d.DG. 195. 

rf) Umgekehrt meinten sonst Viele, Ammonius Sakkas habe die neu- 
plat. Philosophie lediglich in Beziehung auf das Christenthum entwik- 
kelt und eingeführt. 

e) C. A. T. Keil, de doctoribus vet. ec'cl., culpa corruptae per 
Plaionicas sententias theologiae liberandis. L. 793 ss. (22 Abhh.) und 
Opuscc. acad. I. 439 ss. 

/) M. Abb. dcveteris Platonismi christiani atque eihnici disei'itnine, 
ex Origcue, Daviascio et Nicoiao Meihonensi. Opuscc. tb. 301 ss.- 



Die chrlstl. Dogmcngesclilchte. Erstcc Tlicil, G^ 

§♦ ts» 

Im Zusammenhange mit den Platonischen Einflüsse» 
stand die , mit dem Ablaufe des zweiten Jahrhunderts 
Lcginncnde,Einrichtiing'theoIog:ischerScluilen: zunächst 
der Alexandrinischen ^), einer wichtigen Stätte und Pflanz- 
schule für Wissenschaft und Dogma der Kirche. Auch 
hildetc sich aus jenen Einflüssen uad eben in der alexan- 
drinischen Schule das erste System der christlichen Glau- 
benslehre aus : das des Origenes in der Schrift von den 
letzten Gründen^). 

1.") Der Name, katechetische Schule {Katfiy^GSUiS ^i&aaxa^ 
XsloVi Ka'V'i]yjjaswg SiaTQißrj, Euseh. 6, 3. 26, 29)'')} ""'ei- 
chen sich die aliexandrinische beilegle, sollte sie ohne Zweifel von 
den heidnisch -philosophischen {(pi.XoG6(p(av diatQißai) unter- 
scheiden: wie ja der Name , Katechese , von Paulus her die 
ausschliessend christliche Bedeutung hatte. Das Bedürfniss 
und Verlangen nach der Theiluahme an den Kräften und Hiilfs- 
mitteln der alexandrinischen Wissenschaft rief jene Schule in's 
Lehen : die geschichtlich -sichere Lehrerfolge hegiunt mit Pan^ 
tänus: sie verläuft in das Ende des 4». Ja.hrhuiid?r{S!. '^) Länger 



c) Die Schulen der altestea Kirche sind im Allgemeinen weder aus 
dem Judenthum (/. ^. Ernesti-.. de scholis et doctoiHbus vett. Judd. 
et Chrr., O.puscc. tb. 573^ ss.), noch ans dem Heidenthum abzuleiten : 
sie waren ein natürliches Entwickelungsmoment. des chrisll.. Geistes. 
Der Apostel johannes (Iren. 2,;22, 5.: Eus. 3, %%) und Polykarp (Eas. 
5, 20) wurden gern ils Urheber derselben angesehn. Aber in der Ge- 
stalt, ; wie sie zuerst .in ; Alexandria entstanden,,, hingen sie, wie hier 
gesagt >vird, mit dem philosoph. Leben der . Griechen zusammen. 

Alexandrinische Schulen überhaupt j G. Sprengel, AI. Schule. Allg, 
Enc. III. J. Matter, essai historique sur recole d^ Alexandvie. Vor. 
820. II. 8. (Vgl. Gölting. Jubil. progr. 1837. Quam eurarn reap. apud 
Grr. et Ramm . literis doctrinisque cplendis et proviovendisimpendevit: 
p. 30.) Th eolog. Schule: Bin gh am. Origg.ll. 55 ss../. G- Mie/ide-r 
lis, de scholae Alßx. sie dictae catecUeticae origine, ] progressu aa 
praecipuis doctoribus. Symb. lit, Brem, I. 3. 195 ss, ff. E. F. Gue-r 
rike: de schola, qnae Alexandnae ßoruit, catechetiea -r- Hai. 8^4 
S.U. 8. ■ 

. 6); Viele bezogen den Namen auf. Unterweisung der Heiden (NeaiiT 
der KG. I. 899 s.}.. Sieheis.st auch ecdesiasttea scAo/c H.ieron.ca^. 38. 
legop Si8aa:taXtiov Tiöf /spLov fitt&Tffidrojv Sozfan. 3j l^. 

c) An die Person des; Marcus wird gie angekniipft .Eus. 5, 10. Hier, 
cat. 36. In der Lehrerfolge werden Pantünqs, Clemens, Origenes, Hera- 
klas, Dionysius beim.Eusebius und Hieronymus ervvähnt. Didymus tritt 
unter den Letzten hinzu : beiTheodoret(H.E. 1, 1 ) wahrcheinl. undson^t 
in. zweifelhaften Berichten auch Arius. Philip püs von Sid.e ij^er 
die alexandrinische Succession bis an das 5. Jahrb., Fragm. d?r jfgt- 



70 Allgemeine Dogmengescbichte. Erste Periode. 

als ihre eigentliche Wirksamkeit hahen sich ihre Resultate und 
ihre Ansprüche in der Kirche erhalten. Der alexandrinischen 
Jbestimmt entgegengesetzt war die antiochenische Schule, 
Und dieser Streit der Schulen wurde bald zu einem andauernd 
kirchlichen^). Zu der letzteren gehörten dem Geiste nach die 
Schulen von E des sa und Nisibis^). Wahrscheinlich bestand 
im 4. Jahrhundert auch eine christliche Philosophenscbule zu 
Athen^). Christliche Wissenschaft finden wir in denselben Zei- 
ten auch zuCäsarea (Origenes, Pamphilus), Rom^), Medio- 
lanum, Carthago; und es läuft auf einen Wortstreit hinaus , 
ob wir da, wo sich diese gefunden, und wo dann auch Denkart 
und Lehre ein bestimmtes Gepräge an sich getragen haben , von 
Schulen dieser Orte sprechen wollen oder nicht. 



aziavtx^ toTogla aus Nicephorns durch H. Dodwell bekannt gemacht, 
Diss. in Iren. (689.) 448: vgl. Cava, hist. lit. I. 195. Fabric. Lux 
Salut. 188 SS, 

d) J, A, Erjiesti, narr. er. de interpretat. prophetiarum Mes~ 
sianarum; Opuscc. th. 447 ss. F. Munter, üb. die antiochenische 
Schule, Stäudlin u. Tzschirner's Archiv f. d. KG. 1,1 (lat. Havn. 811). 
Vgl. Neander KG-, II. 1. 319 : die Schriften über die Antiochener 4. 5. 
Jahrb., und über die Nestor. -Eütycbian. Streitigkeiten. Die anliochen. 
Schule darf nicht mit den ältesten bekannten Antiochenern begonnen 
werden (Ignatius, Theophilus) : auch Lucian, Lehrer des Eusebius und 
Arius (Eus. 8, 13. 9, 8. Sozom. 3, 5. Suidas u. ^onKfavos), gehört 
noch nicht in die, vorzugsweise sogen.. Schule von Antiochia. Sie be- 
ginnt mit Diodor (bis 379), später zu Tarsus (Hieron. cat. 119. Phot. 
102. 223. Suid. JioS.), 

Charakter der antiochen. Schule war: Entfernung von dem Unei- 
gentlichen, sowohl in der Schriftanslegung (ß'eojQt'a der allegori- 
schen Auslegung entgegengesetzt, Socr. 6, 3. Soz. 8, ?), alsinder 
Auffassung der Lehre und in der dogmatischen Sprache (also der plato- 
nisch-nnbestimmten, poetischen Auffassung und Rede entgggs.). Selbst 
gegen die fremde Philosophie überhaupt scheinen die Antiochener 
ein Vorurtheil gehabt zu haben : unter Diodor's Schriften werden- zwei 
gegen Plato und gegen Aristoteles aufgeführt: dazu Chrysostomus und 
Theodoretus Denkart. 

e) Die Schule zu Nisibis, die berühmtere, an die Stelle der zu Edessa 
gestiftet (Von der früheren Junil. präef. de pari. div. legis: „Syro- 
rum schola in vrbe Nisibi, nbi divina lex per magistros publicos — 
ordine ac regulariter iraditur") , ging späterhin ganz auf die Nesto- 
rianer über: Assem. III. 2. 937 ss. Aber über die" syrischen und meso- 
potamischen Schulen überhaupt C. A. Lengerke: de Ephraetni Syri 
arte hermeneutica. Reg. 831. 51 ss. 

f) Degerando a. B. IV. 87 ff. Guerike a. 0. \.% 

g) Cassiodor. praef. de inst. div. lit.: nisus sunt — sicut apud 
Alexandriam, multo tempore fuisse traditur institutum , nunc etiam, 
in Nisibi eivitate Syrorum ab Hebraeis sedulo fertur exponi — ut in 
urie Romana — doctores scholae aeeipereni christianae — ■ — ". Aä 
deren Stelle aber gebe er diese Bücher. 



Die cliristl. Dögmengeschichte. Erster TheiL 71 

2. Die Idee einer Glaubensliehre, wie sie Origenes dachte'*), 
setzte Dreierlei vörffus: den Gedanken, däss das Christen- 
thum ein geoffenbartes Dogma sei , die Statthaftigkeit philo- 
sophischer Auffassung und ydlendung desselben, und die 
Scheidung des Eigentlichen und Wesentlichen (doch auch 
dieses wurde von Origenes nicht schlechthin als positiv aufge» 
fasst', sondern als der Vernunft zugjfnglich und offen) von demje- 
nigen, was für die zweifelnde und suchende Erwägung da wäre. 
Zu diesen Voraussetzungen bekennt sich auch Origenes vor seinem 
Buche. Gewiss war auch der Name des Buchs ans der platoni- 
schen Schule entlehnt, und in dieser bedeutete das Tisgl dg^oav 
die Untersuchung von den Urgründen der Dinge'), Wie nun 
endlich jene Schule unter diesen immer die göttliche Trias ver'< 
stand , so ordnet sich auch bei Origenes offenbar die Glaubens- 
lehre unter die Idee'n von Gott (1. B.) , von demEogos, als 
Weltschöpfer und Geisterfdrsten (2. 3. B^), und von dem Geiste 
Gottes (4. B.) unter. Ganz natürlich ging nach Origenes^ Idee vom; 
h. Geiste und von der h. Schrift dieses Letzte vorzugsweise in die 
tehre von der heiligen Schrift über. 

§♦ 16» 

Höclist bedeutend war vom Anfang;c der cKristliclien- 
Kirche an der Einflnss, welchen Oertlichlieituud Na> 
tionälität an den verschiedenen Stellen, in denen die 
cliristlielie Sache bestand und gpediehe, auf die Auffassung^, 
derselben und auf Gehalt und Richtung von ihrem Greist 
und Gedanken ausg:eübt haben^). Man unterscheidet frült- 
zeitigf schon p a l'ä s ti n e n s i sc he s , s y r i s c he s , ä ffy P- 
tisclies, und hier wieder das AlexanidriniscKe Chw- 
stcnthnm als manriichfache Formen y in welche sielt seiii> 
Geiist gekleid'et hat: dazu Itamen nach und nacb atider^ 
Grcstälten in Klcrnasien ,. insbesondere' in Pbrygieii,: 
in Griechenlan*d, iiir Africa', i» Rom nöA sonst im* 
Abendlande, und. unter den ^efirmandsclk^ni Vöüser- 
scbaften*^, 

h) Ortgenes de- principiis — ed. Em. Rud. Redepenning. L, 
836. 8. Orig. über die Grundleliren der Glaubenswissenschaft. Wieder- 
herstellungsversuch von K. Fr. Schnitzer. Stuttg-. 835; 

i) So hat Longinus it. dp^ojv geschrieben und Damasöitts- Bach- unter 
dieser Aufschrift ist vorhandfen. Marcellus Ancyr. schont hielt den' Titel 
fiir platonisch : Eus; a- Marc. 1, Ay aber auch- Euseb. erklärt ihn 
von Gründen der Dinge. Vgl. m. Opuscc. SOSi^ Anders- jieae nene>- 
ren Herausgeber und! Ba;nr. (auch über die Anlagb der OK Scb'JiPtjr. 
ct.), Jahrbb. f. wiss. Kr. 1837. 8^. 



72 Allgemeine Dogmehgeschiclite. Erste Periode« 

1. Man darf die localentind nationalen Einflüsse anf den Geist 
der Kirche, wie überhaupt auf das geistige Leben ^ eben so wenig 
ableugnen als übertreiben r wie dieses unter Andern von Semler 
geschähe^). Auch hat man jene Einflüsse nicht zu inateriell und 
äusserlich (etwa' nur als EinA\irkung von Land , Himmel und Luft) 
aufzufassen , denn es haben in ihnen stets sehr viele und man- 
nichfache Elemente und KJräfte zusammengewirkt. Endlich fand 
zwischen jenen und dem Christenthume immer eine Wechsel- 
wirkung Statt. 

2. Die ältesten Verschiedenheiten in der christlichen Form 
(palästinensische, syrische, saraaritanische) zerstreuten sich bald 
in die häretischen Parteien, in die ebionitische und die gnosti- 
schen : der Manichäismus , wenn man ihn unter die Formen des 
Ghristenthums stellen will, giebt eine Erscheinung noch tiefer 
aus dem Orient. Aegypten führte das christliche Leben der 
Askesis und der Contemplation näher : in AI ex a n d r i a erfolgte 
die Vereinigung des Ghristenthums mit der fremden Philosophie 
und Wissenschaft. Hiermit war denn auch die Möglichkeit man- 
cher Verirrungen gegeben : es gehören dahin auch die literari- 
schen Fälschungen. Vorderasieu war in jener Periode der 
Vereinigungspunct für die mannichfachsten religiösen Interessen 
und Bestrebungen ^) : vielleicht kam in dem christlichen Leben 
jenes Landes auch das Zusammenwirken mehrerer Apostel hinzu, 
um es dort noch regerund entschiedener zu machen. Daher wir denn 
daselbst Vieleszuerstangeregtfinden, am frühesten auch einStreben 
nach kirchlicher Ordnung und Regel (Kanon des Meliton, Anord- 
nung des N. T., der Osterstreit): auch ein Vorherrschen geisti- 
gerer Auffassungen (Sabellianismus). Phrygien war vorlängst 
das Land des religiösen Enthusiasmus gewesen, auch wohl stets 
der Speculation abholder und dem Aberglauben zugeneigt''). Da- 
her sich natürlicherweise der Montanismus dort ausbildete. Grie- 
chenland war das alte Vaterland des bürgerlichen Gemeinwe- 
sens wie der Philosophie : daher Klerikerordnungen und Gemei- 
neverfassung sich vornehmlich dort wohl zuerst entwickelt haben*). 
Bei der hierarchischen Entwickelung daselbst wirkte das Myste- 
rienwesen mit ein (oben 12). Aus dem freieren Geiste der Schu- 
len gingen dort die Apologie'n des Chrislenthums hervor. In 



a) Vgl. Lehrb. d. DG. 67. 

b) Creuzer, Symb. u. Mythol, IL II. 

c) Vgl. Böhmer und W. Steiger über den Brief an die Kolosser 
(dessen Comm. S. 52 ff.). 

d) Dionysius von Korinth Briefe: Eus. 4, 23. Hier. cat. 27. (Routh. 
I. 177 s$.) 



Die cliristl. Dogmengfescliiclite. Erster Theil. 75 

Africa®) zeigt sich der christliche Geist strenger, unhedingter 
in jeder Beziehung; Sophistik und Rednerkunst herrschen dort: 
aher es tritt dort auch ein Sinn der Selbständigkeit hervor, wel- 
cher, so oft er auch in Secten umschlug (Montanismus, Novatia- 
nismus,Donatisraus), sich doch in' seinem Grunde und in manchen 
einzelnen Erscheinungen, auch im Verhältnisse zu Rom, sehr 
achtungswürdig erwiesen hat. Aber in Rom stellen sich schon in 
den frühesten Zeiten die bedeutendsten Eigenschaften der spä- 
tem Römischen Kirche heraus. Die praktische Richtung: daher 
geordnetes Gemeinwesen (Clemens von Rom) , auch Abneigung 
von der Speculation, von dem Idealen, von dem Phantastischen 
, (Artemonismus , Antimontanismus, Cajus von Rom). Die viel- 
fach hervortretende Antipathie gegen das Judenthum kann auch 
zum Theile auf altrömische Gefühle zurückgeführt werden. Aber 
charakteristisch waren in der Römischen Kirche von Anfang an 
auch die Entfernung vom Orient und jene Ansprüche auf Geltung 
und Herrschaft, für welche freilich von Sonst und Jetzt so viel 
Berechtigung dazu sein schien*). Den germanischen Völkern 
war zwar das Christenthum schon im 2. Jahrhundert nahe getre- 



e) H. Munter, pinmordia ecclesiae AJricanae. Havn. 829. 4. 
(Mehr äusserlich : Stcnh. Ant. Mo rce IL Africä chvistiana. Brix; 816. 
III. 4.) 

/) Die berühmte Stelle Iren, Z, 3. \„Quoniam valde longurii est, 
in hoc tali volumine omnium ecclesiarum. enumerare successiones, 
maximae et antiqiiissimae et omnihus cognifae — Romac Jundatqe 
et constitutae eeclesiae — traditionem indicantes covfadimus omnes 
etc. Ad hanc enim ecclesiam propter potiorcm (früher potentiorem) 
principalitatem neeesse est onrnem convenire ecclesiam, h. e.. eos 
qui sunt undique ßde/es ; in qi/a semper ab Ins qni sunt undique, eon- 
servata est ea quae est ah App. traditio. Vgl. Griesbaeh, de po- 
ientiore eecl. Bo. prijicipalitate. (Jen. 7,78.) Opuscc. II. 136 ss. An- 
sichten und Deutungen der Rom. Kirche neuerlich u. A. bei Rpskovany, 
de primatu Ro. P. (Aug. V. 834) p. 28 ss. Dagegen bes. Gieseler I. 
175 ff. Doch scheint 1) die Bedeutung \on Pr/ncipalifas auch im lat. 
Texte des Iren, zwiefach zu sein. Herrschaft, nicht Ürsprünglich- 
keit bedeutet es z. B. 4, 75 {principalitatem Dens habet in omnibus 
— wechselt mit siibjecta mauere ab). Aber wenn hier von Herr- 
schaft die Rede ist, beziehen Avir es auf die Well herrschaft Rom's 
-r- 2) in dem letzten Sätze nicht mit Gies. ein Uebersetzungsfehler an- 
zunehmen zu sein. Der Sirin der Stelle ist klar: dicigesammte christ- 
liche Welt solle übereinstimmen (anders co«veM?re auch Neander I. 
319) mit der Römischen, sowie, es iisher und immer geschehen sei, 
indem ja in der Weltstadt die Christen aus aller Welt , dasselbe und 
den apost. Glauben gehabt hätten. Das Ttavtayö'&av ■Jtianojg tfntoQiov 
Gr. Naz. Or. 32 von Constantinopel ist schon sonst zu d. St. gebraucht 
worden. 



74 AHgemeine Bogmengescliichtc. Erste Periodb, 

ten ^) : aterwin finden im dieser Periode nocb keine Vermählung dfes^« 
selfaehmitSinn und'Art dieser Völker ; dä&Ghristentiiüm derselbea 
war vielmehr! wohl nur noch- ein Römisches. Immer jedoch , wie 
es scheint, wenigstens nicht dem africanischön Geiste zugewendet,, 

lodern nun so nianniclifachc Eiriffüsse anf Geist und 
Gedanfeen der Kirclie dieser Zeit cing-cwirlit liaben, und 
sieli dcrdoginatisclie Sinn schon nieru' und mehr, und voiS» 
nclimlicli im Kampf mit den unliirchlielien, frcmdartigea 
Parteien, entwielielte 5 wurde die Kirche dennoch jetzt 
noch durch ihre Verhältnisse ^) , aber mehr noch durch 
den apostolischen Charahtcr, an wclcliem sie noch Theit 
nahm, wenigstens darin festgehalten, dass sie tlieils der 
dogmatischen Entwiehelung noch eine freiere Bahn ge- 
stattete, thcils dias Wesentliche und den JEndzweck der 
christlichen Sache fortwährend in das Lehen setzte^). 

1.^) Unter die Verhältnisse, welche grünst ig auf den Geist 
der Kirche dieser Periode eingewirkt haben, müssen wir allerdings 
auch den äusserlichen Druck und die Kämpfe rechnen , welche 
sie noch nach Aussen zu hestehn hatte. Auch , dass sie die drei 
ersten Jahrhunderte hindurch noch nicht zur' allgemeinen Verei- 
nigung und zu strenger Verfassung gelangt sein konnte. Vortheil-- 
haft für ihren Geist war auch, die ihr aufgelegte Nothwendigkeit, 
sich vom Juden- und Heidenthume gesondert zu halten': wenn 
es gleich nicht an stilleren Einflüssen von dorther gefehlt hat, wie 
hier im Vorigen dargestellt worden ist. 

2.'') Dem oben Bezeichneten gemäss War selbst der, frühe schon 
entstandene'^), Name X^iüiiaviafjuos jetzt noch nichts Mehr als 



fi") Iren. 1,3: Ovrs ai avrsQuaviais iSovuEvat, fifA?.7}aiat aXXfne iis^ 
TriOTivy.aatv i] a/Mus iragaciionaatv , ovrs ev rate IpijQiaiS, ovts sV 

KiXToU? . Auch in der angebl. Schrift Tertull. c. Jud. 7 — : His- 

paniarum omnes terminiet Galliarum. diversae nationes et Britanno- 
Tum. inaccessa Romanis loca — Christo vero subdita; et — Germa- 
norum et Sci/Iharum etc. 

d) Wechselverhältniss zwischen dem äussern und innern Lehen der 
Kirche. Kampf und Ullrich, die ehr. Kirche in ihrer Idee. 1. B. 
2. H. (Fulda 835) : Üeber den Einfluss der christl," Kirche auf die Theo- 
logie. (J. Matter, über den Einfluss der Sitten' anf die Gesetze und 
der Gesetze auf die Sitten. A. d. Fr. Freiburg 834.) 

V) Rieh. Rothe: die Anfänge der ehr. Kirche u. ihrer Verfassung. 
I. Wittenberg 837. 8. 

c)^ Ignat. Magn. 10. Gegensatzvon ^lovSaiafioe — abwechselnd (7) mit 
«ard XgtdTov Cfjv. 



Die chrlstl. DogmehgescliIcLtc. Erster Thell. 75 

eine natürliche Fortsetzung Aesantiocbemschen XQiariavoSj und 
hatte nur noch praktische Bedentong. Die Einheit der 
Kirche, ein wesentlicherund ursprünglicher Begriff, wurde 
vorerst nur mehr der Willkühr und dem üehermuthe entgegen- 
gesetzt, uiit welchem man sich vom apostolischen Geiste lossagte, 
und der Selbstsucht, welche von der ersten Liebe gelassen hatte^), 
als dass man sie positiv anfgefasst und auf Einheit des Dogma 
bezogen hätte. Selbst bei den Africanern hatte sie eine mehr 
praktische, eigentlich kirchliche, Bedeutung. Ferner herrscht 
durchaus noch in dieser Periode der G e i s t in der Kirche vor. 
Denn das Schriftwort wird noch frei behandelt und angewendet, 
selbst die Kritik, die alexandrinische und die gemein -kirchliche, 
spricht in grösster Unbefangenheit, oft selbst ungemessen und will- 
kührlich ; es wird die fernerliegende Schrift des Ä. T. vorzugs- 
weise gebraucht, und das lebendige Wort, der Geist der Kirche,, 
wird neben der Schrift entschieden anerkannt. Auch die Glaubens- 
regel wollte nur noch dieses sein, die ursprüngliche, einfachste, 
im Geiste der Kirche liegende Summe der christlichen Lehre ^)-; 
und nur hierdurch, eben durch den Geist von Christus und den 
Aposteln her^), gelten. Von einer Auctorität der Kirche ist, 
■wenigstens im Princip , in dieser Periode noch nicht die Rede. 
Endlich lag es auch noch nicht in dem damaligen Sinne , über 
das Verhältniss von Yernunftund Offenbarung, Natur und Gnade, 
zu fragen: Alles dieses fiel noch in Ueberzeuguug und Leben 
völlig zusammen ; an die erste Frage führte erst die Manichäische 
üeberspannung heran , und die über Natur und Gnade gehörte 
sogar noch später nicht der kirchlichen Gesammtheit an. 

§* 4S* 

Die Richtung^, in welcher sich das kirehllche Denken 
in dieser Periode bewegte und entwickelte, war eben darch 



d) H. P.C. Ilcnke, hist. antiquior dogmatis de unitate eccl, 
(781). Opuscc. ac. (1803). J. A. Möhlerr die Einheit in der Kirche, 
oder das Princip des Katbolicismus, dargestellt iin Geist der Kirchenr 
väter der drei ersten Jahrhh, Tüb. 825. 

e) üeber das Ansehn der h. Schrift und ihr Verhältniss zur Glaabens- 
regel in der prot. und in der alten Kirche. Drei theo!. Sendschreiben — 
von Sack, Nitzsch und Lücke. Bonn 1826. (Gegen F.Delbrück: 
Ph. Melanchthon als Glaubenslehrer. Ebds. 826.) Vgl. spec. Gesch. 
bei der Tradition. Scholl, Delbrück n. seine Gegner. Tab. Zeit- 
schr. f. Th. 1829. 3'. 

/) Dieser Geist vomehmlicli' in- den Geweihten und- den Lehrern 
(Origenes und Clemens) , oder in der Kirche (Tertullianus), oder in den 
Bischöfen- nachgewiesen. 



76 Allgemeine Doginengescliiclite. Erste Perlode. 

Verhältnisse und Anlässe und durch den Geist der Kirche 
gegeben. Bald trat aber Ein Gegenständ Tor allen in dem 
christlichen Geiste für Betrachtung und Erwägung hervor, 
welcher dann mit dem dritten Jahrhundert den Mittelpunct 
so der christlichen Philosophie als des ehr. Glaubens 
ausmachte: es war das göttliche Wesen Christi, wie es 
aus der idealen Anschauung des apostolischen Geistes 
immer mehr in Vorstellung und Begriff heraustrat. 

In jenem Geiste und in dieser Richtung , wie sie 
unsere Periode charahterisiren , haben denn auch alle 
Schriftsteller derselben geschrieben. Nur die Apo- 
kryphen und Fälschungen, welche in ihr entstan- 
den, Ovaren nicht nur nicht im ursprüng-lichen, evangeli- 
schen Geiste gedacht, sondern greifen auch aus dem 
Geiste dieser Perlode in den der folgenden Zeiten, einen 
dogmatisch- fcirchlichen, über^). Aber die hirehllchen 
Schriftsteller der Periode treten nach und nach als apo- 
stolische Väter, Apologeten, Polemiker, 
Alexandriner und Africaner hervor. 

1.^) Die apokryphen Schriften zum N. T. , insgesammt in 
diese Periode gehörig , schreiben sich entweder von den Secten 
her (der ebionilischen, gnostischen, manicliäischen, auch monta- 
nistischen'')) , oder sie sind ans dem .Streite mit ihnen hervorge- 
gangen. Unter ihnen lagen vornehmlich die apokr. Evangelien 
nach Gegenstand und Inhalt ausser dem Sinne des ursprünglichen 
evayyeXiov. Alexandria scheint mehr Pseudepigrapha ü e St A. 



ß) Befangene Aufnahme und Würdigung apokrypher und pseudepi- 
grapher Schriften der ältesten Kirche: G. JFliiston, primitive eliH- 
stianity — Lond. 711. V. 8. /. Toland, Nazarenus \1\.^ {Moshein. 
vindiciae antiqriae christianormn discipiinae adv. Tola?idum. 722). 
A. liest n er: die Agape, oder der geheime Weltbund der Christen,, 
von Clemens in Rom unter Domitian's Regierung gestiftet, Jena 819. 

b) Iren. 1, 20: nXrji^o? d7ToxQi-(pojv y.al vö&wv ygacpiitv «s fnlaoav 
TTaQSiacpiQOvaiv sie y.aranlTj^iv züiv dvoTjxojv xal rcl ttj? dXrj&tlaS 
firj iniOTafi^vojv — Amphilochius ttsqI twv yjsvStTnyQacpwv irapa rolg 
a/p£rt>{oie(Cave 1. 253) ist verlorengegangen. Moshem. de causis sup-. 
positorum lihrorum. inter eliristianos seo. 1. et 2. Diss. 1. 217 ss. 
Beausobre, hist. d. 3f., I. 337 ss, 438 ss. Ittig Anh. zu: de hae- 
resiarchis. Thilo prolegg, zu Acta Thomae 118 ss, und zium Codex 
apocryphiis XF. Vgl. Matter, sur Vecole d'Alex, 11.304, 



Die clifistl. DogmcngGScLicIite. . Erster ThfcU. 77 

Tk beigeträgen zu haben *). Daher aber ist die grosse Verwandt- 
schaft zwischen vielen solchen Schriften zu erklären. Die ande- 
ren untergeschobenen Schriften dieser Periode erfuhren zum 
Theil selbst wieder Fälschungen und Interpolationen , aus man- 
nichfachem Interesse : aber sie selbst und diese Fälschungen ver- 
ralhen sich durch einen, dem Geiste der Kirche dieser Periode 
fremden, Charatter. So die oben erwähnten alexandrinischen 
CI em e n t i n e n (Homilie'n, Recognitionen '') , und was damit zu- 
sammenhängt) ; und die apostolischen Constitutionen, Ver- 
fassungsideale, an denen dann verschiedene Zeiten und Ansichten 
mannichfach änderten und besserten"). 

§♦ »©♦ 

Dle^Selirlften der apostplisclien Väter, wie sie 
seit dem 5. Jalirliundert in der Kirclie in Umlauf gewesen 



c) So die.Testanlente dei' Patriarchen f/. C. JVtfsschi de testanien- 
tis XII. patrr.libro V. T. pseudepigraphoi Vit. 810). Hiervon auch der 
therapeutische (essenische) Charakterin solchen Schriften. AuchdiePseu- 
depigrapha der äthiopischen Kirche weisen wohl auf Alexandria zuriick. 
Wenigstens gab Alexandria immer die meisten Interpolationen zu dei*- 
gleichen (auch im Buch'Henoch und 4. Esra) her. Vgl. Lücke Einl. 
z. Apokalypse. Gott. 833. 

Gewiss waren auch die" Orakel des Hystaspes {C. JV.F. Wal eh.. 
de Hystaspe, Comm. S: R.Göli. 1780. I. 3 ss.) alexandrinischen Ur- 
sprungs: auch das Meiste der jüdischen und christlichen Sibyllinen. 
Aehnliches wie Bleek, ü. Entst. und Zusammensetzung der sib- Ora- 
kel; th. Zeilschrift 1, 120 ff. 2, 173 if." schon T/i. Eckkart, Non- 
christianoriivi de Chr. tesfimm. 31 ss. Ausgaben von S. Galliius 
(Galland. .1). A, Mai (Sibyllae lib. 14. Med. 817 und N. Coli. III. n. 4). 
Abhandlungen: J9flu. i?/o?i<?e^, des Sibylles. Amst.&i9. i.B. Thor- 
lacius, libri SibyUistarum vett., crisi, quatenus sunt monumm. 
Chr., sübjecti. Havn. 815. Ei. conspcctus doctrinae ehr. qualis in Sir 
byllistarum libris eontinetiir. Munter. Misec. Havn. 1, 1. C. X. 
Struve: Frgmm. librr. Sib. apudLaetaritium. Reg. 817. 

rf) Von G. Arnold übersetzt (Berl. 702), von Goethe, als urchr. 
philos. Roman, beachtet (ü. Kunst u. Alterth. IV. 3: „Woher hat es 
der Dichter?"). 

e) Jt^ayT] (Eus. 3, 25), fTf^«;^«* (dieses Wort in der gangbaren Be- 
deutung, Tradition — vgl. m. Opuscc. 139 s.^, Siära^ic, Staruyal tiov 
änoaTu?Mv — — . Die neuesten Untersuchungen über die Constitt. und 
Kanoues der Apostel: 0. Krabbe , über den Ursprung und den Inhalt 
der ap. Cpnstt. des Clemens Rom. Hamb. 829. und : de eodiee cano- 
num, qiii ajip. nomine circumjeruntur. Gott. 829. J. S. v. Drey, 
neue Untss. über die Constitt. und Kan. der App. Tüb. 832. — Die kri- 
tische Unterscheidung der 6 ersten Bücher der Const. ,_ des 7. und 
des 8. B., als verschiedenen Zeiten und Vff. angehöriger Schriften, 
scheint sich durch die jüngsten Untss. festgestellt zu Laben. 



78 AUgememc Dogmcngesclucktc. Erste Periode. 

sind, machen allerdings im Ganzen den Eindrucfc, wie 
-wir ihn von Schriften jener Zeit und Art erwarten könn- 
ten^): lind, indem wir bei den meisten zuletzt auf eine 
tilte und ächte Grundlage zurüchgefiHirt Vrerden, füllen 
sie eine Lücke in den altkirchlichen Urkunden aus. So 
voi-nehmlich die Briefe des Ignatiiis^), der Brief des 
Barn^i-bas und der Hirt des Hermas. Höher noch 
stellen und sind noch vreniger zweifelhaft Briefe von Cle- 
mens von Ro m und von Polykarp^), 

i.^) Gegenstand nnd Absicht dieser Schriften schlagen ganz 
in das ßedürfniss und den Idee' nkr eis einer Gemeine ein, welche 
mehr nur noch geistig als äusserlich zusammenhing, deren Gedan- 
ken noch unentwickelt waren, aber bei welcher Alles in den Ge- 
fühlen der Liebe unter einander und der innigsten und lebens- 
vollsten Treue zur Person Christi zusammenfloss''). Die wesent- 
lichen Gedanken dieser Schriften sind dem gemäss: das, Höhere 
in Christus, in mannichfacher Form ausgesprochen, die Kraft 
seines Todes, und zwar des Kreuzestodes, und seiner Auferste- 
hung-Glaube^ Liebe und Hoffnung, immer auch auf die Wieder- 
erscheinung Christi hingewendet; der göttliche Geist, welcher 
seiue Stätte in der Gemeine gefunden hat. Dabei bald eine einfach- 
geistige, bald eine solche Sittenlehre^ welche mehr mit dem Geiste 
des A. T. zusammenhängt''). Die Schriften halten sich mehr an 
die Personen der Apostel, als au ihre schriftlichen Zeugnisse'^). 
— Fassen wir sie im Ganzen auf, so sind sie in der Tbat nicht 
nhebene Fortsetzungen der apostolischen Schriften ; wiewohl im- 
mer aus einer geringern Geisteskraft hervorgegangen; 

Hegesippus und Papias von Hierapolis*) stehen ausser 
diesem Kreise : diese Männer und was von ihnen übrig ist, gehö-" 
ren mehr zu einer selbständigen Jüngerart neben den Aposteln^ 



a) Th. Ittig, bibliofk. PPi qpostl. h. 699. 8* Patrum, qui tem- 
poribus App. ßoruerunt. Opp. cd. J. B. Cotelerius (Par. 67^3» 
Rec.J. Clcricus. Amst. (098) 724. II. f. SS. PP. apostt. opp. genu- 
ina. Ed. R. ß?/ s sei. honi. 740; II. 8 C^aliand. I). M. J. Wochei*, 
die Brr. des h. Igaat. übs. u. erkl. Tab. 830. Ders. : Brr. der apost. 
VV., Clemens u. Polykarp. Ebds. 830. 

6) Archaismen wurden sonst oft die unbestimmt-einfachen Lehreü 
der app. VV., oder auch der ersten Jahrhunderte, genannt. 

c) Stcpli. Pet.Heyns, dePP. aposfl. doctrina morali.h.B. 833. 8. 
Ebds. 1834 Fr. J. A. Juniüs und Jan. van Gilse u. dems. TiteL 

d) Credner, Beitrr. u. s. w. S. 1 ff. H. A. Niemeyer, über 
einige Stellen des Ignatius. Fries, Schröter und Schmid N. Opp. Schrift 
1, 2- (Philad. 5 : tw tvayyaXloj ws oagxl 'j. xal roils aTToaroXots ojs 
it^EaßvTEpiuj tx)c?.7]ai'as — 8 : fftol d^xald iariv o Xgtaros etc*) 

e) Grabe Spicil. II, 26 ss. 203 ss. Routh. 1,'7 ss. 189 ss. 



öle cliristL DogintngpesciiiciitCi Erster Tlieil. 5^9 

an welcher wir nur zu Iiemerkeh haben, wie weit höher der- apo- 
stolische -Geist gewesen sei. Dagegen müssen die heglauhigten 
Märtvrersagen, Sprüche und Briefe aus diesen Zeiten als hedeu^ 
tende Denkmale von Geist und Gedanken derselben angesehn 
werden^). 

2. Die Untersuchungen über die sieben Briefe (Eus. KG; 
3, 36) des Ignatius von Anliochia^), obwohl noch nicht geschlos- 
sen, haben doch wieder der altern Meinung näher geführt, dass 
die kürzere, später aufgefundene, Recension ursprünglicher 
sei als die längere, und dass sich in dieser mannichfache Entslel*- 
lungen des tu^sprünglichen Sinnes finden. Indessen kann auch 
die kürzere noch, wo nicht Ueberarbeitungen, doch Interpolatio- 
nen, erfahren haben. Die zwei, in den Briefen hervortretenden, 
Idee'n, die yerehrung des bischöflichen Amts und die Bestreitung 
des Doketismus •') , lassen sich in der Einfachheit, Avie sie sich 
hier darlegen , durchaus mit Sinn und Art der ältesten Zeiten 
der Kirche vereinbaren. 



Papias loyiojv xvpiaxwv i^^yijaie (Darstellung — nicht Deutung — 
voa Sprüchen des Herrn ; loyta gewiss in dein Sinne, in welchem es Schlei- 
ennacher u. A. in Papias Zeugnisse von Matthäus nehmen : Schleierm. 
über die Zeugnisse des Papias von unseren beiden ersten Ew. Th. Stud. 
u. Kr. 1834.4. 735 ff.). — Hegesippus vTtofivt'i(j,ara tujv txyArjoiaaztxäJv 
npd^iüjv. J.Schttllhess. symbolae adintei'nam criiicen spect. Tur. 
833. 1 . Hegesippus — recognitus atque illustratus. 

f) Th. Ruinart, acta primoni7n martyrum sincera et selecta. 
Amst. 713. Veron. 731 f. {H. Ols hausen: hist. eecles. vet. momi- 
menta praecipua. 1. Ber. 830.) 

g") Die ältere unbedingte Verwerfung der sieben Briefe, vornehml. 
durch Kritiker der ref. u. luth. Kirche u. A'or Allen: Jo. Dallacus 
(ob. S. 63) : Vertheidigung aus der kath. und der englisch-bisch. Kirche 
(/. Pearson: vindiciae epp. S. Ign. Cantbr. 672. 4. u. b. Cotel. II. 
247 SS.). Vielen Eingang fanden üsser. Semler, Griesbach, Schmidt (vgl. 
Lehrb. der DG. 83: doch hat Schmidt seine Meinung geändert, Hdb. 
d. KG. 1. 209 ff.), indem sie beide sogenannte Recensionen für üeUer- 
arbeilungen eines verlorenen Originals hielten : so auch G. C. Netz 
(Versuch über den Br, des Ign. an Polykarp : Th. St. u. Kr. 1835. 4. 
881. ff.). Im AUg. auch F. K. Meier (ü. die Brr. des Ign., Th. St. u. 
Kr. 1836. ?. 340 ff.) : aber gegen die gewöhnliche Ansicht die längere 
Rec. für die ursprünglichere haltend, die kürzei'e rdr Abkürzung. Be- 
deutend hat wieder für die Aechtheit der kürzeren Rec. Rieh. Rothe, 
Beil. zu dem ob. erw. B. : die Anfänge der ehr. Kirche, S. 
713 ff., gesprochen. — Ign. Brr. b. d. Arm.: Neumann, Gesch. d. 
arm. Lit. 73 f. 

h) In Hinsicht auf die Empfehlung des bisch. Amts: N. C. Kist, 
über den Ursprung der bisch. Gewalt in der ehr. Kirche — r- eine Probe 
von der Aechtheit und Wichtigkeit der Briefe des Ignatius. lUgen Zeit- 
schr. f. d. hist. Th., II. %. 1832. 



80 Allgömelne Doginengescliiclitc. Erste Periode. 

3. Die sehr bezeugten Schriften von Barnahas') und von 
Herrn äs'') gehören wenigstens in den Ausgang diär apostoli- 
schen Zeiten, jene nach Alexandria^ diese wohl nach Rom. Am 
1. Briefe des Clemens von Rom^) und dem des Polykarp*") 
haben wir kaum ein Recht zu zweifeln. 

In den Apologreten ans der gTiecIilsclien Kirclie tritt 
seuerst die Philosophie näher an die Sache und Lehre des 
Christenthums: jetzt noch sehr gemässigt und bescheiden, 
mehr nur noch als der Geist der Vernunft , aber es doch 
so. meinend und darauf anerkannt, dä^s das Evangelium 
nur Eine Siacbe mit der allgemeinen Vernunft, und sich 
nur der verfallenen, geschwächten angenommen habe. 
Hierin stimmen die uns übrig gebliebenen Apologe- 
ten^), Justinus der Märtyrer, Athenag'oras, Tsi- 
tianus, Hermias, Theophil us von Antiochia, 
überein ^J. Die lateinischen Apologeten haben es 
ihrem hirchlichen Charakter gemäss mehr mit der bürger- 



i) Brief, des Bar nah as durch die Alexandriner gebilligt 2 anders 
Eus. 3, 5i5. 6, 13. Hier. cat. 6 — neuerlich verlh. von E. Henke (de 
ep., quae ßarnabae tribuitur, authentia. Jen. 827. 8.)^ Rördam. (de 
auth. ep. B. Havn. 828. 8.), Dan. Schenkel (üi den Br. des Barn. 
Th. St. u. Kr. 837. 3. 652 ff.) : von diesem jedoch als interpolirt durch 
die Partei der Therapeuten, Cap. 7 — 12. 15. IG. Vgl. UUmann, 
St. u. Kr. 838. 2. 382 ff. Hug, Freiburg. Zeitschr. 2. u. 3. Heft. 
Bleek, Einl. z. Br. a. d. Hebrr. 415ff. Thilo, A. Encykl. VH. 404 ff. 

k) Hermas Hirt Iren^ 4, 3. Origenes — Eus. 3, 3 : dagegen Tert. 
pud. 10. Hier. cat. 10 (der Job. Apokalypse nur in der Grundidee, 
der Erwartung vom Tage Christi verwandt, aber dem Geiste nach mehr 
dem 4. Buche Esra (Jachmann) , und sehr entfernt von jener).} neuer- 
lich beurtheilt von A. Gr atz (disqtns. inH. P^ Bon. 820. 4}, B. To- 
rell (placifa quaedam Hermae, viri ut habetur apostolici. lion^. 
ßoth. 825. 4)> K. R. Jachmänn (der Hirt des Hermas. Kgsb. 
835. 8). Das Urchristliche , obscboa von einer sehr befangenen Gestalt, 
wird auch von dem Letzten anerkannt. 

/) Iren. 3, 3. Eusebius 3, 16 vom ersten: 4, 38 vom zweiten: von 
beiden Epiph. 38, 15 {iy/.v-A,lioi sTriazokal des CL). Der zweite Brief, 
ob nun Clementinisch und ob Brief oder Homilie , ist nur als Fragment 
an uns gekommen , durch seine Citate merkwürdig (M. Schnecken- 
burger, ü. das Ev. derAegypter. Bern, 834). Zwei Briefe, aHgebl. des 
Cl., aus der Syr. Kirche: Duae epp. S. Cl. Ro. ed. J. i. JV eisten. ' 
Am N. T. 2. B., und: Die zwei Brr. des Cl. von Rom an die Jung- 
frauen, a. d. Syr., mit Anmkk. von P. Zi.ngerle. Wien 827, 

ni) Polykarp an die Philipper : Iren. 3,3. Eus. 4, 14. 5,20. Hier, 
cat. 17. Phot. 126. 



01e christl. Dogmengcschlclite. Erster Theü. 81 

liehen Stellung und Bedeutung der Gemeine zu tLun , so 
wie die Griechen mehr mit Geist, Lehre und der inner- 
lichen Macht derselben^). 

1 . Die Apologeten (Name und Art gehörte dem griechisehea 
Leben an und sie traten zuerst zu Athen auf) machen eineClasse 
in der altkirchlichen Literatur aus, zum Theile sind sie auch un- 
ter einander verbunden. Quadrat üs und Aristides sind 
wohl dadurch verloren gegangen , dass unter den christlichen 
Griechen däS Schrift'wesen noch wenig geordnet") war. Auch 
Claud. Apollinaris von HierapoHs und Melitö von Sardes 
sind mit ihren Apologie'n verloren gegangen, wie mit ihren übri-' 
gen Schriften : Melito, ein Mann von vielseitigem Streben, auch 
philosophischem, wie es scheint''). 

2*^). Mehr noch als von der fremden Philosophie hat der Geist 
dieser apologetischen Schriften von der Johanneischen Logoslehre 
angenommen. Aber Justinus Martyr (gest. um 163) **) steht 
an der Spitze der christlichen Philosophen und der kirchlichen 
Literatur : wenn er gleich, so viel wir wissen, keine bleibende 
Einwirkung gehabt hat. Doch haben die ersten Jahrhunderte ihm 
um seines Namens willen (wohl nicht blos durch Namenverwech- 
seluiig) inancberlei Schriften, vornehmlich von philosophischem 
Charakter, beigelegt, welche ihm nicht angehört haben mögen.: 
auch wohl früher schon verfasste ^). Mit Justinus Martyr begin- 

ä) Euseb. 4, 3. 5, 17 (Quadratus sei von Miltiädes zu den wahren 
ehr., Propheten ^rechnet worden, gegen die Montanisten: aber auch 
Melito wurde es von TertuUianus), Hieron. cat. 19. 20. Die Sagen 
von ihren Schriften, als noch vorhandenen, erhielten sich weit in das 
Mittelalter hinein. Roulh. 1. 69 ss. (Quadratus von dem Eusebius 
des 7. Jahrh. gebraucht: Phot. 163.) 

6) Eus. 4, 26. Hier. cat. 24. Routh. 1. 107 ss. Philosophischen 
Inhalts sind wohl die Schriften gewesen : von der Menschenbildung 
(tt. itXaasfüi), von den Sinnesorganen (tt. ala&rirriQiwv, wahrsch. denen 
des geistigen Sinnes: doch ist die alte Lesart beim Euseb. vielleicht 
die richtige, welche ala&. mit dem vorhergehenden Titel verbindet : 
lt. vnaxojjs TtioTtojg ala&tjrjjgiojv : vgl. Hehr. 5, 14 : vom Organe des 
Glaubensgehorsams}, von Seele, Leib und Vernunft. Der erste hat 
Mel. über die Apokalypse geschrieben, und über Satan (jr. Siaßolov, 
wenn dieses nicht Ein Buch mit dem üb. d. Apokalypse gewesen ist). 
Den Namen desB. tJ xlflg nannten wir ob, schon platonisch, auch unter 
den. hermetischen Schriften findet sich ein solches: zweifelhaft scheint 
es, ob es eine clavis scripturae von der Art gewesen , wie eine an- 
gebl. lat. Handschrift desselben sie giebt (Routh. a. 0. 132 s.). 

c) Justini Opp., nee jion Tatiani etc. (Ed. Prudent. Maranus) 
Hag. Com. 742 s. 

■ d) C. Semisch, über das Todesjahr Justin des M., Th. St. und 
Kr. 1835. 4. 907 ff. 

e) Schriften (vgl. Walch-Danz und Oudin. 1. 134 ss.). Neben den 

Dog^mengescbichte. 6 



82 Allgemeine Dogmcngcscbichte. JSrsfe Periode, 

nen auch die Zeugnisse für die Anerkenntniss heiliger Schriften 
der Christen, freilich noch weniger hestimmt und klar« Athep- 
agoras steht mit philosophischem Talent am höchsten unter 
den griech. Apologeten'), Theophilus von Antiochia am 
geringsten^): Tatian, der am wenigsten rein hellenische Phi- 
losoph unter den Apologeten, Vertheidiger der harharischen 
Philosophie gegen die griechische , ist schon hei der Gnosis er- 
wähnt worden, anderwärts Herrn ias. 

Das wichtigste apologetische Werk der Griechen aus dieser 
Periode, Origenes gegen den Celsus, ist schon mit der Si- 
cherheit einer hereils siegreichen Sache, und mit der umfassend- 
sten üebersicht üher Geschichte und Wesen derselben und über 
das Streben und Thun ihrer Gegner verfasst. 

3. Die Apologeten der lateinischen Kirche, Tertullia- 
nus und Minucius Felix, fassen die christliche Gemeine 
immer mehr als eine, sittlich und bürgerlich wohlbegründete und 
sicher bestehende Gesellschaft in das Auge , gegen welche die 
menschliche Macht weder Grund noch Recht habe anzukämpfen, 



Leiden Apologie'n (Ed. J. W. J. Braun. Bonn. 830. 8.), ob nun wirk- 
lich übergeben oder nicht (Semler, Henke: gegen Semler z. B. Kest- 
ner in der Agape), itagaiveai? (zweifelhaft ob sie das Buch iXay^oi 
bei Eus., Hier, und Photius, und bezweifelt ob Justinisch? Arendt — 
krit. Unters, über die Schrr. Justin des Märt., Th. St. u. Kr. 834. 
% ^56 ff.) — ^oyo? iTQOi" Ellrivas (wahrscheiulich das Buch itsgl 
tpvaeojg Saifwvlojv b. Phot.). — Die drei Schriften, if/virijasis (an 
die Heiden, mit. Antworten und deren Widerlegung, von den Heiden, 
an die Rechtgläubigen) beim Phot. zusammen (125: dnogiöjv 
xara t^? tvoaßtißi; iisq>nlatojS£ts inilvosi?), und die oben erw. gegen 
die Aristoteliker (bei Photius ausführlich bezeichnet), gehören 
wohl in die Classe der dem Justinus nur als Philosophen beigelegten. 
Für den Brief an Diognetus hat sich die Meinung der neueren 
Zeit zwar von Justinus abgewendet (G. Bö hl, Opuscc. P. P. selecta. Ber. 
826. 1. 109 ss.\ aber dahin, ihn in ältere Zeiten hinaufzusetzerf 
(Möhler, th. Qu. sehr. Tüb. 824. 3. 444 ff. Credner, Beitrr. z. 
Einl. 50): verschiedene Bcstandlheile nimmt an C. D. a Gross- 
heim, de. ep. ad^Diogn,, quae fertur Justini M. L. 828. 4). Die 
l'x'ö'ffftff T^s oQxthi ofioloyias wird von Munter der antiochenischea 
Schule zugeschrieben. Anderes in der spec. Gesch. 

f) Seine Persönlichkeit ist dunkel: Moshem. de vera aetate apo- 
^ogetiei, quem Ath. pro Christianis scripsit: Diss. ad H. E. 1. 
269 SS. Th. A. Ciarisse: de Athenagorae vita et scriptis , et 
ejus doetrina de rel. ehr. L. B, 819. 4. Ilgsoßtia vTreg rwv Xpt- 
qriavwv (wahrscheinlich erst nach Justin's Tode geschrieben)^ und die 
feingedachte Schrift von der Auferstehung. 

g) Eus. 4, 20. Hier. cat. 25. Drei Bücher an Autolykus (ed. J. 
C. Wolf. 724. 8. Th. v. A. Verth. des Christenthums, mit Einl. u. 
Erkll. von F. W. Thienemann. L, 834). 



Die cBristl. Dog^engescliicLfe. Erster Theil. 85 

wie sie es denn auch nicht mit Erfolg zu thun vermöge. Die 
religiöse und sittliche Auffassung des Christenthums , als einer 
Sache der höchsten Vernunft, ist hei ihnen dieselhe wie hei den 
Griechen. 

Die Polemik dieser Periode hatte es, so weit sie mehr 
philosophisch war, mit den Gnostikern und denjenigen 
Denkarten zu thun, welche mit der Gnosis zusammenhin- 
gen; namentlich mit der Sabellianischen: an viele 
Vorgänger reihten sich hier Irena us von Lugdunum 
und Hippolytus an^). Ausserdem zeigt sich, zugleich 
mit der Apologetik gegen das Judenthum , die kircbllclie 
Polemik gegen den jüdischen Geist innerhalb der Kirche ^), 

1. Mit Irenjius, Polykarp's Schüler (angehl. Märtyrer um 
202)°), heginnt für uns die kirchliche Polemik: viele Frühere 
sind verloren gegangen^), und auch das Werk des Irenäus 
{eXeyyog a. dvaiQonrj Tijg ilisvdcavv/Liov yvooGsrns) in 5 Bü- 
chern ist nur unvollkommen durch die lateinische Kirche erhalten 
worden*^). Wenn gleich Irenäus auf einem hefangenen Stand- 
puncte steht, und die Gnosis mehr nur nach der phantastischen 
Aussenseite aufgefasst und heurtheilt hat ; so fehlt es ihm doch 
weder an philosophischem Talent^), noch an tüchtigen Grund- 
sätzen : seine Rechtgläuhigkeit im spätem Sinne wurde mit allem 
Rechte oft bezweifelt*). Der Kern seiner Lehren weist ganz 



ä) H. Dodwellt Diss. in Irenaeum. Ox. 689. Massnet Ausg. 
Par, 1710. Yen. 1734 s. IL (Hier auch die Fragmm. von Pfaff, Hag. 
C. 1715 herausg.) Anderes Munter: Frgmm. PP. Grr. 1. m. %. 

Adolph. Stieren: delrenaei adv. haereses operis foniibus,indole, 
docirina et dignitate. Gott. 1836. 4. 

h) Vogt: de scriptoi^. vett. haeresiologieis deperditis. Bibl. hae- 
res. IL 1 . praef. Vornehmlich Justinas Martyr, Bardesanes, Clemens 
AI. y.aroi Ttaawv ac^daswv, 

e) Die Frage über die Aechtheit des Werks bedarf keiner Erörterung 
mehr: C. G. F. Walch: de avS'svria librorum Irenaei adv. haere- 
ses (gegen Semler), N. Comm. Soc. Gott., hist. et ph. V. 1. 

d) Vgl. Baur, Gnos. 460 S. 

e) Pbot. 120.: i'v Tiatv (andern Schriften des Ir.) 57 z^g xard id ix- 
yXrjataaTiKa. däyfiava d?.T]&£las dy.Qißsta vö&oig koyta/io7s xißSrjXai^ 
Tai, tt XQV '^ci^aaijfittivsad'at. 

Andere Schriften, Bus. 5, 20. 26. Hier. cat. 35 : viele mit philosophi- 
schen Namen: nsgl aniazTjfirjS gegen die Heiden (also wohl Wissen- 
schaft!. Darstellung des Christenthums), iniSsi^is (Vales. dnoS.) xov 
aTroaToXiKov xtjQvyfiaros (ohne Zweifel der kirchlichen Tradition), ^ta- 
Xi^aie 8ta<fOQOt (Hieron. Ubs. traetafus, ist wohl richtiger als Rufinus 
dialogt). 



84 Allgememb Dogmengcscliichtc. Erste Periode. 

nach Kleinasien zurück : entwickelte Idee vom Logos als geisti- ■ 
gern Princip von der Umbildung der menschlichen Natur. Sein 
Werk ist die Hauptquelle für die kirchlichen Traditionen des 
zweiten Jahrhunderts ; es führt zugleich zuerst für die Kirchenlehre 
den Beweis aus der heil. Schrift, besonders des N.T., durch. Auch 
Tertullianus hat es in seiner Polemik vornehmlich mit Gno- 
slikern und gnostisch Gesinnten zu thun : freilich hat sich bei 
ihm in den Begriff der Gnosis alles Freiphilosophische (Platonis- 
mus und Stoicismus), Unkirchliche und Nichtmontanistische (Pra- 
xeas) hinein gezogen. Um so Weniger stand daher beim Tertul- 
lianus der Meinung entgegen , welche er zuerst aussprach j dass 
Häretiker und NichtChrist dasselbe bedeuteten ^). 

Hippolytus ist eben so nach den Schriften, welche seinen 
Namen führen, als in seiner Person, eine dunkle Erscheinung 
der altkirchlichen Zeiten (3. Jahrhunderts). In jedem Falle ist 
der, welcher ein Freund des Origenes "war, ein Mann von Ein- 
sicht und von Ruf gewesen ; dem denn eben darum auch manche 
Schriften beigelegt werden konnten, welche man nur als sein 
würdige betrachten konnte. Aber es hat wahrscheinlich mehre 
Berühmte des Namens gegeben^). 



/) Si haeretici sunt, ehrisliant esse non possunt — > Praescrr. 37 
al. Anders Aeinten es Andre, und die Spätem gewöhnlich (Wet'slen. 
ad Dial. de r. f. 2'i) mit derselben Formel, nllmlicb : die Häretiker nenn- 
ten sich mit persönlichen Namen, nicht mit dem christlichen. 

g) Walch-Danz, Oudin. 1. %t\ ss. Cave 1. 103 ss. Gieseler KG. 
1. 274. 3. A. 

Seine kirchliche Existenz ist bei Enseb. (6, 20. 22) nnd Hieron. (61) 
unbestimmt geblieben (ivs^ae itov iiQosaroh iy.y.Xrjaiai Eus. — Nomen 
vrbis scire non potui Hier.) : aber der Zusammenhang bei Eus.-scheint 
auf Arabien zu deuten: und so Gelasius und viele Neuere (^,,Bischof 
zu Portus Romanus."). Die persönlichen Verhältnisse mit Ircnäus 
(Phot. 121 : 6 fitXovvr OS EiQr,vaiov habe er geschrieben) noch mehr 
mit Origenes (ebds.) lassen sich hiermit wohl vereinigen. Der itali- 
sche oder Römische Bischof, Hippolytus (hierzu das Standbild aus 
den Katakomben b. Fabric, Cave — y^X. Hase KG. 109. 3. A.), wird 
zuerst bei Leontius Byz. erwähnt: er kann ein Andrer als jener ge- 
wesen sein. Wahrscheinlich ist er der Märtyrer, den Prudentius 
preist, perist. XI. 

Aber die berühmten Schriften, wie sie jenes Standbild aufführt, 
gehören wohl dem orientalischen Hippolytus : es sind Schrr. Origenia- 
nischer Art : kirchliche {Cyclus paschalis), exegetische (darunter Ver- 
theidigung desEvang. Job. und der Apokalypse — ohneZweifel 
gegen die Aloger: dieses Buch und gegen Cajus — vielleicht das- 
selbe mit dem it. y^agia fiurojv — existirte nach EbedJesu auch bei 
den Chaldäern: Assem. III. 1.), die Mehrzahl philosophische. Einiges 
schon früher erwähnt. Verschiedenes ist nun wohl unter sie ander- 



DI^ cliristl. Dog:meng:escliIchte, Erster TJieil. Od 

2. Gerade in der Zeit, in welcher das Judenthura seine geisti- 
gen Kräfte von Neuem zusammennahm, und in den Talmudi- 
schen Sammlungen eine Waffe auch gegen das Christenthum 
zu bereiten begann (2. und 3. Jahrh.), waren die Christen weni- 
ger auf dasselbe gerichtet: es schien ihnen zu unbedeutend, und 
mehr nur noch sein entfernterer Einfluss zu fürchten. Die Apolo- 
getik gegen das Judenthum (auch hier steht für uns Justinus wie- 
der an der Spitze) '*) trat daher hinter der gegen das Heidenthum 
und hinter der Polemik gegen die Gnosis zurück: und selbst wo 
jene Apologetik getrieben wurde , nahm sie ganz vorzüglich auf 
die Einflüsse des Judenthums in das Innere der christlichen 
Gemeine Rücksicht. 

§♦83» 

Aber in der Literatur der clirlstliclien Alexandri- 
ner bildete sieb Wissenscbaft und Pbilosopbie in das 
liircblielie Leben elgentlicb ein, und trat jene alexandrini- 
scbe Scbule mit ihren Bestrebungen und Ansprücben ber- 
vor. Die cbrlstlicb-platoniscbePbilosopble von Alexandria 
stellt sieb in Clemens und Or igen es dar^ die cbrlst- 
llcbe Wissenscbaft wurde, von Origcnes nacb alieii Seiten 
hin angebaut ^) : im Geiste des Origcnes dacbtcn und "wirk- 
ten dureb diese Periode seine Scbüler, Dionysius vöia. 
Alexandria vornebmlicb und Gregor von Neueäsa- 
rea^). Das tlieologiscbe System von Alexandria, w^lP 
scbon von Anfang berein ziemlleb entscbicden, und fand 
scbon im 5. Jabrbundcrt eben so crnstliebe Gegner^ als es 
bedeutende Freunde und Einfluss erbaltcn batte^). 

1. Titus Flavius C 1 6 m e n s, Presbyter und Lehrer zu Alex- 
andria (gest. um 220)"): Origcnes von Alexandria (gest. zu 



wärts gemischt worden. .Opp. et Fragmin, ed. J. A. Fahrte. 
Hamb. 716. 18. II. 

Ä) Früher angeblich Aristo von Pella (denn ihm legt Maximüä 
7. Jahrb. (zu Dion. Ar. bi. coel: i) den, schon von Celsus gekann- 
ten Dialog zw. Jason und Papiskus (Or. c. Geis. 1, 1. 4. 199. Sp.) 
bei : nach Eus. -4, 6 nicht so unwahrscheinlich. Routh. 1. 89 SS.). 

Der frühere Streit über die Aechtheit des Gesprächs mit. Try- 
phon (ed. Sara. Jebb. Lond. 719. 8) am genauesten berichtet von 
Cr edner, Beitr. z. Einl. 103. G. Münscher: An dialogus c.Try- 
pTione Justino M. recfe adscribatvr'^ (^799) Wieder abgedr. Comm. 
th.. ed. Rosenmüller, Fuldner, Maurer. I. 2. 184 ss. 

a) Eus. 5, 11. 6, 13. Hier. cat. 38. J. A. F. Bielke (J. G. 
JFälch.), de Cl. AI., ejus que erroribiis: Walch.Misce. SS. 5.10 ss.' 
Hofstedede Groot: de demente AI. philosopho ehr. Gvän. 826. 8; F. 
R. Eylert, Clemens von AI., als Philosoph und Dichter. Berl. 833. 



86 Allgemeine Dogmengescliiclite. Erste Perlode. 

Tyrus um 254)''). Clemens hat mehr hellenisch - attische und 
Welthildung 5 Origenes gehört ganz der alexandrinischen Schule 
an, in welchem Verhältnisse er auch zu der heidnischen Partei 
daselhst gestanden hahen möge *^) ; zugleich aher ist er b i b 1 i- 
scher und christlicher als Clemens. Dieser verschiedene 
Charakter der Beiden drückt sich in ihren Schriften und Leistun- 
gen, so wie in ihren Lehren aus. Auf der Einen Seite finden sich 
in Clemens Schriften mehr allgemeine Kenntnisse (ygi^avo/Lia- 
S'sia, Eus.) und Lebenserfahrungen aus dem Hellenismus, bei 
Origenes mehr Dogma und Schule: dort mehr Wohlredenheit, 
hier, bei aller Weitschweifigkeit, immer mehr Methode. Daher 
denn auch bei Origenes der Piatonismus offenbarer ist als bei 
Clemens^). Auf der andern Seite herrschte bei Origenes das 
biblische Element und die Christologie vor, der Glaube hat bei 
ihm eine mehr sittlich-christliche Bedeutung, und an die Stelle 

Coelln, AEnc. XVIII. Epiph. 32, 6: ov (paai nvss ^Als^avSgia, 
sTSQoi Se 'A&r]vaiov. üeberall, ausser bei Philippus von Side, ist er 
der Nachfolger des Pantänus genannt worden: Goella gleicht es 
damit aus, dass CI. vielleicht erst Stellvertreter des Pantänus gewesen 
sei während dessen Reise, Eus. ,5, 20.-^ Ed. J. Pofeter. Ox. 1715. f. 
n. (Rieh. Klotz. L. 831 ss. IV. 8.) 

6) Origenes: Eus. 6, 23s. Hier, cat, 54. Epiph. 64, \. Greg. 
Thaum, 'nQocfpojvijvmos tc. itavT^yvgiy.oe eis 'Sigiyivjjv — ed. Bengel. 
Stuttg. 722, 8. (Orig. Opp. IV.) 

Streit des 17, Jahrh. über Origenes Orthodoxie : P. Halloix (Origenes 
defensus. Leod, 648) u. A. (Walch. b. patr. 713 ss.) Vorzüglich P. D. 
Huet. Origeniana 1663, auch vor Or. Commentaren 1668 und Or. 
Opp. IV. — Gottfried T h m a s i u s, Origenes, e. Beitrag z. Dogmen- 
gesch. des 3. Jahrh. Nürnb. 837. 8. Redepenning und Schnitzer Einll. 
zu de princc. — Ed. Car. et C. V. de la Rue. Par. 733—59. IV, (C. 
H. E. Lommatzsch. Ber. 831 ss. 8.) 

c) Dehautf essai hist. sur la vie et la doctrine d'Ammonius 
Saeeas. Brux. 836. 4. G. A. Heigl, der Bericht des Porphyrius über 
Origenes. Rgsb. 835. 4. 

Nach Porphyrius b. Eus. 6, 19 und Vit. Plot. 2, und Longin (Fragmm. 
216. ed. Weisice) war derOr. der Kirche mit Plotin und Herennius eng 
verbunden gewesen, und Verfasser nur der Schriften über Dämonen 
und oTc fiovos 7ioi7]T^s ßaatlsve. Von Valesius u. A. wurden diesem 
nach und der Zeit wegen (jener Or. soll unter Gallienus geblüht haben) 
zwei Or. angenommen. Mit Recht sind die Neueren zu Porph. Angabe 
zurückgekehrt. Es sind wohl dort unter jenen beiden Schriften nur 
die Schulschriften des Or. gemeint : der Titel der zweiten mag bedeu- 
tet haben : dass der Herrschergott, vovs ßaaiXtvs (vgl. Stallbaum z. 
Plat. Phileb. S. 76 s. Creuzer z. Plot. de pulcr. S, 90 u. s. w.), der 
Weltschöpfer selbst sei. 

d) Paganin. Gaudentius, de dogmatum Origenis cum philos. 
Piatonis comparatione. Florent. 639. 4. E. G. Rettberg, doctrina 
Or. de Xoyta div. ex disciplina Neoplatonn. illustrata. Zeitschr. f. 
hist. Th. m. 1* 



Die clirlstl. Dögmengeschichfe. Erster Theil. 87 

der Gnosis tritt die christliche Philosophie. Mit Clelriens beginut 
auch die Reihe griechischer , christlichef Dichter "j^ Origenes 
hat die Kritik, die höhere (Kanon) und die niedere (Diask6oeri, 
Diorthose, Hexapla ti. s. w.), und die Auslegung der h. Schriften, 
vornehmlich die historisch -kritische, auch die Honiiiie über die 
Schrift^) in die Kirche eiiogefuhrt. — Die Hypotyposen des 
Clemens sind eine philosophisch atlfgefasste biblische Theologie 
gewesen : aber in ihnen hatte Cleöaens mehr seine innerliche 
Lehre ausgelegt"). Seine Hauptwerke, wie wir sie im Ganzen 
noch besitzen (TiQOTQsnTixös, ^cci^ayooyog, aTQco/iiaTslg), sind 
in einer gewissen überlegten Folge geschrieben ^). Aber Origenes 
legte seine tiefsten Gedanken in Schriftcommentafien nieder')» 

e) Clemens Hymnus aaf den Erlöser, am Pädagogösi Auslegungen 
von J. Schulthess [Si/mb. ad int. criL II. 84 ss.) und Ferd. Pi- 
per (C/. j4l. hymnus in Chr. salvatorem. Gott. 35. 8). 

/) J. u4. Karsten: de Or. oratore sacro, Gron. 8JJ4. Tzschir- 
ner: de claris eccl. oratoribus. Opuscc. ?06 ss. 

g) Dlö licitzereien der Hypotyposen : Phot. 1 09 — ^ kommen gäiiz an 
Origenes Lehre heran. Mehr aus einer ideal-dichterjschen Sprachweise 
ist zu erklären : fi^ aa^wj&^vat roy Xöyov aXXd Sö^ni, was Photius 
aach unter jenen erwähht. Die Stelle der Hypotyposen ist uflä wahr- 
scheinliclr erhalten Worden: zu 1 Jo. 1, 1 {rnanui Joqnnis duritiavi 
Calais nullo TtiodQ relttetatam esse ^— am Leib d«s Auferstandenen ) — ' 
Fragmm. der Hypotyp. siiid die von Cassiödör veränderten kurzen Aas* 
legungen zu vier kath. Brr. — vielleicht (Neander, Gieseler) auch die 
Bruchstücke: tm rotv 7CQoq)r]rtKüjv ixXoytti ■) wenn gleich Photius vöü. 
keinen Hyp. des Clemens zu den proph. Schriften weiss. Wenn jene 
nicht etwa (Coelln) aus mehrern Schriften Cl. geschöpft waren. 

h) Für diese Anordnung der Clementinischen Schriften ist nicht die" 
Stelle, Paedag. Ij 1, zu g^ebrauchen : diese handelt nicht von Cl. Schri^ 
leuj sondern von verschiedenen Arten der Rede und iSchrift (layos) 
überhaupt. Die Abfassiing jener drei Schriften ndch den drfii Mystö- 
riengraden beruht auf D.Heinsius CoDJectar. 

^rqwfiarsi? oder oTQWfj.arsv'; (alexandrin. Aufschrift: auch von Plu- 
tarch und von Origenes gab es Bücher d. T., sowie Hypotyposen von 
Origenes) oder vollständig: roiv «ard t^v dXyjß-^ tpckoaotptav yvbi- 
oTtHOJv vitoßv-nftarojv aTQOjfiartts. Z,\i dem in seiner gegenw. Gestalt 
zweideutigen 8. Buche können die oben erw. Bruchstücke ans l" h e o- 
d 1 u s gehört haben (von den Aeltern, aber auch von Coelln zu den Hy- 
pötyposeö genommen). 

Die Schrift: t/s o nlovaio? awtofisvoi; (Matfh. 19, 24) Eus. 3, 23. 
£d. C. Segaär, Traj. 816. 8, mag mit Coelln u. A. als uralte christl. 
Hömilie angesehen werden. Die Schrift yiavvjv ixxltjataortxoe ist 
wähtsöb. nach Strom. 6, 15 dasselbe gewesen mit dem ■ftQoe tovs *Iov- 
Säi^ovza?, welches b. Hier, und Phot. iroa jenem getreööt wird. 'ExzX. 
xavojv bedeutete ganz alexaridrinisch das kirchl. Princip in Hinsicht 
auf die heil. Schriften. 

■ {) Zu den frühesten Schriften des Or. gehören die ersten (5) Ab- 
schnitte zum Evang. Jöhannis und tt. aQyßr. 



88 Allgemeine DogmengescLicIitc. Erste Periode. 

2. Dionysius(BiscbofvonAlexan4riaseit248) warBestrefIep 
des ägj'ptischen Chiliasmus und des Sabellianismus im Sinne der 
alexandrinischen Schule, und freier Kritiker, wenn gleich, so viel 
wir wissen, nur auf dogmatischer Basis''). Gregor von Neocä- 
sarea (Thaumaturgos) scheint sich von der Origenianischen Glau- 
benslehre wieder mehr einer praktisch - kirchlichen Auffassung 
zugewendet zu haben'). Ausserdem gehören zur nächsten Schule 
des Origenes auch Pierius und Theognostus von Alexan- 
dria™). Im Abendlande hat der Geist der Origenianischen 
Lehre am meisten in Hilarius von Poitiers gewirkt, im Wissen 
ahmte ihm Hieronymus nach; seine Schriften haben nebea 
diesem vornehmlich in Rufinus und Ambrosius Nacbah-. 
mer gefunden. 

3. Das Wesentliche der eigentlich alexandrinischen, vornehm- 
lich Origenianischen, Lehre besteht darin, dass sie den Logos 
(in welchem auch sie, und eben so nach christlicher als nach phi-; 
losopbischer und platonischer Ansicht, den Miltelpunct ihres gan- 
zen Dogma fand) als Weitgeist, und zwar als sittlichen 



k] Dion. Alex., gest. um 266, der Grosse genannt, so wie Gregor 
von Keccäsarea (Vales. ad Ens. 7, 1) wohl der OffenbaruDgen wegen, 
die ihm zu Theil geworden sein sollten (Eus. 7, 6) — gegen den Chili- 
asmus (ob. S. 30) in den zwei BB. na^l i-icayytXifhv ^den geistigen Sinn 
der proph. Verheissungen) : gegen j[en Sabellianismus zuletzt in vier 
BB,, tXhyyoz xat anoXoyla. (Alhan.de sent. Di. AI.). Ausserdem gegen 
die Häresis vielfach in Briefen wirksam (Eus. 6, 46. 7, 6. ^ö), uiid 
personlich gegen Korakion (Eus. 7, 24). Vgl. Hier. cafc. 69. Opp. et 
Fragmm. Rom- 796 f. (GaUand III. XIV. app.) vgl. Routh. II. 383 
5S. und das ob, erw. Fragm. •KbQi qivatojelV. 343 ss. In derLebre War 
er gemässigter Origenist (daher die falsche Angabe Späterer, dass er 
Or. Gegner gewesen sei): aber durchaus galt er im Alte.r.thum als 
Verehrer jenes Mannes: Phot. 117. 332. p. 291. Bekk. 

Dion- AI. über die Apokalypse: i?. Atynster.: de Di. AI. circa 
apoc. sententia hujusque vi in seriorem libri aestimationem. Havn, 
826. Lücke, Einl. in d. Ap. 321 ff. 

/; Euseb. 6, 30. 7, 14. Hier. cat. 65. Basil. Sp. S. 29. Greg. 
Nyss. Lobrede auf ihn, Opp. IL 966 ss. Paris. (Eusebius erwähnt 
Nichts von seinen Wundern.) Opp. Mainz 1604. Par, 6*22. 

Eine i^c&taie niartoj? desselben, als Tradition von Neocasarea, fin- 
det sich in verschiedenen (drei) Recensionen: Walch. bibl. symb. 18 
ss. (ßingham. Qrigg. IV. 865. Rössler, Bibl. d. KV. IL 288 ff.) Die bei 
Gregor von JNyssa bat ganz die altalexandr. Fassung, mit welcher 
sich Basilius Angabe (ep. 210) wohl verträgt, Gregor habe hier ge- 
lehrt, dass Vater und Sohn enivbt'a Svo, vTroaräati Ss 'iv seien 
{Tpid? reXtla So^j] y.rX. fiij fitQi'Qofiivt] pTjös aTraV.oT^iovfiivtj). 
Vgl. Greg. Rede auf Orig. c, 4. 

m) Pierius, Eus. 7, 32. Hier. cat. 76. Phot. 118. 119. Routh. UI. 
307 ss. Ebds. Theognostus 219 ss. Phot. 106. 



Die chrlstl. Dogmengescliiclite. Erster Tlieü. 89 

Weltgeist auffasste. ,, Durch diesen Geist hat Gott von Ewigkeit 
her Welten geschaffen, und er ist der ewige Vermittler zwischen 
Gott und Creatur ^) ; für die gegenwärtige Schöpfung ist er zu- 
gleich die Welt der Idee'n, die allgemeine Vernunft, an welcher 
alles Vernünftige Theil nimmt, und die sittliche Weltordnuug : 
aher auch menschwerdend ist er in sie und auf die Erde herab- 
gestiegen, hat die Geister an sich gezogen, und hält sie mit sich 
vereinigt durch seine heiligende Kraft. Aher das Erlösungswerk 
geht durch die ganze Schöpfung hin, wie sie ja ganz durch die 
dem Logos verwandten Geister heseelt wird: schon die göttliche 
Vorsehung hat die Geistererlösung zum Endzwecke : sie wird be- 
schlossen durch die allgemeine Vereinigung der Geisterwelt mit 
Gott." In dieser Lehre lag ebenso die Präexistenz aller welt- 
und lebenbeherrschenden Geister inne, als die Unterordnung des 
Logos unter die Eine Gottheit. Gewiss war Origenes sehr ent- 
fernt, die Herrlichkeit des Logos vermindern zu wollen, daher 
er, ihm überall die Prädicate des Ewigen, des göttlich Wesen- 
haften und des Abglanzes der Gottheit, beilegt : aber es verbar- 
gen sich in dieser Schule jetzt noch die Schwierigkeiten der hö- 
heren Christologie, theils durch die Lehrform vom evdiddsTOQ 
und 7iQO(pOQtit6g, weichein ihrem Sinne lag, wenn sie sich der- 
selben auch nicht ausdrücklich mehr bediente, theils durch emaha- 
tistische Formeln. Wobei man bemerken rauss, dass sich der pla- 
tonische Realismus ja ohnediess dai'an gewöhnt hatte , auch das 
innere Leben der Gottheit, die göttlichen Eigenschaften und 
Idee'n [inhotat), als ewig selbständig und persönlich zu denken. 
Aber diese Lehren °) mussten, wenn sie einmal bestimmt aus- 
gesprochen wurden, vielfach an der Denkart und an gewissen 
einzelnen Dogmen der Kirche anstossen P). An j e n e r : denn eis 
trat ein fremdartiges, selbst der Guosis veiwandtes, Gepräge an 



. n) Omnium creaiurarum et Dei medkim, i. e. mediator — Princc. 
2, 6, 1. 

o) Unrichtig wird vonSocr. 6, 13 angegeben, dass die Lehre des 
Or. vom Logos und der Trias anfangs nicht unkirchlich gefunden 
worden sei: sie wurde nur in der Bestreitung weniger hervorgehoben. 
Aber Pamphilus erwähnt auch sie, und wenn Hierakas' von Leonlopolis 
(ob. S. 52) Origenist war (Danaeus zu Aug. haer. 47), so wurde er 
in dessen Lehre {J.vyvo? dno Xvyvov) angefochten fEpiph. 67 und Äug. 
erklären sie für manichäisch, d. i. gnostisch). Als zweideutig kam 
O. Lehre auch bei der Arian. Controvers zur Sprache. 

p) Origenist. Häresis Epiph. 63. 64 (vgl, Sbcr. 6, 10. Soz. 8, 14) 
August, haer. 42. 43. Orosius Commonitorium und Hieronymus (s. un- 
ten). Die lat. Kirche seit Hieron. und August, fand im Origenianis- 
mus auch den Vorläufer der pelagianischen Häresis. 



90 AUg^cmeine DogniengescMcIite^ Erste Periode. 

ihoen hervor. An Dogmen: vornehmlich denen von der Welt- 
schöpfung, von der zeitlichen Natnr der Geister, von dem ungei- 
stigen .Wesen der Natur, von der Auferstehung und von der ewi- 
gen Trennung zwischen den guten und bösen Naturen, zwischen 
Gott und Schöpfung. — Die christliche Urgeschichte in den 
Evangelien sähe Origenes zwar als die von einer niedern Erschei- 
nung des Logos an^), und setzte sie oft in Allegorie'n über; aber 
sie gilt ihm doch (ausgenommen wo die Ew. selbst auf etwas 
Höheres hindeuteten) als entschiedenes und bedeutendes Factum : 
und hierin fand daher der Origenianismus in der alten Kirche 
geringen Anstoss. 

Indessen in dem Zeitalter des Origenes und in dem übrigen 
Verlaufe unserer Periode kamen nur einzelne dieser Dogmen in 
Streit. Unter den Gegnern zeichnet sich jetzt Methodius, 
Bischof von Tyrus (gest. im Anfang des 4. Jahrh.)')^ aus : unter 
den Freunden und Vertheidigern Pamphilus von Cäsarea*). 
Späterhin ging die Origenistische Streitigkeit*) erst in die 
ägyptische der Mönche (Pachomius) mit der Schule und Kirche 
von Alexandria, dann in die der antiochenischen und alexandrini- 
schen Schule, endlich auch allerdings (wie beim Marcellus) in 
den Widerspruch der dogmatisch befestigten Kirche gegen das 
freiere Philosophem über. Indirecler Widerspruch gegen Orige- 
nes zieht sich ül)rigens auch durch die Schriften seiner Verehrer 
im 4. Jahrhundert hindurch"). — Die bei Origenes zuerst her- 



q) 2(UfiaTiy.ojs xQiariavl^siv , ao}fiariv.6v t/.'£vSos, und dagegen die 
voTjT^ BTTiSi]fiia Christi : Reden und Stellen des Or., aach aus den 
neuesten Streitigkeilen über die mythische Auslegung derEvv. bekannt. 
Auch Pamphilus berücksiclitigt den Vorwurf: quocl historias .corpo- 
rales — per Scr. S. — penitus deneget (6. Vorwurf). 

Vgl. Thomasius a. Ö. Beil. 1, 311 ff. : ,,Die Begründung deV allegör. 
Schriftauslegung und ihre Principien nach Origenes." 

r) Hier. cat. 83, von Eus. nicht erwähnt. Leo Allatius: deMetho- 
ßiorum seriptis. Rom. 556. 8. (auch b. Fabric, A. von Hippol. II. 
75 ss.) Opp. ed. Coinbcßs. Par. 644. Darunter avffiroatov twv Sixa 
it'ap'Q-ivmv, selbst voll platonisirender Reden. Auszüge aus tt. dva- 
ardaew? f "n. yet-TjTwv und tt. avra^ovuior gegen Origenes, Phot. 
234 — 236 Socr. 6, 13: Methodius im Dialog ^ivojv habe sein 
Prtheil über Or. zurückgenommen. Vielleicht bezieht sich diese An- 
gabe eben auf das eigene Schwanken des M. zum Piatonismus hin, 
in jener Schrift etwa nur mehr hervorgetreten. 

s) Pamphilus Apologie in 5 BB., das 6. von Easebius beigefügt: 
vorhanden das 1. B. durch Ruiinus übs., Or. Opp. IV. App., Ronth. 
r\^ 289 ss. Dazu Phot. 118. Anon. Apol. des Orig., Phot. 117. 

t) Origenist. Streitt., Walch. VII. 362 ff. Unten im Verlaufe d«r 
Qionophys. Conlrovers. 

u) Athanasius, Gregor v. Naz. und Easilius (deren tpt?^itaUa oder 



Die christl. Dogmengescbichte. Erster Theil. 91 

vortretenden, Ausflüchte (des Verfälschten"^), des Nichtverstande- 
nen, des anders Gemeinten^), der Bekanntmachung wider Wil- 
len^)), zeigen auf Einer Seite eine Scheu vor der öffentlichen Mei- 
nung, welche nur in einer sich schon abschliessenden Sache 
statthaben konnte, auf der andern eiuigen Einfluss freierer Maxi- 
men für Lehre und Schrift, welche aus den Gewohnheiten der 
fremden Schulen hergekommen waren. 

Eine andere Erscheinungp in der kirebliehen Literatur 
dieser Periode sind die afrikanischen Väter: vornehm-s 
lieh Tcrtullianus und Cyprianus^). Sie tragen zu- 
gleich den allgemeinen Charakter der kirchlichen Afrika- 
ner (16) und den der lateinischen Apologeten (21)an sich, 
und Cyprianus steht in Abhängigkeit vom Tcrtullianus : 
aber Beide haben das Gemeinsame wieder eigenlhümlich 
bei sich entwickelt und dargestellt*). Ein EinjQuss von 
ihnen auch auf das Ganze der Denkart und Lehrform in der 
lateinischen Kirche lässt sich nicht verkennen ^). 

1. Q. Septimius Florens Tertullianus von Carthago, und 
wahrscheinlich Presbyter der Carthaginensischen Kirche (gest, 
um 220) *) , und Thascius Cäcilius Cyprianus, Bischof v. GartH. 



ixXoyij ygaq)txwv t,7]Tij(iarojv xal S^taXvasojv Sozom. -4^ 36. Ed. J. 
Tarin. Par. 618. 4* G. Spencer. Cant. 685. 4). 

v) Orig. ep. ad ainieos Jlexandnnos b. Rufin., Rufiniis de 
adulteratione librr. Orig. — Vgl. Barthol. Germon, S. J., de vete- 
ribus haereticis eeclesiasfieorum codd. corruptoribus. Par. 713. 8, 
270 SS. ^ 

vi) ' AyoiVtaxMOJi f nicht doyiiaxinw? — stehende Entschaldignng 
dann in der Kirche für eigene und fremde, bedenkliche Reden : ähnlich 
der vom kolt ohovofiiav (Spec. Gesch.). — Oder, mehr erörternd als 
aussprechend (Princc. 1, 6, 1 : nobis dicuntur cum magno metu et 
cautefa, discutiendo magis ei pertraetantibus , quam pro certo at 
deßnito statuentibus). 

x) Durch Arabrosius in Alexandria — Hier, ad Pamm. et Oceanum, 

a) Eus. 2, %. Hier. cat. 54. A. Neander, Antignosticus, Geist des 
TertuUian, und Einl. in dessen Schriften. Berl. 825. (Vgl. Coelln, Be- 
nrth., ALZ. 1825. 271—73.) A. Birch: loci theologici e Tert. col- 
lecti. Havn. 790. 

Die Zeitbestimmung der Tert. Schriften, besonders der für Monta- 
nistisch zu achtenden, ist schwierig : Einltt. in der A. von Nie. Rigal-. 
tius, Par. (675) 695 f. S emier: de varia et incerta indole librr. 
Ter«. (Ausg. Tert., Halle 770 ff.V.), Nösselt: de vera aetate scripta- 
rum quae super sunt Q. S. F. Tertulliani. Hai. 757. Auch in iVbe^r^r. 

tres Commentt. ad hist. eccl. pertinentes. Halle 817. 8. Als die 

Jetzten und am meisten Montanistischea gelten i adv. Praxeam, de eaf- 



92 Allgemeine Dog'mengeschichte. Erste Periode. 

(Märtyrer 258)^). In jenem hatten sich mannichfache geistige 
Elemente vermischt: Schärfe und Reichthum des Geistes, ein 
stolzer, heftiger, schroffer Sinn, rhetorische Bildung und Kunst 
und die Gewöhnung an hürgerlich-rechtliche Formen und Begriffe ; 
auch philosophische Studien, wenn er gleich die offene Anwen- 
dung der Philosophie entschieden ahwies'^). Dazu kam im reife- 
ren Mannesalter (um 200) noch die Theilnahme an der montani- 
stischen Parteiung. Aber der Geist seiner Schriften wird durch 
sententiöse Kunst und rednerischen Schwulst verhüllt. Cyprianus 
ist ein heruhigler, gemässigter und geoi'dneter, mehr praktischer, 
kurz ein mehr kirc h 1 i c h er Charakter. 

2. Die Verschiedenheit in der Entwickelung des Tertullianus 
und Cyprianus liegt vornehmlich in dem Artikel von der Kirche. 
Tert. fassle diese mehr nach ihrem Geiste, Cypr. mehr nach ihrer 
Repräsentation im Bisthum auf*). Beiden gemeinsam aber sind 
die Idee'n von der Einheit der Kirche, von ihrer Auctorität und 
von der Bedeutung der sichtbaren Kirche^) 5 ferner die von 

hortatione castitatis, de monogamia, de fuga in persecutione, de 
ieiuniis, de pudtcUia. 

b) Hier. cat. 67. Die Gr. E. verwechselt mit ihm Cypr. von Antio- 
chia oder mahlte den afr. C. in dfesen aus: Greg. Naz. or. 18, Lobrede 
auf Cypr. : Lobgedicbt der Eudocia Phot. 184. Pearson. ann.Cy' 
prianici. Ox, 682. //. Dodwell. Diss. Cyprianicae. Ox. 684. F. 
VV.Rettberg, Th. Cäc, Cyprianus - dargestellt. Glitt. 831. Wciker, 
Aphorismen über Cypr., iflgen bist. th. Abbh. 3. 1824. — Ed. J. Fell. 
Ox. 682 f. St. Baluz. Par. 726 f. 

c) Mit Tertullianus beginnt auch der alten Annahme nach die Reihe 
der chrisll. Dichter in lat. S|irache (J. Ch. F. Bahr: d. christUcheu 
Dichter und Geschichtschreiber Roms — Karlsr. 836). Und wenigstens 
Afrika scheint die ersten hervorgebracht zu. haben. 

«f^ H. F. Schmieder, über Cypr. Sehr, von der Einheit der Kirche« 
t. 822. . 

e) Daher die beiden Controversen, in welchen Cyprianus auftrat, die 
Novatianische, Eus. 6, 43, und die über die Ketzertaufe, d. i. über die 
Wahrheit des Sacraments ausserhalb der Kirche, im engsten Zusam- 
menhange mit einander standen. Sie gehören auf das kirchengesch. 
Gebiet. 

Aber in dem Kovatianischen Streite kam zuerst die Befugniss der 
Kirche zur Sii n d en vergeh u ng zur Sprache (Akesius, Novatianer, 
auf dem NicUnischen Concil, Socr. I, 10: tlTrtSa rrt diftoiojsfi?} 
jTa^d rvjv ufjt'ov a?J.a na(/d tüv ß-sov ty.S'txtal^ni, T«? Suvaflivov a. 
f^ovainv aynvTO? avy'/MQt7v (lf^noTi'}fi<tTa — A'gl. 4, '28. 7, 25) j .und 
jene kam daher in das kirchliche Symbol. Aber vor Allem wichtig 
wurde die Unterscheidung der ausser lieh en und innerlichen 
Kirche, um welche sich der Novalianisehe Streit eigentlich bewegte. 

Der Name , I^a&agoi, wurde zuerst von den Novatiahern selbst, im 
Gegensatze zur äusserlichen Kirche, gebraucht: Eus. 6, 43. Theod. 
H. F. 3» 5; uud Epiphanius hat demgemäss schon die Häresis der Ka^ 



Die fchristl. DogmengfeschicLtc* Erster Theil. 95 

der Toleranz der Religionen im Staate^ und die asketi- 
schen Gruiidsätze. Bei diesen letzten stellt sich zuerst die 
Differenz der lateinischen und griechischen Kirche heraus, wel- 
che durch die ganze Geschichte derselLen hin hleihend gewesen 
ist : dass in dieser die Askesis mehr als Tugendühung gegölten 
hat^ hei den Lateinern mehr als verdienstliche Sache. Es 
hängt diese Differenz mit einer verschiedenen Auffassung des 
Tugendhegriffes bei Griechen und Römern zusammen. 

3. Der Eiufluss der Afrikaner, insbesondere der beiden hier 
Ausgezeichneten, auf die lateinische Kirche , hat sich weniger 
in einzelnen Dogmen, als in Denkart und Sprache dargelegt. In 
der Denkart: vornehmlich in der grossartigen und ausschlies- 
senden Idee vom Kirchenthum : aber auch in dem Ausdruck der 
christl. Frömmigkeit, welche sich bei jenen findet (Glaube — 
Hülfsbedürftigkeit dergeist. und sittl. Natur des 
Menschen). Aber die kirchliche Sprache nahm vomTertuUi- 
anus viele, und zum Theile wesentliche Bezeichnungen an'): und 
auch hierin bildete sich eine Differenz zwischen den beiden Kir- 
chen aus. Denn bei den Griechen wurde die kirchliche Sprache 
mehr aus der Philosophie, und im Morgenlande mehr aus der h. 
Schrift entlehnt : aberbei den Lateinern nach Tertullianus mehraus 
dem bürgerlichen Leben, ja vom Forum her. Die Bedeutung der 
pelagiähischen Streitigkeit, als Opposition gegen das afrikanische 
üebergewicht, wird unten darzustellen sein. Ein Vorspiel einer 
solchen mehr Römischen Denkai't neben der afrikanischen, mö- 
gen im 3. Jahrb. unter Anderen Cajus^) undDionysius von 
Rom'*) gegeben haben. 

In einem gewissen geschichtlichen Zusammenhange mit Cypri- 
anus steht die apologetische Schrift von Min.ucius Felix*) 
mit Tertullianus N o v a t i a n u s ^) . Ein freies afrikanisches Werk 



tharer, 59. Die Kirche nabm den Namen, aber nach Jes. 65, 5, als 
Beschimpfung, an. 

J^ Index Latinitatis Tertullianeae an der Semler'schen Ausgabe. 

g) Cajus Presb. v. Rom, schriftlicher Bestreiter des Montanismus, 
Chiliasmus und Artemonismus: Euseb. %, 25. 3, 28. 31. 6, 20. Hier, 
cat. 59. Phot. 48. Routh. 11. 3 ss. (Fragm. über den Kanon aus Mura- 
tori, IV. 7 ss.) 

h) Dion. Bisch, v. Rom. Eus. 7, 7, Routh. III. 177 ss. Mansi ampliss. 
coli. I. 1003 ss. 

i) Octavius. Ed. Onzel. L. B. 672. 8 (D. v. Russwurm. Hamb 824). 
Eda. de Muralto, praef. J. C. Orell. Tar. 836. (setzt M. F. vor Tert. 
u. Cypr.) Die meist übersehene Conjectur von Withof (Opuscc. 1776. 
278 SS. Conjectüra de Caecilio M. F. Es sei Cyprianus). 

A) Novat. de Trinitate, Hier. cat. 70. C. Ruf. 2, 19. (Ed. J. Jack- 



94 AUgemcine Dog^engescMclite^ Erste Periode. 

sind Arnobius Bücher gegen die Heiden (zwischen dem 3. und 
4. Jahrh. geschrieben 1, 13), aber mit vielen fremdartigen Mei- 
nungen durchmischt , welclie die Kirche niemals anerkannt hat, 
und welche nur dafür zeugen , wie man sich damals immer noch, 
wenigstens theilweisj bei einer allgemeinen christlichen üeber- 
zeugung beruhigt habe , ohne es im Einzelnen genauer zu neh- 
men^). Dagegen war die Bildung eines andern Lateiners am 
Schlüsse dieser Periode, welcher oft neben den Afrikanern ge- 
nannt worden ist, des Luc. C. Lactantius Firmianus, der 
Form nach Römisch, dem Stoffe nach mehr Alexandrinisch"^). 

Die in ncrliclien Kämpfe endlieh, welche in dieser 
Periode stattgefunden haben, sind zum Theile schon auf- 
geführt worden, und die Bedeutung dargelegt, welche 
sie für die Entwiekelung und Ausbildung so des Dogma 
als der Kirche gehabt haben. In der Bekämpfung der 
Gnosis zeigte sich damals schon eine Erscheinung, welche 
sich in dev Kirche so oft wiederholt bat : wie die specula- 
tiyeö üebertreibungen in der Religion neben der wahren 
Philosophie nnd Religion, auch Schwärmerei und Mystik 
und zu gleicher Zeit die nüchternste Verständigkeit, als 
Sswei andere Extreme, gegen sich gehabt haben f welche 
sieh nun selbst wieder einander bekämpften. Hier war 



son Ox. 728» An Rigalh A. Tert.) Mit Cyprianus verwandt ist auch 
Commodianus: instructiones adv. gentium deospro christiana dis- 
ciplma.(ßä. H. F. Schurzfleisch. Vit. 705. 4. — Die heidn. Götter sind 
ihm die Geisterund Bilder der Giganten Gen. 6 — Alles im Christen- 
thume wird auf Glauben und Sache der Unsterblichkeit hingeführt. 
Ebenso die Clem. Recognn., auch Lactant. und Arnobius. Hieriiach 
also hatte sich das Verlangen der Welt am lautesten ausgesprochen.) 

/) Hieronymus Erzählung cat. 79 von der Entstehung des W^erkes : ' 
disputatt. adversus gentes — vgl. Neander I. 3. 1161 f. — Ed. J. C. 
Orell. L. 816. II. P. K. Meyer: de ratione et argumenio apologetieo 
ArHohii. Havn. 815. 

tn) J.J.Rau: de pMlosophiaLactantii. Jen. 733. U. J. Spyker: 
de preUo, institutionibus Laciantii tribuendo. Li. B. 820. L.Haus- 
knecht, etudes sur Lactance. Strassb. 837. Die sieben Bücher divi- 
nae institutiones sind in einer geordneten Folge verfasst. — Opp. ed. 
J. C. Bünemann. L. 739. 8. Le Brau et N. C. Dufresnoy. Par. 748. 
II. 4. Xaver. Ro. 755 s. IV. 8. 

Alexandrinischer Art ist auch die Freude an den sibyllinischen Ora- 
keln ; vornehmlich aber die Lehre des Lact, vom Logos und von der 
Welt, besonders ihrem endlichen Geschicke. 



Pip <;hrlsll. pogm^ngescluclite. Erster Theil. 9S 

diesesin dem Montanißmus')^ Artemonismus und 
Alogismus*) zu seilen, 

1 . Die montanistische Partei (auch schlechthin die phry- 
gische genannt, ol itaTd0Qvyag, oder ^Qvyia'vai, KatacpQV- 
yiGTatf unpassend bei den Lat. Cataphryges)^)^ ist vielleicht 
nicht sowohl dunkel in ihrem Ursprung'') und Fortgang , als sie 
vielmehr in sich unbestimmt war: von Anfang her wohl mehr 
eine phantastische Erregung , welche sich neben den gnostischen 
Tendenzen and nahe hei den Hauptsitzen derselben, in dem Lande 
religiöser Schwärmerei erhob , und erst nach und nach jene Be- 
stimmtheit in Existenz, wie in Sinn und Ausdruck erlangte* Es 
Tvar eine Ueberspannung der praktischen Richtung, der inso- 
fern mehr Christliches zum Grunde lag als der Gnosis, als sie die 
sittliche Begeisterung als das Wesentliche und den End- 
zweck des Evangelium achtete , und die geschichtl. Basis von 
diesem nicht zerstörte. Montanus aus Mysien soll seine Partei- 
ung von Pepuza in Phrygien aus begonnen haben '^) ; die Opposi- 
tion gegen die Gnosis hat sich wahrscheinlich schon yom Anfange 
herein bei der Partei ausgesprochen''), und jene hat auch wohl 
ihre Ausbreitung, vornehmlich in Vorderasien und in die lateini- 
sche Kirche hinein, gefördert. In welchem Sinne Montanus auf 
sich selbst die Verkündigungen des Paraklel bezogen habe^), und 



a) Tertnllianus — Nachrichten von einem Ungenannten (Rhodon, 
Asterius 0. And."), aus ^Serapion von Antiochia, Miltiades {ttbqI tov 
firj jSsiv iv ixaraast Xalsiv tov irQocpijrrjv^ Apdllonius, Apollinarius 
gegen die Montanisten, beim Euseb. 5, 16—19. (vgl. Hier. cat. 37. 39. 
40. 41.) DerS. aa. 00. von Cajus Dialog mit Proklus. Epiph. 48. 
Philaslr. 49. Theodoret. 3, 2. August, haer. 26. 

G. Wernsdorf: de Montanistis vulgo creditis see, % haereitcis. 
Gedan. 751. 4. Conr. Max. Kirchner: de Montanistis spee. I. 
Jen. 832. 8. ^ 

Prophetische Blatter oder Bücher aus der Partei werden erwähnt: 
Epiphanius vorn, hat solche benutzt. 

b) Die Angaben der Väter schwanken auf die auffallendste Weise 
innerhalb eines Zeitraums von fast 40 Jahren, zwischen 140 bis 180: 
verwandte Bewegungen mag es eben weit früher schon gegeben haben, 
und Montanus Person mag sehr dunkel gewesen sein. Basnag. Ann. 
eccl. IL 145 ss. 

e) Stadt oder (nach Epiph.) Wüstenei — Ganz morgenländisch 
wurde dort auch die Eröffnung des sinnlichen Reichs erwartet. 

d) So war der Montanist Proklus auch Feind der Valentinianer 
(Tert. Val. ,3), und bei TertuUianus wird jeder Antimontanismus in 
die Gnosis hineingeworfen. 

e) Die kirchlichen Angaben schwanken wie bei Mani. Aber Mon- 
tanus selbst konnte leicht Aeusserungen der Art thun : er sei der 



96 AJigemcine Dogmcngcschlclite. Erste Periode. 

wie lange sich die prophetische Ekstase und Anmassung in 
der Partei erhallen habe*), wissen wir nicht. Aber gewiss ist es» 
dass sich die Partei immer von der christlichen M e n g e , auch 
in äusserlichen Formen"), gelrennt gehalten, un3 für die Auser- 
wählten und Reinen unter den Christen geachtet hat (spiritales, 
entgegenges. den Physikern). Ganz natürlich war bei ihr die 
Verbindung moralischer Schwärmerei mit asketischen üeber- 
spannungen. 

Die Kirche bestritt anfangs im Moutanismus neben diesen • 
Aeusserlichkeiten vornehmlich das neue Prophetenthum {via 
nQ0(p7'iT£ia)', und zwar in zwiefacher Weise: theils das unberech- 
tigte Vorgeben ^) , theils den Begriff desselben bei den Monta- 
nisten, die erzwungene Ekstase, die göttliche Manie. Die Irrleh»- 
ren der Montanisten im Artikel von der Trinitäl^) kamen wohl 



Paräklet — (Gyr. Hier. 14, 4. Theodore^ öder: ovts ayyslöe övts 
^^daßv? i dXl' tyoj xi'iQtoe o S-to? tiar-^Q ^iX&ov (Epiph. a. 0. 11), 
da ja mit ihm die Zeit des Paräklet beginnen, und eine Parusie des- 
selben geschehen sein sollte. 

f) Der Idee nach dauerte sie wohl fort bei den Montanisten, wenn 
gleich die Beispiele allmälig seltner hervortraten oder sich in diö 
Masse verloren — Tert. de an. 5 ; Soror apud nos revelationum 
tharismcLta sortiia -^- ist zu wenig montanistisch. F. Munter: 
effata et oraeulä Montanistarum. Havn. 829. 

Die Montanist. Weissagungen können allerdings zu dem politischen 
Verdachte gegen das Christenthum beigetragen haben. Der Dialog, 
Philopatris, ängebl. von Lucian, wurde oft, auch von A. Kestner 
(Agape 418 ff.), in Bezug auf dergl. montan. Orakel gesetzt (in weit 
spätere Zeiten aber von Wiebuhr : Leo Diac. etc. 324 ss. und Praef. 
IX) — bekanntl. auch Vieles von den Sibyll. Orakeln. 

g") Nach Hieronymus {ep. 54 Vall. ad Märcellam) waren die Vor- 
steher der Gemeinen: Patriarchen die höchsten, Bischöfe die niedrig- 
sten, dazwischen Cenones, oder vielmehr Coenbnes (xotrwvts — vgl. 
Passow u. d. W. : vgl. andere Conjecturen, Lehrb. d. DG. 179) — wohl 
Heilsgenossen (2 Cor. 8, 23). Freilich hat diese Nachricht keine 
Gewähr dafür, dass dieses stets und überall stattgefunden habe. 

h) Hierbei wurde oft überhaupt geleugnet, dass es noch ein Prophe- 
tenthum geben solle: mit Benutzung von Malth. 11, -13. 

i) Für ihre Orthodoxie in der Trin.lehre sprechen ausdrücklich Epi- 
phanius und Theodoretus (dieser : Einige nur von ihnen seien sabel- 
lianisch gesinnt) : als Sabellianer gelten sie bei Didymus, Hieronymus^ 
und vom 5. Jahrb. an gewöhnlich (Socr. 1, 23. Isid. Pel. 1. 67). In- 
dessen ist es wohl nicht zu leugnen, dass sich die schwärmerische 
Auffassung der Lehre vom göttl. Geiste und insbesondre die des Monta- 
nus,zum Sabelliani smus aufverschiedene Weise hinneigen konnte. 
Von verwandter Art sind die Vorwürfe des Origenes (Princc. 3, 7, 3 : 
vilibus Paracletum neseio quibus spiritibus compararunf) und Basi- 
lius (c. Eun. 2. Mont. seien Vorläufer der Macedoniaaer, %7]v <fvaiv 

TOV ItV, f^SVJiliaUVTlc). 



Öiö cLriötl* Dogmeng^escliiclite. Erster Thell. 97 

örst nach Beginn der Sabellianischen Streitigkeit zur Erwägung, 
sie konnten nicht gehörig nachgewiesen werden, und wurden da- 
her auch verschieden bezeichnet^). Aher die Kirche hat aus der 
montanistischen Sache (ausser dem Vortheile, welcher in der gei- 
stigen Mitwirkung gegen die Gnosis lag) Zweierlei gewonnen: 
in der Lehre eine genauere Erwägung und reinere Auffassung des 
Begriffes von Begeisterung und Inspiration, und in Verfassung und 
Leben, wenigstens hier und da, ein grösseres Zusammenschlies- 
sen und mehr innere Gemeinschaft der Kirche'). 

Die montanistische Partei hat sich in der lat. Kirche wahr- 
scheinlich in ähnliche, separatistische Secten (Novatianische, Do- 
uatistische)™), theilweis auch in die allgemeine Denkart verloren: 
in ihrem ursprünglichen Sitze aber mag sie sich in gewissen 
schwärmerischenSeclen fortgepflanzt haben '^), von denen ei- 
nige Namen stehend wurden, dunkle, sonderbare Bezeichnungen, 
wesentlich auch auf Misbräuche im Abendmahle hindeutend "). 
Wie in verwandten Secten, auch der spätesten Zeiten , scheint 

Der angebL Manie häismus der-Möntanisten, b. Isid. Pel. f. 245i 

k) Daher auch erhielt sich der Montanismus lange Zeit ia Verbindung 
mit der Kirche -^ zu Rom (vgl. Praxeas Geschichte)j zu Lyon (Eus-. 5, 
3, und Irenäus Mässigungj den wir daher nicht geradezu zum Montadis- 
mus rechnen dürfen) — und hierher gehört auch die Frage über die, 
anscheinend montanistisch geschriebenen^ Adta Perpetuae et Felicita- 
tis, Ruinart. 9?- ssi (Tert. de an. 55). Origenes nimmt sie nur als ge- 
trennte, nicht als ketzerische, Partei», 

Von den verbrecherischen. Mysterien der Mohtänisten (Eßiphij Phi- 
lastr.) sagt Theodoret selbst, siö seien unerwiesen^ und die Partei er- 
kläre diese Anklage für Sykophantie. 

/) Die ersten bestimmten Spuren von Kirchenversammlüngen ia der 
Moatan> Sache : EuSi 5, 16 : twv xard ttjv '^alav ittarütv noKkäKts xal 
TToXXaxy tijg lAalas avvtX&ovvnjv -=^ vgL Mansi I. 69.S s; - 

m) DieNovatianer werden mitPhrygiern zusammengestellt Sbcri 5, 22. 
Philostorg. 8, 15. Die Verwechselung des Dönatisten-NamenSj Mon- 
tenses, mit dem der Montanisten beiPhilastr. 83j deutet vielleicht auch 
auf eine sichtbar gewordene Verwandtschaft der Parteien hini 

») Crreg. Naz. ör. 14. die Raserei der Phrj'gier daure noch fort: 
doch sind dieses zweideutige Angaben, in den Kaisergesetzen bleiben 
bekannth die Montanisten bis zu Justioian herab stähn. Dagegen wieder 
Optat. schismi Dcuj Ij 8 die Kataphrygier eine erstorbene Secte nennt. 

o)Artotyritae von Epiphanius 49, 2 (neben den Quin tillianern, Pris- 
cillianera u. Aj) ausdrücklich zu den Montanisten gerechnet. Von glei- 
cher Art wareü wohl dieÄskolrygetae oder -trogetaej dehn so, ev danwi 
oder aoMv oder ^tr' a,axo)y TQvyrjtal, tgcoy(x^)7jTal wäre der, sehr 
verschieden geschriebene, Name zu nehmen, wenn es ein griechiseber 
gewesen wäre : die altere Schreibart, Taa^oSgoyiTat, Epiph. 4&y 14, 
wird aus der Landessprache hergeleitet und gleichbedeutend mit dem 
Schwärmernamen jnaqaaAo^'^uy;Kttat(ülImann Nicol. Chon. 48( f.) ge- 
nommen. VgL Heimbachi A* der Basiliken 1. S* 29. 

Dogmengeschichte. 7 



98 Allgememe Doginengescliiclite. Erste Periode* 

der gleichmachende und verhrüdernde Geist der Schw,'Irnierei 
schon damals das Abendmahl gern zu einem blossen, weltlichen 
Freundesmahle gemacht zu haben. Gegen solche Secten sprechen 
bis in späte Zeiten herab Kaisez'gesetze und Stimmen der Kii'che. 
2. Es ist nicht entschieden und klar, wie und durch wen der 
Artemonismus V) zuerst im Ausgange des 2. Jahrb. (unter 
Victor) in der Römischen Kirche eingetreten sei, und die Ver- 
hältnisse zwischen Artemon und Theodotus sind unbekannt ''). 
Die Partei der A loger endlich hat unter diesem Namen nur 
einen Gewährsmann"^), gehört aber gewiss mit in diese Reihe. 



p) S. E. Kapp. hisf. Artemonis et Artemonitariim. L.737. Mcbre 
solche SchriftCQ wurden damals dui-ch die Erneuung des Namens im 
Artemonius (S. Grell) veranlasst. 

Das avvzayfia y.ara. rr/g'^^grifiojvos aigsasoi? Eus. .*), 28, war dem 
Eus. wohl weder unter dem Titel: (iiy.Qos laßvgiv&o? , noch unter Ca- 
jus Namen bekannt geworden. Unter jenem scheint esTheodoret (H. F. 
%, 5, im Abschnitte von Theodotus) gekannt zu haben; Photius (48) 
kennt eine Schrift des Cajus unter demselben, unterscheidet aber von 
ihr die desselben Vfs. gegen Artemon, welche ei* aber nicht selbst gese- 
hen zu haben scheint. Nicephorus (4, 31) leitet das Fragment b. Eus. 
geradezu aus der Schrift: (iiaq. }Mß.y her (ohne Cajus Namen zu er- 
wähnen). Hieraus erhellt denn wenigstens wohl : dass eine Schrift je- 
nes Titels es mit dieser Secte zu thun gehabt hat, und dass die kirchl. 
Tradition eine solche (ob nun gerade von solchem Inhalte? — der Ti- 
tel war wohl auch ein gewöhnl. in der damal., wie in der späteren 
kirchlichen, Literatur) dem Cajus beigelegt habe. 

Selbst die gewöhnl. Annahme, dass auch Artemon in Rom gewirkt 
habe, ist nicht entschieden, Artemon's Secte (aber ob nun gerade als 
noch bestehend?) zuletzt erwähnt von den An tioch. Vätern J.269. Eus. 
7, 38. AberEpiph. 65, 1 : Artemon sei damals längst erloschen gewesen. 

q) Schon die Person dieses Theodotus ist dunkel. Doch wird dieser 
hier (der Byzantiner, o oy.iTev?) von der Kirche gemeinhin von dem 
Jüngern, o rgaTnCivriS CÄlelchisedekiten-Stifter, oben S. 51), unterschie- 
den. Dass dieser ein Schüler des Ersteren heisst, auch dieses hat Vie- 
len Anlass gegeben, den Lehren des Ersten eine sab ellianische 
Deutung zu geben. Gennadius, dogmm. eccl. 3, stellt Art'emas mit 
Praxeas zusammen, 4, mit Beryll und Marcellus. Neuerlich fasste auch 
Neander die Lehre dieser Männer als Sabellianismus auf. 

Mit Artemas ward Theodotus zusammengestellt von dem Ungen, b.. 
Eus. a. 0. : in eine andere Partei {izsQa (pQaiQia) von Theodoret a. 0. 
Bei den Alten gilt Art. als der Aeltere: bei den Neueren (P. Wes se- 
il ng, probabb. 31) gewöhnlich als der Jüngere. — Von Theodotus: 
Epiph. 54. Phil. 50. Aug. haer. 33. 

Dem Artemonismus wird vielseitige griechische Wissenschaftlichkeit 
beigelegt (Euklides, Aristoteles, Theophrast, Galen. Eus. a. 0.); auch 
Theodotus heisst Trokvfia&ijg (Epiph.). Verschiedene Standpuncte waren 
CS also wohl nicht, auf denen die beiden standen (Schleiermacher). Na- 
men von Nachfolgern des Tb., bei Eus. und Theodoret. 

r) M.Merkel, bist. krit. Aufklärung der Streitigkeit der Aloger 



Die christl. Dogmeiigeschiclitc. Erster Thell. 99 

Aber als entschieden ist die Stellung dieser Parteien anzusehen ; 
im Gegensatze, sowohl gegen die Gnostiker und gegen die Monta- 
nisten^ als auch gegen die orthodoxe Lehre : entschieden und klar 
auch eben dadurch ihr Geist, insofern sie wahrscheinlich nicht 
allein die Ansicht von der Person Christi menschlich -gewöhnlich 
nahmen und machen wollten {dQVi]Gi'd'60S dnoG'vaGid)', sondern 
überhaupt gegen das Ideale und die Begeisteriirig im christlichen 
Denken angekämpft haben. Doch mit dieser Denkart konnten sie 
weder neben dem damaligen Geiste, noch neben dem Dogma der 
Kirche, wie es sich bereits ausbildete, bedeutende Erfolge haben'). 

§♦ «©♦ 

Aber in den Meinungen und Streitigltelten , welche 
zusammengenommen bei den Alexandrinern, Und dann in 
der gesammten Kirche die Sabellianlsch en genannt 
werden,, fasste sich das Interesse zusatamen, welches sich 
in Geist und Gedanken der Kirche nun immer entschie- 
dener und ausschliesslicher auf die Lehre von der Per- 
son Christi richtete^). Der Sabellianismns suchte, in 
einer Reihe von Gestaltungen, welche meist ohne ge- 
schichtlichen Zusammenhang nach einander erschienen^), 
aufgestellt durch Praxea s 3 Noctus, Sabelllus^), 



und derApokalypsis. Fr.u.L. 783. %. F. A. Heini chen: de alogis, 
antiqidssimis divinitatis J, C. et chiHasmi hostibus , librr. Joan" 
neorum adversarüs. L. 829. Lücke, Comm. z. Job. S. 44 f. 

Epiph. 51. DieTheodotiaiier heissen bei ihm Abkömmlinge derAloger 
54, 1. Darin kommen die Aloger bei Augustin. haer. 30 und d. Späteren 
beider Kirchen vor. J\Iit Recht werden die Feinde der Schrr. Job. bei Phi- 
lastr. 60, für dieselben gehalten: Aber es ist auth dieselbe antimonta- 
nistische Denkart, wie sie sich gegen Job. Schriften richtete, von wel- 
cher aus früherer Zeit Iren. 3, 11 : Aliiut donum spiritus fimstrentur 
— illam, speciem (§i§axi}sTv'n:ov) nun admittunf, quae est secundum 
Joannis evangeliiim, in qua paracletum se missurum. Dominus pro- 
misif. Im Folgenden : infefices, qui pseudoprophetae quidem esse vo- 
Itmt, propheticam vero gratiain repellunt ab ecciesia u. s. w. scheint 
es nicht der Conjectur pseudopropketas zu bedürfen (dann vielleicht 
noch nolunt): auch möchte kein kritischer Zweifel (wie ihn Neander 
hegt a. 0. 1001) statt finden. Ob auch Hippolytus gegen solche? 
oben S. 84. 

Aber gewiss will Epipb. von jenen Alogern nicht blos kritisch -dog^ 
malische Zweifel an den Joh. Schriften berichten, sondern auch die Ab- 
leugnung wenigstens der Logoslebre in ihrer Anwendung auf Christus. 

s) Es bleibt zweifelhaft, ob die Art. und The. Partei die übernatür- 
liche Geburt Jesu angenommen habe oder nicht? Geleugnet wird es bei 
den Theodotianern nur von Epiphanius. Vielleicht trennte sich die Par- 
tei selbst bierin. 



96 Allgemeine Dogmcngescliichte, Erste Periode. 

wie lange sich die prophetische Ekstase nnd Anmassungiü 
der Partei erhallen hahe^), wissen wir nicht. Aber gewiss ist es» 
dass sich die Partei immer von der christlichen M e n g e, .auch 
in äusserlichen Formen °), getrennt gehalten,, und für die Aoser- 
wählten und Reinen unter den Christen geachtet hat {spirüales, 
entgegenges. den Physikern). Ganz natürlich war bei ihr die 
Verbindung moralischer Schwärmerei mit asketischen Ueber- 
spannungen. 

Die Kirche bestritt anfangs im Moutanismus neben diesen ' 
Aeusserlichkeiten vornehmlich das neue Prophetenthum {via 
nQO^rjTEia)-, und zwar in zwiefacher Weise: theils das unberech- 
tigte Vorgeben ^) ^ theils den Begriff desselben bei den Monta- 
nisten, die erzwungene Ekstase, die göttliche Manie. Die Irrleh*- 
ren der Montanisten im Artikel von der Trinität*) kamen wohl 



Paräklet — (Cyr. Hier. 14, 4. Theodöret^ Öder: ovrr. ayysXos övie 
TtQiaßv?^ dXl" ayoj xvqioS o &i6? ftaTrjg ijk^&ov (Epiph. a. 0. 11), 
da ja mit ihm die Zeit des Paräklet beginnen, und eine Parasie des- 
selben geschehen sein sollte. 

^) Der Idee nach dauerte sie wohl fort bei den Montanisten, wenn 
gleich die Beispiele allmälig seltner hervortraten oder sich in diö 
Masse verloren — Tert. de an. 5 : Soror apud nos revelationum 
bhari'smata sortita -^-^ ist zu wenig montanistisch. F. Munt er: 
effata ei oraculä Montanistarum. Havii. 839. 

Die Montanist. Weissagungen können allerdings zu dem politischen 
Verdachte gegen das Christenthum beigetragen haben. Der Dialog, 
Philopatris, dngebl. von Lucian, wurde oft, auch von A. Kestner 
(Agape.418 ff.), in Bezug auf dergl. montan. Orakel gesetzt (in weit 
spätere Zeiten aber von PJiebuhr : Leo Diac, etc. 324 ss. und Praef. 
IX) — bekanntl. auch Vieles von den Sibyll. Orakeln. 

g-) Nach Hieronymus [ep. 54 Fall, ad Marcellam) waren die Vor- 
steher der Gemeinen: Patriarchen die höchsten, Bischöfe die niedrig- 
sten, dazwischen Cenones, oder vielmehr Coenbnes (y.oivwvse — vgl» 
Passowu. d.W. : vgl. andere Conjecturen, Lehrb. d. DG. 179) — wohl 
Heilsgenossen [2 Cor. 8, 23). Freilich hat diese Nachricht keine 
Gewähr dafür, dass dieses stets und überall stattgefunden habe. 

Ä) Hierbei wurde oft überhaupt geleugnet, dass es noch ein Prophe- 
tenthum geben solle: mit Benutzung von Matth. 11,-13. 

z) Für ihre Orthodoxie in der Trin.lehre sprechen ausdrücklich Epi- 
phanius und Theodoretus (dieser : Einige nur von ihnen seien sabel- 
lianisch gesinnt): als Sabellianer gelten sie bei Didymus, Hieronymus., 
und vom 5. Jahrb. an gewöhnlich (Soor. 1, 23. Isid. Pel. 1. 67). In- 
dessen ist es wohl nicht zu leugnen, dass sich die schwärmerische 
Auffassung der Lehre vom göttl. Geiste und insbesondre die des Monta- 
nus, zum Sabellianismus aufverschiedene Weise hinneigen konnte. 
Von verwandter Art sind die Vorwürfe des Origenes (Princc. 2, 7, 3 : 
vilibus Paracletum nescio quihus spiritibus compararunf) und Basi- 
lius (c. Eun. 2. Mont. seien Vorläufer der Macedoniauer, t?;v <piatv 
xov 7CV% {IcürsAtcavTif)" 



öle ehristl* DogmcngescLIclite. Erster TheÜ. 97 

erst nach Beginn der Sabellianischen Streitigkeit zur Erwägung, 
sie konnten nicht gehörig nachgewiesen werden, und wurden da- 
her auch verschieden bezeichnet*-)» Aber die Kirche hat aus der 
montanistischen Sache (ausser dem Vortheile, welcher in der gei- 
stigen Mitwirkung gegen die Gnosis lag) Zweierlei gewonnen: 
in der Lehre eine genauere Erwägung und reinere Auffassung des 
Begriffes von Begeisterung und Inspiration, und in Verfassung und 
Leben, wenigstens hier und da, ein grösseres Zusammenschlies- 
sen und mehr innere Gemeinschaft der Kirche'^). 

Die montanistische Partei hat sich in der lat. Kirche wahr- 
scheinlich in ähnliche, separatistische Secten (Novatianische, Do- 
natistische) "), theilweis auch in die allgemeine Denkart verloren: 
in ihrem ursprünglichen Sitze aber mag sie sich in gewissen 
SchwärmerischenSecten fortgepflanzt haben ^), von denen ei- 
nige Namen stehend wurden, dunkle, sonderbare Bezeichnungen, 
wesentlich auch aufMisbräuche im Abendmahle hindeutend"). 
Wie in verwandten Secten, auch der spätesten Zeiten , scheint 



Der angebl. Manie häisinus der. Montanisten, b. Isid. Pel. !. U5: 

k) Daher auch erhielt sich der Montanismus lange Zeit in Verbindung 
loait der Kirche — zu Rom (vgl. Praxeas Geschichte)j zu Lyon (Eus. 5, 
3, und Irenäus Mässigungj den wir daher nicht jgeradezu zumMontanis- 
inus rechnen dürfen) — und hierher gehört auch die Frage übei* die, 
anscheinend montanistisch geschriiebenenj Jota Perpetuae et Felicita- 
tis, Ruinart. 9?- ssi (Tertv de an. 55). Origenes nimmt sie nur als ge- 
trennte, nicht als ketzerische, Parteii 

Von den verbrecherischen . Mysterien der Mohtänisten (Eßiphij Phi- 
lastr.) sagt Theodoret selbst, siö seien unerwieseuj und die Partei er- 
kläre diese Anklage für Sykophantie. 

/) Die ersten bestimmten Spuren von Kirchenversammlüngen in der 
Montan>^Sache « Eus* 5, 16 : twv xard ti}v l^alav •Jttazwv noKXdzls xal 
iioXXaxy Tri? '-^aio-s avviX&ovrnjv -^^ vgl; Mansi I. 693 Si 

m) DieNovatianer werden mitPhrygiern zusammengestellt Söcri 5, 22. 
Philostorg. 8, 15. Die Verwechselung des Dbnatisten-NamenSj Mon- 
te ns es, mit dem der Montanisten beiPhiIastr.83i deutet vielleicht auch 
auf eine sichtbar gewordene Verwandtschaft der Parteien hini 

k) Greg. Na z. or. 14. die Raserei der Phrj'gier daure noch fort: 
doch sind dieses zweideutige Angaben, in den Kaisergesetzen bleiben 
bekanntl; die Montanisten bis zu Justinian herab stöhn. Dagegen wieder 
Optat. schism* Don* Ij 8 die Kataphrygier eine erstorbene Secte nennt. 

o)Artotyritaevon Epiphanius 49, 2 (neben den Quintillianern, Pris- 
cillianern u. A.) ausdrücklich zu den Montanisten gerechnet. Von glei- 
cher Art waren wohl dieAskotrygetae oder -trogetaej dehn so, iv dax^ 
oder aaxov oder fitr danojv Tgvyrjtal, tgoJy{y?)7jTai wäre der, sehr 
Verschieden geschriebene, Nämö zu nehmefa, wenn es ein griechiseber' 
gewesen wäre : die ältere Schröibärt, TaattoSgoyiTac, Epiph. 4»^ 14, 
•wird ans der Landessprache hergeleitet tind glfeichbedeutend mit dem 
Schwärmernamen iTaaffaAo^Vn^*«* (ÜHman n Nicol. Chon. 48 f.) ge- 
nommen. Vgl. Heimbachi A. der Basiliken L S^ 29. 

Dogmengeschichte. 7 



08 Allgcmeirie Doginengesclilclite. Erste Periode. 

der gleichmaciüende und verbrüderade Geist der Schwärmerei 
schon damals das Al)endniahl gern zu einem blossen, weltlichen 
Freundesmahle gemacht zu haben. Gegen solche Secten sprechen 
bis in späte Zeiten herab Kaisergesetze und Stimmen der Kirche. 
2. Es ist nicht entschieden und klar, wie und durch wen der 
Artemonismus P) zuerst im Ausgange des 2. Jahrb. (unter 
Victor) in der Römischen Kirche eingetreten sei, und die Ver- 
hältnisse zwischen Artemon und Theodotus sind unbekannt^). 
Die Partei der Aloger endlich hat unter diesem Namen nur 
einen Gewährsmann"), gehört aber gewiss mit in diese Reihe. 



p) S. E. Kapp. hist. Artemonis et Artemom'tartim. L.737. Mebre 
solche Schriften wurden damals durch die Erneuung des Namens im 
Artemonius (S. Grell) veranlasst. 

Das alvrayfia xard Tr,e'^QTt/i(fJvos atQsasojs Eus. 5, 28, war dem 
Eus. wolil weder unter dem Titel: fiiy.goe Xaßv^nv&o? , noch unter Ca- 
jus Namen bekannt geworden. Unter jenem scheint esTheodoret (H. F. 
3, 5, im Abschnitte von Theodotus) gekannt zu haben; Photius (48) 
kennt eine Schrift des Cajus unter demselben, unterscheidet aber von 
ihr die desselben Vfs. gegen Artemon, welche er aber nicht selbst gese- 
hen zu haben scheint. Nicephörus (4, 21) leitet das Fragment b. Eus. 
geradezu aus der Schrift: fimg. ?Mß.,. her (ohne Cajus Namen zu er- 
wähnen). Hieraus erhellt denn wenigstens wohl : dass eine Schrift je- 
nes Titels es mit dieser Secte zu thnn gehabt hat, und dass die kirchl. 
Tradition eine solche (ob nun gerade von solchem Inhalte? — der Ti- 
tel war wohl auch ein gewöhnl. in der damal., wie in der späteren 
kirchlichen, Literatur) dem Cajus beigelegt habe. 

Selbst die gewöünl. Annahme, dass auch Artemon in Rom gewirkt 
habe, ist nicht entschieden, Artemon's Secte (aber ob nun gerade als 
noch bestehend?) zuletzt erwähnt von den An tioch. Vätern J.269. Eus. 
7, 28. AberEpiph. 65, 1 : Artemon sei damals längst erloschen gewesen. 

q) Schon die Person dieses Theodotus ist dunkel. Doch wird dieser 
hier (der Byzantiner, o oy.rrsvg) von der Kirche gemeinhin von dem 
Jüngern, o rgaitttirri? (Melchisedekiten-Stifter, oben S, 51), unterschie- 
den. Dass dieser ein Schüler des Ersteren heisst, auch dieses hat Vie- 
len Anlass gegeben, den Lehren des Ersten eine sabellianische 
Deutung zu geben. Gennadius, dogmm. ecci. 3, stellt Artemas mit 
Praxeas zusammen, 4, mit Beryll und Marcellus. Neuerlich fasste auch 
Neander die Lehre dieser Männer als Sabellianismus auf. 

Mit Artemas ward Theodotus zusammengestellt von dem üngen, b.. 
Eus. a. 0. : in eine andere Partei (irtpa tpQatqia) von Theodoreta. 0. 
Bei den Alten gilt Art. als der Aeltere: bei den Neueren (P. Wesse- 
ling, probabb. 21) gewöhnlich als der Jüngere. — Von Theodotus: 
Epiph. 54. Phil. 50. Aug. haer. 33. 

Dem Artemonismus wird vielseitige griechische W^issenschaftlichkeit 
beigelegt (Euklides, Aristoteles, Theophrast, Galen. Eus. a. 0.); auch 
Theodotus heisst itoXv fia&i^? (Epiph.). Verschiedene Standpuncte waren 
es also wohl nicht, auf denen die beiden standen (Schieiermacher). Na- 
men von Nachfolgern des Tb., bei Eus. und Theodoret. 

r) M.Merkel, hist. krit. Aufklärung der Streitigkeit der Aloger 



Die christl. Dogmeiigescticlitc. Erster Theil. 99 

Aber als entschieden ist die Stellung dieser Parteien anzusehen ; 
im Gegensatze, sowohl gegen die Gnostiker und gegen die Monta- 
nisten, als auch gegen die orthodoxe Lehre: entschieden und klar 
auch eben dadurch ihr Geist, insofern sie wahrscheinlich nicht 
allein die Ansicht von der Person Christi menschlich -gewöhnlich 
nahmen und machen wollten (aQj/')]oi'd'€og UTVOGTaaia) ^ sondern 
überhaupt gegen das Ideale und die Begeisterung im christlichen 
Denken angekämpft haben. Doch mit dieser Denkart konnten sie 
weder neben dem damaligen Geiste, noch neben dem Dogma der 
Kirche, wie es sich bereits ausbildete, bedeutende Erfolge haben'). 

§♦ »©♦ 

Aber in den Meinung^cn und Sfreltlgltelten , vrelche 
znsammengrcnonimcn bei den Alexandrinern, nnd dann in 
der gesammten Kirche die Sabellianls cb en genannt 
werden,, fasste sieb das Interesse zusammen, welcbes sieb 
in Geist und Gedanken der Kircbe nun immer entscbie- 
dener und aüsscbliesslicber auf die Lebre von der Per- 
son Cbristi richtete^). Der Sabellianismus sucbte, in 
einer Reibe von Gestaltungen, welche meist obne ge- 
sebicbtücben Zuäammenbang nacb einander erscbienen ^), 
aufgestellt durcb Praxeas, Noetus, Sabellius^), 



und derApokalypsis. Fr.u.L. 782. 8. F. A. Heini chen: de alogis^ 
anfiquissiinis divinitatis J, C. et chiliasmi hostibus , librr. Joan- 
neorum adversariis. L. 829. L ücke, Comm. z. Job. S. 44 f. 

Epiph. 51. Die Theodof ianer heissen bei ihm Abkömmlinge derAloger 
54,1. Darin kommen die Aloger bei Augustin. haer. 30 und d. Späteren 
beider Kirchen vor. J\Iit Recht werden die Feinde der Schrr- Job. bei Phi- 
lastr. 60, für dieselben gehallen. Aber es ist aufch dieselbe antimonta- 
nistische Denkart, wie sie sich gegen Joh. Schriften richtete, von wel- 
cher aus früherer Zeit Iren. 3, 11 : Aliitit donum. spintus fntstrentur 
— illam, speciem (StSax^g rinrov) non admittunf, quae est secundum 
Joannis evangeliiim, in qua paracletum se missurum. Dominus pro- 
misit. Im Folgenden 2 infelices^ qui pseudoprophefae quidetn esse vo- 
Itint, propheticam vero gratiam i'epellunt ab ecctesia u. s. w. scheint 
es nicht der Coaiectur pseudopropket a s zu bedürfen (dann vielleicht 
noch nolunt): auch möchte kein kritischer Zweifel (wie ihn Neander 
hegt a. 0. 1001) statt finden. Ob auch Hippolytus gegen solche? 
oben S. 84. 

Aber gewiss will Epiph. von jenert Alogern nicht blos kritisph- dog- 
matische Zweifel an den Joh. Schriften berichten, sondern auch die Ab- 
leugnung wenigstens der Logoslehre in ihrer Anwendung auf Christus. 

s) Es bleibt zweifelhaft, ob die Art. und The. Partei die übernatür- 
liche Geburt Jesu angenommen habe oder nicht? Geleugnet wird es bei 
den Theodotianern nur von Epiphanius. Vielleicht trennte sich die Par- 
tei selbst hierin. 

7* 



100 Allgemeine Dogmengcscliiclite. Erste Periode. 

Beryll US von Bostra^) (denen mit UnrecLt Paulus 
Yon Samosata beigesellt wird)^), die ideale Natur Christi, 
und die drei Ersten von ihnen dieselbe im Zusammen- 
hange mit Vater und Geist, s o aufzufassen, dass sie dem 
Polytheismus keinen Anlass und heine Begünstigung ge- 
währen sollte. 

1. Der Sabellianismus ging in der idealen Christologie über 
die judaisirenden Lehren von einer göttlichen Kraft in Jesu und 
über die unbestimmten Logoslehren hinaus : zunächst aber ent- 
wickelte er sich im Gegensatze zu den subor dinatianiscben 
Begriffen des Piatonismus, namentlich des Alexandriniscben, und 
in ihm vornehmlich gegen den Schein und die Gefahr des Poly- 
theismus ^) . Der Sabellianismus war nicht Emanatismus, we- 
nigstens nicht im gewöhnlichen und im gnostischen Sinne;- aber 
eine Verwandtschaft desselben mit derGnosis, vielleicht auch eine 
äusserliche, örtliche, lässt sich nicht wohl ableugnen, und es trat 
also in diesen Streitigkeiten ein Wiederschein von dem alten Ge- 
gensatze des Piatonismus und der Gnosis ein. Das Wesentliche 
des Sabellianismus bestand darin , dass er das Göttliche in Chri- 
stus als Etwas darstellen wollte, welches erst in der Person Christi 
-hervorgetreten sei, wenn es auch vorher als göttliche Eigenschaft 
bestanden hätte ; aber hervorgetreten als wirkliches göttliches 
Leben, als göttliche Unmittelbarkeit, nicht blos als von Gott aus- 
gegangene Kraft oder Wirkung. Denn der idealere Sinn dieser 
Denkart unterscheidet sie vom Artemonismus, und die Kirche im 
Allgemeinen trennte die beiden stets ^). Die tiefere Begrün- 
dung der sabell. Denkart in Geist und Richtung jener Zeit") zeigt 



ä) Daher der Name» Monarchlaner, seit Tertulliaa (Prax. 1 0) : 
ähnliche andere kamen später änf. 

b) Im Allgemeinen : denn freilich fehlt es nicht an einzelnen IJrthei- 
len anderen Sinnes: wie Chrysost. sac. -4, 4.; wieBasilias(ep. 62)ii.A. 
alle Sabellianer für jüdisch Gesinnte erklären — und wie man (Ath. a. 
Apoll. %, 14 And.) Paul von Sam. ohne Weiteres unter die Sabellianer 
zählte. Bei Neander werden zwei Classen von Sabellianern angenom- 
men, Artemoniten und Patripassianer : allerdings stellen die Väter, 
vorn. Origenes (wie in Jo. to. 2, %•• ijroi. dgvotfitvovs ISioxTjra vidv 
etc. 7] oigv. ttjv S-toTijra tov viov — vgl. Geis. 8, 12), diejenigen, wel- 
che die Persönlichkeit des Logos leugneten^ (Sabellianer also im wei- 
tern Sinne), in diese zwei Classen. 

c) Aus älteren Zeiten fvielleicht auch den alexandrischen Begriffen 
entgegengesetzt), aber zweideutig, erscheint Aehnliches beim Justinus, 
Tryph. 128 (ariivros Kai dvojaiazoe tov nargöe sei der Logos — o 
narrjQ oxav ßovArjzai dvvafitv avrov itgoitTjoav ttoiec, aal ozav povA.j 
naliv dvaariXXet eis iavzov, so auch die Engel). Dagegen hat das 
ägyptische Evangelium, welchem Epiph. 62» ^ Sabellianismus bei- 



Die cliristl. DogmengcsclucLte, Erster Tlieil. 101 

pich schon darin , das? sie , wie oben erwähnt ward, gleichzeitig 
und hald nacheinander an verschiedenen Stellen, und wahrschein- 
lich ohne Zusammenhang der Personen oder Schulen, erschienen 
ist. Es ist dieselbe dann unter mancherlei Formen eine stehende 
Denkart geblieben, sowie der Name derselben stets ein allgemei- 
ner geblieben ist. 

2. ^) Pr axeas aus Asien, Ende 1, Jahrb., ist uns authentisch 
nur aus Tertullianus bekarint, welcher seinem Einflüsse in Rom 
und ihm selbst in Carthago entgegen arbeitete. Die gewöhnliche 
kirchliche Geschichte vom Sabellianismus beginnt mit Noetus j 
doch wird vor ihm vne eine Succession von Lehrern dieses Sin- 
nes in Asien aufgeführt®). Der Unterschied der oben erwähnten, 
vorzüglichsten Vertreter des Sabellianismus mag im Folgenden 
aufgefasst werden. Pr axeas fasste die Trias lediglich in der 
■ Person Christi auf (Vater, Sohn und Geist: das Göttliche, 
Christus mit der göttlichen Ausrüstung , und diese Ausrüstung 
selbst) ^) , N Q e t u s von Smyrna oder Ephesus ^) , und S a b e U 1 u s 



legt (Christus habe gesagt : top avrov sivat Ttatsga, rov a. etvai viov, 
r. a. aJ. ayiov itvtv/Ma), gewiss rein emanatistisch gesprochen (Vgl. 
SchneckenLurger, Ev. d. Ae. S. 8). 

d) Christian. W orm. historia Sahellima. Fcf. et L. 696. 8. 
Beausobre, H. d. Man. I. 533 ss. 

F. Schleiermacher, über den Gegensatz zwischen der Sabellia^ 
nischen und der A.lhanasian. Vorstellung von der Trinität. Theol. 
Zeitschp. 3. 295 ff. QVerke I. Ablh. 2. B. 485ff.) L. Lange, Gesch. 
11. Lehrbegr. der Unitarier vor der Nicän. Synode. L. 831. 8. Vgl. 
Dess. j Einige Worte üb. krit. u. pragmat. Behandlung der Kirchen-, 
insbesd. der Dogmengeschichte ; Zeilschr. f. hist. Th. II. 2. 1833. 17 ff. 
und ebds. II. 2. 178 ss. : Der Sabellianismus in seiner ursprüngli» 
chen Bedeutung. 

e) Theodor et, H. F. 3, 3 : avsvswaaro t^v a'iQsaiv, tjv 'ETtlyo- 
voe fiiv TIS ovroj y.a7Mv fisvos aTtsxvrjas "jvqwtos, Kksofidvrjs Ss ■nraga-' 
Xaßujv ißeßaiwas. Epiph. dagegen lässt den Noetus ohne alle Vor- 
gänger auftreten. Jünger des Pr axeas, app. Tert. praeserr. 53. 
(Prax. haer.): quatn Victorinus eorroborare curavit •— aber hier 
verbessern Andre (auch Gieseler); Fictor. 

f) Tert. Prax. 2: pater ipse Beus (avrö-d'sog). %1 : dieentes ß' 
lium carnem. esse id est hominem id est Jesum, patrem aufem 
spiritum id est Deum. id est Christum. Von einem andern h. 
Geiste scheint demnach Pr. Nichts gewusst zu babeni 

g) Hippolyt. ih Tr,v algsatv Norjzov Ttv6z — ed. Fabric. II. 5 ss, 
(I. 285 ss.) wahrscheinlich aus dem grSssern Werke gegen die Häre- 
sien. — Aus Hippol. vornehmlich (doch nicht aus ihm allein) Epipha- 
nius 57. Anao. 1 1 (Philastr. 53. Aug. 36, 41). Auf Noetus und seina 
Partei wird auch g«wöhnl. des r i g e n e s Antisabellianismus bezo- 
gen: von welchem auch Pamphil, Appl, undPhot, 117: von Schleier- 
macher auf Beryll, 



102 Allgemeine Dogmengescliiclite. Erste Periode. 

zu Ptolemais in der afric. PeutapoUs^') liessen das göttliche Le- 
ben , wie es dann in Christus und in dem heil. Geiste erschienen 
sei, sich schon in Eigenschaften Gottes von Anbeginn unterschei- 
den ; aber Sabellius , mehr noch emanatistischen Lehrformen zuge- 
neigt'), bezog die dreifache Offenbarung auf den geoffenbarten 
Gott, von welchem er den Ewigen, die Gottheit an sich, die Mo- 
nas, unterschied : und Vater, Sohn und Geist fand er nicht blos 
in dem Christenthume, sondern in der ganzen heiligen Geschichte. 
Auch suchte Sabellius wohl dadurch die Trias mehr herauszu- 
stellen, dass er dem Ewigen die Drei entgegensetzte, nicht dem 
Vater, den Sohn und den Geist. Wie nun aber diese Alle die Of- 
fenbarung Gottes in Christus wahrscheinlich nur auf die Macht 
und die Erfolge in Person und Sache Christi bezogen halten, 
so wich Beryll von Bostra^) von ihnen ab, indem er jenes gött- 
liche Leben eine Persönlichkeit in Christus annehmen Hess. 

Einen eigentlichen, blossen Nominalismus (wie man ihn 
späterhin im Sabellianismus vom Mo dalism us unterschied, als 
die Meinung, dass die angeblichen göttlichen Personen nur ver^ 
schiedene Ansichten, Auffassungen von der Gottheit wären) hat es 
unter den alten Sabellianern ebenso wenig gegeben^), als, was 
ihnen die Väter vorwarfen, Patripassianismus™)., Nur dem 



li) Schriften des Sabellius von Epiph. gebraucht: angeblich noch 
im 5. Jahrh. (Arn ob. conflictus de Deo vno et trino cum Serapione 
— Bibl. M. PP. 8. »36 ss,) — Epiph. 63. Euseb. 7, 6. Theod. 3, 9. 
Phil. 54. Aug. 41. Die Widerlegungsschriften, von denen im Fg. 

t) Die Lehre des Sabellius war daher vor allen Diesen dem Vor- 
wurfe des Gnoslicismus ausgesetzt. Im Briefe des Alexander von AI., 
Theodoret. H. E. 1, 3., sind Sabellius undValentinus zusammengestellt: 
das Wort rofiaXs aber scheint sich dort auf Keinen von Beiden zu 
beziehen, sondern auf eine rohere Vorstellung; auf beide das ix 
8iaiQtatvjg dirÖQ^oiai,. 

k) Euseb. 6, 33. vgl. 30. Hier. cat. 60. C. Ulimann: de Be- 
ryllo Bostreno eiusque doctrina. Hamb. 835. 4. 

/) Wiewohl Origenes Lehren dieser Art anscheinend als Nominalis- 
mus bezeichnete; in Malth. to. 17, 14: oi avyxiovns TrazfJoQ a. viov 
svpotav, y.al rj] vTroazäasi ava alvat, SiSövrae eivat rov Tcariga, ;<• 
Tüv viov, rfi iTTtvoia fiov?] x. rois ovofiaat' SiacgovVTts to sv t'Troxäi- 
fitvov. In Jo. to. % 2, ofiokoyovvTtte S^sov slvai rdv [i-ä%^t ovöfia.ros 
(nur dem Namen nach) icaq avxoi? viov OTQocayopavoutvov. Nach Obi-. 
gern wären denn auch ovofiara und ovofiaaiui des Sabellius zu neh," 
Jlien, nicht in blos subj. Bedeutung. 

m) Zuerst erscheint der Name lateinisch Philastr, 54. Aber er war 
wohl schon im 3, Jahrh- entstanden. Äthan, de syn. Ar, et Sei. 7 
{IlaTQQTcaoatavol ft-av rcagd 'Pmfiaioi,<; , ^aßtVuavol Ss TcaQ ijfiXv)» 
jPatrem crucifixit , bemerktauch Tert. Prax. Pater passus u. 
And. und Aehnliches bei Dion. Alex. Epiphanius {anac. 11) spricht 
SabelilHS vo» Patripass, frei ; hiergegen August, a, 0, 



Die chi'istl. Dogmengeschichte. . Erster Theil. 105 

Noetus werden patripassiaEisch lautendeAusdi'ückq beigelegt (IVa 
'itsd'U Y^wr/d-ävTa,, nänovS^ö'ua,, dnoS-avowa): aber sie er- 
scheinen seihst dort nnr als' uneigentliche Reden. Vielmehr un- 
terschieden jene Alle doch hestimmtund immer Gottheit und gött- 
liche Offenbarung, und ihre Lehren fassten in der Person 
Christi nur das Höhere, Göttliche auf, ohne ausdrücklich zu be- 
stimmen, in wieweit die menschlichen Kräfte und Zustände Jesu 
daran Theil genommen hätten ") . 

3.?) Die Formeln der drei zuerst Genannten müssen dem hier 
Gesagten gemäss aufgefasst werden. Nach Praxeas ist Jesus Chri- 
stus zugleich Vater, Sohn und Geist. Der altkirchlichen Meinung, 
dass Praxeas mit.Hermogenes gleichgesinnt gewesen sei, dürfte 
wohl nicht viel beizulegen sein^). Noetus lässt den an sich Einen 
Gott {eig 'Aard ^vra/uiv, Hippol.)'^) offenbar werden durch die 
gesammte Schöpfung') und im Sohn ^) und Geist. Ist die kirch- 
liche Angabe gegründet, dass Noetus auch Etwas wie Metempsy- 
chosenjehre verkündet habe*), so mag hieraus erhellen, dass in 
ihm neben der Einheit des göttlichen Lebens auch die von 
der Einheit des Geistes in der Menschheit gelegen habe. Aber 
die meisten Erklärungen sind vom Sabellius übrig geblieben, in 
welchem dieseDenkart eigentlich erst auf historischen Boden trat. 
Sie haben, wie gesagt, meist emanatistischen Klang und die Kirche 
deutele sie als Gnosis : aber ohne Zweifel ist ihr Sinn ein ande- 
rer, selbständiger*^),. In der Schöpfung galten dem Salxellius 



11) Doch Praxeas b. Tert, 29 — : non ex divina, sed ex kum. sub~ 
stantia mortuum dicimus. 

o) Der biblische Beweis scheint sich bei Prax. , No. u. Sab. ge- 
meinsam vora. auf die Johanneischen Stellen gegründet zu haben : 
10, 30. 14, H. (iV aafisv' 6 taa-Tov naTtga' Ivdj iv Tiargi u, s. w.') 
Tert. Prax. %0. 

p) Prax. wird mit Hennogenes verbunden Phil. 54. Aug. 41. Prae- 
dest. 41. Mit dem äusserlichen Irrthume, welcher die beiden Feinde 
des Tortullianus neben einander stellte, verband sich wohl (wenig- 
stens bei Neueren) die Meinung (vgl. das Fg.), dass der Sabellianis- 
mus p an theistisch sei. 

q) Das ivkQytiai, bei Noet. (und vielleicht auch bei Sabellius) ist 
daher wohl in. der aristotelischen Schulbedeutung zu nehmen, nicht 
Wirkungen, sondern Wirklichkeiten. 

r) Theod. : dqinvyjs hrav td^dlj}, cpaivofisvoe §£ rjviy.a av ßovXrjzai,. 

s) Noetus (Hippol. 15: ^a^' ka.vTov t loyo^ ovx rjv rÜsiog viö?) 
und Sabellius (Alb. c. Ar. 4, %2i ttqo z^s tiricpaveia? /tjy slvat vtov 
d/J.d Xöyov (lovov) unterscheiden Logos und Sohn: nämlich als 
Natui'offenbaruDg Gottes und die christliche. 

t) Bei Hippol. und Fgg. ; Noetas gab sich und seinen Bruder für 
Moses und Aaron aus. 

■u) So waren die von Sabell. gebrauchteu Formeln (Äthan, c. Ar. A, 



104 Allgemeine DogmengescLiclite, Erste Periode. 

als die- drei Offenbarungen Gottes wohl Existenz, geistiges und 
physisches Wirken (entsprecTiend der dreifachen Erscheinung der 
Sonne -rr- das uralte Gottesbild! — in Figur, Lieht, Wärme) ^)j 
in der heiligen Geschichte galten ihm als Vater, 3ohn, Geist 
drei Erscheinungen, gleichsam R o LI e n {ay^^ixara, nQogwna ^), 
Noetus hatte nach einer andern Wortbedeutung nur Ein nQOSdi- 
nov gelehrt), der Einen Gottheit, ihr Wirken imA. T., im Evan- 
gelium, in den Aposteln^). 

In der Bestreitung der eigentlich Sabellianischen Lehre 
(durch Dionysius von Alexandria, Athanasius^) , Gregor von 
Nyssa^), von Nazianz und Basilius)^^) tritt die älteste philosophi- 
sche Bestreitung deg Pantheismus in der ehr, Kirche hervor ''''), 

4. Beryll US von Bostra erscheint noch vor Sabellius (nach 
230); und gewiss gehört er nicht in die Sabellianische Reihe im 
eigentlichen Sinne. Er war wohl auf den Widerspruch gegen die 
alexandrinische Lehre von den Hypostasen gerichtet, aber ent- 
fernt von der Verflüchtigung der göttlichen Natur Christi, wie sie 
in den vorigen Lehren geschehen ist. ,jDiese göttliche Natur 



13, hält sie für stoisch) sxreifsa&at (ihm entspricht itXaxvvsad-at Ath, 
C. Ar. 4, 12 : 37 fiovds nXarvv&slaa ytyovs rpids) und avatsXXsaß-ai, 
schon von Philo (vgl. Dähne Alex. Ph. 1, 207) nicht emanatistisch 
gebraucht worden, ja gerade im Gegensatze zu Theilungen der Sub- 
stanz: und in der That so auch Clem. hom. 16, 12. — Eben hierhin 
gehört auch der sabellianische Unterschied von atojnwv &a6e dvav'sQ- 
yTjTOS, XaXü)v, la%v(uv Ath. a. 0. 

v) Im Bilde von aöifia, ivvsvfia, ■V'Z'Jj ^^^ Sab. auch gebraucht 
haben soll, bedeutete aojfia vielleicht Persönlichkeit, nicht KtJrper, 

w) livvzroaxaTog tojv •jiQoeo'jnvjv dvaTrXnauöe — Basil. ep. 210. 
2HiTaftopq)ova&at,j ■jrgoeojTcoTcoieia&at Sab., jedoch das letzte nicht 
von der Gottheit selbst gebraucht} ■jcQoswjtoTtot, rov eva S^tov vito 
T^e YQuepr/i SiacpögoJS. — 

x)' Theod. ; iv fiav rfj naXaia Sia-d: ole "Karipa. voju,o&eT^aat , iv 
Ss Tij y.airfi üjS viäv tvav&gom^oaiy ojs tiv. ^a a. roli artoor, aiti-^ 
tfOiTfjoai. Der Name Itondtüig, den Sab. der Gottheit beigelegt ha-< 
ben soll, nach Ath. de syn. 16, wird von Schleierm. auch iü den 
geminatis nominibus unionis , Hilar. trin. 10, 6, gefunden. 

y) Bes. im B. über Dionysius v. Alex. 

£) Gr. Nyss. Xöyo? aar 'Aqaiov y.al ^aßaXXlov — A. Mai. N. Coli. 
VIII. P. 2. 1 SS. 

aa) Briefe: 210. 21 4. 235. 

hh) So wird der Sabellianismus auch von Möhler behandelt; 
Athanasius i. 304 ff. [i^ f^äXXov ty iiavxa t] firjSav sxaorov atvat — 
ist eine allg. Formel gegen den Panth. : Alles Eines oder auch Nichts, 
Greg. Naz. or. 1 : nach Sab. Die Stelle des Dion. Alex, (aus I. B. 
gegen Sabellius), Eus. P. E. 7, 19, gegen d. Annahme einer ewigen 
Slaterie, deutet gewiss auch auf eine pantheist, Anklage gegen den 
gafeelüanisiaus hiq, 



Die cLrisd. Dogmengesctiiclite. Erster Thell. 103 

Christi (d aaTtjQ ml v.VQiog i^fiwv) hat vor der Menschwerdung 
nicht persönlich existirt {f.ii^ nQOV(psqT;ävat)-, sie hat vielmehr 
in dieser erst selbständiges Dasein erhalten ( id'iOf ovaiag ^s^ 
QiyQa(pri, Individualität, Persönlichkeit) *=') und hesteht nun ewig 
in dieser '''^).^' Es ist keine sichere Angabe voi'handen, dass Be^- 
ryll durch jene Hypostasirung die Menschheit Jesu hätte auf» 
heben wollen : in der menschlichen Person Jesu, mag er gemeint 
hal)en, fasste und bestimmte sich ein besondres göttliches Dasein 
und Bewusstsein. Indessen war es vielleicht eine richtige Conse-» 
quenz in der Kirche, wenn man dieses nicht für vereinbar mit ei-f 
nem menschlichen Bewusstsein, einer menschlichen Seele hielt. — ^ 
Die Milde übrigens, mit welcher die Kirche diese Lehre beur- 
theilte, zeugte für dieAnerkenhtniss der Gesinnung ^^) des Beryll, 
aber auch für die damals noch vorhandene, grössere Freiheit in 
der dogmatischen Auffassung. Origenes widerlegte ihn persönlich 
zu Bostra, und die Kirche erzählte auch in späterer Zeit von der 
völligen Sinnesänderung des Beryilus. 

5. Paulus von Samosata, Bischof von Anliochia*^), wurde in 
der alten Kirche und Geschichte häufig den Sabellianern beige- 
zählt, oft auch, nach einer andern Ansicht, als Vorläufer desNe- 
storius angesehen ") : Eines so unrichtig wie das Andere. Denn 
ihm war das Göttliche in Chi'istus Nichts mehr als das göttlich 
Bildende und göttlich Wirkende in ihm^''') : nur accoramodirte er 
sich in dem Ausdrucke für dasselbe zum alexandrinisch-kirchli-» 



ce) JlegiyQacpiq ist ebenso wie ditsglygairroQ ein Wort des alten 
Schulgebrauchs : vgl. UUmann a. 0. 13. 

dd) Zweifelhaft mag es sein, ob B. auch selbst gesagt habe (Ejus,)? 
fiTjda ■d'soTTjza ISlav t'x^iv, a^A* i fcTcoXtTtvofi^vTjv (iovijv xijv narQix7]V, 

ee) Socr. 3, 7, die Synode zu Bostra habe dem Beryll die Lehre 
von der wahrhaft menschl. Seele Christi vorgehalten. 

//) Eus. 7, 27—30. Epiph. 65. Theod. 2, 8. Garner. an Mar. 
Merc. II. 307 ss. J, G, Feuerlin. de haeresi P. Sam, Gott. 741, 
4. J. G. Ehrlich: de erroribus P. S, L. 745. 4. 

gg) Ephraem. v. Ant, (6, Jahrb.) Phot. 222 (die gegen Nest, ge- 
brauchten Sprüche des Äthan, seien gegen Paul gerichtet). Contestatio 
ad der. Constantinop., in conc. Eph. jiropos,, Mansi V. 393. Si-. 
ineon v. Betharsama, Assem. B. 0. l. 346, M. Mevcator: de dis-^ 
crimine inter haeresin Pauli et dogmm, Nestarii — Opp. II. 77 ss. 

hh) Die Berichte oder auch Paul selbst, schwanken in der bestimm^ 
ten Auffassung dieses Göttlichen : göllliche Kraft, wie in den Propheten, 
nur grösser, ws iv vam &tpv {Contestat.), Theilnahrae; an der göttli-. 
eben Vernunft (Epiph.), göttliche Bestiminung (Tr^jQyvcoots Synodal- 
brief au Paul), göttl. Befehl (M. Merc), sittliche Vereinigung mit 
Gott (Paul's Brief- Fragment an Sabianus h, EbrlJCli } Atbanasius j 
i-it itQOnojf TjS rs&soTrot^a&ai), 



106 Allgeineiue DogmengescLichte. iErste Periode. 

chen Sprachgebrauchp mit dem Logos").' Und von dem Ne- 
storianismus war Paulus dadurch entfernt, dass er den Logos 
für nichts Selbständiges hielt. Seine Lehre war vielmehr Arte- 
monismus : wie es ja auch in der überwiegenden Meinung der 
Kirche angenommen wurde. Durch die Aufnahme des Logos, 
der göttlichen Kraft (immerhin kann auch Paulus eine übernatür- 
liche Ents tehung jener Menschheit durch den Logos angenom- 
meu haben) sei der Mensch Jesus '''^) bis zu seinem göttlichen Da- 
sein geweiht und ausgestattet, sei er der Avahre Gottes -Sohn ge- 
worden. Hat Paulus zwei nQogwna, VTioofdaeig gelehrt^% so 
hat er zwei S eiten , Sphären des Wesens, Lebens Jesu geraeint: 
die höher begabte, und die niedere, gewöhnliche. Von der Na- 
tur und Bedeutung des heil. Geistes ist keine bestimmteLehre des 
Paulus bekannt, nur dass er die Schrifllehre von Vater, Sohn und 
Geist anerkannt habe : er mag ihn wohl nicht vom Logos unter- 
schieden haben. 

Paulus Lehre war, auch abgesehen von der Persönlichkeit™'"), 
durch welche sie getragen wurde (diese war der Kirche so ver- 
hasst als verdächtig) "") , schon durch die Vermischung heidni- 
scher und jüdischer °°) Elemente mit den christlichen (auch in der 
Gottesverehrung) , aber auch durch ihren Geist und Inhalt zuwi- 
der^'i'). Denn jene, von allem Göttlichen entkleidete Menschheit 
Christi passte nicht in die Gedanken und die Stimmung der Kir- 
che : und ihr ganzes Denken, ihre Philosophie war ja eben jetzt 



ü) Bestimmtep auch noch itQoq)OQiy.6s Xoyo? genannt:, aher ganz 
richtig wird dieses b. Philastr. 64 gedeutet, weon es auch Paul so 
nicht ausgesprochen hat: pi'olativum verbum i. e. quasi aar quidam 
— . Im Gespr. mit Malchion: die Weisheit in Jesu, ovy, ovaiojSwg, 
dXXa y.azd TToiÖTTjxa. Natürlich nahm F. dann an, was iJlpiph. : 
t}y&u)v 6 A. h'riQyr)Oi — y.ai dvyl&s ttqos top TiariQu. 

kk) ICdrojii'tv, ipiXo? av&Qonro?. 

II) Jvo TcgöiüJTta auch b. Epiph. 7, 

mm) Epiph. : iv ■&toi dsl ovza xov avzov ?^6yov x. to itvBvfia, av- 

TOV — 

nn) Synodalschr. b. Eusebius. 

oo) Die samos. Sache hängt mit der Geschichte der Zenobia zu- 
sammen : Schardam. vita Longini, p. 94 s, Weisk. meintj die 
Annahme, dass sie Jüdin gewesen, sei aus der kirchl. Ansicht von 
Paulus Sam. entstanden. 

pp) Paulianer {IlaiXuavoi, JlavXiaviaavTte Eus. V. Const. 3, 64. 
Conc. Nie. can. 19), Samosatenianer u. s. w. blieb eine kirchliche Be- 
zeichnung für die niedere Denkart von der Person Christi, wenn sie 
sich in sabellianische Formen kleidete. Die Saraos. HÜresis wurde 
dann besonders bei Photin wiedergefunden: Aug. haer. 44: aber, 
wie gesagt, auch die Nestorianer wurden so genannt. Als eine 
unchrislliche Partei soll sie wiedergetauft werden nach d. Nie. Conc. 



Die cliristl. Dogmeng^eseMcLte. Erster TLeil. 107 

auf die Idee des Göttlichen in Christus gericlitet. Ueherdies hing 
damals in der gewöhnlichen Denkart und Sprache dem Begriffe 
des Menschlichen zu sehr die Vorstellung von Schwäche und 
Dürftigkeit an, als dass man seihst Lei einem Ideal -Menschli- 
chen in Christus hätte stehen hieiheu können ii). 

■ §♦ SX 

In dieser Art hat sick denn die erste Perlode unse- 
rer Geschichte volizojyen : die der Bildung* vom hirchli- 
chen Lehrhegriffe durch Denken und Meinen der 
Einzelnen und der Schulen. Die christliche Welt 
dachte jetzt das Christcnthuin schon nicht mehr anders 
denn als Dogma, sowie d^s christliche Lehen als Kir- 
ch e^ und sie strehte immer mehr der Bestimmtheit, Voll- 
ständigkeit uiid Einheit im Dogma zu: doch war der Ge- 
danke noch freier, und fortwährend noch hatte die sitt- 
liche Auffassung' von der Sache des Christenthums al- 
lenthalben das Ueberge wicht. 



Zweite Periode. 

War aber nun derAufaug* gemacht worden, die christ- 
liche Glaubenslehre zu bestimmten Begriffen und in einem 
geordneten Zusammenhang auszubilden : so führte jetzt 
schon die geistige Entwlckelung- immer weiter in dogma- 
tische Feststellungen hinein. Aber diese blieben nun nicht 
mehr so frei, sondern die Kirche trat jetzt dabei, An- 
fangs berathend, bald aber dann als Auctorität ein. Dic- 



qq) Synoden zu Antiochia gegen Paulus Eus. 7, 28; die entscliel- 
dende unter Grcgorius Tliaum. !269; von deren Erfolge verschieden 
Eus. I. 30. und Theodoret. Malchion, Presbyter und Rhetor (Hier, 
cat. 71), sls (pavfpov aywv TrjV uiqeglv y-, ßhtaq>Tj/Liiav, Aus Malch. 
Gespräch: Leont. Byz. o. Nest, et Eut. 3. 593 ss. Basn, Tkes, 1. 1. 
(vgl. Feuerlein u. Ehrlich a. 0. und Roulh, II. 463 ss.) — Sy- 
nodalschreiben hei Eus, : Anderes zweifelhaft; Brief der sechs Bi- 
schöfe an. Paul, zehn Fragen' Paul's an Dion. AI, und dessen Antw., 
Mansi I. 1039, (Vielleicht ist auch diese Schrift zur Schmaph des Ne- 
storianisiiius erdichtet worden, wie Andres in der Samos. Sache, 
wahrscheinlich auch das Symbol, welches im Eph. Concil den Njcäni- 
schen, anderwärts den Antioch, Vätern zugesqljriebQU wird, gegen 
Paulas Sam. : Routh a. 0.. 523 ss.) 



108 AUg^ememe DogmengescliicLte, Zweite Perlode« 

ses erfolgte in der zweiten Periode, in schnell auf ein« 
ander folgenden Momenten, 

Einflüsse von Aussen auf Geist und Denltart der 
Kirche konnte es hierbei nur wenige noch von umfassen- 
derer Bedeutung geben. Vom Judenthum wirhte nicht 
viel mehr herein , und der Vorwurf des Judenchristen- 
thums geschähe jetzt fast nur noch im uneigcntlichenSinne : 
das Heidenthum hatte zwar noch einen grösseren Ein-» 
jQuss durch seine Philosophie; aber theils begann diese 
selbst sich immer mehr dem Geiste und den Lehren des 
Christenthumsanzuschliessen, theils bildete sich die christ- 
liche Philosophie immer mehr selbständig aus^). Doch 
in "den neubekehrten Völkern blieben immer, bald ab- 
sichtlich bald natürlicherweise, manche heidnische Ele-^ 
mente zurück, welche zum Theile auch tiefer oder blei- 
bender eingewirkt haben ^). 

1 . Die stilleren Einflüsse des Christenlhums auf die heidnische 
(Platonische) Philosophie vom 3. Jahrh. an, lassen sich eben so 
wenig leugnen"), wie die von dieser auf das Christenthum : von 
dem, wie von der Eigenthümlichkeit, welche die christ- 
liche Philosophie sich- dennoch gewahrt hat, oben gehandelt wor- 
den ist. Die Feindseligkeit aber, mit welcher sich der heid- 
nische Piatonismus von jetzt an bis zu seiner völligen Auflösung 
dem Christenthum entgegensetzte, weil er auch eine geistige Macht 
sein Avollle, und indem er sich für das Selbständigere und Hö- 
here ausgab ''), hat sich auf dreifache Weise dargelegt. Inoflen- 
barer Bestreitung : (Plotinus) Porphyrius, Julianus, zuletzt Pro- 
klus ") ; aber es geht durch diese ganze Philosophie ein polemischer 
Zug gegen das Christenthum hindurch. Ferner in polemischer 
Nachbildung der evangelischen Geschichte, um die Geschichte der 
philosophischen Meister '^) als ein gleiches oder ein höheres Wuu- 



a) C. Steinhart, de dialeetiea Plotini ratione. Namburg. 8^9. 4. 

6) Mo she im ob. 68. erw. Abb, — C. Meiners, Beitr. z. Gesch. 
der ersten Jahrhb. n. Chr. Geburt. L. 782. C. A. T. Ke il, de 
causis alieni ivco. Platonieorum a rel. ehr. animi: Opusce. 391 ss. 

c) ^EitixtigiifiaTa xara, Totv XQiartavwv in Je. Pbiloponus de 
eeiern. mundi (Yen. 535. f). Nicolaus von Methone ]1?. Jahrh. wider- 
legte die Philosophie des ProcluSj jedoch auch in christlicher Be- 
ziehung {IdvdTtrv^ts rtje üqÖ/.Xov IlXax. aToixato'tasüJ?). Ed. Voe- 
7nel. Fcf. 825. Ei. Anecdota Nicolai Meth. % Progrr. 825. 4. 

d) Pythagoras, Plato, Apollonius v. Tyana und der Jüngeren, Gleich- 
zeitigen, 



Die christl. DogmehgescLictfe. Erster Tteil. 109 

der darzustellen : Philostratus, Porphyrius®), Hierokles, lamLIi- 
chus^), Eunapius, Marinus^) und Andere. Endlieh in Anbeque- 
mungen zu dem Christenthum '') und in literarischen Fälschungen, 
indem man Schriften , angeblich aus der Urzeit der Philosophie 
und Theologie, unterschob oder interpolirte, welche in biblisch- 
christlichen Idee'n oder Anklängen, die man in sie legte, als Ori- 
ginale, und zwar als edlere Originale, der heiligen Schriften der 
Christen angesehen werden sollten. " Dieses Alles geschähe wohl 
vornehmlich in Porphyrius Schule : und hierher mag, wenigstens 
zum Theile, das gehören, was man unter Hermes und Sanchunia- 
thon's Namen in Umlauf gebracht hat'). 

2. Die Ueberbleibsel des Heidenthums ('(vornehmlich des Römi- 
schen und Germanischen) bei den christlich - gewordenen Völkern 
waren früherhin mehr ein Gegenstand der protestantischen Pole- 
mik, und dieses in mancherlei Beziehung*-) : später der freieren, 
historischen Erwägung^). Aber sie haben durchaus mehr in Ge- 
bräuchen, Angewöhnungen und Volksmeinungen, als in eigent- 
lichen, kirchlich angenommenen, Begriffen und Lehrsätzen be- 
standen. Freilich mussten auch jene oft von Bedeutung für Geist 
und Lehre der Kirche werden"^). Tiefer gingen in das Christen- 



e) L. Holsien. de viia ei serr. Porph., Rom. 630 nnd an PorpÄ. 
de ahsiinenta ed. Jf{ho6r„ Traj. 767. 4. 

f) G. E. Hebens treit , de lamblichi, phüosophi Syri^ doefri- 
na, christianae reL quam imitari siudet noxia. In 764. 4. 

g) Wyttenbach und Boissonade zu Eunapius {Fitae phüoss. et So- 
phistt. Amst, 823. IL), Fabric. und Boiss. zu Marinus (Leben des 
Proklus. L. 819). 

h) (Jllmann: Parallelen aus dön Schir. des Porphyrius zu N. 
T. liehen Stellen — T6. St. u. Kr. 1832. 3. 376 ff. 

z) Daher die Hermetischen Schrr. oft als altchristliche Philosophie ange- 
sehen wurden: wie von Franc. Patritius, Herausgeber derselben (Yen. 
593), u. A. Auf christliche Begriffe und Formeln macht in ihnen auch 
Tiedemann aufmerksam: Hermes Trismegistus Poemander. Berl. 781. S. 
20. 21 and. — M. ob. (S. 32) erw. Abh. über dieselben, auch J. H. Ursi^ 
nus, de Zoroastre, Hermefe Trismegisto et Sanchuniathone. No- 
rimb. 631. 8. 

k) C. Middleton, confoi^mites des eeremonies modernes aveo 
les anciennes. Amst. 744. J. J. Blunty vestiges of ancient man- 
ners .and customs, discov. in modeim. Italy and Sicily. Lond. 823. 
(D. von Wiener: Ursprung rel. Cerim. u. Gebräuche der Rö. kath. 
Kirche. L. u. Darmst. 826.). 

OJ. Grimm, deutsche Rechtsalterthümer. Gott. 828. D ess. deutsche 
Mythologie. Gott. 835. [F. Magnussen, Lex. mythol. und Abh., D. 
von Mohnike, Illgen's Ztschr. H. 1. 26 ff.) C. K. Barth, die altt. 
Religion, L. 835, und viele Andere. 

m) Synode zu Elvira, J. 305 — Mansi IL 1 —406. und Herbst 
Abh., Tüb. Qu. sehr. 1826. 



110 AUgememe Dogmengescliiclite. Zweite Perlöde. 

thum der nordischen Völker, wie sie in den folgenden Perio- 
den nach und nach herüherkamen, die heidnischen Geister- und 
Dämonenlehren, welche sie mit sich brachten und die ihre Mytho- 
logie ausmachten'^). Möglich ist es endlich, dass die Herrschaft 
des Arianismus unter einigen germanischen Völkern auch im Zu- 
sammenhange mit ihrem früheren Cultus gestanden habe : sofern 
jener einen polytheistischen Zug hatte, oder überhaupt in seinem 
sinnlicheren Charakter °). 

Dabei liatten dieMysterlengnosis in einzelnen Parteien 
oder Gesellseliaften C') und die manicliäische Partei fort- 
■wälirenden Bestand, doch in den altchristlichen Ländern 
durch die weltliche Macht iminer mehr zurückgedrängt. 
Der Prlscllllanismus^) war eine eigentliünillclie Form 
des Manlchälsmus : er hielt sich als heidnische Tendenz 
unübersehbar lange in entlegneren, ncuchrlstllchen Ge- 
genden. Eine andere merkwürdige Erscheinung bieten im 
4. und S. Jahrhundert gewisse, wahrscheinlich neutrale 
oder gemischte, Parteien und Denkarten dar^): 
deren Entstehung sich indessen leicht aus dem geistigen 
Zustande der damaligen heidnischen Welt und daraus er- 
klären lässt, dass der ehrlstllche Geist unter den dogmati- 
schen Erörterungen und Streitigkeiten in seiner weltüber- 
windenden Kraft eben geschwächt worden ivar. Daher 
denn Viele das Bisherige als vergangen angesehen , aber 
doch das Neue noch nicht als vollendet und befriedigend 
erkannt haben mögen. 



71) K. Rosenkranz, christlich-germanische Zaulerformeln : Dess. 
zur Gesch. d. D. Literatur, Kgsb. 836. 1 ff. 

Das Zauberweseu nahm bei dea germanisch -christlichen Völkern 
dieselbe Stelle ein, den Rest der altheidnischen Formen zu bewahren, 
wie die Mysterien bei den griechisch - römischen. 

o) Hierzu die bedeutende Bemerkung von H. Leo (Gesch. des Mit- 
telalters 1. 70 f.), dass der Arianismus geschichtlich in denjen. Völkern 
germanischen Stammes hervoi'trete, in welchen sich der Ödinsdienst 
findet, vorn, bei den Gothen und Vandalen (vgl. Dessi über Odin's 
Verehrung in Deutschland. Erl. 822). 

Zum Arianismus der Gothen Castiglione -Abh. an Ulfilas Br. an Gal. , 
Phil. u. s. w. Mail. 835. und H. F. Massmann an: Auslegung des 
Evangelii Joh. in gothischer Sprache. München 835. 4 (die Ausle- 
gung ist nach Massm. Entdeckung, die des Semiarianers , Theodor 
von Heraklea). 



Die cLrisd. DogmengescMchfe. Erster Theil. lli 

1. Die Partei des Priscillianus, des ersten am Leben gestraften 
Häretikers (J. 385), in Gallien and Hispanien"*), hekannte selbst 
ihre orientalische Abstanimnng''). Ohne Zweifel sind ihre Lehren 
ganz die alten manichäischen gewesen : nur scheint hier, dem 
Charakter des Abendlands gemäss, theils der Pantheismus vor dem 
Dualismus vorgeherrscht, theils die Lehre sich mehr in prakti- 
schen Resultaten dargelegt zu haben : in Astrologie, Magie, viel- 
leicht auch in gegen christlichen Lebensmaximen "). ,, Himmel und 
Erde werden von Geistern beherrscht, welche von Gott in noth- 
wendigen Auswanderungen hervorgehen, in den höchsten Regio- 
nen schon mischt sich ihnen das Rose bei'^) : die Menschengeister 
werden durch die obersten Weltgeister, der Menschenleib durch 
die Gestirne beherrscht ^) : durch Christum geschieht eine fortwäh- 
rende Erlösung von dem Naturleben ^)." Ganz wie im Manichäis- 
mus ist Christus und sein Werk hier eine blosse Allegorie^ für das 
Wirken des rein -göttlichen Geistes °) und der Sinn der Lehre 



a) Hieron. cat. 1^1. adCtesiphont. ep. 139. P. Orosii consultaiio 
s. eormnonitor. de errore Priscillianistarum et Origenistarum und 
Augustin. ad Orosium: Aug. Opp. 8. 431 ss. Augastin ander- 
wärts, Briefe: 36. 140. 23ß : Sulpic. Sev. 2, 46 — 51. und dialog. 3, 
11s. Leon. ep.l5. ad Turibium Astunc. S. van Fries: dePriscil- 
lianistis, eorumque fatis, docti'inis et moribus. Traj. 745. 4. 

6) Markus von Memphis, nach Hispanien gekommen : Oben S. 44. 

e) Am Allgemeinsten wird den Priscillianisten Lüge und Heuchelei 
beigelegt {A ug. haer. 70. und de mendacio ad Consentium: vgl. 
Retr. 2, 60) : aber dieses war stets die Schuld oder der Vorwurf bei 
geheimen Parteien. Sonst finden sich auch bei ihnen, wie hei den Ma- 
nichäern und Anderen^ die anscheinend sich widersprechenden, doch 
leicht vereinbaren, Anklagen von überspannter Askesis und von La- 
sterhaftigkeit. 

d) Priscillian's Fragm. hei Orosius a. 0. : Prima sapieniia est, in 
animarum typis divinarum virtutum iritelligere naturas et corporis 
dispositionem. (Die Geister sind Gottes Kräfte und das Wesen der Welt.) 
In qua obligätum coelum videtur et terra ^ omnesque principatus 
seculi videntur adstricti sanctorum dispositiones superare. (Im Stoffe 
gefesselt die Geisterwelt, und der geistigen Macht entnommen.) Pri- 
mum Dei circulum et mittendarum, in carne animarum divinum chi- 
rographum, angelomm et Dei et omnium, animarum, consensibus 
fabricatum (die Nothwendigkeit der Geisterwanderung in die Welt), 
patriarchae tenent, qui contra formalis malitiae (Anlwp. Ausg. mi~ 
litiae) opus possident, (das Wesen des realen Bösen innehaben). 

e) r s. : nomina patriarcharum membra esse animae (beherr- 
schen die Seele) — contra autem in membns corporis coeli sigria 
esse disposita. — 

/) Durch Christus- sei jene Schuldschrift am Kreuze getilgt — nach 
Kol. 2, 14 f. 
g) Daher Gott, Christus und der Menschengeist Eines und Dasselbe : 



112 Allgemeine Dogmengesclilclite. Zweite Periode* 

Nichts als Naturphilosophie. Auch der Name, Patriarch en, für 
die Weltgeister ist insofern etwas alt Gnostisches und Manichäi- 
sches, als diese Lehren ja das Princip der Welt für Eines hielten 
mit der Gottheit des A, T.''). 

2. Zu den neutralen, also auch meist gemischten Secten rechnen 
wir die, neuerdings vielbesprochenen, HypsistarierinCappa- 
docien CTipiGTaQtoi, "'TipiOTiaVoly) , welche Nichts von den 
heslehenden Parteien sein wollten , deren Ritus aus Jüdischem 
und mancherlei Heidnischem gemischt war'^), und deren Name 
auf den Gottesnamen (vipiaTog) hinweist, welcher damals am 
meisten in allen Parteien gemeinsam gebraucht wurde. Es war 
auch der Name von Melchisedek's Gottheit gewesen. (ObenS. 51.) 
Die coelicolae in Kaisergesetzen und bei Auguslin ^) (Himmel an- 
beten war ja Von Alters her die Bezeichnung für eine 'unpositive, 
deistische Religion gewesen), die •d'eooe.ßelg in Syrien bei Cyrill 
von Alexandria ") , die Euphemitae beim Epiphanius '^) , auch, 



Christus innascihüis. — Ater vom Weltgeiste sei auch das Böse aus» 
gegangen : Christus sei der, auch unglücklich säende, Säemann, Matth, 13» 

K) Auf die Priscillianersecte bezieht sich ohne Zweifel auch b. Phi- 
lastr. 61. 84. 88 (Span. Mänichäer, Abstinentes, apocrypin). — Ge- 
gen sie Concc. von Saragossa 381, Toledo -400 (Mänsi 3. 380 ss. 998 ss. 
Hier gegen sie Glaubensregel und Anatheitiatismen) : und noch im ?. 
Conc. von Braga 563, werden sie erwähnt, Mansi 9. 77-4 ss. 

i) Jenes bei Gregor v. Naz. (ör. 19% dieses in der kurzem und un- 
bestimmten Nachricht bei Greg. v. Nyssa (c. Eünöra. I. p, 1?) ; dazu 
die Lexikographen, Vorn. Hesychiüs. (Vgl. Suicer und Dufresne.) Nach 
Gundling, Gundlingiana IV. 40. 369 ff., neuerlich besonders von Am- 
mon und Neander angeregt — dann die bekannten Schriften von Uli- 
mann und Böhmer: zuletzt ÜUmann: S.Beil, zu Greg. v. Naz. 558 ff. 
und Böhmers Einige Bemkk. zu den von — ^ üllm. Und von mir aufge- 
stellten Anss. über d. Hyps. Heidelb. 836. Für die ältesten Deisten 
hält sie Wetstein, Prolgg. in N. T. 31. 33, für Platoniker u. A. Gund- 
ling, für judaisirende Heiden Hug (Einl. in N. T. H. 390\ für judaisir. 
Christen {demi-juifs ; Pastor ei : hist. de la legisl. IV. 266), für eine 
Mischung von Judaismus Und ParsiSmus Ullm., für eine verfälschte Ur- 
religion Böhmer. Aher man hat sie wohl (so auch Gieseler I. 349 f.) 
mehr in der hier be2;eichneten, üegativen Weise aufzufassen. 

k) Feuer, Licht, Sabbat verehrten sie nach Greg. Naz., aber verwar- 
fen Götzendienst, Speisegesetze (ob nun nach dem ^ew. Texte : nsQl id 
tVQoßaTa, oder nach d. Conj. : tieqI tu ßQcü/iaza^ es Ttva fiucQoXoyiav 
ical u. s. w.) und Beschneidung. 

l) Drei Gesetze von Honorius 408. 409. und ein Gesetz 43. de hae" 
reticis, Gothofr. Cod. Th. Vi. 358 ss. August, ep. 44. Hier wird 
ein Maior Coelieotarum mit einer neuen Taufe erwähnt. 

m) Cyr. Alex, de adoviin sp^etver.^t. p. 93. L Aub. : vgl. Wet- 
stein zu i Tim. 3, 10. 

n) Zu den Messalianern gerechnet, haer. 80, 1. %i hl ftovov ra 



. Die clirlstl. Dog-inengeschiclite. Erster Tliell. 115 

nach einerneueren trefflichen Vermuthung, die u4belonühe\A\\- 
gustin"), sind wahrscheinlich gleichartige Parteien gewesen p). 

Eine diesen Parteien verwandte Denkart, in der Mitte zwischen 
heidnischer und christlicher, oder doch zweideutig in ihren Aeus- 
serungen , hat man hei vielen Schriftstellern des 4. und 5. Jahr- 
hunderts hemerkt'). 

§♦ 31* 

Mehr als Alles, was von Aussen her an die Kirche 
Itommen honnte, wirkte auf Fassung-, RIcLtungr und Ent- 
wlcltelung: ihrer Gedanken das Geschick und Leben der- 
selben ein. Denn in dem Masse, wie sie sicli nun immer 
melir erweiterte und stärkte, nahm auch das Selbstgefühl, 
die Gemeinsamkeit, aber auch die Richtung* nach Aussen 
bin In ihr zu^) , und die äusserliche Kirche strebte bald 
nach Auctorltät und Herrschaft über das Dogma. Aber 
zuglelcb erhielt jetzt auch die weltliche Gewalt und das 
weltliche Interesse, Bedeutung und Macht über das Dog- 
ma und den Geist der Kirche, welche nicht ohne Nacb- 
thell für sie geblieben slnd^). 

1. Hierdurch wurde auch das kirchliche Denken natürlicher- 
weise bestimmter, gemeinsamer und dogmatischer. 

2. Immer hing mit dieser Uehermacht des Staats über die Kir- 
che die Herrschaft des Aeusserlichen , des Abgeschlossenen und 
Festen in Gedanken und Lehen der Kirche zusammen ; oft mischten 
sich bei ihr in den Kreis und die Ent\\ickelungen des geistigen Le- 
bens zeitliche Interessen ein: gewöhnlich flössen hÄ ihr auch in die 
Verwaltung der Kirche persönliche Neigungen, Stimmungen, Ge- 



aißa? vsfiovTES xal ttaXovvzs? Ttavvoy.QttTOQa — dasselbe, Avas Greg. 
Naz. von den Hypsistariern sagt» 

o) Aug. haer. 87. Gesen. monumenta Phoenicia I. 133. 384. (Auf 
Eljon zurückgerdhrt.) 

■p) Für die Sonnenverehrer beim Libanius^ epp.' 4, 140 (vgl. üllm. 
u. Gieseler aa. 00.), sind wir der Meinung von Vales. ad Soor. 1, 
3? (wo den Manichäern dasselbe beigelegt wird), dass es Manichäer seien . 

q) Mosheima.Abh.30 — 32. Ammian Marcellin (vgl. Heyne 
de A. M., S. 135 ff. der Ausg. von Wagner), Themistius (Reden 5. 
n Hard.), C h a 1 c i d i u s (Hippel. Fabr. 11. 127 ss.) 

Philosophische Toleranz : Symmachus, Maximas von Madaura (Au- 
gust, ep. 16); sie ging in die Politik, als mehr denn die gewöhnliche 
Römische Toi., über bei Alexander Severus {Heyne de AI. S., reli- 
giones miscellas probante: Opuscc. VI. 169 ss.) und Gallienus (Bus. 
7, 23: vgl. über ihn und Plotinus bei ihm, Creuzer's Abb., kl. 
deutsch. Sehr.). 

Dogmengeschichle. 8 



114 Allgemeine DogmengescLicIitc. Zweite Periode. 

smuungen ein (deren Veränderlichkeit freilich häufig ein Glück 
für die Sache wurde) , und es machten sich oft unherechtigte 
und uugeweihte Stimmen in ihr geltend. - — Dieses ist natür- 
lich nur von Staat und Kirche in dem Sinne und Verhält- 
nisse gesagt, wie sie sich damals gegenüberstanden, und so 
lange und so oft sie sich in gleicher Weise gegenübergestanden 
haben. 



Der theologische Geist dieser Perlode ist demnach in 
Folgendem aufzufassen : die Wissenschaft und die Philo- 
sophie war nunmehr in Besitz der christlichen Kirche ge- 
kommen, und die Glaubenslehre nahm durchaus den Cha- 
rakter von jenen an 5 aher der BegriiF und die Lehre, 
kurz das Dogma, herrschte nun vor, und die äusserliche 
Kirche, jetzt in einer neuen Bedeutung des Worts die ka- 
tholische genannt, übernahm die Bestimmung dessel- 
ben. Das aber, wodurch die dogmatischen Bestimmun- 
gen in dieser Periode eigentlich charaklerisirt werden, ist 
die in ihr ausgebildete und aufgestellte Idee des Glau- 
bensgeheimnisses, in welcher sich zugleich die Be- 
ruhigung der Philosophie und die Auctorität der Kirche 
darlegte. 

^* 33« 

Dabei aber hat es durch diese ganze Periode hin und 
vom Anfange an weder an freieren Urtheilen über den 
Werth und die Bedeutung der kirchlichen Controvers ^), 
und an tiefen, bedeutenden Sprüchen über das Wesen des 
Chris tenthums 2), noch an jener, dem Evangelium ver- 
wandteren, Denkart gefehlt, welche Alles nur m dem sitt- 
lich-religiösen Geiste finden wollte 3 j. Diese geben die 
ältesten Stimmen der Mystik ab; sie sprechen sich jetzt 
noch nicht sowohl im Gegensatze zur Kirche aus, als nur 
ausser Zusammenhange mit dem, dogmatisch gewordeneu, 
Geiste derselben. 

1. Mit solchen Urtheilen begann vornehmlich die Arianische 
Controvers*), und es ist nicht zu leugnen, dass jetzt wieder, wie 
bei den ältesten Streitigkeiten der Kirche, Neigung und Drang 



ä) Brief Constantin's, Eus, V. Const. 2, 64— 72. und bekannte 
Aeusserungen von Eusebius, Gregor v. Naz., Hilanus. 



Die cLristl. DogmengescluchtG. Erster Theil. llif 

zur Speculation oder zur Dialektik in christlichen Lehren , aus 
den Parteien herühergekommen sei, welche sich gegen jene hä- 
retisch ausbildeten, dass sie folglich selbst dem kirchlichen Geiste 
mehr aufgedrungen worden seien. 

2. Solche Sprüche über die Bedeutung von Christianos und 
Christianismos, u. A. bei Munter, Hdb. I. 102 ff. ; vgl. m. 
Lehrb. d. DG. 776. ' 

3. In diese, die älteste mystische Denkart gehört vornehmlich 
Makarius: es war das geläuterte Mönchs thum, welches 
sich hier, wie dann so oft im Mittelalter bis in die Zeit der Re- 
formation, in den mystisch aufgefassten Idee'n von Freiheit des 
Gemüths, geistlicher Scheidung {didv.QiGis)-, Erhebung, Vollen- 
dung (draycoytjj TsXeioT't^g), als in den wesentlich christlichen, 
aussprach ''). 

§. SA* 

Neben diesen ErscLeinungen tliun sich In dieser Pe- 
rlode auch viele Secten hervor, deren Sinn und Streben 
offenbar in der Opposition gegen den dogmatischen 
oder den kirchlichen Geist jener Zeit gelegen hat, 
wenn sie gleich von der Kirche gevi^öhnllch mehr nur in 
einzelnen Meinungen und Richtungen aufgefasst vforden 
sind* Die Messalianer^), Audianer^) und Aeria- 
ner 5) sind unter ihnen vornehmlich aufzuführen. 

1. Messalianer^) (der Name Esr. 6, 10: im Abendlande 
vielfach verunstaltet, auch Eucheten oder Euchiten genannt^)) 
ist wahrscheinlich ein allgemeiner Name für mancherlei Secten 
gewesen, welche sich aus der Kirche jener Zeit, des 4. und 5. 
Jahrb. vornehmlich, in engere Verbrüderungen oder in Gefühls- 
schwärmerei zurückgezogen hatten*^). Es konnte denn unter ih- 



&) Die kleinen Schriften des Makarius (zweifelh., wessen von drei 
Gleichzeitigen, Socr. 4, 33. Soz. 3, 14. Isidor. 4, 30) unter den hier 
bezeichneten Aufschriften, in P. Possini thes. aseeticiis Toul. 684. 4. 
J. G. Pritius, L. (698) 714. 8. Ueber die gleichartigen Homilie'n Mak., 
Tzschirn. cl. or. 345 ss. 

a) Epiph. 80. Theodoret. H. F. 4, 11. H. E. 4, 10. Vitae patrum 
3. -Aug. 57. ■ ' 

h) Statt Euchiten auch Eutychiten bei den Spätem. — Auch ^v&ov- 
aiaarai, XoQsvrai (hier die ältesten Jumpers der Kirche — vgl. Lehrb. 
der DG. 685. über folgende Zeiten). 

c) Daher auch weit verbreitet: Mesopotamien gilt als das Stamm- 
land (Epiph.) und wo sie sich am längsten aufgehalten haben sollen. 
Synoden gegen die Mess. : zu Side, Antiochia, Constantinopel (383 If.). 
Auch zu Ephesus 431 wurden sie erwähnt (Mansi 3. 651 — 4. 1477.) — 

8* 



116 AUgemcine Dogiineng'esdiichte. Zweite Periode. 

nen auch an Irrlehren , vornehmlich phantastischer Art''), nicht 
fehlen : auch ist es möglich, dass sich sogleich anfangs entschie- 
den manichäische Meinungen in sie hineingezogen hahen^), wor- 
auf Namen, wie Satanianer, hindeuten, und wie noch die Fogo- 
milen der spätem Zeit zu den Messalianern gerechnet wurden^). 
Grund und Anlass zum Manichäismus kann dann entweder in der 
Oertlichkeil°), oder auch seihst in den Vorstellungen dieser Secte ^) 
gelegen hahen. Doch fallen ja häufig in der Geschichte mani- 
chäische und Schwärnierparteien zusammen. Als eine, äusserlich 
und innerlich, sehr zertheilte ') Secte galten sie wenigstens durch- 
aus in der Kirche : ja selbst heidnische Messalianer, und wie- 
derum Solche in Zwischenparteien (Eiiphemiten) werden erwähnt. 
2. Auch die Au dianer {AvdaloQ, Avdios ^ wie ihn die 
Griechen nannten, syrischer Mönch, unter Constantius nach Scy- 
thien verwiesen, wegen Spaltungen in Mesopotamien, welche im 
Zusammenhange mit d er Arianischen Streitigkeit standen^)), wer- 
den in der Kirche oft neben den Manichäern genannt. Und auch 
sie mögen nicht gerade Eine, in sich verbundene, Secte ausge- 
macht haben : sondern es mag jener ursprünglich örtliche unl 
persönliche Name zu einem allgemeinen geworden sein für Sepa- 



Ueber diese Svnoden Phot. 53. Kaisergesetze durch Theodosius d. J. 
(428). Cod. Tii. XVI. 5. 65. 

d) Späterhin werden auch phantastisch-unsittliche Lehren erwähnt: 
Timotheus anzuf. 0. : fikra. tijv Xtyofikvijv Tcag ay.aiv(ov aitäß'stavy 
ToiavTTjS ala-dävsrai ^ yi'XV tou'OJvias — naqa. tov ov^aviov yvfiqdov, 
oias 7] yvvTj tv r// avvovaia tov av^QO?. 

e) Theodoret spricht nur noch von Einigen, welche manichäisch ge- 
lehi't hätten. 

f) Vor den Bogomilen noch (um 1050) istM. Psellus Buch geschrie- 
ben : "ttsq) ;vtQYsi'ag Sacuövujv — gegen die Messalianer (A. v. Gilb. 
Gaulmin. (Par. 615) Kiel 688). 

g") Seitdem sich der Messalianismus nach Armenien gezogen hatte. 

h) Schon die VV. 4. und 5. Jahrh. schrieben dem Mess. theils die 
Personification des Guten und Bösen in Engel- und Satansbildern, theils 
Reden vom Kampfe mit Dämonen (besonders den wesentlich im Men- 
schen eingebornen) und Satan zu. Aber bei den Späteren (Tim., Jo. 
Dam.) besteht das Messal. System zum grossen Theile aus Dämonenlehre. 

t) üoXvojvvfi"? 7] tt'lgBaie — Timotheus Presbyter von der Wieder- 
aufnahme der Ketzer, Coieler. ir.omimm. eccl. Gr. 3. 400 ss. Doch 
nach allem Diesen ist es zweifelhaft, inwieweit die Messalianer des 
7. Jahrh. (hier und bei Jo. Dam., auch bei Assem. 3. 2. 17'Zss.) noch 
zu den alten M. gehören. 

k) Epiph. 70. Theod. 4, 10. H. E. 4, iO. Auguslin. baer. 50 stellt 
den ^gewiss ganz verschiedenen) Anthropomorphismus der ägypt. Mön- 
che, Socr. 6, 7. Soz. 8, 12, in den Audianismus hinein. Theodosius d.J. 
verurtheilt sie neben den Messalianern. J. J. Sehröder, de haeresi 
Audianorum (1716) : Fogt. hiblioth. haeresiol. I. 3. 574 ss. 



Die chrlstl. Dogmeiigeschiclite. Erster Tlieil. 117 

ratisten anderer, als der Messalianischen , nämlich einer mehr 
asketischen Art. Aber die Askesis des Morgenlandes nahm leicht 
eine jüdische Farbe an: und daraus erklären sich vielleicht 
an den Audianern die judaisirenden Vorstellungen (der Anthro- 
pomorphismus — vielleicht nicht so in Lehre entwickelt , als die 
Kirche es ihnen beilegt^)) und judaisirenden Bräuche (jüdische 
Paschafeier"^)), von denen erzählt Avird"). 

3. Die Aerianer °) traten in Asien (Pontus), zuei'st in der 
persönlichen Streitigkeit zwischen Eustathius ^) und Aerius von 
Sebaste in Armenien auf, welche mit der zwischen Arianern und 
Semiarianern zusammenhing. Wahrscheinlich warf sich dann in 
diese Streitigkeit und in die Parteien, welche aus ihr hervorgin- 
gen, viel von dem missvergnügten, opponirenden Element in der 
Kirche jener Gegenden hinein; und die Parteien erhielten daher 
eine weitere Bedeutung. Die Eustathianer (auf der Synode zu 
Gangra verworfen i)) waren mehr übertreibende Freunde der 
Askesis, die Aerianer mehr Gegner des Priesterthums und Kir- 
chenwesens, mehr positive Feinde der Kirche. Diese uralten Pro- 
testanten, Avie man sie so gern auf der kathol. Seile genannt 
hat'), sollen den Unterschied zwischen Bischof und Presbyter*), 
die Nothwendigkeit des Fastens als kirchlicher Anordnung, und 
den Nutzen der Gebete und der Darbringungen für die Gestorbe- 
nen geleugnet haben ^). Dieses uralten Brauchs der Darbringun- 
gen für die Todten haben sich vielleicht damals schon priesterli- 
che Ansprüche bemächtigt , um sich über Volk und Gemeine zu 



l) Nach der Annalime, sagen die Väter, dass das göttlicbe Ebenbild 
im Leibe des Menschen dasei. Beim Theodoret werden sie anch als 
Materialisten beschrieben (tw aoj/nart fiovat zov Xoyia/iov Tr^oeany- 

m) Die Audianer werden zu den Qnartodecimariern gerechnet. 

7^) Vielleicht sind die, sich widersprechenden, Angaben des Theo- 
doret von Audian. Meinungen (Feuer, Wasser, Finsterniss im Schö- 
pfungswerke Gottes begriffen]) auch nur aus jüdischen Lehren zu 
erklären. Epiphanius erklärt die Audianer für orthodox. — Theodo- 
ret findet Manichäismus in diesen Lehren. 

o) Epiph. 75. Philastr. 72 (beschreibt nur Enkratitenlehren von 
ihnen: auch diese Partei war in Pamphylicn verbreitet nach Epiph. 
47). Augustinus aus beiden 53. 

p) Soor. 2> 43. Soz. 3, 13. 

q) Synodal-Schreiben und 20 Kanones von Gangra: Mansi 2. 1095 ss. 
(Aeltere, meist polem., Schrr. über die Synode, und Herbst. Lu- 
ther' s Vorr. zu diesen Beschlüssen: Werke XVL 2533 If.) 

r) J. Hildebrand, disei/ssio haereseos Aerii, quam proiestan- 
tibus pontißcü impingunt. Heimst. 650. 

s) Rothe, Anfänge der K. 206 f. 

t) Diese drei Hauptpuncte besonders beim Epiphanius. 



118 Allgemeine Dogmengcscblchte. Zweite Periode. 

erheben ; die Aerianer fassten den Missbrauch mehr von der sitt- 
lichen Seite auf '^), Wie der Widerspruch gegen die Paschafeier 
unter den Christen zu nehmen sei : (ov yQi] t6 nda^a IntTsXslv, 
nach 1 Kor. 5, 7) können wir nicht entscheiden^). 

Audi sind die Meinungen, welche die Kirche undHier- 
onymns an deren Spitze, inHelvidius, Jovinianus 
und Vigilantius bestritt, wahrscheinlich nicht als iso- 
lirte Erscheinungen zuhetrachten^); wie sich denn auch 
auf den verschiedensten Stellen in der Kirche jener Zeit 
ähnliche darstellen^). Vielmehr gehörten auch sie in jene 
Opposition gegen die Entstellungen und Unlauterhciten 
in Geist und Lehre der Kirche 3). Der Widerspruch ge^en 
die Kirche, welchen die Donatisten erhoben, nahm ei- 
nen mehr politischen Charakter an, und in ihm -zeigt sich 
zuerst eine repuhlicanische Bewegung der kirchlichen In- 
teressen gegen den Staat 4), 

1. Helvidius von Rom ^) verbreitete in einer Schrift die 
Meinung , dass Maria zwar Jesum übernatürlich geboren gehabt 
habe, aber die Brüder Jesu nacbgeborene Kinder Joseph und Ma- 
ria's gewesen seien (^Firgo in partu, non post -partum^)). Das- 
selbe hat Jovinianus") auch in Rom gelehrt und schriftlich vor- 
getragen : aber er soll überdiess das Jungfräuliche der Geburt 



«) Aqo. ydvv fi7ivils svaEßslro), fi7]§s dya&onoiBtzoi^ dlla xrijad- 
ad'a) q>i2.ovg xal ivxio'd'waav. 

v) Ob von Festfeier überhaupt, oder von der jüdischen Form des 
Pascha ? 

a) Hieron. adv. Helvid. (um 383), August, haer. 84. Gennad. 
vv. ill. 33. eecl. dd. 59. 

h) Symmachi imitator , Genn. erst. St., kann sich allerding-s auf 
den ebionitischen Bibelübersetzer beziehen, von welchem ja der Name, 
Symmachiani, dem Ebionitennamen gleichbedeutend war (Eus. 6, 17. 
Faust, ap. August. 19, 4. Pabric. ad Philastr. 63): und beim Helvi- 
dius lag der Name schon der berüchtigten Uebersetzung wegen näher, 
vsavts Jes. 7, 14. Aber Philastrius angf. St. scheint auf eine Rö- 
mische Schule von Symmachus hinzudeuten_, wahrscheinl. von einem 
jenes Orts, welcher aber nicht der berühmte Heide dieses Namens ge- 
wesen zu sein braucht. 

c) Hieron. ^ BB. gegen Jov. , Apologeticus und zwei Briefe an 
Pammachius. Aug. haer. 82. De hono conj'ugali — de saera virgi- 
nitaie. Ambrosius Briefe: an Siricius (ep. 42) nach Vercelli (ep. 
63). (Juliani^ libellus fidei , bei Garnier zu Mar. Merc. I, 319 ss. 
Beschlüsse und Schreiben von den Synoden zu Rom und RIailand (390"). 
Mansi 3. 663 ss. . ^ / 



Die cfcrJstl. DogmengescLlchtc. Erster Theil. 119 

Jesu hei'abgesetzt haLen. Beide scheinen Laien gewesen zu sein, 
Jovinian Asket (monachus). Doch Jovinianus ist sonst noch ge- 
gen die kirchlichen Begriffe hervorgetreten''), und hierin mit dem 
Presbyter Vigilantiusin Gallien*') zusammengetrolTen. Jovinian 
und Vig. haben das üeberverdienstliche gewisser asketischer 
Werke (Ehelosigkeit^) , Speiseunterschied , Fasten) geleugnet : 
und dahin gehören , wie oben schon bemerkt , die anscheinend 
stoischen Sätze Jovinians, dass alle Tugend sich gleich sei und 
demgemäss auch Eine Vergeltung, auch der strafenden. Vielleicht 
hing mit diesem Widerspruche gegen alles ungemeine Verdienst 
auch des Vigilanlius Widei'spruch gegen die Fürbitte, die Wun- 
der uud die Anrufung der Märtyrer zusammen : ja selbst seine 
Meinung von dem unabänderlichen Geschicke der Abgeschiede- 
nen. Doch richtete er sich hiermit auch überhaupt gegen den 
kirchlichen Aberglauben^). Jovinians Satz , dass die in der Taufe 
Wiedergebornen nicht mehr der Versuchung des Satan unterlä- 
gen'*), stand entweder auch dem Glauben an weitere Gnaden- 
miltel der Kirche entgegen , oder er war nur ein Ausdruck der 
ernsten, sittlichen Gesinnung, in welcher diese Männer gelehrt 
haben^). Von Jovinianus wird eine grössere , vielleicht auch 
bleibendere, Partei erwähnt''). 

2. Aehnlicher Art sind die Antidikomarianitä des Epi- 
phanius gewesen, welche von Arabien, einem J^ande überhaupt 
von freierer Meinung, wie es scheint'), ausgegangen sein sollen. 



d) Ja seine Meinungen über Maria treten beim Hier, so zurück, 
dass nur jene andern Irrlehren erwähnt werden — aber sie werden 
bei Ambros., Aug. und den Spätem entschieden erwähnt. 

e) Vigilantius, persönlicher Gegner des Hieronymus (Ankläger des 
Origenismus halber): Hier. Br. an Vig. 61, an Biparius, Ankläger des 
Vig.,'ep. 109. — Gegen Vig. Bücher t Hier. B. adv. Vigil. (406). — 
Genn. virr. ill. 35. Hist. lit. de la Fr. H. 58 ss. 

Günstige Beurtheilung des Vig. bei Calixt, Barbeyrac, Bayle (u. d. 
N.), C. G. F. fFalch. de Fig. haeretico orthodoxo (1756\ Pott. 
Syll. Comm. VII. 326 ss. 

/) Jovin. Meinung ist oft mit Siricius Verordnung -des Cölibals, 
383, in Zusammenhang gebracht worden. 

g) Vgl. Gieseler I. G09. 

h) A diabolo non posse snbverti — tentari: Hieron. 1, 3. 2, 1.: 
non posse peecari, Aug., Hier. andw. 

i) Daher Jovinianus unter den Vorläufern des Pelagius von Hier- 
onymus (c. Pelagg. 3, 1), und oft von Augustin aufgeführt wird. 

A) Gesetze 412. 420. Cod. Theod. VI. 93. 194. Dort wird der Ur- 
heber Jovianus genannt: doch ist die Aechtheit öcs Gesetzes strei- 
tig, sowie die Beziehung von diesem. • 

l) üllmann angf. S. über Beryll, S. 8. 



120 Allgemeine Dog'incngcseliielitc. Zweite Periode. 

Sie nahmen die Brüder Jesu als Kinder des Joseph und der Maria*"). 
Ein grelles Gegenstück ist die Kollyridianersecte gewesen, 
welche sich von Thracien her in Asien verhreitet haben soll '^) : 
als Nachahmung griechischer oder phrygischer Feste und Züge 
zu Ehren einer Mutter der Götter °). 

3. Die Verehrung der Mutter Jesu als eines übermenschlichen, 
Welt mit Gott vermittelnden Wesens, gegen welche sich jene 
Opposition richtete, ist nicht blos als eine phantastische oder my- 
thologische Erregung anzusehen : sie hing vielmehr jetzt zum 
Theile mit der Arianischen • Streitsache zusammen, so wie sie 
sich späterhin bekanntlich auch in dem Nestorianischen Streite be- 
festigte. Die ideale Auffassung der Person Christi war vom An- 
fang an oft bei der übernatürlichen Geburt Jesu stehn geblieben : 
aber sie hing in der Kirche wenigstens immer mit der Annahme 
von dieser zusammen. Demnach konnte sie auch leicht, und vor- 
nehmlich durch die Häresis erregt , in üebertreibung dieser An- 
nahme hineingerathen , gegen welche sich denn ein natürlicher 
Widerspruch erhob. Dem Helvidius wurde dann Arianismus 
Schuld gegeben , die Antidikomarianiten werden von Epiphanius 
mit den Apollinaristen verbunden, beim Bonosus werden ähnliche 
Lehren, wie die hier erwähnten,, mit dem Arianismus zusammen- 
gestellt i'): auch dem Eunomiüs endlich werden ähnliche Vor- 
stellungen über die Geburt Jesu beigelegt"^). — Auf einer andern 
Seite wirkten auch die, mehr und mehr gesteigerten, asketi- 
schen Ueberspannungen, in der Meinung von der Seligkeit des 
jungfräul. Lehens, auf Lehren jener Art in der Kirche hin, und 
in Jovin. und Vig. inchtete sich daher die Opposition zugleich ge- 
gen diese und den Aberglauben mit Maria. 

4 . Die Donatistische S Ireitigkeit ( seit 3 ll ) war ') nur 



m) Epiph. 78. vgl. 77, 36. August, haer. 56. Er hält sie mit Un- 
recht für Eiaes mit den Helvidianern, 84. 

n) Epiph. 79. vgl. 78, ^%. Anac. 79. Er hat den Namen gegehen, 
Jo. Dam. haer. 79. Aber Philomarianita b. Leont. Byz. sind wohl 
eine Eutychian. Partei. Die Secte bei Koranauslegern, Avelche Maria 
ia die Trinilät versetzt (Walch. G. d. Ketz. lll. 63".i), hängt gewiss 
nicht mit üeberbleibseln jener Secte in Arabien zusammen, sondern 
sie ist entweder aus Nestorianischen Klagen entstanden (Walch u. A.), 
oder aus dem ebionitischen : der heil. Geist die Mutler Chi'isti. 

o) F. Munter, de Collyridianis fanaticis : Miscc. Havn. I, Fase. 
3 et 5. 

p) Walch. a. 0. 605 f. 

q) Philostorg. 6, % 

?■) Augustinus Schrr. gegen den Donatismus : IX Ben. de haer. 69. 
iJouc. zu Ai'les (314', Collatio Carihaginensis 411, Mansi 3, 4. Op- 
iaitis Milevitanus de schismate Donatistarum LI. 6 oder 7. (Kd. L. 



Die christl. Dogmcngeschichte. Erster Tlieil. 121 

eine Fortsetzung der Novatianischen : sie entstand durch die 
Trennung der innerlichen Kirche, oder derer, welche sie aus- 
bauen wollten, von der nur äusserlichen. Aher indem der Dona- 
tismus mehr in das Volk eindrang, und indem die weltliche Ge- 
walt ihn zu erdrücken suchte, nahm er jene politische Richtung. 
Die Denkart der donatislischen Partei war ohne Zweifel kirch- 
lich, sowohl im Dogma als in der Moral : doch kann unter ihnen 
Arianismus, theils aus Sympathie mit der unkirchlichen Lehre, ent- 
standen sein, theils sich in dem System einiger einzelnen Führer 
und Genossen der Partei geltend gemacht hahen. Denn es war 
auch hier wieder möglich,, dass, wie hei den Montanisten, schwär- 
merische Stimmungen und Lehren auf die Trinitätslehre der Do- 
natisten eingewirkt haben*). Die Donatistische Askesis war die 
der Kirche : nur gegen die kirchlich en Werke und Gnaden- 
mittel gerichtet, üebei'spannungen *) waren natürlich. Und ha- 
ben Novatianer oder Donatisten gegen die Kraft der Taufe ge- 
sprochen, so haben sie auch nur die kirchliche gemeint, aber 
nach dieser dann wiedergetauft. Aus diesen Secten, welche wohl 
nie ganz unterdrückt worden sind, ist viel kirchlicher Fanatismus 
später unter die Anhänger des Islam hinübergegangen, von wo er 
sich nun gegen die Kirche wendete. 

Aber gemäss dem Geiste und der Richtung der theo- 
logischen und kirchlichen Dcnhart dieser Zeit , stellt sich 
nun auch das Sehriftwesen unserer Periode dar. Das 
4. und 5. Jahrhundert geben die Blüthe der altfcirchli- 
chen Literatur und die Grundlage für Stoff und Wesen 
des gesammteii wissenschaftlich -hirchlichen Lebeii^ bis 
weit in das Mittelalter hinein : Philosophie, Wissenschaft 
und Kunst legen sich durch sie in achtungs^verthen und 
anziehenden Erscheinungen dar, auch die allgemeine Re- 
ligions- und Sittenlehre finden Beachtung und Pflege, 
und Schriftauslegung und geistliche Redekunst haben da- 
mals ihre glänzendste Zeit gehabt. In der Behandlung 



E. duPin Par. 700 f.) Dupin (a. 0. ^23 ss.) und Tho. Ittig {de hae- 
resiarchis 241 ss.) Geschichte der beiden Donatus und der Donatisten. 

s) Donatus de spiritu S. Hieron. cat. 83. (Aug. haer. 1. c. : quavi- 
vis eiusdem substantiac , minorem tarnen patre ßlium et minorem 
filio Sp. S.) Nach einer andern Seite hin soll sich d. Donatist Peti- 
lian (Aug. c. lit. Pet. 3, 16) Paraklet genannt haben. 

t) Jgonistiei^ donatistische Partei : Teufelskämpfer, wie unter den 
Mossalianern. 



122 Allgemeine DogincngescMcbtc. Zweite Periode. 

des Dogma aber finden wir das Interesse fast ungetlieilt 
auf die Chris tologie hingewendet, dabei eine .unbe- 
dingte Berücksichtigung dessen, was sich als hirchliche 
Orthodoxie und hatholische Lehre geltend machte. 

Jene beiden theologischen Hauptschuleu vertauschten 
im Laufe dieser Periode ihre Rollen : die Antiochenlsche 
überwog allmälig die von Alexandria ^). Unter den alexan- 
drinischen Vätern hat Athanasius auch als Schriftstel- 
ler glänzende Eigenschaften 2), wenigere entwickelte C y- 
rill von Alexandria ^), merkwürdige Eigenschaften bie- 
ten die, auch im Zusammenhange mit den Alexandrinern 
stehenden, Synesius"*) und Nonuus^) dar. 

1. Die alexandrinische Schule verlor an Einfluss, theils durch 
die Entstehung des Arianismus, welchen man, -wäewohl er gerade 
zu Alexandria seinen entscheidendsten Gegner fand, doch aus 
jener Schule herzuleiten geneigt war ; theils wiederum durch den 
Ahfall des vornehmsten Alexandriners von der alten Lehre ihrer 
Schule ; theils endlich durch die Entwickelung der antiocheni- 
schen Schule. Es kam hinzu, dass allmälig der Aristotelismus 
in der Kirche mehr hervortrat. 

In den dogmatisch -kirchlichen Angelegenheiten bildete sich 
immer mehr die Sympathie zwischen den Alexandrinern und Rö- 
mern aus. 

Aus der S c hui e von Alexandria ist D i d ymu s (bis zum Ende 
des 4. Jahrh. Katechet") derselben) die letzte glänzendere Er- 
scheinung. Auch er scheint sich der bescheidnern, ausgleichen- 
dem Richtung seiner Partei angeschlossen zu haben, vornehmlich 



c) Noch 392 am Lehen im hohen Greisenalter: Hier. cat. 109. vgl. 
Pallad. Hist. Laus. 4. 

Dan. von Coelln Didymus: AEnc. XXIV. 

De Trinitate 3, pr. ed. J. AI. Mingarelli. Bon. 769'. A. De spiritu. 
s. Lat. durch Hieron. (A. von Jo. A. Fecht. Hlmst, 611. 4.) Das Buch 
de dogmatihus und der Conim. zu Orig. tt. o-q^. wird von Vielen 
für dasselbe gehalten. Beide von Hieron. erwähnt. Schriftcommentare, 
deren Fragmm. in den Catenen, und das Original zum Comm. über 
die kathol. Briefe (Lat. durch Cassiodor : Bibl. PP. Lugd. 4), theils in 
Scholien entdeckt von Lücke (Quaestiones ac vindiciae Didymia- 
nae, s. Did. AI. enarraiio in epp. eath. latina , graeco exemplari 
magnam parteTn e grr. scholüs restituta. Gott. 8^9 ss. 4 Progrr.). 

Bestreiter der Arianer (Soor. 4, ;i5 : /xtytaros awijyoQog rijg oly.eiae 
■jriareojg gegen sie), der Euuomianer insbsd., der Manichäcr (vgl. ob.). 



Die christl. Dogmengeschiclite. Erster Tliell. 125 

im Artikel von der Trinität. Doch wurde er im Origenistischen 
Streite mit dem Meister verurtheilt''). 

2. Athanasiuis von Aiexandria (gest. 371 — 73*')), schon als 
Jüngling hervorragend und von entscheidender Wirksamkeit unter 
den entstehenden Streitigkeiten, aher als Patriarch der Vater und 
das Haupt der Orthodoxie, und mehrfacher Märtyrer derselben. 
Gewiss hat er, wie es in Kampf und Erregung kaum anders ge- 
schieht, in seinem Lehen oft das Mass der Klugheit und der 
christlichen Vernunft üherschritten : aber als Kirchen -Lehrer 
dürfen' wir ihn nicht so gering anschlagen, als es in der frü- 
hern Kritik gewöhnlich geschähe. Athanasius war ein scharfsin- 
niger, ia Philosophie und Literatur durchgebildeter Geist. Die 
Idee des Glaubensgeheimnisses (32) , welche vornehmlich durch 
ihn zur Herrschaft im Dogma gelangte, führte zwar von der evan- 
gelischen Klarheit ab, aber sie hatte" längst schön im Sinne der 
Kirche gelegen, sie war nur zu entwickeln und als Princip aufzustel- 
len und in ihr allein konnte die einmal erregte Controvers erlöschen. 
Bei seiner christologischen Lehre aber wurde Athanasius durch 
zwei Gedanken geleitet : er forderte die Entfernung alles Heid- 
nischen aus Vorstellung und Leben der Christen, und er glaub- 
te, dass der Geist, welcher von Christus in die Kirche gekommen 
sei, und das Leben , an welchem alle ehr. Menschen Theil haben 
sollten, in ihrer Erhabenheit nur dann begriffen und verherrlicht 
werden könnten, wenn man das Göttliche in der Person 
Christi aufgefasst hätte. Seine Schriften gehören fast alle der 
grossen polemischen Angelegenheit jener Zeit an''). Nicht zu 



b) Hieronymns ürtheil ^. adv. Ruf. : JDid. in Tritiitate eatkoUcus 
est — in aliis dogmatibus apertissime in Origenis sciia coneedit, 
et quod omnes ecelesiae reprobant, catholiee sie dictum esse defen- 
dit. Socr. 4, 24 s. Soz. 3, 15. Theod. H. E. 4, 29 (Aristotelische 
Syllogismen b. Did.). Ruf. H. E. 2, 7. 

Origenistische Irrtbümerbei ihm (Hier, und denConcc): Praexistenz, 
Geistigkeit d. Anferst., Aufhören der Strafen. 

c) Hier. cat. 87. Socr. 4, 20. Soz. 2, 17. Gr. Naz. Or. 21. Enkomi 
des Ath., Phot. 258. Montfaucon Sammlangen dieser Schrr. und Blogr., 
vor der Ausgabe, Par. 689. III f. (wiederholt durch Giustiniani, Pat. 
777. IV f.) J. A. Möhler, Äthan, der Grosse und die Kirche seiner 
Zeit — Mainz 827. II. 8. 

d) Am meisten allgemeinen Inhalts ist die Doppelschrift, gegen die 
Heiden und von der Menschwerdung (beide zusammen , und die ein- 
zelnen auch beide, ohne Grund bezweifelt). Im Arianischen Kampfe 
sind von ihm Schiliften dreier Arten verfasst worden: polemische 
(die vier Reden, oder nach Photius 140, irsvrdßißXot-, gegen die Ari- 
aner, vier Briefe an Serapion u. s. w.), historische (über die Nicäni- 
schea Beschlüsse, die Ereignisse von Ariminum und Seleucia, Ge- 



124 Allgemeiue Dogmengescliichte. Zweite Periode. 

verwandern ist es übrigens, wenn unter seinem Namen, früher 
und lange noch fort, mancherlei Schriften in Umlauf gekommen 
sind, welche nur an seiner Lehre, oder auch nur an seiner Or- 
thodoxie Theil hatten, oder sich auch nur seines Ansehens be- 
dienen wollten®). 

3. Cyrill, Patriarch von Alexandria (gest. 444), Nachfolger 
eines ihm verwandt gesinnten Mannes, welcher mehr als kirchli- 
cher Gewalthaber denn als Theolog bedeutend gewesen ist , des 
Theöphilus ^). Cyrill war weniger philosophischer Geist als 
Athanasius, wiewohl er bei Weitem mehr als jener zu den Formeln 
und Denkweisen der philosophischen Schule seines Vaterlandes 
hielt. Ein unbedingter, stürmender Eifer, persönlich und prie- 
sterlich, kam dazu, um ihn meistens unfähig für unbefangene Er- 
wägung und für die Ausgleichung des Streitigen zu machen. Aus- 
ser dem polemischen Inhalte haben seine Schriften geringe Be- 
deutung^). 

4. Synesius aus Cyrene, war Bischof der libyschen Ptole- 
mais (gest. gegen 431^)), dem Theophilus gleichzeitig, welcher 



schiebte der Arianer, über Dion. Alex. Denkart u. s. w.) und per- 
sönlicbe (die Apologie'n von sich). 

e) Von manchen besteht die Vermuthung, dass sie dem jungem 
Athanasius von Alexandria (Ende des 5. Jahrh.) angeboren möchten^ 
dem Anhänger des Henotikon: Cave H. L. 1. 460 s. Die kritischen 
Principien waren' bei der Frage über Ath. Schriften oft sehr zwei- 
felhaft. 

Zweifelhafte Ath. Schriften bedeutenderen Rangs: zwei von der 
adoKC'jote, die Synopse der h. Schrift. Unächte:. vornehmlich das 
Athanasianische Symbol {Dan. ff^aterland, a eritical hi- 
story of the Athanasian Creed — Cambridge 721, 4. E. Köllneiv 
Symbolik aller chp. Confessionen. Hamb. 837. 53 ff,). 

f) Gest. 412. Berühmt in der Geschichte des untergehenden Hei- 
denthums (Theodoret H. E. 5, 22), in den Origenistischen Streitigkei- 
ten (hier schwankend über Anthropomorphismusl , in der Lebensge- 
schichte des Ghrysostomus. Als Mann der Kirche bat er mehr nach 
seinem Wirken, als nach seinen Schriften gegolten. Einiges von ihm 
ist durch Hieronymus übersetzt worden : das Werk gegen Origenes 
ist nur in Fragmenten vorhanden. 

g) Phot. 49. A. von J. Aubert. Par. 638. VII f. 

Gegen das philos. Heidenthum : 10 BB. gegen Julian (ngo? rd rov 
iv dxf'äoig 'loidtavov) — gegen das Judenthum : von der Anbetung 
im Geist und in der Wahrheit. Commentare : zara Pentateuch (yXa- 
qivgd, d. i. praktische Auslegung) — zu vielen proph. Schriften — 
12 BB. zum Evang. des Johannes. Das Uebrige gehört zu den Acten- 
stücken der grossen dogm. Controvers seiner Zeit und seines Lebens. 

A) E. Th. C lausen: de Synesio philosopho , Libyae pentapoleos 
tnefropolita. Havn. 831. 8. Werke: A. v. D. Petavius. Par. 612 f. 
Vom Königthum, Dion^ von der Vorsehung {Alyvitzios, in dem Mythus 



Die clirlstl. Dogmengcscliiclite. Erster Thell. i.2S 

ihn ganz in der Weise auch der spätem Hierarchie, als einen 
kirchlich hranchharen Mann zur hischöflichen Würde gelangen 
liess, wiewohl Synesius seine philosophischen Zweifel an einigen 
Hauptdogmen hekannt hatte ^). Die Hymnen des Synesius sind 
der Glanzpunct des kirchlichen Piatonismus 5 es würde schwer hal- 
ten, aus ihnen, so wie aus seinen philosophischen Hauptschriften, 
den Sinn der Kirche herauszufinden. Aher diese Schriften hahen 
in der Kirche auch keinen Einfluss gehabt. 

5. Nonnus von Panopolis, der Dichter'') , gehört noch in 
diese alexandrinischen Reihen, wiewohl er als Exeget des Johan- 
neischen Evangelium gewöhnlich seinen eigenen Gang gegangen 
ist. Wir haben ihn darum besonders aufzuführen, weil er auf dem 
Gebiete der christlichen Poesie ein Beispiel von dem abgiebt, 
was auch die kirchliche Gottesverehrung und die bildende Kunst 
dieser Zeit allenthalben hervortreten lässl : mit welcher Unbefan- 
genheit man sich jetzt, als da Alles nun hinlänglich für das Chri- 
stenthum befestigt und gesichert war, der fremden, heidnischen 
Formen und Bilder bedient habe, ja auch wohl selbst freidich- 
tend in Darstellungen des Hellenismus eingegangen sei. 

§♦ 38* 

Die antiochenisehe Schule hat diese Perlode hin- 
durch ihr«^ glänzendste Zeit gehabt, und ihren Charakter 
auf das Entschiedenste so entwickelt als bethätigt^). Nacli 
Diodor treten nach und neben einander berühmte Kir- 
chenlehrer aus dieser Schule auf, mit einem gemeinsamen 
Gepräge alle : Johannes von Antiochia, Chrysostomos 
genannt^), Theodor, dann Bischof von Mopsuhestia^), 
und Theodoret, Bischof von Cyrus in Syrien^)^ der 
Erste von ihnen mehr persönlich, als seiner Lehren we- 
gen, bedrängt, aber die beiden Anderen tief verflochten 

von Osiris und Typhon dargestellt). Treffl. Bearhb. von J. G. Kra- 
binger (Rede an Arkadios, oder über das Königthum. Sulzb. 824. 
S. calvitii eneomium, Stuttg. 834. S. ägypt. Erzählungen von der 
Vorsehung. Sulzb. 835). Zu erwarten, und zur Geschichte des neuen, 
vorn, christlichen , Piatonismus unentbehrlich : Bearb. der Hymnen 
von J. C. Thilo. 

i) Luc. Holsten. de Synesio et de fiiga.episcopatus. An Vales. 
animadvv. in Evagrium, Glansen a. 0. HS ss. Synes. 105 Br. 

k) D. Heinsii Aristarchus saeer. L. B. 627. 8. Falkenbnrg vor 
Nonnus Dionysiaka: Moser vor 6 BB. derselben. Heidelb. 809. J. A. 
W eicher t. de Nonno Panopolitano. ViteF. 810. S. Ouwaroff 
Nonnos v. Panopolis d. Dichter. St. Petersb. 817. 4. M. Abb. de 
Wonno Panop. Joannei evangelii interpreie. Opuscc. th. 197 ss. 

A. der Metaphrasis v. Job. : F. Passow, L. 834. 8. 



126 Allgemeine Dogmengesehiclitc. Zweite Periode. 

in die Hauptcontrovers des S, Jahrhunderts, wie sie denn 
anch im 6. Jahrhundert dem letzten Yerdainmungsurtheile 
mit Terfielen, welches üher die Nestorianer gefällt wurde. 

1. Der Charakter der Antiochener (ob. S. 70) bestand vor- 
nehmlich in Schriftverehrung und treuer Auslegung der h. Schrift. 
Aus dieser Treue der Auslegung ging denn auch die Unterschei- 
dung des Zeitlichen und Allgemeinen, des Menschlichen und Gött- 
lichen im Inhalte der Schrift hervor : aber aus der Schriftvereh- 
rung blühte die praktische Theologie, auf, als deren Väter 
die Antiochener anzusehen sind, und zwar in der zwiefachen Be- 
deutung, welche die praktische Theologie hat : Anwendung der 
Schrift und ihrer Deutung auf das Leben, und Bildung des christ- 
lichen Lehrers. 

2. Der heilige Chrysoslomus, gest. 407^) (diesen Namen hat 
ihm erst die spätere Zeit gegeben^)), ist eine der edelsten, an- 
sprechendsten Erscheinungen der alten Kirche : ausgezeichnet 
auch in Bildung und theologischer Denkart. Höchst achtungswerfh 
ist auch sein Streben und die Lauterkeit, womit er die Grenze 
suchte zwischen dem sittlichen Ernste und der asketischen üeber- 
spaunung, so wie zwischen den, jetzt immer mehr sich entfalten- 
den, priesterlichen Ansprüchen und der Würde und Macht der 
Männer des christlichen Geistes*^). Indessen gelangten seine 
Schriften und seine homiletische Art und Kunst mehr nur in der 
griechischen Kirche zu vorbildlichem und classischem Ansehn : 
die lateinische begann sich jetzt schon inehr in ^ichabzuschlies- 
sen ; auch erhielt der Name des Chrysostomus in derselben einen 
Flecken durch die Beziehung, welche man ihm zu der pelagiani- 
schen Sache gab'^). 



ö) Dialog vom Leben des CLrysostomns zwischen Palladius und 
Theodorus, von Palladius geschrieben. — Georg. Alex. Leben Chr., 
Phot. 96 (zweifelh., ob dasselbe mit dem herausgegeb.). — Volland b. 
Montfaucon XIII. AA. SS. Sept. IV. 401 ss. Ausg. v.J.B.Montf. 1718 
SS. XIII. u. zu Ven. (N. A. Par. 834 ss.) — Chr. Homilie'n über die 
Brr. des h. Paulus. D. v. W. Arnoldi, Trier 833 ff. V. 

A. Neander, der h. Chrys. und die Kirche, besonders des Ori- 
ents in diesem Zeitalter. Bd. I. 821, II. 

^ b) Zuerst, meint man, in der 6. Ökum. Synode 680. Suidas : fiorog 
axtߧ'^?M}S TU xQvaovv rsxal '&siov ix^ijgovöfiTjasv ovo/na, Oudin. I. 693. 

c) Ausgg. des Buchs tcsqI isqojovvjjs von Thirlby, Bergel, Hassel- 
bach und J. Ritter. 

d) Interpolationen und Fälschungen in Chrysost. Werken geschahen 
vorn, in derlat. lürche. Daher Operis imperfecti in Matthaeum, hom. 
54. vgl. über d. Schrift Thilo prolgg. Cd. apocr. N. T. XCIV. 



Die cliristl. DogmcngescMchfe. Erster Thell. 127 

3. Theodor, dann B. von Mopsuhestia (gest. 429®)), hat 
mit Recht vorzugsweise den Namen des Exegeten erhalten, 
und er ist ihm in der gesammten morgenländischen Kirche gehlie- 
ben, welche ihn sich aneignete, nachdem die griechische ihn von 
sich ausgeschieden hatte. Indessen werden seine Werte allmälig 
immer mehr aus der Verborgenheit, in welche man sie seit dem 
6. Jahrb. zurückgesetzt hatte, hervorgezogen*), und man batallß 
Hoffnung, dereinst die literarische Persönlichkeit des Mannes 
ganz auffassen zu können. Sein exegetisches Verdienst (das vor- 
nehmste, welches ihm zusteht) scheint mehr in dem Princip za 
suchen zu sein, welches er aufstellte (im Allgemeinen schon im 
Altertbum als das der bis torischen Auslegung bezeichnet^)), 
als in der Ausführung : diese ist vornehmlich für das A. T., selbst 
in Sprachkenn tniss, mangelhaft gewesen. 

4. Theodoret (gest. 457'')) ist nicht der einflussreichste, 
aber als Theolog der bedeutendste Mann unter den Antiochenern : 
klar, vielwissend, gemässigt') , und ebendarum auch stets em- 
pfänglich für Gegengründe und stets bereit, das Unwichtige und 
denWorlstreitiu der kirchlichen Controvei's anzuerkennen. Seine 
Methode der Schriftauslegung, insbesondere des N. T., schloss 
sich an die der alexandrin. aojf.iscajaeis an^) : seine übrigen 
Schriften fallen zum grössten Theile in die Streitigkeiten, welche 
jene Zeit bewegten und li'^on denen die Person des Theodoret viel- 
fach berührt wurde. 

In diese Reihen muss noch Isidor, Mönch zu Pelusium^) (um 



e) Chrysostomus Briefe: 204. Socr. 6, 3. Soz. 8, 2. Phot. 38. 81. 
Ebedjesu Schriften verzeichniss Assem. III. 10. Fridol. Fritzsche, de 
Theodori Mops, vita et scinptis. Halle 836. 8. F. L. Sieffert: 
Th. M. F. T. sobrie mterpretandi>vindex. Reg. 827 s. 

/) F. Munter. Fragmm. PP. Grr. Havn. 788. 8. (Genaaer b. 
Fritzsche a. 0. 81 ss.) Mai. N. Coli. Vol. I. P. 2- und VI (1832). 
Th. M. quae supersunt omnia , ed. A. F. F. a Wegnern 1, Ber. 
834. 8. (Bei beiden, Mai und Wegnern, derComm. zu den 12Prophh.) 

Bruchstücke der Schriftcominentare, vornehml. auch in den Catenen 
.(Psalmen: Corder. cat. 1643 s. III.). Fragmin, der dogmat. Schrr. 
bei Marius Mercator und Facundus von Hermiane. Fragmm. und 
Meinungen in den Acten des Dreikapitelstreites. 

g) Kard r^v laroglav rjjv sQ/itjvsiav noiov fisvos Phot. 38. Histo- 
rica interpretatiq : Hieron. praef. in Matth. 

h) J. Garn er. de vita et libris Theodoreti (684) und in der 
Ausg. von J. L. Schulze' und J. A. Nösselt. Halle 769 ss. V. 

i) Phot. 46. 203 — 205. 

k) J: F. C. Richter, de Theodoreto epp. Paulinarum inierprete. 
L. 822. 8. 

l) H. A. Niemey er. de Isidori Pelusiotae vita^ scriptis et do- 
etrina. Hai. 825. 8. Ausgg, : Par. 838. Ver. 745. 



128 Allgfemeine Dogincngfcschichte. Zweite Perlode. 

440 gest.), gestellt werden , Jünger und Geistverwandter von 
Chrysostomus. Die zweifelhafte Beschaffenheit seiner Briefe 
scheint auf vielen Gebrauch hinzudeuten, welcher vornehmlich 
wohl in den Klöstern von ihnen gemacht worden ist. Auch Eu- 
sebius von Emisa gehört zu diesen Antiochenern : aber seine 
Persönlichkeit ist uns durch die vielfachen Vermischungen und 
Verwechselungen , in welche sie verfiel, zu wenig klar "'). Nur 
im allgemeinsten Sinne gehöi't in die antiochen. Reihe Victor 
von Antiochia, der Schriftausleger"). 

Mag; man aber zu diesen beiden Scliulen noeb eine dritte 
setzen, welche in der Tbeologie dieser Zeiten geberrscbt 
babe, die von Atben, oder jene beiden allein anerken- 
nen: so bleibt es docb immer gewiss, dass jetzt drei Män- 
ner, welcbe zu Athen Pbilosophie gelehrt worden waren, 
für die gesammte folgende Kirebe ein geistiges Triumvi- 
rat von höebster Bedeutung: gebildet baben. Sie waren : 
Basilius von Neoeäsarea, dieser mehr auf den prakti- 
schen Tbeil der christlicb-kircblicben Lebre gericbtet ^), 
Greg'or von Nazianz, derTJieolog: grenannt, welcher die 
Glaubenslebre mebr von der praktischen Seite auffasste^), 
und der pbilosophirende, freiere ^ r e g" o r von Nyssa, 
dessen Ruf freilich in der Kirche durch die Verdächtigung 
als Origenist getrübt worden ist 3). 

1. Basilius (gest. 378°)) fuhrt zwar den Namen des Gros- 
sen nur durch die Mönche, als deren Vater und Meister er in der 
griech. Kirche bis auf den heutigen Tag gilt: aber er ist jeden- 
falls nach seinem Charakter und nach seiner so frommen als ge- 
mässigten Denkart in der Glaubenslehre, ein hochehrenwerther 



m) Hier. cat. Sl. 119. Eus. Einis. opvsee. gi\ ed. AtigusU^ El- 
verfeld. 829. Vgl. mit dieser Sehr, und überhaupt J. C. Thilo über 
die Schriften des Eus. von Alexandrien und des Eus. von Emisa. 
Halle 832. (59 ff. ächte Schrr. des Eus. v^ Em.) Ei. Euseb. Alex. or. 
negl dargovo fiojv, e Cd. Par. ed. et Hl. Hai. 834. 4. 

n) Entfernter gehört zu ihnen Kosmas Indikopleustes : Topogra- 
phia Christ. (Phot. 36.) Montfauc. N. Coli. II, . 

a) Hieron. cat. 116. Greg. Naz. introicpios, or. 20. — J. E. 
Feisser, de vita Basilii M. Groning. 838. 8. C. L. W. Klose, 
Basilius d. Gr., nach s. Leben u. s. Lehre. Strals. 835. 8. 

A. von J. Garnier Par. TU ss. III. Einzeln besonders oft die Mönchs- 
schriften und vom heil. Geiste (Heirast. 613. 8). Homilie'n, Anwei- 
sungen und Briefe, Schriften von praktischer Anlage und Bedeutung, 
sind die vornehmsten. 



Die chrislt. pogfinengfcsehicLte. Erster Theüi 429 

Mann der alten Zeit. Bei dem Ansehen, in welchem Bäsilius eben 
unter den Mönchen, diesen Inhabern der griech. Literatur des 
Mittelalters, stand, war es natürlich, dass ihm (und insbesondre 
in der Glasse von Schriften, welche diese am meisten anging) Vie- 
les untergeschoben und interpblirt wurde ''). 

2. Auch Gregor von Nazianz (gest. umSGO*^)) führt den 
Namen des Theologen nur in dem damaligen beschränkten Sinne, 
als Bekämpfer des Arianismus, aber verdient ihn in jeder weite- 
ren und höheren Bedeutung, und zwar sowohl nach Fähigkeit und 
Methode, als nach den Resultaten. Wie er es für die Glaubenslehre 
zuerst als Princip aufstellte, was vom Anfange her schon im 
christlichen Gedanken gelegen halte: dass sie ebenso aus dem 
christlichen Leben aufblühen '') wie auf dasselbe einwirken müsse, 
kurz, wie seine Theologie einen durchaus praktischen Charakter 
hatte, so fand sich derselbe auch in seinem Leben, Schaffen und 
Wirken. Dass übrigens er und die beiden Apoll in aris^) die 
^riechiche Poesie und überhaupt griechische Formen übten und 
in der Kirche einheimisch zu machen suchten : davon lag der 
Grund nicht sowohl in dem Gemüthsleben dieser Männer, als in 
dem Bedürfnisse und den Veranlassungen der Zeit. Man wblltö 
die fremden Originale für die christliche Welt «'setzen ; und es 
haben denn auch die Poesie'n dieser Männer (die XQiatiavi'nd 
der griech. Poesie) nur den Charakter der Abhängigkeit und der 
Nachahmung, keine innerliche Kraft und Haltung. 

$• Der Origehianismus Gregor' s von Nyssa (gest. 393^)) 
lag vornehmlich in den Ansichten von Geist und Seele und von 
der Auferstehung, und in den Dogmen von der Läuterung der Gei- 
ster und von der Wiederherstellung aller Dinge. Gregor ist in- 



6) liaxTjTiy.d und jjd-tnd j schon iiü Alterthume verschieden einge- 
tlieilt, geordnet, und Zweifel über die Aechtheit von vielen, vorn, 
den oQot. und Siazä^sie. 

c) Hieron. cat, 117. C. TJllmann, Gregor von Nazianz, der Theo- 
log. Darmst. 835. 

Ausg. F. Morell, 630. II. f. Clemencet. 778. L (Gr. Naz. in Cae- 
sariuin fratrem or. ed. L. de Sinner. Par. 836. 80 

d) II()d^i? STcißaais &aojoias (ßsajOi, ij avvixSruoe itoog tcc ty.it&av) 
Or. 3. Aehnliches 16, 20. 

e) Socr. 3, 16. Soz. 5j 18. Hier, cat; 104. 

/) Hier. cat. 138. Germanas dvödsvTos, Phot. 333. S. P. Heyns, 
de Gregorio NyssenOi L. B. 835. 4. Jul. Rupp, Gregor's, B. v. 
Nyssa, Leben und Meinungen, L. 834. 

A. Par. 638 f. III. [Or. catechetica — ed. J. G. Krabinger. Mon. 
835. 8. De anima et resurreciione. Ed. id. L. 837. 8.) 
Dogmengcschlchte. 9 



150 AUgemelne Dog^mengescMcIite. Zweite Periode. 

dessen der Erste freiere Religionsphilosoph der Kirche^), und 
als der zweite Dograaliker der griechischen Kirche^) ist er denn 
auch seiner Aufgabe näher gekommen, als Origenes. Er nannte 
seine dogmatische Schrift die grosse Katechese, mit An- 
spielung auf die grösseren Mysterien: denn zu diesen wollte 
er die Anleitung geben. 

Diese drei Männer samrat Äthan asius beherrschen die' grie- 
chische Kirche undDogmatik durch die ganze folgende Zeit. Wie 
ihnen überhaupt der philosophische Geist und das Wissen, mit 
welchen sie die Kirchenlehre behandelten, eine ausgezeichnete 
Stelle unter den Kirchenlehrern sichert, so gereicht ihnen insbe- 
sondere der Anbau der allgemeinen Religionslehre (noivai ev- 
voiat) zur Ehre, welchen sie mit gleichem Eifer betrieben, wie 
die Wissenschaft der Kirchenlehre'). 

Neben einer Reihe anderer, mehr und weniger glän- 
zender, aber durchaus bedeutender, Erscheinungen in der 
griechischen Kirche dieser Periode, wie dem vielkundigen 
lüusebius von Cäsarea, dem Maren und milden Cyrill 
von Jerusalem, und dem injüdiseberArt gelehrten, geschäf- 
tigen, auch schroffen und harten, Epiphanius'), und 
Anderen, ^velche sich mehr im Allgemeinen literarisch 
beschäftigten und ausgezeichnet haben, wie ja das gei- 
stige Leben in der Kirche dieser Periode immer mehr uni- 
versal wurde ^) : bleibt das eigentliche Morgenland nicht 
zurüch. Die syrische^) und armenische*) Kirche 
haben in dieser Zeit den Grund zu einer theologischen und 
wissenschaftlichen Bildung gelegt, welche erst allmälig 
aus dem Dunkel hervortritt, in welches sie natürlicher- 
weise gehüllt war, 

1. Die Thätigkeit und die Schriften des Eusebius (Pam- 
phili) von Cäsarea (gest. 340*)) umfassen ein weites Ge- 



g") Vorr. zur Katechese : Xq-^ •n^Qus ras dvriXijxpEis töjv dv^&Qoj- 
mßjv ßXiitkiv — aQxäg Tivas •/.. TCQoraaats svXoyove i(p txdaz^g Sia- 

?,i^£WS TCQOßaXXoflbVOV . 

h) Zugleich mit Augustin. de cdteehizandis rudibus — : (Glauher) 
Gr. voa Nyssa und Augustia über den ersten christl, Religionsun- 
terricht. L. 871. 8. 

i) Für die Theologie dieser Zeiten und Schulen gehören auch die 
Sehr, unter d. Titel ögoi, ■jvsvaeie, iQom^aeie. Unter dem zweiten 
von Cäsarius, Bruder Gregor's v. Naz. (zuerst von Ehinger. 16^61 
Phot. 210. üllmann Gregor 135. 

a) Hier. cat. 81. Sein Leben von Acacius, Schüler und Nachfolger, 
verfasst, Soor. ?, 4, mit den übrigen Schriften des Ac. verloren. H. 



Die chrlstl. Dogmeng-eschiclite. Epsfer Theil. 151 

biet'') : und wir erkennen aus ihnen ebenso den Umfang des Strebens 
und der Einsichten in der damaligen Zeit der Kirche als Umfang, 
Macht und immer zunehmenden Glanz derselben. Die exegetische 
Fähigkeit des Eusebius ist in derselben Masse gering wie seine 
philosophische Einsicht und Bildung^ In seiner Wissenschaft*^) 
wie in der dogmatischen Auffassung gehörte er zu der alexandri- 
nisch-Origenistischen Schule. Dieses, aber auch das Unbestimmte 
seiner Denkart und die Unsicherheit der Gesinnung, gab ihm in 
den Controversen jener Zeit einen zweideutigen Charakter '^)^ 
— Gleicher Verdacht (Semiarianismus) blieb auch am Namen des 
Cyrill von Jerusalem hängen (gest. 386). Bei diesem aber war 
es eine bestimmtere, nur nicht Athanasianische, Denkart, welche 
ihm jenen Ruf verschaffte ®) . Mehr noch war er durch seine kirch- 



ValesU de vita et scrr. Eus, Caes. diatribe, vor der KG., Mont- 
faucon prolgg. comm. Eus. in Psalmos, JV. Coli. PP. Grr.*l. Die 
Schriften über Glaubwürdigkeit und Bedeutung der Eus. KG. von Möl- 
ler (1813), Danz (1815), Kestner (1817), Reuterdahl (Lund 826), Rien- 
stra (Amst. 833) : auch von F. Jul. Kiminel {de Rußno Eusebii inier- 
prefe. Gera 838. 8). Vielfache Sammlungen in Heinichen, Ausg. 
d. KG. 827 S. III. 

b) Apologetisch (srayysXtxijs diroSsi^sws npoTragaaxsvij und (xtio- 
Sii^ts unvollst, in 10 BB., und gegen Hierokles), exegetisch (nur zumA. 
T. sind solche bekannt), kritisch (Kanones der Evangelien), historisch 
(■jtavioSairi] tavoQia und %qovmo? y.avujv — jene armenisch aufge- 
funden : Niebuh r, bist. Gewinn aus der armen. Uebers. der Chro- 
nik des Eus., Abhh. d. Berl. Ak. d. Wiss. 1820—22, bist. ph. Kl. 
S. 37 ff.), dogmatisch (gegen Marcellus). 

e) Auch in seinem berühmtesten Werke, der KirchengescLichte, mehr 
Gelehrter : auf Sammlung deutet schon der, aus der fremden Wissen- 
schaft entlehnte Name, sxxX. lOTogla,, hin. Eus. als Redner (die 
fremde, weltliche, auch panegyrische Rhetorik wurde durch ihn in die 
Kirche eingeführt): Tzschirner, de claris eccl. oratorr. 233 ff. 
Dabei verschiedenes Urtheil über die Opusce. 14 Eus. Pamph., ed. 
J. Sirmond. Par. 643, bei Tzschirner und bei Thilo, ü. Eus.Emis. 67 ff. 

d) Die älteste Verlheidigung des Eus. gegen die Anklage als Aria- 
ners, Soor. %, 21. Am entschiedensten klagte ihn Hieronymus an. 
G. Cave, de Eus. Arianismo : App. Bist. Lit. IL 42 ss. und ep. 
apologetica gegen Jo. Clericus Bestreitung dieser Abhdl. ebds. 
Martini, de sent. Eus. Caes. de divinitate Chr. Rost. 795. /. Rit- 
ter. Eus. Caes. de divinitate C.placita. Bon. 823. Vgl. die Ariani- 
sche Geschichte im folgenden. 

c) Hier. cat. 112. Die Katechesen (18 vorbereitende und 5 mysta- 
gogische) sind das einzige Denkmal vollständiger Volkslehre aus der 
alten griech. Kirche : Von Rivetus bis Semler oft ohne tüchtige Kritik 
bezweifelt. (Ausgg. von Di. Petavius, Tho. Milles (1703) und Ant. 
Aug. Touttee (Par. 1720. Ven. 763), Ubs. von J. M. Feder. Bamb. 786.) 

Dem Rufe des halben Arianismus , in welchem Cyrill früher gestan- 
den hatte, steht vorn, das Zeugniss des Constantinopöl. Concil entge- 

9* 



132 Allgemeine DogmengcscLichte. Zweite Periode. 

liehen Streitigkeiten bekannt^). — Epiphaniu6,B. von Sala- 
mina auf Cypern (gest. um 402), in den Origenistischen Händeln 
Einer der Entschiedenen, ist für sehr Vieles in Sitte, Geist und 
Dogma jener Zeit unsere einzige, wenn gleich weder lautre noch 
anmuthige, Quelle °). 

2. Neben den christl. Dichtern und Rednern der griech. Kii'che 
dieser Periode, welche bisher schon erwähnt worden sind, mag 
z. B.Nemesius,B. von Emisa, als ein Mann von freierer Bil^ 
düng aufgeführt werden. Seine Schrift von der Natur des Men- 
schen giebt neben den verwandten Schriften Gregor's von Nyssa 
ein interessantes Zeugniss von den theologischen Studien der 
Zeit^). In der lat. Kirche steht auch hierin Augustinus allein 
neben den Griechen. 

3. Ephraem, Diakonus von Edessa (gest. um 378'))^ christ- 
licher Redner und Dichter, Dogmatiker (von Athanasianischer 
Farbe), Asket und Moralist, auch Schriftausleger (wiewohl ohne 
besondre Befähigung dafür), hat in der s]Tischen Kirche blei- 



geu J. 381, an welchem C* Theil hatte. Währsch. hat er sich von der 
freieren, mehr evangelischen, Sprache in der Christologie allmälig 
immer mehr der kirchlichen zugewendet. 

J) Im Streite des Cyr, mit Acacius v. Caesarea, hat er, ahgeseizt 
von den Palästinensern^ nach Socr. 3, 40, zuerst {jcaqa x6 awrj&as 
reu iityJ.rjrTiaoTty.o} xavovt) an eine höhere Behörde (fiuCov Siy.aar^Qiov) 
in weltlicher Weise appellirt. Wahrsch. an die weltliche Macht. Im- 
mer mag dieses der erste Fall der Art bei einem Bischof der Kirche 
gewesen sein, wenn es gleich (s. Vales. z. d. St.) früher schon die 
Donatisten gelhan haben. 

g-) Hier, cat.^ 114. Phot. li% nach Sprache und theol. Bedeutung 
treffend gezeichnet. (Werke: Di. Petav. 1622 — 1682. 11. f.) Unter den 
für unächt gehaltenen, kann Manches, wenigstens theilweis, dem Ep. 
angehören. Aber es mögen ihm durch jVamenverwechselung vielerlei 
Schriften beigelegt worden sein : denn es finden sich viele syrische 
Epiphanius genannt. 

Epiphanius, palästinenscher Judenchrist, erwähnt zuerst bestimmter, 
doch in nicht ganz klaren Ausdrücken, die Grundlage des jüdischen 
Talmud — 4 Ssvre^ojai-ig, haer. 15. 

h) IIsqI q)vaei>jg dv&Qomov — zuletzt von C. F. Matthaei. Halle 
803. Zuerst unter Gregor v. Nyssa Namen herausg. Carus Gesch. 
d. Psychologie, erkennt die Bedeutung des Buchs an. 

i) Diakonos zu Edessa, dann als Mönch — Hier. cat. 1!5. Gregor 
V. Nyssa Enkomion aufEphr. Amphilochius de Bas. et Ephr. Soz. 3, 
16 (der Erste in der (^ovaaTixr} (pdoao^la bei den Syrern). Werke 
von J. S. und P. B. Assemani : griech. 1732—46. HI. f. syr. 1737 — 
43. III. P. Zingerle, auserw. Schrr. Ephraems. Insbr. 1830 ff. V. 
(IV: die heil. Muse der Syrer). Hahn über Bardes. : Cäs. v. Lengerke, 
de Ephr. Syro scr. interprete. Halle 829. nnd : de Ephraemis Syri 
arle hermeneutica. Reg. 831. 8. Tzschirner a. 0. 262 ff. 



Die chrisll. Dogmengeschichte. Erster Thcil. 155 

bende Auctorität erhalten : wenn gleich der Nestorianisraus, die 
monophysitische Sache und die aristotelische Philosophie einen 
weit hedeutenderen geistigen Anstoss in dieselbe gebracht haben. 
Die Freundschaft zwischen Ephraem und den grossen Männern 
der griechischen Kircbe, führte seine Schriften auch in diese ein, 
und auch hier 'WTirde es ein classischer Name. 

4. Die armenische Kirche erhielt im 4. Jahrhundert ihren ei- 
gentlichen Bestand''), und von da an hat sie auch an allen kirch- 
lichen Bestrebungen lebhaft Theil genommen^). Doch theils 
durch die sectirende Abschliessung , in welche sie mit dem 5. 
Jahrb. gerietb, theils durch ihre politischen Geschicke, wurde sie 
bald in sich zurückgedrängt. In jener Abschliessung und diesem 
stillen Dasein wird sie sich uns im Folgenden vielfach zeigen ™) . 

§♦«♦ 

Auf gleiclic Weise hat endlich auch die lateinische 
Kirchein dieser Periode eine glänzende und für Lange ent- 
scheidende Zeit gehabt: anfangs sich noch durch die Grie- 
chen bildend und strebend, bald selbständig und eigenthüm- 
llch. Aber die prahtische Richtung und die Idee einer 
hierarchischen Einheit der Kirche herrschen in ihr 
von Anfang an vor. Vier Männer leuchteten in ihr auf, 
und haben sich in ihr, jeder auf seine Weise und in seiner 
Sphäre, auch durch die folgenden Zeilen herrschend er- 
halten: Ambrosius^), Hicronymus^J, Augusti- 
nus') und Leo von Rom 4). 

1. Ambrosius aus Gallien (gest. 397")), vom Katechumen 
und Präfect zum Bischof von Mediolanum durch den Volksruf er- 



k) C. F, Neumann, Versuch einer Geschichte der armenischen 
Literatur — L. 836. Stifter der armen. Kirche und Literatur: Gre- 
gor dev ^rlenchler {Lusaworilsch), zum Bischof geweiht zu Cäsarea 
in Kappad. 30Ü. Moses von Chorene : armen. Gesch. (bis zu 441), zu- 
letzt herausg. Ven. 18^7. Schriften über Rhetorik, Geographie. 

/) Armenier in den Athen. Schulen des 4. Jalirh, b. Eunapius: vgl. 
Neum. a. 0. 13. Ders. : memoire sur la vie et les ouvrages de 
David, philosophe Armenien du F. siede. Par. 829. u. Gesch. 58 ff. 
Dieser David (der Unbesiegte genannt) ist wohl in der ganzen christl. 
Kirche der früheste Uebersetzer des Aristoteles. 

m) Die literarische Betriebsamkeit hat in der armenischen Kirche 
einen reichen Schatz altchristlicher Schriftdenkmale erhalten. Die 
Apokryphen scheint sie erst aus der lateinischen Kirche empfan- 
gen zu haben. - 

d) Lebensbeschreibung durch Paulinus (nicht den von Nola) und von 
Simeon Melaphrastes. J. C. F. Bähr^ christlich - römische Theologie 



134 Allgemeine DogmcngcscMcIite. Zweite Periode. 

hoben, welchen man für Gottes Stimme achtete, kann als der Re- 
präsentant der kirchlichen Principien, wie sie imAhendlande fort- 
an gegolten haben, angesehen werden. ,, Die Philosophie und die 
Wissenschaft dem Glauben untergeordnet''), der Glaube in der 
Vereinigung mit der Kirche und durch ihre Gna'denmittel zu ge- 
winnen, das sittliche Verdienst durch dieselbe, die Kirche, be- 
stimmt, beurtheilt, belohnt 5 endlich das Priesterthum über der 
Kirche und diese über dem Staate." Aber Ambrosius ist ein 
Mann, der die Sache und die Idee meinte und wollte, ein ernster, 
entschiedener Charakter ; durchaus praktisch, und die kirchlichen 
Goltesverehrungen erhielten durch ihn bestimmtere und neue 
Formen ( Officium A. , Cantus A, ")) . In seinen Schriften 
w^ar er zu wenig selbständig, seine praktischen Schriftauslegungen 
haben zu wenig Gehalt : und gerade sein Buch über die Sitten- 
lehre {de officiis) hat zu wenig christlichen Charakter^). Daher 
hat er auch als Schriftsteller, ungeachtet seiner Kraft und Wohl- 
redenheit , nur untergeordnete Bedeutung in der Kirche gehaht. 

2. Sophronius Eusebius Hieronymus , Dalmatier^), Presb. 
von Antiochia, gest. in asketischer Zurückgezogenheit um 420 
zu Bethlehem ^) , war ein Maun von grosser ELraft und Fähigkeit 



(Karlsr. 837) 142 ff. Werke: Par. 686. 90. II. f. (Ven. 781. VUI. 4). 
Die früheren, nach der römischen (1580 ss.) besorgten Ausgg. geben 
einen willkührl. veränderten Text. 

6) Philosophia ancilla -^ nach einer ähnlichen Deutung von Hagar 
und Sara, wie bei Philo. 

c) August. Conf. 9, 7. 

d) Von den Griechen waren entlehnt : vom. Hexaemeron und de 
Spiritu S. Nach Philo vorzüglich war verfasst eine Reihe von Schrifr 
ten, moralische Deutungen enthaltend von den Geschichten der Gener 
sis : de Paradiso, Cain et Abel, Noa, Abr. u. s. w. Auch expos. 
ev. sec. Lucam. De offiens (gewöhnl. de off. ministrorum) eigentlich 
allg. Sittenlehre. Gegen den Arianismus de fide et trin. 5 BB., ge- 
gen novatianischen Separatismus de poenitentia. De mi/steriis ist mit 
Unrecht dem A. abgesprochep worden; mit mehr Recht wird es de 
sacramentis 6 BB. Asketische Schriften, im Geiste der Mässigung : de 
virginibus, de viduis u. s. w. 

Unzahl unächter und zweifelhafter Schrr. Zum Commentarius in 
12 Pauli epp. (Ambrosiaster), vgl. Steiger, epimetron z. Br. a. d. 
Kolosser (Erl. 835). 

e) Ueber eine Schrift v. Fr. M. Appendini über Hi. Vaterstadt (Zara 
833), s. Heidelb. Jahrbb. Jun. 837. Bahr a. 0. 170, 

/) Hieron. cat. 135. — AA. SS. Sept. VIII, /. Clerici quaestio' 
nes Hieronymianae — Amst. 709. 719. 8. (Zunächst gegen d. Bened. 
Ausg. von Pouget und Martianay, Par. 1693. 706. V.) {L. Engelstoff) 
Hieron. Stridonensis , interpres, criticus, exegeta, apologeta, histo- 
ricus, doctor, monachus. Havn. 797. 8. D. v. Colin Efieronymus : 



Die christl. Dogmengcschichfe. Erster Tlieil. 133 

des Geistes und von allgemeinerer JBildung ') : mit dieser machte 
vornehmlich Er den Vermittler zwischen der griechisch -morgen- 
ländischen und der lateinischen Kirche und den Vertreter grie- 
chisch -alexandrinischer Gelehrsamkeit hei den Lateinern'*); und 
seine Verdienste in diesen Beziehungen sind entschieden und 
gross. Aber als Theolog hesass er zu wenig speculative Fähig- 
keit und nur sophistische Ausrüstung , üherdiess beschränkte ihn 
mönchische Befangenheit ; am allermeisten aber fehlt ihm theolo- 
gische Gesinnung ; und der weltliche in Härte und Selbstsucht 
übergeschlagene Sinn tritt allenthalben bei ihm als Reizbarkeit, 
Wankelmuth und als ungemessener Hochmuth hervor. Die Kirche 
selbst, deren Hierarchie ihm so viel verdankt, hat ihm doch 
mit Recht im Dogma nur geringe Auctorität beigelegt*). An- 
stössig waren seine Streitigkeiten mit Rufin , an den Origeni- 
stischen und an den früher erwähnten mit Feinden des Mönch- 
thums nahm er eifrig Theil, zweideutig an den pelagianischen ; 
fast keinen Theil an denen, von welchen die Kirche damals im 
Grossen bewegt wurde. Mit Augustinus , seinem Freunde und 
Verehrer, gerieth er in Zerwürfnisse über die Anbequemungen 
in der heiligen Schrift, über die alexandrinische üebersetzung 
und über die Apokryphen des A. T. 

3. Aurelius Angustinus,B. von Hippo (gest. 430^)), ist 
nicht nur zufiillig und durch die kirchlichen Umstände, zu dem 
Ruhme und dem Einflüsse gelangt, welche er gehabt hat. Er war 



AEnc. IL 8. B. 7% S. Aasg. von Dom. Vallars.: Veron. 734—42. 
XI. f. (Yen. 766 ss. XI.) 

g-) „Ego Philosophus , Rhetor, Ch'ammaticus , Dialecticus, He- 
braeus, Graecus, Latinus, trilinguis.'' Hier. apol. adv.Riif. Hb. 2. 537. 

h) Auch uamittelbarer Schüler Gregor's von Nazianz um 379 zu 
Constantinopel. Selbständige Werke zur Schriftauslegung: liber he- 
braicc. quaestt. in Genesin — das erste gelehrte exeg. der lat. K., 
wie Hi. selbst rühmt — Comm, in Eccles. — Jesaiam — Jer. — 
Ezeeh. — Dan. — 1% prophh. — Matth. — Philem. — Gal. — Eph. 
— Tit. Von Origenes übersetzt: Homilie'n zu Jas. (zweifelh.), Jer, 
n. Ezech., Hohelied, Lukas. 

i) Eigentlich dogm. Inhalts sind nur die, aber unvollständige, Schrift 
de Spiritu S. und Dialogi conti'a Pelagianos 3. 

k) Aug. Leben durch Possidius — Auctoris incerti vita Aug. ed. 
A. Cr. Cramer. Kiel 832. 8. Erasmus Epistel an Fonseca vor Aug. 
Stolberg KG. 13 — 15. Beilagen, u. A. vornehmlich Bahr a. 0. 233 — 
307. Confcssiones um J. 400 geschr. : neuerlich wiederholt (Berl. 1823 
durch Neander, und L. 837) herausg., übs. von G. Rapp. Stultg. 838. 
Retractatt. %. geschr. 427. Werke : die erste patrist. Arbeit der Be- 
uedictiaer, Par. 679 ss. XI. J. Clericus Nachdruck, Aiitwp. 700 ss. XII. 
Caillan et St. Yves A. A. Opp. supplem. 1. Par. 830. f. Brauclibar : 
Epitome omnium opp. Aug. Col. 549. f. 



156 Allgemeine DogmengcscLiclite. Zweite Periode. 

ein ungewöhnlicher Geist, philosophisch nicht gehildet, doch all- 
seitig angeregt, vornehmlich durch den Piatonismus, welchem 
aristotelische Denkformen zur Seite gingen^), und ein reiches und 
tiefes Gemülh : und es ist keine Frage, dass durch Augustinus in 
die ahendl. Theologie Geis t, Philosophie; und Gemüth ge- 
kommen sei, zu langer und mannichfacher Nachwirkung. In sei- 
ner Polemik (gegen Manichäer, Arianer, Donatisten, Pelagianer) 
hat er sich überall grosse Irrthümer, zum Theil folgenreiche, zu 
Schulden kommen lassen, und leicht wurde er in ihr zu Ueher- 
treibungen fortgerissen : aber man darf es durchaus nicht verken- 
nen, wie es eigentlich doch immer das Interesse der Religion 
gewesen sei, was er im 3inne hatte, und das religiöse Gefühl, 
was in ihm übertrieb"). Ganz natürlich ist von ihm auf gleiche 
Weise die Scholastik und die Mystik ausgegangen. Mit ihm be- 
ginnt die Dogmatik des Abendlandes; und sowohl die freie 
und allgemeine philosophische Erörterung, als auch die Philoso- 
phie der positiven Religionslehre : in der Scbriflauslegung leistete 
er, bei nur nothdürftiger Sprachkenntniss, oft nicht Gewöhnliches 
durch eine tiefere Auffassung "). 

A. Durch Leo, B. von Rom (gest. 461°)), einen Mann von 
starkem Geiste und entschiedenem Charakter, daneben auch den 
ersten Lateiner, welcher sich in den griechischen Formelstreit 
mit Bestimmtheit und kundig einliess, schliesst sich schon Idee 
und Sache der Römischen Bischofsherrschaft ab : als eines Pri- 



T) Aug. doctrina de tempore, ex- l. XL Confess. depromta -^ au-r 
ctore C. Fortlage. Heidelb, 831. 8. Zweifelhaft siad die im IVüttelr 
alter vielgebrauchten Schrr. : prineipia dialecticae et rhetorices 3 und 
Categoriae ex Arist. decerpfae. 

m) Ebendaher auch als Dogmatiker oft nicht im Sinne der Kirche 
— von Noris gegen die Jesuiten vertheidigt. Vgl. auch ß a y 1 e Art. 
Augustinus. 

n) Für Dogmatik (mehr als das Mnehiridion ad Laurentium, defide 
et symbolo, und de cateehiz. rudibus) de Trin. 15, de civitate Dei 
%l. (413 fgg. geschr. : Ausg. v. J. L. Vives 1533 u. oft — Lpz. 835. II. 
8: übs. V. J. P. Silbert. Wien 826. IL 8) und de diversis quaestt. 83. 
(früher geschr. als de div. quaestst. libri 3). 

Schriftauslegung {de doctr. ehr. 4): H. N. Claus en: A. Augtistir 
nus s. s. interpres. Havn. 838. 

6) Pasch. Quesnel. de viia.et rebus gestis S. Leonis M. an Le. 
Opp. Par. 675. II. W. Arendt, Leo d. Grosse und s. Zeit. Mainz 
834. Werke von P. u. Hier. Ballerini. Ven. 755 ss, III. f. (Sermones 
und Briefe. Etwas für sich hat die Annahme, dass das B. de voeatione 
omnium. gentium, fast gewöhn!, dem Ambrosius beigelegt, vermittelnd 
zwischen afric. und gall. Meinung; dem Leo gehöre.) 

J. J. Griesbach, loci theol. collecti ex Leone M. (768)r 
Opuscc. 1. n. 1. 



Die cLristl. DogmengescLlchfe. Erster Theü. 137 

males über die gesammte Kirche, als göttlich bestätigter welllicher 
Herrschaft, und als Herrschaft des Geistlichen über alles Welt- 
liche. An den. Nestorianisch-Eutychianischen Streitigkeiten nahm 
er entscheidenden Theil, ausserdem aufmerksam auf die Häresis 
allenthalben ; jedoch ganz schon im Geiste der Römischen Kir- 
che, eigentlich und vornehmlich immer da, wo sie tiefer in das 
kirchliche Leben eingriff, wie es beim Manichäismus der 
Fall war. 

In grosser MannlcLfaltlgljeit reihen sich an diese leiicli- 
tendercn Gestalten noch Viele an in der lateinischen Kir- 
che dieser Periode, von bedeutenderem Talent und Ver- 
dienst oder von grösseren Erfolgen. Mehr der griechi- 
schen Bildung gehören an Hilarius von Poitierä und 
Rufinus^), der africaniscben Fab.Marius Victorinus 
und Lucifer vonCalarls^). DasSystem der batboliscben 
Orthodoxie der lat. Kirche stellt Vincentius auf^): 
auch die Poesie blühte aus dem Bedürfnisse und der Bil- 
dung der Zeit auf ^), aber wie das ganze kirchliche Schaf- 
fen und Leben dieser Kirche bildiete sie sich eigenthümli- 
cher als unter den Griechen aus. 

1. Hilarius, Gallier und von grosser Weltbildung, bevor 
er zum Christenthum übertrat (Bischof v. Poit., gest. um 368*)), 
ein für die Athanasianische Orthodoxie begeisterter Mann und 
Streiter. In diesem Eifer wurde er freilich oft masslos, unscho- 
nend, sowohl gegen die Häresis als gegen ihre Beschützer, selbst 
wenn es Könige waren ^'), und sowohl sein Eifer, als der redne- 
rische Fluss seines Denkens und Sprechens, endlich seine Vor- 
liebe für die Alexandriner und für Origenes*^), haben ihn selbst 
oft, auch nach dem Urtheile der Kirche, über die orthodoxen 
Lehren hinausgeführt. Man hat ihn bedeutender Irrthümer in der 
Trinitätslehre, in den Lehren von der Verbindung und von der 
Gemeinschaft der menschlichen und göttlichen Natur Christi, von 
der Natur der menschl. Seele und von den letzten Dingen der 
Welt, angekläfft. 



a) Hier. cat. 100. ffist. lit, de la Fr. I. %. 139 ss. 

Werke A. : P. Coustant. Par. 693. f. Maffei Veron. 730. IL f. Das 
erste umfassende theologische Werk von . der Trinität ist das des Hil. 
(12 BB.). Es blieb das Muster in der abendl. K., auch Tdr Augustinus. 

6) Ad Constantium Aug. liber 1 u. 2. — Dann contra Constantiwn Imp. 

c) Auch als Exeget gehört er dieser Schule an {Commentarii in 
P^almos — in Evang. Matthaei): wie es auch Hieron. a.O. behauptet. 



158 Allgemeine Dogmengeschichte. Zweite Periode. 

Rufimis Tyrannius (Turrannius, Toranus), Presb. von Aqui- 
leja (gest. um 410*)), ist bekannt durch seine Verhältnisse mit 
Hieronymus und dessen Anklagen®), durch seine Bemühungen für 
die Uebertragung griechischer Originale^), durch seine Ansich- 
ten und Methoden in Beziehung auf Verfölschung altkirchlicher, 
besonders Origenianischer Schriften s), endlich durch seine Ver- 
dienste um kirchliche Geschichte und das kirchliche Symbol^). 

2. Die Schriften des Victorinus (gest. um 370) und Lu- 
eif er (gest. um gleiche Zeit) gehören zu den dunkelsten und zu 
den im Text verdorbensten Schriften des christlichen Alterthums. 
An dem ersteren haben wir einen Mann von grossem specula- 
tivem Vermögen'). Lucifer, Freund des Athanasius, gab durch 
seine orthodoxe Härte und ünbedingtheit zuerst in der Kirche 
Anlass dazu, auch die üebertreibung in der orthodoxen Hal- 
tung zu verurtheilen. In der starken Sprache für die Selbstän- 
digkeit der Kirche ist Lucifer ein bedeutsames Vorbild für spätere 
Zeiten gewesen ^). 



d) Gcnnad. scrr. eecl. 17. Tho. Cacciari D. devita,ßde ac Eu~ 
tebiana ipsa Rvffim translafione. Am 2. Theile der Ecel. Hist. Rom 
740. IL 4. Jos. Honor. Ma rzuttini: de Turannii R.ßde et religiorve. 
Pat. 835. 8. Kimme 1 Abb., ob. belEusebius. — Werke: unroll. A. v. 
Do. Vallarsi. Ver. 745. f. I. 

Zugl. Fontanini, hist. lit. Aquileiensis. Rom 742. und dagegen 
/. F. B. M. de Rubels, Dissertatt. duae Yen. 754. 4. 

e) Als Orjgenist wurde Rufinus nicht in den Hauptlebren, um welche 
es sich in dieser Klagsacbe handelte , sondern in der Nebenlebre vom 
göttlichen Ebenbilde, angeklagt. Geschichtlich zweifelhaft ist die Be- 
schuldigung des Pelagianismus. 

Schriftwechsel zw. Hieron. und Rufinus: Hier. Brr. 83. 84. anPam- 
machius u. Oceanus — Ruf. apologia — ad Anastasium, {Anast. ep. 
ad Joannem — super nomine Rußni). Dess. invectivariim. in Hier. 
Ubri 2 — Hier, apologetici adv. Ruf. 3. (J. 402.) Jene auch in Hier. 
Werken. 

/) Von Pampbilus (Ap. d. Or.), Eusebius , Basil. , Greg. Naz. , den 
Recognitionen u. A. Vorn, von Origenes (Glaubenslehre, Vieles zum 
A. T., Br. a. d. Römer). 

g) Epilogus in Apologeticum Pamphili s. liber de adulteratione 
lihrr. Origenis — und Vorr. zu itagl o-q^wv. 

k) Expositio symboli ad Laurentium — vgl. Köllner, Sym- 
bolik, S. 8. 

{) Hier. cat. 101. ,,Scripsit — libros more dialectico valde obseu- 
ros, qui nisi ab ernditis non inteWguntur." Werke {de sanetissima 
trinitate adv. Arianos IV. de generatione verbi div. etc.) Bibl. M. 
PP. 4. Gall. 8. Mai. IV. Coli. III. 2. Vgl. Semler, Einl. z. Baumg. 
Pol. II. 314 ff. 

k) Hier. 95. Die Schriften des Lucifer sind älter als sein Schisma 
(zu diesem Hiervn. altercatio Luciferiani et orthodoxi). Ueber Luci- 



Die cliristl. Dogmcngeschichte. Erster Theil. 159 

.3. Die teriihmte Erklärung des Katholischen beim Vin- 
centius von Lirina (Lerinus^)): was immer, überall, von 
Allen anerkannt worden ist; muss als die eigentliche Meinung 
der sich immer mehr äusserlich hinstellenden, Lat. Kirche ange- 
sehen werden. Als solche blieb sie in der Römischen Kirche ste- 
hen und anerkannt: und um ihretwillen die Person des Vincentius. 

Derselben Richtung und kirchlichen Denkart gehörten Sal- 
vianus von Massilia™) und Andere an, welche wir beim Pela- 
gianismus aufzuführen haben werden. 

4. Die Poesie der Lateiner °) hat sich durchaus mehr kirch- 
lich entwickelt als die heilige Dichtkunst der Griechischen Kir- 
che : als Kirchenlied (Ambrosius, Hilarius°)), als Dar- 
stellung der heiligen , der evangelischen und der Urgeschichte, 
für den Kirchengebrauch (C. Vettius Aquilinus Juven- 
cusi'), Coelius Sed ulius'i)) , als erbauliches Lied oder 



fer Hier, a, 0. 95. AA. SS. Mai. V. Ant. fei. M at fh a ei Sardinia Sa- 
cra, Rom 758. f. Werke, Bibl. PP. 1. 4. Call. 6. und Ven. 778. {Ad 
Constantium pro s. Athanasio IL %. — Moriendum pro ßlio D. — 
De regibus apostaticis — de non conveniendo cum haereticis.) 

l) Genn. vir.ilU 64. A. F. Silf verber g. hist. monasterii Leri- 
nensis usque ad a. 731 enarrata. Havn. 834. 8. Hist. lit. de la Francell. 

Vinc. Lerin. commonitorium pro cathol. fidei anfiquitaie et uni- 
versitate adversus prqfanas omnium haerett. novitates 1. et%. (J. 
434.) Oft besonders herausgeg. : G. Calixt. an Augustin, Doctr. ehr. 
629 und 655. 4. Vorn. Engelb. Klüpfel. Vindob.809. 8. Zweifelhaft ist 
es, und aus der Schrift geht nichts darüber hervor , ob Vinc. den be- 
stimmteren Semipelagg. angehört habe, und ob er der Vf. der Capitula 
obiectionum Vincentianarum (vgl. unten) sei. 

ot) Gennad. 67. Seine Schriften zur sittlichen Zeitgeschichte bedeu- 
tend : adversus avaiHtiam , praesertim Clericorum et sacerdoium 4. 
{J. A. Ernesti, de avaritia ecclesiastica et Salv. adv. avar. libello. 
Opuscc. th. 13) — de gubernatione Bei 8. (Heyne : censura ingenii et 
doctr. S. M. librique de gub. D. Opuscc. FI. 7.) 

n) Collectio poett. vet. eccl. ed. G. Fabricio. Basil. 564. f. A. Mai. 
Class. AA. e Fat. Cdd. F. 1833. Bahr ob. (S. 92) erw. B. 

Reiche Ausgaben der Werke von Javencu , Prudentius und Sedulius 
durch Faustinus Arevalus (.Juv. Rom. 792. 4. Prud. 788 s. II. S e d. 794). 

o) Von Hilar. (nach Hieron. Verf. eines Buchs der Hymnen) sind keine 
ächten Lieder vorhanden. 

p) Hier. cat. 84. und Chron. ad 329. Juv. historiä evangelica 4 BB. 
(Ausgg. von E. Reusch. Frkf. u. L. 710. 8. Prolegg. und das 1. Bach 
von A. R. Gebser. Jen. 827). Unter Constantin geschr. nach 4, 809. 
Und liber in Genesin (Durand. Coli. Vett. SS. IX. u. Gall. IV). Aach 
von Hilarius v. Arles 5. Jahrh. ist ein Gedicht- über die Genesis vor- 
handen. {Metrum in Gen.) 

q) 5. Jahrh. Mirabilia divina s. carmen paschale — evang. Gesch., 
vorn. Leidensgesch. — CollaiioF. et N. Tesfamenti. 



140 Allgemeine Dogmcngicseliielite. Zweite Perlode. 

als Hymnus, auch als christliches Lehrgedicht (Aurelius 
Pfudentius')). Und deragemäss ist auch Charakter und Ton 
derselben mehr christlich, kirchlich, nicht in der Masse frei, ja 
ethnisirend, wie es den griechischen Dichtern freigelassen wurde 
(oh. 37)*). Die Lei Weitem Meisten und Bedeutendsten dieser 
Dichter stammten aus Gallien und Hispanien. 

§♦ 43* 

In dem Geiste nun, wie er in dieser Periode gestrebt 
und gewaltet hat, sind auch die Streitigkeiten dersel- 
ben angeregt und geführt worden: sowie sie wiederum 
zur Ausbildung jenes Geistes wesentlich beigetragen ha- 
ben. Die griechisch -morgenländiscbe Kirche , in ihrer 
speculativ- dogmatischen Eigenschaft, entwickelte in die- 
sen Kämpfen ihr Grund - und Hauptdogma, die Lehre von 
der Person Christi, und in bestimmter fortschreitender 
Folge ^) : die lateinische ^-»Tirde mehr nur äusserlieh in 
diese Angelegenheit hineingezogen, und ihr vorherrschen- 
des Interesse richtete sich praktischen, anthropologischen 
Fragen zu^). 

1. Erst kam die genauere Bestimmung des Göttlichen in Chri- 
stus, sammt den verw.indten Fragen, zur Sprache (Arianischer 
Streit), dann die Menschheit Christi (Apollina rismus), 
dann das Verhältniss von Christus zur göttlichen Trias (Streit über 
die Natur des h. Geistes): endlich die Verbindung des Gött- 
lichen und Menschlichen (Nestorianisch - Entychiani- 
sche Streitigkeit). 

2. Auch die christologische Controvers wurde hei den Latei- 
nern immer mehr in sittlich -anthropologischer Beziehung aufge- 
fasst, anderntheils die Pelagianische hei den Griechen und Mor- 
genländern immer mehr in Beziehung auf die Christologie. 

■ §♦ 44» 

Der Arianische Streit drang ganz natürlich in der dog- 
matischen Arbeit der Zeit heraus ^), indem die dem Sabel- 
lianismus abgeneigte Meinung zur genaueren Bestimmung 

r) 4. Jahrh., 2, Hälfte. Lehrgedichte: Apotheosis, Hamartigenia, Psy- 
chomachia, % BB. gegen Symmachus (Sieg des Christenthums). B. 
Middeldorpf. de Prudenlio et tkeologia Prudentiana. (Vrat. 821. 
27.) Illgen, Zeitschr. II. 2. 1832. C. A. Björn, hymni vett. poett. 
ehr. eeel. lat. selecti. Havn. 818. 8. 

s) Mehr findet dieses fremde Element in den Gedichten von Pauli- 
nus B. v.jSola (gest. 431) statt. (Ausg. von L. A. Muratori Ver. 736. f. 
u. A. Dazu yl. Mai: episcc. Nicetae et Paulini scripta ex Fat. Cdd. 
ed. Ro. 827. f.) 



Die clirlstl. Dogmengescliiclitc. Erster Theil. 141 

jenes persön 11 eben Wesens fortsclirltt, in welcliem 
nian das Göttliche in Christus auffassen gelernt hatte. Die 
Differenz ging von Alexandria aus ^) : es war die zwi- 
schen der antik - heidnischen Ansicht und der 
AI e X an drin i seh -jüdischen Logoslehre'). Der 
Arianische Streit macht demnach auch eine Epoche in der 
weiteren Zurückdrängung des Heidenthums. 

1.") Ganz falsch ist es, die Ar. Streitigkeit als ein zufälliges 
oder rein persönliches "") Ereigniss aufzufassen. Sie lag nothwen- 
dig in der dogmatischen Eutwickelung, der Fortbewegung des 
Gedankens der Kirche. 

2. Aehnliche Verschiedenheiten in der Auffassung des zwei- 
ten Princips (dsVTeQog •d'soe) lassen sich auch bei den nichl- 
cbristlichen Platonikern bemerken*^). Und hierauf ist denn auch 
wohl die Theilnahme von Heiden zu beziehen, von welcher sich 
in der frühesten Geschichte des Arianismus Spuren finden'^). In 
jenen Philosophemen suchten sich einmal jetzt die religiösen Vor- 
stellungen, die heidnischen, jüdischen, philosophisch - christli- 
chen, mit einander auszugleichen. 

3. Die erstere war die klare, sinnlich lebendige Vorstellung 
von einer Untergottheit, einem erschaffnen göttlichen, jedoch Gott 
uiigleichen Wesen, durch welches die Weltschöpfung und Erhal- 
tung, und insbesondere das Bestehn der Geisterwelt vermittelt 
worden sei und vermittelt werde. Diese Vorstellung verkündete der 
hellenisch gesinnte ^) Arius Presb. zu Alexandria seit 321 ^) : und 

a) L. Maimbourg, vornehmlich J. A. Möhler, Ath. d. Gr. — 
last, de l'Arianisme. — Par. 673. IL 4. (J. A. Stark) Vers. e. Gesch. 
des Arianismus. Berl. 783. 85. II. L. Lange, d. Arianismus in s. 
urspr. Bedeutung u. Richtung. Illgen Zcitschr. IV. 2. V, I. 

b) Die friedliche Partei (sogl. im Fg.)_, auch Euseb. Vit.. Const. 2, 
6J. Ge. Laod., Soz. 4, 14, legte der Controvers einen solchen, nur 
persönlichen, Ursprung bei. 

c) Dieses eine andere Fraction des Piatonismus neben der ob. (S. 
68) bemerkten. Zwischen Philo und Plotin (vgl. Steinhart, Abh. 
ob. 108) und Numenius (Eus. P. E. 1, 18: drei ungleiche Gottheiten) 
findet ein analoges Verhältniss, wie zwischen diesen christlichen Par- 
teien, Statt. 

d) Die arian. Controvers wurde auch zu einem Gegenstande für die 
heidn. Schaubühne (Eus. a. 0. undSocr. 1, 7): dieses nun wohl, indem 
man sie als sinnlose Metaphysik ansähe. Aber aus jenem tieferen Grunde 
nahmen wohl die heidnischen Philosophen auf dem PJicänischen Concil 
daran Theil. Gelas. Cyz. zu erw. Sehr. 2, 12- 

e) Als solcher gilt Arius durchaus in der a, Kirche (daher der Name, 
Porphyrianer, Socr. 1, 9): aber auch dem Arianismus blieb, vorn, 
durch das 4. Jahrb., dieser Charakter und dieser Ruf. 

/) G. M. Travasa, storia critica della vita dt Arrio. Ven. 746. 



142 Allgemeine Dogmcngeschiclite. Zweite Periode. 

man hat also nicht nöthig, diese Lehren aus der Succession einer 
gewissen Schule oder einzelnen Richtungen und Formeln einer 
solchen herzuleiten s_). 

Die zweite ist die, bei Origenes oben (S. 89) bemerkte. ,,Der 
Logos ewig bei Gott, und doch nur Eine Gottheit" : wovon die 
Denkbarkeit durch die Lehre vom inneren und äusseren Logos 
vermittelt wurde : und (wie oben bemerkt) in der unbestimmten 
Rede der Schule, im emanatistischen Formelwesen, und wie sich 
in den Begriff der göttlichen Kraft immer etwas Selbständiges 
legte, bliei es unwahrgenommen, dass jene entweder den Sabel- 
lianismus oder den Subordinatianismus in sich barg. Alexander, 
B. von Alexandria, hatte wahrscheinlich diese Vorstellungsweise^); 
doch in seinen eigenen Erklärungen bleibt er nur bei dem Gegen- 
satze gegen Arius^) und (was Athanasius bestimmter entwickelte) 
bei der Glauben sforderung ^) stehen. 

§♦ 45* 

Nachdem Arius nun jene antike Vorstellung mit gröss- 
ter Bestimmtheit aufgesteJlt hatte ^), und indem diealexan- 
drinische Vorstellung sich in der dogmatischen Entwicke- 

8. j4. J. Wetz er, restitutio verae chronologiae rerum, ex con- 
troversüs Arianis — exortarum. Frcf. 827. 

g:) Weniger auf die antiochenische Schule als auf Locian's persönli- 
che Meinungen, deutet der Vorwurf des Aovv.iavl'CsLv von Arius hin : 
Arius selbst an Eusebius, den 2i'XXovxi.avioTrj9 , meinte wohl nur die 
theologische Schule im Allgemeinen. Aristoteliker, wie er oft (bes. 
Epiphan. 69, 69 : vkoi'AQiaTOTtkLv.QL — vgl. A. Faydit: alteration du 
dogme theologique par la phil. d' Aristote. 1696. 355 ss.) genannt 
wurde, war Arius am allerwenigsten. 

Ä) Auch Alex.: ovy. äloyo? y.al aaocpos o d-ao?. Em anatistische For- 
meln legt Arius dem Alexander bei, Br. an Euseb. v. Nikomedia, 
Epiph. 69, 6. Theodoret. H. E. 1, 4: Xsyavrvjv rov vidv ot (lav sqv- 
Y^v (Alex, gebrauchte das t^ijQsv^aro Xoyov aus Ps. 45, 1), otSs tcqo- 
ßoXriv — und so wird dieser von Arius, Br. an Alex. {Ath. de synod. 
16.) u. Euseb. verdeckt neben Sabellius, Valenlinus, Manes und Hiera- 
kas aufgeführt. 

i) Formeln des Alexander > /isra^v TraTQos xal viov ovSsv SidazTjfia 
— taxt 5raT;/e ael ^apovzos rov viov — ov xpovtKwe ovSs ix SiaoT^/na- 
To5, ov§£ i^ ovx ovTwv ysvf^oas rov vtov. — Der Eineeborne, ysvvv- 
oTffS SK rov ovTos irarQo? , ov xara raS tüjv aiofjiaroiv ofioiorrjTas, 
ratS rofialST] rats tx Siaigiaeojv d7roQQOLai?,dk}^ d^^^Tcus xai dvexSiTj- 
yyrtui — Aal 6 vto? ix rov itargös — dvagyos yivv?]ats. 

k) Alex. Br. an Bisch. Alex. Theod. 1, 3 : iraaris xaraXTjxpsoje intg- 
ixaiva — ov tfvatx^ i) xardXrjxfji? u. s. w. die nargixr] ■daoyovia, — 
Auch die Prädicate, welche er dem Logos gab (Arius Br. a. Eus.) : 
datyavvije, dy^vt'Tjroysvjje (nicht dyavrjz. zu verbessern), sollten wohl 
den Widerspruch vor dem Verstände ausdrücken, welcher eben das 
Glaubensgeheimniss ausmacht. 



Die christl. Dogmengpeschichte. Erster Thell. 145 

lang der Zeit nicht mehr zu halten Termochte ; stellten 
sich dem Arianismus drei Denkarten entgcjyen , eine 
neutrale '^), eine vermittelnde und die des Atha- 
nasius, welche zu Nicäa den Sieg: erhielt. 

1. Arius Formeln '') kommen zumTheile schon früher vor, bald 
als verworfene (wie das i;y 6V ova TjV bei Origenes'')), bald als 
angenommene, gebrauchte'(wie das ^aög und 6 ■ö'eo'^*')). ?iVor 
Anbeginn der Welt , aber nicht in der Zeit (r,v, nicht '^v "^Qo- 
voSi nQo aiwvmv)^ ist der Gottessohn vom ewigen Vater frei 
(d'eX'jjjuaTi aai ßovXfi) erschaffen worden (tcvtaSsig oder ysi/- 
V'i]'9'eie^))i doch in einem gleich erhabenen Schöpfungsacte, wie 
der der Weltschöpfung gewesen ist (e^ ova oV-rwr*")): und 
durch ihn die Welt. Er ist zwar von göttlicher Natur {ciTQSTiTog, 
avaXXoKorog^)) : aber er ist nicht selbst der Logos und die 
Weisheit; sondern sie sind ihm mitgetheilt worden^) und nur 
das Werkzeug Gottes von Anbeginn ^) ist er. In das Menschenleben 
ist er so herjibgekommen, dass er eine menschliche Hülle nahm : 
da er denn, als Geist eines 3Ienschen, sich menschlich bilden 
und zunehmen musste *) , um so zum Lohne vergöttlicht zu wer- 

a) Arius Briefe : an Eus., an Alexander. Bruchstücke der QdXsta, 
zu Nikomedien geschrieben nach Aasbruch des Streits (entweder 
^vfiTToaiov, oder vom dichterischen Schmuck: Blülhen), vgl. Socr. 1, 
9. Soz. 1, 21 : bei Äthan. deci\ Sy. Nie, de sy. Ar. et Sei., Or. 1. 
c. Ar., de sent. Dion. 

Glaubensbekenntniss vom J. 336 bei s. Zurückberufung, Soor. 1, 26. 
Soz. 2j 17 — Tov TTQu nävTiuv Tojv aicüvcov yaytWTjfi. S'sov Xoyov. 
Arian, Frgmm. vom Ende 4. Jahrb., Mai. N. Coli. T. 3. P. 2. 

&) Orig. Frgm, b. Ath. de decr. Nie. 27: o/noioxtjs Tv/xävuiv rov 
iiaTfJos, ovx eaziv ot s ovx t/v. Vgl. Socr. 7, 6: 'i2(Jty, avva't- 
Slov Tiavvnyov ofioXoyst ria itargl tov vi'ov. So auch Dionysius von 
Rom b. Ath. de decr. Nie. 26 : tl yiyovtv 6 vios, ^f ora ovx 7]v, 

c) Die öffentl. Meinung der morgenid. Lehrer neigte sich dem Arius 
von Anfang zu. Soz. 1, 15. Tbeod. 1, 4. Sie stand ihm in Gedan- 
ken und Formeln näher. 

d) An Eus. : yswii&n thtol XTiafHj h ogta'd'n V ■d'siieXua&ri. 

e) An Üus.: t^ ovxovzcuv xairon ovoe fitQos {rtov ovas s§ viroxst— 
fiivov Tivos. So nTLOfia TiXetov, an Alexander, und ovx ^^ ^'^ ''^^^ 
y.Ttofiarwv. Aber (Thalia) immer ovk tSia? ZTJg rov TcaTQoe ovaias. 

f) "Atq. u. d.va.)X. Br. an Alex. In der Thalia wiederum, ohne Zwei- 
fel von ihm als Geist des Menschen, Jesus, rpATTTOS yiVf* — jedoch 
durch seinen Willen (avTt^oiaiw) bleibend gut. Ath. 1. c. Ar. 5. 

g") Thalia: (itTtxwv xti? ^ty iSias aotpcas — ovofiaTt fiovov Itys- 
rat yioyos •/.. 2o(pla., k. xi^in "ky. vtos sf. Svrafitg. 

h) Obgleich dieses auch kirchliche Lehre war, wird es doch dem 
Arius von Alh. , Or. 1, 17, vorgerückt, dass nach ihm die Welt 
Gott fremd sei (iTTsisayöfisvos l'^wdsv «al ^ivos avrö}). Hierüber 
hält MÖhler, a. 0. 195 ff. Dagegen Lange a. 0. 109. 

i) Gegen diese Arian. Vorstellung sind die (unrichtig überschriebe- 



144 ÄUgemcine Dogmengescliiclite. Zweite Periodfe. 

den^)." Dieser zweite Theil seiner Lehre, nach welchem der 
Gottessohn einer irdischen Vervollkommnung unterworfen ge- 
dacht wurde, könnte unwesentlich scheinen, und nur wie ein 
zweiter Zug von Verkleinerung, Herabsetzung des Logos, neTjen 
der des Erschaifenseins. Aber der Grund für die Ansicht lag dem 
Arius darin, dass er der Christologie eine menschlich- sittliche 
AVcndung zu gehen suchte^J : Christus, das Vorbild für das Men- 
schenlehen, in Streben, in Verdienst, in Herrlichkeit. Consequent 
war sie ohne Zweifel nicht, bei der Annahme des göttlich Unver- 
änderlichen des Sohnes. 

2. Die neutrale Partei war die ohen (zu 33) bezeichnete, 
welche Gegenstand und Art des Streites für unnöthig, unhi- 
h 1 i s c h ■") achtete. Aber diese verzog sich allmälig immer mehr 
in dem eutschiedneren dogmatischen Interesse der Zeit. 

Die vermittelnde Denlivreise war natüriicherwelse 
immer dem Arlanismus verwandter, als seinem Gegen- 
satze. Sie ging, wie jener, von der Idee eines erschaffe- 
nen, untergeordneten Wesens aus : aber sie suchte dieses 
so hoch, überweltlich als möglich zu stellen^ und durch 
mannichfache Formeln^) den unterschied zwischen ihm 
und der Gottheit zu verringern und den Begriff des Ge- 
schaffenen zu überdechen. Dieses war die Lehrart der 
Semiarianer: aber dieser Name erhielt im Laufe der 
Controvers noch verschiedene andere Bedeutungen^). 

1 . In allen diesen Formeln wurde entweder etwas ündenkha- 
res ausgedrückt, oder der Begriff des Geschöpfes nur scheinbar 



nen) 2 BB. Jthanasius c. u4poUinarem — 3, 4 : dvrl rov saco&sv iv 
'^fitv av&QOjnov , Toinlart rrjg yjvyr/S, rov ).oyov iv ry aagy^i Kiytt 
yayovivat, Epiph. 69 , 19. Socr. 1, 13 (Chr. Say.rixos dgerijs xal 
xantag). 

k) Thalia : ovy. d).T]{)-Lvds ■d'io?, dlXd /isroxfi — i&aoTtoi'^'&ij- Doch 
dieses wie die Stellen vom INichtkennen des Vaters, bezieht, sich 
wohl auf den Logos vor der Menschwerdung. 

Aus göttlicher Voraussicht besteht diese Verherrlichung von Ewig- 
keit: TCQoyLV'uay.ojv h'aea&air y.a?^6v avzov, itQoXaßuiv xavrrjv ti]v 86- 
^av tSuixav, rjv av&QOjnos y.al tx rrj? dgarijs aa%e fitzd Tavra. 

l) Daher bezieht Ar. auch das Schöpfungswerk des Sohnes vor^ 
nehmlich auf die Menschen — Thalia, Ath. or. 1. c. Ar. 5: ^eP^yaus 
Tjfiäs Si]fx.iovQyt]aai, zors St] ntnoh/y.av sva rcvd — ^ 'Iva r/ftus St 
avTOv SvjfiiovQyTjoi]' 

m) üübiblisch, sowohl die Formeln als der Streit (nach dem hier 
vielgebrauchten Jes. 53, 8: tjJj' yavsdv avzov zli Sitjy^aezai;). 



Die christl. DogmengescIilcLte. Erster Theil. 145 

beseitigt. Es waren die zwei vornehmlich (die zweite gab dann 
der ganzen Denkart den Namen): aus Gottes Wesen er- 
schaffen (Euseb. von Cäsl und Cyrill")), und, als ein Gott 
Aehnlicher erschaffen (Eusebius von Nikomedien'')). Dieses 
Ofioioe hätte aber wieder eine Zweideutigkeit in sich, insofern 
das Aehnliche entweder dem Ungleichen entgegengesetzt werden 
kann (wirklich ähnlich), oder dem Gleichen (nur ähnlich): 
und demgemäss stellte sich denn der Semiarianismus bald mehr 
den Arianern, bald mehr den Orthodoxen entgegen. Im ersteren 
Sinne gaben auch Athanasius, Basilius u. A. den Gebrauch des 
Ojaoiog zu, und so konnten sie über die Partei milder urthei- 
len*^). Kirchliche Bedeutung erhielt der Semiarianismus durch 



fl) Beide gehören jedoch ihrem Bekenntnisse nach mehr zu der 
im Vorigen erwähnten , neutralen , biblischen Partei. Eus. Brief an 
s. Gemeine, Theodoret. H. E. 1, 11 (Socr. 1, 8): St dyQdq>ovs'q:(ü- 
i'ds axsSov 7j Ttdaa syeyovsi avy/vats y.al axazaavaoia tj/S ii(x?i.i]aia?» 
— Cyr. cat. 16, 24: fiy iioXvTCQay fj.6vti, — o ov ysy^aiczat, firj toXui]— 
aofiEv • aiivä^Kte Tjfilv siSavai ttqos oojxTjQiav, ort iazl ir. xal vi- x. 

Eusebius von Cäs. Christologie vgl. S. 131. — H. E.l, 2: o z^e 
/^sydXijs ßov?.7Js dyys?.og(3es. 9, 6) — vTiovgyös, Sevrsgog alrtos — 10, -4: 
Tov Ka&oXov &SOV na7i yvr/oio? xal avzö^'hos (hier nar in der Bed., 
wirklich Gott qyvasi &s6i). D. E. 4, 3 : der Vater x«^' iavzov riXetoe 
y.al TTQojzos, xal rrjg zov vi'dii avazaatüj? aizios- Aber ebds. ix ztjs 
zot itaz.Qoeovaiag TrQoßsßP.Tjfiivos. Vgl. c. Marc. 1, 1. Origenia- 
nisch im angf. Schreiben : Trglv ivsQysta ysvvTj&TJvai, Svvafisi rjv tv tw 
Tiazgl dysvvijtojs (nicht nöthig die Verbesserung dsiyevv., vielmehr: 
noch nicht gezeugt). Eus. über Arius : Frgm. c. Br. a. Alex., Acta 
conc. Nie. u. Mansi 13. 316. 

C y r i 1 1 (Sozom. 4, 35) 4, 7 — ix ^w^e ^wtjv ysvvjj-d-ivrai, ix qxo- 
z6? <pojS ysvv., zov ofioiov xazd itdvxa (hier und öfters b. Cyr. ist auch 
Ofioovatov oft beigesetzt worden} rw yavvijüavzL — iigo Travrojv zojv 
atojvojv a'iSiws xal dxazaXTjnzoje ix zov itazgoe ytysvvijfiivov-^ 
Auch Cyrill wendet sich bisweilen zu der allen Deutung durch die 
Logoslehre zurück — 11, 7 : ij aoipia ■d'eov x. i^ Svvafii? x. ■^ Sixaioa. rj 
ivvjtoazazos — 18 and. : ov ■jrQocpoQivioi. —^Zweifelhaft ist es, ob 5, 
19, wo wie von zwei Extremen gesprochen wird: dieEinen lehrten vto- 
nazogia, die Anderen il ovx ovzmv Tvagsvsx'&ivza — unter Jenen die 
Athanasianer zu verstehen seien. 

6) Euseb. Nie. ep. ad Paulinum Tyr., Theod. H. E. i, oi ovzs 
Svo dyivvTjza ovzs sv ils Svo 8ii]gjjfiivov — dXXd av fitv zd dyiv— 
VTjZoVy av Sa zd viz avzov — ysyovos oXoo'^SQÜjg ezsgov z^ (pvaet xal 
TTj Svvdfisi, TtQOS zaXsiav d fioiöztjza Sia&iasojg zs xal SwdfitOiS 
zov ■jTsnoiijitoTog yavö/iavov ov zt)v dgyTjv — . dxazd?.7]nzov irsTCi- 
azaixafiav- Cf. Socr. 1, 6. ^ 

c)Eusebianische {zöjv itagl Evaaßiov) 4 Symbole von Anti- 
ochia J. 341 b. Äthan, de syn. Arim. et ÄeZ. (allgemein gehalten: 
im 2. TT] fiev vnoazdaei rgia, rf/ Sa avfiqxuvia av — und nicht das 

Dogmengeschichte. *" 



146 Allgemeine DogmengescMchte. Zweite Perlode. 

Georg von Laodicea und Basilius von Ankyra (Concil. zu 
Ank.358). 

2. Die Semiarianer^) werden zuerst Lei Epii)hanius (73) un- 
ter diesem Namen aufgeführt : 'Sf.iiäQSioi. Aber ausser jenen 
Denkarten erhielten den Namen dann wenigstens noch dreier- 
lei Männer und Parteien: diejenigen , welche nur die Formel 
6 fJt/OOVG LOQ verwarfen — welche neue Symbole aufstellten nach 
der Nicänischen Formel — welche dem heiligen Geiste die Gott- 
heit absprachen^). Aber freilich waren vornehmlich diese letzten 
immer auch in einer jener Hauptbedeutungen Semiarianer. 

§♦49* 

Die Atlianasianlschc Vorstellung endlich^), wel- 
clie sich unweise die zweideutige Formel, Homousios, 
zum Zeichen genommen hatte ^)^ bestand eigentlich darin, 
dass sie die Idee des Glaubensgeheimnisses für die 
Entscheidung dieser und aller anderen dogmatischen Fragen 
aufstellte (51. 57). In ihr stellte sich also der Sieg der voll- 
endet-kirchlichen Denkart über die Gegensätze und die 
Fragen der Vernunft und Philosophie dar ^). Demnach 
wurden die, vor dem Verstände sich widersprechenden, 



Arianische r^v ot ovx tjv, sondern i}v XQovoe ^' xatgde i} amv, ver- 
werfend. Dieses auch im 4.) und die längere Formel {fiaKQoaxixos) 
von Antiochia J. 345 b. dems. Ath. (Hier das Arianische ßovl^asi, 
7] •d'sXijasi ysvv. herausgestellt.) Symbole von Philippopolis (ge- 
gen Sardica) 347 b. Hilar. de synod., v. Sirmium die dritte und 
vierte 858. 359.^ v. Ariminum u. v. Seleucia 359. (Rievoftoios 
gegen ofioiola., dvofi'^ 

Synodalschr. v. Ankyra (unter Basilius), Epiph. 73, 2 — 11. ge- 
gen die Vorstellungen von xzigttjs und urlafia, wie von rauTOTjys, 
aufgestellt otioiov xal '/.ax ovaiav (nicht blos xar iviQystav, Job. 5, 
19) yevaatovQyia- 

d) {Pru.d. Mar an.) Diss. sur les Semiariens 1722. Auch in 
Vogt bibl. haer. II. 1, 115 ss. 

Tbeodoret H. F. 4. nennt die von den Eunomianern durch eine 
„Mittellehre" Geschiedenen, Arianer. Er erwähnt viele Fractionen 
{rfiTifiaxa) der Ariaaer und giebt für einige die Namen an^ welche 
sich sonst nirgends finden. CPsathyrianer , Curlianer, Kvqxtavol^ 
AovXiiavoi). 

e) Die letzten, Macedonianer allein, helssen Semiariani b. Phi- 
lastr. 67 (de P. et F. bene sentiunt), auch zieht Augustin. de haer. 
52, diesen Gebracch des Namens vor. Aach das Cpolit. Concil ge- 
braucht den Semiar. Namen gleich mit dem der Pneumatomachen. 
Epiphanias dagegen handelt getrennt von Semiar. und Pneamatoma- 
chen 73. 74. 



Die christl. Dogmengeschichte. Erster Theil. 147 

Begriffe : Einheit des göttliclien Wesens, und ewig göttli- 
cLe Person neben dem Vater, schlechthin neben einander 
gestellt ; jedoch zu Nicäa vorerst nnr der Gegensatz ge- 
gen die Arianische Unterordnung deö Sohnes ausgespro- 
chen*). ' 

1. Nicht nur dem Sinne nach (dieser lag, wie eben gesagt 
wurde, längst schon in der gesammten Denkart der Kirche), son- 
dern selbst entwickelt und entschieden , war dasselbe System, 
welchem Athanasius jetzt seineu Namen gab, vor ihm bereits 
hin und Avieder ausgesprochen worden ; vornehmlich haben wir 
wohl Dionysius von Rom als Vorgänger in der Nicänischen 
Lehrart anzusehen"). 

2. Das Wort, Homousios, welches man der Subordinations- 
lehre entgegensetzte''), sprach nichts Bestimmtes aus (es konnte 
bedeuten: dem Wesen nach gleich, der Substanz, der Zahl und 
Person nach "), oder der Existenz und Wirksamkeit nach'')), und 
konnte bald zu viel , bald zu wenig sagen. Zu viel , wenn man 
es von der Identität von Vater und Sohn verstand. So soll es von 



a) Dionysius von Rom b. Äthan, de decr. Nie. 26 — -^voi- 
O'dac aväyy.Ti tm ■d'sm tojv oXojv zov &ttov Xoyov, iftaiXoywQsXp 8e 
T<? •O'etu H. ivStatraG'&att Sit to äy. ■n:vtvfj,ai Tjbt] xal xrjV S'slav tqi- 
äSa als sva — avyx£q)alatova&al ts «. avväysa&ai iraaa dvayxT], 
Im Glauben, sagt er, vereinige sich die göttl. Trias und die Pre- 
digt von der göttl. Monarchie. {De sentr Dion. 17: dSiaigsTos [lo-^ 
vag, dfcslüJTos rgtds). Doch sucht Dionysius (dort und Ath. de sent. 
Di.) "das Geheimniss zu verständlicheu durch das Bild vom Liebte 
aus Licht und durch die Vorstellungen von den ewigen Kräften, Von 
der ewigen Vaterschaft Gottes, und durch jene alte Zweideutigkeit 
vom Logos. — Auch das Wort 6 ftoovatoe hat er gebraucht (Ath. 
s. Dion. 18), ob es. gleich nicht schriftniässig sei. 

ö) Schon Alexander hatte das Wort gebraucht: es war vornehm- 
lich dem Platonismüs sehr geläufig. 

Schriftsteller über 6ju.oova., Walch G. d. Ketz. IIL 622 ff- — 
Joach: Just. Rau, hist. vocis eccl. oftoova., an Dess. de philos. La- 
ctantii. (Jen. 733. 8.) 

c) Tavrörr]? auch bei Athanasius (wie de synod. 53) abwechselnd 
mit Ojuoova. und dem ö'yuotos entgegengesetzt. Gonstantin, dessen Phi- 
losopheme nach Eusebius (Br. a, seine Gem.) das Wort vornehml. 
durchgesetzt haben sollen, verstand es nur. ex t^s ovo lag rov ic., 
doch ohne "Ttd&og, BiaiQeais, ditozoixT]. (Wahrscheinlich verstand er 
es: unmittelbar vom Wesen.} 

d) Euseb. v. Cäs. findet in s. Briefe im oftopz'iatos nur, /uöria tw 
^atQl TW yeysvvijxoTi xard ndvra xQonov ofioiog, daneben jenes fti] 
sJvat 6§ etigag tivos vTcoan ts x. ovaiag. '■ — • Der gewöhnliche Vor- 
wurf der Gegenparteien war, dass 6/ioova. eine materielle Bedeu- 
tung hätte. Soor. 1,8 — h'ipaaav ofioovaiop slvat, o ax rtvög aariv 
i] xazd utQiafiov ^ xard itQoßoXrjv. 

10* 



148 Allgemeine Dogmengescbichte. Zweite Periode. 

Paulus Samosatenus genommen worden sein , indem er vielleicht 
die, von den Antiocheniscten Vätern (J. 269) gegen ihn in einem 
anderen Sinne gehrauchte, Formel ergriff und gegen sie wendete. 
Athanasius verstand sie allerdings auf ähnliche Weise wie dieser, 
aher so , dass er den persönlichen Unterschied mit dazu dachte : 
was nun freilich nicht in der Formel lag. 

3. Der oft hemerkte®), schon von den Vätern hezeichnete, 
Zusammenhang des Athauasianismus mit demMönchthum hat 
ohne Zweifel eben so sehr seinen Grund in der kirchlich - myste- 
riengläuhigen Denkart der Asketen gehabt , als in der Anhäng- 
lichkeit derselben an Athanasius Person und an das , was sich zu 
Alexandria entschied. 

4. Das Nicänische Concilium*) wollte denn zuerst ein 
ökumenisches mit ökumenischer Auctorität sein: und es verän- 
derte sich in ihm der Sinn und Geist christlicher Kirchenversamm- 
lungen wie sie bisher bestanden hatten. Denn theils lag schon in 
der Vorstellung von der oiKOV/uivt], von dem Reiche des Impe- 
rator, etwas Aeusserliches, Politisches, Römisches : theils machte 
sich allerdings in ihnen das Princip geltend , dass die Zahl, die 
Masse , nicht Geist und üeberzeugung , in der Kirche herrschen 
solle. Die Beschlüsse und das Symbol von Nicäa^) übergehen 
den Hauptpunct der geheimnissvollen Lehre , wie das zwiefach 
Persönliche doch Eines sei : und die Formeln von Person und Na- 
tur oder Wesen gebrauchen sie ungenau : und Athanasius scheint, 
seiner gesammten Ansicht und seinem späteren Benehmen nach''), 
eine genauere Terminologie hierin gar nicht gewünscht zu haben. 
Jene Bestimmungen gehen nur die gleiche Göttlichkeit des Soh- 
nes an*) (sic Tov naTQog, tüvtegtiv £J« t^s ovaiag tov na- 
TQog , also wahrhaft , nicht Gottessohn im weiteren , uneigentl. 
Sinne : Ssog iz 'd-eov, yswrj-d-scQ ov noiQjd-eig, 6/Lioovaiog) : 



e) Vgl. Gieseler KG. 1. 385. 3. A. 

J') Gelas. Cyzic. (5. Jahrh.) Gesch. des Nie. Conc. {aivray/ia toiv 
Karo. Tijv iv Nixaia dylav avvoSov TTQay&ivTtuv) 3 BB. {JL vorh.), 
Mansi %. 759 ss. Th. Ittig, bist. Conc. Nie. L. 1\%. 4. 

g) In Euseb. angef. Brief; Äthan, de decr. S. Nie. Vgl.. Mün- 
scher, Unters, über den Sinn derNicän. Glaubensformel, Henke N. 
Mgz. VI. 2. 

h) Äthan, ep. synod. Alex, ad Antioch, vom J. 363. Mansi 3. 
347 SS. , ^ ^ 

i) Daneben ausfuhrlich die Irrlehre verurtheilt: rovs Ss kiyovzas 
ort 7}v TTOZE ort ovx rjVi xal itglv Ytvvtj&tjvat ov» j]v, xal ort i^. ovx 
OVTOJV iyivSTO , ij i^ irigas vTcoaTdasios ij ovaias ^äaxovraS 
stvaii TQinrov ^ dXXoiojzov tov viov tov &eov, dva^e/iari^et u. s. w. 



Die christl. Dogmengeschichte. Erster Theil. 149 

auch durch die Formel q)(ag iz (pmTos^) sollte das selbständige 
und doch ungetheilte Bestehn des Sohnes ausgedrückt werden. 

üebrigens giebt der Arianische Streit allerdings eine Epoche 
ah in der Geschichte des Verhältnisses zwischen Kirche und Staat: 
und es zeigen sich auf beiden Seiten in gleicher Weise neben und 
unter einander, richtige Grundsätze, Anmassungen, gegenseitige 
Beruhigung^). 

§♦48, 

Eben durch diese Unyollständigkeit der kirchlichen Be- 
stimmungen^ dann aber auch im fortgesetzten Widerspru- 
che gegen dieselben, setzte sich der Parteistreit durch das 
ganze vierte Jahrhundert fort, und alle Parteien stellten 
sich in Synoden und Symbolen gegen einander und gegen 
die Orthodoxie auf i). Der Arianismus trieb sich gegen die 
Zwischenparteien auf die Spitze in den Anomoeern^), 
die Macedonianer führten den Semiarianismus von Ei- 
ner Seite aus 3), Marcellus suchte die altalexandri- 
nische Logoslehre wieder, doch mit Eigenthümlichkeit, 
geltend zu machen*), und Photinus, die Marcelli- 
sche Vorstellung als SabeUianismus auffassend, gerieth 
in die Samosatenische Misdeutung von diesem hinein, 
welche bei ihm zwar eine würdigere Haltung, freilich 
aber auch mehr Schärfe und Bestimmtheit, erhielt^). 

1. Mehr aus äusserlichen und persönlichen Verhältnissen gin- 
gen die Meletianisehe^) undLuciferianische Partei her- 
vor, gleicherweise jedoch aus der Arianischen Streitigkeit ent- 
standen. In der Menge von Symbolen '') zeigt sich zugleich das 

k) Die Formel hatte zugleich platonischen Anklang und deutete 
auf die Schriftsprache hin. Weniger aus Jak. 1, 17 (vgl. Gehser u. 
Theile das.) als aus dem alexandrinischen aitavyaafia Hehr. 1 , 3. 
Dion. V. Rom, Ath. sent. Dion. 15: ovtos dsl xov gxoToe, StjXov 
ojS h'aviv atl t6 uTcavyacfia' 

t) Die letzten, entscheidenden Kaisergesetze gegen den Arianis- 
mus: Theodosius der Gr. J. 380. 81. Valentinian II. 388. Theod. 
II. 428. Casp. Riffel: geschieht!. Darst. des Verhältn. zwischen 
Kirche und Staat. 1. Mainz 1836. 286 ff. 

a) Melelianische Spaltung zu Antiochia (Meletius gest. 381. Greg. 
Nyss. , Chrysost. Reden üher ihn : seine Rede über den Sohn Gottes 
Epiph. 73, 29 — 34). Socr. 2, 44. Soz. 4, 26. Sie trat als Streit 
über die Formeln: rgtls vnoaraaatt und fiia vTröavaaie hervor, von 
denen jene an Meletius, früher Homöusiasten, verdächtig wurde. 
Concil zu Alexandria/ 362. 

5) Äthan, de synod. Arim. et Sei. (jrcel twv yayoiJtivüiv iv lAgt- 
(tlvoi rije 'IraXia? xal iv ^sXsvxsia t^s 'laavQias avvöSoiv). Hilar. 
Piciav. de synodis contra Arianos. 



150 AUgemeine Dogmengeschichte. Zweite Periode. 

Unbefriedigende der Nieänischen Bestimmungen, und ein Rest 
der kirchlichen Freiheit, welcher sich dem Oekumenischen entge- 
genstellte. Die lateinische Kirche erscheint, und wohl nicht blos 
durch den Willen ihrer Beherrscher , auch nicht blos durch den 
Zusammenhang mit Alexandria (welcher, äusserlich und innerlich, 
immer mehr hervortrat*^)), sondern ihrer Denkart gemäss, als vor- 
herrschend Nicänisch gesinnt. 

2. Die Lehre, dass der Sohn dem Vater durchaus ungleich 
(dvofioioQ Kaid ndwa) sei, Lehre der strengen Arianer, 
drückt schon in jener Formel die Entschiedenheit und Schroffheit 
aus, mit welcher sie sich aufstellte : wenn auch dasselbe schon im 
Sinne des Arius, und im Gegensatze von Schöpfer und Geschöpf, 
gelegen hatte. Die Namen, An omoe er selbst, dann Heterusia- 
sten , ja '^gsiOfiavHai , bezeugen das kirchliche ürtheil über 
sie : ^JE^ovKOVTiot hiessen sie von ihrer verhasstesten Formel*), 
Aelius®) (ä&eoQ genannt, der Erste in der Kirche, Sozom. 4, 
29) und Eunomins, B. von Cyzicum% wurden an die Spitze 
gestellt, jener SjTer, dieser Kappadocier, (schon das Vater- 
land gereichte ihm in der öffentlichen Meinung zur Beschim- 
pfiing). Der Zweite führte seine Lehre in Schriften aus. Die 
vornehmsten Lehrer der Kirche jener Zeit traten gegen sie auf : 
Basilius , Gregor von Nyssa und noch Chrysostomus. Der Euno- 
miianismus galt als entschiedene Sophistik, damals Aristotelis- 
mus genannt^). Er richtete sich gegen die Nieänischen Bestim- 
mungen, und, indem er den kirchlichen Standpunct des Geheim- 
nisses verliess, wurde es ihm freilich sehr leicht, das Ungedenk- 



c) Vgl. S, 1%%., Auch in der Kritik N. T. tritt dieser Zusammen- 
hang hervor. 

d) Alle diese Namen schon bei Äthan, de synodis. 

e) Aetins (Philostorg. 3 , 15 — VJ) — avvTayudnov naQl aysv- 
vtjTov ■d'sov X. ytvvTjTOv h. Epiph. 76, 16. Frgm. a.ns s. xsqjaXaiois. 
Georg. Laodic. Br. gegen Aetius Soz, 3, 15. 4, 13. 

/) Eunomins (Philost. 6, 1 — 4), andere Sehr. Socr. 4, 7. Phil. 
138 dnoloyTjTixös — vntQ dnoloyias d7io?,oyid gegen Basilias — tx- 
&sais jrtaTtwj 383. Das zweite u. dritte auch bei Rettberg an : Mar- 
celliana : das erste bei Fabric. B. Gr. VIII, Chrysost. 6 Homilie'n 
über die ünbegreiflichkeit Gottes. C R. W. Klose, Gesch. und 
Lehre des Eunomins. Kiel 833. 8* B. Mayer, Bemerkk. über die 
Anomöer. An: Chrysost. auserw. Homilie'n. Nürnb. 830. 143 ff. Ba- 
silius, avnxQETTTty.oe tov dnoXoyijTixov tov Svaasßovs Evvo/iiov. 5 
(3) Bb., Greg. ÜNyss. xard Evvofiiov Xöyoi. 

S) Socr. %, 35. Soz. 3, 15. Philost. 3, 15. Sie führen diesen 
Aristotelismns bald auf Ar. überhaupt, bald auf die Kategorie'n, bald 
auf die Xoytxd desselben zurück. Philost. erzählt von einer gn o- 
s t i s ch e n Secte in Cilicien, mit welcher Aetins früher verkehrt habe. 



Die christl. Dograengeschichte. Erster TJieil. 151 

bai'e der Kirchenlehre zu erweisen , welche einen Sohn , einen 
Erzeugten^), und doch gleich Ewigen mit dem Vater annahm. 
Aber eben im Widerspruche gegen die kirchliche Idee des Ge- 
heimnisses sprach er dann den schroff speculativen Satz aus, 
dass das Göttliche durchaus erkennbar sei , was selbst von der 
freieren kirchlichen Philosophie verworfen wurde. Neben diesem 
steht anscheinend ungleich die Behauptung der üntüchtigkeit von 
Verstand und Sprache, und derNothwendigkeit der Offenbarung. 
Aber er meinte eine ursprüngliche an das Menschengeschlecht^). 
3. lu Macedonius, unter vielfachem Wechsel des Ge- 
schickes Palr. von Cohstautinopel seit der Mitte des 4. Jahrb., trat 
der Semiarianismus in der Beziehung auf den göttlichen Geist her- 
vor, um diesen der Vorstellung dieser Partei vom Sohne angemes- 
sen, also Untergeordnetwiederunter den Sohn, darzustellen''). Es 
war ein zweiter Mangel der Nicänischen Bestimmungen gewesen, 
dieses Dogma ganz übergangen zu haben ^), da doch die Lehre 
vom Sohne nur aus der von der Trias herausgerissen worden war, 
und die Vorstellungen von jenem mit denen von der Trias we- 
sentlich zusammenhingen *"). Der Name, Pneumatomachen(T'po- 
^moi mehr nach der Sabellianischen Seite hin'^)), war schon 
von Athanasius gegen die Arianer gebraucht worden. Das Con- 
cilium von Constantinopel, 381, zweites ökumenisches, vollendete 
das Dogma von der Trinität durch die Bestimmungen über den 



K) Der Begriff der Creatur, welcher bei Arius vorherrschte, trat 
immer mehr zurück gegen den des Erzeugten. — Aetius awr. IJt: ya>~ 
vtjTTjv <pvatv SV ay£V}'?jTw ovalq, ovk ivSsx^rai ftvaC to ya^ avTo sl— 
vai ri iari ttal fi^ slvai. Eanom. Apol. 11 ^ av dyivvTjtoe ov% vcos, 
av TS vios, ov)t aysvvnro?, '^TTCoxazayuivos 6 vi. t'jÜ ixargi — - ts— 
AeioTaros vnovgyos tm itargi. — der Ueist wieder vnrjgtrTjs tOv vtov, 

E a z i n s B. von Ant. (Synode das. 361) — : ovx art iTrixgviTTov- 
TSS d?,kd ava(pav§6v Xäyovzes, ort nard Trdvra dvö /uotoe 6 vi. 
TW TT. , ov fiovov xara ttji' ovalav dXXd §r/ xal xard ßovXijatv , i ^ 
ovx ovTüJv Ss — ytriad-ai. Asterius (Hier. cat. 94) Sophist. 
Frgmm. s. avvrayua bei Ath. u. Eus. 

i) Die Eunom. Gedanken sind von Gr. Nyss. 12. Rede aufgeführt 
worden. Er bezog diese Off. auf die Namen der Dinge. 

k) Sozom. 4, 27 (h. Geist Biäa^ x. vnrjgäTTji).^ Theodoret. H. E. 
2, 6 {xTiarov). Beide: hfcotov rov vi. r^» tt. xatd ndpra. — G. H. 
Goetze: de Macedonianis. Yogt a. B. I. 165 ff. 

l) Nie. Symbol nur : xrt\ als to Tcvavfta äyiov. 

m) Von Athanasius richtig aufgefasst, epp. 4 ad Serapionem. 
Schwankender Basilius und Gregor v. Naz. 

n) Verschiedene Parteien der Macedonianer : Sozom. 4, 2T (Ma- 
rathonianer vorn. vgl. Socr. 2, 45). August, haer. 52 (von Macedo- 
nianern iibhpt., nach Einigen lehrten sie, sp. non habere propriam sub- 
stantiam, sed esse deitatem P. et F.). Rufin. H. E. 1, 25. (Mac. 



152 Allgememe Dogmengeschichte. Zweite Terlode. 

heiligen Geist"). Das Symbol von dort machte ausserdem einige 
Zusätze zum Artikel von Christus (gegen Älarcell und Photinus^)) 
und fügte noch einige Sätze aus der allgemeinen Glaubensregel hin- 
zu (von Kirche, Sündenvergebung, Auferstehung), damit man nicht 
nöthig hätte, neben der Nicänischen Formel, welche nun für immer 
gelten sollte , noch eine andere zu gebrauchen. Aber schon die 
Art wie vom h. Geiste gesprochen wurde (vornehmlich mit Prä- 
dicaten^), welche in den Schriften N. T. auf den h. Geist in 
uns gegangen waren , und ohne Gottesnamen von ihm zu ge- 
brauchen) , machte , dass dieses Dogma in der Kirche nicht als 
abgeschlossen angesehen wurde ') : und ein grosser Theil der 
kirchlichen Philosophie warf sich durch lange Zeiten in dasselbe 
hinein — bedeutend genug, gerade in die geistigste Idee des 
Urcbristenthums. 

4. Der sinnreiche Marcell, B. von Ankyra (gest. um 374), 
Freund und Genosse des Athanasius im Widerspruche gegen 
Arius und dessen strenge Schule ^) , theilte doch nicht die Ent- 



lehrte, sp. S. vim conditam esse, guae per divisionem essentiae re- 
bus creatis adsif). 

6) J. C. Suicer, Synibolum NicaenO'Const. expos. et ex an- 
tiq. eccl. illustratum. Trai. a. Rh. 718. 4. . 

Die Schriften von Basilius v. h. Geiste, und Greg. Nyss. Bnch ' 
von der Trias und gegen die Pneumatomachen, sind wahrsheinlich ge- 
gen die Mac. gerichtet. 

p) Gegen Marcell: Trpo nävrojv töjv aiwvwv, gegen Photin: ov 
rf/S ßaaiXelag ovx l'arat rikoe (Luk. 1, 32. vgl- Cyr. Hier. cat. 15, 
27). Auch einige historische Zusätze: von der Geburt aus der Jung- 
frau und vom Leiden unter Pilatus. Weggelassen wurden im Art. 
vom Sohne theils minder bestimmte Formeln, theils die Gegensätze 
gegen die Arianer. 

g) Prädicate: hvqiov (3 Kor. 3, 17), ^ojottoiov (ebds. 3, 6), i« 
TOv TtazQO? ixTTOQSvöfisvov (Jo. 15, 26). Dazu das sehr Allgemeine: 
TO avv TW JtaTQl x. T. VI, avfiTTfioSKvvovfisvov y.. GvvSo^a^ö fisrov, und 
das Dunkle : tJ XaXijaav Std t(ov irgocffTjTOJV, wohl gegen den Monta- 
nismus gerichtet. Wiederum auch jezt Nichts von der göttl. Trias, 
und keine Bestimmung über Wesen, Substanz, Person. 

r) Der Streit dauert auch äusserlich fort. Rom. Conc. unter 
Damasus 382. Friedensgespräch zu Cpel 383. Socr. 5, 10. Soz. 7, 12. 

s) Hieron. cat. 86. Mo n tfa ucon: diatr. de causa Marcelli 
{Coli. N.) II. 51 SS. und bei Vogt bibl. haeres. 1. 297 ss. C. R. 
W. Klose, Gesch. und Lehre des Marcellus und Photinus. Hamburg 
837. 8. 

Marcellus gegen Asterius : rcsgl vnoxayrji (1 Kor. 15, 24). 
Fragmm. bei Eusebius v. Cäs. («ar« Magv-Alov 2 BB. , und tt. t. 
ix-ATjaiaariKr/g dso?.oyias 3 BB.) und Epiphanius (72): gesammelt in 
C. H. G. Rettberg Marcelliana. Gott. 794. 8. Marc, an Julius von 
Rom b. Epiph. — Von Acacius gregen Marc, Frgm. b. Epiphan. 76, 



Die clirisü. Dogmengeschlchte. Erster Theil. 153 

Scheidungen seines Freundes» Er kehrte vielmehr zurück zu der 
philosophischen Verhüllung des Dogma in der Lehre vom Logos, 
Dieser sei von Ewigkeit in Gott, und, nachdem er fortwährend 
aus ihm als göttl. Kraft gewirkt habe , sei er als bleibende Ema- 
nation mit dem Menschen Jesus verbunden worden'). In dieser 
Verbindung, aber doch wesentlich einig mit Gott, bleibe er, und 
Gottes Sohn genannt"), bis die gesammte Menschheit durch ihn 
■ verklärt worden sei. Dann, d. h. am Ende der Dinge, höre das 
Reich des Sohnes auf und die Objectivirung des Vaters im Soh- 
ne^), üeber den heil. Geist mag sichM. unbestimmt ausgedrückt 
haben '^). Vom Origenismus unterschied er sich^) darin, dass er 
das eigentlich persönliche Dasein des Logos bestimmt und mit 
der Menschwerdung begonnen dachte und dass er es nicht für 
ewig hielt. Vom Sabellianismus : indem er den Logos in der 
Menschwerdung ganz persönlich werden liess. (Hier wohl dem 
Beryllus näher.) Aber er dachte auch wohl die Kräfte in Gott 
realer, selbständiger als die Kräfte des Menschen. — Die Semi- 
ariauer widersprachen -dem Marceil am. lebhaftesten : Eusebius 
von Cäsarea in Schriften, die Semiarianischen Concilien zu Con- 
stantinopel (336) und zu Antiochia mehrmals (zuletzt 345) durch 
Verurtheilungen. Hiergegen wurde Marcell freigesprochen durch 
Julius von Rom (341) , in Schutz genommen zu Sardica (347) 
von der orthodoxen Partei^), welche ihn übrigens sonst nicht 
durchaus mit Schonung und Achtung behandelte^). 



6. Ausser Euseb. und Acacius schrieben gegen Marc. : Asterins, 
Apoll., Basil. V. Ankyra. — Die Ankyraner an Athanasius : Eugenii 
diac. legatio ad Ath. bei Montfaucon a. 0. und Rettberg. 

t) Vor der Menschwerdung wird der Logos von Marc, auch Tiviv- 
(la genannt (hierzu auch Thren. 4, 20 gehraucht). Das Hervortre- 
ten aus Gott heisst bei ihm Sgaari^rj ivdgysia, auch TT^^arva/iö? (entg. 
avaroX^). Aber gegen den Ausdruck TcgoßoXv spricht M. , Eus. c. 
M. 1 , 4. Nach Euseb. • verglich es Marc, mit dem Schweigen and 
Sprechen des Logos im Menschen. 

«) Tf] aapxl avvojv — ovai'a tm -d'eiu ovvtjtito — Sid rijv ttoos 
'9'foV xoivojvtav vio? S-sov iysvtro. Die Schriftslellen von Sohnschaft 
und Zeugung (vornehral. Prov. 8, %% ff. Ps. 110, 3) deutete M. auf 
die Menschwerdung. 

v) MfTO. TO zilos XTj? y.Qia&o)S avß'is we Xoyoe ivov/ievos tw ■dew. 
Fr. 34 Rettb. • ' ' 

w) Der heil. Geist 'jraQsxxuat,? t^c ixrdasojg Theodoret H. F. 2, 10. 

x) Gegen Origenes überhaupt, als gegen einen unbedingten Pla- 
toniker, Marc. Fr. 78 Rettb. 

y) Julius an die morgld; Bischöfe, Äthan., Apoll, c. Ar. 21 ff. 
Sardica: Ep. Synodi Sard. b. Äthan. Apol. c. Ar. 44 — 50. vgl 
Theodoret. H. E. 2, 8- Socr. 1, 36. Soz. % 33. 

«) Athanasius hat, nach Epiph. Erzählaug 72, 4, Nichts über 



1S4 Allgemeine Dogmcngcschiehte. Zweite Periode. 

5. Die Lehre des Photinus, B. von Sirmium in Illyrien 
Cgest. um376inGalatieD), des Schülers vonMarcelP*), eines gei- 
stig ausgezeichneten Mannes , war ein grosser Rücktritt in der 
dogmatischen Auffassung, ein Rücktritt zum Artemonismus und 
Samosatenianismus ; doch erhöh sich Photinus ül)er die judaisi- 
rende Christologie Pauls. Der Marcellische Logos wurde (als 
dvvTcaQKroQ Xoyog), als die göttliche Ausrüstung des Menschen 
Jesus angesehen''''), das Göttliche weniger selbständig genom- 
men , das Menschliche mehr hervorgehoben : durch den Logos 
sei derselbe {ifjiXos ävd'Qomoo) wieder Gott geworden ?''). Er 
Hess diesen Logos in der Person Jesu als Wunderkraft, und in sei- 
ner Sache als weltbesiegende Kraft bestehen, bis dass das Reich 
Christi in das des Vaters übergehen -würde — wo dann also nur 
Gott und Menschheit sein würde. Jetzt noch weniger als im 3. Jahr- 
hundert konnte diese Lehre irgend bestehen ; sie widersprach dem 
ganzen Geiste der Zeit ; sie wurde mehrmals zu Antiochia (345) 
und zu Sirmium (351. 57) von den Eusebianern und Anomoeern, 
und von den Athanasianern zu Mailand (347) verworfen '^^). 



Marc, entscheiden wollen — fiovov — vTrdcpijvE , fioyßTjQia? fi^ fia~ 
KQav avTov sTvat' xal ojs aTcoXoyijGafiEvov slxi- Anders Hilar. Frr. 
2, 21. 23. Sulp. Sev. 2, 36: Alh. habe die Gemeinschaft mit M. 
aufgegeben. Rettberg (a. 0. VII) hält die sogen. 5. Rede Ath. gegen 
die Ar., wenn sie acht, gegen Marc, gerichtet. Basilius oft gegen 
ihn, ep. 69, 203 (an Athanas., an die Abendländer). 

aa) Daher Marc, und 7ho\\n l^4yi'.vpoya?MTat, Antioch. Formel von 
345. Diodor von Tarsus schrieb zugleich gegen Sab., Samos., Marc, 
und Photin. Theod. Hv F. 2, 11. 'Die3Iagxs?JuavoL Conc. Const. 381 
can. 1. sind ebenfalls die Photinianer. 

Epiph. 1 _, 71 haer. cat. 107. Th. Ittig. hist. Photini. An : de 
haeresiarchis 426 ss. Photinus hat unter Anderen gegen die Ketze- 
reien geschrieben: Socr. 2, 31. Soz. 4, 6, diesen zufolge erst nach 
seiner Absetzung. 

bb) Ganz Sabellianisch (Theod.-H. F. 2, 11): (J-lav IvtQysiav sl- 
vat Tov n. V. nv. J'^erbum exteiitum atque collectum (IxTaacg, av- 
arohf} sabell.). Mar. Mercato.r. diss. de 12 anath. Nest., Opp. 
II. 128. ^oyoiraTWQ Photin bei Nestorius, in Mercator's Stelle. Doch 
hat Photin vom Logos in Christus den in Gott {droWaro? bei Epiph.), 
einen selbständigeren, unterschieden. Daher in einer streitigen Stelle 
b. Marc. : Phot. — verbum quidem Bei in substantia negat, sed 
esse id Bei filium non vult , wo im 1. Satze gewiss non hinzuzufü- 
gen ist. 

cc) Homuncionitae b. Augustin und Marius Mercator. Frgmt. ei- 
nes Br. Julian's an Photin hei Fac. Herrn, pro def. tr. cap. 4, 2: 
{verosimilis videris {si/.oroji Soxst?) — benefaciens nequaquam in 
utero indueere qicem credidisii Deum). Doch stellte Phot. und Mar- 
cell den altkirchlicheu Sprachgebrauch wieder her: Gottessohn, 
der göttlich ausgerüstete Mensch Jesus. 

dd) Photin ist nach der Sardic. KVs. , welche Marcell freisprach. 



Die christl. Dogmengeschichte. Erster Theil. 455 

An den Pholinianismus kann sich die, in der Nachbarschaft 
entstandene, Lehre des Bonosus von Sardica angeknüpft ha- 
ben (Bonosiakcr^®)), in welcher, ohne Zweifel gegen den Vor- 
wurf der Menschenvergötterung , die Vorstellung zuerst ausge- 
sprochen wurde : dass die Sohnschaft Gottes im Menschen Jesns 
auf Adoption beruhe. Hier aber ohne noch eine andere, wirk- 
liche Sohnschaft Christi daneben anzunehmen"). 

Als sich die kirchliche Erwägung der Chrlstologie 
ganz natürlich nun auf die menschliche Natur Christi 
richtete , lag es für die Philosophie jener Zeit sehr nahe, 
um die Verbindung von jener mit der göttlichen Person 
zu hegreifen , sie als unvollständig , uneigentlich (wenn 
auch keineswegs dohetistisch) aufzufassen : als eine Hülle, 
welche sich der Gottessohn, für sein irdisches Leben oder 
auch für sein Wirken im Erlösungswerhe , angenommen 
hätte. Dieses kam als Lehre Apollinaris des Jünge- 
ren vonLaodicea in Streit^); und wie leicht die Zeit 
auf sie verfallen konnte, zeigt die Verbreitung derselben, 
in welcher sie sich dann in verschiedene Secten getheilt 
haben soll^). Auch der Name des Apollinarismus wurde 
zu einem stehenden, freilich mannichfach gemisbrauch- 
ten, in der Kirche '). 

1. Die alte Vorstellung von der irdischen Erscheinung himm- 



freier herausgegangen. (Socf. 2, 39 : gpavspätregov i^s&QvX?.st). Die 
Verurtheilungen des Photinus und die Zahl der Synoden gegen ihn 
sind zweifelhaft. Mansi 3. 185 ff. Kaisergesetze gegen sie (378. 
381) bis 418. Nach Theodoret a. 0. gab es seiner Zeit keine mehr 
von diesen Parteien; aber im Abendlande dauern die Spuren fort im 
5. und 6. Jahrh. (Arelat. IL um 453 : ■ VViedertaufe der Photinianer). 

ee) C. G. Fr. fFaleh. de Bonoso kaeretico. Gott. 754. G. d. 
Ketz. III. 598 AT. Im vierten Jahrh. (393) wird Bonosus nur wegen 
seiner Ableugnung der beständigen, Jungfrauschaft Mariens erwähnt. 
(Mansi III. 675); seit dem 5. Jahrh. dann {Isidor. Hisp. scrr. eeel. 
30. Origg: 8,5) und b. Gregor d. Gr., endlich in den adoptian. 
Streitigkeiten werden die Bonosiaker den Photinianern gleichgestellt. 
Audentius (4. Jahrh.) gegen die Photinianer wird von Gennad. vir. 
ill. 14 erwähnt, indem er dem Photiniani beisetzt: qui nunc Bono- 
siani — 

Auch Photinus soll nach Hilar., Vigil., Jo. Cassian von Adoption 
des Gottessohnes gesprochen haben. Und auch ihm schreibt Mar. 
Merc. zu, dass er die natürliche Erzeugung Jesu gelehrt habe. 

ff) Diese Verschiedenheit stellten die Adoptianer des 8. Jahrh. 
zb ihren Gunsten heraus. 



Id6 AHgemeine Dogmengeschlchte. Zweite Periode. 

lischer und göttlicher Wesen, welche sich auch Arius angeeignet 
hatte (45), doch ebenfalls ohne Doketismus : die von einer unwirk- 
lichen Erscheinung, blosen Umhüllung, erhielt durch Ap ollin a- 
ris d. J. von Laodicea (gest. um 382^)), einen Athanasianisch 
gesinnten, bedeutenden Mamm , 1) im Unterschiede von Arius 
iheils die Beziehung auf eine wahrhaft und vollkommen göttliche 
Natur , uiid ein anderes Interesse als in dem dieser sie gefasst 
hatte, theils die Beschränkung auf die vernünftige Seele''): 
2) eine platonisirende Ausführung ; durch welche sie denn auch 
bestimmter, begriffsmässiger wurde. Denn philosophisch 
wollte Apollinaris die Lehre auffassen , wie es schon im Plane 
seiner Hauptschrift lag: dnoSsi^iS n. Sslag Gagaiäaemg^). — 
,,Zwei vollständige Naturen , Individuen (TeXsia) können sich 
nicht zu Einem Leben, Einem Bewusstsein verbinden''); der 
Logos trat an die Stelle des höheren Menschengeistes in Jesu, 
des ISlovs 5 um den Menschen Jesus zu einem ungemeinen , gei- 
stigen, göttlichen zu machen {^vgiaT/iOQ avd-Qianos, nvsvfjia- 
<viii6s, €| ovQavov 1 Kor. 15, 47)"^). Das aaQl syiveTO (So. 
1 , 14) galt natürlich als eine Hauptstelle für den Apolliuaris- 
mus^. 



fl) Vgl. oben 39. — /. Basnage hist. Jpoilinans. F'ogt bibl. 
haer. 1 , 5 ss. 607 ss. Ans der Ausgabe von Chrysostom. ep. ad 
Caesarium. Trai. 687. 8. Greg. Nyss. antirrheticus {Galland. VI.) 
Gr. Naz. or. 46. 51. 52. (Auch als epp. ad Nectarium und ad Cle- 
donium.) Basil. ep. IV. 129. 263. 265. Theodoret. Eranistes. Chry- 
sost. erw. Br. : Literatur über ihn b. Walch. Danz bibl. patr. 295 s. 
Leontius Byzant. in eos qui proferunt noMs quaedam Apollinariiy 
Jalso inseripta nomine SS. Patrum, Lat. Canis. — Basn. Thes. 1. 
600 SS. (Gall. XII.) Socr. 2, -46 allein nennt Beide Apoll., Vater 
und Sohn, als Häretiker. 

6) Unglaubhaft Socr. 2, 46 : Ap. habe erst auch die yjvxv in Chri- 
stus geleugnet, dann, sich verbessernd, den vovs» Mit Arianismus 
wird der Apoll, bei Späteren zusammengestellt, Aug. haer. ,55. 

Nemes. de nat. hom. 1 : Ap. sei den Platonikern gefolgt {roivTOV 



c) Auch Ttepl aapy.ojasws KovISlov 



c) Auch nsQl aaQXü'jaiwi loyiSiov genannt. Ausserdem : von der 
Auferstehung, vom Glauben u. s. w. 

d) Orthodoxen Tetraditen, Apoll, b. Greg. Nyss.: Christus 
nicht av&i'OJTioe d'eocpoQos, sondern &s6s aagxo(p6goe bei Gr. Naz. 

e) Nach Greg. Nyss. u. Theod. hat schon Apoll, gesagt : Christus 
ovjr ofioovaioi tm av&^ojnut y.ara, ro xvpiojraTOV. 

Bei Greg. Nyss. u. Theodoret. (beide angef.' Stt.) werden dem Ap, 
noch andere Irrthümer beigelegt, die er in einzelnen Schriflen_ ge- 
äussert habe. Vornehmlich von Abstufungen in der Trinität {ßa-&fiol 
d^iojfiaTojv) : ein fisya, fisttov, fisytarov* Er konnte diese letzte For- 
mel wohl auch nicht im Arianischen Sinne gebrauchen. 

/) Das Hauptaugenmerk der Kirche war immer: was Christus 



Die christl. Dogpmengescliickte. Erster Theil. 157 

2. In der Apoll. Vorstellung lagen die Gründe von einer man- 
nichfachen Auffassung S). Die apollinarislische Secte derPoIe- 
mf an e r wird als eine dokelistisch gesinnte aufgeführt, welche die 
leibliche Natur Christi als vom Himmel stammend (die adgt 6/uo- 
ovaiog tÖ) Xoyw) gedacht habe. Consequent war dieselbe ohne 
Zweifel, da ja durch die Annahme einer menschlichen ipvyij im- 
mer ein irdisches Princip neben dem göttlichen angenommen zu 
werden schien, und Apollinaris selbst wenigstens eine übermensch- 
liche Verehrung forderte für das Menschliche an Christus^). 

3. Der Apollinarismus (auch Lehre der Synusiasten ge- 
nannt und der Dimoeriten: unter jenem Namen bei Diodor 
von Tarsus, unter diesem bei Epiphanius^)) wurde in seiner 
Entstehungsperiode mehr ausser Beziehung auf die Person seines 
iJrhebers gefasst und bestritten''). Streitigkeiten erregte zuerst 
Vitalis, Ap. Freund, zu Antiochia 375^). Dann aber (vom Con- 
cil zu Constantinopel an 381) wurde, es ein allgemeiner Name, 
Bezeichnung einer Denkart. Seit dem 5. Jährh. wurde der Apol- 
linarismus mit dem Eutychianisraus und Monophysitismus ver- 
mischt: wiewohl ja Apoll, vom Anfange herein keine vollstän- 
dige Menschheit Jesu angenommen hatte"*). 



nicht angenommea babe, habe er nicht erlöst. So wie Athaaasias ge- 
gen Arius gesagt hatte, wäre Chr. nicht Gott gewesen, so hätte er 
uns nicht mit Gojt vereint. 

g) Doch mag bei Ap. (vgl. das Vorige) eine gewisse Unbestimmt- 
heit in Sprache und Fragen hinzugekommen sein. Theodoret. H. F. 
4, 9 {StdcfOQa svgövrsg iv toIs ixeivov avyydfifiaat Soyfiara, ot 
fiav TovTot?, ot ds fxtlvots ^Qia^Tjaav). H. E. 5, 3. 

k) 'S ad^^ rov xvpiov TiQomcvvttrai; ka&o sv iari ngoswirov xal 
6v Kfuov fisx' avTov. Apoll, b. Greg. Nyss. -44. Daher aaQuoXdTQTjs 
Apoll, bei Greg. Naz. 

i) Diod. Tars. jr^os roiis am'ovaiaards (Bei EbedJesn : gegen 
Apollinaris) Frgmm. — Derselbe Name bei Chrys. a. 0. — Epiph. 
haer. 77. bes. gegen Vitalis (Soz. 6, 25). 

k) Äthan, ep. ad Epictetum, Cor. ep., nach Epiph. 77, % gegen 
den Apollinarismus — eigentlich gegen die beiden Vorspiele des Ne- 
storianismus u. Eat. : Logos ohne wirkliche Theilnahme an der Mensch- 
heit — der Mensch vergöttlicht. Auf dem Concil. zu Alexandria 362 
{Äthan, ep. synod.): ov awfia äipvj^ov ov§' dvaiaf^Tjxov ovS" dvotj— 
rov — wurde auch von Apollinaris angenommen [Opp. ep. ad epp. 
Dioeaesarea congrcgatos b. Leont. 608 ff.), indem er dvorjxos den 
vorhergehenden Worten gleich deutete. 

l) Römische Synoden unter Damasus gegen Ap. , 377. f., Mansi 
3. 455 ff. (Soz. 6, 25. Theod. H. E. 5, 9. Ruf. 2, 20). 

m) Hat Apoll, auch in den Formeln dieser Lehren gesprochen — 
so waren diese ja kirchliche, besonders alexandrinische, Archaismen. 
Frgm. It. aagxcia. h. Eulogins , Phot. 230 : w naivi} utiaie nal fciiis 



158 Allgemeine Dogmengeschlclite. Zweite Perlode. 

Von dieser Controvers nun war , nachdem in ihr der 
Begriff von zwei Tollliommenen Naturen in der Person 
Christi kirchlich entschieden worden war, der üchcrgang 
natürlich und leicht zu der. Streitigkeit zwischen Nesto- 
rius und den Alexandrinern *v) : dieser Controvers, in 
welcher sich das kirchliche Dogma nun äusserlich ganz 
abschloss , indem freilich zugleich der Keim unendlichen 
Zwiespaltes in die Kirche gelegt wurde. Wie der Streit 
von und mit Nestorlus geführt wurde 5 so beruhte er in 
keiner w^esentlichen Verschiedenheit der Mei- 
nung: sondern in Ungenauigkeit der Aeusserungen, in 
Unbestimmtheit der philosophischen Sprache , in IJnvoll- 
ständigkeit der Erwägung, und in einer ganz natürlichen 
Zweiseitigkeit der Ansicht^). 

1. Auch diese Controvers ist oft als eine leere*), oder nnr 
aus priesterlichem und welllicbem Ehrgeiz hervorgegangene, Sa- 
che augesehen worden. Freilich wurde sie in ihrem Fortgange zu 
einer nur äusserlichen Geschichte, und menschliche Fehler misch- 
ten sich von vorn herein in sie , sowie sich späterhin alles Ver- 
derben der Kirche in ihr festgesetzt hat : allein im Allgemeinen 
trat diese Streitigkeit jetzt nothwendig und natürlich ein. Denn 
der dogmatische Geist musste sich nunmehr auf die Fragen über 
das Verhältniss jener beiden Naturen richten, welche die Kir- 
chenlehre in den letzten Controversen anerkannt hatte : und es 
musste auch dieser Theil der Ghristologie wenigstens bis zur Idee 
des Geheimnisses so durchgesprochen werden, wie es mit der Ge- 
meinschaft der göttlichen Drei in der Einheit des göttlichen We- 
sens geschehen war''). 

d'ta-Ksaia! S'sos xal adg^ [liav aTcsraX^aav (fvaiv. Und, wie er an- 
derwärts gegen jede fieTaßoXj], jedes TQaitrjvai,, sprach (Theod.), fest- 
haltend am -jtQoiXaßtiv ■) meinte er offenbar nnr theils die Einheit 
des Princips in Wesen und Lehen Jesu, theils jene Gemeinschaft 
der Verehrung. August, haer. 55 umgekehrt von den Apoll. : verli 
aliquid conversum in camem. 

Gegen Möhler a. O. IL 262 ff. (Parallele zwischen Apolllnaris- 
mus und Lutheranismus). Baur 1. Beil. zu: Gegensatz des Ka- 
tholic. u. Prot. ?. A. 632 ff. 

ö) Als haltloser Streit schon hei Sokr. 7, 32 — : djiiiaQ iv w- 
XTOfj-ayJa y.a&aarojzss vvv ftav ravra k'Xsyov, vvv srsQa' avyxarsTi- 
'd'evTÖ TS iv TavTio xal ^qvovvto. 

b) Leporius, des gall. Mönchs {Gennad. serr. ecel. 59. Hist. 
lit. de la Fr. II. 165 ss.) Meinungen: perfectum cum Deo natum 
kominem — quod Chr. ad Bei honorem pervenerit, humani meriti, 
non divinae fuisse naturaß — gehören weniger hieher, weil sie auf 



Die christU DogmengeschicLte. Erster Theil. Iö9 

Jene Fragen mussten sein : 1) ob die Verbindung der beiden 
Naturen Avesentlich sei? 2) ob gegenseitig? 3) ob sie 
sich auf das gesammte , göttliche und menschliche, Dasein be- 
zogen habe nnd beziehe? 4) ob auch auf Namen und Prädi- 
cate der beiden Subjecte? 

Wie aber das Dogma überhaupt das Mittel war, an welchem 
sich Geist und Philosophie der christl. Zeiten bildeten: so ist 
dieser Streit ganz besonders ergiebig gewesen für philosophische 
Entwicklungen '^). 

2. Ungenaue Aeusserungen waren viele des Nestorius vom 
Anfang herein , daher denn auch die vielfachen Abänderungen 
und Zurücknahmen desselben. Unbestimmt war lange (und 
blieb es bei den Monophysiten) die Bedeutung des Wortes (pvaig 
— Natur, Person, Dasein. Die Erörterung blieb fortwährend 
unvollständig: denn es kam kaum, wenigstens bei den Haupt- 
führern des Streites , zur Sprache, ob man unter der göttlichen 
Natur in Christus auch das Göttliche im eigentlichsten Sinne, 
Macht und Dasein Gottes, und unter der menschlichen Natur auch 
die gemein- und irdischmenschlichen Zustände zu verstehen habe. 

Aber Nestorius und Cyrill fassten auch den Gegenstand von 
verschiedenen Seiten in das Auge. Jener dachte das Ver- 
hältniss mehr in abstracto oder an sich, dieser mehr zn concreto, 
in der That und Wirklichkeit. Daher der Eine die Naturen noth- 
wendig mehr auseinander hielt, der Andere sie näher aneinander 
brachte : auch drückte jener mehr das aus , was in der Person 
Christi wirklich wäre, dieser mehr das, was man von ihr kirch- 
lich sprechen könne. 

Die Meinung des Nestorius ') war also keineswegs die, 
dass die göttliche Natur nur zufallig, d. i. theils^in einzel- 
nen Momenten und Acten , tlieils nur äusserlich, als Un- 
terstützung und Verherrlichung , mit der menschliehen in 
Christus verbunden gewesen sei, am wenigsten so, dass 
der Mensch Jesus vorher dagewesen sei, ehe sieh die gött- 



dem Grunde des Pelagianismus entstanden waren („reine Menschen- 
kraft in Chr."). Jo. Cassian. de incam. 1, 4 — 6. Libellus emen- 
dationis et satisfactionis (426) Mans. 4. 519 ss. 

e) Daher Aristoteles in diese Streitigkeiten vornehmlich ein- 
drang. Die Begriffe von Natur, Person, Selbstbewusstsein, 
Wollen und Wille, entwickelten sich unter ihnen in mannichfa- 
cher Weise. Ja selbst die vom wesentlich Menschlichen und 
Göttlichen. 



160 Allgemeine DogmeDgeschiehte. Zweite Periode. 

liehe Person mit ihm yerbunden hätte 5 auch war sie kei- 
nes wegs samosatcniseh , so dass sie die göttliche Natar 
aufgehoben hätte. Sondern sie wollte jene Verbindung 
nur in soweit und nur eine solche^ wie sie möglich und 
nöthig schien; keine unbedingte, durchgängige , kurz 
keine solche, in welcher Herabwürdigung des Göttlichen 
oder Vergöttlichung des Menschlichen inne läge^). Also 
sprach Nestorius, immerhin nicht in ganz kirchlichen For- 
meln, doch den natürlichen, allgemeinen Gedanken der 
Kirche aus. 

1. D,er Anfang der Streitigkeit^) geschah mit einem Wider- 



fl) Nestorianischer Streit. Nestorius eigene Schrift (Evagr. 
1 , 7) war Tragödie überschriebea nach EbedJesu: unter dem- 
selben Titel eine Schrift von Irenäus, später B. von Tyrus {Irenaei 
trag. s. commentarius de rebus in synodo Ephesina ac in Oriente 
toto gestis — ausgezogen, im Synodicon: Variorum epp. ad Conc. 
Ephes. pertinentes — ed. Chr. Lupus. 'Lovan, 60^. 4. und Mansi 
5. 477 SS. — Ephes. KVs. Mansi 4. 5. — Chalcedon. das. 6. -7. 
— Const. 553, das. 9. — Sokrates 7 B. , Evagrius. Liberatus 
Carth. : hreviarium, causae Nestorianorum, et Euiychianorum. Mansi 
9. Simon von Betharsuma de Barsuma atque Nestoriann. haeresi. 
Asscm. 1. 346. ss, ' 

Die Schriften: Nestorius (13) Homilie'n, Briefe: bei Marius 
Mercator (ed. Garner. Par. 673. 2. B.) ; Auszüge aus Nestorius, auf 
dem Conc. zu Ephesus vorgelegt. Die 13 Anathematismen — und 
1% andere bei den Syrern, Assem. III. P. 1. 2. 199 ss. Nestorius 
Liturgie: Renaudot. Cyrill's Schriften (429 ff. Die Anathema- 
tismen auf d. Alexandr. Synode 43ü). 

Streitschriften gegen den Nestorianismus: Leontius Byz. 
contra Eutyclnanos et Nestorianos III. Basnag. thes. 1. 535 ss. 
Jo. Cassian. de incarnat. Christi VII. Gelasius de du. nat. in 
C. adv. Eutychen et Nest. Vigilius Tapsensis adv. Nestorium 
et Eutychen V. Bocthius adv. Eutychen. et Nestorium. 

Jos. Simler. scripta vett. Latinn. de una persona et duabus na- 
turis Christi adversus Nest., Eut. et acephalos olim edita. Tig. 
562 s. 

Beurth eilungen des Nestorianismus: Garner, praef. to. 2. 
Mar. Merc, und drei Abhh. de haeresi et libris Nesforii. Bayle u. 
d. Na., und andere Vertheidiger : vgl. Vogt, de r.ecentissimis Ne- 
storii defensoribus. Bibl. haeresiol. 1. 456 ss. und Walch Gesch. 
d. Ketz. 3. 817 ff. 911 ff. J. E. Jablonski drei Abhh. de Nestoria- 

nismo — de origine et fundamento Nestorianismi ingenua in 

Nestorianismum inquisitio. Opuscc. ed. te Water II. 149 ss. Ge- 
gen Nest. Gengier: üb. d. Lehre des Nestorius, Tb. Quartalschr. 
1835. 2. Es legte sich vormals oft der Streit der Confessionen in 
diese Sache, der protest. untereinander, und der prot. und katholi- 
schen. Unrichtige Deutungen: Job. Wilh. Schm.id, vera Nesforii 
de unione naturarum in C. sententia — de Eutychis sententia. 
Jen. 794. 



Die cliplstl. Dogmengescliichte. Erster Theil. 161 

Spruche, in welchen Nestorius^)^ ganz im Sinne der antiocheni- 
schen Schule ''), gegen die dichterisch-ethuisirende Formel, -ö-fio- 
'vozoSy eintrat (J. 428) : wiewohl er sich auch diese hald ge- 
fallen lassen mochte^), in dem Verstände nämlich, dass sich 
die Beziehungen und die Prädicate (das d^lwfia, die I8m- 
[.latci) einander, sprachlich wenigstens, miltheilten, mit ein- 
ander vertauscht werden könnten''). Der kirchlichen Auf- 
fassung und Darstellung des Nestorianismus lag durchaus die 
Ahsicht zum Grunde, ihn mit alten Häresie'n in Zusammenhang 
iiu hringen; die Formeln Christum trennen (ywQi^stv t6v 
X.)^) und, zwei Gottessöhne aufstellen °), erinnerten, jene 
an Cerinthus, diese an denselhen und an Paulus Samosatenus 
(oh. S. 105 f.). Es versteht sich, dass die Argumente aus der 
Schrift, deren sich die Parteien bedienten, unerheblich waren ^') : 
unter den dogmatischen gegen Nestorius waren geschichtlich be- 
deutend: das von der Göttlichkeit und Kraft der Menschheit 



b) Der Streit weder von Nest, persönlich begonnen, noch un- 
vorbereitet in "Constantinopel : es bestand nach Nestorius schon die 
Trennung über ifsoroxos oder dv&^ojnoröxos. Dazwischen nun Ne- 
storius : ;fptaroTOXoe. 

e) Die Kirche fand nicht nur das Antiocbenische in Nest, 
Lehre, sondern nahm ihn auch als eigentlichen Schüler von Theodor, 
oder auch Diodor. Daher Cyrill auch gegen diese beiden schrieb. 
Theodor's Symbol für nestorianisch gehalten : Conc. Ephes. Mansi 
4. 1347. Walch. bibl. symb. 203 ss. Die Lehre war natürlich bei 
den Antiochenern auf gleiche Weise ausgesprochen worden wie bei 
Nestorius, weil sie dieselbe Befürchtung gehabt hatten : es möchte ein 
zu nahes Verbinden der Naturen, entweder dem Apollinarismus oder 
dem Arianismas angehören (dem Menschlichen oder dem Göttlichen 
in J. Gewalt anthun). 

d) Nestorius üher -dsoroxos, 5. Hom. — Hier schon, und längst 
vor dem Eph. Concil^ liess er es zu. Das Alter des Worts -ö-eor., 
Socr. 7j 33. Schriftsteller über dasselbe, Walch a. 0. 843 ss. 

e) Die Antiochener nannten dieses mit einem Worte von mehrfa- 
cher Bedeutung, xoivcai'la. — In Theodor's Symbol: draq/oßd xal 
l'vvoia. 

f) Nur fpvatis yw^i^stv (aber mit dem Beisatze : ivoj X'^v itgoe- 
nlvTjatv) hatte Nest- gesagt (2. Hom.). Ebendas. freilich auch: suh- 
stantiae {viroaräasL?) duplices. 

S) Nestorius wie Diodor und Theodor, nur: SmXoZe vi. r. -&, — 
Aber ausdrücklich oft derselbe : nicht 8vo vioi — xQtoxol. Jenes also 
bedeutete nur : zwiefach anzusehen^ aufzufassen. 

h) Der biblische Streit zwischen N. u. Cyrill bezog sich vor- 
nehmlich auf einige Namen Christi : ob sie die Person bezeichneten 
(Nest.) oder die göttliche Natur (Cyr.). Nest. 4. Gegenanath. : Si 
quis eas voces quae — de Chr. qui est ex utraque natura scriptae 
sunt, acfiipiat tanquam de una natura — anath. sit.. 

Dogmeageschichtc. 1 1 



162 Allgemeliie Dogmeng'cscliiclitc. Zweite Perlode. 

Jesu in der Eucharistie, und das, welches von der Nothwen- 
digkeit hergenommen wurde, in dem menschlichen Werke Christi, 
besonders in seinem Tode, himmlisches Verdienst anzuerken- 
nen'). Uebrigens wendete sich sogleich im Anfange der Streit , 
und die Meinung auf die Mutter Jesu hin und die Art ihrer 
Verherrlichung ^) 

2. Formeln des Neslorius : avvdcfeia (schon von Theodor 
neben dem kirchlichen evwais gebraucht)^), ivoi^rioiq (Job. 1, 
14. Kol. 2, 9 : wie im Tempel, Joh. 2, 21) S-eocpoQog die mensch- 
liche Natur, d'Eoäöyos und yQioTozözoQ. Aber auch hier 
überall lenkte Nestorius späterhin wieder in die kirchl. Sprache 
ein, freilich den Sinn derselben überall beschränkend"^). Die 
Entsetzung des Nestorius durch das Concilium zu Ephesus (431), 
und die Verfolgungen, welche er bis zu seinem Tode (um 440 
in Oberägypten) bestanden hat"), sind bekannt. Unter den An- 
tiochenern (welche seit 433 nur noch Cyrill's Anathematis- 
men von den Freunden des Ephesinischen Concilium trennten) 
zeichnet sich in Schriften Johann von Antiochia und Theo- 
dore t aus"). 



z) Cyrill. 9. 11« Anath, (Christus sonst nicht Hoherpriester — • 
sonst sein Fleisch nicht lebendig machend). Auf Leides auch Br. an 
Coelestin („Nest, sagt : 6 av&g. dTriSars — und : tv To7f /livottj^iois 
aojfiä iaxi t6 TrQoxttfiivov'^'*. Dasselbe Arg. auch von Nestorius ge- 
braucht: Hom. 2. 7. 9. „Das Göttliche, kein Gegenstand leiblicher 
Theilnahme." , 

k) Proklus Homilie, y4cf. Eph. Mansi A. 578 ss. [Clauso utero 
nach Ezech. 44, 1.) 

[) Hora. % : T] rojv <j>vaso}V av&erria, Sia xrjv arvdq.siav fiia, TÖjv 
/iiv (pvaiujv iv t!j oixai'u xa^st Sid TravToe [itvovcwv. 

m) Einiges gab Nestorius auf; wie das ogyavov, sgya^atov von 
dem Menschen Jesus, Hom. 1. 

n) Nestorianer sollen Simoniancr heissen: Gesetz Theodosius v. 
J. 435. 

o) Jo. Antioeh. ad Nestorhim , Mansi 4. 1061 ss. an mehre Bi- 
schijfe, ebds. 5. 756 ss. an Cyrill drei Schreiben. Andreas v. Samos. 
und Theodoret Widerlegungen der Analh. Cyrill's. Theodoret a^avtar?}!. 
(H. F. 4, 12 vgl. Phot. 56.) Ibas v. Edessa Br. an Maris, Acten v. 
Chalcedon, Mansi 7. 241 ss. 

Antiochen. Formel von Cyrill unterschrieben (Alans. 5. 305 ss. im 
Wesentlichen die, von Theodoret zu Ephesus verfasste): das Wort 
hat sich einen Tempel genommen — das Göttliche ist der göttl. Natur 
zuzuschreiben, das Menschliche der menschlichen. Dieses war vorher 
antiochen. Satz: ■d-tongtnw?., raTreivws Gesetztes, Beides sei seiner 
Natur zu lassen: von Cyrill 4. Analh. verworfen. Cyrill der Unbe- 
ständigkeit angeklagt schon von Isidorus Peius, ep. I. 334, und spä- 
terhin von Aegyptiern (vgl. Gieseler S. 456). 



Die christl. Dograengeschichte. Erster TJieil. 163 

Die alexandrlnisehe Gegenlelire, von Cyrill (444), 
dann von Diosljur vorgetragen, beelferfe sich, streng an 
den Formeln ihrer Schule und der alexandrlnischen Väter 
zu halten, vornehmlich des Athanasius '). Dem Sinne 
nacli aber gehörte Cyrill noch heiner der Partelen und 
Meinungen an, welche sich späterhin auf dieser Seite 
entwickelten^): insbesondere war Euty eh es Lehre nicbt 
die seine 5 und wiederum dieser wahrscheinlich nicht den 
späteren monophysitlschen Begriffen zugethan'). 

1. Die alex. Formeln waren : 'd'eoTozoSy oaQUiKwQ yeysv- 
vrjKs Tov iz &€0V Xoyov, evwaig (pvoiai^ (der ayeTty-tj 
entgegengesetzt), und naS-' vnoaTaaiv, vorn, aber das Atha- 
nasianische, plcc (pvais aeaaQuwfxivr}.^) (Diese letzte milderte 
Nichts in dem Gedanken : sie lenkte blos von der Vorstellung 
ursprünglicher NichtVerschiedenheit ab.) Die Worte, Kg«- 
ciSs ovyyvaiSß ipVQfA.6ei weist Cyrill von sich ab, und behaup- 
.tete das ciTQinTwg k. davyyvTwg. Mit Alexandria stand wie- 
der, aber anfangs mit geringer dogmatischer Einsicht und Be- 
deutung, mehr hierarchisch, Rom in Sympathie''). 

2. Aus Cyriil's Erklärungen erhellt, dass ihm (pvGig nicht 
die Natur im eigentlichen Sinne, sondern Persönlichkeit, per- 
sönliches Dasein, bedeutete : und in diesem Sinne, und wie Ne- 
storius seine Lehre allmälig genauer bestimmte, waren die Bei- 
den sehr wohl mit einander zu vereinigen. 

3. Eulyches, Archimandrit in ConstantinopeP) , übertrieb 
die buchstäbliche Auffassung der alex. Formeln (448): durch 
Flavian verurtheilt, von den Alexandrinern anfangs begünstigt 



ä) Aus Atlian. Sehr, rctgl r^e aapxcuasoje tov Ssov Xoyov (vgl. n. A. 
Möhler II. 280): ov Bio tpioats — aXXoL ftiav qiiaiv tov d^sov Xoyov 
atoagy.u) /Ltivr^v» 

b) Coelestinus Sehr, an den Klerus v. Const. und an d. Orient. 
Bischöfe: Mansi 4. 1035 ss. 1047 ss. Anweisung Coel. an seine Le- 
gaten nach Ephesus. 

Die Einladung Augustins nach Ephesus, erst nach s. Tode einge- 
troffen: Capreolus von Carthago an das Conc, Mausi 4. 1207 ss. 
Diese AFricaner (vgl. Leporius Widerruf) kamen ganz mit den Alexan- 
drinern überein. 

c) Urkunden des Streits wie b. Nestorius. Synodalacten von Con- 
stant. 448. Maos. 6. 649 ss. Brevicidns historiae Eutychianistarum 
(bis 486) Mans. 7. 1060 ss. Jac. Basnage: de Eutyehianis variisque 
Eut. sectis: Thes. I. und Vogt hibl. haer. II. 59 ss. Glaubensbekennt- 
niss des Eut. an Leo: Mans. 5. 1014 s. 

C. A. Salig: de Euty chianismo ante Eufychen. Gnelferb. 723 4 

ir 



164 Allgemeine Dogpmengeschiclite. Zweite Periode. 

(449), dann fallen gelassen, und einmüthig, sammt Nestorius 
verurlheilt (451). Seine Hauptsätze'^) waren: die Menschheit 
Jesu sei uns nicht gleichwesentlich (o/uoovGiog i^filv) und das 
fortan classische ^t/a (pvoiQ, ohne Einschränkung gebraucht^). 
Er nahm also Vergehen , Schwinden , Vergöttlichung jener 
Menschheit an; und, hat er auch nicht den Ausdruck, Ver- 
schluugenwerden, Absorption, des Menschlichen, gebraucht, so 
lag doch der Begriff hiervon in seiner Lehre. Diese würde, 
hätte Eutyches sie sich bestimmter gedacht, allerdings nicht 
ohne Doketismus vorzustellen gewesen sein : das Sichtbare dann 
nur als Schein an dem Gottuienschen'^). Monophysitiscli 
war der Eutychianisnius nicht: denn er dachte keine Vermi- 
schung zu einem eigenthümlichen , gottmenschlicheu , Dasein 
(ein d-eiov, kein S'savÖQizov)» 

§.53. 

Die Beschlüsse nun, mit welchen die KVersammlung 
von Chaicedon (451), ohne ein neues Symbol aufstel- 
len zu wollen'), diese Streitigheiten heendigte und das 
Dogma von Christus äbschloss, henihen auf derselben 
Idee des Glaubensgeheimnisses wie die von'Nicäa. Sie 
stellten daher nur in Formeln, welche vor dem Verstände 
sieh widersprachen, den Gedanken auf, dass die Verbin- 
dung der beiden Naturen innig und eine Vereinigung zur 
Persönlichkeit sei, dennoch aber in dieser Person ein 
zwiefaches, gesondertes, unvermischtes Leben sei und 
Lleibe : also Eine Persönlichkeit und doch zweierlei Na- 
tur, vollkommene Einheit und doch keine Vermischung^). 

i. Vom Nicänisch-Constantinopolitanischen Symbol, welches 
allein in der Kirche geltend bleiben sollte"), konnten die Chal- 
cedonischen Väter freilich nur die Formeln S'eov — aagzoi- 
'&iVTa, — ivaV'd-Qionijaawa, gebrauchen, aber ganz nahmen 



d) Grundsatz des Eutyches : fi?/ q>t-ato}.^oytiv ri/v rot yg, ^eotj^tu. 
Daher wollte er nur kirchliche Formeln wiedergehen. 

e) KaraTxo&Tjvai lässt Theodoret zuerst den Eranistes sprechen 
(5J. Wt Ilal.) : hei demselhen auch die umgekehrte Darstellung als euty- 
chianisch, dass der Logos in Fleisch verwandelt worden, H. F. 4, 13. 

f) Theodoret. H. F. a. 0. (v. Eutyches) — : der Dämon durch ihn 
ttJv TTQQ'jTaXat [laQctvd^uaav aiQEaiv BaXevrivov Tcältv dv&ijaai. iia— 
"jToir^nb. So schon die Anklage des Eut. durch Euseb. v. Doryläum zu 
Const. 449: T^v Ova?.svzivov xal l^TrokXivagiov xsvoSo^iav voaöJv — . 

a) Das Nicäaiscli- Const. Symbol war schon zu Ephesus für immer 
bestätigt worden. 



Die christl. DogmengcscLichte. Erster Theil. 165 

sie die Grundidee desselben auf, die, wie gesagt, des Glau- 
Lensgeheimnisses. Ihre eigenen Formeln, welche Leo von 
Rom vorgezeichnet hatte *•) , sollten nur negative , abhaltende 
Bestimmungen, und alle wollten aus dem kirchlichen Alterthume 
hergenommen sein. 

2. Die chalcedonischen Formeln '^) : eig v.ai 6 amoe viog 
— TeXetoe o avrog iv d-eoTVjTi, zac tsA. p a. iv dv&Qoono- 
TijTi — 6f.ioovaios TW natQi — i]i.ilv iz ovo rpvaeoov (die 
Lateiner lasen iv dvo (pvaeoi '*), wenigstens minder zweideu- 
tig, da das in verschieden gefasst werden konnte von Zeit und. 
vom Grunde, auch das iz &. cp. dem Eutychianismus nicht be- 
stimmt genug entgegenstand) — dann die berühmten Adverbien : 
uGvyy'Vxws, uTginTtug^ d(^taiQeT(ßg , aywQiaTwg (yvwQiCo- 

jiievog d. i. bezeichnet, eharakterisirt) ooi^ofxevrjg /aaXXov 

tijg idiöxTjTog e'^aTegag rpvoewg koX eig ev TeQogomov a, 
/LViav vnoGxaüiv avvTQeyovo7]g. 

Vieles Ixam aber-, äusscrlicli und innerlich, zusam- 
men ^), um aueli nach diesen hlrchlichen Bestimmungen, 
doch Streit und Spaltung: über diese Gegenstände zu ver- 
längern: und das Geschick der morgcnländischen Kirche 
liess. sogar die Trennung sich verewigen. Vorerst zog 
sich von Syrien aus der Nestor ianismu s tiefer in Asien 
hinein, und begründete sich dort als gelrennte Kirche^). 

1. Aeusserlich : die Art wie der Streit geführt und eat- 
schieden worden war, durch kirchliche, vornehmlich aber auch 
durch weltliche Auctorität und Machtgewalt — das Ansehen 



6) Leonis M. ep^ ad- Flavianum,. de incarnatione verhi sancti Ed. 
H. Ph.. Conr. Henke. Heimst.. 780. i.^ vgl. dess. Opascc.. 1802. Nr. 3. 
Anerkannt zu Chalcedx)n, «rs S-^ rov ftsyäXov Utr^ov o/xoXoyia avfi- 
ßaivoiian, y.al xotvr/ Tis azTjXrj vnaQyovaa y.ara tcjv xaxoSo^ovvrojv. 

„Salva proprietate utriusque naturae et substantiae, et in vnain 
coevnte personam, suseepta est etc. — In integra veri hominis per~ 
fecfaque natura, verus natiis est Deus , totus in suis, totus in no- 
stris (ofiooi: T. 7iaT(ji, oft. ij/it7v). — ^f^ü nfraqiie forma cum al- 
terius communione quod proprium est. Doch legt Leo mehr Moment 
auf die Verschiedenheit als auf die Gemeinschaft der Naturen, und 
unterscheidet sich zuletzt kaum von Nestorius. 

c) bpo? tTjc iv XitXxi]Sövt TSTÜQzrjg avvöSxtv. Maus. 7. 108 ss. 
Walch. bibl. symb. 106. 

d) 'jEx Si'o q)va., mit yvwgiKofi. zu verbinden, hatte zu Chalcedon 
natürlich einen ganz anderen *inn als in der raonophys. Sprache 5 
denselben wie iv S. cp. ohne yvwQ. (nach zwei Naturen zu denken). 



166 Allgemeine Dogmengescliiclite. Zweite Periode. 

derjenigen Kirche, welche zurückgewiesen worden war, im 
Orient, der antiochenischen — und die Trennung, welche in 
dieser selbst unter der Controvers eingetreten war; inner- 
lich: dass der Gegenstand in seinen Grundbegriffen noch un- 
bestimmt, ja unerwogen geblieben war und sich dennoch von 
Anfang an, mehr in der Weise der Schule als gläubig beruhi- 
gend, entwickelt hatte. Endlich haben wir in beiden Parteien, 
wie sie sich im Orient erhalten haben, einen Rest uralter Glau- 
bensfreiheit und dogmatischer Einfalt anzuerkennen. 

2. Der Persische Nestorianismus durch Barsuma von Edessa 
gegiündet seit 435''). 

§. 5S. 

ünveranlasst durcli diese Streitigljeiten, und, wenige 
Ausnalimen abgerechnet^), nur in äusserlicliem und zu- 
falHgemZusamraenliange mit denselben^), entstand gleich- 
zeltig in der latelnisclien Kirche der Pelaglanische 
Streit. Er hatte seinen Grund in dem, in dieser vorherr- 
schenden, praktlfichen Interesse, welches sich denn 
hier auch dogmatisch darzustellen suchte: und seine ge- 
schichtliche Bedeutung lag darin, dass der Römische und 
der allgeineine Geist des Abendlandes sich von dem afri- 
can Ischen, welcher übermächtig* geworden ^var, zu be- 
freien und eine selbständige Gostalt zu gewinnen suchte. 
Aber es warf sich In diese Controvers noch ein dreifaches 
anderes Interesse, alles ganz den Verhältnissen uöd dem 
Geiste der Zeit und der Menschen angemessen : das des 
Mönch thums, der griechischen Theologie im Abendlande, 
endlich selbst das der Philosophie^). 

1. Der vermittelnde Gedanke zwischen Nestorianismus und 
Pelagianismus war der, dass Christus, obwohl Mensch und in 
keinem wesentlichen Zusammenhange mit der Gottheit {solita- 
rius homo Cassian), dennoch vollkommene Tugend und Verdienst 
gehabt habe **). Die Versöhnungslehre dagegen trat in jener 
Zeit dem Eutychianismus näher. Leporius hatte auf ähnliche 
Weise gedacht wie die Nestorianer. 

2. Aeusserlich wurde die Nestorianische und Pelagianische 



a) Jos. Sim. Asseman. de Syris Nestorianis. Bibl. Or.III. P. %. 
Ebds. , 1. der oben erwähnte Simeoa von Betharsania de Barsuma 
atque Nestorr. haeresi. 

a) Vgl. Cyrill an Theodosius b. Phot. 54. J. Cassianus de incarn. 
1, 3. 5, 1. 2. 6, 14 n. and. 



Die clirIstl..Dog;iaengescliieLtG. Erster Tlicil. 167 

Sache in Zusammenhang gebracht, indem sich Urheber und Be- 
förderer von dieser in den Schutz des Nestorius begaben ; frei- 
lich ohne Zweifel, weil sie in der griechischen Kirche und in 
den anliochenischen Lehren Sy"rapathie für die ihrige voraus- 
setzten^). Theil nahm an dem Streite, und zu Gunsten der 
pelagianischen Lehre Theodor von Mopsuheslia'"). Dagegen er- 
klärte sich auf der Einen Seite Nestorius gegen Coeleslius ''), 
und auf der anderen Cassianus gegen Nestorius. 

3 ^. Der Mönchsstand im Abendlande, damals eben in der 
Entwickelung begriffen , wie sie eben auch für diese Kirche 
passte, ergniff den PeJagianismus mit Interesse: nicht nur, weil 
seine Ui'heber demselben Stande angehört hatten, sondern weil 
er ^ich mit den Ideen vom Verdienste der Werke besser zu 
vertragen schien als die Lehre vom unbedingten Unvermögen 
der menschlichen Natur. Durch jene Verbindung des Pelagia- 
nisraus mit dem Mönchsgeiste wurde sein besserer Sinn jetzt 
und späterhin oft verkümmert^). — ^) Pelagius und Coelestius 
selbst, dann Cassianus u. A. bezogen sich mit ihren Lehren auf 
die griechische Theologie ; oder ihre Gegner thaten es. Aber 
die Anwendung dieser Theologie überhaupt wurde nach und 



6) Dass die pelagianische Meinung ebenso von Origenes, wie von 
den Antiochenern, abgeleitet werden konnte (vorn, bei Hieronymus), 
dieses beweist, dass man den Charakter der griechischen Kirche 
überhaupt, darin erkannte. Später wurde sie oft mit Chrysostomus 
in Zusammenhang gebracht, von Julian, Anianus (übrig Uebs. von 15 
Hom. des Chr.), und von späteren Orthodoxen. /. G. JValch. de Pe- 
lagianismo ante Pelagium. Misccll. ss. (Amst. 744. 4.) 575 ss. 

c) II(joe Tovs J^dyovra?, (piasi y.a). ov yvojfip nTnlatv rovS av&QOJ— 
itovt. Phot. 177., und Excerpte b. Mar. Merc. 97 ss. Garner. Aram, 
der Urheber dieser Meinung nach Theodorus (Photius: ovy. i'yoj aarpojs 
tiTctlv, slrs ofo/zaLit tlrs iitovofidCat): Wort, Wortbedeutung, und 
Beschreibung desselben, lassen wohl nur an Hieronymus denken. Vgl. 
jedoch Fritzsche über Theodoret S. 107 ff. Julian war 423 bei Theodor. 

d) Nestorius gegen die Pelagianer: Eine Rede b. Mar. M. und 
Fragmente von drei (oder zwei: die von zwei finden sich in Einer 
Honiilie unter Chrysost. Werken beisammen: Opp. Monff. X. 733 ss), 
— zwei Briefe an Coelestinus v. Rom, einer an Coelestius. 

Beschuldigung des Pelagianismus gegpn Nest. : Cassianus, M. Merc. ; 
Ephes. Conc. , Nestor, und Coelestius zusammen verurtheilend. Die' 
Schrift b. Phot. 54: laa (Abschriften, Urkunden) iibirQot.yfist'Oiv iv 
To7s BvTf/.oi? sTttaxÖTtots y.azd rü/v NsazogtaviZv Soyfidrujv. Vgl- Garn. 
Abhh. S. 305 s. 325 s. Coelestinus selbst an Nestor. : dvayvwftiv 
ÖttcuS y.aXüis Tttarsvsi? irsgl zije xaza yivsaiv dfia^rlas x. onois avzijv 
T^v q>vaiv Ssixvvsti alvat y.azd^Qtw — . 

e) Das supra legem oft b. Pel. ad Dem., auch perfecta und bona, 
praccipi und siiaderi. 



168 AUgemeine Dogmengesclilclite. Zweite Perlode. 



nach eine Hauptfrage für das abendländische System. — ^) hing 
allerdings der Pelagianismus, wenigstens dem Geiste nach, mit 
dem freieren Gebrauche der Vernunft zusammen, und äie Fran 
gen nach den Principien der christlichen Lehre, die über Na- 
tur und Gnade, Vernunft und Offenbarung, traten in diesem 
Streite zuerst in der Kirche hervor^). Im manichäiscben Streite 
hatte dieselbe nur grobe Üebertreibungen hierin zurückzuweisen 
gehabt. Dass übrigens Pelagianismus mit aristotelischer Philo- 
sophie zusammenhänge (wie Jansen meinte), ist mehr als zwei- 
felhaft: wie Hieronymus Meinung von der stoischen Apathie 
im Pelagianismus : aber der Piatonismus konnte sich auf vielen 
Stellen leicht mit Augustinus Lehre vereinigen °). 



/) An sich war der Pelagianismns kein Rationalismus gewesen. 
Dagegen geht Angustinns Lehre in den theoretischen Supernaturalis- 
mus über durch den- Gedanken (nach Kol. 1, 10), dass durch die 
Sünde die Erkenntniss Adams geschwächt worden sei : de Gen. ad 
lü. 3, 30. Op. imp. 5, 1. 

g) Urkunden des pelagian. Streites: Concc. zu Carthago 413. 
416. (und zu Mileve)418. (Phot. 53. P. Quesnel. de concülis Jfri- 
canis in Pelagiana causa celebratis ab obitu Innoc. I. ad Zosimvm. 
Leon. M. Opp. IL 335 ss.) zu Jerusalem und zu Diospolis 415. Zo- 
simus tractoria vom J. 418. — Kaisergesetze (Honorius, Theodosius 
und Constantius 418. 419. 421. — Mansi 4. 

Schriften: Pelag. {Gennad. tö.) expositt. breviss. epp. Pau- 
lin. 14 Bb. (durch Cassiodor verbessert, inst. 8.) — ep. ad Dejne- 
iriadem {ed. Semler. Hai. 1775) — Ubelliis fidei ad Innoc. I. 417. 
vgl. Jf^all. hisi. bapt. inf. I. 372 ssl — ep. ad Celantiam de rat, 
pie vivendi, von Semler dem Pel. (anfängt, wie die zwei erst erwähnten, 
dem Hieronymus) beigelegt. Fragmm. b. Augustin. Von Coelestius — 
deßnitiones und libellus fidei, Fragm. b. August, de perfectione tust. 
n. de pecc. orig. Genn. 44. — Augustinus Schriften gegen Pela- 
gianismus (J. 412 — 430) Opp. X. Ben. — und de haei'es. 88. Hie- 
ronymus (von 415 an) epp. ad Ctesiphontem, (113) — ad Augustinum 
(143) — contra Pelagg. dialogi IIL — praef. libri 4 in Jerem. — 
Paul. Orosius apologet. contra Pelagian. de arbitrii libertate — 
Mar. Merc. commonilorium adv. haeresin Pelagii et Coelestii — 
common, super nomine Coelestii (429) Garner. I. 

Das Buch vnoyvojaxixöJv 6 Bb. (And. vnofiVTjariy.öv) gegen die Pe- 
lagianer (Augsb. Conf. 18), anerkannt nicht von Augustin : Garner. 
Diss. zu Mar. Merc, 357 ss. u. A. 

Geschichte und Beurtheilung: C. Jans enii Augustinus — 
Antvp. 640. G. J. Foss. de controversiis , quas Pelagius ejusque re- 
liqviae moverunt. (1618) 655. 4. Jac. Üsser. Britannicamm. eccll. 
antiqvitates (639) Lond. 687. H. Noris. bist. Pelagiana. Pat. 673. 
(Opp. I,) D. Petav. de Pelagg. et Semipel. dd. hist., DD. flieol. HL 
J. Garner. diss. septem-, an M. Merc. I.-.Appond. Opp. Avg.XII. Bened. 

G. F. Wiggers pragm.Darst. des Angustinisraus u. Pelagianismus. 
Berl. 821. 833. (Bis J. 529.) 



Die chrlstl. Dograengesclilclite. Erster TlicU. 169 

§. S6. 

Die Pelaglanlsclien Sätze enlwiel»elten sieli aus dem 
Widerspruche gegen die Annahme unbedingter Nothwen- 
dlghelt und vollendender Kraft der göttlichen Gnade, mit 
welcher Augustinus anfangs vielleicht nur ein frommes 
Gefühl angemessen aussprach^). Aber sie bezogen sich 
dann auf drei Puncte: auf den sittlichen Zustand des 
Menscijcn, in welchem er in das Leben trete 5 auf den 
Ursprung der Sünde 5 und auf dasVerhältniss, in welchem 
die sittliche Kraft des Menschen zu der Mitwirkung des 
göttlichen Geistes und zu den christlichen Gnadeumitteln 
stünde ^). 

-1. Der Widerspruch gegen Augustinus knüpfte sich (J.409) 
an die Vervverfung der Formel von diesem an : rfa, Deus, quod 
jubes, et j übe tum quod vis {Aug. Confess. 10, 29)"). Es war 
ein hohes Wort der Hingebung an Gott, und einer Zuversicht, 
Avelche sich zu Allem tüchtig und stark fühlt durch Gott und 
durch das Gefühl seiner Kraft in uns''): und Aug. hatte es da- 
mals wohl noch nicht in sich dogmatisch entwickelt oder doch 
in der Schroffheit gedacht wie späterhin. Pelagius und Coe- 
lestius mögen anfangs selbst solche Reden nur als verfehlten 
Ausdruck genommen haben, und insofern galten ihnen die da- 
durch eiTCgten Fragen nicht als ,, Glaubensfragen" '^). Wohl 
aher dem Augustinus, nachdem er sich hierin dogmatisch be- 
stimmt hatte ; und der Pelagianismus erschien ihm demnach als 
Häresis. 

2.'^) Pelagianische Hauptsätze : 1 . Der Mensch tritt un- 
verdorben, lauter in das Leben (naturalis sancti'tas'')), und' nur 
die Möglichkeit zu sündigen liegt, ki'aft seiner Freiheit, in ihm. 



a) jlugusfin. don. persev. 20. 

h) Den religiösen Geist von diesen Lehren Augustin's geben die 
Confessionen eben und die Soliloqina. 

c) Coeleslius zu Carth. 413 — quaestionis res est ista, non hae- 
resis (vom tradux pece.) Zosimus 1. Br. (u. A. Mansi 4. 350) von 
417. an die african. Bischöfe: — ipstim Coelcstium — admoniii, has 
tendiciilas quaestionum et i7iepta certamina — ex illa ciiriosifatis 
oontagione proßuere, qua unusqi/isque ingenio suo — abutitiir. Die 
griech. Khistoriker, Sokr., Soz., Theod., erwähnen den Streit nicht. 

d) Jo. Ge. Voigt: de theoria ^ugustiniana, Pelagiana, Semipcl. 
et Synergistica in doctr. de pece. or., gr.et lib.Mrb. Gott. 829. 4. 

e) Dieses Demetr. 4. Es liegt nicht mehr in diesem Ausdrucke als 
im, boni ac mali capax ebds. 8. und b. August, pece. or. 13. Ju- 
lian sagt: integritas. 



170 Allg-emeine Dogmengcschiclite. Zweite Periode. 

Es kommt für das Leben Alles darauf an, dass man dieses wisse 
und sich davon überzeugt halte '). 2. Die Sünde gehört nur 
dem Leben der Einzelneu an : wiewohl sie durch das Zusam- 
menwirken des Bösen imMenschengeschlechte, durch Ansteckung, 
Angewöhnung, Erziehung herrschend werden kann , und eine 
Sündhaffigkeil wirklich unter den Menschen besteht^). Der Sün- 
denfall der Genesis ist nur die einzelne Geschichte des ersten 
Menschen, welche sich in dem Nachfolgenden {non propagiiie^ 
sed exemplo, Coclestiiis) wiederholt^'): der Tod ist dem Men- 
schen angestammt {Adam mortalis f actus) ^ 3. Das Vermögen, 
gut, ja vollkommen zu sein, darf dem Menschen nicht abge- 
sprochen werden, denn er ist dafür bestimmt. Dieses auch in 
dem Satze : schon das Gesetz führt den Menschen zum Heile '). 
Aber 4. die göttliche Gnade im engeren, höheren Sinne'') (denn 
auch alles sittlich Förderliche hiess dem Pel. Gnade) fördert 
und erleichtert das gute Werk seines Lehens, sie wird denije- 



f) Praktische Bedeutung seiner Lehre — Pelag. ad Dem. z. Anf. 
und oft, Julianus oft: Aug. n. Jul. 3, 26. Jene bei Pelagius zwie- 
fach : appetcndi omnis eonafus perit consnquendi desperatione — 
und: tanto se utiusquisque negligeniius utitur, quo*se existiinat 
viliorem. {ad Dem.) 

g) rivfaig ,und (pvaie von Pel. unterschieden nach Sap. 12, 10. 
„Consvetiido vitiorum — ita obligatos sibi et addiclos ie?iet, ut 
viin. qtiodaimnodo vidcatur habere nalurae. Demetr. 8. 

Ä.) Julian, b. Aug. Op. imp. 2, 66: in omnes homines mors per- 
transiit: quia una forma iudicü praevancafores quosque etiam re- 
liquac comprehendit aeiatis — . 

i) Das Gesetz, die eigene Kraft des Menschen auffordernd, nicht 
sie Biehrend : (das Evangelium als göttlich wirkende Macht entgegen- 
gesetzt: bei den Reformatoren bedeutete in denselben Formeln das 
Evangelium vielmehr die Verheissung der Sündenvergebung.) Bei Coe- 
lestius wurde zu Carth. 412 als 6. Salz verurtheilt: lex sie mitlit 
ad j'pgnrtm coelorum, quomodo et evangelium. August, de haer. 88 
findet in den pelag. Sätzen vom Gesetze, dass es keine unmittelbare 
Gnade gebe: adiiivante per siiam legem et doetrinam, ut di- 
scawvs quae facere et qi/ae sperare debeamvs. Hiergegen schon Pel. 
b. Aug. gr. Chr. 8. {Gratiam nos non, ut tu putas, in lege tantum- 
modo , sed et in Dei esse adiutorio , conßfemur.) — Aug. de spi- 
rltii et litera. 

/.•) Pel. b. Aug. grat. Chr. 8. Nach anderen Bedeutungen der Gnade: 
mulfiforwi (I Petr. 4, 10) nos et ineffäbili dono gratiae coelesti il- 
himinat. Pel. zu Diospolis gegen Coelestius : gratiam Dei non ad sin- 
gvlos actus dari, sed in libero arb. esse, vel in lege ac doetrina: 
August, gest. Pel. 30. Julian rechnete auch die Grundlagen und 
Hülfsmittel des Guten in Natur u. Leben zur gratia Dei {inniimerae 
spccies adiulorii div.) Op. imp. 1, 94. 



Die christl. Dogmengeschlclite. Erster Tlieil. 171 

nigen mitgetheilt, welcher sich ihrer strebend würdig erweist^). 
Die Taufe flilirt in die geweihte Gemeine ein, und verleiht da- 
her das Recht zum Himmelreiche einzugehen, nachdem das 
ewige Leben schon der geistigen Natur des Menschen ver- 
heissen worden ist*"). 

Natürlich trat von diesen Sätzen bald mehr bald weniger, 
und nach Veranlassungen bald der eine bald der andere, in der 
Darstellung jener Männer und in der Controvers hervor"). 

§♦ 57* 

Diesem nun enfsprecbend bildete sicli der Augusti- 
nlsclie Lehrbegrifl' dogmatisch aus, und mehr noch als 
der Pelaglanismus suchte er sich Stützen in den heiligen 
Schritten zu bereiten. In jener dreifachen Beziehung 
trug Augustinus die Lehren vor: von der Erbsünde und 
dem gebroebenen Willen ^)5 ferner vom Sündenfall, Fort- 
pflanzung, Masse des Bösen, Zurechnung-^) ^ endlich von 
der üeberraacht der Gnade, und von den heiligenden und 
beseligenden Kräften der Taufe, während dennoch alle 
menschliche Tugend unvollkommen wäre^). Es waren 
denn die, nur bestimmt und geschärft aufgefassten, alt- 
africanischen Kirchenlehren. 

1.^) Die Erbsünde (peccatum oder Vitium on'gims)^) führt 



f) Pelag. b. August, de grat. Chr. 5: Posse in natura, velle in 
arhitrio, esse in effeetu locamvs. Priminn illud ad Deum jiroprie 
pertinet — diio vero reliqua ad hoininem sunt rej'erenda — . üeus 
ipsam possibilitatem gratiae suae adiuvat semper auxilio. 33. De- 
metr. 29 : promereri D. gratiam — . Dagegen Aug. contra epp. Pel. 
1, 3 al. grjatia gratis data. 

m) Der Unterschied von vita aeterna und regnum coelorum (nach 
Joh. 3, 5. 15). Pel. b. Aug. pecc.^er. 1, 58. Conc. von Carth. 418 — 
nach Phot. 53. jenes ftiaos ronos ico?.aatojg x. TrapaSsiaov, sts ov 
aal ra aßaiTTioTa ßgacpt) fitrart-d'sfiiva Cjjv /iattafjune — . 

n) Die Fragen über die JNothwendigkeit und das Heil der Taufe, 
und über die Möglichkeit sittlicher Vollkommenheit im Leben, 
wurden dem Coelestius und Pelag. von der Kirche zugeschoben : jene 
als verfänglich (Mark. 16, 16), diese als zweideutig, insofern ja nicht 
in ihr lag, wieviel die göttliche Gnade für die Bestimmung des Men- 
schen mitwirkte. 

a) Die früheren Schriften Augustin's, welche andere Lehren ent- 
halten als die gegen den Pelagianismus : de libero aj'bitrio 3. — de 
Genesi contra Mam'chaeos %. — de vera religione — de duabus ani- 
mabus — expositio quarundam propositioniim ex epistola ad Ro- 
manos — aus den Jahren 388 — 394. in den Retractationen be- 
sprochen. Doch fehlt es nirgends bei ihm an Sprüchen auch härtern 
Ausdrucks; freilich eben mehr in jenem religiösen, nicht dograat. Sinne. 



172 Allg-emelne DogmcngescLiclite. Zweite Periode. 

bei August, die beiden Bezeichnungen: prava concvpiscentia 
und Verlust des liberum arhitrium. Dieses ist der mehr all- 
gemeine, jenes der bestimmtere Name : jener aus der Schrift 
(Kol. 3,5), dieser aus der Philosophie (doch vergleicht A. Joh. 
8, 36) entlehnt; Der Begriff von jener, diese Beziehung der 
Sünde auf die sinnliche Natur und ihre Reizung, sowie die ganze 
Ausführung des Gedankens (wie diese sich unter den Menschen 
fortpflanze) ; Alles dieses darf nicht gerade aus Richtungen, 
Neigungen, Erfahrungen des eigenen Lebens Augustin's erklärt 
werden. Es lag diese Auffassung des Bösen eben so in der Denk- 
weise der Zeit und der philosophischen Schulen, als in dem 
Schriftsinne, wie ihn die Kirche auffasste und deutete. Die 
Willen slosigkeit (Verlust des liberum arbitrium) hatte bei 
Augnstin eine zwiefache Bedeutung : Eingenommenheit, Gebun- 
denheit des AVillens (durch das übermächtige Böse*^), welcher 
dann die unbedingte Kraft des Guten entgegengesetzt wurde) 
und Verlust d(« Vermögens zum rein und wahrhaft Guten. In 
dieser zweiten Bedeutung waren dem Auguslin Glaube und Liebe 
gleichbedeutend mit der Willensfreiheit'^). In dem berühmten 
Worte, dass die heidnische Tugend nur ein glänzendes Laster 
sei (Rom. 14, 23) oder eine unfruchtbare« Güte {steriles volun- 
tates) '^), lag als allgemeiner Gedanke die Wahrheit, dass der 
Mensch Tour durch die Gesinnung gelte, nicht durch das blosse 
äusserliche Wort. 

2. Die Genesis des Bösen fällt beim Aug. ganz ausserhalb 
des einzelnen Lebens, aber doch anders als bei den Alexan- 
drinern, in das irdische Menschendasein hinein. In der ersten 
Sünde (ob nun die Geschichte derselben, des sogen. Sünden- 
falles, eigentlich oder uneigentlich genommen wurde) hat das 
ganze Geschlecht gesündigt (Rom. 5, 12*^)), es hat sich selbst 
zerrüttet"); das Verderben pflanzt sich fort {tradux peccati). 



b) Zurückwies Augast. den ihm beigemessenen (Tertuliianischen) 
Ausdruck: pcccatuin naturale. 

c) Obligatio peccati CD. 14, 1. Nupt. et conc. \, 27 al. Ser- 
vum arbitrium c. lulian. 2, 8. 

d) In diesem Sinne auch liberatum arbitrium (volmitas Hb., et 
ad omne biminn adiuta, c. duas epp. Pel. % 9) von der wiederher- 
gesteLlten Kraft zum Guten. 

e) C. lulian. 4, 3. C. D. 5, 19 s. 19, 35. Sp. et lit. 28. 

/■) Das „in Adam" (^'y>'w auch von Pelagius auf Adam bezogen: 
ptsr quem., nicht in quo) hat sich A. auch aus den philosophischen 
anapfiariy.oie ?Jyoig, nicht blos in der jüdischen Involution (Hebr. 7, 
y s.) gedacht. C. D. 3, 13 s. 

S) In originali mala duo sitnty ijcccafum, et supplicium. 



Die cliristl. Dogmeng-escliichte. Erster Tlieil. 175 

ob nun mit der Seele selbst, oder als überwindende, vorherr- 
schende Macht in ihr ^): es wird dem Gänzen wie dem Ein- 
zelnen zugerechnet (Eph. 2, 3), und der Tod, der zeilliche ^) 
und der ewige '^), macht die Strafe dieser Selbstzerrültung' aus. 
— Die Auffassung des Menschengeschlechtes im Grossen und 
Ganzen , und die unbedingte Verwerfung desselben gegenüber 
der Gottheit und dem Ideal des Evangelium, als einer Masse 
des Verderbens') : hatte für eine mehr in Phantasie gehaltene 
Frömmigkeit etwas Grossartiges, Schlagendes, wobei man leieht 
die Ansprüche der Persönlichkeit, ja selbst den sittlichen An- 
spruch , gar nicht zum Bewusstsein kommen Hess. 

3. Die Gnade war bei Aug. durchaus etwas Uebernalür- 
liches, und, wie im N. T. , sowohl sündenvergebend als heili- 
gend: doch trat jenes bei ihm, wie übei'haupt in der alten, 
vornehmlich der lateinischen, Kirche zurück"^). Aber die hei- 
ligende Gnade ") galt ihm als unwiderstehlich in Macht und Er- 
folg"), und sowohl wirkend, selbst die Aufnahme und Willig- 
keit wirkend d. i. den Glauben (1 Kor. 4, 7. Eph. 2, 8. Phil. 
1, 29)''), als mitwirkend (^donum perseveruntiae)'^^. Die Taufe 
hielt er für unbedingt uothwendig zur Seligkeit, .nicht nur als 
Bedingung der Heilsmittel, sondern auch für sich, so sünden- 



K) Anch ein negatives üebel nach dem Falle: Verlust des adiu- 
ioriuin Dei — corr. et gr. 11. Denn {ej}. 103 ad Pavlinum): huviana 
natura etiamsi in integrifale siia pcrmatieret, nullo modo creatore 
stio non adiiivante seipsam servaret, 

i) C. D. 13, 19. Pecc. mer. et rem. 2: die Menschen seien sterb- 
lich erschaifen worden, würden aber nicht gestorben sein ohne die 
Sünde {in corpus fuerat spirifnle mutandus). 

k) C, Ü?. 13, 12. dreifacher Tod : Leibes, der Seele, und der ewige. 

l) Massa perditionis, pecc. orig. 36. 

m) Conc. Cartli. 418 ean. 4. gegen die, welche die Gnade nur auf 
Sündenvergebung bezögen, nicht auch auf Beistand {ad adiutorium. 
nt non committantur peccata). Beides zugleich, Sündenverg. und 
Heiligung, heisst bei Aug. iustificatio. 

n) Insfn'raUo bonae voluntatis atque operis. Corr. et gr. 3. in- 
spiratio dilectionis , c. du. epp. Pel. 4, 11. 

o) CorT. et gr. 12; Divina gratia indeclinahiliter et insuperahi- 
liter agitur {ooluntas humana). Cooperamur illo operante, quia 
misericordia eins prfievenit nos. Nat. et gi'. 35. Aber gratia 
cooperans heisst ihm die auf die einzelnen Handlungen bezogene. 

p) Jllud, unde incipit omne quod merilo accipere dicimur, sine 
merito accipimus, id est ipsamj'idem. Gr. Chr.ii. Praedest. ss.3. 
don. pers. 20. Gegen sein früheres: ßdes praevisa — Retr. 1, 23. 

q) Corr. et gr. 12; hie de ipsa perseverantia honi voluit Dcus 
sanctos suos in viribus suis, sed in ipso, gloriari. 



174 Allgemeine Dogmengeschielite. Zweite Periode. 

vergebend, al« heiligend'). Das Böse endlich kann, nach sei- 
ner Lehre, zwar in seiner That gehindert und beschränkt wer- 
den, aber nicht in seinem Keim und Ursprung"). Die' Wie- 
dergeburt reicht nicht hin bis zur Umwandlung des mensch- 
lichen Wesens*). 

§♦ 58* 
Die Härten der AugustlnJsclien Lebre ^machten sich 
der Kirche sehr bald, und ihm selbst allmällg immer 
melir, auch durch übertreibende Freunde') und durch 
Gegner^), wahrnehmbar. Er suchte vergeblieb jene Här- 
ten zu mildern 3). Aber unter diesen Kämpfen bildeten 
sicli bei seinen Freunden selbst und noch in dieser Pe- 
rlode, die Parteien der Semipelagianer und Prädestina- 
tianer aus'*). 

1. Uebei'lreibende Freunde: die Mönche von Adrumetum 
(J. 426)^). Sie meinten, bei der Unwiderstehlichkeit der Gnade 
bedürfe es nicht menschlicher Ansprache und Züchtigung, son- 
dern des Gebets, und bei der sittlichen Verlassenheit und ün- 
macht des Menschen ohne die Gnade, habe er keine Schuld im 
Bösen , das er thue. 

2. Gegner : nach Pelagius und Coelestius selbst, vor Allen 
Julian von Eclanura in Apulien, ein scharfsinniger, tüchtiger 
und entschiedener Mann**). Er stellte Aug. Lehre mit Unrecht 



r) Pecc. mer. 1, 39: — ahluU per sacramentum — ac sie incor- 
porati Christi corpori quod est ecclesia, reconciliantur Deo, ut in 
illo vivi, ut salvi, ut redemti, ut illuminati ßant. 

s) Der Geist wiedergeboren: earo ivfeeta. C. D. 14, 15. Manet 
acht {peccatum), praoteriit reatu. Nupt. et eonc. 1, 26. 

Dagegen die Erbsünde nicht Substanz — nvpt. et cone. ?, 34. 
Uebrigens kein Verlust des göttlichen Ebenbildes b. Auguslin. Aus- 
drücklich (Psalm 39, 7 : in imagine ambulat homo) Retr. 1, 26. 2, 24, 
Nur entstellt sei es. 

t) Theodor irrig: sie lehrten, firjSs Xgiarov y.a&agaveiv and dfiaQ' 
rim. {Aug. nvpt. et eonc, 1, 27; voq der Jungfrau geboren — sine 
pcccato solus est natu s.^ ,,KaiTot aXXa'/^ov ttjS ßXaaqiTjfiia? avxwv 
foTiv avTOve tSttv^ ov§' d^jj&aia y.a) (pvasi, fsyriu-ari. §s fiövov St~ 
Sörza? avTüj ttjv 'fvav&^ojTrijaiv.'^ Offenbar setzt der Grieche Vieles 
in die Lehre aus der Consequenz, wie sie ihm erschien. ' 

a) Jugustin. epp. 214 — 216; vgl. Retr. 2, 66 s. De eorreptione 
et gratia (,,Aug. von der Züchtigung und der Gnade" AnW.Vilmar: 
d. protest. Lehre von d. Rechlfert. durch den Glauben. Gassei 838). 

Gegen eine semipelag. Partei unter denselben Mönchen Aug. de 
gratia et libero arbitrio. Aehnlich mit diesen lehrte Vitalis zu 
Carlhago^ Aug. ep. IVl. („ex nobis habemus, ut credere incipiamus.^') 

b) J. 418 entsetzt und verbannt. Gennad. scrr. eccl. 45. Phot. 54: 



Die clirlstl. Dogmcngeschichte. Erster Theil, 17S 

dem Manichäismus gleich, von welchem sie sich doch zwiefach 
unterschied: indem sie weder, die Zweitheiligkeit des mensch- 
lichen Wesens annahm, noch ein ursprüngliches, nicht gewoi'- 
denes Böses. Aber er wies zugleich auf den inneren Wider- 
spruch hin in einer Sünde, welche nicht des Menschen eigenes 
Werk sei, und auf die Vergeblichkeit des silllichen Strebens, 
welche in der A. Lehre liege, wie auf die Unmöglichkeit der 
Zurechnung vom Guten und vom Bösen. In die Lehre von der 
ewigen Prädestination Wurde Aug. immer bestimmter und immer 
tiefer hineingeführt"), indem ihm, neben dem Begriffe der un- 
widerstehlichen Gnade, theils die Ei'fahning unrettbare Sünder 
zu zeigen, theils die Schrift von Rettungslosen und Verdamm- 
ten zu sprechen schien''). 

3. Die Antwort Augustin's war leicht auf diejenige Anklage, 
welche ihn des Manichäismus beschuldigte : auch war es leicht, 
dem Vorwurfe, dass Gott als Urheber der Sünde gedacht 
werde®), dadurch scheinbar zu entgehen, dass Gott ja dem ver- 
stossenen Menschen nur seine Gnade entziehe. Aber vergeblich 
war es den Beschuldigungen zu begegnen, dass er die Willens- 
kraft des Menschen und W^erth und Schuld desselben aufgebe, 
und der prädestinatianischen. Er wurde hier immer genöthigt, 
Etwas von Regung und Mitwirkung des Menschen hereinzulas- 
sen ; oder er sprach dem göttlich Verworfenen nicht alle Hoff- 



Twv IlsXaytavojv SiäSoxos — . Nach seiner Verbannung gegen August. 
de nuptiis et concupiscentia — 4 Bb. gegen das 1. {contra Aug. de 
nuptiü), 8 gegen das 2. Libellus ßdei zuerst von Garnier herausg. 
Mar. Merc. Opp. 319 ss., doch mit Recht bestritten: Walch hihi, 
syrrib. 199 ss. 

Au^. contra Julianum 6, und Op. imperf. c. Jul. 

c) Er Avar schon lange vor der pelag. Sache auf sie gekommen : 
vgl. Wiggers a, 0. I. 287. 

d) Praedest. ss.ZT . Elegit praedestmavUque nos ut essemus {sancti 
et iminaculati) — Op. imp. c. Jul. I, 39; Qui non liberantur, ira 
Bei manet super eos, veniens de itisto iudicio Bei — Beschränkung 
der Erlösung auf die Prädestinirten (nach Joh, 10, 26) Trin. A, 13. 

Die Meinung, im Mittelalter, auch dichleriscii , oft ausgeführt: 
durch die Prädestinirten seien die gefallenen Engel ersetzt: encli. 29 
(resarciendinn, qiiod ruina diabolica — minuerat). Nach Ephes. 1, 10. 

Die Lehre von der fides praevisa (früher, wie oben bemerkt, Au- 
gustinus selbst) nahm Pelagius an : de praedest. ss. 36. {praedestin. 
bedeutete b. Pel. soviel als praeseienUa : ad Rom. 8, 29 s.) Bei Au- 
gustin wurde das Vorauswissen Gottes ein praescire opus suum quo 
nos sanctos - — fecit. Ebds. 38 und 19: praesc. quae fiierat ipse 
J'acturus. 

e) Julian {/lug. c. Jul. 2, 28) : supra Manicliaeos est, si peecaii 
Deum aestimaris auctorem. 



176 Allg^cmcine Dogmcngescliiclite. Zweite Periode. 

nung ah^), milderte auch die Vorstellung von derVerdanimniss"). 
Nur auf Formeln bezog sich die Milderung, dass Prädesti- 
nation immer nur auf Seligkeit gehe — aber er hielt dieses 
auch nicht einmal fest'^). Doch bekannte es Augustinus immer 
als seinen eigentlichen und Hauptgrund: dass die Apostel so 
gelehrt hätten'), und warnt vor unvorsichtiger Predigt von der 
Prädestination ^) . 

4. Der freiere Theil der lateinischen Kirche jener Zeit, zu- 
gleich geistig sehr rege, war die Kirche von Galljen. Hier nun 
entwickelte sich vornehmlich jeuer Widerspruch gegen das streng 
Auguslinische Dogma, während man doch fortwährend ihn als 
Muster zu verehren gern bekannte. Wären die Männer dieser 
Art sich klarer geworden, so hätten sie eben zu der richtigen 
Ansicht gelangen müssen : dass A. in der lebendigen und gc- 
rdhtvollen Sprache der Frömmigkeit gesprochen hai)e und dass 
man ihn nicht begrifflich festhalten dürfe. Die prädestinaliaui- 
sche Frage beschäftigte jene mildernde Partei am meisten. Um 
ihrer Consequeuz zu entgehen, wurde von ihr der Begriff des 
absoluten Unvermögens des Menschen und der unwiderstehlichen 
Gnade zurückgewiesen. Aber dabei waren schon die ersten Ver- 
theidiger dieser Ansicht getheilter Meinung und keinesweges be- 
stimmter Lehre ^). Prosper aus Aquitanien (noch J. 460 le- 
bend"^)) war der entschiedenste Vei'theidiger Ausgustin's und 



/) Op. iinperf. 4, 131. Batur tempus et locus poenüentiae etiam. 
Jiliis ti'ae deditis morti et poenitentiam non acturis : quia sunt in- 
ter illos vel exorturi sunt de Ulis filii misericordiae — . 

g) Enc/i. 11?. C. D. %l, 23. „Vielleicht bei Einigen nur Läute- 
rungsstrafen." und die mitissi7ria poena eorvm qui praeter pecca- 
tum — originale, nulliim insvper addiderunt, und wieder mitior 
auch unter den Anderen — encliir. 93. Mitissima damnatio der ün- 
getauften — pecc. mer. 1, 21. 

A) In die Frage über den Ursprung der Seelen (Julian gebrauchte 
von seinen Gegnern den Namen Traduciani) wollte sich A. nicht zie- 
hen lassen. Gegen Vincentius Victor in Alauritanien : de anima et 
ejus originc. 4 ßb. Retr. 1, 1. %, 45. 

i) Hiergegen bei Julian oft sehr rationalistische Aeasserungen über 
die Grenzen der Schrjftauctorilät. 

k) Don. persev. 57 : Praedest. non ita popiilis praedicanda est 
etc. Praeseientia Bei, ut hominis segnitia repellatur, solle gepredigt 
werden. — Die ganze Schrift de dono perseverantiae. 

l) Daher bei Cassianus ebensowohl {Coli. 13, 9): nonmiiiquam 
etiam per nat. bonum voluntatmn, bonarum producit principium — , 
als (13, 13): nonniinquam etiam inviti irahimur ad salutem 
eins inspiratione. 

m) Prosper Aquitamis {Phot. 54. ÜQoansQos rte av&QOJTros ojs 
dXijdws Tov -d-tov), wahrsch. Laie. Hzst. lih d. l. Fr. II. 369 ss. Opp. 



Die cliristl. Dogfmengeschiclite, Erster Thell, 177 

persönlicher Anhänger von ihm. Der Presbyter und Manch zu 
Massilia, Joh. Cassianas, aus Chrysostomus Schule (gest. um 
448)"), heginnt die Reihe derer, welche seit dem Mittelalfer 
Semipelagianer genannt werden"). Doch entwickelten sich 
diese Angelegenheiten erst in der folgenden Periode. 

§ SO» 

Auf solclie Weise wurde denn in der zweiten Periode 
der Dogmeng^cscliichte die Glaubenslehre dui^ch die 
Kirche ausgebildet. Zu gleicher Zeit stellte sich die 
Kirche ToJlkommen als äusserliche Vereinigung und 
Macht auf. AJier beide, Dogma und Kirche, niusstcu in 
dem Masse, wie die christliche Welt an Umfang und im 
Geiste zunahm, noch viele Zustände hindurchgebu , um 
sich zuerst zu befestigen, dann allmälig zu reinigen. 



. Dritte Periode. 

Die Befestigung der Glaubenslehre nun geschähe 
zuerst von Aussen, durch die Hierarchie'): indem 
diese theils über dem Itirchlich Festgesetzten festhielt, 



zuletzt Rom. 758. 8. An Aug. 426. Brief de reliquiis Pelagianae hae- 
reseos (Aug. Briefe 235: dazu Hilarius, ob des von Arles? Br. 226) 
nach A. Tode zu Rom wirksam gegen die Semipelagianer. 

Weitere Schriften : de gratia Dei et lih. arb. contra Collatorem 
— Carmen de ingratis s. jisgl r. axagiarojv {Ingrati beissen auch bei 
Aug. die- Gegner, doch in dem Sinne {don. persev. 16), dass sie das 
göttliche Recht Alle zu verurlheiien, nicht bedächten). Responsiones 
ad eapitula ohiecHonum Vincentianarum, , und respp. ad eapitula 
calumniant. Gallorum. 

August, de praedestinatione ss. und de dono persev. gegen diese 
Massilienser und an Prosper. 

Coelestin. ad Galt, epp.., Maus. 4. 454 ss. 

n) Hist. lit. d. l. Fr. IL 215 ss. 6?. Jf^iggers: de lo. Cass. Mas- 
siliensi qui semipelagianismi aucior vulgo perhibefur, Rost. 824. 
2Abhh. und Art. Joh. Cass., AEnc. l.Sect. 21. Th. lo. Geffcken: 
hist. Semipelagianismi antiquissima. Gott. 826. 4. 

Grieche oder Scythe: b. Phot. 197 Römer: seit 415 in Massilia. 
Opp. Jtrebat. 628. f. oft in Deutschland nachgedr. {Bibl. Lugd. 7.) 
De institutis coenobioi'um 12- Collationes Patmm sccticorum 24. 
(Hier die 13. vornehml. : de protectione Dei: zugleich gegen Augu- 
stinische u. pelag. Lehren.) l?e incam. Chr. oben erw. 

o) Nat. Alex, de Semipelagg. haeresi — H. E. sec. 5. 
Dogmengeschichte. *^ 



178 Allgemeine DogmengcscLlchte. Dritte Periode. 

tlieils demselben allentLalben. wo, sie sicli liin erstreclite 
und wo sie neu gründete, Anerkenntniss vcrscli.afl'tc. 
Diese Periode^) ist äusserlicli länger als die bisherigen, 
auch als alle die naclifolgcnden ; aber die Kirche, das 
Wirken derselben nnd ihre Erwelterimp;, herrscht in der- 
selben vor: und die d o gm en geschichtlichen Mo- 
mente sind nur über einzelne Stellen dieses weiten Zeit- 
raumes vertheilt. 

1. Der Name der Hierarchie erhielt in dieser Periode 
seine unter uns gangbare Bedeutung''). Die griechisehe Kirche 
hat ihn fortwährend nur so gehraucht, wie er sich hei Diouysius 
Areopagita findet: von Einrichtung und Ordnung- der Geistlich- 
keit in sich selbst. Auch der Begriff der kirchlichen Macht ist 
bei den Griechen nie dem der Lateiner und dem römischen gleich 
gewesen. Dort wurde das Volk^ die Gemeine, nie ganz daraus 
verdrängt, die Staatsgewalt trat nach dem politischen System, 
welches dort herrschte , an dessen Stelle ^) : hier bedeutet er 
die Ansprüche und die Macht des Klerus über die Gesellschaft 
und selbst über den Staat. 

2. Vom Chaicedonischen Concilium .und den darum liegen- 
den Ereignissen aus lassen wir diese Periode bis in die Zeiten 
Gregor's VII. fortlaufen. 

§♦ ©!♦ 

Der Einflüsse von Aussen hat es in der Periode noth- 
wendig noch ^venigcre gegeben als in der vorigen: da 
die Kirche theils zu selbständig, weniger aneignend ge- 
worden war, theils überhaupt nicht mehr jenen Trieb zu 
entwickeln und zu schafTen hatte ^ wie die de.^ nächstvo- 
rigen Zeiten. Aber die Berührungen der Kirche mit dem 
Fremden wurden nothwendig bedeutender, vielseitiger: 
und in einzelnen Stellen und Zeiten wurde das Chri- 
stenthum von dem Fremden überboten. Es kommen hier 
Tornehmlich dreierlei Berührungen und Einwirkungen in 
Betracht: die von deni Heidentliume her, philosophi' 
schem und anderem, vom Judenthume und vom Islam. 



• a) ,, Herrschaft des Heiligen", Corder. findet diesen Begriff auch 
entfernter bei Dion. Areop. („i7ismuat et quasi simul co7inotat su~ 
periorum praelationem — "). Maximus, Schal, ad Di. II. p. 56 er- 
weitert den areopagit. Begriff: Hierarchie to. y.a&oP.ixws ■&£cu^ovfi£va 
xal Xbyöfitva, tj xal TTQaTXufisva iregl rojv it(joiv- 

b) Die byz. Kaiser legten sich Melchisedekit. Prieslerrecht bei. 



Die clirlstl. Dog-meng^escMclite. Erster Theil. 179 

§♦ ©»♦ 

Die lieldnisclie Plillosoplue inaclite ilire letzten, mir 
noch schwachen^ Anstrengiinj>en gegen das Clirlslen- 
tlium ^). Die kircliliclie entwickelte sieh durch diese Pe- 
riode nur wenig: aber der kirchliche Piatonis mus zog 
sieh hei den Griechen mehr in die Klöster zurück^), -wäh- 
rend das kirchliche Lehen und die Schule immer mehr 
von Aristoteles aufnahm^), und im Ahendlande bereitete 
sich seit dem 9. Jahrhunderte schon die Herrschaft der 
Philosophie des Aristoteles yor^) 

1"). Die Schule {Siadoyi]) des Proklus zu Athen (ob-S. 108) 
war die letzte Erscheinung der heidnischen Philosophie, auch im 
Verhältnisse zum Christenthume. Sie wurde unter Justinian ge- 
schlossen 529 ''), und lebte auch mit den, aus Persien zurück- 
gekehrten, Meistern nicht wieder auf*^). Dieser späte Piatonismus 
hatte in Geist und Sprache imnaer mehr vom Christenthum an- 
genommen'^), in welchem allein ja der philosophische Geist die- 
ses und des Mittelalters seinen Halt und seine Kraft fand. 

2. Fi'eiere platonisirende Erzeugnisse waren die Schriften 
vonAeneas von Gaza und Zacharias von Mitj^lene, 5. und 
6. Jahrhundert^). Aus den Klöstern und eben daher in der My- 
stik der griechischen Kirche dringen durch das Mittelalter hin 
noch manche einzelne Stimmen platonischer Art und Schule. 
Doch mehr noch (und auch dieses war ein grosses Verdienst) 



a) H. G. Tzschirner, Fall des Heideothuins. Leipz. 829. I. ^^ 
Betcgnot: hisloire de la destruction du paganisme en oceident. 
Par. 835. IL • 

h) Damascius von Damascus, Phot. 130. (Bücher über Wunderge- 
scLichten, enthaltend dSt'vara •/■• a.Ttl-d'ava, y.al y.axuTrXaaTct repcero— 
lMyr]ua.Ta) 181. 343 (Leben Isidor's). 'A-KogLai xal Xvasts ttsqI tüjv 
TTQi'jTutv dgywv. Ed. los. Kopp. Frf. 826. 8. 

c) Jgatiiiac Ilist. (Bonner A. d. Byz. 1828) 2, 30 f. (Nach Persien 
ausgewandert, tTreiS-^ avrois rj Tta^a I'wfiaiois y-garoiaatnl tw xQtir- 
Tovt {von Gott) Sö^a ovy. V/Qioxt — ital npoSys mtugrjfjtEvov avTole 
£« rfw vofiojv dStojs ii'Tov'd'a ifiTtoXirtvta&av. Nach ihrer Rückkehr 
(533) von Chosroes ßionvsiv dd'sojs ausgewirkt^ oiSsv uriovv niga 
Tüjv Soy.ovPTOJV (pQovüv ?] fiaraßaXkEiv Triv irargomv So^av avayxa— 
^oiiirote.) Jo. Malalas Chronogr. 18. S. 451. (ders. A. 1831): Just, 
verbot in Athen Philosophie zu lehren und Gesetze auszulegen. 

d) Begriffe und Namen von Glauben, Ewigkeit, Unaussprechlichem 
u.. s. w. Vgl. in. Opuscc. 312 ss. 

e) Aeneas von Gaza und Zach., früher von C. Barth (1658. 4.). 
uden. Gazaeus et Zacharias Mitylenaeus de immortalitate animae et 
mundi consummatione — ed. lo. Fr. Boissonade. Par. 836. 8. 
Hier auch Theoph. IFernsdorf. Diss. de Ae. G. 

12* 



180 Allgemeine Dogmengescliiclite. Dritte Periode. 

heschäfligten sich in diesen Klöstern Abschreiber und Gramma- 
tiker mit den Denkmalen alter Philosophie^). 

3. Merkwürdig ist die Aufnahme der aristotelischen 
Philosophie hei den Monophysiten^^. Theils hatte sie ihren 
Grund in den Studien der damaligen syrischen Kirche, theils in 
der Abwendung von Alexaudria, dem alten Sitze des Platonis- 
mas, theils fand die Speculation der Monophysiten , ja selbst 
ihre dogmatische Meinung, den meisten Anhalt eben in Aristo- 
teles. Daher denn die arist. Philosophie zuerst unter denen des 
Alterthums sich in die Sprachen des Orients ' schicken- musste. 
Der wichtigste Vertreter dieser Philosophie ist der Alexandriner 
Johannes Philoponus gewesen im 6. Jahrb. ^) Sie führte den- 
selben auch in die beiden Vorstellungsweisen hinein, welche als 
unkirchlich angesehen Avurden : dass, wie es keinen Unterschied 
gebe zwischen (pvois und vnoGTaöis^), auch von drei (pv- 
C€ig^) im göttlichen Wesen die Rede sein könne ^), und, weil 
mit dem Stoffe auch die Form des Leibes untergehen müsse, die 
Auferstehung als eine neue Schöpfung (y.atvov koo/liov yive-' 
atg) vorgestellt werden müsste. Auch Philoponus wird zu einer 
syrischen Schule gerechnet, zu der des Joh. Ascusnages in 
Coustantinopel ""). 

4. In der lateinischen Kirche leuchten im 6. Jahrb. für wis- 



f) Erneunng der pfailosophischea Studien zu Constantinopel um 
864 durch Bardas: Schlosser bilderst. K. 618 ff. Die Psellus (Leo 
Anat. de Psellis eorumqiie scriptis : Fabric. Bibl. Gr. X. Oudin. II. 
646 ss.): der berühmteste Mick. Psellus um das Jahr 1050. Vgl. 
^'sXXos {de operatione daemonum, und inedita) ed. I. F. Böisso- 
nade. Norimb. 838. 8. 

g) Degerando ob. erw. B. IV. 157 ss. Semler. seil. capp. H.E. 
I. 373 SS. 

Ä) Nioephor. 18,45 — 49. (Jn hexaem. und de pasckate, herausg. 
von B. Corder. Wien 630. 4. Ob. erw. Sehr, gegen Proklus) Pliqt^ 
Angaben von J. N. Schriften, cod. 21 — ;i3. 55. 75. und 50 Nikias 
Schrift gegen J. Ps. Buch: ^tairTjrijt (Fragm. bei Jo. Dam. de hae- 
res. 83) — Fabric. B. Gr. X. F. T rech sei, Joh. Philoponus. Th. 
St. u. Kr. 1835. I. 95 ff. 

Leonf. de sectis act. 5, 6. Tiinoth. de reo. haer., Cofel. vionn. 
eccl. gr. III. 413 s. 

i) I. G. Scharfenberg : de I. ,Ph. tritheismi defensore. L. 768. 
{Comm. ih. Velthvsen etn. I) für wirklichen Tritheismus. 

Ä-) Zweifelhaft ist es (Trechsel), ob Ph. den Ausdruck •ö'£otj;t£?, 
wie früher, auch in späterer Zeit gebraucht habe. 

/) Dazu kam die kirchl. Consequenz aus der Anwendung des Gatr 
tungsbegriifes auf die Trinitätslehre {xQÜe fiSQixal ovaiai) und des- 
sen nominalistische Auffassung. 

vi) Asseman, Bibl. Or. II. 3^7 ss. 



Die clirlstl. Dogmeng-eschlcLte. Erster Theil. 181 

senschaftliche und philosophische Bildung, und zu LIeihender 
Wirkung, hervor A. M. T. Severinus Boethius (gest, 
524) ") und M. Aurel. Cassiodor"). Wir haben keinen Grund 
zu zweifeln, dass es Einer und J>erselbe habe sein können, wel- 
cher, wie es unter Boethius Namen angenommen wird, platoni- 
sche Lehren mit christh'cher Weisheit zu verbinden, und ari- 
stotelische Denkformen auf die höhere Glaubenslehre (Trinität 
und Menschwei'dung) anzuwenden gesucht habe^). Mit dem 9. 
Jahrhundert i) beginnt die Bekanntschaft der abendländischen 
Schulen mit den Originalen der alten Philosophie, insbesondere 
mit einzelnen aristotelischen Schriften, und die Bemühung die- 
selben bekannter zu machen. Selbst in die Volkssprachen gin- 
gen diese Bestrebungen zugleich mit der allgemeinen Bildung 
und Schule über, welche in dem fränkischen Reiche und in der 
englischen Kirche eingeführt wurde'). Aber es musste sich das 
Volksleben selbst erst überall besser begründen, kräftfgen und 
durchbilden, und die Kirche mehr in das Interesse der Wissen- 
schaft mit eingehen, ehe die wissenschaftlichen und philosophi- 
schen Einflüsse durchdringen konnten. Einzelne bedeutendere 
Erscheinungen treten in den kirchlichen Controversen des 9. 
Jahrhunderts hervor: vor Allen der unten darzustellende Jo- 
hannes Erigena. 

§♦ 63* 

Eine Naclnvirliuniy der alten Itetdnisclien Einflüsse in 
die Kirche, wie sie sicli als Maniehälsmus fort erhielten, 
zeigt sich In dieser Perlöde in der Partei der Paul iela - 
11 er ^). Sie mag ganz den alten Charahter dieser Seeten 
gehabt haben: nur hat sie, wie es scheint, noch cnt- 



n) (Gervaise) histoire de Boece, Par. 715. II. 

o) Stäudlin über Cass. , kirchenhist. Archiv 1825.. Opp. ed. lo. 
Garet. Rotom. 679. II. Cassiod, und Martianus M. Fei. Capella, ein- 
flussreich im lat. Mittelalter (M. Cap. de nuptiis PhüoJogiae et Mer- 
curii et de scpfein artt. liberal,, ed. U. F. Hopp. Frcf. 836. 8.). 

p) Boeth. opu-iec. sacra, auch an der Ausg. de consolatione phi- 
hsophiae im P. Bertius {L. B. 671. 8). Als heidnischer Philosoph 
angesehn, und diese Schrr. B. abgesprochen, unter And. von F. Hand: 
AEnc. XI. 285 ff. 

q) F. A. Staudenmaier: Joh. Sc. Erigena und d. Wissenschaft 
seiner Zeit. I. Frkf- 834. S. 41 ff. He feie, wissenschaftl. Zustand 
im südwesll. Deutschland u. in der nördl. Schweiz während des 9. 10. 
11. Jahrh. Tbeol. Quartalschr. 838. %. 

r) E. G. Graff : Althochdeutsches, dem Anfang des 11.. Jahrhund, 
angehörig. Berl. 1836. 37. (Uebs. u. Erläut. von Arist. nsQl sQfiTjv.. 
u. Kateg. — der fiiuf Bß. Boeth. de cons. ph.) 



182 Allgemeine Dogmengescliiclite. Dritte Perlode. 

schiedener den Hass g-egen das Klrclienthum zu Tage ge- 
legt, indem dieses ja jetzt bestimmter, geordneter, mit 
Einem Worte bedeutender, der Partei gegcnüberstahd^). 

1.") Die Paulicianer, aus Syrien stammend, k;inien aus Ar- 
menien herüber, näher also an den alten Sitzen des Manicbäis- 
mus, und halten durch die Jahrhunderle, vom 7. bis zum 9., 
ihren Bestand in Thracien. Sie werden in zwei Quellenschrif- 
ten des 9., von Photius und Petrus Siculus, nach Zuständen 
und Lehren, geschildert. Der Name mag allerdings vornehm- 
lich mit Rücksicht auf den Apostel Paulus gewählt worden sein, 
indem Petrus das Kirchenlhum repräsentirte ''). 

2. Der Dualismus war auch hier die eigentliche Ginindleh- 
re '^), wiewohl das Ganze mehr den allgemeinen Charakter ge- 
habt zu haben scheint von heidnischem Naturalismus, welcher 
sich in chrislliehe Formen zu kleiden suchte ''). Aber dann 
soll sie die bestehende Foi'm und Art der Kirche °), das Prie- 
sterthura (ihre Lehrer haben Mitwanderer geheissen, avi^ez- 
fhjjLioi, nach AG. 19, 29. 2 Kor. 8, 19. und wegen der Un- 
sicherheit des äusseren Lebens in der Partei ^)), sogar die ur- 



a), Photius tcsqI rrjS tuv Mavi.y_aiwv draßXaortjcso}? 4 Bb. , /. 
C. Wolf, anecdd. gr. I. IL Galt. ÄIIJ. Petrus Siciih/s taxogia 
TTEol rijg — ai(Jtasvjg Maviyaiuiv tvjv xal IlavZtxiavwv ?,tyO/Uivojv. 
Ed. M. Rader. Ingoist. 604. 4. lo. Dam asce?i. SiäXoyo? xazd Ma- 
vtyaidjv. Opp. Leqii. I. 428 ss. Vertlieidigt von Gibbon u. A. (Ge- 
gen Neander h. Bernli. 333. Windischmann, Mitthh. aus der arme- 
nischen Kirchengesch., theol. Quartalsehr. 1835. I.) F. Sclnaid. hist, 
Paulicianorum orientaliuin. Havn. 826. Engelhardt d, Paulic, 
Winer u. Engelh. n. k. J. d. th. Lit. VIF. 1827. 1 iF. 129 If. Gie- 
seler, th. St. u. Kr. II. 1. 79 ff. (ünterss. ü. d. Gesch. d. Paulic.) 
lo. Philosopln(y. Oznan 7. Jahrb.) covtraPaulic. Opp. ed.Aucher. 834. 
6) Nach Phot. u. P. Sic. haben sie in ihren Stiftern den Apostel 
sogar wieder aufgelebt geglaubt {avxrjV rijv viröornatv v.al viiaQ^iv 
sts iavTovs dpankäaaovai Phot.). Nach Gieseler u. A. haben sie sich 
nie selbst so genannt. 

c) Himmel und Welt: diese aus Finsterniss und Feuer bestehend. 
Doch ist, wie Gies. bemerkt. Alles einfacher als im Manichäismus, 
und mehr im Sinne der syrischen Gnosis. 

d) Doch hat es auch eine minder gerdhrliche Art derselben gege- 
ben : denn die Ikonoklasten haben sich theihveis mit ihnen vereinigt, 
und auch ihre äusserliche Geschichte hängt zum Theile mit dem Bil- 
derstreite jener Zeiten zusammen. 

e) Die Verehrung der Maria haben sie verworfen, weil Christus 
nicht von ihr geboren worden sei , sondern auch als Mensch himmli- 
scher Abkunft gewesen. 

/) Auch vozäqioi, mit einem weltlichen Titel, oder, nach Nean- 
der, Sohriftabschreiber. 



Die chrisll. Dogmengcscliiclite. Erster Tliell. 183 

christlichen Gebräuche, Taufe und Abendmahl, verworfen ha- 
ben °). Das freie Schriftlesen wird hier zuerst im Zusammen- 
hange mit dem Hasse gegen Kirche und Priester erwähnt, und 
demnach auch zuerst als etwas ünkirchliches aufgeführt ^). 
Wiederum zeigen sich hier entgegengesetzte Berichte über ihre 
sittliche Verfassung : diejenigen sprechen freilich lauter, welche 
ihnen die Sittenrlosigkeit vorwerfen. Ihre Geschichte ist zum 
Theile politisch *). Durch das ganze Mittelalter hindurch ist die 
Sage von manichäischcn Secten in diesen Gegenden stehen ge- 
blieben 5 auch unter dem Namen der Paulicianer : die Bogomi- 
ten haben ohne Zweifel mit ihnen in Zusammenhang gestanden. 

Weit wiclit!{jcr alier, als die Berülirung- mit dem Ju- 
den tli um für die Kirche dieser Zeiten sein konnte (ob- 
wohl dieses sich jetzt sowohl neu zu gestalten als auf 
mancherlei Weise gegen das Christenthum zu regen Le- 
gann) ^), wnrde die Stiftung des Islam (J. 622), und 
zwar sowohl für das äussere, als für das innere^ Leben 
der Kirche. Diese Religion hat vom Anfange herein und 
fortwährend nur durcli die Verdorbenheit und die Schwä- 
e!ie des kirchlichen Ghristenthums, dessen Begriffe und 
Kräfte sie sich anzueignen immer bemüht war, Bestand 
gehabt^). 

1. Es kam im Judenthurae dieser Periode zu wichtigen Ent- 
wiekelungen , wenn sie gleich , wie es ja in der Kirche der- 
selbe Fall war, erst in der folgenden bestimmter und tüchli- 



g) Taufe und Abendmahl seien nicht als Uusserliche Gebräuche von 
Jesus gestiftet worden, sondern unter dem Wasser des Lebens sei er 
selbst zu ve'rstehn (Job. 4, 14 fi". 7, 38 ff.), im Abendmahle habe er 
sein erquickendes Wort verstanden {avfißoXixojs rd Qij^ara. alrdv 
avToi? iA/fVoj;). 

Ii) Verschiedenheit im paulician. Kanon N. T. wird in einer Rand- 
bemerkung bei Piader erwähnt. Einige haben nur 3 Ew., und vor- 
zugsweise das Ev. Lucä, und die Paulin. Briefe, auch einen an die 
La od. gehabt. Dieses würde nun ganz der Kanon des Marcion ge- 
wesen sein. Das A. T. haben sie (nach Job. lO, 8) verworfen. 

i) Raubzüge, Krieg mit den Byzantinern, Verbindung mit den Sa- 
racenen. Endlich Versetzung nach Philippopolis durch Joh. Tzimisces 
im Ausgange des 10. Jahrhund., wo die Tradition der griech. Kirche 
noch jetzt Üeberbleibsel von ihnen annimmt. (Schmid a. 0. und die 
neuesten Berichte b. Neander 4. 450). Ausserdem in Armenien, 

Ihre Gegner 'Pojfiaioi genannt, wohl in der zwiefachen Beziehang, 
auf Rom, den Siiz des Apostel Petrus, welchen sie verwarfen, und 
auf das Byzant. Reich: vielleicht auch (P, Sic. S. 17) als mit einem 
heidnischen Namen. 



184 Allgemeine Dog^cngesclilelite. Dritte Periode. 

ger hervortreten*). Hierdurch und durch die Verbindung mit 
den Arabern begannen die Juden der Kirche von Neuem ver- 
dächtig und bedenklich zu werden. Agobard gehörte zu den 
kundigsten Bestreitern derselben, unter ihnen selbst trat, vor- 
nehmlich seit 8. Jahrb., der Kampf zwischen Rabbaniten and 
Karäern ein. 

2. Der Islam ^) will nichts Anderes sein als der patriar- 
chalische einfach - ernste Monotheismus*^), aber verbunden mit 
der, und zwar nach Aussen gewendeten, urchristlichen Idee 
von geistiger Weltvereinigung und von der Wirksamkeit für 
dieselbe : so dass die christl. Begeisterung in ihm zu einem 
fanatischen Hineinstürmen in die, angeblich dem Heidcnthume 
verfallene , Welt wurde. Auch die Person von Muhammed 
suchte sich auf eine urchristliche Basis zu stellen : sie trat als 
die Erfiillung einer Weissagung Christi auf^). Und der' Koran 
entlehnte viel Sinniges aus den heiligen Schriften der Juden 
und Christen : seine Dichtungen waren zum Theile aus den 
Apokryphen derselben genommen. 

Aber der Geist dogmatischer Spitzfindigkeit und Streitsucht 
und das Dogma der Kirche, wie es eben bestand, gaben dem 
Islam den Vorwand zu seinen Anklagen des Christenthums : 
eben dieselben führten ihm Schaaren von Christen zu, welche 
entweder von ihrer Sache nicht mehr befriedigt und gehalten 
wurden, oder von der orthodoxen Kirche ausgestossen worden 



ö) Doch das Buch Jezira wird in diese Periode mit grösster Be- 
stimmtheit gesetzt. (Zunz: d. goltesdienstlichen Vortrage der Juden. 
S. 105 f.) Ausg. von Rittangel. 643. (D. von J.F. v. Meyer. L. 830. 4.) 

b) Maracei prodromus Ale, vor dessen Ausg. Patav. 698. f. 
A. Rcland: de religione Muhammedica IL Trat. 717. Garcin de 
Tassy: exposition de la foi Muselmane. Par. 824. und Dessen do~ 
ctrine et devoü's de la rel. Muselm. Par. 826. (üebss. arab. u. türk. 
Origin.) Dettinger: Beitr. zu e. Theologie des Koran: Tüb. Ztschr. 
f. Th. 1831. 1. 1835. 4. 1837. 4. — J. J.'ign. Döllinger: Muh. 
llel. nach ihrer inn. Entwick. u. i. Einfl. auE das Leben d. Völker. 
Regensb. 838- Ewald: aus Muh. Leben. Zeitsebr. f. d. Kunde des 
Morgenl. L 1837. 87 ff. 

c) Abr. Geiger: was hat Muh. aus dem Judenthum aufgenom- 
men? Bonn 833. 8. 

d) Norberg. quid Muhammedani de Christo sentiant'f Opuscc. 
3, 458 SS., {Mokier) ü. das Verhältniss, in welchem nach dem Koran 
J. Chr. zu Muhammed und das Evaagclinm zum Islam steht. Theol. 
Quartalschr. 830. L 

Sur. 61, 6. „Muh. von Jesu als Achmed verkündigt". Statt cra- 
pdy.li]xos entweder TnQlxlrjXoi (Maracei) oder jia,Qax?MT<ts (Wahl). 



Die cLristl. Dogmengesclilclite. Erster Tiieil. 18ä 

waren °). Es wusste sich auch die ursprünglich so strenge und 
abgeschlossene Religion Muhaniraeds allmäh'g so gewandt in 
freiere Formen zu kleiden, ja die alte Philosophie gewann 
eine vorzügliche Stütze an ilir'), so dass auch in dieser Be- 
ziehung die erstarrende, hierarchische Kirche hinter ihr zu- 
rückbiicb. Selbst die Lebendigkeit und die Kraft, mit welcher 
der Islam lange Zeiten hindurch vorwärts drang und herrschte, 
riss Vieles aus der christlichen Welt mit sich fort : und von 
einer anderen Seite hatte die Kirche damals nicht die volle 
sittlich-bildende Kraft mehr, um dem zu widerstehen, was je- 
ner Einschmeichelndes und Reizendes für die gemeinere Natur 
der Menschen haben mochte. Endlich zerfiel der Muhamme- 
danismus -schon in seinen ersten Jahrhunderten in so viele 
Secten, dass der Sectengeist unter den Christen sich nach al- 
len Seiten hin in ihm bergen und befriedigen konnte °). In 
allen diesen Beziehungen hatte das alte Wort wohl Recht : 
dass Muhammeds Sache ein Strafgericht gewesen sei für die 
verdorbene Christenheit. Aber gegen die reine und volle Kraft 
und Wahrheit des Christenlhums hat jene keine Macht: sie. 



e) Oelsner: des effefs de la rcl. de Mohammed pendant les troia 
prejniers siecles. Par. 810. (D. Frankf. 810.) 

/) Leo African, de, viris quibusdam illustrihus apvd Arabcs. 
Fabric. B. Gr. XIII. I. G. Buhle: de stiidii graecai'uj/i litt, infer 
Arahes initiis et rationibus. Coinm. S. R. Gott. XI. 21(3 ss. H. 
Middeldorpf. de insiitutis literarns in Hispania qvae Arabes aii- 
ciores habiieriint. Gott. 811. A. Thoiuck. de vi quam, philos. 
graeca in theol. Mufi. et ludd. exercuerit. Hamb. 835 s. 3 Progr. 
Fr. Aug. Sehmoelders. dociimenta philosophiae Arabtim — pr. 
ed. Bonn. 836. Ferd. Wüsten feld, die Akademie'n der Araber 
und ihre Lehrer. Gölt. 837. Casiri bibl. ar. hisp. Escur. u. s. w. 

In die ersten Zeiten des Islam fallen die Kalifen Almansur, Haran 
Alraschid, Almamun, 8. und 9. ehr. Jahrh. 

g") Muh. Secten: Herbelot Art. Alcoran. De initiis religionmn 
in Or. dispcrsarum — ed. G. H. Bernstein. Ber. 817. S. de Sacy: 
expose de la religion des Druzes. Par. 838. II. 8. introduction. 
Döllinger angf. Abh. 

Es scheint sehr nahe zu liegen, dass in manche muh. Secten sich 
selbst christliche Streitigkeiten und Controversen hineingezogen 
haben. Andere Secten entstanden auch durch den Widerspruch gegen 
die christl. Kirche. Von Beiden zeigen sich Spuren in der vielgespal- 
tenen Trennung zwischen den Systemen des Teschbih und Tatil 
(Vermischung u. Enlleernng: Anlhropomorphismus und Leugnung aller 
Attribute Gottes). Die Vorstellungen, welche sich in den ketzerischen 
Secten des Islam festsetzten, vom Gottmenschen, von seiner glanzvol- 
len Rückkehr u. s. w. stammten wohl auch mehr aus dem Christeu- 
thum, als aus morgenländischen, z. B. magischen, Lehren. 



186 Allgemeine Dograengcscliiclite. Driite Perlode. 

\i-elclie ja nicht einmal der ursprüngliche und reine Geist des 
mouolheislischen Orients ist''). 

Innerliche Einwirkungen des Islam in seinen ersten 
Jahrhunderten auf die Kirche sind gewesen : Anregung für die 
chrisliiche Apologetik und Darhielung neuer Seiten für sie — 
freilich anfangs unter grossen Misversländnissen'), — Besdirän- 
kung des, mehr oder weniger ernsllichen und bedeutenden, po- 
lytheistischen und idololatrischen Zuges in der Kirche — spä- 
terhin auch defslische Bewegungen'^), und an anderen Stellen 
jene wissenschaftlichen Anregungen. — Wichtig war es auch, 
dass die grosse kirchliche Spaltung im Orient durch die Er- 
scheinung von jenem zwar befestigt, aber zugleich doch eine 
weitere innerliche Trennung und das unendliche Fortspinnen 
der Controvers über das noch nicht ganz durchgesprochene 
Dogma, abgeschnitten wurde'). 

In der Gescliiclitc der Klrclie dieser Periode liegen, 
nebeii dem bisher sclioa Berührten, bedeutende Momente 
für Entwickelung und Richtung- von Geist und Gedanken: 
am allermeisten in der Ausbildinig der Hierarchie (welche 
dieser ganzen Periode ihren Charakter giebt), dann in 
der Trenäuing der beiden Kirchen, des Occidcnt und des 
Orient^), endlich in der Entwiekelung des Mönchswe- 
sens im Occidcnt, mehr für den Dienst der Kirche und 
der Elierarchie, als im ursprüngiichea Geiste des asketi- 
schen Lebens -). 



//) K. Rosenkranz, über die eigenthümliclie Weltstellung des 
Islam. Der Frcihüfen 2. H. (Alt. 838.) 127 IF. 

i) Jo. Dainaseeniis, Tlieod. Abnkara, die fi-üiiesten. Sylhurg. Sa- 
racenlca. Ueideib. 595. ( voriiebml. aus Eulhym. Zig-ab.) Le Moyne 
varia sacra {L.B. 685. II. -4): BarUiol. v. Edessa und y.aToi MawfiiS. 

k) Das 9. und 11. christl. Jahrhundert hat im Islam diese deisti- 
sche Richtung entwickelt. (J. v. Hammer, Gesch. der Assassinen. 
StuUg. cS18. S. da Saci/ angF. W.) Von den möglichen oder wirk- 
lichen Einflüssen dieser Secten auf die Kirche, unten. 

/) Muhammedanische Ansichten von dem damaligen Sectenwesen der 
Kirche: Tahi-eddüii- M a kr i ^ii (i5. Jahrhund.) Iiistoria Copforuin 
Christianorum in yle'^-yijtu , ar. et tat. ed. ILl. IFctzer. Sulzb. 837. 
(Hammer) encyklop. LJebersicht d. Wissenschaften des Orients. S. 424. 
(Aas türk. Quelle: 3 christl. Secten im Orient: Malekiten, Jacobiten, 
Nestorianer — nur ein Theil der Gottheit in der Menschheit aufge- 
löst — die Gottheit verwandelt in Menschheit — hat nur gestrahlt in' 
er Menschheit.) 



Die clirlstl. Dogmengescbiclile. Erster Tliell. 187 

1. Die Trennung der Leiden Kirchen war ohne Zweifel 
eben so sehr eine unerfreuliche Erscheinung dieser Periode, 
als sie nach Geist und Zuständen der Kirche unvermeidlich war. 
Aber vornehmlich in dreifacher Hinsicht big dennoch etwas 
Gutes für diese Zeiten in ihr. Die Streitigkeiten, welche sie 
erregte, frischten den Geist des 9. und 11. Jahrhunderts in 
beiden Kirchen an. In die griechische Kirche flüchtete sich 
ein Theil der Oj)position gegen die Römische Kirche, und es 
blieb in ihr die Protestalion gegen diese stehen — jene Kir- 
che bestand als achtungswerlhe Eigenthüinlichkeit und als Zeug- 
niss und Bild des christlichen Alterlhums für die Betrachtung 
des Abendlandes. 

2. Eine Verschiedenheit des morgen- und abendländischen 
Mönchthums ") hat es immer gegeben : sie lag in dem oben 
(S. 93) bezeichneten Unterschiede der Askesis in den beiden 
Kirchen. Wie sich aber das Mönchswesen in der Lateinischen 
Kirche seit dem 6. Jahrhund, entwickelte, erhielt es durchaus 
eine mehr praktische und ausser liehe Richtung und Be- 
deutung als in jener, es wurde mehr Arbeit,' Werk, freilich 
in verschiedener Weise nach Zeit und Verhältnissen ; ara mei- 
sten und am entschiedensten als Werkzeug der Hierarchie. 

Ein Wahn übrigens, welcher sich im 10. Jahrb. verbreitet 
hatte, wahrscheinlich gemischten Ursprungs aus heidnischen'') 
und apokalyptischen Vorstellungen, der vom Ende der Dinge 
nach dem 1. christlichen Jahrtausend, hat vielleicht tiefer, als 
man meinen sollte, auf Geist und Stimmung wenigstens jenes 
Jahrhunderts eingewirkt. 

§♦ ©©♦ 

Der Geist der Klrclic dieser Zeiten war demnach ein 
scldcclitlHu conservativer in Beziehung: auf das hirehliche 
Dofjnia;, hierhei sich der Hierarchie unterordnend, und 
dieser gemäss melir auf das AeusserJiche der christiichcn 
Glanhenslehre gerichtet^). Im Innersten der 'Kirche be- 
reitete sich indessen samtnclnd und coneentrirend Vieles 
für die folgende Zeit vor^). Die dogmatische Richtung 
veränderte sich nicht von der der vorigen Periode : auch 
die Streitigkeiten derselben waren, so weit sie nicht 



a) /Int. 1). AUcscrra asceticwv s. origg. rei monasticae lihri 10 
(Par. G74. 4.) rec. — Chr. F. Glück. Hai. 782. 8. 

b) Nach Mone, Creuzxr Symb. II. 841 ält. A. 



488 Allgemeine Dogmengicselilclite. Dritte Periode, 

aiicli von dem Aeussern (Zustand und Form der Kirche) ') 
veranlasst wurden, nur Fortsetzungen der vorigen. 

1. Im Geiste der Hierarchie lag auch die Freiheit der Mei- 
nung'en und die Unentschiedeßheit der Controvers, welche wir 
in difesen Zeiten noch in der latein. Kirche, versteht sich in 
dem , was nicht im Symbol feststand , wahrnehmen : immer 
nämlich so lange aber, als Idee und Verfassung der Kirche 
nicht berührt und erschüttert wurde. 

2. Diese Vorbereitung für die folgende Zeit fand beson- 
ders in der Chi'istenheit germanischen Stammes Statt : zu wel- 
cher ja überhaupt der Geist der Kirche Übergegangen war. 
Die Scholastik, welche sich hier jetzt vorbereitete, hat ih- 
ren eigenlhünilichen Charakter dadurch , dass man sich eine 
fremde Sprache , Lehre , Philosophie mühsam , widerstrebend, 
durchaus von Vorn einbilden musste, aber dazu ein tiefes Ge- 
luülh, frischen und starken Geist brachte. 

3. Streitigkeiten durch das Aeussere der Kirche erregt 
Tind darauf bezogen, waren die zwischen den beiden Kir- 
chen, der Bilderstreit, und selbst der Abendmahls- 
streit, sofern er durch die kirchliche Liturgie veranlasst 
wurde. 

Die Literatur dieser Zeiicn trägt denn einen , jenem 
Geiste wnd dieser Richtung angemessenen, Charakter. 
Der Sinn zu sammeln für die Kirche, für Lehre und 
Gebräuche derselben, herrscht in ihr vor, und gerade die 
classischen Schriftsteller I)eider Kirclien unserer Periode 
sind von dieser Art. In der griechischen Johannes 
D a m a s c e n u s ^) und P h o 1 1 u s ^) . Die besten Kräfte 
des geistigen Lebens unter den Griechen nahm die Pole- 
mik weg, und so, als Wortführer in den damaligen 
Streitigkeiten, hat unsere Darstellung manche Treffliche 
aufzuführen. Andere sind ausserhalb ihres klösterlichen 
Lebens zu 'wenig bekannt geworden 5): unter kirchlich 
herübmten Namen hat sich gewöhnlich sehr Vieles und 
Verscliiedenartiges, auch aus verschiedenen Zeiten, lite- 
rarisch zu sammengefunden. 

1. Johann von Damaskus, zuletzt Mönch zu Jerusa- 
lem (gest. um 754")), wurde zum Slimmführer für alle fol- 



a) Johann Patr. von Jerusalem, Leben Jo. v. Dam., und andere 
Biographie'u, vor Mich. Lequien "Ausgabe. Par. 712, II. f. ^4cta SS. 



Die cliristl. DogmcngescLicIite. Erster TlieU. iS9 

gendcn Zeiten der griechischen Kirche, und seine Schriften 
eine Quelle zum LIeibenrIen Gebrauche. Vielseitig, auch im 
Leben thätig, Polemiker in der Monotheleten- und der Bilder- 
sache, dogmalischer und moralischer Sammler; wurde er doch 
als Dogmaliker am berühmtesten. Der ,, Quell der Weisheit"^ 
(nijyt] GO(flac;), wie er sein Hauptwerk nannte, umfassle drei 
Werke: die Dialektik (ntfpaXaia) ■, die Ketzergeschichte und 
die Darstellung (e/.d'ooie) des orthodoxen Glau- 
bens ''). Diese vollständigste Glaubenslehre der Griechen 
suchte ihre Kirchlichkeit schon dadurch zu bewähren, dass sie 
sich ganz auf die berühmten Auctoriläten der Kirche stützte, 
die beiden Gregor, Athanasius, Basilius, dann auch auf den, 
nunmehr vOUig kanonisch gewordenen, Dionysius Areopagita"^). 

2. Photius, Patriarch von Constanlinopel, durch Lebens- 
verhältnisse berühmt und einer von den Begründern der ge- 
trennten griechischen Kirche (gest. nach 886), hat sich auch 
für das Innere derselben mit bleibender Bedeutung bemüht. 
Sein Nomokanon, welchen er nach einigen Vorgängern ver- 
fasste, wurde die Basis der Verfassung von Kirche und kirch- 
lichem Leben hei den Griechen''). Seine polemischen Schrif- 
ten, gegen die Paulicianer, im Bildez'sireite und dem der bei- 
den Kirchen, haben ihm mehr in der Kirche, andere, wissen- 
schaftliche, in der Literatur einen grossen Namen gegeben^). 
Auch in diesen aber herrscht das gelehrte Element, der Fleiss 
des Sammlers, vor. 

3. Unter den Polemikern, welche im Folgenden zu erwäh- 
nen sein werden, mag noch Theodor Abukara genannt 



6. Mai; von den Saracenen (unter Chalif Abdelnialek Jo. D. Staatsbe- 
amter) Mansur geoannt {le?^vT^wfiivoe von den Griechen übersetzt): 
in der Itdrche %Qiao(j<^6a?. 

Viele Schriften auch ihm untergeschoben, 

6) So bei Lequien gestellt, nach Joh. Dam. selbst: Br. an Kosmas 
var der der Dialektik. 

c) Im 12. 'Jahrb. lateinisch übersetzt durch Burgundio von Pisa. 
Fabric. B. med. et i. ae. ed. Mansi I. 351. 

d) Nofioxavo'v zuerst verfasst fi. Jahrh. von Joh. Scholastikus, zu- 
letzt Patr. von Const. Photius Nomokanon, mit Balsamon Comm., lustell. 
et Foell. Bibl. iur. can. %. 789 ss. F. A. Biener. de collectionibus 
eanoniim ecel. gr. Ber. 827. 8. 

e) lii(ficpc?.6y,ia {Isgol Xovoc xal CTjTJjfiaTwv tsQoXoyiai an Amphilo- 
chius) 1. C. H^olf. curae 'in iV. T. III. Mai. N. Coli. I. — Briefe, 
A. von R. Montacutius. Lond. 651. f. — Bibliothek, A. von 1mm. 
Bekker. Berl. 824. II. 4. — Lexikon, A. von G. Hermann. L. 808. 
und PorsoD. Load. 823. II. 



190 Allgemeine Dogmengesclüclite. Dritte Perlode. 

werden : er nahm an der raonopliysilischen Controvers lebhaft 
Theil ^). Viele Schriflsleller von nicht gemeinem Interesse nennt 
nns Pholiiis Bibliothek : auch freiere, phiiosophirende, -wie den 
Älönch Iliob, wahrscheinlich aus dem 6. Jahrh. ^) 

4. Namen dieser Art waren: Anastasius und Maxi- 
nius. Dem Mönch Anast. auf Sinai, dann Palr. zu Anliochia 
(6. Jahrli.)''), wurden viele Schriftcm beigelegt, von denen er 
vielleicht nur einige verfasst hat'), so auch dem Maxi raus, 
Confessor genannt in der monolheletischen Zeit (gest. 662), 
da er als Gegner dieser Partei verfolgt Vi'urde^). Männer und 
Schriftsteller noch' des alten Geistes waren die Beiden in je- 
dem Falle gewesen. 

Ancli äle Scliriftauslcgiing, >velclie nicht iinLcdeu- 
tende Beförderer unter den Gricclien unserer Periode ge- 
habt hat^), und die Sclunftcn für hirclilleli-liturglsclien 
nnd asketischen Gebrauch^), trugen denselben, den 
Sanimler-Charahter an sich. Neben diesen Schriftstellern 
Lüdet und zeigt sich diese Zeilen hindurch die Byzan- 
tinische Literatur, eine, geschichtlich, am allermeisten 
für Sittengeschichte, überaus ^vichtige Classe von Verfas- 
sern und Schriften 5 immer aber nur ein matter Nachhlang 
der alten griechischen Geisteskraft und Kirnst 3). 

1. Schriftausleger nach Photius: Oekumenius (10. Jahrb.), 
Theophylaktus (11. J.), dieser, der Selbständigste von Allen. 
Die Jahrhunderte 10 — 13 waren die ergiebigsten für Gram- 
matik und Lexikographie. Auch die Catenen gehören vor- 
nehmlich diesem Zeitalter an. 

2- Die Poenitentiarien schreiben sich aus der griech. K. 
dieser Zeit, und Theodor von Tarsus, Eß. von Canterbury 



f) Abukara : Bischof von Carrä. Kleine Schriften von J. Gretser 
an Anastasius Sinaita (Ingoist. 606. 4.) 359 ss. 

ff) Seniler, seil. capp. I. 417. 

Photius Co. %1'i, aus Iliob ol/.ovo{iiy.Tj TTgaYfiarsia» 

h) Evag7\ 4, 40. 

i) 'OSr/vo?, Fragen und Antworten aus d. heil. Sehr., anagogische 
Betrachlungen zum Hexaemeron. (Oiidin. I. 148S ss. ^. 545 ss. Fabr. 
ß. Gr. 7 — lü B.) Noch zwei Anastasius Sinaita treten im 6. und 
7. Jahrh. auf. 

/i) Werke A. von Fr. Combefis. Par. 675. IL f. Schollen zu Dio- 
nysius Areopagita. Neander KG. 3. 344 ff. 



Die clirisll. Dograenjjcscliidite. Erster Tlieil. 191 

7. Jahrli- , trug sie in die lateinische üLer"). Die Absicht 
ging" bei ihnen, wie bei den Liturg-ie'n, welche man auch 
zuerst bei den Griechen anfstellle, dahin, die altkirchliche 
Form, welche mit den Mysterien untergegangen schien, ft'sl- 
zuhalten , indem man auch in die Tradilion nicht mehr das 
alte Vertrauen setzte. Endlich begann unsere Periode, und 
wieder die gricch. K. zuerst, auch für die Heiligen legen de 
sammelnd und darstellend bemüht zu sein. Hierbei zeichnet 
sich Moschus (7. Jahrb.)'') durch Sinn und Sprache aus*""). 
3. Byzantiner: Chronologen, Historiker''), Dichter. 

§. ©©, 

Die latcinisclie Kirclie liat in dieser Periode entsclije- 
dene literariselie Vorzüge xur der griecli Ischen, •^a'Ic ja 
das gx'Istig^e Streben iuinier mehr zu ihr und in die Vöiker 
iiherp;Ing, in welehe sie sieh ausbreitete. Am seH)Stän- 
digsten und inneriieh kräftigsten hielt sich die africa- 
nische, bis sie mit dem Anlange des 7. Jahrhunderts^, 
erst geistig;, dann äusserllch, erlosch^). Die Kirche in 
Gallien brachte sehr hiarc Schriftsteller hei-vor, zum 
Theil von noch etwas anliher Form, welche sieh beson- 
ders in der Pelag-Ianischen Sache wirksam erwiesen. 
Gregor der Grosse von Rom suchte die griechische 
und lateinische Theologie, und beide mit Bediirfniss und 
Interesse der Kirche, zu vereinigen 5 und so blieb seine 
Theologie als Basis der abendländisch-Römischen stehn^). 

1. Neben den Nordafricanern, welche in der Pelagianischeu 
Sache ununterbrochen auftreten, die Partei ihres Meisters, Au- 
gustinus, führend, sind als ausgezeichnet in allgemeiner, theo- 
logischer Hinsicht zu nennen"): Vigilius, B. von Tapsus, 



a) Theodori ■pocnite-iiiiala cd. lac. Pciit. Par. 079. 4. II. Aus- 
züge, auch nach Petit, aus dem ursprünglichen Werke Theodor's. 
Vgl. Gieseler I. 7-.4. 3. A. 

V) 'O Tor MvG'/ov, Mönch zu Jerusalem. Pliot. 199. ' 

c) Aeiuu'jv oder TFagaiiilüiov genannt. 6>. pr. ed. Fronto-DncacuSf 
Auctar. B. PP. II. Dazu Coteler. monn. eccl. gr. IL 341 ss. 

d) Mari. Hanckius de Byzantinariim verum scriplovihus. 
Lips. G77. 4. 

fl) Andere dieser Alhanasianischen Märtyrer in NAfr. dieser Pe- 
riode: Eugenius B. von Carthogo (gest. 505): professio fidei ca- 
tholicorvm episcc. Ilunerico regi obluia — 7 auch in dem gleichzeiti- 
gen Werke zu finden von Victor zu Pisa: historia persecvtionis 
Fundalicae siib Genscrico et Huncrico — 5 Bb. (A. von TIi. Ruinart 
694. Veroa. 733. 4.). 



192 Allgemeine DogmeDgescliIelitc. Dritte Periode. 

noch am Ende des 5. J.ihrh., nicht ohne Talent, streng Atha- 
nasianisch, bis zur Aufopferung unter der Arianischen Herr- 
schaft für sein Dogma thätig und kämpfend, bekannt aber auch 
seiner Pseudonymen Schriften wegen, w<|bei er wohl mehr nur 
den Erfoig zu steigern beabsichtigte''). Ganz natürlich ist ihm 
dann (und zum Theile führten wirkliche Spuren darauf) noch 
die Schuld von manchen entschiedenen Täuschungen und Fäl- 
schungen beigemessen worden*^): auch von der' Einschaltung 
der drei himmlischen Zeugen, 1 Joh. 5, 7*^). Ferner Fa- 
cundus von Hermiane (6. Jahrb. Mitte), gelehrt und tüchtig, 
Vertheidiger der Antiochener im Dreikapitelstreite®). Juni- 
lius, auch africanischer Bischof, und wie o])en (S. 70) er- 
wähnt, aus der Schule von Nisibis. Man kann seine Schrift 
von den Theilen der göttlichen Offenbarung *^) eine dogmatische 
Einleitung in die h. Schrift nennen, in einem Geiste verfasst, 
welcher in der h. Schrift Bücher verschiedener Auctorilät, und 
einen bleibenden und zeitlichen Werth ihres Inhalts unter- 
scheiden will. 

2. Unter den Römischen Schriftstellern der früheren Zeit 
macht sich fast nur Gelasius bemerkbarer s). Gregorius, 
Römer und Bischof von Rom (seit 590, gest. 604)^'), war. 



6) unter eigenem Namen: adv. Nestorium. et Eutychem (ob. S. 160). 
Unter Athanasius Namen : altercationes adv. Jrium IL 3 und de tri- 
nitate s. de unita trinitaie deitafis IL 12. Unter Idacius Claras Na- 
men: libri tres adv. Marivadum {Farimadum). Jene beide gingen, ganz 
oder znm Theile, in die Ausgaben des Äthan, über. Er selbst wurde 
in der älteren Literatur oft mit Vigillus Tridentinus (4. Jahrhand.) 
verwechselt. 

A- von P. Fr. Chifflet. Bivion. 664. 4. 

c) Äthan. Symbol nach Paschas. Quesnel a. A. 

d) Griesback. Diss. in loc. 1 Jo. 5. Ausg. N. T. Anh. 19 ss. 

e) Pro dt'fensione irhtm, capitulorum conc. Chalced. \% — con- 
tra Mucianum Seholasiicum — epistola ßdei eatholicae in defensione 
ir. cap. A- A'on J. Sirmond 029. u. öfters. {Galland. XL) 

f) De partibus div. legis %. an Primasius B. von Adrumetum, also 
6. Jahrh. Mitte. Besond. A. Frkf. a. 0. 603 and. (G. A. Becker, 
das System des KV. Junilias, mit e. histor. Einl. — Lüb. 787. 8.) 

g) Rom- Bischof J. 492 — 496. Nebeu seinen Briefen und Brief- 
iVagmenten u. a. (auch adversus Pelagianam haeresin): de duabus 
in Christo naturis (ob. S. 160): Gerniad. v\ ilL 94. 

Decretujn de libris apocryphis auf Rom. Concil 494. 

Zu erwähnen sonst: Peter (Chrysologus) B. von Ravenna (gest. 
um 450) — Sermones, auch in kirchlicher Hinsicht nicht unbedeutend. 
(Oft besonders herausg., zuletzt durch Sebastian Pauli. Ven. 750. f.) 

h) Paul. Diac. und Jo. Diaconus, jener 8., dieser 9. Jahrhund., 
Beide zu Monte Cassino , Leben Gregor's — Den. de Sie. Marthe 
hist. de S.Greg, le Grand. Rom. 698. 4. Bayle u.Ä. NeanderKG.3. 



Die chrlstl. DogmengcscLlchte. Erster TLeil. 193 

obwohl von geringer theologischer Bedeutung, doch gerade 
ganz geeignet, der Theologie der abendländischen Kirche nach 
Augustinus eine Grundlage zu geben, indem er die verschie- 
denartigen Elemente, in der lateinischen Theologie das Römi- 
sche und Africanische, und Griechisches und Lateinisches, mit 
einander zu verbinden , und Alles für Kirche und Hierarchie 
zuzubereiten verstand*). So entstanden durch ihn die Lehren 
vom Fegefeuer und vom Messopfer, und so bildeten sich durch 
ihn die praktischen Grundsätze der Römischen Kirche von den 
Leistungen und Büssungen zu Heil und Seligkeit mehr aus. 
Ausserdem gab Gregor der Latein. Kirche einen festen, glän- 
zenden Cullus- und ihre vornehmste Liturgie {libe?' sacrame7t-' 
toruvi) ^) : auch eine Pastöralg.nweisung, praktischer und kirch- 
licher, als die des Ambrosius gewesen war^). Als Oberhaupt 
der Kirche verdient er, eifrig, sorgsam, kräftig, vornehmlich 
in den Angelegenheilen der evangelischen Predigt unter den 
Heiden, jede Anerkennung'"). Dem Mönchswesen entschieden 
günstig, fasste er es doch in einem edleren Sinne auf. 



t) Expositio in Jobum s. Moralium libri 55. {AntJwlog. patrist. 
partic. 4 ss. Gott. Progrr. 1836 fgg.) Moralia entweder von der vor- 
herrschenden, moralischen Auslegung, oder im weitern Sinne die al- 
legorische in sich schliessend. Von Notker in die d. Sprache über- 
setzt : von grösster Wichtigkeit im Mittelalter (sclion 1475 gedruckt). 
— Homilie'n zu Ezechiel und zu den Evangelien, — Dialogorum IL 
4. de vita et yniraculis patrum ItalicoruTn, et de aeternitate animi 
(von Zacharias Rom. B. 8. Jahrh. in die griech. Sprache übertragen 
nach Photius 25^). Werke Bened. A. Par. 705. IV. (Ven. 768 ff. XVII.) 
Die Aeusserungen gegen Vernunft und Wissenschaft sind bei Gregor 
im altkirßhlichen Sinne, als fromme Hyperbeln, aufzufassen. Das Ver- 
brennen der palatinischen Bibliothek wird ihm, nach einer Sage, erst 
im 12. Jahrh. zugeschrieben : lo. Sarisher. polier. 2, 26. 8, 19: wie- 
wohl selbst das Bestehen dieser Bibl. in Gr. Zeit noch zweifelhaft ist. 

k) Neben dem Sacramentarinm die Schriften : henedictionale und 
anüphonarius : in welche freilich auch mancherlei Späteres aufge- 
nommen worden ist. D. Antony archäol. Lehrb. des Gregorian. Kir- 
chengesangs. Münster 829. 4. 

, Vor Gregor — Sacramentarium s. codex sacramentorum veius 
Romanae eccl. — zuerst von Bianchini herausgeg. 1735, am meisten 
dem Leo beigelegt; nach Muratori {Liturg. Ro. vetus 1.) vom Ende 
des 5. Jahrh. : und Sacramentarium Gelasianum., von noch zweifel- 
hafterem Alter. 

l) Regiilae pastoralis liber (auch liber curae pastoralis) — bedeu 
tend und gepriesen durch das MA. Neue Ausg. Ingoist. 825. D. Uebs. 
von Ign. Feiner. Hadaraar 827. 8. 

m) Gregors Briefe (registrum oder regestum, epistolarum 14 Bb."'. 
Mit ihm beginnt das Prädicat, Servus servorum, im Gegensatze zum 
OixovfisviKÖs der Const. Patriarchen. 

Dogmengeschichte. 13 



194 Allgemeine Dogmcngcsehiehte. Dritte Periode. 

§. »O. 

In der engliselien und fränkischen Kirche, in 
welchen sich jetzt grosse geistige Bewegungen und Er- 
folge vorbereiteten, finden wir die entscheidendsten Gei- 
ster in die Streitigkeiten dieser Periode hineingezogen, 
vornehmlich in die über das Abendmahl, die Prädestina- 
tion und über die Bilder. Doch auch neben diesen führt 
das 8. und 9. Jahrhundert von dorther manche Schrift- 
steller auf, tlieils von allgemeiner, wissenschaftlicher 
oder theologischer Bedeutung'), theils für die religiöse 
Bildung des Volks thätig*). 

1. Hierunter Beda, der Ehrwürdige genannt (a^est. um 
735)"), ein klarer Geist und eine würdige Persönlichkeit: Ei- 
ner der Begründer der Wissenschaft in der angelsächisischen, 
und von da in der fränkischen Kirche: Sprach- und Sachge- 
lehrter''), auch Verfasser selbständigerer Schriftcommentare *^) 
und Schriftübersetzungen in die Landessprache : höchst wichtig 
als Historiker seiner Kirche. Sein Schüler, Flaccus Alcuin, 
Abt zu Tours (gest. um 804)^), dieser berühmte Freund Karls 
des Gr. und Genosse seiner Wirksamkeit: der früheste ge- 
lehrte Dogmatiker der ahendid. Kirche^). Noch umfassender 
als Schriftsteller tliätig Agobard, EB. von Lyon (gest. 841)*): 
bekannt nicht nur durch seinen Eifer für die Rechte der Kir- 
che °), sondern auch durch seine, so freisinnigen als frommen, 
Bemühungen gegen den Aberglauben des Volks, zunächst in 



d) Mahillon acta Ord.Bened. sec. 3. /. 534 ts. Unter And, Petri, 
AEnc. i. Sect. 8. B. 308 ff. Werke zuletzt herausg. Coloa. 613. 88. 
F'III. f' {Hist. eccl. gentis Anglorum ad fidem edd. MSS.' reo. Jo- 
seph. Stevenson. Lond. 838. 8.) 

h) Auch grammatische, arithmetische, astronomische, chronologi- 
sche Schriften sind viele von ihm vorhanden: wiewohl auch bei ih- 
nen die kritische Frage noch unbeendigt ist. 

c) Zu einem grossen Theile A. T., zu dem N. T., auch zur Apo- 
kalypse. Die gedruckten expositt. in epp. Pauli werden nicht Beda, 
sondern Florus v. Lyon im 9. Jahrh. beigelegt. 

d) Lebensbeschrr. Alcuin's vor Frobenius Ausg. d. Werke. Regensb. 
777. //./. HtsL HL de laFr. IF.%95. Lorentz Ale. Leben. Halle 829., 

. e) Ucber die gewöhnliche Ablheilnng der Wissenschaft in Trivium 
(Ethik) und Quadrivüim (Physik) stellt Alcuin d. Theologie. 

/) Hist. lit. de la Fr. IV. Car. Bern. Hundeshag^n. de Jgo- 
bardi vita et scriptis. 1. Giess. 831. 8. 

g) De comparalione utriusque regiminis — de modo regiminis 
ecclesiastici. 



Die chrlstl. Dogmengeschichte. Erster Theil. i95 

der fränkischen Kirche^): ein Mann, auch in allen bürger- 
lichen Verhältnissen klar und bedeutend. An sie reihen sich 
Druthniar, Schriftausleger, und der treffliche Bischof, Ra- 
Iheri US von Verona'). 

2. Die Bemühungen für die religiöse und jede andere Art 
von Volksbildung in der fränkischen Kirche (nachdem diese, 
besonders das 6. und 7. Jahrb. hindurch, in grosser Rohheit 
und Verwüstung gelegen hatte)'') schreiben sich durchaus von 
Karl d. Gr. her^). In der Literatur dieser Zeiten babeiT wir 
in der Beziehung auf Volksbildung für die Religion vornehm- 
lich Dreierlei zu bemerken: die Arbeiten für den volksraässi- 
gen Gebrauch der h. Schrift (Homiliarien), die religiöse Dicht- 
kunst (Otfried™)), die Katechismen"). In der Einrichtung die- 
ser zuletzt erwähnten llülfsbücher scheint noch die urkirchliche 
Art der Katechese hindurch (Dekalogus, Symbol, Gebet des 
Herrn , kurze liturgische Formeln) : die Geschichte der Kate- 
chismen in der Kirche steht in durchgängigem Zusammenhange 
mit Geist und Charakter der einzelnen Zeiten °). Es gehen 
mit diesen Bemühungen Karl's die von Alfred d. Grossen fast 
ganz parallel P). 

§♦ 91* 

In zwei Theologen der lateinischen Kirche stellt sich 
der wissenschaftliche Charahter dieser ganzen Periode 

h) De grandine et tonitruis — de quorundam illusione signorum 
• — contra iudii-ium Bei s. de divinis sententiis — Opp. (zuerst. P. 
Masson. 605) A. H. Baluze. Par. 666. 8. II. . 

i) Druthmar, Bibl. PP. Lugd. 9; zu Rath. vgl. Neander IV. 
24» tf. Engelh. Kgesch. Abhh. 5. 

k) Das Mönchslebea macht fa^t allein eine hellere Stelle in diesen 
Zeiten: daher auch was von Schriftdenkmalen aus ihnen vorhanden 
ist, fast ganz dahin gehört. 

l) Bekannte Werke über die Epoche Karl's d. Gr. 

Jo. Launoius, de scliolis celebrioribus , seu ä Carolo M. seu 
post eundem per occidentem conditis. 1673. Opp. IV. Hist. lit. d. 
l. Fr. W. 335 SS. F. Lorentz, de Carol. M. literarum fautore. 
Hai. 838. 8. 

m) Frist. Das älteste, von Otfried im 9. Jahrh. verfasste, hoch- 
deutsche Gedicht: von S. G. Gratf. Kgsb. 831. 4. He Hand: poema 
saxonicum sec. 9 ' — pr. ed. I. A. Schmeller. Stnttg. 830. 4. 

n) Incerti monachi Weissenhurgensis cateehesis tkeotisea — ed. 
I. C. Eccard. Hannov. 718. 8. Auch in: A. H. Hoffmann: Althoch- 
deutsches aus Wolfenb. Hdschrr. Berl. 837. Massmann Samml. 1839. 

o) Greg. Langemack, historia eatechetica oder gesammelte 
Nachrichten zu e. catechet. Historie. 733. II. Augusti, Vs. e. hist. 
krit. Einl. in die beiden Hauptkatech. der evang. Kirche. Elberf. 834. 

p) Asser ius (9. Jahrb.), de rebus gestis A/fr., zuletzt Oxon. 733. 
F. L. V. Stolberg, Leben Alfred's des Gr. Münster 815, 8. 

13* 



196 Allgcinciiie DogmcngcscLichte. Dritte Periode. 

von seinen zwei Seiten g^anz eigentlich dar, der des 
Sammeins vom Vorliegenden^ Anerkannten, und der stil- 
lere, zurückgezogene, in ivclchem Einzelne A««]pren 
vorausgeeilt Waren und für eine Zeit höherer Eiiipiang- 
lichkcit vorbereiteten. Der Eine war Isidor, Bischof 
von Sevilla, der grosse, und classischc Sammler des 
7. Jahrhunderts ^), mit dessen Namen sich eine Fälschung 
verband, welche Ihre kirclilichc Bedeutung mehr von der 
Zeit empfing, als sie ihr verlieh^): der Andere Johann 
Erigena, welcher In seiner und selbst in den folgen- 
den, mittelalterlichen Zeiten bei weitem nicht so hervor- 
tretend und wirksam gewesen ist , als man es meinen 
sollte, und den eigentlich erst die speculative Pliilosophic 
neuester Zeiten hervorgehoben hat'). Eine fast isoiirte, 
wissenschaftliche Erscheinung bietet Gerbert (Sylve- 
ster II.) dar*). ' 

1. Die Literatur der ältereo abendid. Kirche hat keinen 
solchen Sammler weiter, als Isidor usHispalensis (aus go- 
ihischera Geschlechte, gest. um 636) gewesen ist"). In der 
Lilurgik der Kirche war er durch sein Werk über den Cullus 
berühmt {de divinis sive ecclesiasticis officiis)^ für allgemeine 
Wissenschaft arbeitete er mit ungewöhnlichem Wissen sein Werk 
aus von dem Ursprung der Worte ''), auch logische, chronolo- 
gische, historische Schriften. Auch hat er Sammlungen für 
Schriftaiislegung ^) und für das Kirchenrecht gemacht, wie die- 
ses jetzt, mit entschiedenem Ansprüche darauf, zugleich Recht 
und Grundlage des büi'gerlichen Lebens zu sein, und darum 
zugleich aus bürgerlichen und kircklichen Elementen, sich aus- 
bildete*^). Aber Nichts hat ihn für die Theologie bedeutender 

d) Braulio, B. von Cäsaraugusta, Leben Isidor's: auch in Act. SS. 
zum 4. April. Verzeichniss s. Werke durch denselben {praenotatio 
librr. Isidori). Werke von F. Grial. Madr. 778. IL f. 2. A., und 
Faustin. Arevalus. Rom 797 ff. VII. 4. 

Ad. Ilolzmann: Is. de nativüate Domini (1. Th. der Bb. con- 
tra ludaeos) versio francica. Carolor. 836. 8. 

V) Originuin s. Etymologiarum codex: durch Braulio in 30 Bb. 
(N. A. in Lindemann, corpus grammaticc. vett. L. 832. III.) 

c) Mysticoriivi exposilt. saci'amcntoruni f. quaestt. in V. T, — 
allegoriae quaedam S. S. — prooemia in libros F. et N. T. 

d) Collectio canonum et epp. decretalium. {Collectio canonum 
eccl. Ilispajiiae, ex prohat. et pcrvetustis edd. nunc prim. ed. — 
Madr. 808. f. Lopez de Barrera, examen hist. de antiquis eodd. 
canomtm eccl. liispanicae. Rom. 758, 4. K. F. Eichhorn und die 
S])anisclie Sammlung der Quellen des Kirchenrechts. Abhh. der Bcri. 
Akad. d. Wiss. 1834. (Berl. 836. 4.) 89 ö.) - 



Die cLristl. Dogrceng escLlchtc. Erster TlieU. 197 

gemacht als die dogiaalische und moralische Sjunmhmg der drei 
Bücher Sententiae. Sie wurde (vgl. ob. S. 8) im Geiste jener 
Zeiten unternommen : daher sie auch nicht die erste und ein- 
zige in derselhen war"). 

2. Die falschen Decretalbriefe der Römischen Bischöfe') 
unter Isidor's Namen, doch mit dem Beisatze : Peccator oder 
Mercator, im 9. Jahrh. Lekannt geworden ^), durch welche das 
bischöfliche Amt ganz dem Primat zu Rom unterworfen, die 
Freiheit und Würde des Klerus bestätigt, und die weltliche 
Macht aus der Kirche zurückgedrängt werden sollte, hat man 



e) Vgl. P ;• osper Aq. Sententiarum ex opp. S. Axigustini de- 
libatarum liber. Opp. Aug. liencd. App. X. P. 3^. Neben Is., Taio 
von Saragossa, 5 Bb. meist aus Gregor genomm.,. Sententiae. 

Ildefons v. Toledo (J. 659 ff.) : libri 51 adnoiationum de cognitionc 
haptlsmi , et de itihere deserti quo pergitur j)Ost baptismum. H. 
Balnz: Miscc. Hb. 6. Par. 715. 

f) Die Briefe Rom. Bischöfe waren zoers:t als decreta eder decre- 
tales (neben den canones der Kirche) aufgeführt worden von Diony- 
sius Exigaas zu Rom, Mitte 6. Jahrb. 

g") Von Clemens v. Rom bis nach der Mitte des 6. Jahrb. 

Die Literatur dieser falschen Decretalen, u. A. bei F. Waller, 
Lehrb. des Kirchenrechts S. 157 If. 7. A. Neue Abhh. : /. A.. T kei- 
ner, de pseudoisidoriana canonum coüeetione. Vi*at. 827. (Andere 
Schrr. desselben über Kanonen- und Decr. -Sammlungen beisammen 
in Dcss. disquisitt. crif. in praecipuas can. et decr. collectt. Rom. 
836. 4. Fortsetzung von A. Galland. dlss. de vetustis can. collectt. 
sijlloge. (Ven. 778.) Mogunt. 790. II.) Fr. Hnr. Knust „ de fonti- 
bus et consilio ps.~isid. collectionis. Gott. 832. 4. Ders. de Bened, 
Levitae collect, capitularium. Frankf. 836. {Pertz. mann. Germ. IV^ 
P. 2.) — Von ciassischer Bedeutung bleibt Dav. Blondellusi Pseu- 
doisidorus et Turrianus vapulantes. Gen. 628.. 4. {Fr. Turr-ianus 
S. I., pro canonibus app. et epp. decretalibus pontijf^ aposiolicaruth. 
Flor. 572. 4.) Nicol. Gusanus {de conc. cath^ 3, 2) ist der älteste 
bekannte Zweifler an der Aechtheit der Decr. 

Zuerst erwähnt wird eine solche Sammlung von Hinkmar {opusc. 
adv. Hincmar. Laudunensem 24 um 870): Plena est terra de lil)ro 
collectarum epp. ab Isidoro, quem de Hispania allatum Riculfus 
Moguntinus episc. • — obtinuit, et istas regiones ex illo repleri fecit. 
Daher, und mit Beziehung auf Benedictus Levita von Mainz Fälschung 
der Capitularien, die Vermutbung, welche den Ursprung in die frän- 
kisch-deutsche Kirche setzt. Andere (Blondeil, Hist. lit. d. l. Fr. IV. 
207) in Spanien: Andere (auch Theiner) nach Rom.- — Hiergegen be- 
sonders Waller. Schriften dieser Art sind allerdings gemeint, Pct- 
schas. Vit. JFalae. c. 16 {PertzII): Gregor IV. seien übergeben wor- 
den alle capitula seiner Vorgänger, in denen geschrieben : „quod in 
Ro. P. esset oinnis auctoritas b. Petri excellens et potestas viva 
u. s. w. er Richter über Alle, und keinem Richter unterworfen.*' 
Zuerst wurden die falschen Decr. gebraucht von Nikolaus I. 805 
{.ad universos episcopos Galliae. Mansi 15.' 693). 



198 Allgemeine Dogmengescliichte. Dritte Periode. 

oftmals ^) nicht geradezu auf eine betrügerische Absicht zu- 
rückführen wollen. Es habe ja der Urheber vielleicht nur in 
solcher Art seine Ideale aufstellen wollen, wie die Verfasser 
der apostolischen Constitutionen und der sogenannte 
Dionysius Areopagita gethan hatten: freilich mit ande- 
rer Geisteskraft, als wir sie hier finden*). Jedenfalls war es 
ein Betrug, über welchen der Urheber sich mit alten und neuen 
Beispielen leicht rechtfertigen konnte: und der Sinn dieser 
Schriften lag in jener ganzen Zeit*^). Die kirchliche Selb- 
ständigkeit, ja Uebermacht, war, vornehmlich seit Karl d. Gr., 
eine entschiedene, eine Thatsache^) ; und die Selbständigkeit 
der höheren Bischöfe mochte Vielen auch seit jener Zeit vor- 
nehmlich längst schon nachtheilig geschienen haben. 

Das dogmatische Element der falschen Decretalen ist 
unbedeutend: kaum kann es auch nur bei der Frage über 
Zeit und Land der Entstehung mit als Moment gebraucht wer- 
den. Es sind die Dogmen von der wahren Gottheit des Soh- 
nes, von der Trinitfit und von der wahrhaften Vereinigung der 
beiden Naturen, welche in dem dogmatischen Theile derselben 
hervorgehoben werden. 

3. Johannes (Erigena) Scotus, uns ziemlich unbekannt 
nach Ursprung und Ausgang seines Lebens"^), war in seiner 
Zeit, wiewohl als Weiser berühmt"), doch vornehmlich nur 



A) Bona — Maistre vom Papst I. 61. D. A. — (Möhler) Fragmm. ans 
und über Pseudoisidor. Theol. Quartalschr. 18^9. 3. 477 tf. 183?. I. 3 ff. 

i) Bios CompUation — vgl. Knust de fontibus u. s.w. 33 ss. 

k) Walter a. 0. 168 ff. 

l) J. Ellendorf: die Karolinger und die Hierarchie ibrer Zeit 
— I. Essen 838. (Wiewohl dort anders als hier von dem Verhältnisse 
der Decr. zu ihrer Zeit geurtheilt wird, S. 305 f.) 

m) Nat. Alex. diss. de lo. Scoto eiusque opp. et erroribus, ff. 
E. sec. 9. Eist. l. de l. Fr. V. — Fr. Ant. Staudenmaier; Jo. 
Scotus Erigena und die Wissensch. seiner Zeit. I. Frkf. 834. 8. — 
P. Hjort: Job. Sc. Erig. oder von dem Ursprünge e. ehr. Philosophie 
und ihrem heiligen Berufe. Koph. 823. Fronmüller, d. Lehre des 
J. E. — Tüb. Zeitschr. f. Th. 1830. 1. und 3. — Theol. Quartalschr. 
1830. 3. 424 ff. C. F. Hock, Zeitschr. f. Ph. u. Theol. 16. H. 1835. 

Stammbedeutung von ,, Erigena" : b. Fabric. Bibl. m. e. i. ae. IV. 
139 s. , Hjort, Staudenmaier. — Aus Frankreich [tinter Alfred nach 
England zurückgekehrt, im Kloster zu Malmesbury begraben. — Die 
Geschichte von zwei gleichzeitigen Johannes in England, scheint an 
vielen Stellen in einander geflossen zu sein. 

li) lohannes Sapientissimus in der Aufschrift eines seiner Gedichte, 
zuerst von A. Mai hcrausgeg. , Class. IS. coli. 5, in der anzuf. A. 
von Schlüter abgedruckt. 



Die clirlstl. Dogmengcschlchtc. Erster Tlieil. 199 

durch seine Theilnahme ah den Streitigkeiten über das Abend- 
mahl und über die Prädestination bekannt"). Seine Philosophie 
fand erst im 13. Jahrhundert Freunde, und die kirchliche Ver- 
urtheilung folgte durch Honorius III. 1225. Bis in das 17. 
Jahrh. hinein war sein Hauptwerk verloren und vergessen i"). 
Auch nach dessen Bekanntmachung haben erst Fessler, dann 
Schelling, mit Bedeutung und Erfolg auf diesen alten kirch- 
lichen Philosophen hingewiesen. Und gewiss war er ein Mann 
von grosser Empfänglichkeit und von ungewöhnlichen, wiewohl 
nicht eben gründlichen, Studien: und seine Erscheinung zeugt 
von der kräftigen, geistigen Entwickelung, welche an einzel-, 
nen Stellen der damaligen Kirche Statt gehabt hat. Indessen 
lag, selbst in den älteren kirchlichen Schriftstellern mancherlei 
philosophischer Stoff und Anflug der Speculation : mehr noch 
in den Idee'n und Traditionen der neuplatonischen Schule ; und 
wir möchten ihm nicht zu viele Originalität beimessen. • Job. 
Erigena deutete übrigens das Dogma der Kirche in den Sinn 
eines pantheistisch- mystisch aufgefassten Piatonismus hinein i), 
indem die Offenbarung nur eine verhüllte Darstellung von die- 
sem {cooperta veritas) gewesen sei'). 

Durch ihn wurden die Schriften von Dionysius Areopagita 
zuerst im Abendlande bekannter und gebraucht, (vorher hatte 



o) Auch das Schreiben Nikolaus I. an Karl d. K. 859. {ßulaei 
Ilist. Un. >Par. 1. 184) — muUae scientiae esse pracdicatur, sed 
von sapere in quibusdam frequenti nimore dicitur — bezieht sich 
wohl nur auf jene Streitigkeiten. Die unmittelbare Misbilligung be- 
zieht sich in demselben auf die Bekanntmachung' des Areojjagiten ohne 
Erlaubniss von Rom. 

p) De dioisione naturae 5 — zuerst von Tho. Gale. Oxf. 681. f. 
N. A. (von C. B. Schlüter) Münster 838. 8. Divisio nat. bedeutete 
zugleich die Entwickelung des göttlichen Urgrundes, und dieEin- 
th eilung des Alls in die vier Gestalten {formae et species): crcans 
non creatuirif creatTim et creans, creatmn non creans, nee creans 
nee ereatum. Objective und subjective Bedeutung. 

q) Wie hier, ist J. E. auch von Görres gefasst worden: ehr. 
Mystik I. 243 ff. (1836 f.) 

r) Div. nat. I, 71. {Auctoritas e vera ratione proccssit, ratio 
vero nequaguam ex auctoritate. Omnis autem auetoritas, quae vera 
ratione non approbatur , infirma videtur esse. F^era autem. ratio 
quum virtutibus suis rata atque immutahilis munitur, nullius au- 
ctoritatis adstipulatione roborari indiget. Nihil enim aliud videtur 
mihi esse vera auetoritas, nisi rationis virtute cooperta veritas. — ) 
5, 25.: Menschwerdung Christi: Bei verbum, in quo eausae 
omnium aeternaliier subsistunt, venit in causarum effectus, h. e. 
in hunc mundum sensipilem. Und so die Rückkehr Christi in den 
Himmel: Vergeistigung und Vergöttlichung des Alls. 



200 Allgemeiue Dognicng-cscliiclite. Dritte Periode. 

nur Gregor d. Gr. einige Kenntniss von denselben), und gleich- 
zeitig durch Hilduin die Legende von jenem ausgemalt'). 
Die abendländische Mystik erhielt hierdurch , wo sie sich im- 
mer an jene Schriften anscbloss, einen neuen Geist, Zusam- 
menhang mit der Philosophie und pantheistische Sympathie'n*). 

4. Gerb er t, als Papst, Sylvester IL"), Schüler der Ara- 
ber in Spanien"^), war Einer der Ersten, welcher tiefere Kennt- 
niss der aristotelischen Philosophie besass"^). Sonst beschränkte" 
sich diese durch jene Zeilen meist auf die Dialektik desselben'^). 

Aber ein überreicher Stoff für Forschung^ und Dar- 
stellung- legt sich in den Kämpfen dieser Periode dar. 
Unter den Fortsetzungen frülierer Streitigkeiten dauerte 
die monophysltlsche anfangs nur als Alexandrinische 
Beharrllclikeit in den uralten Formeln dieser Kirche und 
Schule fort ^) 5 bis sich In der Partei der Begriff mehr 
enlwiclielte : womit dann eine Parteiung in Ihr selbst zu- 
sammenhing, die der Severlaner (Phthartolaträ) 
und Julianisten (Aphthartodofcetä), welche bis 
an die Hälfte des sechsten Jahrhunderts heran dauerte^). 

1. Der Eutyc'hianismus, als Lehre von dem Erlöschen 
der Menschheit Christi in seiner göttlichen Natur, WTirdc auch 



s) Hildidni Areopagitica. Col. 563. 8. n. öfter. 

Von Job. Erigma Uebersetzung ist nur die hiraml. Hierarchie ge- 
druckt (Col. 1530 u. öfter): sie wurde im 13. Jahrh. durch die von 
Job. Sarasiu verdrängt. Das 13. der jüngst bekannt gewordenen Ge- 
dichte J. E. : de magno Di. Ar. 

t) Gleichzeitig mit Jo. Erig., Manno, Grieche v. Geburt, Ueber- 
setzer des plat. Timäus : Henrici monachi Anttssiod. ad Car. Calv. : 
Duchesne Scriptt. Fr. IL 390. 

v) Ilist. l. d. l. Fr. FL 559 ss. — C. F. Hock: Gerbert, oder 
Papst Sylvester H. und sein Jahrhundert. Wien 837. 8. (Münchner 
Gel. Anz. 1837. 146 — 53.) Daselbst 300 ff. d. Literatur über Gerbert. 

v) Wilh. V. Älalmesbury : iaedio monachatus sive gloriae ctipidi- 
tate captus noeie profugit Hispaniam, animo praecipue inte7i4ons, 
ut astrologiam et cetcras id genus artcs a Saracenis addisceret. 

w) Philosophische Schrr. : de rationali et ratione uti. Pez. Tkes. 
L 3. 147 SS. Mathematische Schrr., wichtiger noch — Briefe (P. 
Massen. 1561. 4. Duchesne u. and., deren genauere Anordnung von 
Hock versucht wird). 

x) Jourdain, recher dies critiques sur Vage et l'origine des 
fraduch'ons latins d'Aristote, et sur Ics comnientaires grecs ou 
arabes employes par des docteurs seholastiques — Par. 819. 8. (J. 
Forschungen u. s. w. mit — Anmm. von Ad. Stahr. Halle 831. 8.) 



Die clirisü. Dogmengcschiclite. Erster Tlieil. 201 

zu Alexandria und in allen monophysitisehen Parteien") ver- 
worfen. Aber Dioskur's eingedrungener Nachfolger, Timo- 
iheus und Petrus Mongus, standen mit wechselndem Ge- 
schicke an der Spitze derer, welche hei der Alexandrinischen 
Formel, [.da (pvcng, hleihen wollten (indem sie das fjiia, vno- 
craotg entweder für unrichtig, oder vJioaiaüis nnd (pvGiS 
für gleichbedeutend ansahen, oder Einige vielleicht auch den 
Ausdruck, vjioaTaatg, als unpassend für göttliches Wesen) 
und das chalcedon. Concil verwarfen''). 

Was übrigens dieses Meinungsgewirr und Parleiwesen an- 
langt: so müssen wir, um uns dasselbe erträglicher zu ma- 
chen, neben dem hier schon oft Bemerkten, dessen gedenken, 
dass die Intelligenz der Zeit eben keine andere Entwickelung 
und Anwendung hatte, als diese dogmatische, und dass ja auch 
die Geschichte der Philosophie ihre unfruchtbaren und dürren 
Momente gehabt hat, hier aber wenigstens doch ein christ- 
liches Interesse im tieferen Grunde lag. 

2. Indem sich dieMonophysitenlchre dogmatisch entwickelte, 
war jene Trennung in zwei Auffassungen ganz natürlich. Die 
vermischende Einheit der Naturen mussle entweder so vor- 
gestellt werden, dass aus ihr ein neues, gottmenschlich zusam- 
mengesetztes Wesen (ein avvd'S'cov) hervorgegangen sei : oder 
so, dass sich das Menschliche vergüttlicht habe, ohne dass es 
jedoch zu sein aufgehört hätte. Jene folgten dem Severus 
von Antiochia*^), und die Partei bestand seit 519: sie war die 



a) Monophysiten : Assemani Diss. de MonophysUis: Bibl. IL 
Lebntii Byz. de sectis {Gull. \T). Timot/ieus de recept. haerr,, 
Cotcler. monn. cccl. gr. III. 397 ss. Andere oben erwähnt. — Jac. 
Basnage de vaHis Eutychianorum sectis: Thes. monn. I. (f^ogf. 
bibl. IL 59 ss.) Gieseler. monophysitarum vett. variae de Christi 
persona opinn. — illustr. L Gott. 835. 4. (Besonders nach neuher- 
ausgegeb. Stücken, A. Mai. Scrr. vett. N. Coli. VIL P. I.) 

Bus. Renaudot. Ilist. patriarcharum Alcxandrinoruvi lacobi- 
tarum. Par. 713. 4. Mich. Lequien. Oriens christianus in IV pa- 
triarchatus digestus — Par. 740. III. f. 

&) Die kirchliche Polemik giebt den Monophysiten immer mehr 
Wandlang des Göttlichen in das Menschliche Schuld, welche sie kei- 
nesweges annehmen wollten, als die von Mensch in Gott. Der Begritf 
von Beidem war auch derselbe. {Syvib. Athanas.: unus, non conver- 
sione divinitatis in carncm, sed assiimtione kumanitatis in Deum.) 

Ebenso von Beron und Helix Meinungen, das Fragment des Hip- 
polytus : T'^v ■d'i^ÖTi]V(t ytvia&tti zavTOTia&TJ rf/ aa()xl Std y.ivojaiv —— 
ilaenell ü. Hippol. 41 ss. Kimmcl 56 ss. 

c) Scveri scntentiae: Mansi 7. 831. {Gall. 13). — (piJ.aXr/'&Tje — 
üb. diese Sehr, und zu Severus überhaupt, Anastas. Hodegos. Der Seve- 



202 Allgemeine DoginengescIiicLtc. Dritte Periode. 

am meisten Altalexandrinische*'). Die Verhandlungen mit ih- 
nen, wie zu Constanlinopel 531 fgg.*), führten nicht zum Ziele. 
Den Namen, Phlhartolaträ, hahen sie wohl nicht von den Ka- 
tholischen, sondern durch die entgegengesetzte laonophysitische 
Partei erhalten : insofern sie in das göttlich verehrte Wesen 
eine menschliche Natur als Theil aufnahmen^). Die andere 
Partei folgte dem Julian, Bischof von Halikarnassus : sie 
konnte sich schwerer vom Eulychianismus unterscheiden, aher 
kam den Volksmeinungen näher °}. Die Lehre der Aktiste- 
ten konnte dasselbe sein: oder auch eine Milderung, insofern 
sie blos vom Namen, ktioiq, zu handeln schien, ob dieser 
dem schon hier verkläi'ten Menschen Jesus beigelegt werden 
könne''). — Die Theandritenverehrung, von Welcher 
heidnische Schriftsteller sprechen, kann in denselben Meinungs- 
kreis gehört haben'). 



rianiscbe Streit besonders ist reichhaltig Tür philosophische Sprache 
und Entwickelung. 

d) Bei den Severianern vornehml. wurde gebraucht Bion. Ar. ep. 4: 
nvSpvj&iVToe ■d'sov Ttaivrjv ztva t^v ■d'savS^ty.T^v iv£(jY£tav i^fiiv ttctto- 
XtTfvfiivov — Epoche machend in der Geschichte der areopagitisohea 
Schriften. Statt y.atV7jv lasen And. xoivijv. 

Eine cpvais, nicht Eine ovaiaj, Severian. Lehre. 'idcoTjjTse, itoto- 
T57T*« beider Naturen. 

e) Mansi 8. 817 ss. 

/) Unter den Severianern Xenajas oder Philoponns, durch Pelr. 
Fülle, B. von Hierapolis am Euphrat. Assem. a. 0. 10 ss. (3 Bb, von 
der Trin. und Menschwerdung — : Eine Natur wie Seele und Leib). 

gr) Justinianus für die Aphtharsie des Leibes Christi, Evagr. 4, 
39 (Edict worin aqi&aQrov xo aöjfca, rov K- ital rvjv qjraiy.(7ji> xal 
nStaßh'jTOiV ^a&wv dvBTtiSexxov). Die Kirche nahm, worauf dort 
auch hingedeutet wurde, diese Aphthe erst nach der Auferstehung an. 
— Phantasiasten hiessen die Aphth. mit unrecht; denn sie nah- 
men keine Soy.rjat?, sondern oiKovofiia im Menschlichen J. an. 

Schriften gegen beide Parteien bei Phot. 162. 227. 

Ä) Niobiten von Stephanus Niobes dem Sophisten^ auch Theodo- 
sianer, leugneten alle Verschiedenheit der Naturen nach der Einigung: 
also die absolutesten Monophysiten. 

i) Der Gott QtavSQixTjS in Arabien wird erwähnt von Marlnus, 
Leben des Proklus, c. 19 (vor Fabric. und wieder bei Boiss. QvuvSq.) 
und Damascius L. Isidor's, b. Phot. 242. Vgl. Wyttenbach z. Eunap. 
IL 180. Die obige Vermuthung wird dadurch bestätigt, dass Maxi- 
mus, Schol. zu Dion. Ar. II. S. 74. auf das ■d'savSQtxT'/v, nicht -d-tav- 
ÜQiTtxTjVf Bedeutung legt: so dass auf christlichem Gebiete mit 
dem ■&tavSQLT7]? Misbrauch getrieben worden zu sein scheint. — Sonst 
könnte man hier eine Spur der arabischen Incarnationslehren finden, 
welche späterhin im Islam überall auftraten. 

Merkwürdig ist es wenigstens, wie die muhammedan. Mystik in 
ähnlichen Parteistreit gerathen ist, wie diese Christologie'u der Kir- 



Die clirisü. Dogmengeschiclite. Erster Theil. 205 

§♦93. 

Die monophysitlselie Partei entwielielte noch dreier- 
lei andere Parteien: solche, welche eine Milderung ver- 
suchten, unter ihnen die Agnoeten'); ferner Parteien 
mit verschiedenen Ansichten von dem Verhältnisse des 
Gottmenschen zur Trinität und von der Trinität selbst^): 
einige endlich entstanden durch Vereinigungsversuche, 
vrelche von der Kirche ausgingen ^). 

1. Die Agnoetenlehre, durch Themistius, alexandrini- 
schen Diakonus, eingeführt, und seit 536 in der Kirche strei- 
tig, war die Folge des Versuches, den Monophysismus streng 
vom Eutychianismus zu trennen, indem man die Vergöttlichung 
des Menschlichen nur mit Ausnahmen annahm. Das wesentlich 
Göttliche habe der Mensch Jesus nicht besessen (Mark. 13, 32)^). 
Hier vei'fiel die raonophysitische Denkart in den unigekehrten 
Nestorianismus, indem dieser ja die Theilnahme des Göttlichen 
an den menschlich - irdischen Zuständen verwarf. Jenes war 
Theodor's von Mopsueslia Lehre gewesen. — Es war ein Tri- 
but, welcher der monophys. Partei für die Gedenkbarkeit und 
die Vernunft abgenöthigt wurde''). 

2. Der Monophysismus hatte nothwendig den hier bezeich- 
neten, zwiefachen Einfluss auf die Fassung der Trinitätslehre, 
da er nicht Sabellianismus war und nicht sein konnte*^). Die 
consequente Denkart in der Partei wurde zur Lehre der Theo- 
paschiten (Petrus FuUo, vorher Mönch in Constant. , dann 
Bischof zu Antiochia 471 und die Veränderung des Trisa- 
gion^)): denn es war auf dem monophysitischen Standpuncte 



che. Streit unter den Sufi's (Infusion des Göttlichen in die Mensch- 
heit — Uebergang des Menschlichen in die Gottheit) — vgl. DöUinger 
Muh. Rel. 121. Ein mystischer Monophysit, Ende 5. Jahrb., 
Bar Sudaili bei Jssem. Bibl. IL 30. 291. ist von dem kirchl. Prin- 
cip ausgegangen, dass in der Person Christi sich die Geschichte von 
Welt und Menschheit darstelle. 

ß) Timotheus a. 0. 398 erwähnt auch eine Milderung nach der 
anderen Seite : einige Cajaniten oder Julianisten : ov xard icavTa 
tgoTtov am&aPTOv Xty. zo aüi. X., «AAa Svvä usi uev aj&aoTov, an- 

V'I.V'Q.-' " ^ 1 •-'1' ^ s~ i 

COMjS Ol: (p%TaQt]vai rf] sirixpanta, rov Aoyov. 

6) Gegen Themistius Streitschrr. von Theodor und Eulogius von 
Alex., b. Phot. 108. 230. 

c) Daher der Unterschied zwischen Tbeopaschiten und Patripassia- 
nern (S. 102). 

d) Angeblich seit Proklus v. Cpel. 446 : "Aytoi 6 &ios, äy. laxvgoe 
ay. d&ävazos iXirjaov '^fia? : nach Jes. 6, 3. Ursprünglich wohl Um- 
schreibung des, über Welt und Zeit erhabenen. Die Kirche fand 



201 Alljjeraeme DogmcngescliicLtc. Dritte Periode. 

'inmiiglich, das GötlUche in Christus A-on seiner Menschheit 
irgendwie zu scheiden, und nach der allgemein kirchlichen 
Ansicht nicht vergönnt, die göttliche Person des Sohnes aus 
dem göttlichen Wesen und Leben herauszustellen. Die For- 
mel, u?ius ex Trinüate passus est (die Suhjectsbezeichnung 
nach Gen. 3, 22), gegen den Nestorianismus von Joh. Maxen- 
tius und seinem Mönchshaufen vom schwarzen Meere 519 auf- 
gestellt^), hatte ohne Zweifel theopaschitischen Klang; aber 
dem altkirchlichen Formelwesen war sie nicht fremd ^), und in 
dem damaligen Eifer gegen die^Nestorianische Denkart erhielt 
sie kirchliche Bestätigung zu Constantinopel 553°). 

Auf die Fassung der Trinitätslehre selbst floss der Mono- 
physismus ein durch die Gleichsetzung der Namen (pvaig und 
VTroaTaciQ' Neben dem oben erwähnten Tritheismus des Joh. 
Philoponus'') kam, nach einer anderen Philosophie über die 
GaUiingsbcgrific, auch Tetradismus zum Vors eh ein (das gött- 
liche Wesen, vTiaQ^ic:, sei auch vnooTaGis zu nennen). Die- 
ser bei Damian, monoph. Patriarchen zu Alexandria (6. Jahrh.)'). 

3. Die früheren Vereinigungsversuche, welche neue Par- 
teien hervorriefen, waren das Henotikon von Zeno 482 und 
die des Justinianus, durch welche der Dreikapilelslreit entstand. 



Vater, S, und G. in der Formel (Jo. Dam. 3, 10\ Einige bezogen sie 
allein auf den Sohn {Pliot. 228 aus Ephraem von Antiochia). Suicer u. 
TQjf-iäyioi' Goar. eiichol. 126 ss. Lcqnien. zu Jo. D. I. 478 ss. S. J. Baum-' 
garten, hist. l'risagii. Hai. 747. Auch anderwärts später wurden Zu- 
sätze zum Trisagion gemacht. — Der Zusatz wurde verworfen Conc. 
quiniscxt. can. 81. 

Acacius Cpol. an Petrus Ant., Manst 7. 1J3I. 

c) Jo. Maxenlius Glaubensbekenntnisse und Capüula gegen die Ne- 
storianer — ad epist. Hormisdae rcsponsio. Bibl. pp. Lugd. 9. 

/■) Die Formel (wie das ■&Bozuy.o?, nach uralten, dichterischen und 
liturgischen Formeln) schon von Proklus vertheidigt, Tomus ad Ar- 
meiiüs: Mansi 5, 429: worauf sich Maxentius berief. 

//. j\oris. de uno ex tria. iiasso — 695. Opp. 3. 

g") yJnalh. 10: sXtl? ov'i ouoLoyti xov E<}Ta.vQi.<jfUvov aagxl K. 77. 
'/. X. itvai 'd'iov d).T]\^ivov xal y.vQiov rijs Sü^i]S xal tva ZJii dylas 
TQidfiof — . Vorher Justinian's Gesetz 533. 

Hormisda und Johann II. urtheilten verschieden über die Formel, 
jener misbilligend, dieser sie gutheissend; Hormisdae ep. ad Posses- 
sorcm ep. Afr., Mansi 8. 498. lo. ep, ad lustin. ebds. 797 ss. Fulgent, 
Ruspensis de incarn. et gratia D. N. J. C. ad monachos Scyth. 

h) Dem Philopon. stand die Partei von Konon^ B. von Tarsus, ia 
den Lehren von der Trinität und von der Auferstehung entgegen: 
Timoth. a. 0. 413. 415. 

j) Tiraotheus a. 0. -411 (v. S. und G. f;^etv KOtvov &a6v ijyow 
&£ÖT7}ra Bvvnagy.TOV. Assem.-II. 332) • 



Die cLristl. DograengeselilcLtc. Erster TlieiL 205 

Die Geschichte jenes Henotikon (Schreibens des Zeno an die 
alex., Üg. u. lib. Gemeinen)^) giebt den Beweis für den alten 
Satz, dass, dafern überhaupt unter erregten, streitlustigen Par- 
teien eine Vereinigung möglich sei , sie wenigstens av e d e r 
durch unbestimmte Formeln, noch durch das Verbot zu fra- 
gen und zu streiten erreicht werde. Zeno verordnete an der 
Stelle der streitigen Formeln, sk ovo und ev ovo, die Formel, 
elg xvQiog und navra ev6g^), aber sowohl der Sinn des sie 
als das ivog unterlag dem Streite. Dazu kam ein für das 
Chalcedonische Concilium zweideutiger Ausdruck in jenem He- 
notikon"^). — Hierbei entstanden die Parteinamen der Ake- 
phaler (Feinde des Henotikon, welche sich vom alexandrini- 
schen 'Patriarchat trennten) und der Unsicheren, Zweideutigen, 
^ici'iCQiv6[A,svot (Jakob. 1, 6)°). Akephaler wurde fortan, wie 
Theopaschiten, ein Gesammtname der strengen Mouophysiten. 

Der Dreikapitel streit") hat mehr kirchengeschiQhtliche 
als dograenhistorische Bedeutung: indem eine Concilienbestim- 
mung durch kaiserlichen Willen aufgehoben , und über kirch- 
lich bewährte, längst gestorbene Männer das Anathema gespro- 
chen wurde (Theodor von Mopsuhestia , Ibas von Edessa und 
Theodoret) ^) ; und die Verhandlungen haben sonst auch man- 
ches, sowohl kirchliches und politisches als sittliches, Interesse. 



Ä) Zeno's Henotikon b. Evagr. 3, 14. Libcrat. 17. (7. E. Ja- 
blonsku de henotico Zenonis. 737. Opuscc. If. 30^ ss^ Vorberge- 
gangea war 476 des Basiliskus Encyklioa {Evagr. 3, 4), die chalc. 
Beschlüsse verurtKcilend, als KaivorofiLo. gegen die Nicäu. Beschlüsse. 
J. G. Berg er. henotica orientis. Vileb. 733. 4. 

l) OfioXoyovitBV TOP etc. sva Tvyxdvetv xal ov Svo ' tvot ydp ti- 
val tpafiEv T« TS &avftaTa x. t« "ndd-j] — . 

in) ndvxa 8s rov 'irsqov ri qjpovtjaavva tj q)QOVotvTa, ij vvv ij 
srcuTTOTC, i) tv KaXyTjScvi ^ o'ia Stitiote avrödoj^ dvadsfiaTi^o/*tv. 
Dabei Cyriirs \% Anath. anerkannt. 

n) Anders die SiaxQivofisvot (Zweifler am chalc. Conc.)Tiinoth. 406. 

o) Liberatus brev. 24 und Facundus (pro def. fr. c. und contra 
Mocianum). Fulgentius Ferrandus, Diak. voü Carth. , Schüler von 
Falg. V. Rnsp. , pi'o tribus capitulis. 

p) TQia xetpilaia Artikel aus dem chalc. Concil. Theodorus (wel- 
chen das chalc. Concil nicht rechtgesprochen hatte, nur seine Freunde 
•und Schule, vgl. Walch. G. d. Ketz. VI. 462 ff.) ganz, Ibas Br. an 
Maris, Theodoretus Schriften gegen Cyrill, vornehmlich gegen die 
Analhematismen, oder ,,rdr Theodor, Nestorius und Gleichgesinnte." 

544 erstes Edict Just, (anath. aber Alle, welche das chalc. Conc. 
verwürfen) 551 ofioXoyia niazaws xard rujv tqiwv xstpaX., Mansi 9. 
537 SS. Vigilius von Rom Judicatt/m 548. Constitutum 553. Relra- 
ctation. 554. (ep. ad Eutychium Cpol.) Ockum. Concil zu Cpcl 553 : 
Mansi ebds. 157 ss. 



206 Allgemeine Dogmengeschichte. Dritte Periode» 

Durch diese Streitigkeit wurde indessen mehr die orthodoxe 
Partei in sich selbst erregt als jene getrennten Secten. Die 
kirchlichen Schriftsteller selbst bezeichnen den Ursprung des 
Sti'eites als eine Gegenwirkung der Origenisten , welche dem 
Justinian als ein grosser Act dargestellt wurde, die Akephaler 
zu versöhnen*^). Justinianus war ein Spielball, welchen sich 
die theologisch -kirchlichen, oft zugleich politischen, Parteien 
zuwarfen. 

Die Ernennng und Beendigung der Origenisti- 
schen Streitigheiten hing mit den monophysitischen äus- 
serlich zusammen. Die alexandrinische Partei, welche 
dem Monophysismus immer zum Grunde lag, stellte, auf- 
geregt durch das üebcrgewicht der Antiochener, die Leh- 
ren ihres Urbildes, des Origeues, von Neuem als ihr Be- 
henntniss auf): während vornehmlich die Antiochener 
überall zu der Verurtheilung jener Lehren beitrugen^). 
Mit jenen Lehren ging für die griechische Kirche der 
eigentliche Piatonismus unter. 

1. Der Origenistische Streit war schon durch den Arianis- 
mus in das Leben zurückgerufen worden. So entstand, nach- 
dem sich der anfangliche Widerspruch gegen Origenes (ob. S. 90) 
zurückgezogen hatte, im 4. Jahrh. der Streit zwischen Hiero- 
nymus, Epiphanius und Johannes von Jerusalem, sammt ihren 
Freunden*). Zuletzt, am Schlüsse des 4. Jahrb., ergrififen 
Nitrische Mönche die Partei des Origenes; denn unter diesen 
Mönchen hat immer auf gleiche Weise bald geistig-überspannte, 
bald sinnlich - rohe Denkart Statt gefunden. Theophilus von 
Alexandria hatte es ehen auch mit zwei solchen Mönchsparteien 
entgegengesetzter Richtung, der Origenistischen und der an- 
thropomorphistischen, zu thun: seine Bestreitung der Origeni- 
stischen Partei hatte nur einen äusserlich- persönlichen Anlass 
und Charakter. Aber ganz nun in den Zusammenhang der 
monophysitischen Controvers gehört der Origenistische Streit 
des 6. Jahrhunderts, seit ungefähr 517: ebenso durch ägypti- 
sche Mönche erregt. Diese nahmen auch die Lehren ihres 



q) Zunächst durch Theodor Ascidas B. von Neucäsarea und Do- 
mitian B. von Ankyra, Origenisten mit den Monophysiten vereinigt. 

a) Neander KG. IL 1410 S. 

Alexandrinische Synode um 399, Bfansi 3. 976 ss. Theoph. drei 
Paschaschreibea — Werk gegen Origenes, Gennad. 33. 



Die cLrIstl. Dogmcngescliiclitc. Erster TJiell, 207 

Meisters vollständiger auf: früher war gewöhnlich in diesen 
Mönchssti'eiten nur die allegorische Schriftauslegung in Frage 
genommen. Besonders handelte es sich jetzt um die drei Leh- 
ren : von der Präexistenz der Geister, von der Wiederherstel- 
lung (Apokatastasis) aller Geister, und von der Seele Jesu, als 
Mittelglied zwischen Gottheit und Menschheit in Christus. Un- 
ter ihnen selbst soll es Parteien gegeben haben, deren Namen 
verschieden angegeben werden. Vornehmlich Protoktistä 
oder Tetraditä, und Isochristen (looiQiOTOt)^)' Ohne 
Zweifel je nachdem die Seele Jesu als ein Wesen eigenthüm- 
licher Art, oder als nur ein menschliches Geisteswesen (als sol- 
ches jedoch präexistirend ")) angesehen wurde. Der Name, 
welcher von ihnen ihren . Gegnern gegeben worden sein soll : 
Sarabai'ten ''), gehörte wahrscheinlich damals schon allen 
ungeordneten Mönchsparteien. 

2. Unter Justinian wurde die Orig. Sache, eben unter Bei- 
wirkung von den Gegnern der Alexandriner, zur Entscheidung 
gebracht^). Der Patriarch Mennas zu ConsEantinopel berei- 
tete diese vor; auf einer längeren Besprechung daselbst (ay- 
drjfA/Ovaa ovvodos 541 ^ — 43) wurde die Verurtheilung des 
Origenes ausgesprochen *) : zweifelhaft ist- es,, ob auch das 5. 
ökumenische Goncil 553 auf Origenes Rücksicht genommea 
habe^). Aber es bestätigte die Verurtheilung. Die griechische 
und die Römische Kirche (Synoden von J. 692. 786 u. Later. 
694) haben jene Verurtheilung wiederholt gutgeheissen. 



6) Evagr. 4, 38. Cyrill von Scythopolis, 6. Jahrb., Sabae vita, 
Coteler. monn. 3. 37^ s. (^Ex rölv oixsiwv rijs daeßelas Soyftäxtuv 
Tai ovofiaaias ixXi]QOjaavTO 'ixaaroi). 

c) Daher in der Apokatastasis von gleichem Greschicke mit den 
Menschengeistern. 

d) So nach Huet's Verhesserang bei Cyr. Scyth. 367. statt 2a~ 
ßaixai: die Conjectur von Walch Eetz. G. VII. 639 gebilligt (vei-gl. 
s. Abb. <Ze Saräbaitis, N. Comm. S. G. VI. 2), dann verworfen, Vorr. 
z. a. B., und Abb. de Sdbaitis, ebds. VII. 1. 

Sarabaiten, berumschweifende Mönche, anch b. Cassian. Coli. 18. 
— Noch in der spatesten Kirchensprache : der Name findet sich mehr- 
mals bei Rabelai^. 

c) Evagr. 4, 38. — Klage der Mönche zu Jerusalem über Or. 
Irrthümer. 

/) Just. Schreiben an Mennas und Urkunde des Cpol. Coacil, mit 
9 Anathem. gegen Origenes : Mansi 9. 

g) Mansi de synodis in Origenianos habitis, ebds. 703 ss. 
Evagrius und die Späteren vermischten die beiden Synoden. 



208 Allgemeine Dogmcngescliichte. Dritte Periode. 

Die monotlieleliscLe Streitigheit war eine zweite 
Fortsetzung der Conlroversen der vorigen Periode. Die 
Absicht der Monotlieleten ging nicht nur darauf aus, 
die zwischen den Parteien streitigen Formeln zu iinige- 
hcn, sondern auch den Streit in einem gemeinsamen 
Glaubensinteresse auszugleichen^). Die kirchliche, Mei- 
nung dagegen, einmal in dem unentschiedenen Dogma 
festgehalten, mochte sich nicht an diesem genügen las- 
sen , auch liess die Sprache Lei dieser ausgleichenden 
Meinung immer noch Misverständnisse zwischen den 
Parteien zu. Der Monothelctismus hatte daher ein sehr 
kurzes Leben in der Kirche, und seine Geschichte ist 
wieder ganz mit politischen xmd persönlichen Ereignis- 
sen und Angelegenheiten durchflochten ^). 

l. Glciclizeilig mit der Entstehung des Islam, seit dem J. 
622 traten jene Versuche hervor, welche der Monotheletcn- 
partei das Dasein gaben"). Die Patriarchen, Cyrus von Alex- 
andria (monophysitisch gesinnt) und Sergius von Const., woll- 
ten statt des ^/a (pvatgj dieses Ausgangs aller Spaltungen der 
Zeit, jener /Lvia sv egysLa, mit Beziehung auf Dionysius 
Areopagita, dieser evog näaa sveQysia, aber zuerst Ho- 
norius von Rom sprach das "iv 'ß-eXt] /na aus**). Dieses ver- 
band die Ekthesis des Heraklius 638 mit jener noch allgemei- 
neren Formel, eig XgiGTog, dabei den Streit verbietend über 
Eine oder zwei Evigyeiat ). Man nahm an, dass die Kirche 
nur daran ein eigentliches Interesse habe, dass Wort und 



c) /. Combefis. historia haeresis Ttionothelitarum ac vindiciae 
actorum sextae synodi: N. auctar. IL 3 ss. Anastasii bibliothecarii 
(des aus 9. Jahrli.) oollectanea de iis quae spectant ad kistor. mo- 
nothelitarum , ed. Sb'mond. 6^0. (auch ö/»p. Sirmond, 3 und Bibl. 
Lugd. 12.) 

Die Concilien, im Lateran 649 und das 6. ökumenische, Marisi 
10. 11. Nicephorus, Patr. von' Cpel, Anf. 9. Jahrh., breviarium lii- 
storiae (C02— 7C9) ed. D. Petav. Par. 616. 8. 

6) Schreiben von Cyrus an Sergius und alexandr. Einigungsformel 
(633), in den Acten der 6. ökumen. Synode, Mansi 11, 561 ss. Ser- 
gius und HoDorius Wechselschreiben, ebendas. Sophronius avvodixd 
ygäfifiara ebds. 537 ss. (eigentlich nur gegen die ^itf, tvtqytta, ia 
der Bedeutung, Priacip des Handelns). 

Dem Sergius zufolge (auders Spätere) hat ein Akephaler, Paulus 
in Armenien, den ersten Anstoss zu der monothel. Bewegung gegeben. 

c) Ekthesis, in den Acten des Later. Concil, Mansi 10, 991 ss. 
Bestätigung der Ekthesis zu Cpel unter Pyrrhus 639. 



Die christl. Dogmengescliichte. Erster Theü. 209 

Wille Christi ungetheilt, dass es göttlich und mensehlich in 
ungetrennter Gemeinsamkeit sei: während di(3 Frage üher den 
inneren Grund dieser Gemeinschaft, und tiefer über die Ver- 
einigung der Naturen, unnöthig und unheantwortlich wäre. 

2. Die Palästinenser, (unter Sophronius von Jerusalem) die 
Nachfolger des Honorius zu Rom*^), und die Africaner waren die 
Hauptgegner der Ekthesis des Heraklius. Die Philosophirenden 
der Zeit fanden es wenigstens doppelsinnig, was die Mo- 
nothelelen behaupteten {vnoöTariKov , naturalis, personalis 
vol. — yvwfiiKov <d'iXo]f,ia,). Joh. Damascenus als Gegner 
der Monothel,, Maximus als Märtyrer ihrer Besti'eitung (gest. 
662), zeichneten sich hierbei aus^). 

Typus des Constans 648, wieder das stg XQiatog bestäti- 
gend, und den Streit untersagend über Beides, evsQyeia und 
•d-eXt^pa^). Widerspruch der Lateran. Synode unter Martin I. 
649°). Bestimmungen der Conciliett: 6. ökumen. zu Const. 
680^) und nsv&iKrt] ebdas. 692 (1. Kanon). Jene beant- 
worteten die Frage vom kirchlich -dogmatischen Standpuncte^), 
aber ungenügend: ,,zwei Willen in der Person Christi (av- 
üincu '&6X')joeig '^toi ■d-eX'^iuiaTa), aber der eine dem ande- 
ren unterworfen {ßnofAiBVOVf vnoTaGGOfjiSVOv)'''''^) Denn 



d) Anathema über Honorius als Monotbeleten, auf der 6. Synode 
und fortwährend im alten Gebrauche auch der Rom. Kirche : vergl. 
Gieseler I. 731 ff. ^ 

e) Jo. Dam. ■tzsqI tojv iv Xq. Si'o ds^Tj/ndrouv xal ivsQystwv. 
Opp. I. 527 SS. coli, de haer. 99. Orth. ßd. 3, 14 s. — Maximas 
bei Phot. 195. (andere Schrr. des Max. ebds. 192 ss. Opp. ed. A. 
Combefis. 675. II. Besonders Max. Gespräch mit Pyrrbus, J. 645, 
das. 2. 159 ss.) — Vergl. Photius : noia Sti Xiynv SttI Xgtarov 
yvwfity.a -SteX-^/uaTa, xal tcoIov Set Xiyaiv in avTov rov Xgtarov dv- 
&Qo')7itvov ■d'ii.Tjua vTTooTaTtxövj J^asnag: Thes. IL 2. 437 ss. 

Der monotheletiscbe Streit ist nicht ohne philosophisches Interesse 
in Beziehung auf Begriffe und Fragen der Psychologie (Unterschied 
von &iXi]fia, ■d^skrjaL?, -O'eXtjtÖv). — 

/) Constans Typus, Acta v. Lat. Conc, Mansi a. 0. 1029 ss. 

g) Der Typus wird als Indifferentismas dargestellt. 

Ä) Mansi 'X. 190 ss. Acta griechisch und zwei lat. Ueberss. 

i) Agatho B. von Rom, war, wie Leo zu Chalcedön, vorangegan- 
gen. Agathonis ep. ad Imperatores. Mansi %. 233 ss. {duas natu- 
ras duasque naturales voluntates et duas nat. operationes confite- 
mur in uno D. N.J. C, non contrarias eas nee adversas etc.) 

k) Mit Wiederholung der chalcedonischen Formeln : iv Svo (pvasatv 
davyxvTOj?, dzQiTtTOJf, dxojpiazcos, dStaipizüJS yvwQt^o/Lisvov etc. Dann 
die zwei Willen u. Wirksamkeiten dSiai^hojs, drQenzioSi dfie^iojuSf. 
davyxvzoje — xTjQvrzdpisv — . 

Dogmengeschichte. 14 



210 Allgemeine Dogmengescliiclktc. Dritte Periode. 

eben um den Grund dieser Unterordnung und um das ge- 
genseitige Verhältniss handelte es sich ja^). 

Zu denjenigen Ursachen der Verlängerung aller die- 
ser Streitiglieiten 5 welche in ihnen selbst lagen (34), 
kam nach dem Aufkommen des Islam die Auflösung des 
politischen Verbandes zwischen der grlechiscb- lateini- 
schen Kirche und der des Orients hinzu. Jene unge- 
löste dogmatische Controvers über die Vereinigung der 
Naturen wurde nun zum Princip oder zum Vorwande 
für die Sectentrennung im christliclien Orient : eine Tren- 
nung, in welcher der dogmatische Ursprung sich oft ganz 
verwischt hat, aber in der sich auch zum Theile das 
christliche Element selbst ganz verlor, oder auch christ- 
liche Parteien sich befreundeter mit den Fremden und 
mit den Feinden ilires Glaubens, als mit der Kirche ge- 
fühlt haben^). 

1. Die Nestorianische Partei") drang immer weiter in Asien 
ein '') . Als Thomas Christen , chaldäische Christen und 
unter anderen Namen, finden sie sich bis tief in Indien, zum 
Theile (wie in Vorderasien) mit Nichtchristen in Leben und 
Bräuchen vermischt"). Die syrischen Monophysiten führten ihre 
kirchliche Trennung auf Jakob Baradai '^) (Zanzal) von Edessa, 
Mitte des 6. Jahrhunderts, zurück. Die ägyptischen Chri- 
sten (Kopten), dieser Stamm des Monophysismus °), die äthio- 
pische Kirche, immer mit der ägyptischen verwandt, aber 



/) Erneunng des Monotheletismus durch Bardanes Philippikus J. 711 
— 713 durch Anathema über die 6. ökumen. Synode: Agathon von 
Cpel, Notarius auf der ök. Synode, Epilogus zur 6. ökumen. Synode 
(J. 712). Mansi 12. 189 ss. Von seinem Nachfolger, Anastasius IL, 
die Orthodoxie wiederhergestellt. 

a) Die Formeln der syrischen Nestorianer {Assem. IIL ?. 217 
SS.) weichen nur wenig von den orthodoxen ab (Eine Person, zwei 
Naturen) : wohl aber ist der Sinn verschieden (nur freundschaftliche 
Vereinigung: das Leiden gehört nur dem Menschen n. s. w.). Die 
chald. Nestorianer seit 1681 (Innoc. XL) der Rö. Kirche unterworfen. 

V) Die Sage vom (nestorianischen) Priester Johannes im Inneren 
von Asien, seit dem 12. Jahrh. im Abendlande verbreitet, heurtheilt 
von K. Ritter, Asien I. 283 ff. und Gieseler, th. St. u. Kr. 1836. 

c) Vornehmlich mit den Kurden. 

d) Bettler genannt, von seinen Wanderungen im Bettlerkleide, um 
die Gemeinen von Syrien u. Mesopotamien zu vereinigen. ^*se»i. /. 2. 

c) Takt- eddin Makrizi ob. erw. htst. Copforum ehr. in Aeg. 



Die christl. Dogmengeschiclite. Erster Theil. 2il 

seit ihrer Trennung auch mit Judenthum und allerlei Aherglau- 
hen vermischt^), vor Allen aher und als hedeutendste Partei"), 
die armenischen Christen (seit Anf. 6. Jahrh.), gehören zu 
den Monophysiten und Lei diesen letzten findet sich fortwäh- 
rend eben so entschiedene Abneigung gegen die griechisch- 
orthodoxe Kirche, als eine still entwickelte Selbständigkeit. 
Diese Partei hat sich auch am meisten unter allen diesen Seelen 
den dogmalischen Trennungspunct erhallen, aber so, dass er 
eben sogleich auch- Avieder Vereinigungspunct werden könnte. 
(,, Nicht Verwandlung der Einen Natur in die andere, sondern 
Ein Anblick, oder auch Eine Natur.") In das Abendland 
verpflanzt, hat sie sich der Römischen Kirche (vornehmlich als 
Mechitaristen seit der Mille des 18. Jahrh.) mehr und 
mehr genähert^). 

Die Maroniten auf Libanon haben ihre Entstehung am 
Ende des 7. Jahrh. in den monotheletischen Streitigkeiten ge- 
habt^): wiewohl der Name des Stifters (Mar-On) und die 
Mönchspartei, Maroniten, früher schon dagewesen sind^). Aber 
jene selbst haben einen weit allgemeineren Charakter angenom- 
men: sie machen eine unabhängige Christenpartei aus, welche 
auch von Fremden Manches angenommen hat, und seit Ende 



f) I. Ltidolf. Schrr. {last. Aethiop. — eomm. ad hist. aeth. — 
app. ad hist. aeth. 1681 ss.) Mathurin Vysiere — la Cr ose hist. 
du ehristianisme d'Ethiopie et d'Jrmenie. Haag 739. 8. {Thes. epi- 
stolieus Lacrozianus.) Oertel. theol. aethiop. Vit. 746. 8. Neueste 
Berichte über Abyssinien. "• 

g) St. Martin mem. sur VArmenie. Par. 818 s. //. E. Smith 
und ü. 0. Dwight researches in Armenia. Boston 833. II. 8. (E. 
Rödiger, ALZ. Erg. BI. 1837, 118 — 120.) Kurze hist. Darst. des 
gegenw. Znstandes d. armen. Volks. St. Petersb. 831. 8. F. Parrot, 
Reise zum Ararat. Berl. 834. II. 8. — J. Windisch mann, Mit- 
theilungen aus der armen. Kirchengesch. alter und neuer Zeit. Th. 
Quartalschr. 1835. 1. 

h) Priester Mechitar, auf der Insel San Lazaro bei Venedig, seit 
1715, gest. 1749. Mechitaristen durch Clemens XI. bestätigt 1712. 
Mai vor Eus. Chron. , Rinck vor den apokr. Briefen Paulus und der 
Korinthier: Neumann ob. erw. u. A. 

z) Abr. Echellensis und Assemani haben gegen die Annahme ge- 
stritten, dass die Maroniten Monotbeleten seien. — Assem. I. 496 ss. 
über JoB. Maro. 

Lequien, or. ehr.ß: de eccl. Maronitarum. Walch, Gesch. 
d. Ketz. 9. 474 if. J. F. Sclinurrer, die maronit. Kirche. Stäudlin 
und Tzschirner's Archiv f. d. KG. 1. Nr. 2. 

Die Schriftsteller über griechisch -morgenld. Kirchen und über die 
rel. Parteien. 

k) Theodoret. hisi. rel. 16. Magtov. 

14* 



2i2 Allgemeine Dogmengeschlehte. Dritte Periode. 

des 16. Jahrh. mit der Römischen Kirche im Zusammenhang 
steht. In der Geschichte der Drusen haben sie immer eine 
Rolle gespielt. 

Die adoptianisclie Meinung im 8. und 9. Jahr- 
hundert, stand in keinem geschiehtlichen Zusammenhange 
mit den in der Kirche verworfenen Lehren, von denen 
bisher die Rede war ^) : insbesondere nicht mit dem Ne- 
storianismus, wenn sie gleich unter dieser Voraussetzung 
den Widerspruch der Kirche auf sich zog^). Sie war 
eigentlich die erste dogmatische Häresis des Abend- 
landes. Da sie ohne tieferen Grund und Zusammenhang 
entstanden war, mehr nur durch Persönlichheiten getra- 
gen , so breitete sie sich nicht über ihr Vaterland aus, 
sie ging mit ihren Urhebern unter, und der Streit endete 
mit der hirchlichen Verurtheilung des Adoptianismus ^). 

1. Der adoptianische Streit*), um J. 785 entstanden, 
durch Zweifel, über welche Elipandus von Toledo (veran- 
lasst durch einen Streit mit Migetius, sabellianisch gesinntem 
Bischof)'') sich bei Felix von ürgellis befragte, hatte keinen 
für das kirchliche Dogma bedenklichen Ursprung. Zunächst be- 
zog sich jene Frage auf die Formel der mozarabischen Litur- 
gie : adoptivus homo ^) , welches (wie carnis adoptio) nichts . 
Anderes als den von der göttlichen Natur angenommenen 
Menschen bedeutete. Aber jene Männer fanden etwas Mehr 



c)Nat. Alex,, lo. Trellund. de Fei. et El. haeresi. Havn. 699. 
{Fogt. bibl. haeres. I. 2. 345 ss. 3. 409 w.) Jac. Basnage, hi- 
storicae circa Felicianorum haeresin et Eth. atque Beati libros 
obss.j Thes. IL 1. 284 ss. C. G. F-. Wal eh. hist. adoptianorum . 
Gott. 755. 8. vgl. G. d. Ketz. IX. 667 ss. J. B. Enhüber gegea 
VfaXch: Jlcuin. Opp. ed. Froben. I. 944 ss. Ebds. 923 ss. Proben. 
D. de El. et Fei. haeresi. 

Elipandus Briefe und Glaubensbekenntniss : Felix, Frgmm. seines 
Buchs gegen Alcuin — Glaubensbekenntniss zu Aachen -^ Frgmm. 
"einer letzten Schrift bei Agobard. 

6) Die Angaben von Elipand. Bestreitung der Miget. Ketzerei (ge- 
nauere erst in einem, durch Florez in der Espana Sagrada 5. T. be- 
kannt gemachten, Brief des El. an Mig.), dass Mig. gelehrt habe, der 
Logos sei in Jesu Person geworden (der h. Geist in Paulus, der Va- 
ter in David), deuten mehr auf Sabellianismus" oder auf Priscillianis- 
mus hin. 

c) Ausg. von Alex. Lesley S. J. ßom 755. 4. Die Stellen aus 
ihr in Elip. Br. an Alcuin, I. 872. Frob. 



Die christl. DogmengescMchte. Erster Tlieil. 215 

darin: den Menschen, welcher Gottessohn im uneigentlichen 
Sinne, angenommener, sei {homo, non genere Dei ßlius, 
sed adoptione, neque natura, sed gratia — nuncupative Dens). 
Sie fanden diesen Gedanken Lei vielen Vätern*^), auch in den 
Paulinischen Stellen, Rom. 8, 15. 29; und allerdings dachte 
Paulus keine andere Sohnschaft für die Erwählten , als dieje- 
nige, welche Christus selbst innehätte ®) ; aber der Name, Got- 
tessohn , bezieht sich ja hei ihm immer auf die Person, auf 
den erschienenen Christus, und den Begriff der Adoption hat 
das Paulinische vlo&sala nicht in sich. Was bisher Adoptia- 
nismus in der lateinischen Kirche geheissen hatte, die B o n o - 
sische Lehre ; lag unseren Männern natürlich sehr fern^). Wohl 
aber hat man um ihretwillen, wie sie ja gerade in Spanien 
so berüchtigt war, der jetzt aufgestellten von Anfang an ge- 
niistraut°). 

2. Wenn sich gleich in dem adoptianischen Streite viel 
dogmatischer Verstand auf beiden Seiten entwickelte, vornehm- 
lich bei ■ AIcuin und Agobard, und hei Felix : so konnten die 
Begriffe doch nicht zu Klarheit und Entscheidung gelangen. 
Gewiss ist es, dass beide Parteien oft, die eine in Nestoriani- 
scher, die andere in Eutychianischer Weise, gesprochen haben. 
Nestorianisch wäre der Adoptianismus nur dann gewesen, 
wenn er entweder angenommen hätte, dass der Mensch Jesus 



d) Ueber Hilar. trin. %, 11 : potestatis dignUas non amittituTy 
dum carnis humilitas adoptatur, wurde in der adopt. Controvers 
gestritten — (Alcuin's adoratur, wäre ganz unpassend, aber darnach 
die jesuitische Textverfälschang in Hilarius, vertheidigt von JB. Ger- 
trion. de liaerett. — corruptoribus p. 384 — 482). 

e) Id Beziehung auf die Menschen, welche Christus zu sich er- 
hübe, war das Wort, adoptio und verwandte, immer im Gebrauche 
gewesen, /sz'rfor. Hüp. origg. 7, 2: in susceptione hominis per ad- 
optionem gratiae fraires habere dignatus est, de quibus esset 
primogenitus. Die Adoptt. vermischten diese Bedeutung der adoptio 
mit der vom Menschen Jesus. 

/) Oben S. 155. Dem Bonosischen Gebrauche des Nam. adoptio 
widersprechen die Adoptt. auch, indem sie mit Isidor unigenitus 
und primogenitus unterscheiden. (Isidor. am ersteren Orte: lu- 
stinianus episc. — scripsit — contra Bonosiacos, qui Christum ad- 
optiüum et non proprium dicunt.) Noch das 11. Conc. von Toledo 
675 : Hie ßlius natura est ßlius non adoptione, quem Beus pater 
nee voluntate nee neeessitate genuisse eredendus est — . 

g) Aus Alcuin's Angabe, c. Elip. 2, 4, dass El. und Felix aus 
falschgewendetem Eifer gegen den Arianismus jene Formel gebraucht 
hätten, st der Vorwurf des Arianismus erklärlich, den Elip. dem 
Alcuia macht. 



214 Allgiemeine Dogmengescbiclite. Dritte Periode. 

die göttlichen Prädicate nicht im eigentlichen Sinne erhalte, 
oder nicht durch seine Gemeinschaft mit der göttlichen Natur, 
sondern durch eine freie Gunst der Gottheit. Aher es war 
ja die Meinung der Adoplianer vielmehr die : der Mensch Je- 
sus sei göttlicher Art nicht durch sich (nach einer Vermischung 
der heiden Naturen), sondern durch jene Gemeinschaft*). In 
Hinsicht auf das Erlösungswerk stellt sich bei den Adoplia- 
nern und ihren Gegnern dieselbe Verschiedenheit der Ansicht 
dar, welche wir in der alten Kirche immer treffen bei denen, 
welche die Person Christi den Menschen näher brachten oder 
ferner hielten^). 

3. Erste Bestreitung der Adoptianer durch den Bischof 
Etherius und Presb. Beatus ^). Interesse K. Karl's fiir den Streit, 
dogmatisch und politisch, doch das erstere vorherrschend; Spa- 
nien war von Altersher eine Zuflucht der Häresis gewesen, 
vornehmlich seit den Priscilliauisten 5 die Saracenische Herr- 
schaft kam dazu, durch welche die, von der Kirche getrenn- 
ten, Parteien natürlich allenthalben beschützt wurden. Wie- 
derum wurde mit Rücksicht auf die Nähe dieser Herrschaft 
der Streit doch auch milder behandelt. Die Hauptbestreitüng 
durch die Genannten, AIcuin (seit 793) und Agobard^). Kir- 
chenversammlungen zu Regensburg 792, zu Frankfurt 794, zu 
Aachen 800"^). Bestätigungen durch Hadrian I. und Leo I. 
(Rom. Synode 799.) Schwankender Widerruf des Felix, gest. 
818. Wenn die Partei sich in Spanien erhalten hätte , so 



h) G, Calixt. num Christus secundum carnem sit filius Dei vel 
adoptivus, 643 {De persona Chr. progrr. et dissert. fasc. 663). 
Neander (KG. III. 319) hält indessen eine Anregung aus Theodor's 
Schriften (welche von Nordafrica her in Spanien hekannt sein konn- 
ten) bei Felix nicht für unmöglich. 

i) Die Adoptt. fassten das Werk Christi mehr als Theilnahrae der 
Menschheit an der Erhöhung des Menschlichen in ihm auf: die Geg- 
ner mehr als einen Wunderact des durch und durch Vergöttlichten. 

k) Beati et Etherii libri IL de adoptione Christi F. D., Basnag. 
thes. II. 1. 269 ss. {Galt. 13.) Beatus wird von Elip. falscher Pro- 
phet genannt: wir wissen nicht, ob nur als Ausleger der Apoka- 
lypse, oder auch, weil er apokalyptische Schwärmerei mit Eutychia- 
nismus verbinden soUta. Antiphrasius (Beatus Kar avxifQaaiv) 
nennen ihn die adoptian. Bischöfe. 

l) AIcuin. adv. haer. Felicis — ep. ad Felicem — contra. Fe- 
licem 7 — contra Elip. 4. (Lorentz AIcuin 75 ff.) Agobard. Lugd. 
adv. dogma Felicis, nach Felix Tode. Paulinus Aquilei. de san- 
ctiss. trin. (sacrosy Ilabus) vor dem Frankf. Conc. , an welchem er 
selbst Theil nahm — contra Felic. 3, nach dem Frkf. Coric. 

m) Mansi 13. (Frankf. Conc. 833 ss.) 



Die christl. DogmeugescMclite. Erster Theil. 215 

würde es wenigstens in unbedeutender Weise stattgefunden ha- 
ben. Aber wie z. B. Claudius von Turin vornehml. bei Jonas von 
Orleans, ein Schüler des Felix heisst, so kann es auch bei 
Anderen geschehen sein : nämlich, dass man alle unkirchliche 
Tendenzen von dorther an die letzte angebliche Spanische Hä- 
resis anknüpfte"). Ein Tvirklich Nestorianischer Adoptianismos 
tritt späterhin im Jo. Dans Scotus auf. 

Bleibende Nachwirkungen voriger Streitigkeiten wa- 
ren der scmipelagianiscLe und prädestinatiani- 
scLe Streit. Die ungelösten Streitfragen des S. Jahr- 
hunderts regten sich fortwährend, und Gallien undAfrica 
blieben der Schauplatz für diese Controvers. Im 6. Jalir- 
liundcrt dauerte sie noch, damals mit Uebergewicht des 
Semipelagianismus^). Dieser blieb denn aucli die in der 
Kirche vorherrschende Denkart, wenn gleich die strenge, 
der Prädestinatianismus, immer dann und bei denen her- 
vortrat, welche es mit den Dogmen der Kirche strenger 
nahmen. Während die Hierarchie beide (und somit die 
alte Dlfierenz der Africaner und Lateiner) in sicli um- 
fasste, wurde doch jene Denfeverschiedenheit durch alle 
folgenden Zeiten zum Anhalt für die Abweichungen von 
Geist und Lehre der Kirche^). 

1. Gegen äas Ende des 5. Jahrb. sind die vornehmsten 
Streiter; Faustus aus Britannien, Bischof von Riez (Reien- 
sis), der semipelag. Partei*), und Lucidus Presbyter. Die- 
ser zu Arles (472) und Lyon (475) verurtheilt und zu wider- 
rufen genölhigt. Die semipelagianische Lehre fasste sich übri- 



n) Einen engeren Zusammenhang von Claudius Lehren (z. B. von 
der Kreuzesverehrung) mit dem Adoptianismus nimmt INeander an, 
KG. IV. 236: dabei jedoch bemerkend, dass der eigentliche Adoptia- 
nismus dem Claudius fern gelegen habe. 

a) Genn. 85. Eifrig gegen den Arianismus, Exulant unter den 
Westgothen 480. Eist. HL de l. Fr. IL 585 s. 

De gratia J)ei et humanae mcntis arbitrio 2 — auf Anlass der 
Concc. von Arles und Lyon verfasst. Dort die Schrift des Faustus 
unterschrieben: ep. ad Lucidum. Sermones u. Anderes, Bibl. Lugd. 
8. und Märten. N. Coli. 9. Libellus de creaturis, quod in Ulis nihil 
Sit incorporeum , von Claudianus Mamertus, Presb. von Vienne, wi- 
derlegt {de statu animae^. A. C.Barth. Zwick. 655. 8). Auch hierin 
also lenkt Faustus von Augustinus (seinem Spiritualismus) zur alt- 
kirchlichen Äleinung zurück. 

Gegen Faustus schrieben Alcimus Avitus von Vieune u. Cäsarius. 



äl6 Allgemeine Dogmengeschichte. Dritte Periode. 

gens auch jetzt nicht bestimmt. Um den Zwang bei der Gna- 
denwirkung und die Notbwendigkeit der Seligkeit und der Ver- 
dammniss hinwegzuuehmen , während man doch Pelagius ver- 
urtheilte; war die Mitwirkung des Älenschen zum Heile erfor- 
derlich. Diese Mitwirkung wurde fortwährend verschieden auf- 
gefasst : aber man meinte dem Pelagianismus dann entgangen 
zu sein, wenn man ihn niir so wenig, als möglich, thätig, 
vielmehr nur als Folgsamkeit, Nachgeben dächte ''), Der schon 
erwähnte Vincentius , Arnobius d. J. und Gennadius'^) 
gehörten dieser semipel. -gallischen Partei an. Geistiger fasste 
den Streitpunct der treffliche Cäsarius von Arles (gest. 
542) auf*). 

Durch die, oben (bei 73) erwähnte, Mönchspartei des Jo- 
hannes Maxentius (J. 519), welche den Satz, dass Einer 
aus der Trinität gelitten habe, durchgesetzt hatte, erhielt der 
Streit einen neuen Anstoss. Sie schloss sich an den alten 
kirchlichen Verdacht an, dass Nestorianismus und Pelagianismus 
Eines seien. Bei den schwankenden Erklärungen des Hormis- 



b) Daher die sogenannte gratia praeveniens von diesen Allen an- 
genommea wird. 

c) Vincentius Ler., ob. S. 139. (Neander setzt sein common. 
mit dem Widerspruche gegen Augustin's persönliches Ansehn in Zu- 
sammenhang.) Arnobius von unbekannten Verhältnissen in Gallien: 
als der Jüngere dem Africaner Arnob. entgegengesetzt: Hist. lit. II. 
%fk% SS. Sein Semipelagianismus im Psalmencommentar (eommetitarius 
in Psalmos Davidis) kommt mit dem des Buchs Praedestinatus über- 
ein — daher er von Einigen für den Vf. desselben gehalten worden 
ist: nach Neander hat er es nur vor sich gehabt. Gennadius, 
Presb. von Massilia, war selbst Bestreiter des Pelagianismus (in drei 
Bb., von denen nur wenig übrig geblieben ist, und catal. viroruvn 
ilL 42. 64). Den Semipelagianismus hat man in dem erwähnten Bu- 
che in den Abschnitten von Augustin {mnlia loquens), Prosper und 
Faustus (38. 84. 85) erkannt. Klar spricht ihn das Buch aus : de 
ßde s. de dogmatihus ecclesiasticis , an Gelasius von Rom (495. A. 

V. C. Elmenhorst. Hamb. 614. 4). C. %]. ss. (33: Nos cooperatores 
sumus gratiae divinae: das Wort hier wie im späteren Synergismus 
gebraucht, doch 50 auch: Christo auxiliante et cooperanie. 50: Si 
sunt qui tantum mali — Prädestination zum Verderben — credere 
velinty cum omni detestatione Ulis anathema dicimus u. s. w.) 

d) Zwiefache Vermittelung der Controvers: die theoretische, wie 
beim Vf. des B. de voeat. omn. gent. ^ob. S. 136) und die praktische 
(tiefere des Augustinus) bei Cäsarius. 

Cäsarius, Hist. lit. III. 190 ss. Neander KG. % 1353 ff. — 
Homilie'n, B. Lugd. 8 u. 27, von denen die genannten beiden Werke 
eine kritische Ausgabe wünschen. 



Die cbrlstl.DogmengescIuchte. Erster Theil. 217 

das von Rom®), wendeten sie sicli, um Verartheilung' der Gal- 
lischen Partei, insbesondere des Fäustus, zu erhalten , an die 
auf Sardinien exsulirenden Bischöfe , für welche ihr Genosse 
Fnlgentius von Ruspe (gest. 533) gegen Faustus im streng- 
Augustinischen Sinne schrieb*^). Verurtheilung der Semipela- 
gianer zu Orange und Valence J. 529. 530, jedoch ohne Prä- 
destinatiauismus , und- indem die Concilien doch selbst dem 
Meuschen einen Theil am Heilswerke zuschrieben °). 

Es kann nur ein Wortstreit sein : ob es eine prädestina- 
tianische Häresis gegeben habe^). Nämlich, es hat stets 
Einige gegeben unter den streng Gesinnten, welche die ganze 
Consequenz der Augustinischen Lehre verfolgten : und , wenn 
die Semipelagianer über diese Consequenz zu urtheilen hatten, 
so haben sie nie ermangelt sie für häretisch zu erklären, wäh- 
rend sie es vermieden sie dem Augustinus selbst beizulegen. 
Es mag auch Einzelne gegeben haben, welche sogar über 
jene Consequenz hinausgingen, indem sie das Böse auf Gottes 
freien Beschluss zurückführten. Bei den strengen Prädestina- 
tianern wurde seit dem '6. Jahrb. die Formel, zwiefache 
Prädestination, zur stehenden; auch die Gegner bezeichneten 
gewöhnlich die Lehre derselben so : eine sehr vieldeutige, unbe- 
stimmte Formel, wie die späteren Controversen gezeigt haben*). 



e) Johannes Max. zwei Glaubensbekenntnisse, Antwort an Hormis- 
das: Bibl. Ltigd. 9. Hormisdas Brief an den Afric. Possessor: MansiS. 

f) Vita s. Fulgentü (viell. von Fulg. Ferrandus, Diak. y. Carth.). 
Seine Schriften theils gegeiv die Ariaher {contra Arianös — libri 3 
ad Trasimundum — zum Theil auch ad Monimum 3 — de S. Trln.), 
theils für' die Augustinische Gnadenlehre {de veritate praedestinat. 
et gratiae Bei 3 — de incämat. et gratia Dom., auch unter seinen 
Briefen — sermones).- Werke: Par. 684. 4. Ven. -696. 4. 

Epist. synndiea episcc. in Sardinia exsulum an Maxent. und 
seine Mönche. ■ Man^z 8'. 597 ss. 

g") 35 capitula Arausicana nach Casarius ahgefasst. 

A) Der Streit durch die Jesuiten erregt: /. Sirmond. hist. 
praedestlnatiana. Par. 648. 

Praedestinatus s. praedestinatorum. haeresis et libri S. Au~ 
gustino temere adscripti confutatio Cvom Anf. des 5. Jahrh.). Ed. I, 
Sirmond. Par. 643. 8. {Bibl. Lugd.^%1. Gall. lU) — Hist. lit. IL 
349 SS. Oudin u. A. 

i) Um die Härte zu mildern, welche in die Formel gelegt wer- 
den konnte (indem sie die Prädest. zum Verderben, wie einen beson- 
deren Act Gottes darstellte — also vielleicht vor dem Siindenfalle 
geschehen, und wie eigentlichen Act, nicht blosses Zulassen und Ue- 
berlassen), wollten die Prädestinatianer, auch Gottschalk, lieber ge~ 
mina praedestinatio sagen, mit Isidor. Hispal. Sentt. 2, 6, welcher 
wieder dem Gregor d. Gr. gefolgt ist. Gotisch, gross. Confess. S. 17. 



218 Allgemeine Dogmengeschiehte. Dritte Periode. 

2. In dieser Art, rein kirchlich, sind die inneren Strei- 
tigkeiten der Römischen Kirche üher diese Gegenstände aufzu- 
fassen: seit dem 14. Jahrhundert und wieder im 16. und seit 
dem 17. Anders, vom religiösen oder hihlischen Stand- 
puncte, entwickelte sich die Controvers unter den Protestanten. 
Wieder anders, als pantheistische ünfreiheitslehre und ihr 
Gegentheil, in manchen Parteien seit dem Mittelalter, z. B. Lei 
Wicliffe, und hei den Meisten, welche das Dogma rein phi- 
losophisch auffassen wollten. 

§♦ "SO* 

Demnach war denn im 9. Jahrhundert die Erneuung 
der prädcstinatiauischen Streitigkeit ein Ereigniss, wel- 
ches in der zur dogmatischen Bestimmtheit fortstrehen- 
den, fränhischen Kirche mit geistiger Noth wendigkeit 
hervortrat. Wir bemerken aber in dem Verlaufe der 
durch Goltschalk erregten Controvers, auch auf der 
prädcstinatiauischen Seite nicht die ganze Härte ^) , und 
unter den Gegnern theilweis sogar ein Bestreben, die 
Frage unter einen anderen, allgemeinen und freien, Ge- 
sichtspunct zu bringen^). 

1. Gottschalk's (deutschen Mönchs, erst zu Fulda, dann zu 
Orhais) ") Anklage vor Rabanus Maurus zu Mainz J. 848, ge- 
schähe wegen einer der christlichen Tugend gefahrlichen Leh- 
re''). Ehen so die Verurtheilung, zu Mainz, zu Rheims 849, 



Ausserdem aber konnte diese doppelte Prädestin. sowohl die zum 
Guten und Bösen, als die zur Sünde und Strafe bedeuten. 

a) Geschichte Gottschalk's und seines Streites: lac. Usserius , 
Gottcschalci et praedestinatianae coniroversiae ab eo motae historia 
(Dubl. 634) Hanov. 663. 8. Gilb. Mauguin, vindiciae pracdesti- 
nationis et gratiae — historica et chronica Synopsis. Zweiter Theil 
von: vett. auctorum, qui sec. 9 de praedestin. et gr. seripserunt, 
opp. et frgmm. Par. 650. II. 4. Eist. lit. de la Fr. V. — (Diese 
Drei für Gottsch.) Gegen Mauguin: Lud. Cellot, S.J., hist. Got- 
teschalci praedestinatiani, et aceurata coniroversiae per cum revo- 
catae disputatio. Par. 655. f. /. I. Hottinger, fata doctrinae de 
praed. et gr. Bei. QQ. 737, 4. — Staudenmaie r, Job. Erig. 170 fif. 
— Dreierlei mag Gottsch. in diese Meinungen und Fragen hineinge- 
führt haben: sein Lebensgescbick unter aufgedrungenen, zwangsvollen 
Verhältnissen — sein speculativer, vom Leben abgekehrter, Sinn — 
^seine unbedingte Verehrung Augustin's. (Vergl. Serv. Lup. ep. 30 : 
an Gottsch., über eine Frage aus Augustin.) . 

h) Rabanus Ausdeutung: G. lehre, hominevii etiamsi velii sal~ 
vus ßeri, et pro hoc fide recta et bonis operibus certet^ fru- 
stra laborare. Alles dieses hielt Gottschalk natürlich für unmöglich 
bei den Verworfenen. 



Die Christi. Dogmengeschichte. Erster Theil. 219 

zu Chiersy zweimal, 849 und SöS""). Die Lehre, welche Au- 
gustinus gelehrt, und für die ächtpaulinische gehalten hatte, 
brachte Gottschalk mönchische Züchtigongen und Gefangenschaft 
bis zu seinem Tode (868). -In Gottschalk's Confessionen*^) zeigt 
sich, neben den härtesten Formeln, doch ohne genauere Be- 
stimmung, jenes mildernde ^^propter praescita -propria facia'-''^) : 
entweder dem menschlichen Willen irgend einen Antheil an dem 
Werke seines Heiles beimessend, oder auf die Idee der scientia 
Twerfz'ß (des Wissens von dem, was unter Voraussetzung erfolgt 
sein würde, also etwa, wie sich der Mensch als freies Wesen 
benommen haben w^rde) hindeutend. Die geringe Theilnahme 
Nicolaus I. an der Sache Gottschalk's, welche dieser ihm über- 
geben hatte, und ungeachtet es Hinkmar galt, dem zu Rom 
wenig Betrauten ; diese ist aus dem alten Princip der Römi- 
schen Kirche in diesen Glaubensartikeln zu erklären, jene 
Streitigkeit eben unausgeglichen zu lassen*). 

Für Gottschalk: Ratramnus, Mönch von Corbie, Servatus 
Lupus, Prudentius, Bischof von Troyes: Remigius von Lyon, 
durch welchen die KVersammlung zu Valence 855 für Gottsch. 
entschied, Florus, Diac. von Lyon°). Unter ihnen hat S. Lupus 



c) Die Synoden b. Mansi 14. 15. Von der zweiten zu Chiersy bei 
Rheims {apud Carisiacum palatium) vier Sätze, capitula, denen zu 
Valence sechs entgegengesetzt wurden. Vorher war gewöhnlich von 
drei Fragen die Rede: Servatus Lupus de tribus quaestionibus 
(de lib. arbitrio, de -praedestinatione bonorum et malorum, de san- 
guinis Domini taxatione — ob Christus für Alle gestorben? wobei 
1 Tim. 2, 4 der Hauptgegenstand der Frage war). 

d) Eine Confess. zu Mainz ; zwei aus der Gefangenschaft, kürzere 
und längere: beisammen Mauguin I. 7 ss. 

e) Auf das Vorherwissen der blossen Erbsünde und Erbschuld 
kann man diese Präscienz nicht beziehen (so Pfeander IV. ^99). Da- 
gegen u. Ä. CoTifess. prolixior p. 13 : Quos praescisti per ipsorum, 
propriara miseriam in damnabilibus perseveraturos esse peccatis, 
illos profeeto tanquam iustissimus iudex praedestinasti ad interi- 
ium merito satis. Gottschalk hält in der Controvers nur das fest: 
Gott sehe wirklich voraus, sein Beschluss also erfolge nicht, wie im 
endlichen Geiste, erst im Laufe der Dinge — der Präscienz folge 
immer die Prädest. und unmittelbar {nullum vel momenfi inter- 
vallum p. 10). 

/) Doch das Concil von Valence ist durch Nicolaus bestätigt wor- 
den. {Fideliter confirmat et catholice decemit.) 

^ g) Ratr. an König Karl d. Kahlen ^ Bb. — S. Lupus, Abt von 
Ferneres {FerraiHae — : von Einigen wurden zwei Lupus untersehie- 
den, auch bei Mauguin), an Hinkmar, und das oben erw. Buch, auch 
ep. 128 an K. Karl. Prudent. Tricassinus (früher ep. ad Hincm. et 
Pardulum, und ep. tractoria contra k cap. conv, Carls.) und Flo- 



220 Allgemeine DogmengescMchte. Dritte Periode. 

am bedeutendsten und am strengsten gesprochen : aber er lässt 
auf einem anderen Wege der Milderung, für die Verstossenen 
gelindere Strafen der anderen Welt, eben durch das Verdienst 
Christi, zu^). 

2. Gegen Gottschalk schrieben Rabanus, Hinkmar vonRheims 
und Job. Erigena^). Der Erste bewegte sich durchaus nur in 
Widersprüchen; Hinkmar sprach vollkommen semipelagianisch 
in der alten Weise ; von Erigena gilt das oben Gesagte. Auf 
seinem freien philosophischen Standpuncte^) erschien ihm die 
Prädeslinationsfrage nur als die über die göttliche Vorsehung, 



rus gegea das Buch von Job. Erigena — Remigii et eecl. Lugdun. 
de tribus epistolis (Hinkmar's, Pardnlus von Laon u. Rabanus) und 
de ienenda immohiliter Seripturae S. veritate. 

Serv. Lup. Opp. JBaluz. (664) Antvp. 710. 8. 

Auch zu Valence : Ex ipsa multitudine fidelium et redemtorum 
alias salvari aeterna salute, quia per gratiam Bei in redemtione 
sua ßdeliter permanent — alios quia noluerunf permanere ad 
plenitudinem salutis non pervenire. 

h) S. Lup. de 3 quaestt. 39: Nos salva fide hoc est ita causarn 
in 7nedio relinqnamus, ut si quiUhet eundem sangin?ic?n redemtoris 
prodesse a liquid etiam perditis , valeant demonstrare , non soluin 
resistamus nihil, verum etiam libenter in eorum. causam fransea- 
mus — Cur non — tanti pretii merito puniat mitius'^ etc. 

i) Rabanus in Briefen (ßlaiigu. i ss. u. zwei ungedruckte, Theol. 
Quartalschr. 1836. 3.) und in den Mainzer Beschlüssen — Hinemar. 
de praedest. JD. et libero arbitrio^ die letzte Schrift in dieser Streit- 
sache gegen die Beschlüsse von Valence, H. frühere Schrift ist ver- 
loren gegangen — lo. Scot. Er. liber de divina praedestinatione, 
auch 19 syllogismi genannt. 

Hinkmar (gest. 882), glänzende Erscheinung dieses Jahrhunderts: 
Verlheidiger der Rechte (}es Staates und der Bischöfe gegen den Rö- 
mischen Stuhl. (W. F. Gess, Merkww. a. d. Leben und den Schrif- 
ten Hinkmar's. Gott. 806. 8.) Opp. ed. L Sirmond. Par. 645. II. 

k) Jo. Erigena stand in gar keinem Zusammenhange mit diesen 
Streitfragen, indem er weder ein Wissen noch ein Bestimmen und 
Wirken Gottes im Sinne des Theismus annahm, da er ja {div. nat. 
5, 27) leugnete, dass das Böse und die Bösen, als nicht durch Gott 
Gewordenes, von ihm gewusst werde, und wie er die Vorstellung 
vom ewigen Verderben verwarf. 

Vorzügliche Erklärung von J. Erig. , c. 18 : ^ — Divina sapientia 
praedesiinavit in suis legibus modos , ultra quos impiorum 7nalitia 
progredi non polest — praedesiinavit Deus impios ad poenam vel 
interitum, h. e. eircumscripsit eos legibus suis incommutahilibus 
— ea quippe dij)icultas, qua prohibentur pervenire ad ea quae ap- 
petunt, efficitur iis poenalis interitus — U. s. w. 

Aus Erig. Buch erst 19 Satze ausgezogen von Gottschalk's Freund, 
Egilo EB. von Sens. — Angeklagt wurde Job. Er. vornehmlich über 
Zweierlei : Pantheismus und Misbrauch der Philosophie. 



Die christl. DbgmengescLichte. Erster Theil. 221 

oder über das Leben und Handeln der Menschen im Verhält-' 
nisse zu dem Sittengesetze und zur sittlichen Weltordnung. 
Die Willensfreiheit, unter dem Einflüsse der Gottheit, setzt er 
dabei voraus ; ohne Zweifel Beides in dem Sinne , welchen 
seine philosophische Lehre gestattete^). 

§. SO. 

Neben diesen Nachljläng-en alter Streitigkeiten führt 
uns nun das 9. Jahrhundei-t, und zum Theil unter den- 
selben TbeJlnebraern , den ersten Abendmahlsstreit 
vor, welchen die Kirche iii sich gesehen hat. Aber diese 
Lehre blieb von da an für das Abendland der dogmati- 
sche und' kirchliche Mittelpunct. Indem der Geist der 
Kirche nach begrifflichem Verständniss der sinnlich er- 
habenen Formeln der Römischen Liturgie strebte, stellte 
.Paschasius Radbertus den haaren, sinnlichen Wort- 
verstand derselben als das kirchliche Dogma hin^), zu- 
gleich mit anderen Uebertreibungen der Lehre ^) : jedoch 
von dem späteren kirchlichen Dogma noch entfernt ^). 

1.*) Der Abt von Corbie, Paschasius Radbertus (gest. um 
851), keine unbedeutende Erscheinung jener Zeit, ja Einer 
von den Gelehrten derselben, verfasste um 831 das Buch, wel- 
ches den Streit erregte: vom Leib und Blut des Herren^). 



l) Ein Nebenstreit zwischen Gottschalk ond Hinkmar (857) über 
dessen Abänderung der Liedesstelle: ie, trina Deitas nnaque po- 
scimus, in summa. Einem, eolleotio ex S. S. et orthodoxorum 
dictis de una ei .non trina Deitate. Ratramnus stand anch hier ge- 
gen Hinkmar. Dessen Schrift ist verloren gegangen: Gottsehalk's 
bei Hinkmar. — Gottschalk hatte Recht nach dem kirchlichen 
Sprachgebrauche im trina (wie im Worte irim'tas), Hinkmar nach 
dem allgemeinen. Dia Formel blieb daher orthodox, und findet 
sich wieder in einem, dem Tb. Ag. beigelegten, Hymnus, welchen 

nach Nat. Alex, die Kirche fortwährend gebraucht bat : Te, trina 

poscimus , sie tu nos visita sicut te colimus n. s. w. 

a) Die allgemeinen Schriften zur Geschichte der Eucharistie — 
Nat. Alexander — Mabillon, de controversiis eucharisticis sec, 9; 
praef. AJ. SS. Ord. Ben. see. A. P. % Ebds. elogium Paseh. Radb. 
Hist. lit. de l. Fr. /^. 287 ss. Staudenmaier a. B. 200 ff. 

b) De corpore et sanguine Domini (auch de saeramento e. et s. 
D.), am besten herausg. in Mart. et Durand. Coli, ampliss. IX. 367 ss. 
Oft in den Handschrr. unter Rabanus Namen. Geschrieben an Placi- 
das (Warin) Abt zu Corvey: 844 neu bearbeitet und dem K. Karl 
d. K. übergeben. Zur Vertheidigung des Buchs: P. R. ep. ad Fru- 
degardum (Mönch zu Corvey). Ausserdem Cgmmentariorum in Mat- 
fhaeum 12 Bb. — Lebensbeschreibungen von Heiligen und A. Vor 



222 Allgemeine Dogmengcscbiclite. Dritte Periode. 

Dieses war von Altersher der Name des Abendmahles selbst. 
,,Wie die Liturgie es ausspricht, behauptete Paschasias, so 
ist es wirklich "^), gegen die Wahrnehmung der Sinne soll der 
Glaube sprechen ^). Derselbe Leib, welcher auf Erden gelebt 
und gelitten hat, der Leib am Kreuze"), wird empfangen und 
wird geopfert im Abendraahle. (Denn auch die Opferidee hielt 
P. R. fest.) Brod und Wein sind die Scheinbilder {species, ß- 
gura) des Wahren und Eigentlichen." 

2. Paschasius lehrte daneben, was längst schon mytholo- 
gisch -übertreibend , über die evangelische Darstellung hinaus 
von der Empfängniss durch den heiligen Geist, im Sinne der 
Kirche gelegen hatte, die übermenschliche Geburt Christi 
(partus virgi'neus)^). Hierdurch erhält aber wiederum das Ganze 
seiner Ansicht von der Menschheit Christi einen geistigen, wenn 
gleich doketistischen, Charakter, bei welchem sich jene üeber- 
spannung in der Abendmahlslehre leichter begreifen lässt und 
einen milderen Sinn erhält. 

3. Paschasius Lehre vom Abendmahle unterscheidet sich 
.von, der Transsubstanliationslehre der späteren Kirche noch in 

mancher Beziehung. Der Gegenstand des Sacraments ist im- 
mer mehr nur Himmlisches, Göttliches. Aber das Wunder dai'in 
liess er nicht durch die Consecration geschehen, sondern im 
Sinne der alten Kirche durch den heiligen Geist, welcher in 
dem Leib Christi fortwirke °). Endlich ist der Erfolg des Sa- 
craments bei P. R. immer mehr ein innerlicher; die Vereini- 



nehmlich auch de ßde, spe et caritate, Mart. et JDur. Coli. IX. 4:70 ss. 
Opp. ed. I. Sirmond: Par. 618. f. und Bibl. Lugd. 14. 

c) Der Wunderbegriff ist in Paschasius Lehre die Hauptsache, 
sein Buch (dazu hestimmt, dass nach ihm den Heiden gepredigt wer- 
den sollte) geht von ihm aus {pmnia quaecunque voluit, fecit in 
coelo et in terra). — Mit Angust. erklärt er es für die Natur des 
Weltlichen, dem göttlichen Willen zu gehorchen {omnium esse- Bei 
voluntas est)-, also sei das Wunder nicht gegen die Natur. (Sap.l6,^i.) 

d) Ja (c. 1. 8); ideo non ista mutantur exterius in speeiem 
(zur Erscheinung), sed interius, ut ßdes comprohetur in spiritu. 
Bisweilen jedoch ist das Wirkliche wunderbar erschienen: osteiisio 
carnis Christi pro asserfione veritatis. c. 14. 

e) Ut mirabilius loquar, non alia plane caro quam quae nata 
est de Maria et passa in carne, et resurrexit e sepulero. c. 1. 

f) C. G. F. JFalch. hist. controversiae de partu virginis. 
Gott. 758. — P. R. de partu virginis. Dacher. Spie. I. 44 ss. 
Ratramnus de eo quod Chr. ex virgine natus est. Ebds. S? ss. 

g) Eadem virtute Sp. S. per verbum Christi caro ipsius et san- 
guis efficitur invisibili operatione. c. i% 



Die christl. Dogmengcscliiclite. Erster Thell. 223 

<niug mit Christus und Heiligung des menschlichen Wesens ''). 
Auch erfolgt dieser Segen nur beim würdigen Genuss. Durch-' 
aus also schwankt die Lehre noch in einen geistigeren Sinn 
üher. Dabei aber bricht sie noch stärker als jene spätere, 
mit dem Zeugnisse der Sinne; wenn dieses gleich mehr nur 
die Form angehen mag ,. in welcher sie sich aussprach : und 
wiederum lässt sie ein wirkliches Auffassen des Himmlischen 
im Zustande des Glaubens zu. 

§.8«. 
Die öffentKcIic Meinung^ neigte sich ohne Zweifel 
schon damals der strengeren Vorstellung nnd dem Wun- 
derglauben im AM. zu. Die Gegner, Rabanus Mau- 
rns, Ratramnus und Johannes Erigena, haben 
mit einander die Formel gemein, dass das AM. nicht 
Leib und Blut Christi, sondern nur das Sacrament des- 
selben sei ^) : aber die Ausfuhrung ihrer Lehre ist ver- 
schieden gewesen. Es bleibt bei ihnen Allen das sinnlieh 
Dargebotene : aber entweder theilt sich zugleich mit ihm 
der Leib Christi mit, dieser auch wohl nur von himm- 
lischer Lebenskraft verstanden, oder der Empfangende 
fasst das Abwesende, Heilige mit Gedanken und Ge- 
müth auf ^). 

1. Sacramentum corporis et sanguinis Christi: Vorstel- 
lung, Zeichen, Feier, kurz Etwas, hinter und über welchem 
Jenes ist, Leib und Blut Christi^). Ebenso virtus c. et s. C, 
im Gegensatze zu veritas. 

Wieviel wir von Rabanus aus dieser Controvers besitzen, 
ist zweifelhaft: Jo. Erigena Schrift ist verloren gegangen, und 
die, mit grösster Wahrscheinlichkeit dem Ratramnus beigelegte, 
Schrift gehört wenigstens gewiss nicht dem Erigena an^). 



k) Christo incoTporari — sanctifieari' 

a) Paschasias dagegen deutete den Namen, sacramentum, für sich 
— : pignus salutisy cum res gesta visibilis lange aliud invisibile 
intus operatur. 

V) Rabanus Maur. ep. ad Heribaldum, Aniissiodor. eptse., von 
J. Baluze herausgeg. , Anh. zu Regino, Par. 671. 8. Für den, hier 
von Rab. citirten, Brief des Rab. an Egilo halt Mabillon {Ass. 0. B. 
sec. i. P. ^) die Schrift, welche er daselbst gegeben hat: dieta eu- 
iusdam sapientis de c. et s. C. adv. P. Radb. 

Ratramn. de c. et s. D., zuerst Col. 1532 horausg. und oft wie- 
derholt. Von Jac. Boileau. Par. 713. 13. Mit e. Abb. voa JF. Hop- 
kins (1688) auch in franz. Uebertragung : Ratramne ou Bertram du 



224 Allgemeine Dogmengeschiclitc. Dritte Periode. 

2. Die dem Ratr. zugeschriebene Schrift spricht sich nicht 
blos für Eine Auffassung des Geheimnisses aus. Vorherrschend 
in ihr ist jene, dass die Substanz des himmlischen Lebens ne- 
ben dem sinnlich Dargebotenen mitgetheilt werde : der. Leib 
Christi, wie er beim Johannes das Leben geben soU. Rabanus 
scheint den Leib Chrisli mehr eigentlich verstanden zu haben: 
einen, welchen der Logos annehme und mit den dargebotenen 
Zeichen vei'binde"). Die Vorstellung von einer ganz nur idea- 
len Theilnahme an L. und BI. Chr. legt man wohl mit allem 
Rechte dem Jo. Erigena bei'*). 

Bei diesen Auffassungen allen hängt übrigens natürlicher- 
weise der wirkliche Genuss des Himmlischen von dem Glauben, 
überhaupt von der Empfänglichkeit des Geniessenden, ab. 

Zur Bestärkung und Fortleitung der strengen Vorstellung 
wirkten in den folgenden Zeiten Liturgie und kirchliche Poe- 
sie, Hierarchie und Volksaberglauben zusammen^).. Doch im 



Corps et du sang du Seigneur. Amst. 717. 8. Die Schrift wurde auf 
Anlass K. Karl's geschrieben: Pasch, wird in ihr nicht genannt. 

Jo. Erig. hat nach Hinkmar {praed. 31) u. A. auch eine Schrift 
über diese Controvers geschrieben : schon Berengar hat die von Ra- 
tramn. für jene gehalten, und aus ihr unter dem Namen von Scotus 
citirt. Auch in der Römischen Kirche galt diese Meinung oft. F. W. 
Vgl, Laufs, ü. die für verloren gehaltene Schrift des J. Erig. von 
der Eucharistie. Th. St. u. Kr. I, A. 1828. 

c) Rab. spricht vornehmlich nur gegen die Identität des AM.Ieibes 
mit dem irdischen Leib Jesu. Ratr. (S. 204 Jmst.) vergleicht das AM. 
mit der Taufe : diese reinigt unter einem Symbol, jenes heiligt (c. et 
s. C. vita est, participantibus tribuens immortalitatein). 

d) Nach Hinkmar hat Sc. gelehrt tantiim memoriam veri cp. et 
s. C. Neander weist angemessen auf die indirecte Polemik gegen die 
irdische Gegenwart von L. u. BI. C. hin, divis. nat. 5, 30 — : non 
immerito redarguendi sunt, qui corpus dominicuin post resurr, in 
aliqua parte mundi conantur adstruere et localiter et temporaliter 
moveri etc. Christus ist ihm ja überhaupt die vergeistigte Menschheit. 

Andere Schriften über diesen Streit aus 9. Jahrh. : Anon. (für 
Haymo v. Halberst. gehalten, von Anderen f. Remig. v. Auxerre, da 
die Aeusserung abweicht von denen bei Haymo zu 1 Kor.), de corp. 
et s. D. ßac/ier. I. 43 s. {substantiam p. et v. per operat. divinae 
virtutis in aliam substantiam substantialiter converti). Rather. ep. 
ad Patricium de corp. et s. D. (weist die Metaphysik über das AM. 
zurück). Gerbert {Pez. thes. I. 2. 133 ss.). Vgl. Hock a. B. 166 If. 
Geri). nimmt einen dreifachen Leib Christi an {corpus tripartitum): 
von Maria geborenen, in der Eucharistie gegebenen, mystischen. 

Wie in der Zeit der Reform., traten die Differenzen damals schon 
in den drei Formeln hervor: Wandlung — Herabkommen (defen'i 
Rather.) Chr. — Erhebung zu Chr. 

e) Stercoranistae (aus Matth. 15, 17) seit dem 11. Jahrh. ebenso 



Die christl. DogmengescLlclite. Erster Tlieil. 22S 

tieferen Grunde und kirchlich geduldet bestand noch, vorerst 
bis zum Schlüsse des 11. Jahrhunderts, eine grosso Verschie- 
denheit der Meinung in dem Artikel. 

Neben diesem Tvicbti^yeren und beziebiingsrcicben 
Meinungsstreite bamen andere in demselben Tbeiie der 
abendländiscben Kircbe wenig- in Betracht, und nur der 
Zufall bat uns die Kunde von einigen derselben gebracht. 
So von den Meinungen Adalbert's und Clemens, 
welcTie Bonifacius zu Rom anblagle^). Es konnte unter 
der dogmatiscben Tendenz der Zeit und in der geistigen 
Entwicfcelung derselben niclit an Widerspruch, auch an 
dogmatlscbem 5 gegen die Kircbe fehlen^). 

1. Adalbert, Franke, Clemens, Schotte oder Irlän- 
der*''). Anklage gegen sie J. 744. KVss. zu Soissons und 
im Lateran 744. 45. 

2. Neben den Vorwürfen der Verachtung der Canones und 
der Väter, wie des Priesterthums (insbesondere der priesterli- 
chen Confession und Absolution), auch der Piömischen Kirche 
(limina apostolorum) ; erschienen hier theils solche , welche 
einen tieferen Sinn errathen lassen (allgemeine Prädestination 
und besondere Meinungen von der' Höllenfahrt Christi: auf re- 
ligiösen Indifferentismus hindeutend'')), theils gehässige Nach- 



wJe später diß Kapernaiten genannt {Pasch. 20: frivolum est in hoc 
inyst. cogitare de stercpre etc.). Hambert nannte die Griechen so, 
weil sie meinten, die Eucharistie breche das Fasten. Eine Seete 
hat es nie gegeben. C. M. Pf äff. de Sterc. medii aevi, tarn tat. 
quam graecis. Tüb. 750. 4. 

a) lieber Adalbert ffi'st. lit. de l. Fr. IV. 82 ss. Die Biographen 
von Bonifacius. — Flacius und die Centuriatoren setzten Beide unter 
die Zeugen der Wahrheit, 

Bonifac. ad Zachar., ep. 67: Zachar. drei Briefe an Bonifacius. 
Die Concc. bei Mansi 12. 

b) Quod Christus, descendeiis -ad inferos , omnes — inde libcra- 
verit — et miilta alia horribilia de praedestinatione Bei, contraria 

fidei eatholicae affirmat (dass die Beseiigung, die Prädestination, für 
Alle gehöre). 

Die Verbindung der Höllenfahrt mit allgemeiner, insbesondere heid- ■ 
nischer. Beseligung, ist ein uralter Gedanke von Marcion und den 
Hadekerditen {Pi^aedestin.) her (vgl, Philastr. 122, das. Fabric.j Au- 
gust, haer. 79). St, Baluze zu der Stelle, Serv. Lnp. ep. 20 • Cice- 
ronein et Virgilium ceterosqiie opinione eins probatissimos viros in 
electorjim coUegium admittit (Probus, Priester zu Mainz), ne frnstra 
Bominvs sanguinem fuderif, et in inferno otium trivent — . Eben- 
so zwei Priester zu Constant. b. Greg. M. epp. 7, 15. 

Dogmcngeschichle. . 15 



226 Allgemeine Dogineng'cschichtc. Dritte Periode. 

reden (dass sie für sich die gleiche Verehrung mit Christus 
und mit den Aposteln angesprochen hallen), Adalhert scheint 
mehr als Schwärmer*^), Clemens mehr als Irrlehrer aufgetre- 
ten zu sein. 

Aber die Kirchen des Morgen- nnd Abendlandes be- 
rührten und trennten sich in den beiden Streitigkeiten: 
über das Biiderwesen und über die Glaubensformel 
vom Ausgange des heiligen Geistes. Die erstere 
war zwar ursprünglich nur ein innerlicher Streit in der 
griechischen Kirche : doch führte schon dieser auf we- 
sentlich verschiedene Denkarten und Stimmungen zwi- 
schen den beiden Kirchen hin. In der zweiten trat mehr 
und mehr die verborgene Trennung und der Zwist der 
Kirchen hervor- 

Die Frage über die Bilder hat in der Kirche sehr ver- 
schiedene Bedeutungen gehabt ^). Wie sie im 8. und 9. 
Jahrhundert, wechselnd in Sinn und Erfolg, behandelt 
und entschieden wurde, ging sie mehr die politische und 
die Kirchengeschichte, als die der Dogmen, an^). Die 
letzten Beschlüsse der griechischen Kirche haben blei- 
bendes Ansehen erhalten ; die der lateinischen wider- 
sprachen sich, und diese Kirche hat sich bei dem Gegen- 
staude immer mehr an das in ihr äusserlich und thatsäch- 
lich Bestehende gehalten, als dogmatische Fragen dar- 
über besprochen 3). 

1.^) Es sind vornehmlich fünf Beziehungen, in denen man 
von den heiligen Bildern in der Kirche gehandelt hat. Schon 
der Zeitfolge nach wurde 1) fiher Recht und Nutzen von 



c) Brief Christi za Jerusalem vom Himmel gefallen, anter Adalb. 
Verehrern ip Gebrauche. Later. Concil: vgl. Ittig. app. l. de kae- 
resiarch. p. 109. 

a) I. Dallaeus de imaginihus ss. 4^ L. B. 642. Dagegen N. 
Mex. zum 8. Jahrh. d. KG. — L. Maimbourg, hist. de Vheresie 
des iconoclastes. 679 ss. IL 12. Dagegen F. Spanhem. earevce. 
hist. de origine et progressu controversiae iconomachicae — L. B. 
685. 4. und: Bist, imagg. restituta. L. B. 686. — J. H. v. Wes- 
senherg, die christlichen Bilder — 817. II. K. Grüneisen, über 
bildliche Darstellung der Gottheit. Stuttg. 828. 

Die kirchl. Archäologie'n neuerer Zeit. C. Meyer, über die Ver- 
hältnisse der Kunst zum Cultus. Zur. 837. 



Die chrisfl. Dogmeiigeschichte. Erster Tliell. 227 

sinnlichen Erinnerungen aus dem ürchristentham gehandelt 
(Gnostiker^-)), 2) über Schmuck, Fülle und Reiz des Cultus 
(3.^4. Jahrh.)» 3) über Aberglauben mit Bildern als Mitteln 
höherer Einwirkungen, 4) Verehrung derselben, 5) über bild- 
liche Darstellung des Göttlichen und Himmlischen. Das Letzte 
beschäftigte vornehmlich die neueren Zeiten. Der Bilder- 
streit des 8. und 9. Jahrb. liess, mehr oder weniger klar, 
alle diese Beziehungen hervortreten. 

Ehe die Kirche Bilder hatte, gebrauchte sie nur Sym- 
bole*^). An der Stelle von diesen allen blieben aber bald 
nur die beiden urchristlichen stehen, Taufe und Abendmahl. 
Im' Bilderstreite kam das Abendmahl, nach veränderten Vor- 
stellungen von demselben, auch als Abbildung Christi (dv- 
viTvna) zur Sprache. Die Kreuzes Verehrung ist nie in 
den Bilderstreit hineingezogen worden '^) : das Kreuz war von 
Altersher als Symbol und selbst als geistige Macht anerkannt 
und verehrt, und blieb es, auch im Gegensatze gegen die Bilder. 

2. Die Geschichte des Bilderstreits ist ein wichtiger Bei- 
trag zur Geschichte der Verhältnisse und des Zusammenstosses 
von Kirche und Staat ^), ein Beispiel von dem natürlichen In- 
teresse des Mönchthums für die kirchlichen Entstellungen und 
Misbräuche ^). Zum Theile führt sie uns eine ehrenwerthe 



b) Oben S. 33. Bilder von Christus wies die älteste Kirche zu- 
rück, gewiss nicht blos wegen der, aus prophet. Stellen genommenen, 
Misgeslalt Jesu (Jes. 53, % — Justin-, Clem., Orig., Tert.), sondern 
(was sie ja auch auf diese Stellen nur angewiesen hatte) aus der 
idealen Nichtachtung des Aeusserlichen , Zeitlichen, an der Person 
Christi. Die spät. Bilderfeinde gebrauchten unter anderen die Stellen, 
Job. 14, 9. ^iKor. 5, 16. — 

Im Bilderstreite war es dagegen ein gewohnliches Argument der 
BFreunde, die Verwerfung der Bilder stamme aus dem Doketis- 
m u s , also Gnosticismus, und es war dann leicht (wie diese Verketze- 
rung ja immer in einander umschlug), bald Nestorianismus , bald 
Eutychianismus darin zu finden. 

c) Schrr. von Munter u. A., ob. S. 14. 

d) Kreuz heisst sowohl das Zeichen als das Bild: endlich auch 
das, von Heraklius angeblich wiedergewonnene, Kreuz Jesu selbst. 

7. Gretser, de sancta cruce. Ingoist. 600 ss. III. 4. 

e) F. C.Schlosser, Geschichte der bilderstürmenden Kaiser des 
oströmischen Reichs. Frkf. a. M. 812. Lorentz Alcuin 102 ff. 

f) Die Bilderfeinde von den Mönchen XQiartavoy.azriyoQoi genannt. 
Weniger bedeutete das gewerbliche Interesse der Mönche und Klö- 
ster, von denen die Bilder ja gewöhnlich gefertigt wurden. Die Mön- 
che als Finsterlinge, oKoxivSvzoi, bezeichnet von Constantin, dem 
Soldatenkaiser. 

15* 



228 Allgcmeme Dogmengcsclilclite. Dritte Periode. 

Theilnahme der weltlichen Macht an der Verbesserung- der Kir- 
che vor°); wiederum aber auch viele Beispiele von materiali- 
stischen, rohen Üebergriffen des Weltlichen, und von Kraft und 
Eifer für die Freiheit des Geistigen und der Kirche. Uebri- 
gcns ist auch diese Geschichte ganz durchzogen von welllichen 
und persöalichen Interessen und Motiven. Die Nachbarschaft 
des Islam und die Scheu vor demselben hat ein bedeutende-s 
Moment für diese Sireiligkeit abgegeben^'). 

Ereignisse : K. Leo aus Isaurien 726 , entschiedener seit 
730 (Germanus, Patriarch A^on Cpel, Bilderfreund), und Con- 
slantinus (Kopronymos) 741. Eikonoklasten') — KVsammlung 
für sie zu Cpel 754. Gregor 2. und 3. von Rom (Rom. Syno- 
den 731 u. 769), Eikonodulen. Vermittelnd: Nicänisches Con- 
cilium (7. ökumen.) 787, unter der Athenienserin Irene, von 
Hadrian I. angenommen und zum Theil geleitet^) (Verehrung* 
untergeoi'dneter Art, a,onaaf.ios, ttj.irjTiz'^ 7iQog'4VVi](Tts, 
Sovleia, der XaTQeia entgegengesetzt, und nur beziehungs- 
weis, oye.TLY.')) — ^ nebelhafte. Nichts sagende und im Leben 
halllose, Begriffe)^). Die KVs. zu Frankfurt 794 sprach mit 
richtiger Consequenz gegen alle Verehrung : die fränkische 
Kirche konnte hierbei schon den vorwaltenden Neigungen der 



Die unter dem Namen der ökumenischen Lehrer in Cpel hc- 
slehende Akademie von 12, von Leo Is. zuerst befragt, widersprach 
ilim gleichfalls. 

g-) Die Meisten von den bilderstürmenden Kaisern haben auch In- 
teresse für die Wissenschaften bewährt. 

K) Die Byzantiner schwanken zwischen den Angaben, dass Juden 
(Cedrenus, Zonaras) oder dass Saracenen (^Agaßs?, Ismaeliten) den 
Anstoss gegeben hätten (Theophanes). Vielleicht aus Schea vor dem 
Vorwurfe des Judenthums wurde das Mosaische Bilderverbot von 
den BFeinden seltener gebraucht. Wiederum machte auch schon der 
Hass gegen die Saracenen die Orient. Patriarchen zu entschiedenen 
Bilgerfreunden. 

r) Der Streit führt Dreierlei auf, was gegen die Bilder geschehen: 
Höher hängen — Hinwegnehmen {aa'&aiQsais) — Zerstören {y.Xdats). 

k) Beschlüsse von Cpel und 13 Anathematismen in den Acten der 
3. Nie Synode : Mansi \%. 13. Canones der zweiten Rom. Synode 
ebds. 12, 713 ss. 

/) Die Carol. "Bih. nehmen auf jene Unterscheidungen keine Rück- 
sicht — {ciiltus, adoratio , ohservatio, veneralio gleich gebraucht) 
und die Beschlüsse von Frankfurt verwerfen sie {Can. %: omnimo- 
dis adorailonem et servitutem — condemnaverunt). 

LI. Carol. 2, 31. 3, 16. 4, 4: als Schmuck und zur Erinnerung 
sollen sie noch bleiben. 



Die cliristl. Dog-nieugesclilclitc. Erster Tiieil. 229 

deutschen Völker folgen'^). Päpstlicher Widerspruch : andere 
Entscheidung (veranlasst von K. Michael's Schreihen) durch Lud- 
wig d. Frommen KVs. zu Paris 825°), auf welche der Rom. 
Stuhl .Nichts ölfentlich erwiedert hat. 

Als Schriftsteller waren in der fränkischen Kirche thälig ; 
Agobard — Jonas von Orleans u. A.°) Durchgreifend durch 
die kirchlichen Mishränche, also Bilder zerstörend, wirkte Clau- 
dius von Turin (gest. 839)^'). Von ihm leitete man oft blei- 
bende Widersprüche gegen die Kirche ab, welche im 12. und 
13. Jahrh. in Ausbruch kamen. — Nur allniälig hat sich der 
Brauch der fi'änk. Kirche dem der Römischen gleich geraacht. 

Wiederauflebender Streit in der griechischen Kirche im 
Anfang 9. Jahrh. (813): gegen die Bilder K. Leo der Arme- 
nier, Michael, Theophilus (832 f.). Die Bilder behauptet durch 
Theodora und durch die KVss. : Cpel 861. 869 (Rom. 8. ökum.). 
879. (griech. 8. ökum.) unter Pholius Einwirkung i). A^on da 
an wurde der Name der Orthodoxie dort an das Bilderwe- 
sen geknüpft''). — Unter den theologischen Vcrlheidigern der 
Bilder sind ausgezeichnet Job. Damascenus, NIcephorus (Patr. 
v. Cpel) und Theodor vom Kloster Studium zu Constanliuopel 
(gest. 826)'). 



m) Ancli in der Beibelialtung des Rellquicnwesens (LL Car. 3, 24): 
nach Lorentz Ale. 118. (Bilderloser Naturdienst der Deutschen.) 

«) 3fansi li. -415 ss. Hier auch Älichael's Zuschrift au Ludwig. 

o) ylgohard. contra eorum supcrstilioiicm, qiii pictui'is et 
imagg. SS. adorutionis obsequium dej'erendum putant — Jonas Aii- 
rel. adv. Claudil Taur. apologeticum IL 3, gegen Bilderzerstörung, 
wie gegen Bilderaubetung. Diingal. respoiiss. contra Claudii li- 
brum u. s. w. Beide Bibl. Litgd. 14. 

p) Claudius Taur., liber informationum liturae et Spiritus 
super Leviticum ad Theodemirum, M ahillon vett. anal. II. 91. 
jipologeticus adv. Theodcmiruvi de cultu imagg. et Sanctorum. Die 
Frgrara. des Buchs aus Jonas Widerlegungsschrift bei Flacius, calal. 
testt. vcr. 936 ss. Melch. Goldast an : impevialia decreta de cultu 
imagg. Frkf. 608. 8. Ausserdem gedruckt ist Ciaud. Coinm. z. Galater- 
briete, Bibl. PP. Lugd. 14. j4. Rudelbach. Cl. Taur. incdd. ojjp. 
specimina etc. Havn. 824. 8. Walch, G. d. Ke^z. II. 140 ff. 

5) Cpol. Synoden: Mansi 16. 17. 373 ss. 

r) Fest der Orthodoxie 842 (19.' Febr.). Ritus desselben, Constan- 
iin. Porph. de cerimm. ant. Byz. I. 28. Rciske das. S. 73. 

s) lo. Dam. yLöyoi diioKoyTixiv.ol itqoi tovs Sia^älXovra? twc 
dyias slzovai. Opp. Lequien. I. 305 ss. ^oyos dnodsfATtno? Tragi 
rwv dy. eix. ib. 610 ss. AUes freilich kritisch bestritten nach Aecht- 
hcit oder Reinheit, auch b. Schlosser a. 0. 181 ff.- INicephor. vier 
Schrr. gegen die Ikonomachen, Basn. thes. IL 2. p. 4 ss. und dv- 
Tt{j(j7jzcy.dy Comhef, auciar. 1 und 2. (Leben iNiceph., auch sein Ge- 



250 Aligemeine Dogiuengescliiclitc. Dritte Periode. 

3. In den Bestimmungen der griechischen Kirche für die 
Bilder tritt noch Folgendes hervor. Abbildungen der Gottheit 
wTirden von den Bilderfreunden ausgenommen : sie kamen gar 
nicht ifl Erwähnung^). Der Unterschied zwischen Gemälden 
und Bildwerken, und die Gestattung nur jener'*), sowie an- 
dere Gewöhnungen der späteren griechischen Kirche hei die- 
sen Gegenständen kamen in jenen Streitigkeiten und Bestim- 
mungen noch nicht zur Sprache. Die Verehrung und die Für- 
bitte Mariens und der Heiligen wurde von den Bilderfrenndcn 
stets vorausgesetzt : bei den ßilderfeinden schwankte sie bis- 
weilen"^). 

§. 85. 

Die lange schon bestandene Trennung in Geist, Ver- 
fassung und Ansprüchen der beiden Kirchen, bedurfte 
nur einer dogmatischen DifFerenz, um mit gegensei- 
tigen Anathemen hervortreten zu können. Diese bot sich 
in Einem Puncto dar, Tvcicher in der Zelt dogmatischer 
Bestimmungen, im 4. und 5. Jahrhundert nicht entschie- 
den worden war^), und in dem sich gerade eine uralte 



sprach mit Leo Arm.) in Combeßs. origg. verum. Cpol. manipulus. 
Par. G64. und AA. SS. 13. März). Theod. Stud. epp. und Schrr., 
ed. Sirmond. Opp. varr. V. 696. 

Manches Aehnliche mit dieser christlichen Bilderphilosophie findet 
sich im Neuplalonismus : vgl. lamblich. de mysteriis. S. u. A. die 
Vertheidigang- der Bilderverehrung von Celsus b, Orlg. 7. 373 Spenc, 
und Or. Antw. darauf. 

f) Bios in Beziehung auf Christus als die sichtbare Gottheit. 
11) Goar, ad eiicJiolog. p. 28. 

Andere Vergeistigungen in dem Bilderwesen der griech. K., z. B. 
bei Ge. Zappert in: Vita b. Petri Acolanti. Wien 1839. 77 ff. 

v) Bei Constantin äusserte sich wiederholt der Zweifel sogar über 
das ■d-iOToxos, Theoph, chronogr. 366: ä'pTt ri jj/ias ß?.diTT£i, idv 
?.iyojjusv Trjv <&€. ygiaxozöy.ov ; 

Doch wird Verehrung Mar. und der Heiligen aasdriicklich recht 
gesprochen zu Cpel 754, und Anathema über das Gegentheil, Anath. 
9. 11. — Heiligen -Fürbitte und Verehrung, LI. Carol. I, 30. %, 21. 

Bei Claudius freilich ging der Widerspruch auch auf Heiligen- 
verehrung, sowie auf die des Kreuzes bild es. Agobard unter- 
scheidet nur menschliche und göttl. Verehrung für die Heiligen. 

Vieles Parallele in Handlungsweise und theologischer Beweisfüh- 
rung, ist in diesen Streitigkeiten und in dem Bilderstreite unter der 
Reformation. Zu diesem Vieles b. J, Geffcken, über die verschie- 
dene Eintheilung des Dekalogus und den Einfluss derselben auf den 
CulLus. Hamb. 838. 



Die chrlsd. Dogmengeschiclite. £rster Tlieil, 251 

Versciuedenhclt in den Formeln der griechischen und lat. 
Kirche zeigt ^): es war das Verhältniss des heil. Geistes 
zu Vater und Sohn, und die Differenz lag in den Aus- 
drücken von dem Ausgange desselben. 

1.") Zu Constantinopel war uiir die Liblische Formel (Joh. 
15, 26) wiederholt worden: «rö ennoQtvo/uevov nagd %ov 
^dTQOS, ohne dass eine Bedeutung oder ein besonderer Ge- 
gensatz hineingelegt worden wäre. Nur hatte seit dem Aria- 
nischen Streite das eUTVOQsvaGd'Cii einen metaphysischen, sub- 
stantiellen Sinn, dem yewäa&ai gegenüber, erhalten^). 

2. Es gehen durch die ganze Geschichte des Artikels vom 
Ausgange des heil. Geistes zwei polemische Rücksichten hin: 
die eine, bei den Griechen, durch die früheren Kämpfe die- 
ser Kirche, mit Heidenthum, Gnosis, Manichäisraus veranlasst, 
dass nicht an zwei Principien in der Gottheit gedacht werden 
dürfte; die andere bei den Lateinern, dass der Sohn nicht 
dem Vater wesentlich untergeordnet würde. Die zweite war 
durch den Arianismus veranlasst, unter dessen Bekämpfung ja 
die Lat. Kirche ihren dogmatischen Charakter erhielt '^^. 



a) Pef.Pithoeus: Inst. eontrov. deprocessione Sp. S. Par. 590. 8. 
Mich. Lequien. de process. Sp. S., Biss. Damascen. I. — lo. G. 
Walch., hist. .controversiae Grr. Ll.qtie de j)rocess. Sp. S. Jen. 
751. 8. W. C. L. Ziegler, Geschichtsentwick. des Dogma v. heil. 
Geiste: th. Abhh. (Gott. 791) '^99 ff. Wundemann, Q. d. Gl. i. 
I. 383 ff. — Auf der and. Seite vornehmlich Theoph. Procopowic:^, 
kist. de processione Sp. S. (1772), auch in, ehr. orthd. th. 1. 823 ss. 
— Lehrb. d, DG. 1059 tf. 

Leo Allaiius de eccl. occ. et or. perpetua consejisione, Col. 048. 
4. (von F. Spanhem. widerlegt: de eccl. gr. et or. a Ro. et papali 
perp. diss., Opp. %. 485 ss.) und Graecia orthodoxa. 652. II. 

h) Bei Origenes {princ. I, 2, 0) wird das procedere auch vom 
Sohne gebraucht (vehtt quaedam voluntas ex menfe eins procedens). 
Dagegen z. B. Greg. Naz. 14. Rede nebeneinanderstellt tq xakov 
ykvvriiia x. f^v ^ayfiaolav irgooSov. 

c) Das athanasianische Symbol (ob. S. 124) tritt in diese Erschei- 
nungen des lat. Kirchenglaubens bedeutend ein. Mit Sicherheit wird 
es zuerst von Theodulf in dieser Angelegenheit erwähnt. Nach Wa- 
terland und Köllner schon Coric. Tolet. 4. 633 und Frankf. Concil. 
Die Span. Kirche kann es wie manches Andere aus der nordafric. 
erhalten haben; dort und ursprüngl. bei Augustinus ist wohl in 
jedem Falle der Ursprung des Jilioque zu suchen. 

August. Trin. 4, 6. (im Xdßsrs mv. cty. Sm. 20, 22) demonstra- 
tio — non tantuni a P. sed et a ßlio procedere Sp. 15, 17. 26. 27. 
In allen diesen Stellen doch: principaliter a P, — ah illo habet, ut 
de illo eiiam procedat Sp. u. s. w. Vorher Hilar. Trin. 8, 20 
nihil differre ereditur inter accipere a F. et a P. procedere). — 



252 Allg^emeine Dogmengeschichte. Dritte Periode. 

Wo aber unter dem heil. Geiste nur die Kraft' und Gabe 
verstanden wurde '^), da scheute sich auch die griechische Kir- 
che nicht, wenn gleich nicht: aus dem Vater und dem Sohne, 
doch: aus V. durch den Sohn (erbeten, vermittelt, gesendet), 
Geist des Vaters und des Sohnes u. Aehnliches, zu sagen °). 
Wobei sie indess in früheren Zeiten, dem Arianismus gegen- 
über, doch auch in den Ausgang aus dem Vater Bedeu- 
tung legte ^). 

§ SS* 

Als die Spanische Kirche, eben Im letzten Kampfe ge- 
gen die Arlanischen üeberreste, welche sie noch in sich 
hatte, die Formel vom Ausgange des Geistes von Vater 
und Sohn geradezu in das Symbol aufgenommen hatte, 
wurde es bald bemerkt und streitig^). Indessen nahm 
anfangs nur ein Thell der lateinischen Kirche^ wenig- 
stens die Interpolation des Symbols an ^) : bis nach der 
Mitte des 9. Jahrhunderts der dogmatische Gegensatz be- 
stimmt und laut hervortrat, uud die griechische Kirche 
ihre Trennung von der lateinischen aussprach 5 welches 
sie im Laufe des 11. Jahrh. noch ernster und für immer 
wiederholte ^). 

1. Der Beisatz im Symbol von Nicäa-Constantinopel, ^ftb- 
que , wurde als symbolisch zuerst in der KVers. zu To- 
ledo (der dritten) 589 aufgestellt''). Die fränkische Kirche 
nahm Antheil an demselben : die Lehrdifferenz war schon im 



Nach Aug. Leo M. cp. 15 {ad Turrib. Jsturie.') nicht zu trennen sei 
qidgcmiit, qiii gcnitus est, siii de viroque pi'ocessitcYigiLTaj^s.Vi.A. 

d) Dieses liegt auch, keine Milderung oder Ausgleichung, in den 
Erklärungen Job. Dam. 0. Gl. I, 8. 

e) So nur meinte es Cyrill Alex., Anath. 9. gegen Nestorius: der 
heil. Geist gehöre dem Sohne an (ISiot--), er sei nicht diesem ertheilt 
worden für seine Wunder — Avogegen Theodoret: es sei ßläatpTjfiov 
y.. dugasßt?, wenn es bedeuten solle, dass der Geist sein Bestebea 
habe durch den Sohn. 

J") Die Arianer, besonders die Eunomianer, leiteten den Geist nur 
vom Sohne ab. Gegen diese ist auch die Stelle Gregor'svon Nyssa 
gerichtet (qi/od non sint tres DU. Opp. IL 459. Par.), dass der h. G. 
nicht unmittelbar {■irQO?syws) , sondern durch ^fffiraa des Sohnes vom 
Vater kommt. 

a) Conc. 3 Toi, Mansi 9. 977. 81. 3. Anath.: Si qin's Sp. S. 
nnn credit aut non crediderit a P. et F. procedere , eumque iion 
dixerit coaeternum esse P. et F. et coaequalem, an. sit. 

Wiederholt im 8. \% (653. 681) u. fgg. Toi. Concc, auch zu Me- 
fjda (Emerit. G66), Braga {Bracar. 3. 675), and., Mansi 10. 11. 



Die christl. Dogmengescldchfe. Erster Theil. 253 

7. Jahrh. unter den Griechen bekannt^), der Bilderstreit im 

8. Jahrh. machte die Griechen mit jener Interpolation bekannt"). 
Die Mönche in Jerusalem veruneinigten sich über den Zusatz 
am 8. Jahrh. Ende, indem die Franken, welche Karl d. Gr. auf 
dem Oelberge unterhielt, durch einen Mönch Johannes im Klo- 
ster Sabas'') verketzert A\Tirden, und bei Leo 3. klagten : und 
jetzt erhoben sich die Klagen darüber laut voii der Seite der 
Griechen. 

2. Die Herrschaft Karl's d. Gr. begünstigte jene Interpola- 
tion : glaubenseifrig wie sie war, aber auch gern bereit, neue 
kirchliche Bestimmungen zu setzen, vornehmlich im Gegensatze 
-zur griechischen Kirche. KVs. zu Aachen 809 durch jenen 
Mönchsstreit veranlasst^). Die Bücher Karl's von dem Bilder- 
dienst — Alcuin, Theodulf ^), behaupteten Sinn und Recht des 
Zusatzes im Symbol. Dagegen Leo 3. nur den Sinn billigte 
(salutare credere, peinculosum non credere), nicht die Inter- 
pplation ^) , und das Symbol ohne das ßlioque auf silbernen 
Tafeln zu Rom aufhängen liess^). Aufgenommen WTirde der 
Zusatz zu Rom erst im offenen Streite mit den Griechen, yon 
Nikolaus I. 860. Dieses Zerwürfniss hatte auf den Gebrauch 



V) Maximus der Confessor an Marinus von Cj'pern, Opp. II. 69 ss.: 
die Lat. meintea blos die Gemeinscliaft der Naturen mit dem filtoque. 

c) Daher die Erwähnung und Besprechung zu Gentilly {in Ge7ie- 
thliaco oder Gentiliaco bei Paris) unter Pipin 767. Die unbestimmte 
Nachricht bei Ado von Vienne {Bibl. Lvgd. 16) u. and. Chronisten, 
dass dort, wo Griechen, Römer und Franken beisammen waren, die 
Frage über den Ausgang des h. Geistes besprochen worden — wird 
so äufgefasst von Schlosser a. 0. 5i39 , dass die Römer durch diese 
Erwähnung Griechen und Franken haben trennen wollen. 

d) Einige nach Pilhoeus hielten ihn mit Unrecht für Joh. Damascenus. 

e) Vorher Vertbeidigung des Zusatzes, als eines. im Sinne der Vä- 
ter V. Cpel gemachte, durch Paulin von Aquileja, Synode von Friaul 
{ForoiuL 79i). iT/avm 13. 836.ss; .. ■ 

. f) Libri Carol.^, 3. 8. {Ex P, et F. — omnis universaliter con- 
ßtetur et credit eccl.) Tarasiiis hatte zu Nie. sich zu dem.ea; P. per 
i''. bekannt. Hierin finden äie LI. Car., dass der b. G. zur CreaT- 
tur werde. Geist des Sobnes heisse er als uniiis substanfiae et 
naturae. ■ — Alcuin. de process. Sp. S. ad Car. (nicht ausser krit. 
Zweifel) ~r- Theodttlph. de Sp. S. liher {Opp. Sirmond. &i6. 8). 

g) Verhandlungen zu Rom mit dem fränkischen Gesandten: ManH 
14. 17 ss. 

h) Nach Photius und Anastasins. 

Aber in dem eigenen Glaubensbekenntnisse Leo 3. an die Orient. 
Gemeinen {Baluz. Miscc. FII. 18 ss, Lequ. a. 0. VIII): Sp. plenvs 
üeiis qui a P. et F. procedit. 



234 Allg-ememc Dogmcngfcschichte. Dritte Periode. 

der Symbole, des apostolischen, des Nie, und des Nicänisch- 
Cpol. in den beiden Kirchen, bedeutenden Einfluss. 

3.^) Anklagen und Sprüche der griechischen Kirche gegen 
die Römische : unter Photius (freilich ging der Streit zunächst 
nur von persönlichen, hierarchischen und Byzantinischen Inter- 
essen aus)^) 861, KVs. zu Cpel, und im encyklischen Briefe, 
863 f. ^) Dort wurde zuerst das Anathema über die Römer 
gesprochen. Erneute Beschlüsse zu Cpel 879 f.™) (Der Bei- 
satz im Symbol yerurlheilt in d. 6. Sitzung.) Der Streit ruhte 
mit so vielen anderen Interessen im 10. Jahrhundert '^) . Mi- 
chael Cerularius, Palr. von Cpel, und andere Griechen des 11. 
Jahrb."), nahmen ihn auf u. befestigten das Anathema seit 1053* 

Das 9. und 11. Jahrb. bat schon seine reiche polemische 
Literatur über die Streitpuncte der zwei Kirchen : durch Ra- 
tramnus, Humbert, Niketas Stethatos oder Pectoratus von Stu- 
dium^), u. A. Wie die griechische Kirche dabei zuerst noch 
mehr von Dingen äusserlicher Natur und Bedeutung handelte^) 
(vorn, von dem Fasten der Lateiner am Sabbat, von der Ver- 



z) L. Maimhourg. histoire du schisme des Grees, Par. 677. 
Amst. 682- — Von der andern Seite die gute Sehr., Elias Me- 
niata (gest. 1714), itkXQa axavSalov tJtoi Staaatftjaii — rov ayj- 
auaTos etc. Brest. 752. 8. 

E. B. Swalve: de dissidio eecl. ehr. in gr. et latin. Photii au- 
ctoritate matürata. L. B. 830. 

k) Phot. Patriarchat — Primat des Papstes — kirchliche Herrschaft 
.über Bulgarien. Von dort will Phot. von der Aenderung des Symbols 
gehört haben. — Päpste: Nikol. I., Hadr. IL, Johann VIII. 

Die angebt, häret., nur piaton., Lehre des Photius von den zwei 
Menschenseelen, kam nur zu Cpel zur Sprache: Conc. Cpol. 859. 

/) An die morgld. Patrr. und Bischöfe, ep. 2. p. 47 ss. Montacut. 
(Lond. 1651,/.) — Dazu Phot. Sehr, an den Patr. von Aquileja, 
Comheßs. auctar. noviss. I. 527 ss. 

m) Leo All.: synodus Pkotiana. Rom. 662. 

n) Nur Sisinnius, Patr. v. Cpel 996 ff. soll den Streit durch Be- 
kanntmachung des Phot. Encyklion erneut haben. 

6) Mich. Cerular. Sehr, an Job. von Trani, durch Humbert übs., 
von Leo 9. widerlegt — Sehr, an Peter v. Ant. und dessen, merk- 
■würdig ausgleichende, Iheilweis humoristische, Antwort : Cotel. monn. 
IL 135 SS. 

p) AufTorderung Nikol. an Hinkmar {et cett. episcc. in regno Ca- 
roli constitutos) : Mansi 15. 358. Ratramn. contra Grr. opposita. 
Dacher. Spicil. L 63 ss. Aeneas Paris, adv. Grr. ib. 113 ss. Anon. 
8. oder 9. Jahrb., Mai. N. Coli. FIL 1. 245 ss. — Humbert und 
Nicetas, Canis.-Basn. IIL p. L 281 ss. 

q) Einige dieser Puncte waren schon in der TruUanischen Synode 
{quini- scxta) 691 zur Sprache gckommeu und in den Caaones be- 
stimmt worden. 



Die clu'istl. DogmengescMchte. Erster Thell. 255 

kürzuug der grossen Fastenzeit, von dem Coelibat, und der 
Salbung als hlos bischöfl. Befugniss) : so fasste sie auch den 
dogmatischeu Streit anfangs noch mehr äusserlich, nur von der 
Seite jener Interpolation (nQogS'ijKi]) im ökumen. Symbol'"). 
Seit dem 11. Jahrhundert aber legte sich alle Metaphysik der 
Griechen in denselben ") : aber es kam damals noch, und zwar 
als beinahe das Wichtigste, der Streit hinzu über Gesäuertes 
und Ungesäuertes im Abendmahle'). 

In solcher Welse hat sich in der dritten Periode das 
hirchliehe Dogma durch die Hierarchie hefestigt. 
Doch diese Bewahrung des LchrhegrliFcs hat in der la- 
teinisch - Römischen Kirche minder streng im Einzelnen 
stattgefunden als in der griechischen. Denn das Streben 
von jener war stets mehr auf die äusserliche Einheit 
und auf kirchliche Starhc und Macht gerichtet. Hat 
sie insofern immer einen Schein von Freiheit in sich ge- 
tragen 5 so ist es doch gewiss , dass der hierarchische 
Geist der Freiheit feind gewesen, und die Idee gei- 
stiger Fi'ciheit von der Hierarchie stets und überall be- 
kämpft worden sei 5 und dass beinahe alle Förderung 
geistig- sittlicher Entwickelung bei Völkern und 
Menschen jener Zeiten das Werk Anderer gewesen sei, 
erleuchteter Könige, oder sonst kräftiger Geister. 



r) Humbert u, A. klagten umgekehrt die Griechen der Verkür- 
zung des Symbols an. 

s) Die beiden streitenden Meinnngen theilten sich fast in zwei 
gangbare philosophische Bilder aus der Trinilütslehre : die Lateini- 
sche gebrauchte mehr das Angastinische : der h. Geist die Liebe 
zwischen Vater und Sohn; die griechische mehr das alt-alexan- 
drinische; der h. G, das Wort darcb die Vernunft aus dem Geiste 
hervorgehend. 

Dem alten Vorwurfe der Griechen von zwei Principien setzten die 
Lateiner entgegen: Vater u. Sohn sei ISines Wesens, und, der Aust 
gang Ein Act. 

t) Bei Photius und in s. Zeit wird dieser Punct noch nicht err 
wähnt : wahrsch. weil die Tradition noch freier war. Auch Elias 
Men. findet ihn zuerst, b. Mich. Cerul. erwähnt: so auch /. G. Her-, 
mann. hist. concertaf de pane azymo et ferm. L. 737. 8. 37 ss, 

Die Meinung Petrus vou Ant. (a. 0. 1^3 ss. 163, später in der 
evangelischen Auslegung und Kritik so bedeutend geworden), dass 
Christus nicht Pascha mit den Juden gegessen habe (aus Joh. 13, 1 ff. 
19, 31), wiederholt sich oft bei den spätem Griechen: vgl. d. Abh, 
eines Griechen v. 1730 an Hermann's a. B. 



256 Allgemeine Dog:mcng:escliichte. Dritte Periode. 

Die Entwickelung der Römischen Hierarchie zwischen dem 
8. und 11. Jahrb. gehört in die Kirchengeschichte ^) . — Alte 
und neue Vertheidigungen derselben, vom Standpuncte des gött- 
lichen Rechtes und urchristlicher Einsetzung, vom historisch- 
politischen, vom idealen^'). — Der freieste Staudpunct ist der, 
auf welchem man, ohne sie selbst gutzuheissen, die Kraft des 
Geistes und des Willens in den Begründern der Rom. Hierar- 
chie bewundert, auf welchem man ferner sie als einen geistig 
nothwendigen Durchgangspunct in der christlichen Geschichte 
anerkennt, und sich der. Macht erfreut, welche der Geist, 
auch wenn er nicht vollkommen lauter ist, und die Religion, 
selbst die noch nicht geläuterte, immer auch im äusserlichen 
Leben bewährt. 

Uebrigeus darf man es nie vergessen , dass , wie in der 
Idee geistlicher Herrschaft , so auch in der Geschichte der 
Kirche, Hierarchie nicht gerade Papstherrschaft sei: ja, 
dass die Hierarchie, als cöncentrirte, nach Aussen g^ewendete, 
Macht des Geistigen im Gegensatze zu der des Staats und des 
materiellen Lebens , meist weit bedeutender und tiefer gewal- 
tet haben würde, wenn sie fi'eier und geistiger bestanden hätte, 
kurz, wenn sie nicht Papstherrschaft gewesen wäre; sowie das 
Papstthum freier ' und grösser gewesen sein würde , wenn es 
nicht zugleich weltliche Herrschaft geworden wäre. 



o) Man hat Reclit, die Hierarchie Gregorys nur als eine conse- 
quente, durch Charakter und Gunst der Umstände getragene, Ent- 
wickelung des Rom. Bisthums seit 9. Jahrh. anzusehen. Nur von dem 
Bann über den Kaiser gesprochen, sagt Otto v. Freisingen {de gestis 
Frid. /, 1): CS sei etwas Unerhörtes bis dahin gewesen. 

Veränderung: der Bedeutungen der Iläresie'n durch die Hierarchie: 
Manichäer (Trennung der weltlichen und geistlichen Macht), Ni- 
kolaisinus (Priesterehe), Simonie (Verleihung des Geistigen durch 
Wellliche : Pelr. Bamiani adv. Simom'acos). 

b) Bekannte Ausführungen nach Joh, Müller u. A. : Joh. Voigt, 
Hildebrand, als Papst Gregor 7. Weimar 1815 (425 über die sog. 
Dictaius liiii. angebl. auf der Rö. Synode 1074. Mansi'i.Q). F.-Hur- 
ter, Gesch. Innocenz ni. u. seiner Zeitgenossen. Hamb. 8341f. III. 8. 

Im entgegengesetzten Sinne hat J. Ellen dorf die Hierarchie dar- 
zustellen begonnen; die Karolinger u. die Hierarchie ihrer Zeit (ob. 
erw.),. und: der h. Bernhard von Clairvaux u. d. H. s. Zeit. 

L. F.. F^erenct.. de commutatione , quam subiit hierarcläa Ro- 
mana auctore Gi'egorio FlI. Trai. 833. 8. 



Die christl. Dogmengcschlclite. Erster Tlieil. 257 
Vierte Periode. 

§♦ SS* 

NacLdem sicli in den letzten Zelten der vorigen Pe- 
riode piaiinichfaclic geistige Kräfte gesammelt und berei- 
tet Latten, finden wir dieselben seit dem Ablaufe des 
H. Jahrhunderts als kirchliche Philosophie in der 
abendländischen Kirche vereint: anfangs zwar und ei- 
gentlich um für dieselbe und füt ihren Lehrbegriff zu 
vrirfcen ^), bald aber, mehr oder weniger entschieden und 
offen, von ihr sich entfernend und sogar befreiend. Die 
Periode bis zu den Vorboten der Reformation (lö. Jaljrh. 
Ausgang) stellt also in der Befestigung des kirch- 
lichen Dogma durch die kirchliche Philoso- 
phie zugleich die Vorbereitung geistig - freierer Zei- 
ten dar. 

1. Die Jahrhunderte der grössten kirchlichen Auflösung von 
Aussen und Innen, das 13. bis 15., sind Lei Weitem mehr als 
durch die Hierarchie (welche ja auch immer macht- und rath- 
l(?ser wurde) durch diese kirchliche Philosophie, durch die 
Theologie der Zeit, zusammengehalten worden; theils, in- 
dem sie eben die Sache und Lehre der Kirche behauptete, 
theils, indem sie strebenden und gährenden Geistern eine 
andere Bahn und Thätigkeit anwies. 

§♦ §»♦ 
Die Einflüsse auf das geistige Leben der Kirche von 
Aussen her sind von grosser Bedeutung in dieser Pe- 
riode. Jener alte heidnische Feind der Kirche, der 
Manichäismus, erscheint im 11. u. 12. Jahrhundert, wie- 
der noch mit den alten Traditionen und im geschicht- 
lichen Zusammenhange mit den früheren Secten dieser 
Art, namentlich mit den Pauiicianern. Jetzt wurden 
diese Parteien Bogomilen genannt^). Andere stille 
Einwirkungen alten Heidenthums, wo sie wirklich statt- 
gefunden haben, kommen für diese Zeiten wenig mehr 
in Betracht^). 

1. Die Bogomilen^) (in Constantinopel seit 1111 bemerkt, 
unter Alexius Comnenus, dem berühmten Feinde und Bekehrer 



a) Sam. Andi'eae de Bogomilis (Warb. 688), P'ogt. hibl. hncr. T, 
121 SS.. L C. IFolf. historia Bogomüorum. Hamb. 712. 4. J. G. v! 
Engclbardt, kircbcngescli. Abhb. 1832. 135 ss. Die Bogomilen. 



258 Allgemeine Dogmeng-eschlchte. Vierte Periode. 

der Paulicianer), wie dunkel auch ihre Geschichte und das In- 
nere der Partei sein möge, waren jedenfalls eine, aus Pan- 
theismus, Dualismus und, Mystik zusammengesetzte Secte. Ge- 
betsschwärmerei (von dieser ihr Name^')) vertrug sich auch 
hier sehr wohl mit der Lehre, von- einem dämonischen Princip, 
welches im Menschen durch die Hülfe des guten zu bekäm- 
pfen wäre. Das götth'che ürwesen *') sollen sie indessen über 
die beiden Pi'incipien gesetzt haben, über Satanael und Logos, 
von denen jenes das ältere gewesen sei; das Princip der Welt 
nämlich früher als das wiederherstellende'^). Die ursprüngliche 
Schöpfung leiteten sie von dem göttlichen ürwesen her, eine 
unsichtbare, geistige °), um welche das Böse eine zweite, die 
materielle Schöpfung, ausgebaut habe. ,,Die Menschen, von 
Satanael erschaffen , erhielten den Lebensgeist von dem Vater 
(Zurückweisung auf syrisch -gnost. Lehre). Der Sohn, Chri- 
stus, Logos hat Satanael's Macht zerstört: es heisst dieser nur 
noch Satan." Die Person Christi wurde doketistisch aufge- 
fasst^). Der Sohn sei schon zurückgegangen in den Vater, 
der Geist werde es°). Dann das Gewöhnliche bei solchen Par- 
teien : asketische üeberspannung neben dem Rufe der Sitten- 
losigkeit 5 Verwerfung der Sacramenle (die christliche Taufe sei 



Anna Comnena Alexiad. 15. 485 ss. Zonar. ann. 18: beide nur 
wenig von den Lehren : und auf welchen sich Anna selbst beraft, der 
von Alexius bestellte Widerleger der Bogom., Euth. Zigab. Panopl, 
dogm. P. 3. tu. %Z (das Griech. ist zum Theil bei Wolf zu finden). 
Desselben t^tyyos y.al ■d'giafißo? ttjs atgiatojg twv — MaaaaXtavoJv, 
Toll, insign. it. Ital. 106 ss. {Galland. 14). 

h) Euth.: Boy f^sv y«Q V twj' JBovXyägcav ykwaaa KaXtl rov 
■Q-tov, (jclXovt 8a zo sXäjjaov. Dufresn. gloss. Graec. v. JBoyofiiXoi. 

c) ^^aojfiaTov fiav, av&QO}iTo fioQcpov Sä, von Euth. nicht verstan- 
den — es ist die alte Vorstellung wieder vom Makrokosmus. 

d) Nach Euth. hat der Vater den Logos geboren {t^sQSv^aaQ-ai r^g 
iavTov xa^Siae ?.6yov, nach Ps. 45, 1), erst bei der Erscheinung Christi. 

e) 'Aogaxov koI aKaraaxsvaaTov, auch von den Alexandrinern im 
Sinne der platoa. vP.tj, von geistigem Stoffe verstanden. Mij Sv- 
vdfiivos To7e vSaaiv (dem Stoffe) ffpt^ävsiv, schuf Satanael (Euth.); 
d. i. dem materiell gewordenen Dämon war der geistige Stoff nicht 
mehr angemessen. 

,/) Empfängniss und Geburt durch das Ohr — auch altkirchl. 
Bild wenigstens oder Formel, wie bei Joh. Dam.; vergl. Thilo zu 
eiw. 0. 839. In spät. Kirchenliedern und Denkmalen kehrt es man- 
nichfach wieder. 

g) Unter dem h. Geiste verstanden sie wohl das geistige Princip 
in den Geweihten. Das Bild b. Euth.: Vater, S. und Geist: Weib, 
Mann, Jüngling. 



Die Christi. Dogmengescbichte. Erster Thell. 239 

die des Johannes), und Anwendung anderer Weihen^), Hass 
gegen alles, äusserliche und bestehende, Kirchenthuin (Kleriker 
und Mönche hiessen ihnen die zwei Dämonischen des Evange- 
lium , die Kirchen , Sitze der Dämonen) ; Ausschliessung des 
A. T., Psalmen und Propheten ausgenommen (das übrige A. T. 
sei vom Satan eingegeben), eigenthümlicher Kanon des N.T.'); 
und von ihnen wird auch erwähnt, dass sie dem JohanneisChcn 
Evangelium, wie der Person des Johannes, einen Vorzug ge- 
geben haben''). Die Partei, welche in Thracien ihren eigent- 
lichen Sitz hatte, ist von längerem Bestand gewesen^). 

2. Unter den stillen Einwirkungen des Heidenthums sind 
die gemeint, von denen oben S. 109 f. Aber es glich sich 
jetzt natürlicherweise das Fremde, Angestammte oder Ange- 
eignete,, immer mehr mit Geist und Sitte der Kirche aus. 



h) Statt des Abendmahles das Vaterunser: dieses Gebet selbst ver- 
standen sie nach Euth. nnter dem tntova. agro?. 

i) Um eine Siebenzahl der h. Bücher zu erhalten (aach Prov. 9, 1), 
verbanden sie AG., Briefe und Apokal. zu Einem Buche: Alles aber 
wohl in sehr freiem Sinne angenommen und mit grossen Verfälschun- 
gen. Merkwürdig ist (auf die Tradition von Cpolit. Recension des 
N. T. hindeutend) die Annahme der Bogom. , dass Chrysostomus die 
Ew. verfälscht habe. 

Ä) Die Recension des Job. Evangelium bei den Templern zu Pa- 
ris, am genauesten beschrieben und in seinen Varietäten wiedergege- 
ben von Thilo, Cod. apQcryph. I. 817 ss., welche auch von Neander 
(KG. IV. 455 vorläufig) von Bogomilen u. Kalharern hergeleitet wor- 
den, wird nach Thilo (842 ss.) wohl nicht mehr dorthin bezogen wer- 
den können. Aber ein anderes Johanneisches Apokryphon fand sich 
bei den Katharern, von Thilo aus Benoist hist. des Albigeqis, ebds. 
'884 ss. gegeben. 

Die Bogom. und Kath. haben daneben besonders noch jenes, von 
so viel Häretikern gebrauchte, Apokryphon bei sich gehabt: die Ge- 
sichte des Jesaia (ob. S. 39). Gleichzeitig haben Engelhardt a. 0. 
und Gteseler (Progr. 1832) über diese Schrift Unterss. angestellt, und 
Gieseler eine vierfache, uns bekannte, üeberarbeitung der Schrift 
nachgewiesen. 

/) Noch im Anf. 13. Jahrh. hielt Germanus, Patr. v. Cpel, zwei 
der erwähnten Reden , für das Kreuz und für die Bilder , gegen die -» 
Bogomilen, als Zeitgenossen. Die Katharer stellten sich selbst in Zu- 
sammenhang mit diesen theol. Parteien {ficcl. Slavoniae, Rainer, con- 
tra Wald. 6): vgl. unten. 

Dagegen die Partei von Const antin Chrysomalus (Synode zu 
Cpel 1140 b. Leo Allat. cons. eccl. %, 11. Mansi%\. 583 ss.), welche 
dort für Bogomilenart gehalten wurde, wohl nur als Schwärmer- 
partei aazusehen ist. (,,Jeder Christ hat zwei Seelen, eine sündlose 
und eine sündige: wer Eine Seele hat, ist noch nicht Christ. Keine 
Taufe ohne Unterweisung, xaTri^ijais^ ist christlich.") 



2^0 AUgememe Dogmengescbiclile. Vierte Periode. 

§♦ 90* 

Das Judentlinm entwickelt sich in dieser Periode 
neben dem Islam als eine bedeutende geistige Macbt. 
Es wirkte auf, die KJrcbe ein, indem es tlieils dieselbe 
zum Kampfe aufforderte , lästernd und angreifend ^), 
tbeils durch wissenschaftliche Entwickelung ^) , theils 
durch philosophische Systeme, welche es in sich aus- 
bildete, zu frülierer oder späterer Nachahmung in der 
hirchllchen Philosophie 3). 

1.^) Sowohl die Grundlagen der jüdischen Lästerschriften, 
als die lästernden Traditionen des Judenthums , fallen in 
diese Zeiten des Mittelalters: vornehmlich in die des 13 — 15. 
Jahrhunderts ''.) Die Apologetik gegen das Judenthum hat da- 
mals erst ihi*e höhere Bedeutung erhalten"). 

2. Ein Lehrer auch der christlichen Schulen , wie der 
zweite Moses des Judenthums, war vornehmlich Moses Mai- 
monides von Cordova (gest. um 1200*^)). Die aristotelische 
Geisteshilduhg, welche wir Lei ihm zuerst in der fremdartigen 
hehräischen Form erblicken, führte ihn zu einer idealen Auf- 
fassung des Mosaismus und des A. T., in welcher das Positive 
und Wunderbare eigentlich erlosch : während er doch auch (oh. 
S. 23) der Vater der Dograatik des Judenthums'"), ja auch 
der wichtigste Anhalt für die Traditionen des Talmud wurde *). 



a) ^. Beugnot, les Juifs d'occldent. Par. 834. G. B. Dep- 
pin g, die Juden im Mittelalter. Stuttg. 834. — Jost, allg. Gesch. 
der Israel. %.B. — Z u n z (ob. erw.) : die gottesdienstliclien Vorträge 
der Juden. Berl. 833. . * ' 

h) De Rossi hihliotheca iudaiea antiehristiana.' Parma 800. 8. 
Jo. Christoph. JVagenseil. tela ignea Satanae. Altorf 681. 4. 
Das Buch Toledot Jeschu wird schon im 13. Jahrh. bei Raim. Mar- 
tini erwähnt. 

c) Untersuchung der jüd. Lästerungen durch Gregor 9. 1238 an- 
geordnet: Resultate bei der Pariser Fac. b. Argentre: colleetw iu- 
diciorum de iiovis errorihus ab in. sec. 12 — (Par. 728. III.) I. 146 ss. 
Apologeten: Petr. Alphonsus (Mayerholf, allg. Zeitschr. N.Folge 
I. 1), Peter von Clugny {adv. ludaeorum inveteratam ditritiem), 
Raimund Martini {pitgio fidei adv. ludaeos et Maiiros. Edit. Be7i. 
Carpzov. L. 687. /. vgl. TFolf. bibl. ebr. 4. 572 ss.), J. de Spina 
(fovtaliiium fidei contra ludd. , haer. et Sar.). : das jüngste dieser 
Periode, Mitte 15. Jahrh. 

d) Ueber ihn J. Bvcctorf, vor dem Moreh Nebochivi (nach Exod. 
14, 3). Bas. 629. 4. JFoIf. bibl. ebr. 3. 771 ss. Jost a. 0. 259 ff. 

e) Constiiutt. de fiindamentis legis. Ed. G.Forstius. Amst. 638.4. 
/) Commentar zur Mischna und Jad ehasaha. 



Die christl. Dogmengesclilchte. Erster Theil. 241 

Noch im 17. Jahrh. hat er, auf Einer Seite durch Spinoza, 
auf der andern durch H. Grotius, auf die Kirche eingewirkt. 
3. In der jüdischen Philosophie entwicitelte sich durch diese 
Periode iheils, die Kahhala (B. Sohar^)), theils der (hald auch 
mit ai'istotelischer Philosophie durchzogene'')) Karäismus. Jene 
fand ihre Freunde und Nachbildner in der Kirche, aber erst 
später, 104 und 16. Jahrhundert. Sie wurde auch unter den 
Juden erst im 16. Jahrh. ausgebildet. . Neben diesen Haupt- 
formen jüdischer Philosophie, treten auch andere, selbständige 
Erscheinungen hervor*). Die Partei der Sprechenden (Medab- 
berim, Dialektiker) nahm. gegen die, mehr und mehr eindrin- 
gende, Lehre von der Ewigkeit der Welt, die Idee der Schöp- 
fung in Schutz''). 

§.91. 

Aber wichtig vor allen werden In dem Anfang dieser 
Periode die Einflüsse von Seiten des Muhammedanis- 
mus auJF die Kirclie. iSie erscheinen in zwiefacher Ge- 
stalt: in der philosophischen, voraehmiich von Spa- 
nien und Nordafrica Ler'), und in der deis tischen, 
in welcher sich der Geist niuhamniedanischer Secten seit 
den Kreuzzügen durch Europa verbreitete ^). 

1.*) In der Scholastik gelten am meisten unter den arabi- 
schen Philosophen : Alfarabi (Abu Nasr Alf.), und Ibn- 
S in a (Abu Ali), Avicenna genannt, beide noch der vorigen 
Periode, 10. u. 11. Jahrh. erste Hälfte, angehörig''): dann des 



gr) Die alten berühmten Schrr. nach Reuchlin: vorhehinlich Chr. 
Knorr a Rosenroth. Cabbala denudata. i667. 84. //. 4. Ande- 
res: neuerlichst bes. (J. F. Molilor) -Philosophie der Geschichte oder 
über die Tradition. Frkf. 838—39. III. 

' k) Kosegarten'' s Ausg. von corona legis. Jen. 834. 

z) Das Buch Cosri, um Mitte des 1^.. Jahrhund, in Spanien ge- 
schrieben: A. von ßuxtorf d. J. li56Ü. 4. (F. B. Köster, th. St. u. 
Krr. 837. S. 153 fF.) Da» B. de causis, bei, den Scholastt. viel ge- 
brauchti' war von einem Juden geschrieben : Degerando a.. 0. 234. 
Auch Avicebrön der "Scholastt. wird für e. Jaden gehalten. AbenEsra 
n. Jahrh. (Krahmer lUg. Zts. N. F. 1. 2.) 

. k) Nur von M. Maim. erwähnt: Moreh Neb. I. 69. 71. Sie ver- 
warfen den Namen Ursache bei' Gott,' weil in diesem die Ewigkeit 
der Welt liege (cöwäö no7i sine causato): dabei hatten sie einen all- 
gemeinen skept. Gedanken. 

a) ygl. ob. S. 185. Hottinger. hihi. or. — Pöeock. spec. htst. 
Ar. Oxon. 656. 

h) Avicenna, Verf. .einer umfassenden Encyklopädie der Wissen- 
Dogmeng^eschichte. 16 



242 AUg'e&ieiiieDogtiieng^escbicLtc. Vierte Periode. 

Zweiten Ge^er, Muh. el-Gazzali, Algazel, gläubiger Geg- 
ner der Philosophen (Mitte des 12. Jahrb.), die Zierde der 
Religion genannt, und dessen Gegner, Muh. Ihn Roschd, 
Averroes (im Ausgange desselben Jahrhunderts). Die ,, Nie- 
derlage der Philosophen" des Einen wurde von dem Anderen 
bestritten in der ,, Niederlage der Niederlage*"^}. Eine geist- 
reich-mystische Lehre trug Ihn Thophail zu Sevilla vor, 
älter als Averroes^): auch er in den christlichen Schulen 
wohlbekannt. Er stellte einen Menschen in vollkommen freier, 
innerer Enlwickelung dar, wie er nach und nach Sinnenwelt 
und Geistiges, dann Welt und Gott, unterscheiden gelernt habe, 
dann sich geistig verwandt fühlen mit der Gottheit, endlich sich 
mit derselben im geistigen Leben (Anschauung, Versenkung) 
vereinigen^). Bagdad und Damaskus waren im Orient die vor- 
nehmsten Schulen für die Araber. Sie bildeten sich die ganze 
aristotelische Terminologie für ihre Sprache nach^): und es 
ist entschieden, dass die erste vollständigere Kenntniss des 
Aristoteles den christlichen Schulen idurch die Araber zu Theril 
geworden ist. ' . 

2. Wie wenig geschichtliche Sicherheit auch in den ein- 
zelnen Anklagen wegen Deismus und Lästerung der positiven 
Religionen, bei Personen und Vereinen (z. B. dem Templer- 
orden") und den Baugesellschaften des Mittelalters*^)) zu finden 
sein möge : so ist doch theils das Vorhandensein einer solchen 
Denkart im Abendlande seit dem 12. — 13. JahrhunderJ;, ün- 



schaften — Der Kanon, eine Haaptschrift für das MA,. Alfarabi ver- 
fasste auch eine Einleitung in Aristoteles Schriften [de rebus studio 
Aristotelicae .philos. praemitiendis). 

c) Algazel. destructio {o^. prostratio) philosophorum - — Averr. 
destructio desiructionis. Lat., Aristot. ed. Fen. 9. B. 

d) Der Ssafismus bildete die Mystik aus oTientalischen Ele- 
menten durch. Tholuck Ssußsmuß. Berl. 821. vgl. mit de Sacy 
Werk ii. ^.Drusen: und Jenes Blüthensammluog aus der morgenld. 
Mystik. 825. 

e) Philosophüs autodidactus — ed. E. Pococke. öxon. '761. 4. 
(Der Naturmensch von Thoph., übers, von J. G.Eichhorn. Berl. 783. 8.) 
Schon Avicenna hatte unter demselben Titel eine gleiche Schrift 
verfasst. 

f) Hierüber bes. die ob. (185) erw. Sehr, von Schmölders, 57 ss. 
Nur einige gfieöh. Worte wurden beibehalten: der Name der Philo- 
sophie vornehml. und vkr/. Einige (Alfar.) gebrauchen beim Philo- 
sophiren nie den eigentl. Gottesnamen. 

g) Oben S. 46. W. F. Wilke, Gesch. des Tempelherrenordens. 
Berl. 825 — 37. III. 

h) Fr. Heldmann, Mittheilungen über die Freimaurerei. Prkf.836. 



Die dbristl. Dogmengeschichte. Erster Theil» 245 

zweifelhaft, theils die Wahrscheiniichfceit wohlbegründet, dass 
dieselbe mit den Secten im Islam zusammengehangen habe, 
welche eben damals theils sich immer weiter ausgeführt, theils 
in mannichfachem Verkehr mit dem Abendlande gestanden ha- 
ben. Von den naturalistischen Meinungen, welche aus der ara- 
bischen Philosophie in die Kirche herübergediumgen sein 
mögen, wird weiterhin die Rede sein. 

Das bedeutendste Moment fiip die geistig-en Entwicke- 
lungen dieser Perlode lag denn aber immer im Leben 
der Kirche selbst. Die angespannte Hierarchie rief 
den Gegensatz sowohl der Intelligenz und Schule, als 
der weltlichen Maclit hervor, und die Hierarchie selbst 
war ja genöthigt, sowohl die Schule, als die weltliche 
Macht für sich in Anspruch zu nehmen: in allen ande- 
ren Verhältnissen nahmen immer mehr Kraft und Frei- 
heit zu, und es war natürlich, dass dieselben auch auf 
dem geistigen und kirchlichen Gebiete hervordrangen, 
sobald der >Veg dahin geebneter wurde : endlich brach- 
ten die Verhältnisse und Ereignisse der Zeiten immer 
mehr Kenntnisse und Erfahrungen in da^s gesammte Le- 
ben des Abendlandes herein. 

Das Abendland allein, und wieder vornehmlich 
die germanische Welt ') , stellten jetzt eigentlich das 
kirchliche Leben dar. Zwar hat die Kirche des -Orients, 
auch niedergedrückt durch den Islam, in einigen ihrer 
Parteien eine stille Existenz fortgeführt; aber nicht nur 
dass uns aus ihnen zu wenig Kunde zugekommen ist: 
es haben sich auch geistig leuchtende, mächtige Erschei- 
nungen nirgends aus ihnen erhoben^). Die griechi- 
sche Kirche, gedrückt von der sultanischen Herrschaft 
der Kaiser (unter welcher das klrcliliclie Dogma und der 
Ritus der Kirche das einzige höhere Interesse ausmachte), 
dauerte machtlos fort : sie pflanzte sich unter den slar 
vischen Völkern, aber als bloss äusserliche Anstalt, fort. 
Die Theologie derselben blieb ^ie alte de& Johannes 
Damascenus^). 



a) G. B. Mendelssohn, das germanische Enropa. Berl. 835. 

16* 



244 AUg-emelnc Dogmengeschichtc. Vierte Periode. 

1. Unter den morgenländischen Parteien zeichnen sich Fort- 
während die Armenier ans ^). Unter den Jacobiten Dionys. 
Barsalibi (gest. 1171) und Gregorius Abulfaradsch (Barhebräus, 
gest. 1286)"). 

2. Theologen der griechischen Kirche: Euthymius Zi- 
gabenus, Niketas von Chonae; Nikolaus von Methone ; Alle 
dem 12. Jahrb. angehörig''). Sonst macht das Sammeln und 
Bewahren den Charakter der griechischen Theologie auch 
dieser Zeiten (vgl. oben §. 67 f.), und eigentlich bis auf un- 
sere Zeilen hin, aus ^). Eine der spätesten dogmatischen Dar- 
stellungen ist das berühmte Symbol des Gennadius^ Patr. 
von Cpel (Georgius Scholarius) vom J. 1453^). 

§♦ 94» 

Danel)cn hat sich doch in den griechischen. Schulen, 
aber vornehmlich wie Yormals, in den Klöstern"), ein 



b) Besonders tbätig bat sieb bei den Armeniern das 11. Jabrh. in 
Wissenschaften, wie auf anderen Gebieten,, auch dem poelischen, ge- 
zeigt: Neumann a. B. 136 ff. Dem l^ten Jahrb. gehört Nerses von 
Kiah {Claiensis), armen. Kalholikos, an, von den Arm. als ihr gröss- 
ter Theolog geehrt (Mohnike, Ztschr. für bist. Tb. I. 67 fT.) Seine 
Werke Ven. 833. I. Unter ihnen auch 5 Briefe an die Griechen über 
ihre Lehrdifferenzen von den Armeniern, und Auslegung der bimml. 
Hierarchie des Dion. Ar. 

1341 unter Vereinigungsversuchen mit der Rom. K. durch Bene- 
dict XII. 117 Irrlehren der armen. Kirche aufgestellt; bei Raynald. 
z. ds. J. 

c) Assemäni in: Accessiones ad Cave Hist. lit. 2: A. G. Hoff- 
mann, Abriss der Syr. Lit., Bertboldt Kr.Journ. XIV. 3. 235 ss. 

Dion. Söhn Saliba Assem. IL 156 ss. 208 s. Schriftausleger u. 
Tbeolog.' Barbebr. (A. G. Hoffmann AEnc. VII.) seit 1264 Ma- 
pbrian des Orients. 

d) Ulimann: Nikol. — Euth. — und Niketas, oder die dogmat. 
Entwick. der Gr. K. im 12. Jahrb. Hamb. 832. Euth. Zig. (oder 
Ziga- Zyga- denus) Comm. zu den 4 Ew. A. v. C. F. Mattbäi. L. 
792. IV. Andere Auslegnngsschrr., Galland. 14. TlavonXia Soyfta- 
rtiA-i] hat. Bihl. PP. Lvgd. 19. Gr. durch Gregoras. Tergovist 710 s. 
Niketas Akominatus Cboniates, thesaurus ortli. ßd. 27 Bb. Zum 
Theil ^zW. L7/g-rf. 25. Nikol. oben 108. 

e) Bei anderen Gelehrten der griecb. K. dieser Periode findet sich 
merkwürdig wenig Theologie : wie bei Theodorus Metochita : v7to[ivt]- 
fiaTta/uSi xai at^jUtnüasis yvojfiixal. A. voa CG. Müller. L. 827. 
Eustath. metropol. Thessal. opuscc. Ed. Tafel. Frkf. 832. 

üebep diese Griechen Fabr. Bibl. gr., und Leo Allatius daselbst.- 
/) Gr. Lat. Türk., zuerst in Af. Crusii Tureograecia lib.%p.\lQ. 

Ausserdem Dialog über die Glaubensart. , Lat. Bibl. Lugd. 26. Gr. 

Wien 1530. Zwick. 677. 

fl) Die Klöster waren ja aber im byzantinischen Reiche, nicht blos 



Die christl. Dogmcugeschichte. Erster Tlieil. 24ö 

eifriges Studium der, alten Philosophie still fortgre- 
pflanzt, aus welchem im Ablauf dieser Periode viele 
Geistesfrische und wissenschaftliche Anregung in das 
Abendland üLerging:, als eine Reihe bedeutender und 
kundiger Männer sich gedrungen fand, mit ihrer Wis- 
senschaft ein anderes Vaterland aufzusuchen '). Jene 
Studien vei'banden sich dort oft sonderbar mit mönchi- 
scher Mystik^). 

I. Philosophie und der altgriechische Name gaben hier ih- 
ren gemeinsamen Trost unter den welterscbütternden Geschicken 
des griechischen Reichs , jene durch Abstractionen , in. denen 
man der Zeit und^ der Welt vergass, dieser durch Gefühle al- 
ten Volkswerlhes und angestammter geistiger Bedeutung, wel- 
che er fortwährend gewährte. Die Streitfrage über den Vor- 
zug, welcher Plato oder Aristoteles zustehe^'), bewegte 
diese Geister vornehmlich. Manuel Chrysoloras, Ge. Ge- 
mistus Pletho und Georg von Trapezunt, waren die 
bedeutendsten im Streif: vermittelnd stand Johannes (oder Ba- 
silius) Bessarion unter ihnen, auch in dem Streite der bei- 
den Kirchen ausgleichend, aber ohne Erfolg*^): wie denn diese 
philosophische Parteiung nicht nur mit einer tieferen theologi- 
schen Denkverschiedenheit, sondern auch mit den, eben wie- 



Mönchswohnungen, sondern auch, freiwilliges oder aiifgcnöthigtes, 
Asyl Für die strebendsten, bedeuteodsten Geister, welche vorher im 
Leben gewirkt hatten. 

b) Diese Streitfrage trat an die Stelle der Versuche zur Verei- 
nigang beider Philosophen, welche. zu A.lexandrien geschehen waren. 
Sie war jetzt nicht neu : auch z. ß. bei Theodorus Metochita a. O. 
Cap. 9 und b. And. tritt sie hervor. 

c) //. Hody, de Graecis illuslrihus , llnguae gr. literarumque 
hum. instmiratoribus. Ed. 2. Sam. Jebb. Lond. 743. 8. C. F. Boer- 
ner. de doctis hominibus Graecis, UM. grr. in Ilalia instauratori- 
bus. L. 750. 8. Fillemain: Laskaris, oder die Griechen in dem 
15. Jahrb. — üebss. mit Anmkk. Strassb. 825. 11. S. 

Manuel Chrysoloras in Italien seit 1397. — Pletho (gest. in 
Griechenland 15. Jahrh. Mitte) und Bessarion von Trapezunt (EB. 
von Nicäa, zur Rom. K. übergetreten, Cardinal, aber voll glühenden, 
Eifers für sein griech. Vaterland, gest. 1472: H. Hase, Bessarion. 
AEnc. 9. B.) stritten für Plato: Georg von Trap. (gest. in Rom 
1486) für Aristoteles. Auch der im Vor. erwähnte Gr. Scholarins 
stritt gegen Pletho, ihn polytheistischer Neigungen anklagend. 

Pletho, de plat. atque arist. ph. differentia. Gr. Par. 541. 8. 
Bessarion in calumniaforem Piatonis. Ven. 503 f. G. Trap. 
comparatio Ar. atque Plat. Ven. 523. 8. 



S846 Ailgememe Dogmengeschichte. Vierte I*eriöde. 

der auflebenden, kirchliehen Streitigkeiten zusammenhing, oder 
sich doch mit ihnen gern verband. 

2. Die weiterhin zu besprechende Secte der Hesychasteri 
auf dem Berge Athos war von solchem, aus Mystik und Phi- 
losophie zusammengesetzten, Charakter. 

Doch in der abendländischen Kirche drängt sich 
nnn mehr und mehr geistige Anregung und Entwicfee- 
lung. Die theologische Wissenschaft, in welcher sich 
auch alle philosophischen Kräfte jener Zeiten zusammen- 
fassten, sammelte sich in Schulen, welche mit dem Aus- 
gange des 11. Jahrhunderts zu grösster Bedeutung reif- 
ten^): eine mystische und scholastische Denfeart, als 
zwiefache geistige Erregung , kam neben einander auf, 
bald vereinigt mit einander, bald^ und besonders in 
Deutschland, getrennt. Seit dem 13. Jahrhundert be- 
herrschte Aristoteles diese theologischen Schulen^). - 

1. Die Schulen von Bec und von Tours haben im 11. 
und 12. Jahrb. die grösste Bedeutung gehabt. Jene war mehr 
noch alt-Auguslinisch, diese philosophirend - freier, mehr Ari- 
stotelisch. Im Berengarischen und im Nöminalisten - Streite 
traten sie hervor*). 

2.'') Gewiss war es anfangs etwas mehr Aeusserliches, was 
die Aristotelische Lehre in die neuen Schulen des Abendlandes 
einführte. Sie drang eben von der Seite der Araber herein, 
und die Zeit empfing die Wissenschaft mit und in ihr. Aber 
man kann auch wohl behaupten, dass jene Philosophie wie keine 
- andere für diese Zeiten und diese Völker geeignet war: und 
ebendann gerade, worin sie oft für weniger hellenisch ge- 
achtet worden ist. — Fragt man nach Vortheilen oder Nach- 
theilen dieser Philosophie für die Kirche des Mittelalters; so 
wollen wir, mit üebergehung des Vielbesprochenen und Be- 
kannten (was sich zum Theile bei allen, zur Herrschaft gelan- 
genden, Philosophenschulen findet), nur bemerken, dass wenig- 
stens der Piatonismus in diesen kräftig und roh strebenden, 
phantastischen Zeitaltern als herrschende Philosophie nur nach- 
theilig gewirkt haben würde: und dass Aristoteles, mit seiner 



ä) Hist. lit. d. l. Fr. 8. 260 ss. 197 ss. 

V) lo. Launoius, de varia Aristotelis fortuna in Acad. Paris. 
1653. 4) mit Anh. (de vor. Ar. in schoHs prot. fortuna) von J. H. 
ab Eiswich. Vit. 720. 8. Jourdain erw. Werk. 



Die christl. Dogmengeschichte. Erster TheiL 247 

Alles umfassenden Wissenschaft, mit seiner Methode, seiner 
Tiefe, seiner physiologischen Richtung, endlich auch mit den 
Schwierigkeiten seiner Form , der beste Meister für wissen- 
schaftliche Zucht und Bildung jener Zeiten und jener Men- 
schen gewesen sei"). 

Kirchlich erst verdächtigt, auch wiederholt verurtheilt, Anf. 
13. Jahrh. '^), errang der Aristotelismus die Herrschaft durch 
die Mönchsorden, denen er von Rom übergehen wurde, um 
ihn in der Bahn der Kirche zu halten °). 

üebrigens gab der Cultus^), in seiner phantastisch-gross- 
artigen oder sinnlich - glänzenden Gestalt, ein mächtiges Ge- 
gengewicht gegen die scholastische Religion : und es geschähe 
damals wenigstens natürlich, dass, nachdem Christus in die 
scholastische Dogmatik hineingezogen worden war, das tiefere 
Leben der Religion und des Christenthums sich in die Ma- 
rien Verehrung hineinzog"). Fernab von Kirche und Schule 
stand der ritterliche Geist, der Zeit^). 



c) So auch Gör res, ehr. Mystik I. 266. 

d) Pariser Provincialconcil 1210; Verordnung des päpstl. Legaten 
1215: dort gegen die phys. Sehrr. {libri naturales) des Arist., hier 
gegen sie und die metapfays. Gregor 9. 1231 gegen die phys. Mos 
{qtiousque examinaii fuerint , et ab omni errorum suspicione pur- 
gati). Immerhin mögen nach Jourdain diese Verbote nur Aaszüge 
und Comm. durch Juden und Araber gegolten haben. Gegen Sätze 
der aristot. Phil. Wilhelm und Stephan, ßh. von Paris, 1240. 1270. 
Wiederholt durch die Par. üniv. 1290: collectio de variis erroribus 
philo sophorum, et primo de Aristotele. Nach der Heiligsprechung 
Thomas Aq. 1322 wurden alle Pariser Artikel gegen Arist. daselbst 
widerrufen. 

e) 1256 zu Paris die fratres praedieatores et mendicantes als 
Glieder der üniv. aufgenommen. , Widerspruch von Wilh. von Amour 
gegen diese Mönchsorden : sein Buch de perinulis novissimorum tem- 
porum in dems. Ja|»re 1256 durch Alexander IV. verurtheilt. (Fabric. 
Mansi I. 86. Fascic. rerum expet. et fiigiendarum ed. E.Brown. II.) 

f) Die glänzendste Ausbildung dieses Cultus gehört eben diesem 
Zeitalter an. Auch die Theorie desselben (Guil. Durandi (JDu- 
rantis) rationale divinorum ojfficiorum). Melch. Hittorp. de divi- 
nis cath. eecl. officiis ae ministeriis varii vetnsiorum Scriptt. libri. 
Colon. 568. 

Von einer anderen Seite, nicht minder richtig, beurtheilt die Ver- 
fassung des Cultus im MA. K. G. F. Goes: der Verfall des öffentl. 
Cultus im MA., nach s. Hauptursachen n. Veranlassnngsgründen be- 
/leuchtet. Sulzb. 820. 8. 

§•) Maria stellt im Leben, in der Poesie und im Cultus des Mit- 
telalters eigentlich das, dem Sinne und Gefühle nähergebrachte Bild 
von Christus dar, und in ihre Verehrung kleidet sich eigentlich 
die Liebe zu ihm. 

Ä) Wolfr. v. Eschenbach, Paroival, — von San-Marlhe. Mgdb, 
830. Vorr. 



248 Allgemeine Dogmengesehiclite. Vierte Periode. 

§♦ 96. 

Die Geschiclitc der Scholastik nun (deren Namen 
schon auf freie Bildung' deutet) ^) lässt sich in folgenden 
Perioden auffassen: einer vorbereitenden Zeit (11. 
Ausg. 12. Jahrh.), drei eigentlich scholastischen 
Perioden (15. Jahrh. — 15. Anf.), und der der Oppo- 
sition gegen sie und das bestehende Kirchenthum (15. 
Jahrb.). Der Geist der Schulen, und selbst die Ver- 
schiedenheiten der theologischen Lehre, zog sich durch 
alle diese Perioden in den metaphysischen Streit über 
die Universalien, und in die Parteinamen des Nomi- 
nalismus und Realismus 2). 

1.") Die Scholastici machten schon seit längerer Zeit, 
jetzt aber, seit dem 11. Jahrh. immer bestimmter, eine eigene 
Classe der bürgerlichen Gesellschaft aus, neben den Klerikern, 
den Mönchen, den Politikern''). Es waren diejenigen, welche 
freie Schulen leiteten, wie sie, nach uralten Traditionen, wel- 
che bis nach Athen zurückführen, unter Arabern und in dem 
christlichen Abendlande sich bildeten. Seit dem Ende des 12. 
Jahrb., seitdem die Universitäten errichtet wurden, erhielt sich 
die ursprüngliche Freiheit wenigstens im Wechsel des Orts, yvo 
die Scholastiker lehrten*^). Man hat daher in diesem Namen 
ebenso sehr den Begriff der Freiheit, als, wie gewöhnlich, nur 
den der Schule, kirchlicher Abgeschlossenheit und der Starr- 
heit der Formen, zu erkennen. 



ä) Lud. Vives : de caiisls coi^ruptarmn artium. Opp. Bas. 555- //. 
L. Danaeus : prolegg. commentarii in libr. 1. Lombardi: Opuscc. 
(Gen. 1583 y.) 1093 ss. Ad. Tribbechouii: de doctoribus schola- 
sticis et con^upta per eos divinarum et humanai'vm verum scientia, 
ed. % Heumann. Jen. 719. 8. J. A. Gramer zu Bossuet Weltgesch. 
5. 6 — 7 B. F. V. Raumer, Gesch. der Hohenstaufen 6. B. 476 If. 
Degerando a. W. 

b) Danäus stellt die Scholastiker auch neben "die Kanonisten: 
und allerdings liegt in der Gleichzeitigkeit der Ausbildung vom kano- 
nischen Hecht und von der Scholastik ein grosses Moment der kirch- 
lichen Entwickelung. 

c) Caes. Egassii Bulaei {du Boulay) kist. universitatis Pa- 
risiensis (von J. 800). Par. 665 — 73. FI. f. J. B. L. Crevier, 
hist. de l'universite de Paris. Par. 761. FII. \%. Eng. Dubarle, 
fast, de l'universite — Par. 829. //. 8. Herrn. Conring. de an- 
tiquitatibus academicis (1659) cura C. A. Hetimann. Gott. 739. 4. 
Eichhorn, D. Staats- u. Rechtsgesch. II. 183 ff. 3. A. Savigny, 
Gesch. des Rom. Rechts im MA. 3. Th. Raumer ang. B. 



Die chrlstl. DogmcDgeschichte. Erster Theil. 249 

2'^) Die Frage über die Universalien war in dem dia- 
lektischen Grundbüche, welches die Zeit benutzte,, in der Isa- 
goge des Porphyrius, als die erste und wichtigste der Philo- 
sophie bezeichnet worden ^).' Mit ihr denn begann schon dar- 
um die Forschung und der Streit der Schulen: doch kündig- 
ten sich bald in dem Slreitie auch tiefere, philosophische In- 
teressen und Probleme an. Die Differenz wurde aus Porphy- 
rijus schon im 9. und 10. Jahrhundert bemerkt^). An die me- 
taphysische Frage knüpften sich dann gern die theologischen 
Diiferenzen an. Aber die Trennung der theologischen Par- 
teien des Nominalismus und Realismus bestand immer mehr im 
Geiste als in der Verschiedenheit dogmatischer Lehren und Auf- 
fassungen. Der Nöminalismus war nämlich immer die freiere 
Lehre und Partei. 



d) Die ältesten Angaben über die beiden Parteien bei Johannes 
Sarisber., besonders Metahg, 2, 10. 13. 17: die spätesten aus dem 
MA. iiei lo, Aüentinus, annal. Boior. 6, 3. Reichhaltig: lo. S a la- 
ber ti philosophia Nominalium vindicata.VsiV, 651. 8. Minder be- 
deutend lac. Tkomasii de secta Nominalium. Oratt. et praefatt. 
(L. 686. 8.) 241 ss. Mehr bei Leibnitz, de prindpio individui (1663), 
herausgegeben und eingeleitet von G. E. Guhrauer. ßerl. 837. lac. 
Brucker. hist. doctrinae de ideis. (Aug. 723) 220 ss. C. Meiners. 
de Nominalium nc Realium initiis atque progressu: Comm.. Soc. 
Gott. T. n. Cl. hist. et pk. %i: ss. W. L. G..v. Eberstein, über 
d. Beschaff, der Logik u. Methaph. d. reinen Peripatetiker (L. 800), 
Anh. 91 ff. Windischraann, Beil. zu Maistre Abendstunden von 
St. Petersburg. (Frkf. 1825) II. 492 tf. Die Schrift des Vfs. de vero 
Seholastieorum Real, et Nom. discrimine deeretisque ipsorum theo- 
logicis (Jen. 821), Opuscc. theol. 55 ss. Vornehml. auch F. C au sin. 
introd. zu Abälard's Werken (ob. erw.) 1. 60 ss. 

e) Porphyr. Isagoge nsgl TÖiv Ttivre tpojvwv, auch in : Scholia in 
Aristotelem. Berol. 836. 1 ss. — IltQi ytvojv rs y.al scSwv, t6 fitv 
iirs vtpiaTijxiv sira nal iv (lövaii yjikats intvoiais xsiTai, el're xal 
v(fsazr]xoTa, büifiara tariv 1} daojjuaTa, xal itorsQov jrwpiara rj iv 
Tois acaffjjToie y.dt iitgl Tavza vcpsorojra (Theile oder Eigenschaften 
der Dinge) — TtagatTt'jaofiac Xtyecv. 

/) Nach Leontius hat schon Philoponus- (ob. S. 180) sich bei sei- 
ner Lehre von tqh? (pvast? auf Aristoteles Vorstellung von den Uni- 
versalien berufen. Einige (Herbelot Art. Elm) deuten den arab. Na- 
men der Metaphysik, Wissenschaft der Wörter, auf den Nominalismus 
hin: Durch Boethius zuerst wurde Porphyrius Isagoge und diese 
Frage aus ihr im Abendlande bekannt. Wir fiaden diese Frage von 
Rabanus Maurus und Gerbert {de rat. et rat. uti — '■ und b. Cousin 
append. J. 5), von einem Mönch des 10. Jahrhund., Gunzo (Brief bei 
Märten, et Durand. Coli. ampl. I. ^Oi), hier ausdrücklich als Diffe- 
renz zwischen Plato u. Aristoteles, verhandelt: angedeutet auch von 
Job. Erlgena und Anderen. 



2Ö0 AUgcmeine Dogmengesclitchte. Vierte Periode. 

Wir bemerken allgemein über diese Seelen nnr Folgendes : 
1) Universalien heissen ursprünglich bald die fünf allge- 
meinsten Begriffe der aristotelischen Logik ^), bald die Gat- 
tungsbegriffe, und auf diese war die Frage am gewöhnlich- 
sten gerichtet. Doch auch alle anderen Begriff^, wie sie von 
den erscheinenden Dingen getreiJht und abstract gefasst wer- 
den, wurden oft in die Frage hineingezogen^). 2) Die Frage, 
ob die Universalien, als Wesen, Dinge, oder nur als Namen 
anzusehen seien')? hat nach und nach einen dreifachen Sinn 
gehabt. Substantialität, Realität, Wahrheit bezeich- 
nen denselben : und so wurde das res esse nach und nach ge- 
nommen ''}. Ebendaher 3) stehen im 13. Jahrb. und 14. Anf. 
die bedeutendsten Realisten auf einem Standpuncte, welcher 
früher nominal istisch hiess : diejenigen welche fJniversalia post 
rem lehrten, die Thoraistische Partei. 4) Unmittelbar dogma- 
tische Anwendung erhielt der Streit vornehmlich in den Arti- 
keln von der Trinität; hier war es ja längst eingeführt, das 
göttliche, den Drei gemeinsame, Wesen als Gattung vorzustel- 
len, an welcher Jene Theil hätten, und es war nicht neu, den 
Nominalismus als Tritheismus, den Realismus als Sabellianismus 
oder Tetradismus zu nehmen: von den göttlichen Eigenschaf- 
ten^), von dem Abendmable; weniger gewöhnlich war die An- 
wendung auf die Lehre von der Erbsünde™^). 5) Die Geschichte 



g) rivo?, £i8os, SiaqiOQa, Tdtov, av/ißsß7;xog — praedicabilia in 
den Schulea genannt. 

h) Schon bei Rose, welcher geleugnet hat, dass die Dinge Theile 
hätten. Wahrscheinlich, weil er meinte, man müsse bei der An- 
schauung der Dinge, wie sie erschienen, stehen bleiben, gab ihm 
Anseira Materialismus Schuld (ratio eins obvolvta in imaginationi- 
bus corporalibus). 

i) Ganz platonisch fasste Anselm von Canterbury den Realismus. 
Ebenso Bernhard v. Chartres {lo. Sar. %, 17. 4, 35. Cousin, 627 ss.). 
Wilhelm's von Champeaux, durch Abälard {hist. rel. 2) berühmter, 
Realismus war materieller. Nach Ab, hat W, erst behauptet, ean- 
dem essentialiter rem totam simul singulis inesse individuis; dann, 
rem eandem, non essentialiter sed individualiter. (Für die Conjectur, 
indifferenter, ausführlich Cousin introd. 117 ss.) Genauer als durch 
Ab., wird Wilhelm durch die Cousin'schen Handschriften bekannt. 

k) Der Name res hatte durch Augustin's Stelle doetr. ehr. I, %: 
quod nulla res est, omnino nihil est — besondere Bedeutung. 

/) In Gilbert Porret. wurde der Nominalismus für polytheistisch 
gehalten, indem er Eigenschaften Gottes leugnete, und einen ge- 
rechten, gütigen u. s. w. Gott an deren Stelle setzte. 

m) Odo V. Cambrai (Cameracensis) Anf. 12. Jahrb. , de peccato 
originali: Schrr., Bibl. Lugd. 21. 



Die ehristl. Dogm^ngäschichte. Erster The'iL QM 

des Noiöinälisinüs endigt iü deif Refo¥üia1ioii { die kircfeKchen^ 
scholastischen und bürgerlichen Verurtheilüngen desselben (Lnd- 
wig XI. 1465) richten sich auf das üegative und störende Ele- 
ment, tvölches derselbe entwickelte"). 

Roscelinus zu Cömi^iegne °) , imd Wilhelm Occam 
sind die gläniendsteü Erscheinungen am Anfang und am Schlüsse 
der Streitigkeit^ 

§. O^. 

In der geistigen Entwicfeelung, mit welcher sich die 
Scliolastik im engeren Sinne vorLereitete, in einer sehr 
regen und sinnigen Zeit, stehen Anselmns von Can- 
terhury*) und Peter Abälard^) an der Spitze: ver- 
schieden in ihrer Richtung und in Grund und Inhalt 
ihrer Lehren, aber Beide gleich einflussreich auf lange 
Zeit. Doch von bleibender Bedeutung für die Glau- 
benslehre und die Kirche yväv nur der Erstere : die Ein- 
wirkung des Zweiten verzog sich mehr in den Geist 
der Zeit, auch im bürgerlichen Leben 3). 

1. Anseimus von Aosta, aus der Schule Bec, Lanfranc's 
Nachfolger sowohl in der Schule als in der kirchlichen Würde 
(gest. 1109)*). Grundlage seines Denkens war ein freier Pla- 
tonismos, im Geiste des Augustinus^). So lassen sich denn 



7i) So die Pariser Univ. gegen Occam 1339. .Argentr. I. 137 ss. 
— und gegen Nicol. de Altricuria 1348, ebds. 255 ss. (Unter Ande- 
rem: Universum est perfecttssifnum — propter hoc opoTtet tarn 
totum quam partes esse aetemas — keine Evidenz für das Dasein 
Gottes als ens nobilissivium u. s. vr.) 

o) Roscelinus (auch Ruzelinus')-: Eist. lit. d. l. Fr. 9. 359 ss. 
Jo. M. Chladenius: de vita et haeresi Röscelini, (1756) in. G. E. 
Waldau thes. Mo- et bibliogr. (1793) Nr. 1. Es ist ungewiss, ob 
Rose, seine Lehre auch in Schriften vorgetragen habe. Die Be- 
schlüsse von Soissons 1093 sind nur im Allgemeinen bekannt. Seine 
Lehre b. loann. rnonach. ep. ad Anselmum: ßaluz. miscc. If^, 478. 
Ansehn. ep. ad loann. Paris, (epp. %. 35), ad Fulcon. Bellovac. (2. 41) 
und Über de fide trinitatis et de inearn. verbi contra blasphemias 
Buzelini. Abaelard in den neu entdeckten Schriften: vgl. Cousin, 
introd. 80 ss., und ep. 21. 

ß) Eadmer (Schüler und Begleiter d. Anseimus) vita Ans. 2BB. ^-- 
vielleicht auch das Gedicht — de miraeulis Ans., Martene mon. FI. 
983 ss. — de similitudinibus S.'Ans. — (Möhler) Anselm, EB. von 
Canterbury. Theol. Qaartalschr. 1827. 3. und 4. H. 

Opp. ed. Gabriel. Gerberon. (1675) ed. 2- Par. 721. (Ven. 744 II. f.) 

b) Durch Anselm besonders wurde das : quod factum est, in ipso 
vita erat —^ nach der alexandrinisch-lateiniscfaen Lesart Job. I, 8. 4. 
im platonischen Sinne geltend gemacht. 



252 Allgemeine Dogmeng-eschichte. Vierte Periode. 

auch die Grundzüge aller Anselmischen Lehren in den Schrif- 
ten dieses Kirchenvaters nachweisen. 

Anseimus Verdienst in der scholastischen Glauhenslehre '') 
ist die erneute und jedenfalls tiefstrebende Erörterung der na- 
türlichen Theologie, vornehmlich in den Ai'tikeln vom Dasein 
Gottes und vom freien Willen ; das Herausstellen der Frage 
über das Verhäitniss von Vernunft und Glauben in der theolo- 
gischen Erörterung : die bestimmteren Untersuchungen über das 
sittliche Vermögen und die Erbsünde, und über den Versöh- 
nungstod ^). Für die Erbsünde hatte Anseimus einen geistigeren 
Begriff gefunden als der gewöhnliche kirchliche war: für die 
Versöhnungslehre hat er allerdings Begriffe des damaligen bür- 
gerlichen Lebens zu Hülfe genommen, pnd der Lehre dadurch 
einen etwas anderen Charakter gegeben, als der war, in wel- 
chem sie die Kirche bisher gehabt hatte. 

2. Abälard von Palais oder Palets in Bretagne*) (gest. 
1142) brauchte der Kirche weder in seinen theologischen Prin- 
cipien noch in seinen unmittelbaren theologischen Resultaten 
gefiihrlich zu werden. Wenigstens sein rationalistisches Prin- 



c) lo. Gust. Fr. Billroth, de Anselmi Cant. proslogio et mo- 
nologio. L. 833. 8. Aug. Ferd. Ribbeck, Ans. Cant. doctrina 
de sancto spiritu. Ber. 838. 8. F. C. ßaur, die ehr. Lehre voo 
der Versöhnung in ihrer geschichtl. Entwickelung. (Tüb. 838) 142 S. 

d) Monologium, Proslogium (Anrede an Golt, sich finden zu las- 
sen), contra insipientem, dialogus de veritate — de concordia prae- 
sci. D. et praedcstin. cum libero arb. — de conceptu virginali et 
originali peecaio, de libero arbitrio — cur Dens homo (A. Erlan- 
gen 834). 

Den Protestanten gefiel Ans. admunitio morienti (194 ss. Gerb.)-. 
y,Age, dum superest in te anima, in sola morte I. C. totam, ßdu- 
ciam tuam constitue, in nulla alia re ßduciam habens. " 

Eliicidarium, dogmat. Sehr, von hist. Bedeutung, nicht von An- 
selm, Honor. v. Autun nach Hist. l. d. l. Fr. 

e) Abaelardi ep. I: historia calamitatum, suarum, und Anmkk. 
zu ihr von Duchesne. Hist. lit. d. l. Fr. 12. 86 ss. ßayle u. A. 
F. C. Schlosser, Abälard und Dulcin, LeTjcn und Meinungen eines 
Philosophen und eines Schwärmers. Gotha 807. /. H. F. Frerichs, 
de P. Abael. doctrina dogm. et morali. Jen. 827. lo. Dav. Hnr. 
Goldhorn. de summis principiis theologiae Abaelardeae. L. 836. 8. 

Abälard's Name ist in der Welt und im Roman fast mehr berühmt 
als in der Wissenschaft oder in der Kirche. Das freie, menschliche 
Interesse für ihn regte unter uns vornehmlich Herder's Aufsatz aa 
(Heloise: Werke z. schön. Lit. u. Kunst 6. B^ 299 ff.), lieber Abäl. 
. Theologie hat unter den ästhetischen Bearbeitern seiner Lebensgesch. 
{Gervaise. 1720. J. Berington. 1787), sich am meisten J. A. Fessler 
verbreitet (Ab. und Heloise. Berl. 807. II). 



Die christl. Dogmengeschiclite. Erster Theil. 2d5 

cip, Nichts zu glaaben, was man nicht eingesehen hätte ^), war 
nicht sehr hedenklich, wie er einestheils den Begriff von Ein- 
sicht {iiitellectus y nicht eognitio) so weit fasste, und wie er 
dem menschlichen Geiste eine Vorstellung auch von den gött- 
lichen Geheimnissen beilegte. Aber wie die persönliche Ein- 
wirkung überhaupt bei Abäiard die Hauptsache war ; so brachte 
die Lust am Ja und Nein bei denselben Gegenständen, welchie 
er in seiner Schule erregte, dem kirchlichen Geiste und Le- 
ben allerdings Gefahr^). Die ,, Theologie", welche er in meh- 
ren Schriften behandelte , bedeutete ihm noch , wie der alten 
Kirche, Trinitälslehre und höhere Lehre von Christus. Der 
Moral wollte er eine anthropologische Grundlage gehen, und 
zwar im Widerspruche mit der Kirchenlehre von den guten 
Werken'. Von manchen Schriften, welche unter seinem Na- 
men erhalten worden sind, ist es zweifelhaft, ob sie ihm selbst 
angehören, oder vielmehr aus seinem Vortrage hervorgegangen 
seien''). Abäiard wurde vornehmlich durch Bernhard kirchlich 
verfolgt, und verurlheilt mit 19 Sätzen zu Soissons 1121 und 
zu Sens 1140'). 

3. Aus Abälard's Schule ging der dialektische Geist der 
Pariser Schule, ehe sie noch aristotelisch wurde, hervor; durch 
diesen der grösste Dogmatiker der Zeit, P. Lombardus: end- 



/) Die Stelle Sir. 19, 4: qid credit cito, levis est corde et mi- 
norabitur — wird hierfür von A. gern gebraucht. 

g) Die Kirche tadelte an Abäl. ausserdem die freiere Anwendung 
heidnischer Weisheit u. Wissenschaft, wie sie sich allerdings auch 
im Sic et Non darlegt. Tritliem. 381; Ah hoc Ab. tempore pMlo- 
sophia secularis sacram iheologiam sua inutili curiosiiate foedare 
coepit. 

h) Ab, Opera, ed. F. Amboesius (ani. Ansgg. Andr. Quercetanus), 
Par. 616. 4. Ouvrages ined. p. F. Cousin ob. S. 8 (Dialektik, 
Frgmm. und Sic et Non). Theologia chnsUana (Martene et Durand, 
thes. anecdd. V. 1156 ss. nach Goldhorn, gegen die gewöhn!. Mei- 
nung, vor der intvodactio ad theol. III., welche in den Opp. zu 
finden, geschrieben). Scito te ipsum. Pez. thes. III. %. 637 ss^ Dia- 
logus inter philosoplnmi, ludaeum et christianum, e Cdd. Vindob. 
pr- ed. F. H. Rheinwald, ßer, 837. Die von demselben herausg, 
epitome theol. ehr. (Ber. 835.), eigentlich Äewifenfzae überschriebeu, 
wird mit ziemlicher Uebereinstimmung einem Zuhörer Abälard's zu- 
geschrieben. (G ie seier, th. St. u. Kr. 1837. ^. 366 ff.) 

i) Bernard. epp. 188. 189. adInnoc.II., 370 Synodalschr. an 
Inn., und de erroribus Ab. ad-Inn., und capitula haeresium P. A., 
Alles auch in Ab, Opp. — Apologie Ab. ep. 20- Berengarii apolo- 
geticus pro viagistro. Ab. Brr. 17. — Gualter. de Mauritania ep, 
contra Abael., Dacher. Spie, III. 524 ss. und bei Buläus z. J. 1120 
(5. Brief Walther's). 



2S4 Allgemeine Dogmengeschiefate. Vierte Periode. 

Hch der kräftige und revolutionäre Feind des Klerus;, Arnold 
von Brescia. 

§♦ »»♦ , 

Diese vorbereitende Periode fiilirt nns aiif gleichem 
Gebiete noch Peter den Lombarden vor, dessen 
Schrift viele Jahrhunderte hindurch Grund- und Haupt- 
buch der Glaubenslehre geworden ist^), Hildebert 
von Tours, Gilbert von Poitlers: in deren Einigen 
die Feinde der dialektischen Theologie die sogenannten 
Labyrinthe von Frankreich fanden*). Johann von Sa- 
lisbury war ein vermittelnder Geist, welcher die geistige 
Entwickelung seiner Zeit, deren er sich freuete, gern 
von den, sich bereits ankündigenden, Misbräuchen und 
Yerirrungen befreit giesehen hätte ^). 

1. Peter aus Novara in der Lombardei, Lehrer und Bi- 
schof zu Paris (gest. 1164)*), trug die Glaubenslehre in Sen- 
tenzen anderer Art vor, als die der früheren Zeiten gewe- 
sen war^). Bie Verschiedenheit der Meinung Hess sich nicht 
ableugnen, sie niusste vorausgesetzt werden : aber man durfte 
im Sinne der Kirche nicht dabei stehn bleiben'). Vielleicht 
liat Abälard's Sic et Non Aulass zu diesen neuen Sentenzen- 
büchern gegeben ^) : wenigstens stellen sie das gerade Gegen- 
theil von jenen dar. Der Meinungsverschiedenheit wurden 
Gründe und Mittel der Entscheidung zur Seite gestellt. Petrus 
Lombardus war nicht der Erste, welcher Bücher dieser Art 
schrieb ^) ; wenigstens aber war und blieb er der Bedeutendste. 



d) Eist. lit. d. l. Fr. 13. 485 ss. Ausser den Septenzenbb. : in 
Psaitermm {glossa magistralis) , collectanea in omnes Pauli episto- 
las. Vollständigste Ausgabe ^qv Sentt. durch Job. Aleaume 1546, und 
ßebr oft aufgelegt. 

6) Der Name hatte fortwährend viele Bedeutungen — Anders z.B. 
W. V. Champeaux Sententiae: Cousin append. zu Abälard p. 6^5. 

c) E ra s m« s : apparet P. L. hoc egisse, ut semel coUeetis quae 
ad rem pertinebant, quaestiones omnes excluderet. — Die Anord- 
nung nimmt L. aus Augustinus Stellen {Doctr. ehr. I, %. 3): res, 
Signa, und res, quihus fruendvm,, niiiSi qiiibus utendum (Gott — 
Creatur — Erlösung .^- Sacramjente und letzten Dinge). . 

d) So auch Cousin introd. p. 300. 

e) Die Sentenzenvff. vor Lombard, hatten übrigens alle einen be- 
schränkteren Zweck: Wilh. von Rheims (Abt von St. Tbeoderich), 
Zeitgenosse Bernhard's, von Trithemius erwähnte, Sententiae de S. 
ßde ex Augvtstino — herausg. von Oudin L. B. 693. 8. Rob. Pul- 
lein, Card. (gest. 1147), Sentenit. de trinitate 8 ßb., mit Petrus 



Die Christi. Dogpmengescliichte. Erster Theil. 2S5 

üebrigens bewegte sich die dogmatische Forschung hier, bei 
aller Kirchlichkeit in Meinung und in Form und Methode, so 
frei, tlass in dem Werke des Lombardus Manches späterhin 
übergangen werden musste ^) , Anderes vielfach angegriffen 
wurde, Einiges auch geradezu der kirchlichen Misbilligung 
zufiel (Nihilianismus) ^). 

2. Walther ron S. Victor (gest. 1180) Streitschrift ge- 
gen P. Abälard, P. Lomb., Gilbert und Peter von Poitiers''). 
Hildebert, EB. von Tours (gest. 1132), mehr frei philoso- 
phirender als kirchlichstrenger Theolog : doch gehört der Tra~ 
ctatus tfieologicus, welcher unter seinem Namen gedruckt ist, 
nicht ihm an^). Gilbert de la PoiTee, Bischof v. Poiliers 
(gest. 1154), fiel der kirchlichen Verurtheilung zu wegen no- 
minalistischer Formeln in den Lehren von der TrinitUl und von 



Pictav. herausg. von Hngö Malhoad. Par. 655 f. Ueber das Verbalt- 
niss zwischen Lombard's und Bandinas Sentenzenbücbern (Gramer 
a. O. VI. 84G EF. — Bandini senff. ed. Chelidon. Vind. 519. 557). 
F. G. Reitberg: Compar. inter Mag. Bandini libellum et P. Lomb. 
sentf. Ubrr. Golt. 834. -4. 

Nach Bulaeus a. 0. II. 7€6 wird von Lomb. gesagt, dass er den 
tbeolog. Doctorgrad nach Gratian's Beispiel eingeführt habe. 

f) Setitentiae in quibus magister -non tenetur commtmiter ab 
Omnibus — seit 1300. Jlrgentr. I. Wl ss. und in den Aasgg. Lom- 
bard's von Aleaume. 

g) Nihilianism,us {Christus secundtcm quod komo, non est aliquiä) 
Br. an Wilh. von Sens 1170 und nach Sentt. 3. dist. 10. {Alex. III. 
1179. MansiZi. Das 3. Conc. im Lateran 1179 nahm d. Klage nicht 
an.) Gegen Lomb. Nibilian. Io.€omubiensiSj gleichzeitig, de hoviine 
assumto {Eulogium)^ zuerst bei E. MarteTie Anecdd. 5. 1657 ss. 
Er leitet die Lomb. Meinung {opinio^ nicht assertio) von Abälard ab. 
J. A. Cramer, von der Ketzerei des NihiliaDismus : a. 0. VIL 1 S. 
Mist. lif. a. 0. 596. 604. Ldirb. d. DG. 1139. 

Ä) Contra manifestas et damnatas etiam, in conciliis haereses, 
quas Sophistae Abaelardus , Lombardus, Petrus Pictavinus et Gil- 
bertus Porretanus libris senteniiarum suarum acuunt^ limant, ro- 
boränt. Von den Anfangswt>rten gewöbniich, contra quatuor laby- 
rinthos Franciae^ genannt (das Ungeheuer, den Minotaurus, dieses 
Lab. nennt er den sophistisch entstellten Christus). Auszüge b. Bu~ 
laetts a. 0. II. 200 s' 402 ss. 562 ss. 629 — 660. Eist, lit.d. /. Fr. 
14, 550 ss, — Lombard's bitterster Feind, Joachim, xuiten zu erw. 
ISr nennt L. „Ketzer und UnsiBri|gen." 

i) IlisL lit. de la Fr, 11. 358 ss. Opp. ed. A. Beaugendre. 
Par. 708 f. Moralis philosophia s. tr. de utili et Tionesto. Gedichte 
— Briefe. Tractätus fheologicus (von Ziegler ausgezogen in : Beitrag 
Zi G^sch. des Gl.- a. d. Das. Gottes. Gott. 702) zu Hugo von S. Victor 
summa sententt. gehörig: k'. LiebneT, th. Stud. o. £r. 183^^1. 2. 
254 ff. 'und dess. Hugo v. S. V. 488 !ff. 



256 Allgemeine JDo^m'engieseliielite. Vierte Periode. 

den göttlichen Eigenschaften ^).' J p h a n n. v o n S a 1 i s b u r y 
{Sarisberiensis, B. von Chartres, gest. 1142)^) hat Schriften 
freien Sinnes""), mit ausserordentlicher Belesenheit"), nicht 
ohne Anmuth verfasst: für eine einfache, klare , praktische 
Philosophie, gegen verdüsternde oder verkehrende Dialektik. 
Neben diesen mag Rupertus Tm'tzensis (Abt zu Deatz) erwähnt 
werden (gest. 1135), ein biblisch - forschender Theolog, der 
Kirche sehr werlh °). Auch der gleichzeitige Honorius, 



k) Gilbert Porreta oder Porretamts — zu Rom angeklagt, verur- 
theilt 1147 zu Auxerre und Paris, 1148 zu Rheims — das Symbol 
von Rheims durch Bernhard entworfen; Alans? ^l. Otto Fris. de 
gestis Frid. I. A6 — 57. Matthäus Par., Alberich — ^^Buläus, Jlrgentr. 
I. 39 SS. Die vornehmsten vier Iri>thümer wurden -vornehmlich aus 
seinen Comm. in Boeth. de trinit. aufgeführt (sehr verschieden und 
gewiss ineinander verwirrt angegeben — : divinitatem non esse Deum 
— unum P. F. et Sp. esse una divinitate, Einheit also kein Attri- 
but — pröprietates Xeint personae, die Drei, res aeternae— natu- 
ram div. non esse incarnatam). Man konnte ihn zugleich als reali- 
stisch, oder, als nominalislisch übertreibend, anseilen. Des Nominalis- 
mus klagte ihn die öQentliche Meinung an (ob. S. 250): auch Otto a. 0. 
{sententiam vocum s. numinum non caute theologiae admiscuit). 
Gegen Gilb, ausserdem noch Bernhard S. 80 in Cant.j nach Argentre 
auch Abael. introd. 1066. 

Gilberl's Buch de sex principiis blieb classisch in der scholast. 
Philosophie. 

l) Bist. lit. 14. 89 ss. F. C. Schlosser, Abhh. als %. Theil zu: 
Vincent v. Beauvais Hand- und Lehrbuch für königliche Prinzen und 
ihre Lehrer. (Frkf. 819) 64 ff. Jourdain a. 0. 271 ss, 

Metalogicus (gegen den Pseudonymen Cornificius gerichtet, in wel- 
chem Sophist u. Schwätzer personificirt wird) Vertheidigung d. Logik 
4 Bb. Polier, {nicht Polycr.) Auch überschr. : de nitgis curialium, et 
vestigiis philosophorum 8 Bb. (gegen die Hofleute und für philoso- 
phische Staätskunst). Beide zusammen zu Par., Leiden, Amst. (664. 8.) 
{Polier. Bibl. PP. Lugd. 23). Briefe Par. 611. 4. bei Duchesne und 
And. Comm. in epp. Pauli. Amst. 646. 4. Anderes s. b. Degerando. 

m) J. Sar. war zugleich Vertheidiger der Kirchenrechte gegen den 
Staat, daher seine Vorstellungen vom Tyrannenmord {Polier. 3, 21." 
Sacerdotes D.. necem tyrann. reputant venialem); und Gegner von 
Papst und Klerus in ihren überspannten Ansprüchen. Sieben Jahre 
lang' im Exil mit Thomas Becket, konnte er sich seinen vermittelnden 
Grundsätzen gemäss mit dem König aussöhnen (1170). — Er hat das 
Leben Th. B. {vita S. Thofnae Cent.) beschrieben, und die Briefe 
von ihm und an ihn herausgegeben (6 Bb.). 

n) Aus Römischen Classikern, unmittelbar aus den Griechen — - 
er hatte Belesenheit in Plato, Aristoteles, Plotinus. 

o) De divinis officiis — commentaHi de S. Tr. 42 Bb. (Schrift- 
commentare), und de glorißcat. Tr. et processione ,Sp. S. 9 Bb. — 
Unter seinen Gommentarien der zum Ev. Job. 14 Bb., vornehmlich 



Die Christi. DogmengeSchichte. Erster Theil. 2S7 

Kleriker und Lelirer zu Autun, vielwissend für jene Zeit und 
hochgeehrt P). 

§. 99. 

Unmittelbar neben dieser dialektischen Bewegung er* 
scheiiit nun die Mystik in einer Reihe würdiger und be- 
deutender Gestalten und in zwiefachem Charakter, 
speculative*h und pi-aktischen ^). Hiernach ist sie denn 
gewöhnlich mit der areojjagitischen rerwandter gewesen 
oder nicht (§. 71). Bernhard von Clairvaux, Hugo 
tmd Richard von St. Victor, welche in unsere Pe* 
riodc gehören, stellen jetzt schon jenen doppelten Cha- 
rakter dar^)i 

1.*) Von den Leiden Elementen, welche sich immer in der 
mystischen Stimmung und Denkart, Eines oder das Andere 
voi'herrschend , gefunden haben, dem der Passivität und 
dem des Verlangens nach unmittelbarer Verbindung 
mit Gott, zeigen sich in der praktischen und der speculati- 
ren Mystik verschiedene Durchführungen. In jener wurde das 
höhere geistige Leben in das (asketische oder moralische) Sich- 
aufgeben und die Liebe, in dieser in das geistige Fallenlassen 
und die höhere Anschauung gesetzt. 

2. In Bernhardts V. Clairv. '') (gest. 1153) praktischer 
Mystik tritt das Asketische mehr hervor: sich erniedrigen, sich 



viel gebraucht und herausg. Aber wenige Scbriftstt. dieser Zeit sind 
in so vielen Atisgg. erschienen. 

Vielfach der Ketzerei beschuldigt, besonders im Do. von der Eu- 
charistie (Annahme von Br. u. W., wie der menschlichen Natar durch 
den Logos: impanatio). Aber in seinen späteren Schriften erscheint 
Nichts hievon: im Prolog des Comm. z. Job. (nach seiner Apologie 
geschrieben) am Ende : credamus — panejn et vinum in. verajn cor- 
poris et sang, transisse substantiain. 

p) Honorius Augustodunensis (nicht von Äugt) Hist. lit. 12. 
165 SS. Cousin, app. zu Abäl. 666 ss. Der einzige Ausleger des 
Plato aus diesen Zeiten, wie Beruh, v. Chartres perfectissimus inter 
Platonicos seculi nostri, lo. Sar, met. A, 35. Synopsis mundi s. de 
imagine mundi 3 Bb. , und de mundi philosophia 4 Bb. Das eluci- 
darium (ob. b. Anselm) ihm beigelegt Hist. lit. 13. 167. De animae 
exsilio et patria (Encyklopädie) Pez. thes. IL 238 ss. Summa glo- 
ria de apostoHco et Jugusto (Papst u. Kaiser) ebds. 180 ss. 

a) H. Schmid, der Mysticismus des Mittelalters in seiner Ent- 
stehungsperiode. Jen. 834. J. GörresVoft erw. Werk. 

V) Bernhard's Lebensbeschrr. vor d. A. von Joh. Mabillon. Par. (667) 
709. //. /. Bertr. Tissier: Bibl. PP. Cisterciensium Bonafont. 
660 SS. Flllf. Hist. lit. 13. 139 ss. Schriftsteller über ihn Fabr.— 
Mansi a. 0. I. 221 ss. Neander, der heil. B. und sein Zeitalter, 

Dogmengeschichte. 17 



2S8 AUgememe Dogmenge'schiclitc. Vierte Periode. 

wehethun, sich abtödten, um zur Hingehung in der Liebe za 
gelangen. Die Betrachtung (consideratio) ist hei Bernhard das 
Organ, durch welches man auch die Kirchenlehre, gläubig 
forschend, bei sich aufnimmt'^). Bernhard's Denkart war eben- 
so unbedingt gläubig, supernaluralistisch , als absolut hierar- 
chisch : freilich hier immer das Amt und die Person unter- 
scheidend, so dass man ihn nach beiden Seiten hin, für Rö- 
misch und wieder für unpäpsllich gesinnt erklären konnte. 
Von jedem Standpuncle aus erscheint die Person dieses Man- 
nes, mit dem einfachen, frommen Sinne, mit dem entsagenden, 
stillfreudigen Gemüth, bei so vieler Macht des Geistes und 
Wortes , verehruiigswürdig : und wenn die Begeisterung der 
Kirche ihn mit Wunderglanz umgeben hat, so wird diese Be- 
geisterung hier wenigstens nicht durch die Persönlichkeit des 
Mannes niedergeschlagen''). 

DerDeutsche Hugo v. St. Victor, Vorsteher der, vonWilh. 
V. Champeaux gestifteten, klösterlichen Lehranstalt bei Paris®), 
(gest. 1141) und Richard v. S. V., Schotlländer, .der Schü- 
ler Hugo 's (gest. 1173)% sind mehr speculativ als Bernhard: 



B. 813. J. EUeüdorf, der heil. B. und die Hierarchie seiner Zeit. 
Essen 837. 

B. letzte Schrift de consideraiione 5 Bb. 86 Homilie'n zu Hobel. 
1 — 3. — Das Buch de amore Bei 3 ßb. unter B. Werken, wird dem 
ob. erw. Wilh. v. Rheims beigelegt. 

Medulla opp. omnium S.Bem. — in 6 libros distrihuta. Friburg. 
Brisg. 779. 8. Einige Schrr. des h. B. von,Silbert. Wien 820. 

c) Consta. 5, 3. Consid. dreifach : opinione, ßde, intelleetu. Aber 
was den letzten anl., ebds. 1: Scala ista (Weg durch die Natur zu 
Gott) 7ion egent cives, sed exules — Tenejis solium videt verhunfiy 
et in verho facta per verbum. ■' — Beus est regio spirituum. 

d) Vortrefflich über B., CrSrres ehr. Mystik I. 49 ff. 

Bernh. und Hildegard v. Kloster Rupertsberg (gest. 1178). Ihre 
Weissagungen von Bernh. geprüft und bestätigt, ep. 366. Das Buch 
Scivias (eingegeben von dem sciens et videns omnia Prolog). Davon 
verschieden Über divinorum. operum simplicis hominis: vgl. Mansi 
z. Fabr. u. d. Na. — Briefe — Bibl. Lugd. 23. C. Meiners. de S. 
Hild. vifa, seriptis et meritis: Comm. S. Gott. 793 ss. Fol. 12 d. 
hist. etph. Görres a. 0. I. 285 ff. H. 210 ff. J. Konr. Dahl, die 
b. Hildegardis. Mainz 832. 8. 

e) Monasteril S. Victoris monvmenta nonnulla. Mart. et Bur. 
FI. 217 ss. Schlosser a. 0. 35 ff. 

/) Hugo v. St. V. Graf v. Blankenburg: erst in Kl. Hamersleben 
(St. Kunze, Gesch. des Aug.Kl. Ham. Quedlb. 833), von A. Lieb- 
ner. L. 832. Bist. lit. 12. 7 ss. Opp. 648. ///./• Krit. Anh. über 
H. bei Liebner. Bidascalion 7Bb., Encyklopädie : Schriftcoramentare 
de sacramentiis ehr. ßdei 2 Bb. (Erweiterung der Summa senft.. 



Die chrisd. DogmengescLictte. Erster Theil. 239 

Hugo ist ein bedeutender Dogmaliker dieser Periode, als glück- 
licher Nachfolger Augustin's berühmt. Er vornehmlich führte 
den Areopagiten in die speculative Mystik des Abendlandes ein ^). 
Diese Beiden haben die Contemplation, jenen altspecula- 
tiven Namen, eben für die Vollendung der Speculation in der 
Mystik, welche sie dachten und wollten, in Gebrauch gebracht. 
Sie ist das höhere Vermögen und Mittel , durch welches das 
Göttliche zur Unmittelbarkeit für den menschlichen Geist 
gebracht werden soll^). Hugo und Bernhai'd waren, neben 
ihrer geistigen Verwandtschaft, auch persönlich befreundet. 

§^ lOO* 

Die erste Perlode der eigentllclien Scholastil», dnreh 
das 15. Jahrhundert hin laufend, wird durch die stren- 
gere Methode und die immer entschiedenere Anwendung^ 
Aristotelischer Formen, ohne dass die Lehre des Phi- 
losophen dahei in Betracht ham, charafcterisirt : die Män- 
ner dieser Periode hielten alle ernst und treu zu der 
Meinung und Sache der Kirche. Ja es war ihre Auf- 
gabe, mit ihrer dialektischen Ausrüstung diese, und ins- 
besondere die jetzt immer bestimmter hervortretenden, 
eigenthümlichen Dogmen derselben, zu beschützen und 
zu begründen'). Die Mystik zogen sie an sich heran, 
aus Bedürfniss des Gemüths, aber auch wohl, um sich 
der Tendenzen der Zeit vollständig zu bemächtigen^). 

1. Die kirchlichen Lehren, welche gegen den Sinn des 
Evangelium und als Grundlage vieler Misbräuche eingeführt 
worden waren ; von deren Vertheidigung endlich sich der Hass 



vgl. b. Hildebert). De modo dicendi et meditandl: Mart. et Dur. 
V. 887 SS. 

Richard v. S. V. und Jo. Ruysbroelc. Von J. A. V. Engelhardt. 
Erl. 839. Hist. lit. 13. 473 ss. Opp. 650. /. 

De statu interioris hominis 3 Bb. — de erudif. hom. interiori 3. 
— Beniamin minor (de praeparatione animi ad contempl. : der Ti- 
tel nach Ps. 68, 18 F^nlg. : Beni. m,inor in mentis exeessu) auch de 
\1 patriarehis. Und rfe gratia contemplationis s. Beniamin maior 
5 Bb. Aach de arca mystiea. 

g) Hugo annott. in coel. hierareh. 

h) Li ebner. Richard, a S. V. de contemplatione doetrina. I. 
Gott. 837. 4. {Cogitatio ex imaginatione oiHtnr, meditafio ex ra- 
tione, contemplatio ex intelligentia.) Speculatio ist bei diesen Phi- 
losophen (auch bei Bonav.), Betrachtang eines Gegenstandes aus, in 
einem Anderen, wie Gottes in der Natur — mit speculum zusam- 



mengedacht. 



17' 



260 Allgemeine DogmengescLicLle. Vierte Periode. 

der Reformatoren gegen die Scholastik herschrieb : waren die 
von der Sündenvergebucg durch die Kirche, von dem Verdienst 
der Werke, ja vom üeberverdienst (welches denn, ganz con- 
sequent, dem gemeinsamen Wesen, der Kirche, zu Gute kom- 
me und von ihr niitgellieilt werden könne), von der kirch- 
lichen Machtj von der Transsubstantiation, von der Kelchent- 
ziehung, vom Fegefeuer, und Anderes über die Dinge nach 
dem Tode. Es bleibt bei alle Diesem unverkennbar und nicht 
zu leugnen, dass es in der Kirche, mehr oder weniger, längst 
schon dagewesen war. Aber die Wichtigkeit, welche mau die- 
sen Lehren beilegte, die dogmatische und philosophische Be- 
gründung derselben, die Beziehung von Allem auf das Inter- 
esse der Kirche ; manches Eigenthümliche noch sonst, ma- 
chen sie allerdings zu einer Sache dieser Periode. 

2. Die mystische Theologie verband sich bei den Meistern 
unserer Periode mit der scholastischen ganz in derselben Weise, 
wie sich in den neuplatonischen Schulen Piatonismus und ari- 
stotelische Dialektik verbunden halten. Die Mystik, areopagi- 
tisch aufgefasst, wurde das Eigentliche, Innere, Ende und Ziel 
des geistigen Strebens und Verlangens^). 

§♦ !©!♦ 

Der Charakter der Periode findet sicli am voUIjom- 
mensten ausgeprägt bei den drei Ordensiuännern : Alex- 
ander Ton Haies, Tliomas Aquinas und Albert 
dem Grossen, Männern, deren Geist allerdings wunder- 
bar ausgerüstet und mäclitig gevresen ist, und deren 
lieliren und Schriften auch fiir die bei Weitem über sie 
jiinausgescbrittenen Zeiten Stoff und Anregung: jeder Art 
eiilbalten ^). Entschiedener der mystischen Richtung hin- 
gegeben, aber bei ausgezeichnetem dialektischen Ver- 
stände, war Johann Bonaventura^). Roger Baco 
steht in seiner Zeit, soweit wir sie übersehen, ziemlich 
einsam, indem er die Naturwissenschaft, und zwar auf 
dem Wege des Versuclis und der Erfahrung, aufnahm, 
die Täuschungen und Weiterungen der Schule verwarf, 
und auf jenen Grundlagen auch für die Theologie Vor- 
theile und Hülfsmittel suchte 3). 

1.^) Alexander, Franciscaner vom Kloster Haies in GIo- 



a) Thom, Aq. expositio in librum, Dionysn de divinis nominibus. 

a) Zu dea drei grossen Monchsscholastikera dieses and des folg-en- 

dea Jahrhunderts: /. Quefif. et I. Echard, Scriptores ordim's Prae~ 



Die cliristl. DogmcngescLichte. Erster Tiieil. 261 

cester (gest. 1245), Thomas (von Aquino, gest. 1274) und 
Albert (von BoIIstedt, gest. 1280), Thomas, Zuhörer Alhert's 
zu Köln (1245), Dorainicaner '') : durch sie wurde die aristo- 
telische Philosophie zu Paris und zu Köln vertreten und ein- 
geführt"). Die Theologie der Pariser Universität beherrschte 
die AVissenschaft und die kirchliche Intelligenz der Zeit. Aber 
jene Männer haben in der Form und in der Methode Vieles 
mit einander gemein: auch die Idee der theologischen Sum- 
men •'), eine systematische Bemühung, neben der Durchfor- 
schung des Einzelnen in den Auslegungen des Lombarden und 
den Quodlibetalen®). Auch die Verbindung der theoretischen 



dicatorum recensiti — Par. 719 ss. IL f. L. Wadding: annales 
Minor um S. triam ordinum a S. Fr. instiiutorum (1625) Ed. 2. per 
I. M. Fonseca. Rom. 731. XJX. f. 

H. Schinid. scholasticoriim. nonnullorum dogmata, mim recen- 
tiore theologia ac pkilosophia comparata. Jen. 829. (Deutsch, Oppos. 
Sehr, von Schmid u. A. III. 2. 1830.) 

6) Doctor irrefragabilis, theologorum monarcha — angelicus — . 
Die glänzendea Ehrennamen kamen in die christlichen Schulen eben- 
falls von den Arabern heriiber, bei denen sie zum orientalischen Prunk 
gehörten. 

Alex. Haies, Summa universae theol. — von seinen Schülern 
vollendet (Nor. 516. /.) Yen. 576. IF. f. 

Tlio. Aq. , AI. SS. Mart. I. — /. M. B. de Ruheis diss. criticae 
et apologct. de gestis et scrr. ae doctrina S. Th. A. Ven. 750. f. 
und in der Ausg. der Opp. Kling über d. Theol. des Thom. v. Aq^., 
Sengler. relig. Zeitschr. III. 1. 1833. 

Opp. ed. de Ritbeis (745) 775. XXFIII. 4. Neben der Summa 
auch ausführl. Commentar über die Sentenzen, und Summa eatholi- 
cae ßdei contra gentiles. Lacordaire pour le ritabliss. cn France 
de Vordre des freres precheurs. Pap. 838. 

Alb. Magnus: Rud. Noviomagensis de vita Alberti M. libri 3. 
Col. 490. Bayle. Opp. cur. P.Iammis, Ord.Praed. Lugd. 651. XXI f., 
und Einzelnes oft besonders. Summa th. (de mirabili scientia Bei) 
Bas. 507, ///. Seiitt. Opp. 14 — 16. — Compendium t/ieologicae 
verifatis. De ad/iaerendo Deo — et ultima et suprema perfectione. 
hominis. 

c) Materie und Form — Ursache und Endzweck — Möglichkeit 
(aber potentia sagt wie das arist. Svva[j,i? weit mehr) und Act — 
thätiger (hier gegen Averroes) und leidender Verstand: dieses die 
vornehmsten aristotelischen Begriffe in der Scholastik. 

Albert d. Gr., der erste fast vollständige Ausleger des Aristoteles; 
Opp. 1 — 5 [Philosophia pauperitm, Einleitung zu Aristot. physi- 
kal. Schriften). Ihm folgten Tho. Aq. aristotel. Auslegungen in glei- 
chem Umfange. 

d) Summa theologiae schon Robert, Lehrer zu Melun {Meliduncn- 
sis), dann B. von Hereford, wo ihm Rob. Folioth folgte : Auszug aus 
jener Summa, Bulaeus II. 585 ss. 

e) Quaestiones quodlibetales oder quodlibeticae behandelten ein- 



262 AUgemelne Dogmeng^eschichte. Vierte Periode. 

und der ethischen Theologie, und der der Vernunft und der 
positiven : ist ihnen gemeinsam. Dahei aber hat Thomas ent- 
schiedenes Uebergewicht erhalten und es ist ihm durch alle fol- 
genden Zeiten, nicht nur in der Kirche, sondern auch in der 
Wissenschaft, geblieben. Die allseitige Erwägung der Gegen- 
stände , witzig auch , auf das Gebiet des Möglichen hinüber, 
diejenige, ■welche den Spöttern über scholastisches Wesen spä- 
terhin so reichen Stoff dargeboten hat: diese hat vornehmlich 
Alexander. Albert ist durch merkwürdig reiches Wissen aus- 
gezeichnet, welches auch wohl in Sonderbarkeiten auslief') (was 
ihm denn theils den Ruf magischer Fähigkeiten, theils den Na- 
men des Grossen verschafft hat»)). Im Dogmalischen ist Al- 
bert der am wenigsten Eigenthümliche. Aber bei Thomas fin- 
det sich, bei grosser Tiefe der Forschung, volle Klarheit, man- 
nichfache Bedeutung, Anregung, Anwendbarkeit. In seinen, 
durch das Mittelalter berühmten, Schriftauslegungen ist er ein 
merkwürdiges Beispiel davon, wie erregten und strebenden Gei- 
stern oft Sinn und Idee'n des Evangelium auch ohne die rech- 
ten materiellen Hülfsmittel des Verstehens klar werden konn- 
ten^). Wie bei Augustin, misfielen viele Lehren und Sätze von 
Thomas Aquinas der Kirche, selbst schon in seiner Zeit^). 

2. Johann Fidanza aus Toscana, Bonaventura im Fran- 
ciskanerorden genannt, Doctor Serap/ucus^) (Eutychius bei 



zelne Hauptfragen der PliilosopLie (guodlibet de variis materiis). 
Auch unter den Werken des Thomas Aq. sind solche. 

/) Uatergesclioben dem Albert: de seoi'etis mulierum und de mi' 
rahilibvs mundi: beide sehr oft besonders herausgegeben. 

g) Denn gewiss war das Magnus ein Prädicat, welches den Hei- 
ligennamen ersetzen sollte. Nur seliggesprochen ist A. 

h) Zu hh. des A. T. ; und: expositiones in SS. d. C. evangelia 
see. Matth. et loannem — continuum s. catena aurea in 4 evangc- 
listas — exposs. in omncs D. Pauli epp. 

i) Streitigkeiten zu Paris zwischen der Univ. und den Dominika- 
nern, über Th. Orthodoxie: Argentr. I. 188 ss. ^18 ss. (Vgl. bei 
Duns Scotus.) In den Streitigkeilen über die Immaculata coneeptio 
kam der Determinismus des Thomas zur Sprache : die Pariser Univer- 
sität gegen lo. de Montespao, Arg. I. 2. 61 ss. besond. 82, 124 ss. J. Ge. 
Dorscheus , Th.Aq. — confessor veritatis evangclicae. Frkf. 655.4. 

k) Act. SS. Int. JII. 811 ss. Hist. ahregöe de la vie — du St. 
Bonaventura. Lyon 750. 8. Schüler Alex. Haies., welchem das Wort 
über Bonav. beigelegt wird: in quo Adamus non peccasse videtiir. 
Opp. Lugd. 668. FIl. f. Besonders oft seine Opiiscula (Yen. 572 f. \\) 
und viele einzelne Ausgg. seiner mystischen Schrr. 

In Mag. Sentt. — Breviloquium (leicht die beste Dogmatik des 
Mittelalters) — Centiloquium — Pharelra (dogm. mor. Sammlung) — 
Soliloquium — Itinerarium mentis in Deum — Stimulus divini amo- 
ris devotissimus. Die thcologia vii/stioa unter seinen Schriften, wird 



Die cliristl. Dogmeiigeschicbte. Ei'ster TJieil. 265 

den Griechen, gest. zu Lyon 1274), ist als Ausleger und Nach- 
fölgei* des Lombarden, auch neben den Vorigen hedeutend: 
und mehr noch als diese geschichtlich gelehrter Theolog, 
hier zugleich Viel umfassend und von scharf zerlegendem, 
bündig anordnendem Verstand. Doch hat ihn die Kirche mit 
Recht lieber den mystischen Theologen beigezählt. Er war die- 
ses mehr im Sinne ßernhard's als der speculativen Mystiker. 
Die Liebe, zu welcher die Askesis vorbereitet, führt durch ge- 
wisse Stufen (sechs) zur Vereinigung mit Gott. Auch für die 
religiöse Erregung des Volks war Bonaventura bedacht. We- 
nige in jener Zeit haben sich solcher Verehrung wie Bon. zu 
erfreuen gehabt, und Keiner hat sie mehr verdient als er. 

3. R. ßaco (gest. 1293, JDoctor mirahüis genannt, auch 
Franciskaner^)), ohne Zweifel ein ausgezeichneter, tiefstreben- 
der Geist, würde auch in jedem anderen Zeitaller viel bedeu- 
tet haben : seiner Zeit erschien er wunderbar und galt als Ma- 
gier. Seine Naturwissenschaft war weniger phantastisch als die 
seines Zeitgenossen , Albert : und er suchte eine Verbindung 
von ihr und der Theologie. Gewiss war er der Erste, wel- 
cher den Begriff dämonischer Magie zurückwies, aber auch in 
der heiligen Geschichte die Möglichkeit natürlicher Wirkungen 
und Erfolge in der Hülle des Wunderbaren zuliess und dar- 
zulegen suchte. Seine Werke, wie sie nach und nach mehr 
bekannt werden, müssen in Erstaunen setzen über den Umfang 
des Naturwissens, dessen sich jene Zeit bemächtigen konnte. 
Die Quelle davon und der Antrieb dazu lag immer bei den 
Arabern. 

Neben ihnen erwähnen wir als theologische Zeitgenossen : 
AI an US von Lille {ah msulis, von 1151 an eine Zeitlang Bi- 
schof von Auxerre"^), gest. um 1203 zu Clairvaax), philoso- 

lieber dem Heinr. v. Balma (auch Palma) beigelegt, Anf. 15. Jahrh. : 
vgl. neben Cave, Fabr. — Marisi, Görres a. 0. II. 452. 

Z) JFood: hist. Univ. Oxon. (674) /. 120 ss. Samml. merkwür- 
diger Lebensbeschrr. , grösstentheils aus der Brit. Biogr, (Halle 757) 
IV. 616 ff. Opus maius ad Clem. IF. ed. S. Jebb. Lond. 733 s. Auf- 
gefunden ist von Cousin, Fragm. des Opus minus, und Opus ter- 
tnim. Besonders oft herausgegeben: de mirabili potestate artis ac 
naturae , et nulUtate magiae. — Einige Schriften schwanken in der 
Literatur zwischen Baco und Albert. 

m) Bulaeus: de Alano Insulensi. A. W. IL 433 ss. Gegen ihn 
u. A. Oudin u. Fabr., dass es nur Einen des Namens gegeben. Opp. 
ed. (7. de Fisch. Antvp. 654 1. f. Summa de fide eatholica 4 BB. (2 in 
Opp., % in de Fisch, bibl. Cistere. Col. 656). De arte s. articulis 
catholicae fidei: Pez. thes. I, %. 475 ss. Gedichte: Leyser a. 0. 
1012 SS.; aber ungegrüudet ist, was Degeraudo a. 0. 427 sagt, dass 



26^4 Allgemeine Dogmeng^eschiehte. Vierte Perlode. 

phischen Bestreiter der Nichtchristen und der Häretiker: da- 
durch ausgezeichnet, dass er die tüchtigsten Waffen gegen diese 
in der Wissenschaft suchte. Auch Vincentius, Dominik, 
zu Beauvais (gest. um 1254), ein historisch vielwissender 
Mann, wenn gleich nicht quellenmässig sicher"). 

§. lOl». 

Das zweite scholastische Zeltalter zeigt uns die 
kirchliche Philosophie in ihrer höchsten dialektischen 
Entwickelung, aber auch In Ihrer weitesten Entfernung 
Ton Geist und Wesen des Evangelium : äusscrlich übri- 
gens sehr entschieden zum kirchlichen Dogma haltend. 
Johann D u n s der Schotte ^) steht an der Spitze dieses 
Zeitalters, ein Mann von kaum ergründlichem Geist, 
unendlich tief suchend und fassend : den aber freilleli 
eben sein tiefes Suchen, seine Polemik gegen andere 
Schulen, aber auch Aristoteles, in dessen Sinn er 
sich mit grosser Geisteskraft versenkt hatte, in manche 
nichtkirchliche BegrliFe hineingeführt zu haben schei- 
nen^). Mit Ihm beginnt der lange Kampf der Scotisten 
und Thomlsten^). Beide Parteien haben In dieser Pe- 
rlode nicht unbedeutende Talente entwickelt^). 

1. Die Lehensgeschichte Joh. Duns, vom Franciskaner^- 
orden (gest. 1308), Lehrers zu Oxford, Paris und Köln^), 



AI. allein die Theol. in poet. Form vorgetragen. Vielmehr war für 
theol. und philos. Dinge niemals die poet. Form gewöhnlicher als im 
IJJ. nnd 13. Jahrh. (von Bonav. in 4 //, scntt. libellus carmine di- 
gestus). 

71) Schlosser: über Vincenz v. B., am a. B. U, 191 ss, (ße 
erudüione puerorum regalium. Bas. 4SI). Speculum naturale, do- 
ctrinale, historiale (zusammen Spec. maius): mo7'ale (sehr mit Tho- 
mas Summe übereinstimmend, kritisch zweifelhaft). Jac. Ecliard. 
S. Thoma summae suo auctori vindicata, s. de Ftnc. Bellov. seripUs 
diss. Par. 708. und in Bibl. 0. Prr. Einzeln (doeir., Daac. 6?4) 
und zus. oft herausg,, zuerst Strassb. 473. 

c) Wood und Wadding angef. Werke. Matth. Feglensis 
Vita I. Bunsii. Patav. 671. und in TJTaldau thes. bio- et bibliogr. 
36 SS. Duns (Dunston gewöhnlich) deutet entschieden auf seinen Ge- 
burtsort: Scotus in der alten, weiteren Bedeutung gebraucht. Man 
hat seine Abstammung in alle drei Königreiche verlegt. 

Opp. ed. L. Wadding. Lugd. 639. XII. f. In Mag. sentt. comm. 
Oxoniensis (Opp. 5 — 10) Paris, s. quaesiio reportata (ebds. 11) 
— Quaestiones quodlibeticae 31. Zu Aristoteles, vornehmlich: in me- 
taphysica expositio, und in met. quaestiones subtilissimae (ebds. 4). 



Die chrisü. Dogmengeschlclite. Erster Theil. 265 

hat, gleichsam in Uebereinstimmung mit der Dunkelheit seiner 
Lehren, einen sehr dunklen Grund. Wahrscheinlich ist sie 
durch den Hass der Schulen entstellt worden ''). Er und seine 
Schule haben am meisten unter den Scholastikern auch das 
allgemein philosophische Gebiet bearbeitet, vornehmlich das 
der Seelenlehre "). 

2. Der Charakter aller Scolistischen Lehren ist freier: er 
ist es oft auch in den Lehren, welche äusseriich sogar über 
das kirchliche Mass hinaus streng scheinen könnten ^). Die 
Grundidee seines Realismus: ,,das Allgemeine gehe durch die 
Dinge hindurch , und das Einzelne , Individuelle (Jiaecceitas) 
werde durch eine Zusammenziehung (Selbstbestimmung) des 
Universalen — *'®) und Vieles sonst in diesem System, auch 
die Durchführung der Entwickelung der Potenz in die Wirk- 
lichkeit — hat eine pantheistische Richtung: es liegt die Vor- 
stellung darin von einer inneren Lebendigkeit der Natur, von 
einem sich entwickelnden Naturgeiste ^). 

3. Die Thomistischen und Scotistischen Contro- 
yersen») bezogen sich in der Philosophie neben der Frage 



Erläuterungsscliriften :' Guid. Bartoluceii de contradicit. in 
opp. Scott, cum solutionibus. IJug. Cavelli, conciliationes loco- 
rum ex quodlibetis Scott cum aliis ciusdem doctoris locis. Beides 
Opp. Scot. 12. Desselben quaestiones in sententias. Antvp. 620. 
/. G. Boyvin, philosophia Seoti. Par. 690. 8. F. Eleuthevii 
Albergoni, resolutio doctrinae Scoticae. Lugd. 643. 8. 

h) So ist vielleicht auch die Sage entstanden, dass Sc. lebendig 
begraben worden sei: vgl. Fahr. -Mansi. 

c) Allerdings ist Sc. auch unter den Ersten, welche die allgemei- 
nen Fragen über Offenbarung und Schrift genauer behandelten : aber 
merkwürdig ist gerade bei ihm die praktische Auffassung (die OIF. 
sei nothwendig für das Anschauen Gottes und die Seligkeit in Gott). 

d) Die Pariser Univers, verurtheilte 1330, Irrthümer von D. Sc, 
Arg. 1. 285 SS. Zugleich des Scolistenhauptes, Joh. de Ripa, Irr- 
thümer, ebds. 332 ss. 

e) In dem Comm. z. Lomh. , behandelt Scotus die Lehre von den 
Universalien in dem Dogma von der jplrkenntniss der Engel, //. dist. 3. 

Occam zweifelt, welche von drei Lehren über die ün. die des 
Scotus sei: Eines durch alle Individuen — Dasselbe selbständig in 
allen Individuen — das Universale nur formaliter bestehend. Ohne 
Zweifel die prste. 

/) Tiedemann, Geist d, spec. Ph. IV. 630: Leibnitz habe die 
Lehre von den einfachen Grundsubstanzen wahrscheinlich aus Scotus. 

g) lo. Arada, eontroversiae thcologicae inter Thomam et Sco- 
tum super quaiuor libros sentt., in quibus responswnes et argu- 
menta Scott reiiciuntur. Col. 620» 4? 



266 Allgemeine Dogmengcsehichtc. Vierte Periode. 

über die üniversalien '') , vornehmlich auf den Begriff der Frei- 
heit, welchen die Scotisten unbeschränkter auffassten, indem 
sie eigentlich die Freiheit mehr im Abstracten, die Thomisten 
mehr im Zustande, in der Selbstbestimmung, fassten*). Da- 
her jene: Freiheit sei die absolute Indifferenz des Gemüths, 
diese, der Wille werde allenthalben durch den Versland be- 
stimmt. Vieles trennte die Parteien in der Psychologie^). — 
Aber in der Theologie ging die Controvers der beiden 
Schulen: auf die Lehre von der Erbsünde (bei Scotus noch 
viel natürliche Tüchtigkeit, wenn gleich keine Fähigkeit Gott 
zu lieben ^) : daher die acixis eliciti, dieser, den Protestanten 
so verhasste, Begriff, und dass der Verlust im Sündenfalle keine 
Veränderung der Natur sei, sondern Entziehung der ausseror- 
dentlichen Gnade), von der Gnade (nach Scotus blos habi- 
tus , nicht poteiitia, eine aligemeine geistige Gegenwart des 
göttlichen Princips), Gnaden wähl (der Thomismus prädesti- 
natianisch, doch mit einer Milderung durch die praemotio phy- 
sica^ der Scotismus lässt die Gnade verdienen"')), Sacra- 
m e n t e (Scot. : seligmachend , nicht durch innere , sacrament- 
liche Kraft, sondern durch Mitwirkung des h. Geistes), Ver- 
dienst Christi (unausreichend") an sich, nur durch Gottes 



Streitschriften: für Thomas: Aeg. de Columna, gest. 1316, 
gegen J. de Laviarre {Lamarensis) correvtoritim. opp. S. Th. {Aeg. 
liber contra corr. — Col. G"24. 8 — ). Lara. Schrift wurde zu Oxf. 
und Paris gntgeheissen. — Caietan. zur Tho. Svmina I. Tho. Gua- 
lensis liber propiignatorin<s S. Thotnae super l. SentK contra I. Sc. 
Ven. 523. Für Scotus : //. Cavellus : apol. pro I. Sc. ciusque do- 
ctrina adv. A. ßzoviiim, (Antvp. C20), und für Cav. wieder gegen 
Nikol. Jansen, Hugo Magnesius (Köln 035). 

h) Thomas: in der Sache §ei das Univers, nur potentia, Scotus: 
auch actu. — Das principium individiii lag bei dem Platoni- 
ker Heinrich von Gent (zu Tournay gest. 1293) in der Negation: 
bei Thomas und Scotus im Positiven, in der Materie (Thom. mai\ 
signata), in der Form (Sc). 

z) ,, Folantas est indeterminata ad utrtimlibet contradictorio- 
rum.'^^ Eberstein, schobst. Freiheitslehren: Anhang z. d. natür- 
lichen Theol. d. Scholastiker, 211 £F. 

k) Vornehmlich in der Frage über die Verschiedenheit der Seelen- 
verm'ögen, unter sich und vom Wesen der Seele — Scotus leugnet 
Beides gegen die Behauptung Thomas. 

l) Unter den zu Paris verurtheilten Lehren des Scot. ist: homo 
natura se plus quam Deum diligit: 3, 27. Es war nach Sc. selbst 
aristotelischer Satz. 

vi) Bona opera ex genere — quae disponunt ad gratiam. In 
sentt. 2, 28. 

n) Dieses Verdienst übrigens bei Sc. weniger auf den Tod Christi 



Die cliristl. Dogmengeschichte. Erster TheH. 267 

freie Aufnahme vollkommen °) : im Thomismus war es über- 
fliessend), Unsündlichkeit Maria's schon in der Geburt i*) 
(für die menschh'che Idealität Jesu reichte seine Geburt vom 
heiligen Geiste nicht aus) , während Thomas die griechische 
Lehre von der Heiligung Maria's vor der Geburt annahm. 
Doch bedeutete ja die Erbsünde dem Sc. nicht so viel als bei 
Thomas. — Endlich Allgegenwart Gottes (Scotus : nicht 
substantial, sondern A'irtual); und Eigenschaften Gottes 
(Scotus : sie seien unterschieden unter einander und vom gött- 
lichen Wesen — aber die Existenz nicht vom Wesen i)). 

4. Zur Thomistischen Partei gehört Thomas de Brad- 
wartLina, Erzbischof von Canterbury (gest. 1349)"), wel- 
cher die Prädestinationslehre zum pantheistischen Determinis- 
mus ausbildete, indem er den Pelagianismus, wie er sagt, zu- 
erst durch Philosophie widerlegen wollte °). Sein kenntniss- 
und Versfandreiches Werk wurde damals schon (1340 fgg.) zu 
Paris und Oxford verworfen*). Durahdus a S. Porciano 
(zu St. Pourfain geboren, Bischof von Melun, gest. 1332) 
trat \on Thomas ab ; daher sein zweideutiger Ruf in den Schu- 
len"). — Die Scotistische Partei ziert Scotus Schüler, Wil- 



bezogen (dieser wird melir von der moralischen Seite aufgefasst), als 
auf seine ganze Idealität. Richtig und schriflmässig übrigens fasst 
Sc. jenes Verdienst nicht Llos in Beziehung auf die-menschl. Sünde 
auf — in sent. 3, 7. 

o) Scotus fasst durchaus eine mehr Nestorianische Vorstellung von 
der Person Christi auf: der Mensch Jesus für sich in dem was mensch- 
lich war, wenn gleich als Ideal der Menschheit. Daher auch sein 
oben (S. 215) erwähnter Adoptianismus. Aber die Acceptation des 
Verdienstes zur Seligkeit nahm Scotus für die Menschen überhaupt 
an {ßdein et caritutem noh esse -propriam causam s. rat. vieriti, 
sed divinam accepfationem}. 

p) Disputation J. D. Sc. zu Paris über diese Lehre 1304, veran- 
lasst durch Clemens V. : ^rg: I. 275. 

q) Die berühmte scholast. Frage über cxistentia und essentia : 
wichtig für die Würdigung des Anselm'schen Arguments. 

r) Doetor profundus — De causa Bei et veritatc causarmn con- 
tra Pclagianos 3. — ed. Henr. Savillius. Lond. 618 1. f. „Dcus est 
necessaria causa ejjiciens cuiuslibet rei J'actae — " der vielfach 
durchgeführte Hauptsatz. 

s) Kainiten hiessen die Pelagianer, als solche, welche die Gnade 
verdienen wollen: wie bei Melanchthon Caiaici sanctuU. 

t) Arg. I. 323 SS. Andere strenge Prädestin. lehren in der Tho- 
mistischen Schule: Joh. de Mercuria (Mericour) 1347. ebds. 343 ss. 
Albert B. v. Halberstadt 1372 (Bulle Gregor's XI.) u. viele Andere. 

m) Comm. in i II. sentt. (Par. 508 und oft) — Dur. Irrthüiner: 



268 Allgemeine DogmengeschicLtc. Vierte Periode. 

heim Okkam (gest. zu München 1347"^)), obgleich Gegner 
des Scotus, das Haupt des neuen Nominalismus '*^) : ein reich- 
hegabter Feind aller Misbräuche in der Kirche und der Schu- 
le^), dort derer im Papstthume (hier schon oft die Unterschei- 
dung von Rom. Curie und Rom. Kirche) und. in dem Klerus. 
Die Armuth Christi wurde damals ein bedeutender Gegen- 
stand der Polemik^'). Von den Mönchen ging der Begi'iff zu 
den Mystikern über. 

Wikliffe gehört mehr der entschiedenen Opposition gcr 
gen die Kirche an : von ihm daher unten. Die Schriftausle- 
gung hat an Nicol. von Lyra, wahrscheinlich aus jüdischem 
Geschlechte, Frauciskaner u. Lehrer zu Paris (gest. 1340)^), 
einen Vertreter gefunden , welcher die Theologie bis in die 



Arg. I. 330 SS. I. Launoius , syllabus rationum, quibus Durandi 
causa defenditur : Laun. Opp. I. P. \. 

v) Quaestiones super 4 sentt. — Centiloquium theologicum — • 
quodlibeta. De sacraniento altaris (Par. 513. 12) vgl. Rettberg, 
Occam u. Luther. Tu. St. u. Kr. 1839. I. Kirchl. -politische Schrr,, 
auch in Goldast. monarch. imperii, Lesonders de polest, eccl. ei' 
seculari, und Dial. inter magistrum et discipuluni. 

w) In 1 Sentt. dist. %. Hauptsatz : universale non est aliquid 
reale liabens esse subieetivum, nee in anima nee extra an., sed 
tarnen habet esse obiectivuvi in anima (nach dem alten Gebrauch, 
bis auf Cartesius, der Formeln, subi. und ohi. — .dieses vom Vorge-' 
stellten, .jenes vom Selbständigen, Fürsichbestehenden). 

Occam's und seiner Schule Kritik der natürlichen Theologie — 
sein Nominalismus führte zu einer, vielfach beachtungswürdigen, Kri- 
tik der Vernunft. 

x) Verbote der Occ. Schriften durch die Pariser Facultas artiuvi 
(nicht durch die Universität) 1339. 1340. Bulaeus 4. Ji^g. I. 337 s, 
und unter den nominalist. Schriften überhaupt, durch Ludwig XF. 1473. 

y) Streitigkeiten Joh. XXIL und der Franc, über die Armuth Chr., 
Ai'g. I. 294 SS. Vgl. Marlene N. th. aneedd. % und Occ. defenso- 
rium im Jascic. r. exp. et fug. 

Gegen Johann's XXIL Lehre (1331), dass die Seelen der Heiligen 
vor dem jüngsten Tage nicht genössen der visio bcatifica seu facia- 
lis, schrieben Durandus, Occam, Nicol. v. L^ra und A. : sie wurde 
von dem Papst zuletzt widerrufen, auch durch Benedict XII. 1335 
zurückgenommen. 

ä) N. Lyrani postillae perpetuae s. brevia commentaria in tini- 
versa biblia. 50 Bb. litcrales, 35 moralitates — Postillae zu den 
Perikopen — tr. de Messia und Vieles sonst gegen die Juden. Auch 
in 4 II. sentt. und quodlibeta. Die postillae oft mit den glossae mar^ 
gin. Anselm's v. Laon und den interlin. von Hugo^v. S. Caro und 
Walafr. Strabo herausg. 

LeLong. bibliotli. S. ed. Masch. II. 3. 357 ss. Fabr.-Mansi 5. 
114 55. R. Simon, liist. des comm. etc. c. 33. 



Die cliristl. Dogmeng-esclilcbte. Erster Tlieil. 269 

Zeit der Reformation hinein, und mit achtbarer Tüchtigkeit 
geleitet hat"^). 

Die dritte Periode der Scholastik endlich zc'i^l auf 
allen Selten beginnende Rückhehr zur Einfachheit der 
Methode, zur Läuterung: der Sachen: jedoch mit blei- 
bender Anhänglichkeit am Dogma, und an der wahren, 
folglieh der zu verbessernden, Kirche. Anton in von 
Florenz und Gabriel Blei gehören zu den letzten nam- 
aften Scholastikern^). Raimund von Sabunde stellte 
eine Theologie im Geiste von Augustinus und Thomas, 
in fi'eier Methode und mit vorherrschend praktischem 
Sinne auf. Wie für die Reformation der Kirche, so 
sprachen für die Verbesserung der Philosophie und Theo- 
logie der Schulen, Peter d'Ailly und Nikolaus 
von Clamenges. Nikolaus Cusauus, ein viel- 
wissender und tiefdenkender Mann, war in sich ohne 
Zweifel übereinstimmender, als es die Kirche seiner Zeit 
und spätere Beurtheiler seiner Schriften und seiner Wirk- 
samkeit gemeint haben ^). 

1. Antoninus, Erzbisch, von Florenz (gest. 1459, hei- 
liggespr. 1523), hat in seiner Summa theologica ein vielge- 
brauchtes Sammelwerk zur Glaubens- u. Sittenlehre verfasst*). 
Gabr. Biel von Speier (gest. zu Tübingen 1485), Okkamist^), 
suchte auf Aristoteles selbst zurückzuführen : wie sich denn 
für diesen jetzt auch in Deutsehland ein grosses Interesse be- 
lebte, mehr oder weniger berührt von dem gleichzeitigen im 
Auslande, aber kirchlicher, ja christlicher alsv jenes'). 

2. Die ^^tkeologia naturalis ^^ von Raimund zu Tolosa'') 



ad) "Vieles andere Merkwürdige aus dieser Zeit: Nikol. de Au- 
tricuria, skeptisch-pantheistisch-praktische Lehre, zu Paris ver- 
worfen 1348. Jrg. I. 355 ss. 

a) AA. SS. Mai. 1. und 1. Th. 

INeben der Summa theologica (sive iuris pontißcii et caesarei 
Summa 4 Theile: der vierte de virtutibus, selir oft besonders ber- 
ausg.) — auch Summa confessionalis und kistorialis. 

b) Trithem. Scrr. 903. — Hier. TFigand. Biel praes. G. Werns- 
dorf. de Gabr. Biel, celeberrimo Papista Antipapista. Viteb. 719. 4, 
CoUectorium in 4 IL sentt., unvollendet (ni. Supplemm. Brix. 574. IV). 

c) Heyd, Melanchthon in Tübingen: Tüb, Zeitschr. f. Th. 1839.1. 
(die üeberschätzung der aristotel. Schrr. in der dortigen kirchlichen 
Opposition). 

d) Sabunde, Seiende j Sehond, Seheido — Trithem, Scrr. 765. 



270 Allgememe DogmengescMclite. Vierte Periode. 

(geschr. um 1434), auch das Bach der Creaturen genannt, 
wollte die Offenbarungsgeheimnissc in der natürlichen Religion 
(hier vornehmlich der aus der äusseren Natur geschöpften) 
aufweisen. Er wurde der Kirche sehr Lekannt, und Montaigne 
vornehmlich lenkte die Aufmerksamkeit auf ihn ®) : doch seine 
Grundsätze, allerdings auch die des Augustinus, misfielen der 
späteren Kirche^). Peter d'Ailly {de Alliaco)^ Cardinal, 
Bischof von Camhrai (gest. 1425)°), und sein Schüler, Nico- 
laus von Clamenges {de Clemangis , gest. 1440) , Lehrer zu 
Paris ''), wiesen von P. Lomhardus und von Geist und Verfas- 



Aaszug unter d. Titel: ocidus fidci, th. nat,, von J. A. Comenins. 
Amst. C61. 8 (gegen Ungläubige, Atheisten, Socinianer — ^^Ratto- 
nallstac , ratione sna iit rationäbilius uti discant^''). 

Viola animae R. v. S., Dialog in 6 Bb., Col. 499 zuerst. Die 
Scliriften Rai. de Pennaforti (gest. 1256), besonders die metrische 
Suinmula aus jenes Summa de poenitenfia et matrimonio (Cola 500) 
— wurden sonst oft mit denen des Sab. verwechselt. 

e) Die Theol. natur. , häufig gedruckt vom J. 1487 an. In Spa- 
nien und Frankreich war sie sehr beliebt. Mich. Montaigne verfassle 
(1569) die dritte französische Üebersetzung des Buchs, und Essais 
X, 13, eine philosophische Rechtfertigung. 

f) Der Prologiis von Clemens VIII. in den index IL prohibb. ge- 
setzt, steht auch in den neuesten Ausgaben des index (Mecheln 1838) 
daselbst. Die Protestanten (vgl. H.'fVharton zu Cave) behaupteten: 
nicht wegen der Annahme einer zwiefachen, sich ganz gleichen, Of- 
fenbarung, Gottesschrift, sondern wegen der Zurückführung aller 
AVahrheit auf die h. Schrift. 

,,Die Geheimnisse der Olf. werden der Vernunft offenbar in 
dem Gedanken, dass alles Existirende sei entweder ewig und von 
sich, oder ewig und nicht von sich (Sohn und Geist), oder weder 
ewig noch von sich." 

g) Trithem. 729. Bupin, Petri de Alliaco vita: Opp. Gerson. I. 
Anwesend zu Pisa und Costnitz. Die Schriftstt. von diesen Coucc. 
über ihn : Lenfant und v. d. llardt. Gerson hat ihm mehre Schrif- 
ten zugeschrieben, er Gerson das B. de dijßcultate reformationis iri 
concilio universalis 

Commentani breves in 4 //. sentt, — tractatus et sermones (dar- 
unter auch eompendium conteviplationis). Die kirchlichen Schriften: 
tract. de ecclesiae, eoncilii generalis, Ro. Pont, et Cardinalium au- 
ctoritate — canoncs de emendatione s. reform,atione eccl. , in den 
Sammlungen der reformatorischen Schriften aus der Vorzeit der Ref., 
wie 0. Gratius: fasciculus rernm, expetendarum et fugiendarum.' 
(1535) ed. Edw. Brown. Lond. 690. /. /. — Reeommandatio s. scri- 
pturae, Gerson. Opp. ed. Dupin. I, 603 ss. 

h) II. V. d. Hardt, hisf. cono. Constant. I. P. 2. 71 ss. Seine 
Schriften stehen im Römischen Index, donec corrigantur. Ed. I. M. 
Lydiiis. L. B. 613. 4. 

De c^rnipto eccl. statu (1519 herausg. durch Eubuhis Cordatus 



Die clupistl. Dogmcngieschichte. Erster Theü. 271 

sung der Kirche, auf etwas Neues, BiLlisch -Praktisches, hin, 
und mit dem lebendigsten Ausdrucke des Abscheues vor dem 
kirchlich Bestehenden, Aber eine ausserordentliche Erschei- 
nung' auf dem Gebiete der Theologie und Kirche, ja auch der 
Wissenschaft'), bedeutend nicht blos für seine Zeit, ist Nico- 
laus Cusanus, Card. u. Bischof von Brixen (Gryffs von Cues 
bei Trier, gest. zu Rom 1464)^). Er fasst eine neue meta- 
physische Lehre in Formen aus der altpythagorisch - platoni- 
schen Schule^), und setzt seine Speculation über das Eine mit 
den hierarchischen Principien in Zusammenhang. Gewiss aber 
hat er seine Meinungen, zwar nicht von Wesen und Verfas- 
sung der Kirche überhaupt, wohl aber über die Zustände und 
das Persönliche im damaligen Kirchenlhum, nach und nach ge- 
ändert. Die Skepsis {dncta ignorantia) , von welcher er aus- 
gehen wollte, bezog sich nur auf die Zusicherungen der Schu- 
len seiner Zeit, deren entschiedener Gegner er war . als das 
Organ der höchsten Philosophie galt ihm eine geistige An- 
schauung (incomprekensibüis iniuitus) "). 

§ 104. 

Glciclizeltig: ater mit der grösstcn Anspannung 
tlcr Scliolastili (J14. Jaljrhnndcrt)^ ferner mit einer un- 
absclibaren Vcr^virrnng: der äusscrliclien Angelcgenlici- 
tcn der Kirelie, mit manniclifaclicn Aufregungen des 
Volksgeisles, endlieli mit schweren Unfällen und Land- 



(1. i. U. v. Hütten : Mansi zu Fabr. I. 393 ; oft dann von den Prote- 
stanten, vorn. u. d. T. de ruina eccl.) — deploratio calann'tatis 
eecl., Briefe u. A. De studio theologiae, Bacherü Spicil, L 473 ss. 

i) N. Cusanns hat 33 Jahre vor Copernicas die Bewegung der Erde 
um die Sonne gelehrt. 

k) C. Harzheim, vita Nie. de Cusa. Tur. 730. 8. Semler's 
Vorr. zu : N. C. von der üebereinslimmung oder Einheit des Glau- 
bens {de pace sive concordantia fidei). L. 787. Scharpff, das 
kirchl. und literar. Wirken des Nik. von Cusa: theol. Quartalschr. 
1837. 1. %. 4. Opp. (Par. 513) Basel 565. /. ///. 

De docta ignorantia — apol. d. ign. — de coniecfuris — de 
quaerendo D. — de D. abscondito — de catholica concordantia 
3 ßb. — cribratio Alcorani u. A. 

l) „Gott, Möglichkeit und Sein (Passest, in N. Cus. Buch de 
Possest) — Minimum und Maximum — alles Dasein, Zusammenzie- 
hung des Absoluten — die Zahlen, Tdee'n und Gesetze der Dinge. 
Der Geist Christi hält die Geisterwelt zusammen." 

m) Daher das göttliche Wesen und Wirken nur in Bildern darzu- 
stellen (Linie, Dreieck, Kreis, Kugel). 



272 Allgemeine Dogmengcschiclite, Vierte Periode. 

plagen durch einen grossen Theil des Abendlandes °)5 
und durch diese Zusaramenwirhung hervorgerufen^ 
hommt eine mystische Theologie zu Gedeihen und 
Aufnahme, bedeutender, vielseitiger, als sie bis hierher 
gewesen war. In Deutschland blülite sie vornehmlich 
auf und vrurzelte in dem Predigerorden, während sich 
die Franciskaner in das Leben selbst hineinwarfen : 
Eckart^), Johann T a u 1 e r ^) , Heinrich S u s o gehör- 
ten ihm und jener Denkart an, drei, in sich wieder ver- 
schiedene, Entfaltungen jener neuen Mystik 5 neben de- 
nen sich noch andere merkwürdige Erscheinungen sol- 
cher Art darstellen ^). 

1.^) In Eckart von Cöln'') (nach seinem Tode 1329 
durch Johann XXII. verurtheilt ) *) wurde die mystische Idee 
(Aufgeben sein selbst — Vereinigung mit Gott) bis zur pan- 
theistischen Selbst- und Vernunftvergötterung gesteigert, und 
die negative Seite der Mystik trat auch als Lossagung von 
allem kirchlich äusserlichen Glauben und Thun hervor^). Die 
Kirche suchte sich oft mit Eckart's Geist und Namen zu ver- 
söhnen. 

2. Johann Tauler (zu Cöln und Strasshurg, gest. 1361)') 



ä) J. F. C. Becker, der schwarze Tod im 14. Jahrh. Berl. 832. 

h) Chart. Schmidt: essai sur les mystiques du XIV. siede, 
precede d'vne introduction sur l'origine et la nature du mysticisme. 
Strassb. 836- 4. 

c) K. Schmidt, Meister Eckart: e. Beitrag z. Gesch. d. Theol. 
u. Philos. des flIA. Th. St. u. Kr. 1839. 3. Trithem. 537. Quetif et 
Ech. Scrr. 0. Fr. I. 507 s. Gedruckte Schrr. von Eckart giebt 
Schmidt an: unter Tauler's Prr. und Kl. Schrr. : von hier und in der 
alten myst. Sehr., de novem rupibus spiritualibus (Mosheim instt. 
hist. ecci. 482 s.), stimmt Vieles wörtlich mit den Sätzen der Verar- 
theilungsbuUe Jo. XXll. überein (Gieseler IL %. 630). — In Docen 
Miscellan. z. Gesch. der t. Liter. München 809. I. 138 ff., Citate aus 
E. in d. Sehr. ,,voa der wirklichen u. möglichen Vernunft". Auch 
in den Predd. des jüngeren Eckart b. Surius. Ans Hdschrr., in den 
Sprüchen^d. Mystiker, Wackernagel altd. Lesebuch. 

Anfangs Provincial seines Ordens und Gen.-Vicar für Böhmen bis 
1307: dann in Verbindung mit den Begharden (vergl. unten), worauf 
sich seine Irrlehre entwickelt hat. 

d) Die Bulle von Raynald. zuerst bekannt gemacht: Argentr. a. 0. 

e) „Der vergottete Mensch ist der wahre Gottessohn, den der Geist 
mit dem Vater verbindet." ,,In Gott wird der Mensch aller Sünden 
ledig, und hätte er aller Menschen Sünde gethan." Die „Inwendig- 
keit" macht alle äussere Werke überflüssig. 

/) (Wahrscheinl. von Tauler selbst) Historia und Leben des ehrw» 



Diö christl. Dogmengeschiclite. Erster Theil, 275 

stellt die höchste Aushildung der alten deutschen Mystik dar. 
Er ist zugleich (nach Eckart) der älteste Homilet und der, frü- 
heste philosophische Schriftsteller in der Sprache unseres 
Volks. Er fasst diejenige Mystik, welche wir oben die prak- 
tische genannt haben, aber mehr sittlich als asketisch auf: da- 
her die anscheinende Incousequenz, mit welcher Tauler, wenn 
auch von Vernichtung, Stille, ,, Gelassenheit" ausgehend, doch 
Alles auf die thatige Liebe hinführt. Er war zu sehr 
kirchlich wirkender Theolog, als dass ihn die mystische Denk- 
art von Sinn und Anstalten der Kirche abzuführen vermocht 
hätten. Auch die mystische Sprache unter den Deutschen 
stammt von J. Täuler^): und so hat auch das Gemüth, die 
,, mögliche Vernunft", als tiefer Grund der Seele, bei ihm 
zuerst seine höhere Bedeutung erhalten. 

.3. Heinrich Suso (Seuss, Amandus von Berg, gestorben 
1365) ^) hebt in der Mystik mehr das andere Moment hervor, 
das der Vereinigung mit Gott, in der Form der Liebe auf- 
gefasst. Dieses war sein Hauptbegriff, welchen er in blühen- 
der, reicher Sprache und Darstellung ausführte: liebereich 
und liebenswürdig. 



J. T., in T. Predigten. Bas. 5^2. f. Bayle: A. Tauler. — Werke 
zuerst Köln 518. f. Hochdeutsch z.Thle d. Ph. J. Spener. Frkf. 69^.11.4. 

Predigten (durch Casseder, Frkf. 826. III) zuerst 1498: „Sermo- 
nen — weissend auf den nächsten, wahren Weg im Geist zu wandern 
durch überschwebenden Sinn." — Nachfolgung des armen Lebens Chri- 
sti (Casseder 821 und Frankf. 833). Mcdulla animae (Luzern 823). 
Reime von der Entvverdung, in (L. T. Kosegarten) Die Ströme. Strals. 
817. Von den Leiden unseres -Hrn. J. C. und von 9 Felsen oder Stän- 
den des Lebens. Sulzb. 837. (Das erste ungedruckt: zum 2ten vergl. 
oben Note c) und H. Suso im Fg.) 

Handschriftliches zu T. Predd. : J. G. H. Lenz, Gesch. d. christl. 
Homiletik. L 839. 

g) I. I. Oh erlin. de I. Tauleri dictione vernacula et mystiea. 
Argent. 785. Lexicon Taulerianum (von J. Schlosser) an d, Ausg. der 
Nachfolgung Christi von 1833. 

h) H. Suso Leben von ihm selbst erzählt — Werke von Melch. 
Diepenbroek. Regensb. (829) 837. 

Predigten — von der Weisheit. — Die Schrift ,,von den 9 Felsen" 
gehört ihm nicht nach dem trelflichen Vf., der hier so viel aufzuklä- 
i'en beginnt: G. Schmidt, über den wahren Verf. des Buches von 
den 9 Felsen.^ Illgen, Ztschft. 1839. 2. 

Geistliche Blüthen aus H. Suso. Bonn 834. A. Jahn, Lesefrüchte 
altdeutscher Theologie und Philos. Bonn 838. 8. (Ans Suso von der 
ew. Weisheit, nach Pfiilzer Hdschr., und aus Niklas von Strassburg, 
gleichzeit. PredigermÖQch.) 

Dogmengeschiciitc. 18 



274 Allgemeine Dogineng-cschichte. Vierte Periode. 

Johann Ruysbroek (gest. 1381)*), Doctor divinus ge- 
nannt, ein auch in Avelllichem Wissen unlerrichteter Mann, 
führte die mystische Sprache in jene überspannten Formeln ein 
von der Selbstvernichtung; in Gott, ,, Verb rennen in Liebe", 
um in ihm wieder aufzuleben : ohne sie jedoch zum panthei- 
stischen Sinne steigern zu wollen, welchen der heil. Bernhard 
schon von der Mystik abzuhalten bestrebt war. Lan^e nach 
ihm erklUrte sich Gerson gegen seine Lehren'^). Dionysius 
von Rikel, der Carlhäuser genannt, Doctor ecstaticus (gest. 
1471), Freund von Nicol. Cusanus, förderte die Areopa- 
gitische Mystik^). 

Die Vergleichung der speculativen Mystik des 14. Jahrh., 
vornehmlich Eckart's, mit den speculativen Lehren unserer 
Zeit, darf sich nur im Allgemeinen halten*^). 

§* t05« 

Neben dieser awsgesproclienen und durclig^efiilirteren 
Mystil;, hat das nacli Innen gerichtete Leben dieser Zei- 
ten noch vieles Andere hervorg-cbracht, was mit mehr 
oder weniger Recht auch mystisch genannt worden 
ist. Das Buch von der deutschen Theologie giebt 
der Mystik einen moralischen Sinn ^) : andere solche 
Schriften, besonders die von Thomas v. Kempten^), 
sind eigentlich mehr biblisch -sittlichen Sinnes: der phi- 
losophischen Mystik späterer Zeiten hat Job. Gerson 



i) In der Lat. Uehers. von L. Surias bekannt: Opp. Col. 653. 4. 
Aus Sur. Gl. Arnold. Olfenb. 701. 4. Einiges im Orig. aus Münchner 
Hdschrr., bei Engelhardt ü. J. R. (oben bei Rieh. v. St. Victor) — . 
Oft ist dort statt „minnigliche Entschlossenheit" zu lesen: „Entflos- 
senheit" (Lat. Text: liquefaotio). 

k) Gerson gegen R., Briefe an Bartholomäus, Opp. I. (über R. de 
ornatu spiritualiuin nuptiarum) — R. vertheidigt von lo. de Schön- 
havia, und Gerson's zwei Brr. an diesen, vor Misbrauch mystischer 
Bilder warnend. Vgl. Arg. I. %. 153 s. 

l) Ti'ilhem. 820 : tot ac tanta scripsit, ut numero opusculorum 
praeter Aiig-ustimtm apiicl Latinos parem habuerit neminem. Com- 
menlar zur Schrift, zu Lomb., zu Dion. Areop. (Colon. 536. f.), zu 
anderen Kircheßschriftstt., vieles Asketische. 

Auslegung des speculat. Theiles des Ev. Job. durch e. deutschen 
myst. Theologen des 14. Jahrh. Aus e. d. Hdschr. — berausg. von 
Engelhardt. Neust, a. d. A. 1839. 4. — Röhrig: d. Schule zu Schlett- 
sladt: Illgen, Zeitschr. IV. Z. 1834. 

m) Ausführlich von ihr Schmidt, a. 0. der Stnd. u. Kr. 740 ff, 
Dei' Unterschied liegt darin, dass in jener Mystik das Göttliche und 
„die Vergottung" immer erst von den Menschen gefordert wird: 
er liegt in der, immer bleibenden, praktischen Basis derselben. 



Die christl. Dogmengeschichte. Erster Tlieil. 27^ 

vorgearbeitet 3). Männer, wie Hier. Savonarola und 
Geiler von Kaisersberg'*), Volfesredner für eine 
neue Epoche des religiösen Lebens, Itann man nur im 
entfernteren Sinne in die Geschichte der mystischen 
Theologie einordnen. 

1. Das Buch von der deutschen Theologie (wahr- 
scheinlich erst dem 15. Jahrh. zugehörig)*) unterscheidet sich 
in seiner mystischen Anlage eben hierdurch von den früheren 
deutschen Mystikern, dass es das Sichaufgeben und Sichver- 
göttlichen, oder Sichvergottmenschen , vorzugsweise im Sinne 
der Sittenlehre genommen hat: den eigenen Willen, das 
Ich, fallen lassen, den göttlichen in sich aufnehmen. Auch 
dieses mehr in der schrift massigen Bedeutung vom gött- 
lichen Willen. In dem Allegorisiren des kirchlichen Dogma 
auf die Geschichte und die Zustände des inneren Lebens, wie- 
wohl die äusserliche, historische Bedeutung von jenem immer 
daneben zugelassen wird, stellt sich eine Hauptseite dieser 
mystischen Theologie'n aller dar. 

2. Thomas (Hammerken) von Kempten (gest. 1471)'") 
gehört der Genossenschaft an, Brüder des gemeinsamen Lebens 
(fratres communis vi'tae, durch Gerh, Groot seit 1384 beste- 
hend) ''), in welcher ein frommer und freier Geist die Umbil- 
dung theils der klösterlichen, theils der durch andere Regeln 
geordneten, Verbindungen vorbereitete. Hier ist denn nur noch 
insoweit Mystik, als man überhaupt den in die Tiefe sinnen- 

a) Luther's Aasg. von 1518. 4. auf Staupitz Anlass (Briefe von 
de Wette I. S. 102). Er schrieb es Tauler zu. Castellio 557. Franz. 
Uebs. , la th. reelle etc. 700. Ausgg. von Jo. Arnd 631 (dess. zwei 
Bedenken über d. D. Th., am wahren Christenth.), K. Grell, Berl. 
817. Krüger, Lemgo 822. Detzer, 827. Troxler: „das sel- 
tene, uralte — Büchlein d. t. Th., oder d. Christusrel., in ihrer äch- 
ten — Confession, wie dieselbe vor der Kirchentrennung bestanden." 
St. Gallen 837. 8. 

Val. Weigel, kurzer Bericht u. Anleitung z. D. Th. — Wal- 
dau, de libro antiquo , D. Th. , Thes. 291 ss. — Das Buch steht 
seit 1621 im Römischen Index. 

Zur Lehre des Buchs und der Vorigen, de Wette, ehr. Sittenl. 
IL 2. 220 ff. Rosenkranz, d. deutsche Mystik. Z. Gesch. d. d. 
Liter. Kgsb. 836. S. 37 ff. 

6) Opp. (1495) ed. H. Sommalius S. I. Antvp. 1600 und oft wie- 
derholt. Darunter besonders exercitia spiritualia, mehre Schrr. — 
de elevatione meniis ad inquirendum summum honum — viel Aske- 
tisches, allgemein und zur Mönchsdisciplin. 

e) Tho. a Kempis , vita Gerardi Magni — D.Florentii — und 
mehrer Schüler von diesen — opp. tarn. 3. Ullmann, 1. Beilage 
zu Jo. Wessel — S. 389 ff. Seholtz: Tho. a K, sent. de re. ehr. 
expon., et cum- Gerardi M. et Wesseli sentt. compar. Gron. 839. 8. 

18* 



276 AUgemcine Dogmengeschichte. Vierte Periode. 

den und strebenden Geist so bezeichnen will, und insofern sich 
diese Sinnesweise der Scholastik entgegensetzte. 

Das Buch, von der Nachahmung Christi*^), behan- 
delt einen, jenen Zeiten und diesen Gesinnungen angemesse- 
nen und geläufigen Gegenstand. Die Religion als Sache des 
Lebens, Christus, lebendig und für das Leben betrachtet und 
umfasst, vornehmlich in Entsagung, Selbstverleugnung, Schmerz 
(nach Malth. 16, 24 u. a.); auch wohl der Gegensatz zu den 
mönchischen Conformitäten : dieses Alles lag in jenem 
Worte, imitatio Christi. Das, mit gutem Rechte geliebte 
und vielgebrauchte Buch wurde in eine lange, unentschiedene 
Streitigkeit hineingezogen, an welcher verschiedenartige Inter- 
essen, mönchische, nationale und theologische, Theil genom- 
men haben '^). 

3. Johann Charlier, Gerson genannt, Canzler der Pa- 
riser Universität (Doctor christianissimus , in der Verbannung 
gest. 1429) ^), zugleich Theolog der Schule und hochbedeutend 
in den Angelegenheiten der Kirche^), war wohl der Erste'*), 

d) 4 Bb. : de contemtu vanitatum mundi, de interna conver- 
satione, de interna locutione Christi ad animam ßdelem , de sacra- 
mentis. Zuerst Strassb. 1472. Aeltere Literatur b. Fabrie. Mansi 4. 
216 SS. Zuletzt durch J. B. Weigl. Sulzb. 833- Nach dem Codex der 
Familie Avvocati in Vercelli durch G. de Gregory. Par. 835. 8. 

e) Neben Tbo. a Kempis werden als Vff. aufgeführt, auch in ge- 
druckteu Ausgaben, vornehmlich: Gerson, Job. Gerssen (von Ca- 
vaglia bei Yercelli, a Cabanaco), Bened.Abt zu St. Stephan in Ver- 
ceUi 1220 — 40. 

Der Streit, bei Fabr. — Mansi und A., und: Barbier: sur soi- 
xante traductions fran^aises de l'imit. de J. C. 812. Hist. lit. de 
l. Fr. 16. (1824) 70 ss. G. von Gregory und Lanjuinais (Jo. B. W eigl, 
Denkschrift über den wahren Verfasser des ß. von der Nachfolge Christi 
— übs. Sulzb. 832). J. P. Silbert: Gerssen, Gerson und Kempis — 
Wien 828 (für Thomas). Gregor XVI. hilligte 1835 eine Ausgabe des 
Buchs ohne Kempis Namen. 

/) H. V. d. Hardt: Conc. Const. To.I. P. 4. L. E. Dupin vor 
Gerson's Werken. Antvp. 706. V. f. Lecuy: essai sur la vie de J. 
Gerson. Par. 832. H. 8. Engelhardf: de Gersono mystico. Erl. 
822- 1. 2 Progrr. A. Liebner, über G. mystische Theologie : theol. 
St. und Kr. 1835. 2. 277 If. C. B. Hundeshagen, ü. d. myst. Theol. 
des J. Ch. V. G., lUgen, Zeitschr. f. d. hist. Th. IV. 1. 1834. 79 ss. 
Ch. Schmidt, essai sur J. Gerson. Strassb. 839. 8. 

g) Kirch lieh -politische Schrr. : de potestate eeclesiasiiea — de 
auferibilitate papae ab eecl. — de unitate ecclesiastica , vieles An- 
dere; auch de vita spirituali animae. Theologische: de reformatione 
theologiae — de parvulis ad Christum trahendis — . Dogmatisch 
wichtig: deßniliones terminorum, Opp. 3. P. 1. 107 ss. Mehres ge- 
gen Astrologie und Magie. 

li) Die mystischen Schriften Gerson's, Opp. 3. P. 2.: A3,conside- 



Die christl. Dog-mengeschichte. Erster Theil. 277 

welcher an die Stelle der bisherigen mystischen Passivität den 
wissenschaftlichen Begriff des Gefühles {sentivientumy) setzte, 
als in welchem das tiefere Geistesleben zu erkennen sei (ra- 
ptuSf nnio^ quies heissen ihm die Momente von diesem). Die 
Wissenschaft {tkeologia intellectus) soll nach Gerson ' dieses 
tiefere Leben (die tkeoL affeetus) sowohl begründen als vor 
Entstellungen wahren^). Er kommt dem Bonaventura am näch- 
sten in der Geschichte mystischer Lehren. 

4. In G. von Kaisersberg (gest. 1506)^) zeigt sich, 
wie die religiöse Volksrede unter den Deutschen sieh nun im- 
mer mehr das biblisch Einfache und das unmittelbar Praktische 
aneignete, im fortwährenden Kampfe mit dem Bestehenden, 
dem Misbrauche : in diesem Kampfe aber, eben dem deutschen 
Geiste gemäss, zuerst noch Alles auf dem innerlichen Wege 
versuchend und überall noch Gutes voraussetzend. Stürmischer 
trat derselbe Geist unter den Fremden hervor. Hieron. Savo- 
narola vom Predigerordeu (in Florenz zu Strang und Schei- 
terhaufen verurtheilt 1498)"), eben so philosophischer Geist °) 
als mächtiger Charakter, und ein entschiedener Mann des Volks, 



ratt. de myst. ih. — de perfecHone cordis — de meditatione — 
de simplißcatione (B. d. Weish. I, 1) cordis — de directione cordis 
(Ps. 119, 7) u. A. 

z) Lehrb. d. DG. 760. 

k) G. de elucidatione seholaslica mysticae tkeologiae. 

Wie gegen Ruysbr., so auch gegen Vinc. Ferrer (vgl. unten), als 
gegen relig. Ueberspannungen. 

l) Erster Herausgeber von Gerson's Werken, Strassb. 1488. — 
C. Wimi-pfeling. doctr. et vita I. Kaiserspergü. Heidelb. 510. 4. 
F. W. Ph. v. Ammon, G. v. E. Leben, Lehren u. Predigten. Frfcf. 
826. Aug. Stroeber: essai hist. et liter. sur la vie et les ecrits 
de J. G. de K. Strassb. 834. 4. Briefe und Predigten , in einzelnen 
Sammlungen gedruckt, die letzten, Augsb. 510. f. NarrenschifF (Aus- 
legung von S. Brant nuew Schiff von Narragonia 1494) — Schiff 
des Heils — ehr. Pilgerschaft zum ewigen Vaterland. 

m) lo. Fr. Picus de Mirandula: vita H. Sav.. ed. I. Quetif. 
Par. 674. II. 8. Bayle. Henke zu Villers ü. d. Ref., 5. Beil. A. G. 
Rudelbach, H. S. und seine Zeit. Hamb. 835. K. F. Meier, Gi- 
rolamo Sav., aus gr. Theils handschrifll. Quellen. Berl. 836. — Sav. 
Theologie bei diesen, und: F. W. P. v. Ammon: Grandzüge der Th. 
des H. S., Engelh. u. Winer kr. J. VIII. 3. 1831. 

n) Triumphus crueis s. de veritatc ßdei IL 4. Flor. 1497. Oft: 
L. B. 633. 1^. Seine Philos. und Theol. ist auf Thomas gegründet. 
Der Hauptgedanke : auch im Geoffenbarten nihil impossibite, nihil ir- 
rationale. — Gleichzeitig (1496) de simplicifate vitac christ. IL 4 
und (1497) de vitae spiritualis perfeciione ad Septem illius gradus 
a S. Bonav. distmctos. — Sav. Prophetie. 



278 Allgemeine Dogmeng-eschielite. Vierte Periode. 

nur zu stürmisch, und zu sehr von den politischen Bewegun- 
gen fortgerissen : suchte eine Verhesserung der Kirche, deren 
Verderben und Gericht er apokalyptisch ausmalte, vornehmlich 
durch die Wiedergeburt der Mönchsorden"). 

§* t06« 

Auch die griechische Kirche hatte in dieser Pe- 
riode eine mystische Secte und einen Streit üher die- 
selbe: die Hesychasten auf dem Berge Atlios''). Sie 
tragen ganz den Charakter an sich, vrelchen man In je- 
ner Kirche zu erwarten berechtigt ist: mönchisch , in 
der Lehrform starr, und im tieferen Grunde ein Rest 
aus den alten philosophischen Schulen^). 

1. Die Hesychasten") (Avie Akoemeten u. A. ursprünglich 
Mönchsname überhaupt, wenn auch von der strengeren Regel) 
seit 1341 mit Lehren und Gewohnheiten bekannt. Vertheidigt 
von Gregor Palamas (früher unter ihnen, damals zu Thessalo- 
nike, später Erzb. daselbst), bestritteu als Schwärmer und Di- 
theiten durch Barlaam aus Calahrien und seinen Schüler Akin- 
dynos^), gutgeheissen auf den Synoden zu Constantinopel 1341. 
1350 '') : freilich das zweitemal auch im Hasse gegen den ab- 
trünnigen Barlaam. ,, Vereinigung mit Gott, mehr in der An- 
schauung, als im Genüsse." — Der Zusammenhang der Strei- 
tigkeit mit der Politik, d. h. mit der Kaiserherrschaft, war 
im byzantinischen Reiche ganz natürlich, nothwendig. 



o) Der Gegensatz, in welchen sich Macchiavelli zu Savonarola 
stellt {Diso. J. c. 45), lässt sich durch alle ihre politisch - religiösen 
Ansichten verfolgen. 

ß) Hesychastenstreit : Joh. Cantacuzenus und Nicephorus Gregoras, 
jener für, dieser gegen die Hesychasten u. den Palainas. Gegen Pal. die 
gleichzeitigen Demetrius Cydonius (seine Schrift mit seiner anderen, 
vom Ausgange des heil. Geistes, herausg. von P. Arcudius, 
opuscc. aurea eccL gr. Rom 630) und Man. Calecas (ebds.). Palamas 
zwei Reden üher die Verklärung {Bibl. Lugd. 26. Combef. auctar. 
noviss. 1672). Leo Jllat. de cons. eeell. 3, 17. Die Herausgg. jener 
Byzantiner: Boivin vita Nie. Gr. Petav. DD. th. I. Hb. I. c. 12. 13. 
Engelhardt: de Hesychastis. Erl. 829. und: die Arsenianer und 
Hesychasten. lügen Zeitschr. N. Folge II. 1. 1838. 

h) Berühmt in der Polemik beider Kirchen; B. gegen den Pri- 
mat des Papstes, an Salmas, de yr. Papae. L. B. 645. 4. — und 
in den Vereinigungsversuchen. Vgl. Leo All. a. 0. 

e) Mansi 25. 26. 

Joseph Bryeninus, Cpol. Mönch, Auf. des 15. Jahrh., Anhänger 
der Palamiten, Rede über die Verklärung. L. Ml. a. 0. Nicht her- 
ausg. dess. Sclirr. vom Lichte auf Tabor und über die Ivig-yna Gottes; 



Die cliristl. Dogmengcscliichtc. Erster Thcil. 279 

2. Die berühmten Lehren der Hesychasten : dass das Ver- 
fclärungslicht auf dem Berge Tabor uner schaffen, und dass 
die göttlichen Wirkungen, Gottheiten {'d'eo'C'yj'rsQ) seien •*), die 
zweite mit deutlichem Anklang an den Platonisnius (vgl. ob. 
zu 94) ; wollen nichts Anderes sagen, als, dass die göttliche 
Substanz durch das Weltall ausgebreitet, sich in den Erschei- 
nungen der Welt individualisire, dass aber in der Beschauung 
eine Vereinigung mit jener Substanz, in dem ünerschalTenen, 
übersinnlichen Lichte dargeboten werde. Es ist also ein my- 
stisch-phantastischer Pantheismus, in Avelchem sich diese Leh- 
ren bewegen: wiewohl Pal. Wesen und Wirkungen Got- 
tes unterschied. 

§. 107. 

Auch die religiöse Poesie entwickelte sich tlurcli 
diese mittelalterlichen Zelten auf das lehcndigste In al- 
len Formen, sowohl im Dienste der Kirche, als aus den 
Volksgefühlcn und in einzelnen religiösen Secten ^), 
endlich auch als frei dichterische Auffassung: christlicher 
und kirchlicher Stoffe und Anscliauungcn : als solche 
vornehmlich In Dante ^). In der ersten Form hat sie 
sich immer der natürlichen Freiheit des dichterischen 
Geistes hedicnt, indem sie sich bald unter der Strenge 
des Dogma hielt, bald über dieselbe hinaus ging: in 
den beiden anderen vernehmen wir allenthalben auch 
aus ihr das MIsbehagen der Zelt an dem Zustande der 
Kirche, und den Drang nach freierer, geistiger, wür- 
digerer Ausbildung derselben. 

1. Die Jahrhunderte 13 — 15 waren, wie die Geschichte 
der Scholastik dargestellt hat, die ergiebigsten für die kirch- 
lichen Gesänge : die Troubadours, die Minnesänger und dann 
die Volks- und Meistersänger (ob. S. 16/.)^) geben die reich- 



d) Die Hesychasten niisdeuteten das W. Ssort]?, welches (OlTen- 
barung Gottes) die Väter voa dem Verklärungslichte gehraucht hatten. 

Dem Barlaam dagegen werden zugeschriehen die Sätze: dass in 
Gott Nichts unterschieden sei (Wesen und Wirkungen nicht: firjSs- 
fiiav SidiCQiaiv slvat eitl t^s &ata? (pvasvjs, ovaiag rt xal ivsQytias), 
nnd dass das Licht auf Tabor nur Schein und Geschöpf ((fda/tia xal 
nTlafia), entstanden und vergangen sei. In einem, von Engelh. zu- 
erst, a. 0. 74 ff. herausgegebenen Bericht über Bari. Meinungen: er 
halte die griech. Philosophie für das einzige göttl. Licht. 

a) Raynouard: choix des poesios orig'. des Troubadours. Par. 
816 SS. VI. Millot (Par. 774. III.) und F. Diez (82ü) Gesch. d. Tr. 



280 Allgemeine Dogmengeschichte. Vierte Periode. 

sten Aufschlüsse über religiösen Geist und rel. Lehien dieser 
Zeiten. Es ist beinahe der Charakter der Volkspoesie jener 
Zeiten, die Kirche und ihre Priester im Gegensatze von Be- 
dürfniss und Kraft des Volks darzustellen. Unter den Secten 
hatten Waldenser und Flagellanten vornehmlich Poesie 
und Gesang unter sich*"). 

2. Die Wanderung durch das Geisterreich (denn dieses 
wird unter den damals hestehenden Bildern der drei Räume 
für die Abgeschiedenen, Hölle, Fegefeuer, Paradies, darge- 
stellt), wie sie Dante Alighieri (zu Florenz, gest. 1321)*^) 
darstellte, sollte^) ein allgemeines Gemälde der damaligen Zu- 
stände und vorherrschenden Persönlichkeiten, gleichsam vom 
höheren Standpuncte aus, und der Zukunft der menschlichen 
Dinge, gleichsam aus dem göttlichen Rathe her, geben. So 
war es also die Darstellung des Bestehenden unter dem 
himmlischen Gesichtspuncte ; es war göttliche Komoe- 
die. Die Weisheit und die Liebe (Vernunft und Offenba- 



- — Manesse, Samml. d. Minnesänger. Zur. 758. II. 4. Görres, altt. 
Volks- u. Meisterlieder, aus den Hdschrr. der Heidelb, Bibl. Heidelb. 
817. Wolff, Samml. hist. Volkslieder— Stuttg. 830. F. L. v. Sol- 
tau — D. hist. Volkslieder. L. 836. — WaltheV v. d, Vogelweide, 
V. L. ühland (82^), K. Lachmann (827). — Gervinus Gesch. der 
poet. Natioaalliter. 2. B. 

b) Wal densische Poesie'n bei Räynouard a. 0. 1 and Diss. %. B. 
Flagell. Massmaun, Erläutt. zumWessobrunner Gebet'. Berl. 824. 1 
und unten zu Erwähnende. 

Von der heiligen Poesie innerhalb der anerkannten Kirche: Polye. 
Lcyseri hist. poetaimm et poematum inedii aevi. Hai. 741. 8. 
Beiuerkenswerth ist, dass sich dieselbe unter den Dogmen vorzugs- 
weise die Eucharistie für ihre Darstellungen aneignete. 

c) Neben' älteren Schrr. (Lehrb. d. DG. 509 und Abb. de Dantis 
Aligerii doctrina theologica, Opuscc. thcol. 327 ss.) L. G, B lanc 
AEnc. 23. B., und: die beiden ersten Gesänge der g'dttl. Komödie. — 
Halle 832. Auch Fleck, Wissenschaft!. Reise I. B. 1. Abth. (1837) 
210. 317 ff. 

Banfis cpistolae c. notis ed. C. Witte. Patav. 827. 

d) Wahrscheinlich nach manchen Vorgängern in Poesie und Volks- 
lehre (aber bis in die ältesten Zeiten: vgl. die itinera ecstafica hei 
Lobeck Jglaopham. 944 (2. B.). Des Francisk. Alberich B. de visione 
sua nach J. 1120, auch durch jene drei Räume: F. Caneellieri:' 
osservaz-ioni alla questione supra l'originalitä di Baute. Rom. 814 
(von G. de iZossi widerlegt). Anderes b. Streckfuss, Einl. zu Dante 
(1834) S. 34 f. 

Mose di Rieti, kurze Zeit nach Dante, ein ähnl. hebr. Gedicht: 
jener ward der hebr. Dante geheissen. F.Delitzsch, Gesch. d. jüd. 



Die christl. Dogmengeschichte. Erster Thell. 281 

rung°)) werden als seine Führer dargestellt. Die Herrschaft 
der Theologie in dem Zeitalter^) trug freilich einen Beisatz 
von Trockenheit und Härte in das Gedicht, mit welchem sich 
erst neuere Zeiten aussöhnen konnten 5 und immer ist die Frei- 
heit hemerkenswerth, mit welcher Dante die scholastische Dog- 
matik behandelte^). Joh. Boccaccio (gest. 1375)^) ist ein 
verhüllterer, aber muthwilliger Gegner der herrschenden Kir- 
che^), verdient um das Aufleben classischer, vornehmlich hel- 
lenischer, Studien. Fr. Petrarca, dessen Freund und Leh- 
rer (gest. 1374), fasst die kirchlichen Dinge im Ideal und die 
Kirchenlehre in antikem Sinne auf, das päpstliche Verderben 
nicht verkennend'^). 

§♦ 1®§» 

Gegen den Ausgang dieser Periode crheLen siel», 
tLeils aus der Erregung des frommen Gefühls in den 



Poesie (1836) S. 54. Von ähnl. Bedeutung sind die Darstellungen der 
D. Mystiker von den neun Felsen (s. oben). 

e) Virgil, Zauberer in den mittelalterl. Sagen, und Prophet Chri- 
sti — Beatrice. 

/) Zu Florenz und Bologna 1373 und 70 Lehrstühle errichtet für 
Erklärung der D. C, Jenen nahm Boccaccio zuerst ein. 

g) Philalethes Vorr. zu D. Hölle (L. 839). 

h) Schüler Barlaam's in der griech. Literatur. — Hierher gehören 
gerade seine Volksschriften, vor allen die INovellensammlung, Deka- 
ineron. Mythendeutung: Genealogiae JOeorum 15 Bb. — historische 
Schriften {de claris mulieribiis u. a.), 

i) Seine Schriften unterlagen der kirchlichen Censur mehr um die- 
ser Feindseligkeiten willen, als wegen ihrer sittlichen Unreinheit. Im 
index IL proh. steht das Dekameron, donee expiirgetur. Das Buch 
beginnt (1. Tag. %. Nov.) mit schweren Anklagen der Sittenlosigkeit 
zu Rom und im Klerus : es folgt (3. Nov.) die Erzählung von den 
drei Ringen, wahrscheinlich in den deistischen Secten der Kreuzzüge 
entstanden (Ringe haben in den Mysterien des Or. eine grosse relig. 
Bedeutung), welche Lessing (ßrr. an s. Bruder) vom Bocc. entlehnt 
zu haben bekannte. 

k) De Sade: memm. pour la vie de Fr. Petrarquc. Amst. 764 

— 67. HL 4. (verglichen mit den Nachweisungen bei Byron, Anmm. 
zu Harold 4. Gesang.) C. F. Fernow, Franc. Petrarka. .L. 818. 

— Trithein. 623. Viele Schriften über ihn b. Fabric. nnt. Petrarca, 

— Allgemeine Bedeutung im kirchlichen Leben erhielten die Schrr. 
de remediis utriusque fortunae, de viLa solitaria, de vera sap., de 
contemtu mundi. 

Die drei Dichter zusammen in ihrem Verhältnisse zur Kirche -. 
Gahr. Rosetti, spirito antipapah. London 1832. Dagegen A.W. 
Schlegel, über D., Petr., Bocc, Revue des deux mondes 1836. — 
Hi. Tirabosci, Jagemaan u. A. 



282 Allgemeine Dog^mengeschichte. Vierte Periode. 

Völkern'), insbesondere in dem deutschen^ tLeils aus 
dem neubelebten Geiste einer freieren Philosophie*), 
theils von dem neuen Anbau der Wissenschaften 3), aus- 
gezeichnete Erscheinungen^, welche in ganz besonderem 
und eigentlichem Sinne eine Reformation der Kirche 
und ihrer Lehre angekündigt und vorbereitet haben. 
Zusammengenommen mit den besseren Secten und an- 
deren Gesellschaften edlerer Art aus dieser Zeit (von 
denen zum Theile schon gehandelt worden) werden sie 
gewöhnlich die Vorläufer der Reformation genannt. 
1. Wo sich die Religion wiederherstellt, in Völkern 
und bei einzelnen Menschen, da geschieht es überall durch 
ein auflebendes Bedürfniss göttlicher Sündenvergebung''). 
Diesen Charakter, begünstigt überdiess durch Geist und Inhalt 
der heil. Schrift^), tragen daher die frommen Gefühle auch 
jener Zeiten an sich. Nur verstärkt wurden sie und nahmen 
einen eigenthümlichen Ausdruck an, durch den grellen, ver- 
brecherischen Misbrauch, den das Priesterthum mit seiner lö- 
senden Macht trieb, und durch den Ablass des Papstthums"). 
Denn nach und nach hatte sich die kirchliche Vergünstigung, 
die aufliegenden Büssungeu als erlassen anzusehen, oder 
durch fromme und gute Werke, oder auch durch Büssungen 
anderer Art von sich abzuwenden''), endlich auch wohl sie 
loszukaufen®), in den Erlass der göttlichen Strafen 



a) Eine andere religiöse Auffassung setzt Religion Oberhaupt 
in dieses Bedürfniss der Sündenvergebung, in Erlösungsbedürfligkeit. 

6) Die Sündenvergebung ist dort immer die Bedingung und Vor- 
bereitung aller grossen Epochen inf einzelnen und im Gesammtlebea 
der Menschen. 

c) Indulgentia (nach der kath. Definition, absolutio data ex- 
tra sacranientum) — das Wort aus altrömisch-bürgerlichem Gebrauch 
von Tertullian in die Kirche eingeführt, und Fulg: Jes. 61, 1 : misit 
me ut praedicarem captivis indulgentiam. 

Von der Unbestimmtheit, Verschiedenheit der kirchlichen Meinung 
über die Indulgenzen berichtet Sarpi, Trid. KVs. 1. Buch. Glassisch 
sind Bellarmin de indulg.^ Muratori Aiitiqq. Ital. V. 710. Eus. 
Amort. de origine, progressu, valore ac fructu indulgentiarum — 
Jug. F. 735. /. Planck, Gesellsch. verf. IV. %. 394 if. u. A. Die 
Schriften von J. E. Kapp u. A. (Lehrb. d. DG. 558). P.E. Jahlons- 
kii de indulgentiis pontißciorum (erste Abh.) 1730. Opxiscc. IV. 
386 SS. J. E. Bertiing, vom päpstl. Jubeljahr u. Ablass. Heimst. 
749. 8. (Paulus, Prüfung vom Jubeljahr -ablass. Heidelberg 825). 
Möhler gegen Baur 380ff. Neue Schrr. b. Danz Univ. Wß. d.theoI.Lit. 

d) In den Ponitenzbücbern wurde diese Vertauschung normirt. 

e) Loskaufen, vornehmlich alter, deutscher Sitte gemäss: 
J. Grimm, deutsche Recbtsaltertbümer, 647. 650 and. 



Die christl. Dogmengeschiclitc. Erster Theil. 283 

verwandelt^), freilich anfangs für hochverdienstliche Leistun- 
gen (wie die Vertheidigung der Religion) : zuletzt selbst in 
den erkauften Erlass auch für fremde Sünde, insbesondere 
Verstorbener und für zukünftige Sünden. Ablass und Kelch- 
entziehung im Abendmahl: dieses waren die beiden Mis- 
Jbräuche im Gebiete der Religion und Kirche, der eine ein 
Zuviel, der andere ein Zuwenig, in denen sich das Volksleben 
am ersten und am tiefsten verwundet fühlte. 

Zwei Männer sind als Repräsentanten jener frommen Volks- 
gefühle der Zeit auszuzeichnen: Johann Wes.sel zu Gronin- 
gen (gest. 1480)^') und Johann von Wesel (gest. 1481)'). 
Jener wurde in seiner Zeit lux mundi und Avird mit dem vol- 
lesten Rechte unter uns der ,, Vorgänger Luther's" genannt''). 



/) Erst durch Misbrauch in der Praxis, vornehmlich der Mönchs- 
orden, dann (und mit Ueberlassung des Ablasses an den Rom. Stuhl) 
mit der zwiefachen scholastischen Ausrede : dass der Grund der In- 
dulgenz kein Act der Absolution, sondern der Compensation 
sei (Ersetzung durch andere Verdienste, die des Schatzes der guten 
Werke: Clemens VI. 1343, nach Alex. Hai., Alhert und Thomas, vgl. 
Gieseler II. ^. 50;i if. , doch vor Allen Thomas), und dass die gött- 
liche Strafe nicht unmittelbar erlassen werde, sondern nachdem 
sie im Sacrament der Busse in zeitliche verwandelt worden sei — 
auch wohl in eine imaginär -zeitliche, z. B. in die von tausend Jah- 
ren. Aber in den Begriff der poena temporaiHa wurde bald auch die 
Strafe des Fegefeuers hineingezogen. Alles jedoch fortwährend in 
den Schulen hin und wieder besprochen. 

g) Vornehmlich (vgl. Hurter Innoc. III. 29) durch Innocenz X. 
1490. Alex. VI. 1500. Julius 11. 1510: nachdem in kleineren Verhält- 
nissen der Misbrauch überall schon durch das ganze 15. Jahrhundert 
bestanden hatte, und die Klage über quaestnarii. Weiter hinauf rei- 
chen die verdienstlichen Schenkungen an die Kirche ad redimen- 
das animas. 

h) Bayle A. Wessel. Guil. Muurling. de Wesseli Gansfortii 
cum vita tum meritis in praeparanda sacrorum emendat. in Belgio 
septentrionali: l.Trai. 831. C. üllmann, Joh. Wessel, ein Vorgän- 
ger Luther's — Hamb. 834. 

Opp. Groning. 614. 4. Farrago rerum theologicarum ed. M, 
Luihero. 15^2. 4. (Darin u. A. de dignitate et potesiate ecclesia- 
stica — de sacramento poenitentiae — de thesauro eccles. — de 
fraternitatibus — de purgatorio.) 

i) Joannes de Fesalia (Richralh oder Ruchr.), Prediger zu 
Erfurt u. Worms. UUm. a. B. 109 ff. Verurtheilung Jo. v. W. zu 
Paris über Paradoxa aus s. Predigten: Argentr. I. 2. 191 ss. (1479.) 
Inquis. u. Verurtheilung zu Mainz ds. J. — Adversus indulgentias : 
C. G.F. Walch. monumm. med. aevi. Gott. 757. 1. Faso. I, 113 ss, 

k) Magister contradictionum von seinen Gegnern. 



284 Allgemeine Dogmeng^escliichte. Vierte Periode. 

In der That giebt es keine Hauptlehre bei den Reformatoren, 
welche Wessel nicht schon ganz und klar ausgesprochen hätte : 
das Eine Ansehen der heil. Schrift, die Rechtfertigung durch 
den Glauben, und den ganzen, kirchlichen und dogmatischen, 
Gegensatz gegen die Römische Kirche : dazu kommt der bi- 
blische Charakter seiner ganzen Theologie. Johann v. Wesel 
hatte es noch mehr mit dem offenen Kampfe gegen die kirch- 
lichen Mishräuche im Leben zu thun. 

2. Die Berührung mit den griechischen Gastfreunden in 
Italien (oben S. 245) regte die freiere Philosophie an, welche 
die Schranken der Scholastik durchbrach. Die Aristotelische 
kam bald von der Kirche ab (vgl. unten bei den Seelen)^). 
Die platonische dagegen hielt sich auf dem kirchlichen Boden, 
in der neuen, alexandrinischen Gestalt (in welcher sie auch 
mit der Aristotelischen vereinbar sein sollte) und meist mit 
schwärmerischer üeberlreibung (Marsilius Ficinus zu Florenz, 
gest. 1499, auch Apologet des Christenthums)"^), Sie reichte 
in Einigen der neubeiebten kabbalistischen Philosophie die Hand 
(Job. Picus Mirandula, gest. 1494)"): diese, als schwär- 



Die Verschiedeabeiten zwischen Wessel's «nd Luther's Leh- 
ren bei aller Uebereinstimmung des -Geistes, hat Joh. Faber in einer 
Schrift von 1528 dargestellt — b. Ullmann 177 ff. 

l) Kirchlich gesinnter Aristoteliker, Hermolaus Barbarus, gest. 
1493, Patr. v. Aquileja. Vorn, gebraucht sein compe7idiMm, ethicorum 
jdrinto felis. (Hermolaus wollte Ar. in besserer lät. Form verrühren : 
zu gleicher Zeit gab Jak. Faber den Griechen selbst heraus.) — 
Savonarola ordnete Ar. wie Plato dem Christenth. unter, fand aber 
in Plato mehr Gefährliches als in Aristoteles (Meier Sav. 228). 

m) I. G. Schelhorn. de vita, moribus et scrr. M.F., Amoen. 
Utt. I. 51 SS. — Opp. Par. 641. /. al. 

Theologia Plalonica s. de immortal. animorum ac aeterna felic. 
18 Bb. de vita coelitus conservanda 1489. De rel. christ. et fidei 
pietate. 

Platonische Akademie zu Florenz, von Kosmus gedacht, von Lor. 
Med. ausgeführt (Fic. praef. i7i vers. Plotini). R. Sieveking, Gesch. 
der piaton. Akad. zu Florenz. Gott, 812- Jf^. Roscoe, Lorenz von 
Medici. A. d. E. von K. Sprengel. Brl. 797. — Die ob. erwähnten 
Schriften über Savonarola. 

n) Joh. Pico Herr v. Mirandola: 900 conclusiones 1486, 13 
Sätze darunter von Innoc. VIII. verurtheilt: Arg. I. 2. 320 ss. Apo^ 
logia (voll freier Ihcolog. Gedanken) — Hcptaplus (platonisirende 
Deutung der Sühcipfangsgesch.). 

Sein Neffe, Joh. Franz P. v. M., der Apologet und Biograph Sa- 
vonarola's (gest. 1533): De j}raeiiotionibus — exainen vanitatis do- 
cti'inae gentium et verit. elirist. disciplinae Bb. — de studio div. 
et huni. sap. (ed. I. F. Buddcus. Hai. 702. 8). — De reformandis 



Die ciiristl. Dogmengeschichtc. Erster Theil. 285 

lüerische OffenLarungslehre , und selbst als üeberspannnng', 
konnte sich mit einer skeptischen Ansicht verbinden (Heinr. 
Corn. Agr. von Nettesheim, gest. 1535)°). In beiden 
Formen misfiel sie, ganz oder zum Theile, der Kirche. In 
den Kampf der platonischen und aristoteh'scheu Schule gehört 
die Begünstigung der Magie bei Vielen, welche doch eifrig ge- 
gen Astrologie stritten^). Einige führte die neue philosophische 
Erregung auch nur zum negativen Resultate, zur Bestreitung 
der scholastischen Dialektik (Rud. AgricoJa, Schüler der 
Griechen in Italien, gest. 1485) *!). Hierbei haben diese und 
die, sogleich im Folgenden zu Erwäbnenden, der Scholastik 
freilich meistens zuviel gethan. Sie haben die Rauhheit der 
Form zu hoch angeschlagen, und jenen reichen edlen Stoff 
übersehen , von welchem oben oft die Rede war ; auch das 
wahre Verdienst nicht beachtet, welches die scholastische Theo- 
logie um die Kirche und um die geistige Entwickelung ge- 
habt hat. 

3. Drei Männer zeichnen sich unter den wissenschaft- 
lichen Vorboten der Reformation aus'): man braucht nur 
ihre Namen zu nennen. Laur. Valla, Römer (gest. 1457), 
Job. Reuchlin (gest. 1522) und Diesider. Erasmus (gest. 
1536). Die beiden Letzten standen schon in der Reformation, 
ohne an ihr Theil nehmen zu wollen. Erst von ihnen an giebt 
es in der Kirche eine gelehrte Schriftauslegung, durch welche 
denn erst die Rückkehr zum Evangelium möglich geworden ist. 
L. Valla, freier Philosoph, Gegner des Aristoteles selbst, 
nicht blos des scholastischen, kritischer Historiker und Schrift- 
ausleger*): J. Reuchlin*), ein ausgezeichneter, vornehmlich 



moribus ad Leon. X. et cono. Later. I5I7. — lo. et lo. Fr. P. M. 
Opp. 573. al. H. f. 

o) De occulta phÜGsophia 3 Bb. 1533 — de incertitudine et va- 
nitate scientiarum 1530. (Die Unsicherheit der Theologie jener Zeit 
zeigt sich beim Agr. in dem Schwanken, wo er das Wesentliche der 
Religion nachzuweisen sucht.) — Opp. L. B. 550. 11. 8. 

■p) lo. Fives contra astrologos 13 Dispp. Dazu Savonarola: 
Vastrologia diviiiatrice —r ¥ioT.\iSi^.Lat.intp. Tfi. Bonvis-ignio 581- 

q) Schoepperlin. de R. Agr. in elegant, lüeras promeritis 
(Jen. 755). JFaldau, thes. 60 ss. — l)e inventione dialectica 3 Bb. 
Opp. ed. Alard. Cd, 539. //. /. 

r) C. Meiners, Lebensbeschrr. her. Männer aus der Zeit der 
Wiederherst. d, VViss.^ Zur. 795 ff. III. H. A. Erhard, Gesch. des 
Wiederaut'bliihens wissensch. Bildung, vorn, in Deutschland. Magdb. 
827 — 32. III. 

s) De dialectica — de lib. arbitrio (in seinem Sinne fasste Eraa- 



286 Allgemeine Dogmengeschichte. Vierte Periode. 

auch für das Leben ausgebildeter, Geist: Vater der alttesta- 
mentlichen Studien in der Kirche : auch Wessel's Schüler. Die 
ueuerworbenen Kenntnisse der jüdischen Literatur, ein Streben 
des Geistes in die Tiefe, zugleich auch das Interesse des freien 
und kräftigen Mannes an dem Schicksale des Judenthums ge- 
gen seine Verfolger und Ankläger : alles Dieses führte Reuch- 
lin zu einer Begünstigung der Kabbala^), wie sie selbst bei 
Jo. Pico nicht stattgefunden hatte; in welcher er die üroffen- 
barung an die Menschheit fand, und die ihm durchaus ver- 
wandt mit der christlich -kirchlichen Lehre erschien. Selbst 
den phantastischen Spielen der Kabbalisten, ja auch dem prak- 
tischen Misbrauche der Kabbala, entzog sich Rcuchlin nicht. 
Dem fast berühmtesten unter ihnen, Erasmus^), verdankt 
die Kritik und Auslegung des N. T. ihre ganze wohlgesicherte 



mus diesen Begriff) Anmkk. zum N. T. (von Erasmns herausg. 1504) 
— gegen Constantin's Schenkung — gegen Dion. Areop. (vertheidigt 
dieser v. Reuchlin) — Streitschriften — Opp. Bas. 643. 

t) J. Reuchlin, Kapnion geheissen durch Herrn, ßarharus, wie 
Melanchthon, Reuchlin's Anverwandter und Schüler, durch diesen sei- 
nen Namen erhielt: /. H. Maius: vifa Reuchlini. Dnrlaci 687. 
E. Th. Mayerhoff, J. R. und s. Zeit. Bert. 830. (G. Friedlän- 
der, Samml. ungedr. Briefe von Reuchl., Beza u.Buliinger. Brl. 837.) 

R. Augenspiegel (1511. gegen J. PfefFerkorn's Handspiegel : der Aus- 
gang der möach. Verfolgungen Reuchlin's) , herausg. von Mayerholf. 
Brl. 836. 8. Linguae hebraicae rudimenta 1506. — Septem psalmz 
2)oenitentialcsr 151*2. 

v) Oben S. 341. Reuchl, de arte cabbalistica 3 — de verho mi- 
rifico (Jesus — Beides in : Jrtis cabbalist. scriptores. Bas. 587. f.) 
Dagegen Hogstraten: destructio cabbalae 1519. 

Die Alchymie, von den Arabern her geheime Kunst, begann 
sich um dieselbe Zeit mit dem Geheimniss in der Kirche, gewöhnlich 
also mit der Opposition, zn verbinden. Joh. aus Trittenheim (Hei- 
denberg), Abt von Sponheim, Mainzer Diöces, gest. 1516, Opp.kisior, 
ed. Marq. Freher. Frcf. 601. /. H. Corn. Agrippa u. A. Unten hier- 
von, da sich bei den Protestanten diese Erscheinung erneut. 

v) Erasmus Leben von Be. Rhenanus — A. Burigny (Par. 757. II. 8. 
D. mit Anmm. von Henke. Halle u. Heirast. 782- II. 8). Er. Theolo- 
gie aus s. Schrr. zusammengetr. Züllich. 794. 8. Revue britanniqvß 
1836. Nr. 3. 230 ss. Erasme et son epoque. 

Opp. ed. I. Clerico. Amst, 703. \. f. Ratio s. methodus verae 
theohgiae (1519) ed. Semler. Hai. 782. 8. Eeclesiastes s. de ra- 
tione concionandi (1535.) {ed. F. A. Klein. L. 819). Ausgaben des 
N. T. seit 1516. Paraphrasen des N. T. seit 1522, Auslegungen ei- 
niger Psalmen. 

Freunde und Gleichgesinnte von Er.: K. Walchner, Joh. von 
Botzheim — Schaffh. 836. 8. H. Schreiber: Heinr. Loriti Glarea- 
nus. Freib. 837. 4. 



Die christl. DogmengescKichte. Erster Tlieü. 287 

Basis, er begründete anch die Quellenkunde der Kirchenge- 
schichte, seine Grundsätze über Glaubenslehre und christliche 
Predigt sind die einzig richtigen: und er führte Geist und 
Geschmack in die Gottesgelehrtheit ein. Mit Reuchlin"^) theille 
er die Scheu vor kirchlichen Zerstörungen, ohne dabei den 
Zustand der Dinge und den Geist des deutschen Volkes zu 
begreifen. Bei Erasmus kam eine geistreiche Oberflächlichkeit 
des Urtbeils hinzu, welche ihn in dem Schlechten gewöhnlich 
nur das Lächerliche erblicken Hess, und die unbedingte Freude 
an Ruhe und Behagen im Leben*). Aber sein Geist war der 
bestehenden Kirche zu gefahrlich gewesen ; und so hat die 
Kirche sein Andenken verurtheilt^), während ihn auch die 
Protestanten nicht als den Ihrigen ansehen. mochten^). 

Aber in allen diesen Männern schloss sich mit dem An- 
fange des 16. Jahrh. eine bedeutende und mächtige öffent- 
liche Meinung ab, der bestehenden Kirche gegenüber. 

§♦ 109* 

Wälirend sieh nun das innere Leben der Kirche in 
dieser Periode auf solche Weise entwickelte, zwar fiir 
die anerkannte Glaubenslehre bemüht, aber doch allmä- 
lig^ immer mehr über sie hinaus drängend: nahmen auch 
die innerlichen Kämpfe in ihr zu. £Inige setzten sich 
aus der vorigen Perlode fort: ein kurzer Streit im An- 
fange unserer Periode, über das Abendmahl^), und 
der anhaltende zwischen den beiden Kirchen, der 
griechischen und der lateinischen ^). 

1. Auch der Abendmahlsstreit des 9. Jahrhunderts war, 
wie die übrigen Controversen jener Zeit, unentschieden ge- 
blieben, und ruhte im 10., jedoch so dass sich die härtere 
Lehre, wenigstens in der Praxis, immer mehr vorbereitete. 
Indem das 11. Jahrh, Philosophie und Schulen zu kräftigerem 



w) Doch zog sich Erasmus selbst von dem, die Reformation ein- 
leitenden, Reuchlin'schen Bande (Reuehlim'stae , vergl. Mayerh. , 
Reuchl. 217 ff.) zurück. (U. v. Hatten: triumphus Capnionis 1518 
— Streitsehrr. mit Erasmus.) 

x) De amabili ecclesiae concordia 1533 

y) Index Paul's IV. : B. Erasmus Rot. cum universis commenta- 
riis, annotatt., sckolüs, dialogis etc. versionibus , libris et scnptis 
suis, etiamsi nihil penitus contra rel. et de rel. contineant. Pari- 
ser Beschlüsse gegen Erasmus Argentr. IL 43 — 77. 

z) I. A. Fahricius , de religione Erasmi. Hamb. 717. 4. E. G. 
F. Lieberkühn, de Er. R. ingenio ac doctrina. Jen. 836. 8. 



288 Allgemeine Dogmengeschiclite. Vierte Periode. 

Leben hervorrief, zog sich der Schulstreil gar bald wieder in 
diesen Gegenstand hinein : zu viele Interessen, philosophische, 
gläubige , hierarchische , knüpften sich an ihn an : und jene 
Schulen (ob. 95) zu Bec und zu Tours gingen voran, Lan- 
frank und Berengar, ihre Meister"''). In der Meinung 
Berengar's über das AM. liegt Nichts von den sonstigen Lehr- 
sätzen seiner Schule (der nonünalistischen) ; nur das Princip 
der Freiheit gehört derselben an, und die Dialektik, mit 
welcher er seine Lehre vertheidigte ""). Die Streitigkeit ging 
oft ganz in einen Principienstreit über Vernunft und geoffen- 
bartes üebervernünftiges über*^). 

.Berengar's Lehre verbreitete sich in der Zeit 1040—50. 
Im Gange des Streites ^) wurden Briefe gewechselt zwischen 
Berengar und Adelman, Berengar's Mitschüler bei Fulbert von 
Tours '^), Lanfrank u. Anderen^): dann die Schrift Lanfrank's 



c) Lanfrank (zuletzt Erzb. v. Canterbury, gest. 1089). Opp. 
ed. L. ä'Achery. Par. 648. /. {ßihl. Lvgd. 18.)' Von ihm und Beren- 
gar, Hist. lii: d. l. Fr. 8. 197 ss. 260 ss. Berengar: Stäudlin, 
Archiv f. KG. II. 1. 1 ss. 

jlnon. (gleichzeit. Benedicliners Bernaldus v. Costnitz) de Ber. 
haercsiarchac damnatione inultipUci {ed. Chißet in Serr. vett. opusce. 
Divion. 656) Mansi 19. 757 s. F. de Roye, de v'ifa, haeresi et 
poenit. Ber. Andeg. 657. 4. Mabillon, de Ber, multiplici damna- 
tione^ ßdei professiune ^ relapsu, deqne eins poenit. {Jnalect. IL 
477 SS.) Vogt. bibl. haeresiol. /. 1. 99 55. Ne an der IV. 339 tf. 

G.E. Lessing: Bereugarius Turonensis. Brschw. 776.4. (Werke 
N, A. 7) vgl. C. A. Schmidt, Beitrr. z, G. u. Lit. V. 257 ss. 

b) Zwei dialektische (aristotel.) Grundsätze von B. angewendet : 
Veränderung {aliud esse) ist keine Vernichtung, und: mit Verwand- 
lung des Suhjects ist die von dem was im Subject ist, verbunden. 
Ber. Buch S. 1^4. 

c) Ber. anzuführ. Sehr. S. 101 : ad dialecticam confugere est ad 
rationem conßigere: quo qui non conßugit, cum secundum ratio- 
nem sil f actus ad imaginem Bei, suuni honorem reliquit etc. 59: 
eonciliorum m,uliitudo non est idonea satis ad diligentiorem, verita- 
tis inquisiiionem et pcrceptionem. Dagegen Lanfr., z.B. de e. et 
s. D. 7 : de mysterio fidei — tnallem audire ac respondere sacras 
auctoritatcs quam dialecticas rationes. Aber diese halfen sich (Hugo 
u. A.) mit dem Alt - Augustinischen : naturain Bei esse voluntatem. 

d) Der Streit begann mit Berengar's Vertheidigung von Job. Sco- 
tus. Wiederum verurtheilte Ber. in Lanfr. den Paschasius. 

e) Später B. von Brescia. 

/) Ber. contra Adelni. purgatoria {Marl, et Bur. IV. u, Schmidt 
anzuf. B.) — ad Lanßr. {Bach, ad vit. Lanfr.) — ad Ascelinum 
monaohum Beccensem (und dessen an Ber.. ebds.) — ad eremitas 
{Mart. et Bur. /.) — ad Richardum monachum. Diese Actenstücke 
auch bei Mansi a. 0. 



Die christl. Dogmengesehichte. Erster Tlieil. 289 

geschrieben, de corp. et s. Dei^)^ darauf die glücklich auf- 
gefundene Berengar's^). Zu Rom verurtheilt unter Lanfrank's 
Mitwirkung 1050, zu Vercelli in demselben Jahre (hier wurde 
auch das Buch des Scotus von der Verurth eilung getroffen), 
wurde er zu Tours unter Cardinal Hildebrand, 1054, zur 
Ruhe verwiesen, und (was in diesem Streite oftmals zurück- 
kehrt) ihm anbefohlen, bei den Worten der Einsetzung 
bescheiden stehn zu bleiben'). Doch regte Berengar fortwäh- 
rend den Widerspruch der Kirche auf. Er wurde zu Rom 
1059 (Nicolaus II. Humbert) zu einem Glaubensbekenntnisse 
gezwungen, welches zwar schroff gegen seinen Sinn gedacht, 
doch von ihm leicht in diesen hineingedeutet werden konnte : 
denn die Ausdrücke, gegenwärtig und wahr, selbst das, 
verwandelt werden (converti), Hessen verschiedene Aus- 
legung zu, und ebenso vieldeutig war das Wort, geistig, 
welches Ber. wie seine Gegner gebraxichten''). Aber Beren- 
gar widerrief dieses Bekenntniss selbst. Das Römische Concil 
unter Gregor VII. 1078 und fg., entschied durch Aufstellung 
bestimmterer Formeln ( — suhstantialiter converti — in pro- 
prietate naturae et veritate sitbstantiae)^) : aber die Person 
Berengar's hatte sich grosser Schonung zu erfreuen'"). Doch 
auch jene Formeln meinte Ber. noch für sich deuten zu kön- 
nen"). Sein letztes Jahrzehend (gest. 1088) verlebte Ber., 
zerfallen mit der Kirche, in der Abgeschiedenheit. 



g) Opp. ed. Dacher. 230 ss. Nach dem ersten R'dm. Conc. ver- 
Easst, als Antwort auf eine, nur in Bruchstücken vorhandene, Schrift 
Berengar's. Lange vor Lanfr. wurde geschrieben: Adelman. de 
verit. corp. et s. J)., ed. C. A. Schmidt. Brunsv. 770. 8. 

A) Vollständig zuerst aus dem Wolfenbüttler Codex: Ber. Tur. 
de Sacra coena adv. Lanfr. Über posterior. E cod. Guelf. pr. ed. 
A. F. et F. Th. Fischer. Ber. 834. 

i) Acta Rom.: Maria hat nach Gregor's Erklärung, einem from- 
men Freunde geoffenbart, de saerißcio Chr. nihil cogitandum, nihil 
tenendum-, nisi quod habeant authenticae scripturae , contra quas 
Berengarius nihil haberet. 

k) Bei den Gegnern bedeutete das spiritualiler : im Glauben, nicht 
äusserlich, gegenwärtig. Also nicht dem suhstantialiter , sondern dem 
corporaliter (materiell) entgegengesetzt. 

/) Und zwar 1) per mysterium. orationis et verbo redemtoris, 
2) in den natürlichen, irdisch -himmlischen , Leib. 

m) Acta concilii Rom. durch Ber. geschrieben: 3Iansi 19. 761 ss. 
Gregorii FII. literae commendatoriae datae Berengario : Dach. Spie. 
III. 413. Diese Schonung und Gr. Zweifeln findet sich schon unter 
den gleichzeitigen Anklagen des Papstes aufgeführt. 

n) Acta Rom. 762 Mansi: Perpendi, ad sanum intellecfnm utrum- 

Dogmengeschichle. 19 



290 Allgemeine Dogmengcsclilchte. Vierte Periode. 

ßereng:ar's Meinung' schwankt sehr im Ausdrucke und wohl 
auch im Sinne"). Das steht fest hei ihm, dass im AM. we- 
der eine wesentliche Verwandlung stattfinde^), noch etwas ün- 
geistiges dargeboten werde (wofür auch Ber. das Wort, 2 Kor. 
5, 16 gebraucht); und jedenfalls, dass im AM. ein segens- 
reicher Act vollzogen werde. Aber ob dieser geistige Segen 
von dem Menschen seihst erlangt werde, indem er dem Sym- 
bol gemäss sich mit Christus vereinige '^), oder ob der Segen 
dem Symbol beigegeben sei '), und in welcher Art und durch 
welche Gegenwart Christi °): dieses scheint bei Ber. nicht zu 
klarer Entscheidung gekommen zu sein. Ja selbst nur Erin- 
nerungszeichen an den Tod Jesu scheinen ihm bisweilen diese 
Symbole gewesen zu sein*). 

Der Gedanke, durch welchen die Wandlungslehre immer 
steigende kirchliche Bedeutung erhielt: dass Christus überhaupt 
nicht gegenwärtig wäre in seiner Kirche, wären im AM. nur 
Zeichen von ihm vorhanden; trat jetzt schon bei Ber. Fein- 
den hervor. Die reiche polemische Literatur aus dieser Con- 
trovers, meist aus der Zeit zwischen den beiden Römischen 
Concilien (neben den Hauptsprechern: Guitmund, Durand, 
Hugo, Alger)"), führt uns noch mannichfache Versehieden- 



que posse rednci et suhstantialitcr et cetera verha — respondi 
— 7ne substantialiter additurum. Nämlich (subjectiv genom- 
men): Br. u. Wein bei, in seiner Substanz, salva stia substantia. 

ö) Von seinen früheren Aeusserungen bekennt es Ber. selbst in 
seiner Schrift. 

p) Daher Ber. überall' bekennt, nur die Frommen empfingen 
mehr als Zeichen. 

Die allgemeinste Formel für diese Lehrverschiedenheit war auch 
jetzt: sacraiJien tum corp. et s. — vei'um corpus et s. 

q) A. 0. 223 : exigü Christus , ut per eomestionem et bibitio- 
nevi corporalem — commonefacias te spirituaUs comest. et bib. etc. 

r) Ber. Sehr. 120: Superior {anima) reßcitur Christi corpore ad 
salutem aet. , pane interiori, spirituali. 

s) Vielleicht nur (wie Ber. einmal sagt) durch Verwandlung des 
eommune in beatißcum. 

t) A. 0. 163: recondendum in memoriamy quod caro eius pro 
nobis crucißxa sit — . 

u) Guitm. (zuletzt Card.), de c. et s. Chr. veritate in euchari- 
stia — Durand. (Benedict.) de c. ei s. Dom. contra Ber. — Hugo 
(B. von Langres, zu ßheims 1049 entsetzt), de c. et s. D. Deoduin. 
ep. Leod., de c. et s. C, gegen Berengar und Bruno, B. v. Angers. 
{Bibl. Lvgd. 18. und Dacher. app. Lanfr.) — Alger. Leodiensis 
(Mönch von Clugny) de sacrameiitis c. et s. D. II. Der Letzte von 
Peter v. Clugny de sacn'f. miss. allen Anderen, auch Lanfrank, vor- 



Die cbristl. Dogmengesclilchte. Erster Theil. 291 

heit vor, während die kirchliche Lehrform sich nun äusserlioh 
ganz befestigt halte. Auch das Gerücht von Berengianern 
erhielt sich in der Kirche"^). 

2. Seit dem 11. Jahrhundert, welches die Trennung der 
beiden Kirchen, des Orient und Occident, ausgesprochen hatte, 
dauerte der theologische und kirchliche Streit zwischen ihnen 
fort, ja er nahm an Bedeutung zu. Anselm von Canterbury, 
Anselm von Havelberg, Thomas Aquinas von der Einen 
Seite, Nil US (ein bedeutender Name in der griech. Kirche) 
und Maximus Planudes von der anderen, zeichneten sich 
aus ^) : Viele traten in zweideutiger oder schwankender Per- 
sönlichkeit auf*). Die Secten des Abendlandes in dieser 
Periode, auch die, welche nicht mit der griech. Kirche hi- 
storisch zusammenhingen, behielten immer eine gewisse Sym- 
pathie für jene, als für die alte, nicht Römische. 

Vereinigungsversuche gingen immer aus politischem Inter- 
esse der einen und dem hierarchischen Streben der anderen 
Kirche hervor. Bedeutender wurden die Unterhandlungen zwi- 



gezogen. (Bibl. Lugd. 21.) Für Ber. Euseb. Bruno ep. ad Ber., 
und Anon. (Paulinus v. Metz) ep. ad B. {Mart. et D. I. 196.) 

v) VoQ anderen Irrungen darch Ber. und Bruno {legitima eoniu- 
gia destruere , et, quantum in ipsiSy. baptismum parvulorum euer- 
tere) spricht Deodwin a. 0. 

w) Anselm. C. de processione Sp. S. (vgl. A. F. Ribbeck. 
Ans. C. doctr. de Sp. S. Ber. 839. 4.) und de tribus Waleranni 
quaestionibus (vornehml. die Azymilenfrage) — Anselm. Havelberg, 
dialogi adv. Graecos 3, Dacher. Spicil. I. 161 ss. (Gespräch um 1135 
zu Const. gehalten). — Aetherianus contra errores Grr., Canis. — 
Basn. IV. 33 ss. Thom. Aq. contra errores Grr. 

Nilus (Jj. Allat. de Nilis in Fabr. B. Gr. 5) Cabasilas, Erzb. 
v. Thess. um 1340, hat eine Unzabi von Schriften gegen die Latei- 
ner verfasst. Oft heransgeg. ist die üb. den Ausgang des Geistes, und 
über den Primat des Papstes (an Salmas. de prim. papae. L.B. 645. 4). 
Maximus Planudes, gleicbzeitig, Möncb, Grammatiker u. Tbeo- 
log. Vom Ausg. des h. G,, durch Bessarion widerlegt (in Arcud. ob. 
erw. opuscc. aur.). Palamas (s. ob.) ditoStiy.rtxoi, 2 Reden (Lond. 
624. 4). Unter den Jüngsten: Simeon, EB. von Thessalonice (15. 
Jahrb.) xa-cd aiQiattuv. 

x) Die Lateinisch - gesinnten bei L. Allat. Gr. orthod. und de 
eonsensione u. s. w. (Job. Bekkos, Patr. nach dem Conc. zu Lyon) 
— Wechselnd erscheint der ob. erw. Barlaam aus Calabrien : ge- 
gen die Rom. K. its^l rf/S zov itana dgxTji, auch b. Salmas. a. 0. 
Aber viele Schriften wurden von ihm gegen die Griechen seit 1331 
verfasst. Unter den zur Römischen Kirche Uebergetreteaen 
zeichnen sich in der kirchlichen Literatur aus: Demetrius Cydo- 
nius (auch Uebersetzer der Streitschrr. von Ans. Gant, und Thomas) 
und Manuel Kalekas, Beide 14. Jahrfa. Mitte. 

19* 



292 Allgemeine DogfmcngescLichte. Vierte Periode. 

sehen Michael Paläologus und mehren Rom» Päpsten, seit 1263. 
Das Concilium zu Lyon 1274^), in welchem AhS fiUoque an- 
genommen Avird: wurde nicht anerkannt in Volk und Kirche. 
Johann's XXII. Bemühungen und Barlaam's Wirken seit 1334 

— 39^). In der Bedrängniss nnd vor der Katastrophe des,hy- 
zant. Reichs, die Concilien zu Ferrara und Florenz 1438. 39 
(Johannes Paläologus nnd Joseph — Eugen IV. Bessarion), 
ebensowenig kirchlich anerkannt hei den Griechen und im 
christlichen Orient : wie sie ja seihst im Abendlande keine 
allgemeine und entschiedene Auctorität hatten ^). 

Wie vier Differenzpuncte sind stehen gebliehen, welche 
dort ausgeglichen werden sollten : der Ausgang des heiligen 
Geistes (Flor.: aus V. und Sohn, aber in Einem Act, von 
Einem Princip, f.iovaSiy.ij ngoßoltj)^^) — das Ungesäuerte, 
dem Volke fast noch wichtiger, .ils jener Glaubenspunct 
(Flor.: freier Ritus, das AM. besieht sowohl bei dieser, als 
bei der anderen Form, 'vsXslaS'ai dXt]&(ög TO vov Xq. 
aw/ua — die Kirchen sollen ihren alten Gebräuchen folgen) 

— der Primat (ngoiTalov) des Papstes — das Fegefeuer, 
HaS-aQtixal Ti/uwQiai (das Flor, gab Beides nach)"). 



y) Georg. Pachymeres, Geschichte der Paläplogen Michael 
and Andronikus (Andronikus widerrief die VereiniguDg 128?) — Ver- 
handlungea zu Lyon. Mansi %i. 
z) Raynald. J. 13S9. 

aa) Sylvestei' Syropulus {Sgtiropuliis, Theilnehmer am Con- 
cil, eifriger Gegner der Lateiner): vera historia unionis non verae 
inter Grr. et Latinos, s. conoi/ii Florentini exactissima narratio 
Gr. et L. ed. R. Creyghton. Hag. Com. 660. 4. (Gegenschrift von 
L.Allat., Exercitatl. 1665, und Derselbe anderwärts). Andere Schrif- 
ten M. Crusii Turco-Graecia. ßas. 584. IL f. 

Acten des Conc. : jy dyia. y.. oiy.ovu. fv (phjjotvriq. airoSoS. ßom 
an. f. and. (epos 327 ff.) und Lateinische in den Conc.sammlungen. 
Concil zu Constantinopel gegen das Florentinische 1440. Synodal- 
schr..der Patrr. von Alex., Ant. u. Jeras. 1443: {L. Allat. am B. de 
consensione) Georg Scholarius Öq&oSo^ov xaratpvyiov (Lond. 624. 4). 
Wieviel dagegen acht sei von den Reden und Schriften, welche dem 
G. Schol. im Conc. von Florenz zugeschriehen werden, in denen er 
die Sache der Lateiner führt (3 Reden, 5 Syntagmata) — ob er seine 
Meinung oder seine Rolle gewechselt, indem er dann das Concil ver- 
liess und Schriften gegen dasselbe vcrfasste — oder ob es Mehre des 
Namens in jener Zeit gegeben (L. Allat.) : dieses sind historisch un- 
aufgehelUe Fragen. 

bb) Dabei wird auch bemerkt, dass die Griechen ain'a gebrau- 
chen, die Lateiner dp'/?}, von den inneren Principien in der Gottheit 
(diese nach scholast. Unterscheidungen von causa n. principium). 

cd) Jene Strafen für diejenigen, welche sterben in der Liebe Got- 
tes reuevoll, -rr^lv toXs d^iots t^s fitrav. xaQnoXs ixavoTroiijcat. 



Die chrisll. Dogmengescliichte. Erster TJieil. 2U5 

Aber dieser Perlode eigeDthümlich, und tief eiuj^rci- 
fend in das fcircli liehe Leben derselben, ist der Kampf, 
welchen die Kirche mit dem Seetenwesen zu hesle- 
hen hatte, in den Jahrhunderten vom 11. bis zum 1<5. 
Das geistige Leben der Kirche bestand in dieser Zeit 
fast nur in der Scholastik und in diesen Seelen: und 
es offenbart sich in diesen auf gleiche Weise das Un- 
genügende, die geistige ünmacht der damaligen Kirche, 
und das bewegte, nach allen Seiten drängende Leben 
jener Zeiten. Ausser den Parteien der Schulen und 
den streitenden Mönchsparteien, finden wir vor- 
nehmlich drei Arten von Secten, mit denen die Kirche 
dieser Periode gestritten hat: philosophische, Secten 
aus dem VoIkc, und reformatorlsche^ auch sol- 
che, welche von Einzelnen ausgingen. 

Philosophische Secten, welche sich im Gegen- 
satze zur Kirche entwichelten ^), erscheinen vornehmlich 
im Anfange und am Schlüsse unserer Periode : es wa- 
ren neuplatonische in der Art des Erigena^), ara- 
bische^) und streng aristotelische^), in Sinn und 
Lehre der Kirche feind, und von ihr eifrig bestritten. 

1. Mit dem Anfange des 13. Jahrhunderts beginnt zu Pa- 
ris eine Succession ketzerischer Philosophen einer ideal -pan- 
theistischen Art, mit entschiedener Abwendung von der Wahr- 
heit des Christenthums : Am al rieh von Bene bei Chartres 
(a Be?ia s. Carnotensis) ^ David von Dinant, sein Schüler, 
Beide Lehrer zu Paris '') : und von Beiden wird ausdrücklich^ 



a) Andere philosophische Parteien dieser Zeiten, welche den Zu- 
sammenhang mit der Kirche festhielten, ob. zu 108. 

6) Bulaeus 3. ylrgentre /., Hist. l. d. l. Fr. 16. — Amalrich 
dargestellt von dem wenig jüngeren Rigordtts von St. Denis , de re- 
bus a Phil. Aug. gestis (1596 und Duehesn. Scrr. r. Gall. F.) ad 
a. 1209: vgl. Engelhardt Am. v. Bena, kirchengesch. Abhh. 353 ff, 
David von Gerson, de concordia metaphysicac cum logica IF.SIQ. 
Schon Albert d. Gr. und Tho. Aq. erwähnen den Letzteren. Gegen 
Amalr. Versammlung der Pariser Univ. 12Ü4: Verurtheilung, Beru- 
fung auf den Papst, Tod Amalr., nachdem er gezwungen widerrufen. 
Pariser Convent 1210 gegen Schüler Amalrich's, Mart. N., thes. aneedd. 
IF". 163 (Haereses-, pro quibus sacerdotes Parisüs igne consuvUi 
sunt). Hier werden auch Schriften David's erwähnt. Auch Am. Ge- 



294 Allgemeine DogmengescLicbte. Vierte Periode. 

Behauptet, dass sie dem Erigena gefolgt seien, dessen Saat 
also jetzt erst aufgegangen war. ,,Gott, das Wesen der Din- 
ge, also Schöpfer und Geschöpf Eines: Christus, der Natur- 
geist, und die Menschen in diesem Sinne Glieder Christi''), 
der heiUge Geist, das fromme Gefühl.'"^) Die Lehren dieser 
Männer wurden wiederholt zu Paris verworfen. Jünger von 
ihnen zum Feuertode verurtheilt, und die Schrift des Erige- 
na^) durch Honorius III. verholen und verhrannt. Merkwür- 
dig ist, wie die philosophische Häresis in den nicht durchge- 
bildeten Zeiten zwischen dem geistigeren Pantheismus und 
dem Dualismus hin und her geschwankt hat^). Gewöhnlich 
stellt die Geschichte neben diese auch Simon von Tournay, 
ebenfalls (um 1200) Lehrer zu Paris ^). 



beine wurden verbrannt. Laier. 4. 1215. Decr. c. % verurtheilt von 
Neuem A. Lehre. — Ueher Am. u. Dav., Möhler gegen Baur 436 fF. 
o) Dem Amalrich selbst wird nur das Letzte beigelegt: quemlibet 
esse membrum Christi. (Der Paulinische Satz (1 Kor. 12, 27) im ma- 
teriellen Sinne gefasst.) Intelligebat naturale Tiiembrum, wird bei 
der Anklage beigefügt. 

d) Oinnia sunt Daus, Deus est omnia, creaior et creatura idem. 
Ganz aus Erigena : ideae creant et creantur — bei Gerson. Von 
David u. Din. bei Thomas: Gott, vovg und vkrj seien Eins. Schüler 
Am. in der Verurth. zu Paris : Spiritus S. in iiobis quotidie incar- 
natur — und : corpus Christi ante verborum prolationem visibili- 
bus panis accidenfibus subesse — Christus Gottmenscb wie Einer 
von ihnen (nee aliter, illum hominem esse JDeum — Gottmensch — 
quam unum ex üs, cognoscere voluerunt). — Die Auferstehung be- 
deute die Olfenbarung durch den heil. Geist. — Doch bleibt es auch 
hier zweifelhaft, ob nicht entweder andere Sectenmenschen in die 
Schule Amalrich's eingedrungen, oder in der Tradition in sie einge- 
mischt worden seien. Was aus Cäsarius.Helsterhacensis {de miracn- 
lis, vis. et exempl. suae aet. 5, ^2) angeführt wird, gehört wohl 
nicht in Am. Schule. 

e) Auch wohl für ein Buch Am. selbst gehalten : Piseon (tc. q^i- 
asojv jWfp.) — Engelh. a. 0. 261. 

f) Die Bemerkung Möhler's, Symbolik 323. 5. A., dass die Kirche 
durch diese idealistischen Ketzereien veranlasst worden sei, ihre Lehre 
von der Transsubst. (als bestimmtesten Ausdruck der Objectivilät der 
Christi. Idee) recht herauszustellen — gilt nur insofern, als die Ver- 
achtung der Sacramente in diesen wie in den meisten Seelen dieser 
Zeit (,,Zeit des h. Geistes — sacrr. N. T. ßnem habere" ßigord.) 
die Kirche noch bestimmter dahinführte, jene als unmittelbar gött- 
liche Mittel zu ehren. 

g) Von Simon von Tournay, Lehrer und Priester zu Paris, wird 
bei Heinrich von Gent (Simon's Person nahe , als Priester in Tournay) 
de scrr. eecl. 24 (wenig anders auch bei Trithem. 467) nur gesagt: 
quod nimis Aristotelem. sequitur , a nonnullis modernis haereseos 
insimulatur. Die Blasphemie von den drei Weltläuschern wird ihm 



Die christl. DogmengeschicLte. Erster Tiieil. 205 

2. Dass mit den Arabern mancherlei deistische Se- 
elen und Richtungen dieser Zeiten in Zusammenhang gebracht 
worden sind; wurde schon oben (bei 91) erwähnt. So auch 
die Sage vom Buche de tribus impostoribus ^) : denn Fried- 
rich IL, mit welchem sie verbunden wird, galt als Jünger der 
Saracenen *) . Ebenso noch eine andere Sage von der secta 
non iimentium Dcum , geschichtlich freilich sehr unsicher ^) : 
und in der Art hat sie auch wohl nicht bestanden. Andere 
ähnliche Namen weisen auf verwandte Erscheinungen hin, 
doch ohne Verknüpfung mit den Saracenen. Aber von der 
philosophischen Seite der Araber her erschreckte vor- 
nehmlieh der Averroismus die Kirche, Avelcher in der Ein-? 
heit des intellectus agens allerdings einen entschieden panthei- 
stischen Stoff in sich trug^). JVlit dem Averroismus besonders 



beigelegt von Thomas Cantipratanus (Chantpre bei Cambrai), Domini- 
kaner, bonum universale de apibus 2, 48, frivole Reden im scliolast. 
üebermulh bei Matthäus Parisiensis ad a. 1201. Beide Schriftsteller 
(freilich des 13. Jahrb.) erzählen, doch in den Umständen verschie- 
den, von einem sofortigen göttlichen Strafgerichte über Simon. Die- 
ser Verschiedenheiten wegen erklärt Oitdin. 3. 29. ss. jene Berichte 
für Mönchsfabeln, und die Gewährsmänner sind allerdings nicht be- 
deutend. Es werden von Simon viele Schriften, Iheolog. und philos., 
erwähnt, und sind handschriftlich vorhanden. 

k) Als blasphemisches Wort wurde diese Zusammenstellung der 
drei Welttäuscher eben schon dem Simon von T. zugeschrieben : dann 
durch Gregor IX. 1239 (nicht von Innocenz IV., wiewohl dieser ihn 
als Freund der Saracenen verurtheilte 1245) Friedrich II., aber von 
diesem entschieden zurückgewiesen (Raumer, Hohenstaufen IV. 40). 
Wahrscheinlich eine gangbare deistische Rede vom Orient her. (Vgl. 
oben bei den Drusen u. b. ßoccace.) Bücher de tr. impost. sind gewiss 
keine in jenen Zeiten geschrieben worden: die seit Ende des 16. Jahrb. 
(1598) ,, koboldartig neckisch" in Druck u. Handschrift verbreiteten (am 
vollständigsten Ebert bibliogr. Lex. S. 858) gehen auf zwei Stämme 
zurück; der jüngere, seit Ende des 17. Jahrh., ist derselbe mit den 
Schriften: esprit de Spinoza. Nene Mittheilung von F.W. Genthe: 
de impostura relfgg. L. 833. Vergl. K. Rosenkranz: der Zweifel 
am Glauben. Kritik der Schriften, de tr. imp. Halle 830. Auch die 
Einleit. zu e. deist. Sehr, aus dem 16. Jahrb. (prigo et fundanienta 
rel. ehr.) von Gfrörer mitgetheilt, Zeitschr. für d. bist. Th. VI. 2- 
1836. 180 ff- 

i) Auch mit Averroes verbunden: P. de Fineis epp. 3. 67. 

h) LC.Harenberg. de secta non ti7nentiumDeum.Brunsv.755. 

l) Von jeher war der tcoitjtixÖ? oder Troaxnyo? love eine viel- 
gedeutete Sache unter den Aristolelikern {l'rendclenbiirg. zu Jr. de 
anima 491 ss.). Der Averroistische Gedanke war eben von Aristote- 
les genommen, nicht aus dem Neuplatonismus (so Degerando a. 0. 



296 Allgemeine Dogmengeschiehte. Vierte Periode. 

verband sich in der kirchlichen Meinung Astrologie und Ma- 
gie, Wissenschaften, in denen die Kirche nicht sowohl den 
Aberglauben , als das Heideuthum hasste und verfolgte. 

3. Die strengen Aristoteliker im 13. Jahrh. hatten den 
Sinn ihres Meisters wohl begriffen. Unter den Sätzen, welche 
an ihnen noch 1276 und 1290 zu Paris verurtheilt wurden"), 
finden wir, neben einigen Misverständnissen, Mehres acht Ari- 
stotelisches. Auch in der Wiedergehurt der freieren Philoso- 
phie 14. — 15. Jahrb., sehen wir die sogenannten reinen Pe- 
ripatetiker oder Alexaudreer (von Alexander v. Aphrodi- 
sias, Ausgang 2. Jahrh.) ") dieselbe Richtung einschlagen ge- 
gen Kirche und Offenbarung. Unter ihnen ausgezeichnet war 
Peter Pomponatius von Mantua (gest. zu Bologna 1525)°). 
Er führte aus den aristotelischen Schriften, welche er als Co- 
dex der Philosophie behandelt, geradezu den Beweis für die 
Sterblichkeit der Seele. Die Idee der Unsterblichkeit gab von 
jeher die Probe ab, an welcher die Philosophie im Kampfe 
mit der Religion der Menschen und des Volks, sich besinnen 
kennte, ob sie nicht über ihre Grenze hinausgegangen sei. — 
Dabei hat Pomponatius zuerst jenen scheinbaren Ausweg für 
die Verkündigung gefahrlicher Lehren betreten, dass in der 
Religion und Kirche eine andere Wahrheit zu suchen sei als 



241 SS.): aber allerdings war die Averroistisclie Partei sonst synkre- 
tistiscb, platonisirend. Der letzte ausgezeichnetste ^4.verroist war 
Andr. Casalpinus (gest. 1603). 

m) Argentr. I. 175 ss. 219 Sätze durch Stephan, B. von Paris, 
verurtheilt : 238 collectio de variis erroribus philosophorum , et 
prinio de Aristotele. 

De haeresibus ex philos. Arist. scholast, ortis. Obss. Hai. 1. 197 ss. 

n) Ficinus praef. Plofin. : Totus fenne terrarum orhis a Pe- 
ripaieticis occiipatus, in duas plurimum sectas dii>is7ts est, Alexan- 
drinam et Averroicam. Uli qiiidem, iiitellectum nostrum morta- 
lem esse ea;isiima?2t, hi vero unicum esse contendunt. Ulrique 
religionem oinncni funditus aeque tollunt — . In Aristoteles bestan- 
den beide Gedanken zusammen. 

o) Bayle u. d. Art. De imm. animae 1519 (A. von C. G, Bardili. 
Tüb. 791). Die Unsterblichkeit des Geistes bestehe nur darin, dass 
er das Allgemeine, das Göttliche, kenne (c. 12). Auch durch Gründe 
der reinen Moral sucht P. jene seine Meinung zu unterstützen. Die 
Schrift wurde unter Anderen widerlegt von seinen Schülern, Caspar 
Contarenus (Cardinal, gest. 1542. Er und Card. Jak. Sadoletus, 
gest. 1547, ebenso ausgezeichnet in der, auch dogmatischen, Polemik 
gegen die Protestanten, wie als philosophische Denker und Schrift- 
steller) und Augustinus N i p h u s ; gegen den Letzteren verfasste 
Pomponatius eine Vertbeidigungsschrift. 



Die clirlstl. Dogmengeschichte. Erster Theil. 297 

in der Philosophie^): diesen Ausweg verwarf mm die Kirche 
ausdrücklich "i). Die Reformatoren sprachen dasselbe Princip 
zu Gunsten der Offenbarung aus. Dem philosophisch freien 
Charakter des Mannes war es ganz angemessen, dass er von 
dem" Wunderbaren die Ansicht zu begründen suchte (sie tritt 
vielfach in jenen Zeiten hervor), nach weicher es nur in der 
tieferen Kraft der Natur bestehen sollte '^) : eine Ansicht in- 
dessen , welche damals wenig Wirkung in der Kirche hatte. 
Im Zusammenhang hiermit trug Pompon. fremdartige Lehren 
über Freiheit und Vorsehung vor*). 

§. IIS. 

Die Secten aus dem Volhe, welche sich durch 
diese Perlode hin hewegen, theilen wir ein in poli- 
tisch - hirchlichc und religiös - kirchliche, je 
nachdem sich das zerstörende Princip in ihnen vorherr- 
schender gegen Staat oder gegen Religion hingewendet 
hatte : wiewohl die hestehenden Verhältnisse heine ge- 
nauere Scheidung von heiden Richtungen gestatteten. 
Unter den Ersten mögen die Arnoldlsten^) mehr 
Plan und innere Bedeutung gehabt haben : aber an 
schwärmerischen. Haufen, welche dem in den Völkern 
Bestehenden ein Leben im einfachen Geiste des Evan- 
gelium entgegensetzen wollten (fratres uposiolici , auch 
Apostoli), wie die von Gerhard und Dolclno waren ^), 
hat es diese Zeiten hindurch nie gefehlt. 



p) Pomp.: St quae rationes prohare videntiir mortaUtatcm ani- 
mae, sunt falsae et apparentes, cum prima lux et prima veritas 
ostendant opposituin. In der Aufschr. der Bb. von der Vorsehung: 
auct. qui se in omnibus divinae script. SSque DD. iudicio submit- 
tit — und im Buche, wie 5, 6. 

q) Leo X. und Concil. im Lateran 1512: Cum — nonnulli fernere 
philosophantes sceundum sattem philosophiam, verum esse asseve- 
rent — cumque verum vero minime eontradicat , omnem. assertio- 
nem, vcritati illuminatae ßdei conirmHam, omnino falsam esse de- 
ßnimus. 

7") P. P. de naturalium effectuum, admirandorum caiisis seu de 
incantationibüs liber -^ Bas; 55fi. 

s) P. P. de fato , libero arbitrio, praedestinatio7ie , Providentia 
libri 5 — 1567. 

Auch diese Fragen, welche P. nicht entscheiden will, lagen eben 
sowohl im bewegten relig. Zeitinteresse, als sie durch jene Averr.- 
Alex. Parteiung angeregt wurden. Denn Pompon. folgt der Schrift 
Alexander's von der Freiheit wider die Stoiker, welche er zu wider- 
legen sucht. 



298 Allgemeine Dogmengeschichte. Vierte Periode. 

1 . Arnold, gebürtig von Brescia '), Abälard's Schüler 
(97)''), Feind der Mönche nnd Priester und der Hierarchie in 
der bestehenden Form, als einer Herrschaft des Klerus, wie 
in der Kirche so in dem Staat. Die Idee einer göttlichen 
Republik, deren Sitz ebenfalls Rom sein sollte, traf mit 
den vielfachen republikanischen Bewegungen in Italien dieser 
Zeiten zusammen '^). Die Arnoldisten (auch Politici genannt) *) 
werden auch nach Arnold's Hinrichtung (zu Rom 1154) er- 
wähnt, man fand sie auch ausserhalb Italien®); ja man hat 
ihm oft eine lange Nachwirkung seines Aufenthalts in der 
Schweiz (1139 — 46) beigelegt f). 

2. Diese stürmischen Verbindungen °) , welche vornehmlich 
Italien um das 13. und 14. Jahrhundert (von 1260 an) durch- 
zogen, und mit einander Grundsätze und Leidenschaften ge- 
mein hatten , waren oft mit mönchischen ^) und anderen 
Schwärm ersecten verbunden. 



d) Die wenig Späteren, Otto Frising. de rebus gestis Friderici 
/. , 2, 30. Der Mönch GüntLer, die GesinnuDg Arnold's ehrend, im 
Gedicht Ligurinus, 3. 263 ss. Die Chronisten, wie Alberich. Bern- 
hard's von Clairv. mehre Briefe^ welche vor Arn. warnen, 195. 243 s. 
A. v. Br., von Karl Beck, Baseler wissensch. Ztschr.. 2, Jahrg. (1824) 
2-H. 38 ff. 3. H. 59 ff. — A. v. Br. u. s. Zeit, von H. Francke. Zur. 835. 

6) Dieses SchiilerverhäUniss aus früherer Zeit, vor seinen Be- 
wegungen in Italien und dem J. 1139 (nach Otto Fr.: und ßernhard's 
Worte: exsearatus a Petro ap. inhaeserat P. Abaelardo sprechen 
nicht dagegen), steht wohl geschichtlich fest: aber besondere Idee'n 
hat es wohl nicht in A. Geiste hervorgerufen: (auch Francke so a. 0. 
35). Im Dogma wird bei A. nur von Otto bemerkt: de sacj^amento 
altaris et baptisnto parviilorum non sane dicitur sensisse. 

c) Raumer, Höhst. 4. 5. W. Zimm£rmann, Hohenst- I- 1838. 
J. Voigt, Gesch. des Lombardenbundes — Königsb. 818. H. Leo, 
Entwickelung d. Verfassung der Lomb. Städte — Hamb. 824. 

d) Otto Fr. I. e. 1, 37: haeresis polilicorum s. Arnoldistarum. 

e) Jäger, ii. d. relig. Bewegungen in den schwäbischen Städten 
vom 12. — 15. Jahrh., und deren Zusammenhang mit den Jdee'n Ar- 
nold's. Stud. d. ev. Geistl. Würt. IV. 1. 

/) Hierher Giinther's Worte gezogen ; et nimium falsi doctrinae 
vatis inliaerens servat adhuc uvae gustum gens illa paternae, 
Füsslin angf. B. I. 245. 264 ff. 

g) Gerh. Segarelli von Parma, hingerichtet 1300, Dulcin hinger. 
1307 — Hisforia Dulcini und additam. , Muratori Seriptt. r. Hai. 
IX. 435 SS. Hier auch aus zwei Sendschreiben Dulcin's. Mos heim, 
Gesch. des Apostelordens — Vers, einer — Ketzergesch. 2. A. 748. 
Ders. über d. Verbreitung der Secte in Deutschland aus H. Corner's 
(15. Jahrh.) Chronik in: de Begh. etc. F. C. Schlosser, ob. erw. 
Abälard u. Dulcin (807). 

k) Vgl. unten über Joachim. 



Die cLristl. DogmengescLicLte. Erster Theil. 299 

§* 113. 

Aber weit mehre, und immer zunelimend an Zahl 
und Bedeutung, finden sich die Secten jener zweiten 
Art, die religlös-hirehlichen, schon von dem An- 
fang des 11. Jahrhunderts und bis in das 15. Jahrhun- 
dert, oder eigentlich niemals ganz unterdrückt'). Die 
Kirche bezeiclmete sie durchaus als Mauichäer ^) : und 
manche you ihnen mögen auch mit dem alten Stamme, 
auf welche Weise auch, in Verbindung gestanden haben. 
Indessen finden sich auch viele nicht -manichäische Ele- 
mente in ihnen, und man hätte an sich jene geschicht- 
liche Erklärung nicht nöthig, um die Entstehung der- 
selben, sowie die Zerrissenheit der Kirche jener Zeiten, 
zu begreifen. 

1.*) Eine lange Reihe von Schriftstellern, historischen und 
polemischen, bietet uns reichlich fliessende Quellen für die Ge- 
schichte dieser Secten dar '') ; freilich immer mit der Voraus- 



c) üeLer die unkirchlichen und die schwärmerischen Secten (nicht 
nur der deutsche Schwärinername, sondern auch das ürtheil und die 
Geschichte der Kirche, vermischt beide gewöhnlich miteinander): Ar- 
gentre I. J. C. Füsslin, neue u. unpart. Kirchen- u. Ketzerhisto- 
rie der mittleren Zeit. Frkf. u. L. 770 — 74. III. Raumer, Höhst. 
3. und 6. Hurt er, Innoc. II. 204 ff. H. Schmid, Myst. des MA. 
387 ff. Vieles auch für diese Parteien in Moshem. de Beghardis et 
Begninabus — cd. G. H. Martini. L. 790. 8. 

6) Zu den Häretikern des llten Jahrh.: Glaher Radulf. 
(Mönchs von Clugny) historr. sui tempoTis (bis 1045). Adernar 
(Mönch zu Angouleme, früherer Zeit) Chronica: beide Bouquet. Scr7\ 
r. Galt. 10. — Landulphi Senioris historia Mediolan. in Mura- 
tori scrr. Ital. 4. 

Synoden: zu Orleans 1017, zu Arras (Atrebatense) 1035. Mansii^. 

Zu den Häretikern des 1?. Jahrb.: Evervinus, Propst zu 
Steinfeld bei Köln, ep. ad Bern. Clar. (1146), Mahill. anal. 3. 473 ss. 
(Darauf ^erre. super Cant. serm. 65. 66. Vergl. Mosh. a. 0. 116 ss.) 
Ekberti (damals zu Bonn) sermones 13 adv. pestij'eros Catharorum 
errores ac haereses, Bibl. Lvgd. 33. Bonacursii vitae haereti^ 
eorum seu manifestatio haereticorvm catharorum, Dachery Spie. 
L 208 SS. Die Schriften von Gerhohus im Fg. Hugo Rotomag., 
dogmata christ. fidei contra haerettcos sui temporis ed. Dacheiy. 
Landulph. tun. hist. Med., Murat. a. W. 5. 

Synoden: zu Toulouse 1119. Later. 2. 1139. 3. 1179. Turon. 
1163. Lvmberein. (Burg Lombers) 1165. Mansi %0. 22. 

Zu den Häretikern des 13. Jahrb.: lo. Moneta (zu Bologna 
1240) adv. Catharos et JValdenses 5. prim. ed. Th. A. Ricohinus. 
Rom. 743./. (Dabei Riech. Abbdl. von den Katharern.) Äozneru^Äac- 
choni (vorher haeresiarcha) summa de CathaiHs et Leonistis. Zwei 



500 Allgiemeine Dog^mengescliichte. Vierte Periode. 

Setzung zu gebrauchen, welche ja durch die ganze Sectenge- 
schichte erforderlich ist : dass das Tiefere dieser Gesellschaf- 
ten immer mehr erralhen worden sei als gewusst, dass das 
Wesen und Treiben derselben in der Volkssage vielfach in- 
einander gemischt worden sei, dass die Kirche ihre Conse- 
quenzen mit dem Tliatsächlichen vermischt, und dass es ge- 
wisse allgemeine Züge gegeben habe, welche die kirchliche 
Meinung in die Auffassung aller geheimeren Seelen herein- 
getragen hat"). Auf Oberitalien "^), als das Stammland, 
werden wir im Abendlande bei den meisten dieser Secten hin- 
geführt. Südfrankreich®), die Niederlande und das angren- 
zende Deutschland, vornehmlich die Gegend von Köln (hier 
war die Häresis besonders beharrlich): im 11. Jahrh. auch 
Orleans, Turin, Goslar, werden als wechselnde Sitze dersel- 
ben genannt. 

Der allgemeine Charakter dieser Secten ist die Verachtung 
der Kirche und des Klerus *) : diese aber in verschiedenen 



Ausgaben: Flae, catal. testlum ver. 641. Frcf, , Märten, thes, nov. 
5. 1761 SS. und ed. Greiser. 1613. Bibl.PP. ^4. Nach Gieseler's 
Beweisführung {de R. S. summa — comm. er. Gott, 835) ist die 
kürzere, erste, die ächte Summe Rainer's. Eberhard, contra If^al- 
denses, Bernard., Abb. Fontis ealidi, e. Tf^ald. , Ermengard., 
Luc. V. Tuy {Tudcnsis) de altera vita ßdeique controvcrsiis adv. 
Albig. 3, Diese vier von Gretser herausgeg, , und Bibl. Lugd. 24. 
Stepk. de Borbone {de Bellavilla) de 7 donis sp. S., Eehard. 
Scrr. Praed. und Argentr. I. 89, Mit diesem zusammenhängend: 
tractatus de haeresi pauperum de Liigduno. Märten, thes. nov. 5. 
1771 SS. (Nach Argentre vom Dominikaner Yvonet.) G. Bergomen- 
sis contra Catharos et Passagios, Murat. a. 0. 5. Alanus ah 
Jjis Tills, de fide catk. contra haerelicos Albigenses , JValdenses, 
ludaeos et Paganos (Muhammedaner) 4 Bb. (Bis 3 Anf, in AI. Wer- 
ken, 3 und 4 in ihres Herausgebers, Car. de Fisch, Bibl. Scrr. 
Cisterc. Col. 646. 4.) . 

c) Z. B. Unzucht, Kindesopfer — vornehml. als die eigentlichen 
Mysterien der Secten. 

d) Mailand, Hauptsitz dieser Häretiker durch alle diese Zeilen: 
Landulph. sen. und tun. a. 0. Matth. Paris. 1236. 40. Muratori, 
quaenam haereses seculis rudibus Italiam divastaverint. Antiq. Ital. 5, 

e) Das südliche Frankreich (von Altersher — durch Priscellianr- 
sten, Westgothen oder anderswie und woher), ein Sitz des Un kirch- 
lichen (Toulouse) — dazu bürgerliche Freiheit, freie Sitte — die Hä- 
resis oft, auch ausser den Albigensischen Kämpfen, von den weltlichen 
Herren begünstigt — Opposition zwischen Nord- und Südfrankreich. 

/) Dieser Hass gegen die Kirche macht die negative Einigkeit 
dieser Häretiker aus, und den Sinn des (aus B. Richter 15, 4, vgl. 
Höhest. 2, 15 entlehnten) gangbaren, mittelalterlichen Bildes: facies 
diversae, caudae colligatae der Ketzer (auch Later. 4 can. 3). 



Die cliristl. DogmengescLIclite. Erster Thcil. 501 

ALstufangen, so dass sie bei einigen selbst an die Grundlagen 
der Kirche, z. B. an die Sacramente ^), greift. Das von ei- 
nigen berichtete System, die Geschichte Jesu allegorisch auf- 
zufassen, floss auch hier wohl aus sehr verschiedenen Quellen: 
aus einer speculativen Ansicht des Christenthums , aus Spiri- 
tualismus, oder auch aus manichäischen Lehren''). 

Namen von Männern und Secten dieser Art werden vor- 
nehmlich aus dem 12. Jahrh. viele aufgeführt'). Tanchelm 
(1115 ff.). Endo oder Eon (umherziehende Schwärmer, fana- 
tisch selbst in dem Grade, ihre Vergötterung zu fordern oder 
zu gestatten^)); Peter de Bruys und die Petrobrusianer^) : von 
diesen herstammend die Heinrici.iner°^) (bei Beiden auch viel- 
leicht noch Widerspruch gegen die Kindertaufe) : Patarener, 



g) Die Ketzer von Arras: bapt. et S. C. nisi simulaiionis causa 
noii intrare (/. e. admittenda esse). 

h) Die Ketzer von Turin : der Sohn Gottes sei der Menschengeist, 
der h. Geist, divinarum sententiarum intelleetiis. Häretiker b. Steph. 
de Borb. : verain conceptionem etc. resurr, et adseens?onem Christi 
esse, cum bonus homo concipitar — resurgit per pocnitentiam vel 
adscendit in coeluvi — . Katharer bei Moneta u.Lut. Tud. : die Wun- 
der Christi seien nur geistig geschehen (m. Opnscc. th. 260). Die 
albigens. Katharer bei Peter v. Vaux-Sernay : der gute Christus (dem 
falschen entgegengesetzt, eben dem der Evangelien) nunquam. in hoc 
mundo fuit nisi spiritualiler in corpore Pauli. Die Strassburger 
Begharden (Mosh. 258) : multa in evangeliis esse poeticn, non Vera. 
Die Kölner Här. : blosser Scheink'drper j^simulatum), Scheinleben. 

Doch mag jener, zuerst erwähnte, Gedanke: die Geschichte Christi 
sei die menschliche, bei manchen solcher Häretiker auch nur be- 
deutet haben, dass Christus eine nur menschliche Erscheinung gewe- 
sen. (Wie unter Eckart's Sätzen : quicquid dicit S, S. de Christo, 
hoc etiam totum verißcatur de omni bona et div. homine.) 

i) Zusammenstellung von Ketzernamen in Friedrich's H. Ketzerge- 
setze, 1220 und erneut 1224 (Raumer 3. 350 f.). Gieseler IL 2. 
596 f. Hutter a. 0. 210 f. 

k) Tanchelm in den Niederlanden, vornehmt, in Antwerpen, 1124 
erschlagen, Eudo de Stella zu Kbeims 1148 vor Eugen HI. gerichtet, 
im Gefängnisse gestorben. Jener erklärte sich Christo gleich, als 
durch den h. Geist vergöttlicht: dieser für den Weltenrichter. Doch 
kennen wir sie nur durch ihre Feinde. Die spärlichen Berichte über 
Beide: ^rgentr. I. 11. 36. Vgl. Ruever - Gronemann anzuf. B. ü. 
WiclilFe S. 12. 

/) Peter de Bruys, Priester ans Languedoc, Zerstörer der Kreuze 
und alles Kirchlichen, vom Volke verbrannt zu Toulouse 1124. Petr. 
Cluniac. epist. adv. Petrobrusianos {Bibl. PP. Lvgd. 22. 1033). 
Auch gegen das Abendmahl : corptts Christi semel h. e. tunc fantunif 
discipulis datum est (nämlich, bei seiner Aufopferung). 

m) Die Heinricianer wurden von Hildebert bekämpft (^Acta epp. 
Cenomanensium, Mabillon. vett. an. 3), später vom h. Bernhard, ep. 241 . 



502 Allgemeine Dogmengesebiehte. Vierte Periode. 

Passagier (Wanderer auf Erden), Publicani (Matth. 18, 17: 
sich zur Ehre rechnend, nicht zur Ekklesia zu gehören)"), 
und der vielfach wiederkehrende Name boni homines (vielleicht 
Bezeichnung eines Deismus, welcher nur die sittliche Grund- 
lage festhalten wollte"), wie in neuen Zeiten ähnliche). Die 
kirchlichen Schriften sind voll von Schilderungen der Beflissen- 
heit, Hinterlist, auch Kühnheit, mit welcher diese Secten ihre 
Zwecke verfolgt haben. 

Merkwürdig und erfreulich ist unter diesen Erscheinungen 
die Milde, mit welcher die Kirche noch im 11. und 12. 
Jahrhundert die Menschen dieser Secten, seihst die Parteihäup- 
ter, und anch die von lästerlicher Art, behandelt hat. Nur 
das Volk, meist aber gemisbilligt von der Stimme der Kirche, 
übte bisweilen tödtiiche Rache für seine zerstörten Heiligthü- 
mer^). Die Inquisition'^), welche mit dem 13. Jahrhun- 



n) Patarener, ein vielgedeuteter Name, gewiss urspriingl. eine 
Ortsbezeichnung (vgl. Du Fresne u. d. N. : Patarea zu Mailand, 
Vereiirigungsort für abgefallene Priester). Die Passagier erinnern 
an die awty.8T]/ioi der Paulicianer. Publicaner gewöhnl. anders ge- 
deutet: auch in den Geschichten der Kreuzzüge erscheinen sie als 
Retzername {Du Fresne). Bei den Publicanern hat sich nach unserer 
Dentang etwas Aehnliches wiederholt von dem, was Kainiten, Judai- 
ten (ob. S. 45) und Aehnliche dieser Art gewollt hatten. 

o) Wie im catechisvie de V honnete-homme. 1758. Oder vielleicht 
auch in der Bedeut. : einfach Gute (so b. Wilh. v. St. Amour über 
schwärmerische Seele: boni Faleti). Bei Eberhard a. 0. e. 4. Bonus 
hämo (der Einzelne und''eine Gesammtheit) ecclesia est (ist die wahre 
Kirche). Andere haben Edelleute, Begünstiger der Secten, darunter 
verstanden. 

Auch Adamiten (ob. S. 46) erscheinen in Deutschland im 14., 
in Böhmen im 15. Jahrhundert. Jene haben den Namen nur ins Anon. 
brevi's narratio von ihnen, Pez. Scrr. r. Austr. 2. 533 ss. Eioe spä- 
tere Secte: Secta hominum intelligentiae , wird von Peter 
d'Ailly bestritten, processus contra etc. Baluz. Mise. %. Argentr. 
I. %. 201 SS. 

p) So Evervin. ; nobis invitis a populo nimio zelo peremti — . 
Der zelus ßdelium wird auch bei Pet. de Briiys tadelnd erwähnt. 
Selbst der Lästerer Eon wird nicht getödtet. Damals hat die Kirche 
in der That noch nicht Blut gedürstet. Die trefflichen Worte über 
Toleranz nach Matth. 13, 24 ss. von JFazon, B. von Lüttich, bei 
Gieseler a. 0. 363. 

q) Die Inquisition (in der Grundstelle, Deuter. 17, 4. etwas An- 
deres als wozu sie im Inq.process wurde : et hoc tibi fuerit nun- 
ciatum, audiensque diligenter inquisieris), durch das 4. Later. Con- 
cil eingeführt und den Bischöfen, aber auch in noch milder Form, 
übertragen (vorher Lucius III. zu Verona 1184, Mansi^i, und später 
1229 Conc. zu Toulouse — das. 23) — den Dominikanern übergeben 
von Gregor IX. 1232 f. 



Die ctristl. Do^eogreschichte. Erster TheU. 305 

dert energischer Begann, führte eine andere Weise, sowohl 
der Untersuchung, als der Bestrafung ein, und die Schultheo- 
logie fand gar hald angemessene Theorie'n dazu, diejenigen, 
welche sich im Wesentlichen auch späterhin immerfort gleich 
geblieben sind. 

2. Auch der alte Katharernarae ') (S. 92, ähnlich im 
byzantinischen Reiche der der ünberührbaren , ^Ad-iyyctvot 
nach Kol. 2, 21 *)) kehrt jetzt wieder, als selbstgebrauchter, 
oder als beschimpfender Name. Die Katharer des 13. Jahrb., 
vornehmlich die in Italien, sind ein organisirtes Ganze gewe- 
sen, ihre Sitze und Provinzen nannten sich Kirchen, ihre Vor- 
steher Bischöfe, Diakonen u. s. w.*). 

,,Manichäisch" blieb in der Kirche die allgemeine Be- 
nennung für das ünkirchliche , der Kirche Feindselige, sowie 
für dtis Heidnische, und so auch für alle diese Parteien'^). 
In der Hierarchie des Mittelalters kam noch eine andere Rück- 
sicht hinzu (ob. S. 236). Freilich werden aber auch in den 



Nicol. Eymerici (span. Dominikaner, Gen. -Inquisitor, schrieb 
1376 zu Avignon) directorium inquisitorvm baereticae pravitatis — 
kanonisch geblieben in der Rom. Kirche. Liber sententiarum inquisi- 
tionis von Toulouse I3ü7 ff., an Ph. a Limborch. historia inqvis, 
Amst. 692./". Doctrina de modo jirocedendi contra kaereticos: Mar- 
ien, thes. anecdd. 5. Llorente — Einiges Wahre doch auch in 
Joh. Gr. Maistre über die Span. Inquisition. A. d. Fr. Mainz 836. 8. 

r) Die Erregung des Volkslebens durch diese Seelen zeigt sich 
unzweifelhaft auch darin, dass ihre Namen in die gemeine Sprache als 
beschimpfende, in diesem oder anderem Sinne, übergingen. Ketzer 
(Eckb. : nostra Germania Catharos appellat. Steph. a Borb. a 
Teutonicis Cathari), Bougre (ßvlgari: vgl. das sogleich Fg.)^ Patelin 
{Patarenus), Turlupin (Häretiker eben solcher Art in Frankreich, 
14. Jahrb. Ende. Schmidt zu Gerson 101 s., angeblich so genannt, 
weil sie in Wolfsschluchten gefangen wurden). Bigot (nach Leibnitz 
von den Begharden: für verwandt hat man die Worte immer gehal- 
ten). Flegler (Jlagellantes). 

s) 'Ad-iyy. Du Fresne, und Neander KG. 3. 545. 4. 457. 

t) Der Name Papst (jiapa, pontifex), welcher sich in den Ka- 
tharergeschichten oft findet, hat mancherlei Erörterungen verursacht 
(Gieseler a. 0. 1. 362. 2. 539 und 615 f. Hurter a. 0. 218). Er 
zeigt sich, wie es scheint, bei ihnen in vierfacher Bedeutung: der 
Geist, welcher sie leite, wie der Papst die falsche Kirche — ein- 
zelne Gesandte oder geheime Obere (wie jener Papst Niquinta in 
Frankreich Anf. 12. Jahrb., gewöhnlich Nicetas — zweifelhaft — 
gelesen) — das Oberhaupt der griechischen Kirche (Im evang. aet.: 
papa graecus magis ambnlat sec. evangelium. quam papa latinus) 
— endlich irgend ein Bogomilenhaupt. 

u) Einige, wie Rainer, gebrauchen den Namen nur für die Ver- 
worfensten von Allen. 



504 Allgemeine DogmengescLiebte. Vierte Periode. 

meisten Darstellungen dieser Secten ihnen die entschieden ma- 
nichäischen Grundlehren beigelegt von den zwei Principien und 
von Gesetz und Evangelium^). Als wirklich manichäisches Ele- 
ment erscheint in mehren von ihnen der Name und Gebrauch 
des consolamentuvi (Geistesmiltheilung durch Handauflegung, 
auf den Paraklet hindeutend) und der Unterschied der Gläu- 
bigen lind der Vollkommenen, welcher bei den meisten er- 
wähnt wird. Auf die JBogomilen weist das apokryph. Johannes- 
evangelium der Katharer (ob. S. 239) zurück. — Bulgaren 
halte im Abendlande dieselbe Bedeutung mit dem Manichäer- 
namen "^j. 

Das 15. und 14. Jahrhundert führt die bedeutendsten 
und folgereiclisten Erscheinungen der dritten Art von 
Secten auT: der reformatorischen. Sic bestanden 
zum Tbeile in edlen und würdigen Gesellschaften, 
welche sich von der Kirche lossagten, als von der ver- 
dorbenen, und indem sie dem Bedürfnisse ihres Herzens 
und ihrer christlichen Stimmung zu genügen suchten: 
Waldenser ist der historische Name für sie, welcher 



•ü) Hierbei vornehmlicli lässt sich wolil eine grosse Vermiscbung 
von BegrilFen und Nachrichten in der Geschichte jener Zeiten anneh- 
men. Rainer und Moneta lassen die Katharer getheilt sein in Hin- 
sicht auf jene Lehren. Die strengen Duaiisten heissen hei Rainer 
Albanenscs, die milderen, die zwei Principien Einem unterordnend, 
Concorrcxenscs und Bagnolenses (die Schreibart sehr unsicher — 
jedenfalls von ihren Sitzen in Italien). 

Andere Verschiedenheiten in den Lehren der Katharer machten 
sich ihren Bestreitern viele wahrnehmbar. Gerhohus contra diias 
haereses siii iemporis (2. Hälfte 12. Jahrb.) ad Godefrid. abbatem. 
Pez. flies, anecdd. I. %. 2Sl. Ders. de gloHa et honore filii Hei 
cbds. 164. Nestorianische Lehren. Abt Folmar begünstigte solche, 
widerlegt von Adam, Gerhohus Bruder. Folmar's Schrr. , Bibl. PP. 
Lvgd. 25, Adam das. 23. 

w) Bei der Annahme wirklich manichäischer Elemente und Ab- 
stammung in diesen Secten, hat sich die Meinung wieder getheilt: 
ob der Manichäisiuus aus Italien eingedrungen sei (vgl. die Geschichte 
Leo's des Gr.), oder von den Priscillianisten her, oder von Thracien 
her? Aber von allen diesen Stellen her können manichaische Elemente 
eingewirkt haben — die Geschichte deutet auch wirklich auf solche 
hin — ja selbst freie Entwickelung konnte Dualismus sein sogut wie 
Pantheismus. Gieseler's Vermuthung, dass Auguslin's Schriften den 
Manichäismus diesen Zeiten näher gebracht haben, bestätigt sich we- 
nigstens in Beziehung auf die Schriftsteller gegen diese Secten, 
welche Augustinus vielfach benutzen. 



Die cliristl. Dogmeng-escliichte. Erster Tliell. 505 

jedoch aiicli allg;cmeine Bedeutung erhalten hat'). AI- 
higenser hicssen Menschen oft von gleichen Grund- 
sätzen, doch mehr mit weltlich - stürmendem Sinne ^). 
Zum Theile waren es auch Anhänger neuer Pro- 
phezeinngen, oder Büssersecten oder schwär- 
merische Verhrüderun gen 2)5 alle das Unheil in 
der Kirche hehlagend und Verfcündiger hesserer Zeiten. 

1.^) Der wahre Ursprung des Wal d ans er namens '') ist 
zweifelhaft. Gewiss scheint es, dass die Benennung, Thalbe- 
wohner {Fallenses, Faudois)^ von den Thälern in Piemont, 
der natürlichen Zuflucht Bedrängter aus den benachharten, von 
Seelen durchzogenen, Gegenden , schon vor Peter Valdo oder 
dem Waldenser (zu Lyon um 1170) bestanden habe''). Im- 
merhin mag Eine Art von jenen sich an diesen Mann ange- 
schlossen oder eine eigenthümliche Richtung durch ihn erhal- 
ten haben. Leonisten, wie sie auch genannt wurden, war 
vielleicht ein Feindesname, Arme {paüperes de Lugduno), 



a) L. Fiat/ic, GcscIi. d. Voi-läufer der Reformation L. 835 s. JJ. 
(Bis in das 15. Jahrh.) Die alten ScJjriften von den Zeugen der 
Wahrheit. 

h) Jo, Leger: last. gen. des egl. evaiig. des vallees de Pieviont 
OH J'uiidoises. Loyden 6(59. II. ,/- ;,D. von v. Schweinitz-Baiimgarlen 
L. 750. II. 4.) {Jac. ßrez) bist, des Faudois. Laus, et Ulr. 79ö. 
II. 8. (D. Lpz. 798. 8.) F. C. v. Moser, actenmässige Gesch. der 
Waldenser. Zur. 738. Die Literatur in W. Dieterici: die Wal- 
denser, und ihre Verhältnisse zu dem Brandenhurgisch -preussischeu 
Staate, ßerl. 831. u. b. F. F. Fleck : die Waldenser. Wissenscb. 
Reise 2. ß, 1. Abth. L. 835. 21 ff. 

Ursprüngliche Urkunden der Gesellschaft: la nobla leyQon , Ge- 
dicht, voltständig bei Raynonard ob. erw. B. 2. Daselbst auch an- 
dere Gedichte. Bei Leger auch Katechismus (dcrs. bei Dieterici Anh.), 
Glaubensbekenntniss — kleine Schrr. Sämmtlich sollen sie in den 
Anläng des 12. Jahrh. gehören: die nohia h'y(,',on giebt zweideutig 
ihre Zeit an: 1100 Jahre nach Bestimmung der lezten Zeiten (der 
apokalyptischen Best., im Buche oder in der Offenbarung selbst — oder 
irgend einer durch Christus im Leben). Für den Anfang des 13ten 
Jahrh. würde bei keiner dieser Urkunden eine Schwierigkeit sein. — 
Spätere Glaubensbekenntnisse: 1532. 1055. 

Die Partei selbst braucht nicht aus anderen, früheren (der Wesl- 
gothischen, meinten die Gegner: die Wald, selbst, von Claudius von 
Turin) hergeleitet zu werden. Man begreift sie leicht in ihr selbst. 

c) I. C. Ilarenbcrg. JFahlenses Petra de IFaldo antiquiores. 
Ot. Gandersheim. saor. Trai. ad Rh. 740. 

Auch der Name, Leonisten, wurde von deutschen Hist. des MA. 
bisweilen von einer Person des Namens, Leo: ja von Eberhard selbst 
der Name Sdbatati von Xabafata abgeleitet. 

Dogmcngcschichle, 20 



506 Allgemeine Dogmengesehlchtc. Vierte Periode. 

Demüthige {humiliali) sind Namen, welche sie sieb wohl 
selbst, und in anderem Sinne ihre Feinde ihnen gaben •*). 
Bald bedrängt und verfolgt®), bald beruhigt, immer mehr auf 
ihr eigenes geistiges Leben gerichtet als auf Verbreitung wei- 
ter hinaus ^) ; hat diese ehrwürdige Partei bis in unsere Tage 
herein ihre ersten Grundsätze und ihren ersten Werth unver^ 
ändert erhalten s). ,,Die R,eligion, als Angelegenheit des Men- 
schen, als Sache des Lebens: daher einfach, frei, geistig zu 
haben und zu üben : das Evangelium , auch in den Formen 
der allgemeinen Kirchenlehre, gläubig aufzunehmen, doch diese 
Kirchenlehre immer mehr praktisch zu fassen und anzuwen- 
den." Der vollkommen freie Gebrauch der heil. Schrift in 
der Volkssprache, die freie Predigt (mit dieser vornehmlich 
begann die Secte), fromme Schrift und Dichtung, gemeinsame, 
klare Erbauung, vor Allem die Verwerfung des klerikalischen 
Ansehens, der Römischen Macht, der kirchlichen Ceremonie, 
dieser überhaupt und als eines guten Werks — dieses wa- 
ren Einrichtungen, welche sich mit Nothwendigkeit aus jenen 
Grundsätzen ergaben, und sich mit solchen immer beisammen 
gefunden habeu. Bemerkenswerth ist der Widerspruch gegen 
die Lehre vom Fegefeuer, welcher überhaupt bei diesen Par- 
teien, besonders aber bei den Waldensern, schon häufig her- 
vortritt. 

2. Die Albigenser waren schon durch ihre Geschichte 



iV) Sahatati (gewöhnlich Sabbat.) von der Fussbekleidung (sabot) 
— ohne Zweifel sandalenartig in Orient., urcbrisll. Weise. Vielleicht 
ist die kirchliche Sage, dass die Waldenser den Umgang und die 
Bräuche der Juden liebten (Lue. Tudens. 3, 3; audiunt — doclri- 
nam kaeresium a Ii/daeis, qiios familiäres sibi annvmerant et ami~ 
cos) nur aus einem Misversländniss des Sabbatati (auch Insabb.) 
entstanden. 

e) Bann gegen die Waldenser durch Lucius III. zu Verona .1184 
(vgl. bei dem vor. Paragr.) — Vereinigungsversache durch den abge- 
fallenen Waldenser, Dominicas de Osca, von Innocenz III. erfolgslos 
gefördert. 

/) Ihre Verbreitung von dem Ursitze her, hat wohl nur in Frank- 
reich (Innocenz Hl. nach Metz, epp. 2, 141. vgl. Harter 2. 141 f.) 
und Italien stattgehabt (Mailand: Innoc. epp. 12, 17). Daher der Un- 
terschied von Ultrainontani und Lombardi. ' — In Nord Frankreich er- 
hielten Parteien dieser Art den Namen Picardi. Die Waldenser in 
Deutschland, hin und wieder aus dem 13. Jahrb. erwähnt, ge- 
hörten wohl nicht der eigentlichen Partei an. So auch in England. 

'g) Unter Anderen Maverhoff: die Waldenser unserer Zeit. BrI. 
834. Vornehmlich DieteVici und F. F. Fleck a. 0. 



Die cliristl. Dogmeugescliiclite. Erster Tlicil. 307 

in das äusserliche Leben und seine Kämpfe hereingezogen ''). 
Die Waldenser beklagten die Verwechselung, welche oft Statt 
fand bei ihnen und den Albigenscrn, wie die mit den Kalha- 
rern^). Der Gräuel eines Vertiigungskrieges innerhalb der Chri- 
stenheit, welcher hier, wenigstens in der abendländischen Kir- 
che zum ersfenmale gegeben wurde (seit 1209), mildert sich 
etwas eben durch jenen politischen, stürmischen, vielfach zer- 
stöi'enden, Charakter dieser Partei. Die Stedinger (von 
1232 — 34)^) waren zwar mehr eine bürgerliche Partei, ge- 
gen Bischöfe als weltliche Regenten, gerichtet: aber es stellt 
sich doch auch in ihnen der freie Zug im rel. Leben des deut- 
schen Volks jener Zeiten dar. Auch war die Erregung dieser 
Menschen zugleich gegen die Verdorbenheit des Klerus gerichtet. 
Indem die Kirche gegen diese und ähnliche Parteien eine 
mächtige Waffe gewann durch die neuen Mönchsorden, die 
Dominicaner und Franciskaner : trat hier wieder, wie bei der 
Bekämpfung der aristotelischen Philosophie, das kirchliche Mit- 
tel ein, die feindselige Parteiung durch äusserlich Gleich- 
artiges zu bekämpfen: die predigenden Secten durch den 



A) Petr. S arncnsis od. rallisern. {Fmix Cernay) hi'sf. Albi- 
gensium. Duchcsn. Scrr. Fr. 5. 557 ss. und Bibl. Cisierc. 7. — 
Guil. de Podio Lauren tii (Pinjfaiirens) chronica sr/per fast, 
negotii Fr an cor um- aduersus Albigenses. Ducliesn. a. 0. 666 ss. 

— {Cl. le Vie et Jos. Faissette) histoire gen. de Lariguedoc. 
Par. 737. ///. f. Hierin hist, de la gverre des Alhigeois, gleichzei- 
tig mit dem Alb. krieg; von welcber Schrift die Quelle ist: Hist. de 
la croisade cojifre les heretiqnes Albigeois eerife en vers provencaux 

— tr. et piihl. par M. C, Favriel. Par. 837. 4. Raumer u. Hur- 
ter 2. {Simonde v. Sismondi, Kreuzzüge geg. d. Albig. L. 829. 8.) 

i) Petr. las, de Valdensium secta ab Albigensibtis bene distin- 
gvenda. L. B. 834. 8. — Die VViderlegungsschrr. der Kalharer oben, 
wie die späteren Gegner der Wald., vermischen sie mit den Kalha- 
rern. Wiederum, nach Gieseler's Bemerkung, auch die Vertheidiger 
der Kalharer uud Albigenser : G. Arnold, ßeausobre u. A. Einige von 
jenen i^wiePeler v. Vaax Gern.) nennen wenigstens die Wald, die Be- 
sten — longe minus perver.ii — von jenen. 

k) Die Abb.; lo.D. Ritter, de pago Steding et Stedingis. Vit. 
731. 4., ausgez. von Schröckb 29. 637 ff. Car. Aem. Scharling. 
de Stedingis. Havn. 828. 8. Tdgt die Naebweisung hinzu vom Wie- 
deraufleben jener Stedinger Bewegungen gegen den Erzbischof von 
Bremen, J. 1257. Raum er 8. 682 ff. 

Die Anklage der Abgölterei mit Bildern von Kröten und Katzen 
findet sich, ausser den Siedingern, bei andern deutschen Ketzern die- 
ser Zeiten (vgl. die Verartbeilung Trler'scber Här. b. Harzhem. Con- 
cil. germ. 3). Jene Bilder wartm alte deutsche Teufelslarven; und 
bekanntlich mischte der Sinn unseres Volkes in alle diese Dinge gern 
den Teufolsspuk. 

20* 



308 AUg-emeine Dog^iuengcschicblc. Vierte Periode. 

Predigerorden, die Seelen der freiwillig Armen durch die Brü- 
der der Armulh. Die Namen, Brüder, Arme, Niedrige, fin- 
den sich daher immer zugleich in diesen Gesellschaften und in 
jenen Orden. Aber es gingen auch in diese Parteien und Ge- 
sellschaften Viele aus den Mönchsorden üher, von den Fran- 
ciskanern vornehmlich ^) : die Dominicaner finden sich in ähn- 
licher Weise oft in den Reihen der Mystiker {ob. 104). 

3. Eben vornehmlich unter den Mönchen des, 13» Jahrh. 
{spirüuales , dann fraticelli^ wurden diese unkirchlichen Or- 
densgenossen der Franciskaner genannt) ™) zeigt sich eine pro- 
phetische Seele, welche ein neues, ewiges Evangelium 
für die Kirche hoffte und verkündigte (Apok. 14, 6), selbst mit 
entschiedener Zurücksetzung der Sache u. Lehre Christi und der 
Apostel"). Die Einleitungsschrift in dieses Ev. (1254) wurde 
kirchlich verurtheilt °). Jenes apokalyptische Wort hat auch 
durch die folgenden Zeilen oft der phantastischen Unzufrieden- 
heit mit den kirchlichen Zuständen zur Losung gedient. Auch 
die Anwendung apokalyptischer Bilder auf das Römische Kir- 
chenthum beginnt in diesen Parteien. Eingeführt wurde diese 
prophetische Richtung vornehmlich durch Joachim aus Cala- 
brien , Abt von Floris (gest. 1202) , und in seinen Schriften 
fanden jene auch das ewige Evangelium J"). • 



/) Und von denen der 3. Regel des h. Franz {Tertiarii). 

m) Spirüuales , ursprünglich die Vertheidiger der strengen Regel 
des heil. Franciskus: Fraticelli {Fraterculi, eigentlich, halbe Or- 
densgenossen) seit Bonifacius Vill. Dem Papste, dein Klerus, ja der 
Kirche Widerstrebende, 

Man mass es bei allen diesen Secten festhalten, dass sie Iheils 
selbst sich forluährend mit einander vermischt haben, theils in der 
kirchlichen Sage und Meinung vermiscJit worden sind. Auch auf der 
anderen .Seite wurden würdige Gesellschaften mit den verwerflichen 
vermischt i z. B. die Brüder des gemeinsamen Lebens mit den ßeghar- 
den (.Moshem. a. 0. 70). 

n) Engelhardt. de evangelio aeterno 3 Abhh. Erl. 834 — 26. 
Ders. : der Abt Joachim u. das ewige Evangelium. Kgesch. Abhh. 1. 

o) Die Schrift: introdueiorius in ev. aet. von den Pariser Docto- 
ren zu Rom angeklagt 1254, von Wilhelm von St. Amour den neuen 
Orden zugeschrieben, von Alexander IV. 1355 verurtheilt. Eymeri- 
eus — Argenlr. I. 163 ss. Johann von Parma, BonaVentnra's Vor- 
gänger als Ordensgeneral, galt als Vf., richtiger wird Gerhard, sein 
Freund und Ordensgenosse, dafür gehalten. {Oudin. 3. 240 ss. En- 
gelh. angf. Abb. 85 f.) Dass das eigentliche evangel. aeternum die 
Schriften Joachim's gewesen, verehrt in diesen Franc.parteien, 
hat Engelhardt bewiesen. 

p) Abt (und Vorsteher der Florensischen Congregation). Acta SS, 
Mai. 1. 489 ss. 



Die clii'istl. Dogmeng-escliichte. Erster TJieil. 309 

Die Secten und Gesellschaften der Flagellanten (auch Kreuz- 
brüder genannt) im 13. und 14. Jahrb., bis zum Concil zu 
Costnitz ^), geben ein merkwürdiges Bild aus dem kirchlichen 
und bürgerlichen Leben dieser Zeiten, geeignet freilich nur, 
das Trübe und Abscbreckende derselben noch mehr hervorzu- 
heben. Jenes allgemeine Elend, besonders des 14. Jahrb., 
und der Verfall von Allem, was gut, gross und beilig erschie- 



Werke : de concordia utriusque testamcnti (vollst. Auszüge bei 
Engelhardt) — expositio apocalypseos — Comment. zu Jerem. (alle 
prophetischen Iiilialts). Psalterium 10 chordarum (giebt die Trini- 
tätslehre, welche Joachim der Lombardischea entgegensetzte, und de- 
retwegen er yerurtheilt wurde im 4. Later. Concilium. Die Trin., 
fast wie bei den Montanisten^ bestehend aus dem dreifachen Hervor-' 
treten der Gottheit, im Zeitalter des V., S. und G.) Engelhardt 
a. 0. 266 ff. 

Verkündigungen Joachira's: Erneuung der Kirche mit dem 
J. 1260 (aus biblischen, jedoch nicht apokalyptischen, Berechnungen) 
— Erneuung durch zwei Mönchsorden, einen contemplativeu 
und einen predigenden (die Taube und den Raben Noa's) -;- entschie- 
dener Vorzug des Mbnclisstandes vor dem klerikalischen {necesse est 
vt Iranseat signißaatiim Petrl, et maneat significatum loannis). — 
Iiidependentes werden in diesen Geschichten erwähnt: Verächter 
des Klerus. 

Ein anderer Apokalyptiker aus dem Franc. orden Petr. lo. Olivi 
(gest. 1297.', Postilla in apocalypsin — 60 Sätze aus ihr von den 
Pariser Docloren. Johann XXII. vorgelegt: Baluz. Mise. I. 213 ss. 
Arg. a. 0. 226 ss. Apologie Olivi's durch Ubertinns de Casali 1297. 
q) F. Boileati, hist. Flagellantiiiin. Par. 700. 12. (Auch in 
Franz. Spr.) Gegen ihn /. B.- Tliiers , critiqtie de l'/iisf. des Fla- 
gellans — Par. 703. ßfuratori, de conjraternitalibus — Jlagel- 
lantibus et sacris missionibus — Antqq. II al. 6. 447 ss, G. Förste- 
mann, d. ehr. GeisslergcsellschaFlen. Halle 828. Dess. neue Mitlhei- 
lungen aus d. Gebiete hist. antiquar. Forschungen 835. II. l H. 9 ff. 
Mohnike, über d. Geisslerges. n. and. Verbrüderungen dieser Art. 
Ztschr. f. d. hist. Th. Hl. 2. 1838. A. Stumpf, ungedruckte hist. 
ßog. 835. Der Flagellautismus und d. Jesuitenbeichte nach d. Ital. 
des Giov. Frusta. L. 834. 

Als Askesis schreibt sich das Geissein nach den kirchl. Berichten 
von Petr. Damiani her {ppusc. 43 : de laude ßagelloi'um et disoipU- 
vae). Askesis und Büssang lagen sich immer nahe in -der Idee und 
im Leben. Der Fanalismus der Geisslerhaufen beginnt nach der Mitte 
des 13. Jahrh. : 1260 und 1399 heissen die grossen Jahre der Devo- 
tion. In Italien nahmen sie auch einen politischen Charakter an: 
Sitte des Lebens und gesellschaftliche Ordnung lösten sich natürlich 
überall durch sie auf. Sie wurden durch Clemens VI. 1349 abgestellt 
CRaynald), dann durch das Concil. v. Costnitz. Gerson's vorzüg- 
liche Bemühungen: fractat. contra seelam ßageUantium — ep. ad 
Finc. Ferrerum contra se ßagellantes : beide \i\i. Auch d'Aiily 
an Ferrer. 



510 Allgemeine Dogmengesehlclite. Vierte Periode. 

nen war, dieses, was Andere nur in mystische Tiefen hineiü- 
führle, drängte Viele im Volke dahin, in allgemeiner Biissung 
Sündenvergebung für Alle zu erwerben. Solche geiss- 
lerische Durchzüge geschahen in Italien, Deutschland, Spa- 
nien'"). Unter grossen Misbräuchen"), üeberspannungen, Sinn- 
losigkeiten haben diese Bewegungen doch auch religiöses Le- 
ben im Volke entwickelt und erhalten'). 

Schwärmerische A'^ereine der verschiedensten Art, und 
mehr und minder lauter, reich an merkwürdigen Erscheinun- 
gen, sind die Beguinen (Begutlen) und Begharden (seit 
12. und 13. Jahrb.)"), Lollharden (seit 14. Jahrh.) und 
ähnliche. Schon die Namen weisen alle auf Innerlichkeit und 
Gebet bin*^), als auf ihr Wesen und ihr Werk: mit welchem 
sie denn aber leicht, wie alle solche Secten, auch über alles 
äusserlich Kirchliche hinaus, oder sogar in Gegensatz gegen 



r) In Spanien, und von da aus in Südfrankreich und Oberitalien, 
Vincent Ferrer v. Valencia, seit 1374 Haupt der Geisslcrges. (gest. 
1419,: Opp. 491. IF. JA. SS. Apr. I. 475 ss. L. Heller, Vinc. 
Ferrer. Berl. 830. Gervinus, Geseb. v. Aragonien. llist. Scbrr. 
833. vgl. Co7n. I/ohenlhal-Staedteln, de F. Ferr. L. 839. 4. 

s) In den deutschen Secten (die Sangerhäuscr 1414) fand sich auch 
die entschiedenste Verachtung der Kirche und ihrer Heilsmittel. 

t) Geisslerlieder (carmina in lingua matcrna: Trifh. ehr. Hirs- 
aiig. a- 1348) in den ob. erw. Sammlungen der alten D. Volkslieder. 
,,Stabat mater" ein älteres, aber gewöhnliches Lied der Geissler: 
Mohnike, kirchen- und lit.histor. Studien I. 2. 407 ss. Vgl. Kist 
in: Zeitschr. f. hist. Theol., N. Folge 1, 2. Gieseler: Lied und 
Predigt der Geissler von 1349, aus einer ungedruckten Chronik des 

14. Jahrb., th. St. u. Kr. 837. 4. 889 ff. 

In Russland eine Secte der ,,sich geisselnd Christum Suchenden*' 

— Reise eines Russen iv Russl. Zerbst 83'i. S. 52. Parallel, wie- 
wohl nur als verwildeter Enthusiasmus, die Tanzwulh des 14. und 

15. Jahrh. (vgl. ob. bei den Messalianern S. 115). Sie wollten als 
Energumenen des Satan gelten. J. F. C. Hecker: die Tanzwuth, 
eine Volkskraokheit im MA. Berl. 833. 

m) Der Name der Beguinen erscheint in Frankreich schon im 10. 
Jahrb., und im guten Sinne {religiosae virgines, ohne Klostergelübde). 
Die Gesellscbaflen der Frauen (jSegmnae, Bcguttae) sind früher ent- 
standen als die der Männer {Beguini, Beghardi): diese erst 13. Jahrh. 

v) Begh. u. Beg. nicht von der h. Begga, sondern (die Bollandisten 

— richtiger deutend Mosheim) von beggen, bitten, beten (Herz- 
beter: Lolih., innerlich Betende). Als Spottname Papetardus {ohne 
Zweifel von ähnlicher Bedeutung). 

Der Name, tewtores , textriees (Tisserands) , kommt bei mehren 
dieser Parteien, schon beim h. Bernhard u. Eckbert, dann 13. Jahrb., 
vor. Er wurde vornehmlich in den Niederlanden gebraucht, um die 
kirchenverachtenden Handwerker zu bezeichnen. 



Die ehristl. Dogmengeschichte. Erster Theii. 511 

dasselbe kommen konnten. Aber es drangen in sie auch ge- 
fahrlichere Seelen und Lehren"^), vornehmlich auch von der 
panlheistisch- mystischen Art ein^). Der ßeguinenname hatte 
daher sehr verschiedene Bedeutungen : in der Zeit der Refor- 
mation halte er auch ein sittliches Vorurtheil im Volke 
gegen sich. 

§♦ 115« 

Solche rcforraatorlscbe Parteien aber, welche von 
Einzelnen ausgingen, hatte diese Periode in ihrem 
Ausgange die beiden berühmten und von bleibender 
Wirkung: die von Job. Wikliff und von Job. Hus. 
Wenn sie gleich historisch zusammenhängen, sind sie 
doch in Wesen und Art verschieden. Die von Wikliflf 
ging von einer scholastisch - reforniirenden Grundlage 
aus : daher sie denn auch schärfer in die Kirchenlehre 
einschnitt^). Die von Hus betrat vorzugsweise das prak- 
tische Gebiet: und sie liess auf dem des Glaubens selbst 
solche Lehren stcbn, gegen welche sich Wikliff mit 
grossem Eifer erklärt hatte. Eben darum ging Wikliff's 
Sache mehr in die allgemeine Denkart und Tendenz 
seines Volks und jener Zeiten über: die von Hus lebte 
lauge fort, wenn auch nicht immer in der ursprüngli- 
chen Form, und wenn auch mit anderen Parteien ver- 
mischt^). 

1. Jo. von Wikliff (wirksam in der kirchl. Opposition 
seit 1360, seit 1312 iu Oxford, gest. 1384)^), durch den 



w) So sind die Brüder des freien Geistes (ohne Regel jjer II- 
hertatem- spiritus lebeud: Clemens V. gegen sie 1311) iin 13. Jahrb. 
oft mit den ßegh. entweder vereinigt gewesen oder vermengt worden. 
Begharden zu Köln 1306 vgl. Mosk. 2lü ^j. ; qiiae spirihi Dei agun- 
tur, non sunt sub lege ^ S'^-S^''^ welche Duns Sc. nach Köln gesendet 
wurde. Jene werden von Gieseler mit Amalrich in Zusammenhang 
gebracht. 

x) Die Strassburger Begh., deren Meinungen Johann Bischof von 
Strassb. im Hirtenbriefe von 1317 aufführt (Mosh. 255: vergl. oben 
S. 272 bei Eckart): Deum esse forTnaliter omne fjuod,est — quod 
hämo possit sie uniri Deo , quod ipsius sit idem posse ac velle et 
qperari quod est ipsius Dei — se omnia creasse et plus creasse 
quam Demn — quod quilibet homo perfoctus sit Christus per na- 
turam. Auch diejenigen Begh., welche Joh. XXII. 1330 verurtheilte 
(Mosh. 284): In aninta nostra est a Deo increatum et increabile, 
puta intelleotus hum. — Deus neque bonus est neque malus, sed 
nee optimus. etc. Omnes creaturae sunt unum pure nihil. 

a) Wicliff (oder JFicUffe, und noch anders) von seinem Geburts- 



312 Allgemeine Dogmen geschlehte. Vierte Periode. 

immer freieu Geist der englischen Kirche'') und durch viel- 
fache, doch mehr scholastische, Studien gehildet"), kämpfte 
gegen die Kirche zugleich für das Evangelium, für die Gei- 
stesrechte des Volks, für den Staat und für die Wissenschaft. 
Der scholastische Realismus, zu welchem er, obgleich Occam's 
Verehrer , hielt '') , war von Einlluss auf seine theologische 
Denkart : sie hat vornehmlich von ihm her einen pantheisti- 
schen Zug in sich ^) ; auch au dem Widerspruche gegen die 



ort in Yorkshire genannt. Von der Univers. Oxford ausgeschlossen 
(ohne Anatheni) 1383, von da an treuer Pfarrer s. Gemeine zu Lut- 
terworth, Buciur evange/icus genannt. 

Von einem Gegner: Ilcnr. Kmjj^hton , clironicon de cverJihus 
Angliae (bis zu 1395: gcschr. 139i) in IL Twisden Scriptt. 10 
hist. Angl. Lond. G52./. Aus ihm unilL Tho. Walsingham {\b. iAhvh.') 
zwei Schrr. gegen W. und s. Partei, Argentr. I. 'Z. 1 ff. Befangen 
ist, aber mit Geist geschr. : Ilistoirc du JViclcJianisme (VViclilf, Hus, 
Hier. v. Prag). Lyon 682. 12. — J. Lewis , hist. of the Life and 
Sufferings of J. IFicllfo. (Lond. 720.) N. A. Oxf. 836. II. Roh. 
Vaug han , the Life and Opinions of J. de ff^ycliffe (829). Lond. 
831. il. ist das ausgeslattetste Werk. Le Bas , Baber anzuf. W. Mit 
Benutzung dieser Früheren: iS". A. I. de Ruever Gruiie iuann^ 
dialr. in Jf^icliß, Reformationis prodromi, vitam, ingeniiini, scripta. 
Trai. 837. 8. . . • 

Die Schriften W. meist noch ungedruckt. Vieles Wichtige: Jf^ri- 
tirtgs of J. IFicL — Lond. 836. Gleichzeitiger Gegenschriftsteller: 
Tho. tValdensis, doatrinale anliqvitatuin ßdei eccl. catholicae. 
Par. 532. Gegen Hus gerichtet ist S tephanus^ medulla tritiei s. 
Antiwiklefus. /'es. tlics. 4. 2. I'i9 ss. 

V) Von Ruever Gr. erw.: U. So am es, the Anglo-Saxon Church. 
Lond. 835. 

Der Zeit nach am nächsten steht Wikliff, und ward von \V. be- 
nutzt: Rob. Grostest (Greathead), schlechthin Lincolniensis von 
ihm gen. von s. ßisthum (gest. excoiniti. durch Innoc. IV. , doch ,als 
Bischof 1253). W. Freund, der freisinnige Dichter, Galfrid. Chaucer, 
Uebersetzer des Roraanes von der Hose. Früher hinauf der Mönch 
Aelfericus (gest. um iüäO): Oudin. und Cave. 

Es ist zweifelhaft, ob W. unmittelbarer Schüler Bradwardin's ge- 
wesen sei : er würde auch von ihm nur den Determinismus angenom- 
men haben, welcher aber bei ihm seinen selbständigen Grund hatte. 
Die Katharer und VValdenser in England (12. und 13. Jahrh.) können 
wohl nur den entferntesten Einfluss auf W. gehabt haben. 

c) W. hat Aristoteles (in den Uebss.) viel gelesen: Plato kannte 
er, wie man wohl mit Recht meint, nur aus Augustin. Roger Baco 
und der gleichzeitige Occam wurden von VV. hochgeehrt. 

d) JV. de universalibus , zu Prag seit 1-iOl die Fundam.schrift 
der dort herrschenden realist. Partei. Auch trial. L 

e) Der Determinismus, bei W. pantheistisch begründet, ist die- 
sem Reformator also etwas Anderes, als den deutschen Reforma- 



Die chrtstl. Dogmengeschiclite. Erster Theil. 315 

Lehre von der Transsuhstantialion , welcher bei Wikliff viel 
bedeutete^), hatte sie Antheil. Der Trialogits (1382)°) ist 
eine reformirende Dogmalik, ganz noch in scholastischer Form. 
Doch war der Widerspruch W. mit noch gTösserer Anstren- 
gung nach der Seite des kirchlichen Lebens hin gerichtet. 
Die neuen Mönchsorden (fratres) '') , der Primat und die Ge- 
waltherrschaft des Papstes *) , die Hemmung freien Schriflge- 
brauchs und der freien Predigt, erregten ihn. Als Uebersetzer 
der h. Schrift (1380)'') und als Prediger^) wirkte er in den 
Geist des Volks. Schon bei seinen Lebzeiten wurde er ver- 
urtheilt (Concil zu London 1382, nachdem er früher schon 
über 19 Salze angeklagt war bei Gregor XI. 1376'")), fort- 



toren. Hier hat er eine religiöse Bedeutung. Die pantheist. 
Sätze stehen ührigens unter den zu Costnitz verurlheillen. 

^ ,/) /lUeriivi milli'navrnm. hfissl bei W. die Zeit der verdorbenen 
Kirche („der Idololatrie") nach dem ersten Jahrtausend: sie beginnt 
ihm mit ßerengar's Unterdrückung durch Lanfrank. — W. 13 Thesen 
gegen die Transsubst. 1381. (nur der Gedanke besitzt und sieht 
Chr. Leib u. BI. im AM. — wiewohl, 8. Thes., frnn.tsub.ifantiatur 
,panis et vinurn, cuius reinanet post consecral. aliquitas, licet quo- 
ad considerationem. ßdelium sit sopita). Vertheidigung seiner The- 
sen W. in: tite JVickbt (Pforte des Lebens). 

g") Dialogorura libri 4 [iirialogiis in der eigentl. Aufschr. gen. : 
Alitheia, Pseudis, Phronisis d. i. Evang., Unwahrheit, Theologie) zu- 
erst a. 0. 1525. 4. Von L. Ph. Wirih. Frkf. u. L. 753. 4. Gegen 
AenTrial.JVilli ff^ieleford, Francisc. Ende 14. Jahrb., Fascic.e. 
exp. et f. 

h) In dieser Bekämpfung der Bettelmönche vertrat er anfangs die 
Universität — seine erste Sehr. 153(5: de vlliina actate ecclesiae. 

Gleichzeitig handelte zu Paris die Univ. gegen Joh. de Mougon 
(Montesono), Dominikaner. Argentr. a. 0. 61 ss., vfo auch P. d^Ailly 
Rede und Sehr, gegen diesen gefunden wird. 1366 Parl.acte gegen 
die Eingriffe der Mönche zu Oxford. 

z) Gegen die Hierarchie: 1367 determinalio de dominio. 1374 f. 
Gesandter zu Brügge bei den Abgesendeten Gregor's XI. 

k) W. ist entschieden der erste Uebersetzer der ganzen Schrift 
in die englische Sprache. Er übersetzte aus der Fulgata. Die 
Uebs. N. T.'von Lewis herausg. 731, N. A. durch H. H. ßaber 810. 
Die Herausgabe des A. T. seit 1833 bereitet. W. schickte voran: de 
ventate et sensit scripturae und zur Verlbeid. der ßibelübs. 19 coii' 
clusiones. Vergl. JV harton. auetar. lo. ifsser. hist. dogin. de 
scripturis et sacris vernacuHs 690. Verbot der W. und jeder Bibel- 
übers. durch EB. Anindel Londn. Synode 1408. 

l) Vgl. Engelhardt: Wyclilfe als Prediger. Er!. 834. 

m) Conc. Londin. 1382. Mansi 26. 695 ss. {flaereficae conclu- 
siones 10, erroneae 14.) Die 7. der ersteren: Deus obedire debet 
diabolo — welche W. ableugnete, seine Schüler von obsequium ca- 



514 Allgemeine Dogmengeschichte. Vierte Periode. 

während durch die Volksgunst und die höhere Bildung getra- 
gen "), dann nach seinem Tode zu London (1396 und 1413), 
zu Prag (1403 und 10), zu Rom (1412) und zuletzt zu Cost- 
nitz (1415)°). In ihrem Vaterlande (1413) und auswärts ver- 
folgt^), aber auch ihrem Charakter gemäss, hielt die Partei 
äusserlich nicht lange zusammen. 

2. Jo. Hus*!), auch in nationaler Opposition gegen die 
Kirche jener Zeit") und von Wikliff angeregt'), seit 1404 im 



ritatis deuteten, sollte sich ohne Zweifel auf W. Lehre von der so- 
lutio satanae beziehen (W. Schrift de Diabolo millenario). 

v) Gregor's vier, erfolgslose, Bullen: W. zwei expositioncs thesium. 

o) Zu London 1396, 18 Sätze verurlheilt, 1413 aber 260: zu 
Costnitz 45 Sätze ^ wie zu Prag 1403. (8. Sitzung von Costn. Der 
Beschluss daneben, dass W. Gebeine verbrannt werden sollten, erst 
1428 ausgeführt.) 

})) LoUharden wurden schon 1394 (Uebergabe von 12 Sätzen 
derselben an das Parlament) und fortwährend, vornehml. wandernde 
Wiklefitische Prediger genannt. Lollhardische Schriften dieser Zeit: 
Writings and Examinations of Brüte, Thorpe etc. and others. 
Lond. 835. 

Wie die deutsche Reformation, so wurde auch W. Sache mit den 
Bauern Unruhen in England 1381 in Verbindung gesetzt. Vergl. 
Ruever Groneviann a. 0. 220 ss. 

q) Zach. Theobald: Hussitenkrieg — Leben, Lehre u. Tod M. 
I. Hussii (1609) herausg. v. Baumgarten. Berl. 750. III. 4. Hist. et 
monnvienta I. Huss. et Hier. Pratensis. Norimb. (558) 715. H. f. 
Gerichtl. Ankl. u. Vth. J. H. ehe er z. Conc. zu Costn. ging: Th. St. 
u. Kr. 837. 1. — Aen. Sylvii de Bokcmunim origine ac gestis. 
1475. lo. Coclilaei hist. Hussitaritm. Mog. 549./. — A. Zitte, 
Lebensbeschr. des M. J. Huss v. Hussinecz. Prag 789. II. 8. Conz, 
Andenken an H., kl. pros. Schrr. (Tüb. 832. II. Nr. 3.) A.B. Zürn, 
J. H. auf dem Conc. zu Costn. L. 835. A. Neander, Züge aus dem 
Leben J. Huss. Kl. Gelegenhe.itsschr. (Berl. 829) 217 ff. J. H., der 
Vorbote d. Kirehenverbess. Darmstadt 839 

/. H. Opp. Nor. 558. 715. II. f. Vermischte Schrr. des J. Huss. 
L. 784. 8. 

Die Geschichtsbücher für das Conc. zu Costnitz von v. d. Hardt ^ 
(1700), Lenfant (1714), K. Royko (2. A. 782. IV). Die Gesch. des' 
K. Wenceslaus v. Pelzel (Prag 788. II.) — des Ks. Sigismunds von 
Aschbacb. 2. B. Frkf. 839. 

r) Die Böhmischen Reformatoren vor Hus: Conr. Stiekna (gest. 
1369), Jo. Milicz (gest. 1374), Matthias von Janow {Bohemus oder 
Paris., gest. 1394): Augustin Zitte, kurze Lebensbeschrr. be- 
rühmter Männer Böhmens. Prag 786. Gieseler II. 3. 283 ff. 

s) H. Vertheidigung WiklifPs : actus pro defensione libri I. JV. 
de trin., und replica contra Angluiti lo. Stokes, If^icl. calumniaio- 
rem 1411. Defensio quorundam artt. I. JV. 1412. Durch Erzbisch. 
Sbinko von Prag waren 1410 Wikl. Schriften verbrannt worden. Da- 
zu : de libris hacreticorum legendis (jion eomburcndis). 



Die cliristl. Dog^mengeschlclite. Erster Theil. 5 15 

kirchlichen Streite: als Lehrer und Prediger zu Präg, und als 
Schriftsteller vornehmlich durch seine Abhandlung von der Kir- 
che (1413 geschrieben nach seiner Excoramunication durch 
Rom)'). Zu Paris wurde er mehr seiner realistischen Ansicht 
wegen gemisbilligt (auch zu Costnitz stand ihm diese entge- 
gen)"); sein und seines Freundes Geschick, des weit umfas- 
sender strebenden, Hier. (v. Faulfisch) von Prag (1415 und 
1416)^), wirft einen trüben Schein auf die Coslnitzcr Kirchen- 
versaramlung, von welcher Seite man auch das Ereigniss auf- 
fassen möge^^). Während er die Lehre von der Transsub- 
stantiation stehen liess^), wendete er sich mit Macht gegen 
die Entstellungen des Abendmahls durch das Priesterthum {coin- 
munio sub una)^), daneben gegen priesterliche ünwürdigkeit 
und Anmassung, auch gegen den Ablass ') und gegen das Papst- 
thum. Der Name des Antichrist, in welchen die christliche 
Welt immer das gefasst hatte, was sie eben umfassender feind- 
selig erregte, erhielt nunmehr durch die Partei von Hus^'') in 



t) Aus dem B. von der Kirche durch Gerson za Paris 19 Art., 
zu Cosliiitz 20 verurtheiit. Ein Hauptsatz: ßo. Pont, pars eccL, 
non corpus — non captit, sed Christ iis. Argentr. a. 0. 158 ss. 

u) Daher auch der Vorwurf zu Costnitz sowohl bei Hus als bei 
Hieron. : trinitati quartam adäcere personam. 

v) h. Heller, Hieron. v. Prag. Lüb. 835. Er hatte zu Oxford 
studirt. 

w) Selbst zugestanden (bist. pol. Biälter v. Phillips u. Görres IV. 
7. 402 ff.), dass der Geleitsbrief nicht für das Conc. geschrieben 
gewesen, sondern für die Behörden zur Hin- und etwaigen Rück- 
reise, ,,mit Einem Wort, nur ein Reisepass": dass Sigisraund keine 
Macht gehabt über das Concil, und kein Geleilsbrief vor dem Rechts- 
spruche habe schützen sollen. 

x) S. Sehr, de sacramcnto eorp. ei sang. CA. — Wiewohl das 
Costn. Concil seine Reden zweideutig fand — mit Recht: Br. u. Wein 
seien modus ßgurandi et excitandi mentem — ad inandue. spiri- 
tualiter — ad gustanduvi effusionem Christi. — d'Ailly bewies zu 
Costnitz, dass die realistische Lehre von H. mit dem Dogma der Trans- 
subst. streite. 

y) I. H. de sanguine C. a laicis sumendo. 

Gegen anderen Aberglauben : /. H. de omni sanguine Christi hora 
resurrectionis glorificato — wogegen auch dip Beschlüsse einer Mag- 
deburger Synode 1412. Der Streit über das Blut Chr., das am Kreuz 
vergossen, kehrt auch anderwärts oft wieder, 1351. 1462: Argentr, 
I. 372. /, 2. 254 s. 

z) I. H. opusc. de sex erroribusj qui clerum et magnam partem 
populi infecerunt. — Darunter auch credere in S. Firg.^ Papam et 
Sanctos. 

aä) LH. de antichristo — de regno , populo y vita et moribus 



316 Allgemeine Dogtucngeschiehte. Vierte Periode. 

der kirchliclien Opposition eine stehende Beziehung auf die 
Römische Herrschaft. 

3. Die eigentliche Parteiung von Hus her beginnt nach 
seinem Tode''''). Die strenge, stürmische Partei, die der Ta- 
boriten, hat sich nicht lange erhalten, und die ihr beige- 
legten Lehrbekenntnisse gehören eigentlich nicht ihr an"). 
Dagegen die Partei der C alixtiner- (Utraquisten) sich 1421 
in vier Artikeln erklärt hat"^'), welche gegen den Klerus und 
seine Anmassung gerichtet sind : dann in einer Folge von Be- 
kenntnissschriften seit 1441 ''*'). — Aber in alle Hussitische 
Kämpfe haben sich die mannichfachsten , politischen und na- 
tionalen , Interessen eingemischt. 

Die Böhmischen Brüder {tmitas fratimm genannt, zu- 
nächst auch im Gegensatze zur Einheit der Kirche)") ge- 



antichrisH (Beides ed. Oth. Brunsfeld. Bas. 5?J4. 8.) uad Anderes 
gleicher Art. 

bb) Jacobus von Misa (Jacobellus) von Prag, seit 1414 für Grün- 
dung' der Partei wirlcsam. Frühere Schriften — apologia pro com- 
munlone plebis sjib titi'aque speeie, contra Constant. coneilii deere- 
tum condemnatorhim. V. d. Hardt. a. 0. 3- 

cc) Hussitische Confessionen : Balth. Lydii Jf'^aldensia, s. con- 
servatio verae. ecclcsiae demoiistrala e conj'essionibus Calixtin. etc. 
1. Roter. % Dordr. 616. 17. 8. 

14 Artikel der Taboriten von 1420: 15 Art. von 1443. Diese all- 
gemeinen Grundsätze kirchlicher Einfachheit und Freiheit gehören 
mehr den Wiklefiten an: welche sich begreiflicherweise mehr zu 
den Taboriten als zu der in Mässigung abgeschlossenen Partei der 
Calixtiuer gewendet haben mögen. 

dd; Die vier Art. der Calixtiner: freie Verkündigung des göttl. 
Wortes durch die Priester {libere et sine impediinento ordinate a 
sacerdotibus Domini) — die eomm. sub iitraque speeie — keine welt- 
liche Herrschaft des Klerus (dominium secu/are, quod contra prae~ 
ceptiim Christi eleri/s occupal in praeiudium sui ojjicii ei damnum, 
braeliii secularis) und Zurückführnng desselben zur ,, evangelischen 
Hegel und zum apostolischen Leben", Avie es bei Christus und den 
App. gewesen. — Der vierte, wohl absichtlich vieldeutig: quod omnia 
peccafa morfalia et speciatim publica — in qtiolibet* statu rite — 
per eos ad quos spectat, prohibeantur et destruantur. Vornehmlich 
wohl gegen die Exemtionen der Kleriker im bürgerlichen Leben. 

ee) Vorher die Unterhandlungen mit dem Basler Concilium : Mansi 
29. 30. — /. Lenfant, hist. de la guerre des Hussiles et du con- 
eile de Basle. 731. //. (8. von Hirsch. Petersb. 783. IV. 8.) Beau- 
sobre, Supplement ä Ihist. etc. Laus. 735. 4. — Die Compactaten 
— Ge. Podiebrad, calixtinischer König (gest. 1471). 1453 die Tabo- 
riten unterworfen. Ende der Cal. 1620. 

./^) Jo. Hederich, gründliche Erwägung der Hauptartikel in der 
Brüderlehre (1585) — auch in J. G. Carpzov Religionsuntersch. der 



Die chrlstl. Dogmeiig^escLichle. Erster Thell. 517 

hören, wie die Mährischen, eigentlich in eine andere Reihe: 
zu der Nachkommenschaft der alten griechischen Bekehrung 
des 9. Jahrhunderts^"). Waldenser oder andere stille Parteien 
haben sich mit derselben oft vereinigt. Aber auch Tafrori- 
ten '''*): und schon hierdurch kam die Verfolgung der Calix- 
tiner über sie. -Dinse Brüderschaften haben sich dann immer 
in einer geistigen Verwandtschaft mit den Protestanten gefühlt 
und erwiesen "). 

Dieses war das Sectcnwesen jener Zeiten. In dem 
Ausgange unserer Periode mögen noch, und wieder vornehm- 
lich in Italien, ja oft ganz am Miltelpuncte der herrschenden 
Kirche, sogar Vereine hinzugekommen sein von tieferen Ab- 
sichten gegen die Kirche , welche bald auch Anknüpfungen 
suchten hiit der protestantischen BcM^egung. Wenigstens ge- 
hen die beiden verwandten Erscheinungen, der Antilrini- 
tarismus und Anabaptismus, ohne Zweifel über die Re- 
formation hinaus ^^), und sie hatten immer eine weitere Ten- 
denz, die Namen eine weitere Bedeutung, als welche zunächst 
in ihnen lag. 

Aber dass sich durch diese Zeiten hin , weiterverbreitet. 



Böhmisch -Mährischen Brüder. L. 742. loack. Ca inerar. hisfor, 
narr, de frafrum orthodox, ecell. in Boheruia. GÜ5. /. j4. Come' 
nius, hist. fratrum Bohemorum — ed. I. F. Buddeus. Hai. 702. 4. 
(Wahrscheinlich desselhen Conienius) liist. persequutionuin eccl. Bo- 
hemicae. 648. 13. (Die Jahre 894 bis 1032.) 

Um 1450 tritt diese Brüdergemeine auf: 1457 von der Kirche ge- 
lrennt. ConTessionen : 15Ü4 und 1507 (mit einer Apologie vermehrt). 
— Die von 1535 an Ferdinand I. von Lulher herausgegeben : vermehrt 
156i (herausg. VVitteub, 573 und in das Corp. ei Synt. auPgenora- 
men), J. C. Köcher, die drei letzten und vornehmsten Glaubensbe- 
kenntnisse der Böiim. Brüder. Frkf. u. L. 741. 8. 

Vgl. über die Confessionen der Böhmen, Füsslin K. u. K. G. IF. 75 ff. 

gg) Daher Berührungen der Griechen u. der Kirche von Conslan- 
tinnpel mit den Böhmen 1451. {D. Chytraeus, or. de statu ecell. 
in Gr., As., Boli. Frkf. 583. 8.) Griechen in Böhmen nach 1453. 

hh) Der waldensische Name, Pieardi, ist daher auch oft den ei- 
gentlichen Taborileu beigelegt worden. 

ii) Unterhandlungen der Böhmen mit Erasmus 1513 fg. — mit Lu- 
ther, Oekolampadius, Zwingli : vgl. Füsslin a. 0. 104 If. 

Mi) Die antitrinilar. Vereine auf VeneUanischem Gebiet: C. F. 
Illgen. symbolar. ad vilam et doctrinam Laelü Socini illustran- 
dam. P. I. L. 826. 4 {De collegiis in agro Feiielo — de religione 
institiitis). Sand, bibl, antitr. p. 18 verlegt dieselben in spätere 
Zeilen (nach 1540), 



318 Allgemeine DogmengeschicLte, Fünfte Perlode. 

allenthalben hervordrängend"), Wünsche"""), Erwartungen, 
Verkündigungen"") einer Reformation, und zwar durch die 
Gemeine, durch das Volk, ausgesprochen haben: dieses hat 
vormals die unbefangene Geschichtsschreibung aller Parteien 
eingeräumt. 



Fünfte Periode. 
§♦ 11 ©♦ 

Indem wir der 5. Periode den CLaraliter gehen, die 
Kirelie und Klrclicnlelire dnrch Parteien p;eläutert 
zu liahen, sind wir auf der Einen Seite weit entfernt, 
es der Reformation, d. i. der änsserJicIi befestigten 
Scheidung in der ahendläudischen Kirche, beizumessen, 
dass sie die Parteien hervorgerufen habe. Sie hat 
vielmehr eine unendliche Parteiung vorgefunden, aber 
sie geordnet und veredelt^). Auch hat die Kirche 
nicht durch sie zu bestehen aufgehört, sondern nur eine 
andere Gestalt angenommen ^). Auf der andern Seite 
liegt es jedoch in der Natur der Sache, dass die Läu- 
terung, welche in ihr eben durch Parteien erfolgt 
ist, eine unvollkommene gewesen sei 3). 



II) Zu dem Opposilionscliarakter jener Zeiten, — F. v. Raumer, 
Gesch. Europa's seit dem Ende des 15. Jahrh. I. L. 832. G. Mat- 
ter, histoire des doclrines'iri orales et poUliqties des trois derniers 
siecles. I. Par. 83(5. 8. W. Wachsmuth, europäische Sittcngesch. 
V. I. Ahfh. L. 838: das Zeitalter des Kirchenstreites. L. Ranke, 
deutsche Gesch. im Zeilalter der Reformation. Berl. 839. 11. Im ent- 
gegengesetzten Sinne (Möhler? — nicht wiedergedruckt in seinen Auf- 
sätzen 1839» Iheol. Quartalschr. 1831. 4: ,,Betrachlt. über den Zu- 
stand der Kirche im 15. und Anf. 16. Jahrb. in Bezug auf die be- 
hauptete Nothwendigkeit einer, die Grundlagen der Kirche verletzen- 
den, Reformation." 

Einzelne Regungen heschrieben z. B. bei J. Voigt: Stimmen aus 
Rom — im 15. Jahrb., Raumer's histor. Taschenbuch 1833. 47 if. 
Ders. üb. Pasquille aus der I.Hälfte des 16. Jahrb., ebds. 838. 47 ff. 

mm) Die alten Sammlungen über die Zeugen der Wahrheit, und 
die neuen Schriften über die Vorboten der Reformation — lo. Ger- 
hard, covfessio caUiolica^ in qua doctrina o.ath. et evang. A. C. 
ex liomano-eaflwlicoriim suffragiis conßrmatvr. Jen. 633 ss. IF. 

nn) Die Verkündigung, welche seit dem MA. allen gegenkirchl. 
Bewegungen angeeignet worden war, Apoc. 14, G ff., trat vor und 
unter der Ref. oftmals wieder hervor. C. A. Heumann. Lutherns 
apocalypticns. 717. Augusti, Beitrr. zur Gesch. u. Statistik der 
evang. Kirche. 3. 1838, 115 ff.: Die Reformationspropheten. 



Die chrlstl. DogmengescMcLte. Erster Tlicil. 511) 

1.") Der Schluss des 15. Jahrhunderts zeigt die abend- 
ländische Kirche völlig aufgelöst in Seelen und in Misstimmung 
über den kirchlichen Zustand. Durch die Reformation ist die 
Kirche beruhigt worden, indem dem endlosen Zerreisseri 
ein Ende gemacht wurde und die Gleichgesinnten in geord- 
nete Gemeinen zusammentraten: und sie hat dem Parteiwe- 
sen, welches zum Theile sogar seinen christlichen Mittelpunct 
verloren hatte, einen anderen Charakter gegeben, einen wür- 
digeren und christlicheren ''). Die Secten , welche seitdem, 
nicht blos als einzelne verschiedene Gestallen des nunmehri- 
gen Hauptunterschiedes in den Kirchen , entstanden '^) , sind 
eigentlich alle nur üeberbleibsel aus' jenen vergangenen Zei- 
len gewesen: und wenigstens aus dem protestantischen 
Geiste sind sie nicht hervorgegangen. — Üebrigens hat die 



a) Man muss es der prot. Kirche ii. Theologie zum Ruhme rech- 
nen, dass sie in der Bestreitung der kathol. Kirche nicht wie diese 
(Einige, wie vornehml. Möhler, ausgenommen) immer nur den alten 
Jammer und die alten falschen Vorwürfe erneut hat. Die Bestreitun- 
gen der Reformation (der ,, sogenannten", sagt man jetzt oft wieder) 
aus alter und neuer Zeit, werden meist in der Folge hervortreten. 
C. Filier s, essai sur l'esprit et l'inß. de la ref. de Luther. Par. 
(804) 808. 3. A. (D. mit Beill. von Henke (805) 828 — u. von A.) 
Dagegen Robelot: de Vinfluence de la ref. de Luther. Lyon %%%, 
(D. von Räss u. Weis. Mainz 82^. 2. A.) F. v. Kerz: über den 
Geist und die Folgen der Ref., bes. in Hins. d. Enlwick. des europ. 
Staatensystems. (810) Mainz 822. H. J. Schmitt, Versuch einer 
philos. bist. Darstellung der Reformation. Sulzb. 829, 

6) Gegen stehende Irrlhümer mag es, wenn gleich nicht wesent- 
lich dieses Orls, bemerkt werden, dass auch die politische Tren- 
nung Deutschlands nichts weniger als von der Ref. bewirkt worden 
sei. Die Ref. als politisches Ereigniss, wurde erst möglich durch 
die bestehende allseitige Trennung des Regiments und der Inter- 
essen in Deutschland (vgl. ülr. v. Hütten, und Deutschlands polit. 
Verhältnisse im Ref.zeitalter. Braga. Heidlb. f. 838. 153 ff. 317 ff.); 
und man weiss, wie vielen Theil daran das Papstlhum als weltliche 
Macht gehabt habe: aber auch sie ist beschrankt, geordneter und 
würdiger geworden durch die Ref. — Der 30jährige Krieg würde als 
volksmässiger Religlonskrieg eine ganz andere Gestalt gehabt haben: 
und wer weiss es nicht, dass die deutsche Zerfallenheit, etwa im Anf. 
des 18. Jahrhunderts, ganz andere Ursachen gehabt habe als die Re- 
ligion? welche doch höchstens nur die Vorwände hergegeben hat, alle 
Zwiste oder neue Interessen zu verdecken. 

c) Conr. Schlüsselburg, catal. haereiicorum. Frkf. 597 ss, 
XIII. 8. Gregoire, histoire des sectes religieuses qui sonl nees 
etc. depin's le comviencement du siede dernier jusqu'ä l'epoque 
aetnelle. Nouv. ed. Par. 838. V. 8. (Nach dem kath. Princip, dass 
das Sectenwesen aus der Ref. entstanden sei.) 



520 Allgemeine Dogmengcsclilclite. Fünfte Periode. 

Parteinng- (in welche nun einmal der Geist der Zeit sich aus- 
breitete) nicht Llos in der protestantischen Kirche stattgefun- 
den. Auch die katholische zeigt sie durch das 16. und 17. 
Jahrhundert: oft auch hindurchhrechend durch die äusserliche 
Einheit, ja selbst noch mehr als dort in die Tiefe arbeitend 
und wirksam. Nur in dem Streite mit den Protestanten blieb 
die katholische Kirche immer vereint; aber ebenso, wie sich 
die protestantische, wenigstens der alten, eifrigen Zeit, immer 
im Kampfe mit der Hierarchie vereinigt gehalten hat. 

2. Es ist ebenso geschichtlich als politisch und religiös 
unwahr, dass seit der Reformation nur Eine Kirche, und ne- 
ben ihr blosse Parleien (oder gar Härcsic'n) bestünden. Viel- 
mehr sind entweder überall von da an nur Parteien vorhan- 
den, oder es haben seitdem zwei Kirchen nebeneinander be- 
standen , von der Idee und dem Geiste der allgemeinen 
Kirche umschlossen. Die Kirche hat in der Reformation 
den Gegensalz, welchen sie stels in sich getragen hatte, und 
welcher, wenigstens, mit den Alten zu reden, für die strei- 
tende Kirche nothwendig ist, den der geistigen und der 
äusserlichen Existenz, real gemacht. Dass Geist und 
Verheissung Cliristi nur für die Eine Existenz der Kirche ge- 
geben Avorden sei , davon sagt weder das Evangelium Etwas, 
noch hat es die älteste kirchliche Meinung behauptet. Ja 
es gehört wenig biblische Einsicht und geschichtliche Wissen- 
schaft dazu , um zu begreifen , dass die protestantische Form 
der Kirche die ursprüngliche, oder doch die ältere, gewe- 
sen sei '')• 

Der vielbesprochene, oft abgeleugnete^}, Unterschied zwi- 
schen Reformation und Revolution bewährt sich bei 
dem, schlechthin mit jenem Namen bezeichneten, weltge- 
schichtlichen Ereignisse. Er liegt in den beiden Momenten : 
dass die Reformation von dem Geschichtlichen, Restehen- 
den ausgeht, und dass sie sich im Selbstbewusstsein , in der 
Bahn der Slässigung, in der Intelligenz erhält: nicht forlge- 
rissen von der Leidenschaft oder von der Massengewalt des 



d) Unhedenklicli ist hierfür zu gebrauchen: J. A. Möhler, die 
Einheit in d. Kirche, oder das Princip des Katholicismus, darfrestellt 
im Geiste der Kirchenväter der drei ersten Jahrhunderte. Tüb. 825. 
(Vgl. Carove: letzte Dinge des Katholicismus. L. 832. No. 2, und 
daneben ürtheile streng- Katholischer über diese Schrift.) 

e) Z. B.: C, L. V. Haltern Geschichte d. kirchl. Revolution oder 
prot, Reform, des Cantons Bern. B. 836, 



Die christl. Dogmengesclilchte. Erster Tlieil. 521 

Volks. Aber unsere Reformation wurde ja in die Abschaffung 
kirchlicher Formen immer durch die Gegner hineingedrängt, 
und sie entzog der Begeisterung und den Rechten des Volks 
überall eher zu viel als zu wenig. 

Jene Scheidung innerhalb der abendländischen Kirche und 
das Beisaramenbestehn der beiden Hauptkirchen ^) konnte und 
sollte von der grösslen Bedeutung sein für die Entwicke- 
ln ug des christlichen Geistes und der neuen Zeit°). Dieje- 
nigen übrigens, welche diese Trennung für ein Unglück hal- 
ten, müssen wenigstens einräumen, dass die damalige Kirche 
dabei die Schuld trage : indem sie nicht nur die, durch Jahr- 
hunderte verheissenCj ,,Reforra.ition in Haupt und Gliedern" 
versagt oder verzögert hat, sondern sie nunmehr auch nicht 
auszuführen vermochte, denn sie hatte ihre Macht über 
das Leben verloren 5 ebensowenig aber auch das zu verhin- 
dern oder zu hemmen im Stande war, worin sich Volk, Geist, 
Intelligenz selbst zu helfen suchte. Ebendarum ist es auch 
eine ungeschichlliche , leere Rede, nach welcher sich die Re- 
formation ohne die Stürme des 16. Jahrb. allmälig vou selbst 
und in ganz anderer, höherer Art gemacht haben würde. 

3. Dagegen ist ;iber nun die Läuterung der Kirche durch 
Parteien, dieses Ereigniss unserer Periode, nolhwendig un- 
vollkommen gewesen. Also ist die Reformation auch nicht 
durch die erste Periode, die der Läuterung eben durch Par- 
teien, abgeschlossen gewesen: sondern sie ist ein fortge- 
hendes Werk, forlgesetzt zunächst durch die wissenschaft- 
liche Läuterung der folgenden Periode. Es liegt im Begriffe 
der Partei ^J, dass sie 1) sich einseitig ausbildet, dass sie 
2) in Formen befangen gehalten wird, 'S) ein Interesse hat als 



f) Die Namen der beideo Kirchen gehen uns hier nicht an, in- 
sofern sie ein äusserliches, politisches Moment haben. Nur dieses Bei- 
des bemerken wir hier, dass der Name der evangelischen Kirche, 
wenn er sie von der katholischen Kirche (nicht, wie anfangs, von der 
Römischen) unterscheiden soll, keine lieblose Anmassung sei (evan- 
gelisch und katholisch unterscheiden sich ja ganz natürlich wie In- 
nerliches und Aeusserliches) : und dass diejenige Bezeichnung, welche 
am meisten Misdeutungen erregt hat, das Abstractum ,, Protestan- 
tismus", wenn v/iv uns nicht irren, zuerst von den Gegnern der 
prot. Kirche gebraucht worden sei. 

g) Das politische Moment der Reformation, das germanische, 
dem italischen entgegengesetzte, übergehen wir hier. Wir ünden das 
selbe bei Ranke vornehmlich ausgeführt: vergl. auch eine wohlge 
dachte Schrift: U. v. Hütten. Magdb. 839. 

h) C. Ullmann, über Partei und Schule: th. St. u. Kr. 1836. . 
Dograengeschichte. 21 



522 Allgemeine DogmengescLiclitc. Fünfte Periode. 

Partei zu bestehen, ja überhaupt 4) ein Element der Spaltung 
in sich trägt, und dass sie 5) der Auctorität nachgeht. Jene 
Parteien, welche die Ref. in das Leben rief, geben die Be- 
lege hierzu: die altkatholische besonders auch in der Starr- 
heit, mit welcher sie jetzt selbst diejenigen Veränderungen 
misbilligte und zurücknahm, in welche sie vordem selbst gern 
eingewilligt hatte. 

Dieses sind unwidersprechlich wahre Sätze : die Kirchen 
können endlich einmal gelernt haben , sich und einander zu 
begreifen und zu achten. Aber Protestanten, welche nicht 
blos die Reformatoren'), nicht blos die frühesten Lehr- und 
Verfassungsformen derselben, nicht Manches in der Entwicke- 
lung unserer Kirche, sondern welche die Reformation be- 
streiten ^) , wie es auch sei ; täuschen sich selbst mit einem 
Wahn von Unparteilichkeit, bisweilen meinen und suchen sie 
auch ganz etwas Anderes als die Wahrheit. 

Die Reformation trat gerade da nicht auf, wo sich 
die meisten Vorboten von ihr gezeigt Iiatten (in Italien, 
Spanien, Frankreich)^): sondern im deutschen Volfce, 
und theilte sich von da dem Norden sonst mit. Dort 
war aber auch der Widerspruch gegen die Kirche im- 
mer mehr innerlich gewesen, und hatte ebendarum 
um so tiefer gcwirht. So trat er denn auch jetzt mehr 
als Sache des VolJks hervor und mit dem Ernste des 



i) Die Reformatoren waren Werkzeuge, welche uns our eben als 
solche, und nicht mit ihren Personen gelten, und an deren Statt 
Gott andere gehabt haben würde : aber denen unter ans oder in der 
anderen Kirche, welche das alte, längst vernichtete, Skandal an den 
Personen der deutschen Reformatoren, insbesondere Luther' s, im- 
mer von Neuem aufsuchen, müssen wir wenigstens das Vergehen vor- 
halten, dass sie das deutsche Volk um einige seiner ehrenhafte»- 
sten, mächtigsten Charaktere ärmer machen wollen; um solche, welche 
unsere Zeit nicht leicht wieder hervorbringen würde, wenn es in ihr 
auch zu keiner mönchischen Derbheit in den Formen des Lebens 
kommen kann. 

k) Gegen die Absicht der Schriftsteller, welche vielmehr auf 
Eines von dem Anderen, was wir hier eben aufführen, auf diese 
menschlichen Elemente oder Basen eines geistig freien und würdigen 
Werks, gerichtet war — wurde nebst Planck gebraucht: K. A. 
Menzel, neuere Gesch. d. Deutschen von der Ref. bis zur Bundes- 
acle. Berl. 826 (bis 837. VII). Aber Protestanten gegen die Ref. 
z. B. : W. Cobbet, Gesch. d. prot. Reform in England und Irland. 
A. d. E. 2. A. Aschalfenb. 1833. II. 



Die cbristl. Dogmengescliicbte. Erster Theil. 525 

frommen Gemüths. Charakteristisch, aber keineswegs 
nur zufällig und durch die Persönlichkeit der Reforma- 
toren hervorgerufen, war der Unterschied, in welchem 
die Schweizer und die Deutsche Reformation erschie- 
nen ist^). Diese und ähnliche Verschiedenheiten in der 
Auffassung und Ausführung der Reformation mögen im- 
mer bleiben , ja sie mögen sich noch weiter entfalten ; 
aber die dogmatischen Trennungen, in denen jene 
Zeit sich aufstellte, haben den höher strebenden Zeiten 
unterliegen müssen 3). 

1. Die Ausländer, welche von jenen Vorboten erregt wor- 
den waren *) , kamen Ledrängt oft auf das neue Gebiet der 
Reformation herüber: aber sie traten fast überall störend 
ein, antitrinitarisch, anabaptistisch, atheistisch. Ausgenommen 
die aus Frankreich: hier lagen in den Waldensern und in 
ähnlichen Parteien schon die Keime einer würdigeren Erneuung 
der Kirche, und den Unseren verwandtere Bestrebungen. Ein 
nationales Gegenbild gegen den deutschen , reforrairenden 
Mönch, M. Luther, giebt der französische ab, Franz Rabe- 
lais (gest. 1553)^). 

2. Die deutsche Reformation ging mehr vom Volke 
aus, die Schweizer mehr von der Staatsregierung, der 



ä) Die religiösen Bewegungen ausser Deutschland in dieser Zeit, 
auch bei L. Ranke: die Rom. Päpste, ihre Kirche und ihr Staat im 
16. und ir. Jahrh. ßerl. 834 ff. III. 

Tho. Mac Crie, Gesch. der Ausbreitung und Unterdrückung der 
Ref. in Italien im 16. Jahrh. (Orig. 828). D. von G. Friedrich. L. 
829. — in Spanien (Orig. 829). D. von G. Plieninger. Stuttg. 835. 
Ferd. Meyer, die evang. Gemeine in Locarno — Zur. 836 ff. II. 
A. Neander, Erinnerungen an M. Ant. Flaminio, und das Aufkeimen 
der Ref. in Italien. L. 837. Ern. Alb. Schuler, Carranza archev. 
de Tolede — Strassb. 835. -4. (Gest. in der Haft bei den Dominikanern. 
1576.) Dan. Ger des. specimen. Italiae reforinatae. L. ß. 765. 4. 

Frankreich: T. Beza, h. eccles. des egl. ref. 580. ///. 8. 
Capefigue, kist. de la reforme, de la ligue et du regne de Hen- 
ri If^. Par. 834 ss. FIII. St. Jignan, de l'etat des Protest, en 
France depuis le 16. siede. % ed. Par. 818. Tzschirner. de 
causis impeditae in Gall. ref., Opusee. 

b) C. T. L. Almquist , de vita et scriptis Fr. Rabelaesi. Lund. 
838. 8. G. Regis, Uebs. und Gomm. (839). Oeuvres de mdltre Fr. 
R. Amst. 711. V. 8. (Von Beza gepriesen — Calvin, de scandalis. 
1550 gegen Rab. : daher viele Ausfälle R. gegen Calvin und die pr6- 
destinateurs zu Genf. Evangelisch ist die Aufschrift des Klostertbo- 
res von Thelem, Gargant. I. 54 — reformatorisch das : le bon Dien 
decretaliarche d. i. der Papst.) 

21' 



524 Allgemeine Dog^meng^eschiclite. Fünfte Periode. 

Obrigkeit. Dalier hatte jene vom Anfang an mehr den Cha- 
rakter des Gemüths und der Phantasie : diese mehr den von 
Verstand und Ueberlegung '^) . Es kam bei dieser dann Cal- 
vin's Beitritt hinzu, mit seiner dogmatischen Bestimmtheit und 
mit seinem antiken, strengen Charakter. — Hierin liegen denn 
auch alle die falschen Richtungen inne, welche sich der 
beiden Reformationen bemächtigt haben. Auf der deutschen 
Seite zeigt sich anfangs viele Unbestimmtheit, Halbheit, Schwan- 
ken ; bald drängten sich auch volksmässige üebertreibungen 
ein. Erschreckt durch diese und andere andrängende Er- 
scheinungen, trat gar bald eine langdauernde Reaclion in sie 
ein, ein dogmatisch- starrer, geistloser und befangener Sinn: 
wenn auch unter fortwährenden Regungen jenes ursprünglichen 
Geistes, im Guten und minder Guten. Jenem setzte sich end- 
lich wieder ein desto schroiferer Rationalismus entgegen. Auf 
der helvetischen Seite war oft zu viel kalte und strenge 
Verständigkeit, oft auch ein hierarchischer Zug in anderer, 
republicanischer Form. Daher hat die mehr volksmäs- 
sige Mystik auf dem Gebiete der Lutherischen Kirche ihr 
Gedeihen gefunden''), selten auf dem anderen: und die Lu- 
therische Kirche hat auch den, nie genug zu preisenden, 
Vorzug, das geistliche Lied in unendlich reicher Entwickelung 
gepflegt zu haben. Und oft hat sich die Liedesgabe mit 
starrem Dogmatismus in denselben Personen zusammengefun-- 
den. Jene Entwickelungen alle waren geistig natürlich, noth- 
wendig: aber sie waren auch, und selbst die anscheinenden 
Rückschritte und Hemmungen, im Ganzen dieser geistigen Be- 
wegung vortheilhaft^). 

3. Die dogmalischen Differenzen der beiden Kirchen kön- 
nen (wie unten weiter zu erweisen sein wird), selbst unter 
einem klaren dogmatischen Gesichtspuncte, nicht mehr in 
Betracht kommen : aber die verschiedene Entfaltung der pro- 
testantischen Kirche nach der Seile des Verstandes und des 



c) Die beiden Kirclien u. A. : Max Goebel, Eigenthüinliclikeit 
der'Luth. u. ref. K. Bonn 837. 8. lae. Tic liier, de indole sacrr. 
emendationis a Zioinglio instüuiae reete diiudicanda. Trai. 827. 8. 

Ge. Weber, gesch. Darst. des Calvinismus im Verb. z. Staate 
in Genf u. Frkr. — Heidelb. 836. 8. Beurtheilt v. Augusti: der 
Calvinismus u. d. Staat. Beitrr. IL 556 ff. 

d) Erst in späteren Zeiten Tersteegen, in neueren Lavatcr. 

e) Dieses gilt insbesondere vom Dogmatismus in der Luth. Kirche, 
16. 17. Jahrb. 



Die chrlstl. DogmeiigescJuclite. Erster Theil. 525 

Gemiiths, in positiver und in negativer Richtung, und- wie 
sonst, kann stehen bleiben, ja sich immer mehr ausbreiten 
und gliedern. 

Naclidem jene vei'Iiasste und verderbliche Sache des 
Ablasses auf den beiden Stellen der Reformation ziem- 
licli gleichzeitig: offenen Widerspruch erregt hatte (der 
ebendarum noch freier erhoben werden konnte, da er 
sich als rein theologischer Streit aufstellen durfte gegen 
Etwas, was ganz so gar nicht die allgemeine Sanction 
der Kirche für sich hatte) 5 schieden sich die Unterneh- 
mungen von ü. Zwingli und Luther bald ^). Die 
reforuiatorischen Grundsätze Luther's waren von An- 
fang herein nicht bestimmt und abgeschlossen ^) : vor- 
nehmlich aber sein dogmatisches System behielt die- 
sen minder bestimmten Charakter, nur im Gemüth Lu- 
ther's war Alles klar und sicher, und er blieb sein Le- 
belang eigentlich nur ein begeisterter Prophet der 
Schriftgedanken von Glaube, Gnade und Geist ^). 

1.") Die 95 Thesen Luther's vom J. 1517, und die 67 



a) Quellensammlungen zur Geschichte, vornehmlich der inneren, 
der Ref.: H. v. d. Hardt, Ms f. Ufer, reformationis — Fr. et L. 
717 J'. P''. Dan. Gerdes. inirod. in hist. evangelii sec. 16. passim 
per Eiiropam renovati doctrinaeque evangelieae — Gron. 744 — 53. 
//^. 4. und: Scrinium antiquariuin s. Miscellanea Groningana nova 
ad hist. reformationis eccles. spectantia. Gron. et Brem. 748 ss. 
J^IIl. 4. F. E. Loescher , Reformaiionsacta und Documenta. L. 
71^ ff. III. 4i J. B. Riederer^ Nachrr. z. Kirchen- Gel. u. Bii- 
chergeschiehte. Altd. 764 tf. IV. 8. H. Bullin ger, Reformations- 
gesch. nach dem Autographon — 838. II. 

Die Ref.geschichte : F. L. a Seekendorf. comm. de Luthera- 
nismo. Ed. %. L. (091) 694 f. VV. E. Tentzel, Ber. von d. Ref. 
3. A. L. 718. IJ. 8. Marheineke, Gesch. der t. Ref. 2- A. Berl. 
833 SS. IV. K. R. Hagenbach, Vorll. über Wesen u. Gesch. der 
Ref. in Deutschi, und in der Schweiz. L. 834 ff. III. (Der 3. Theil 
auch : der evang. Protestantismus in s. geschichtl. Entwick. L. 837.) 
H. N. Clausen, pop. Vortrr. ü. d. Ref. — A. d. Dan. von Jenssen. 
L. 837. — /. Bas nage, hist. de la rel. des egl. reformees. Rot. 
725. II. 4. Ruchat , hist. de la ref. de la Sttisse. Gen. 727. VI. 
12. J. C. Füsslin, Beitrr. z. Erläut. der Kircbenref.geschichte des 
Schweizerlandes. Zur. 741 if. V. 8. J. C. Hess, Leben U. Zwingli's. 
A. d-. Fr. mit Anrakk. von L. Usteri. 811. L. Wirz, neue helvet. 
KG. V. d. Ref. — Zur. 813 ff. III. 8. S. Hess, Ursprung — der 
durch ülr. Zwingli T)ewirkten Kirchenreform. Zur. 820. Merlin 
d'Aubigni, hist. de la ref. du KFI. siede. 1. ed. Gen. 1838 ss. 1. 



526 Allgemeine Dogmengeschiclite. Fünfte Perlode, 

Zwingli's vom J. 1523^), die anerkannten ersten Urkunden 
der Reform.ation , zeugen schon von der verschiedenen Rich- 
tung der Beiden. Luther erscheint noch im Zusammenhang 
mit der Römischen Kirche ") ; auf andere Misbräuche ausser 
dem Ablasse nimmt er keine Rücksicht, höchstens deutete er 
nur auf eine geistige Auffassung einiger Dogmen hin, z. B. 
des Fegefeuers. Zwingli umfasst schon hier das Ganze der 
Entstellungen und Misbräuche in der herrschenden Kirche, 
und fordert entschieden eine neue Gestaltung der Kirche. 

2. In den Principien lag es den Führern der Reforma- 
tion , insbesondere der deutschen , vom Anfang herein nicht 
klar vor: 1. wieweit das Bestehende anzugreifen wäre? ob 
nur Avas man insgemein die Misbräuche nannte, oder die 
Gestalt der Kirche selbst? und wenn dieses, ob Ritus, ob 
Verfassung, oder auch das Dogma? ^) 2. Das Verhältniss 
zwischen Staat und Kirche überhaupt, und zwischen der evan- 
gelischen Obrigkeit und dem Volk. 3. Das Recht des Einzel- 
nen, die ,, Freiheit eines Christenmenschen." 4. Die Bestim- 
mungen über den Kanon und über seine Auslegung. — Aber 
Principienfragen lagen (auch abgesehen von der ganz prakti- 
schen Richtung der Reformation) überhaupt nicht in Geist und 
Gedanken jener Zeit. Die Lutherische Kirche hat die Folgen 
dieser Unbestimmtheit noch durch eine lange folgende Zeit in 
sich getragen. 

3. Die Lutherische Theologie der früheren Zeilen bemühte 
sich vergeblich, einen streng gefassten Lehrbegriff aus Luther's 
Reden und Schriften zusammenzustellen®). Weder Geist noch 



Entg'egengesetzte Darstellungen nenester Zeit u. A. » J. J. J. Döl- 
linger, Hdb. der ehr. KG. nach der Ref. — München 828. F. v. 
Bucboltz, Gesch. dei- Regierung K. Ferdinands I. Wien 831 f. IV. 8. 

6) Die Lutherischen in v. d.Hardt IV, Löscher I, Luther's Werken 
18. 254 ff. (Daselbst 57 tf. auch die Heidelb. Theses Luther's von 1518.) 

— Zwingli's: Opp. I. — Usteri a. 0. — Vergl. Neudecker zu 
Münscher's DG. IL 2. 30 ff. 51 ff. 

J. E. Kapp, Schauplatz des Tetzelischen Ablasskrams — L. 720. 
Dess. Samml. einiger, z. päpstl. Ablasswesen, sonderl. aber zu der 

— zw. L. u. Tetzel geführten Streitigkeit, gehörigen Streitschrr. — 
L. 721. 

c) Erst im Jahre 1520, dem Jahre der p. Bulle (15. Jun.), stellte 
sich Luther aus der Kirche heraus. 

d) Erasmus allein unter den sogenannten Vorläufern der Refor- 
mation scheint die Vorstellung von einer Reformation in's allgem. 
Dogma hinein, gehabt zu haben. 

e) TFalch. hibl. theol. J. 31 s. lo. H. Maius : M. Lutheri theo- 
logia pura et sincera — Frcf. 709. 4. Zuletzt Mart. Statins: 



Die christl. DogmeugeschicLte. Erster Tlieil. 527 

Sprache des Mannes war dafür geeignet: dazu kam theils 
seine Abneigung vor allem Wesen und Treiben der Schule 
und seine Freude an der alten deutschen Mystik ^) , t h c 1 1 s 
der Beruf, in welchem er sich fand und erkannte, nur für 
das Leben dazusein und zu sprechen. Aber eben darum 
war es auch eine überflüssige Bemühung seiner Gegner, aus 
Luther dogmatische Widersprüche zusammenzusuchen °) : 
gedankenlos überdiess, indem die verschiedensten Zeiten und 
Arten seiner Schriften untereinander gemischt wurden, und 
thöricht, da jene Zeiten überhaupt, selbst die Schulen in ih- 
nen, die Consequenz des Denkens sehr frei zu nehmen pfleg- 
ten. Auch die orthodoxe Theologie alter Zeiten in Luther's 
Partei hat es gern eingeräumt, dass seine Ausdrücke oft nicht 
im späteren Sinne gemessen , genau , richtig gewesen seien : 
vornehmlich in Volksschriften, Predigten und Liedern. Und 
dennoch ist er gerade in diesen am tiefsten, reichsten^ un- 
übertrefflich^); wie er denn nur ein Mann des Volks sein 
wollte. Alles für das Volk thuend, und anfangs allerdings 
auch Alles (aber nur in gläubig - stiller Weise) ^) durch das 
Volk erwartend. Die beiden Unternehmungen : Uebersetzung 



JD. M. L. wahres Christenthum. 731 (N. A. 835). Mit mehr Geist an- 
gelegt ist ßl ich. Neander: theologia megalandri Luther i. 581 — 
aach deutsch 657. 

/) E. TJTeissenborn. de momento , quod ad sacrorum instau- 
rationem theologia mysiica attulerit. Jen. 825. Oben S. 375. 

Johann v. Staupitz (gest. 1534) mehr Augustinisch als mystisch 
gesinnt, Augustin's Dogmen im frei -religiösen Sinne fassend. Car. 
Lud. Jfilih. Grimm, de lo. Stäup., eiusqve in sacrorum christ. 
instaurationem. meritis. Zeitschr. f. hist. Th., IV. Folge 1837. /. 3.' 
j4nt. Dan. Geuder. vita lo. St. — Gott. 837. 4. — Nachwirkun- 
gen J. V. St. in Salzburg: C. F. Schulze, Auswanderung d. evang. 
gesinnten Salzburger. Gotha 838. 10 ff. Spätere Zweifel Luther's an 
St. : Briefe I. Nr. 393. H. 530. 572. Welt. 

g) Casp. Ulenberg's 33 Beweggründe {„causae graves" zuerst 
1591) — Mainz 833. 

Oder Katholicismus aas Luther's Schriften : christkath. Katechis- 
mus aus Luther's Werken — Wien 1586. (F. Brenner: Lichtblicke 
von Protestanten. Bamb. 830) und anderes Aehnliches zu Haufen. 

h) Luther im Auslande dargestellt: Memoires de Ltither eerits 
par lui-meme, traduits et mis en ordre par Michelet. Par, 835. IV. 

i) Jüngst wiederholte Anklagen Luther's, wegen politischen Ver- 
ständnisses mit der fränkischen Ritterschaft — Der einfache Mano 
des Volks, unvermögend, in förderlichen Bestrebungen neben sich et- 
was Anderes als die Religion zu sehen, der Klostermann, hat sich 
von Anfang herein oft täuschen lassen (nach anderen Seiten hin, z. B. 
auch über die Gesinnungen des Papstes) : aber er hat ebensowenig 



528 Allgemeine Dogmengcselilchte. Fünfte Periode. 

der heil. Sclirift*^) und Katechismus^), waren die na- 
türlichen, von Altersher gebrauchten, Mittel, den Glauben in 
das Volk einzuführen. Dieselbe volksmässige Bedeutung hat- 
ten in der Glaubenslehre von Altersher die beiden Principien, 
mit denen auch Luther (freilich ebenfalls in nicht streng dog- 
matischer Fassung) und alle Reformatoren jener Zeit began- 
nen : das Ansehen der heil. Schrift, und die Recht- 
fertigiing durch den Glauben. 

Geschichtlich unrichtig aber sind alle diejenigen Auffas- 
sungen von der proteslanlischen Sache und von der Absicht 
der Reformatoren, nach denen ihr eine blos negative (im fal- 
schen Sinne nur ,,protestirende") "*) oder rein rationalistische 
Bedeutung beigelegt worden ist. 

§♦ HO* 

Die Streitigkeiten Lullier's mit Erasmus und mit 
Heinrieb von England trugen dazu bei;, seinen Bruch, 
tbeils mit der Theologie, theils mit der Verfassung der 
Kirche, zu befestigen ^). Aber der Unwille der Refor- 
matoren gegen den anabaptistlscben Unfug bestimmte sie 
und vornehmlich Luther, die Bewegung der Zelt In be- 
stimmte Grenzen fassen zu wollen: und der Streit mit 
Zwlngll veranlasste denselben dazu, für die Lehrbe- 
stimmungen bestimmtere Formen, und zwar nach 
dem Buchstaben der Schrift, zu fordern^). 



conspirirt, als dieses die feste Burg gewesen ist, aufweiche 
er zu Worms vertraut hat, wie die ,,hist. pol. Blätter" versichera. 
Vgl. unter And. gegen Hütten, Briefe I. 383. 

k) G.W. Panzer, Gesch. der D. Bibelübs. D. M. L. Nürnb. 783. 
Zusätze 791. H. Schott, Gesch. der t, Bibelübs. D. M. L. Lpz. 835. 

(Panzer, Gesch. der Rom. kathol. Deutschen Bibelübersetzung. 
Nürnb. 781. Gerh. Stiegenberg er, lit. krit. Abh. über die zwo 
allerältesten, gedruckten D. Bibeln. Mainz 787.) 

Wort eines Philosophen: „Es ist unendlich wichtig, dass dem 
Volke durch die Luth. Bibelübs. ein Volksbuch in die Hand gegeben 
worden ist, worin sich das Gemüth, der Geist auf die höchste, un- 
endliche Weise zurechtfinden kann — " Hegel, Relig.philos. II. 244. 

/) Katechismen: oben S. 195. C. F.Illgen: Tecolitur memO' 
ria utriusque L. catech. 830. 4 Progrr. Ro. Otto Gilbert , D. in 
qua christianae catecheseos historia adumbratur. Lpz. 830. I- (G. 
Veesenmeyer — Nachrr. von einigen ev. katech. Schrr. u. Kate- 
chismen vor und nach L. Katechismen. Ulm 830.) 

m) (K. G. Jochmann) Betrachtungen über den Protestautismus. 
Heidelb. 836. u. A. (J. F. Kleuker, über den alten u. neuen Pro- 
testantismus. Alt. 823). 

„Das Evangelium treiben", war der Endzweck der Reformatoren. 



Die clirlstl. Dogmengescliiclite. Erster Theil. 529 

1. Im Streite mit Erasraus*) zeigt sich endloses Mis- 
verständniss zwischen Beiden. Luther hatte darin Recht, dass 
er Erasmus die Fähigkeit ahsprach, den tieferen, religiösen 
Sinn jener Lehren hei Augustinus zu erkennen. Auch in dem 
reinphilosophischen Sinne gefasst, wie Er. die Willensfreiheit 
nahm, durfte die Frage über sie nicht hios für eine Schul- 
frage gehalten werden : Luther aher verstand unter Willens- 
freiheit die dem gefallenen Menschen gebliebene Kraft, und 
den Zug desselben zu Gott, w^enn ein solcher ihm gehlieben 
sein sollte''). In dem Sti-eite mit Heinrich stellte es sich 
richtig heraus, wie sich damals in der Lehre von den Sacra- 
menten alle Elemente des kirchlichen Streites und die ganze 
Grundlage von den kirchlichen Misbräucheu zusammengezogen 
hatten '). 

2. Der Streit mit Zwingli ^) war für Luther ein Streit 
von allgemeinster Bedeutung: nämlich über Stehenbleiben 



a) D. Erasmi SiarQißi) de lib. arh. 524. D. M. L. de servo ar~ 
bitrio 525. (ßrr. an Er. u. Oekol. 1524. //. Nr. 592. Wett.) Er. R. 
hyperaspistes diatribae de lib. arb. 1 u. 2« 526. 27. (Luther's Schrift 
von J. Jonas deutsch herausgeg. , 1525 — neu von K. Schrader: 
D. M. L". Antwort an Er. Roter. — Bielefeld 837.) 

6) Wie Luther, auch Staupitz : Von der endlichen Vollziehung ewi- 
ger Fürsehung 1519, Cap. l'i: ,, Etliche sagen, wenn die Fürsehung 
gepredigt wird, so nehme sie vfe^ den freien Willen — Aber sie nimmt 
weg nur die Freiheit, so die Dienstbarkeit der Sünde eingeführt hat, 
und giebt die Freiheit, die uns Söhne Gottes macht." Ja alle Re- 
formatoren jener Zeit — Paracelsus : ,,es ist ein freier Wille, aber 
der Niemand nütz ist. Die neue Geburt aber hat den freien Willen, 
der mit Nichts gebunden ist." U. s. w. 

c) De captivitate hahylonica 520. L. W. AValch. 19. im Auf. 
(Hieraus auch die Verurth. der Luth. Lehre durch die Pariser Univ., 
Argentr. I. 2- 365 ss. II. 1 ss. „Lutheri de capt. Bab. liber iure 
cum Alcorano conferri jnei'etur." Luther gegen die Pariser Theolo- 
gen : Werke 19. 1114 ff.) 

Gegen Hnr. Vlll. Luth. Werke 19 : contra HenricuTn regem Angliae. 
Für Hnr.: Tho. Mori {Guil. Rosset) responsio ad convitia M. L. 
in Henr. regem. 1523. Thom. Mor. Opp. Frcf. 689. f. 

d) R. Hospiniani hist. sacramenlaria. Gen. 681. II. f. — L. 
Lavater, hist. de origine et progressu eontroversiae sacramcnta- 
Tiae (1523 — 1563). Tiguri 563. — P. Henry, Leben Calvin's (Brl. 
837 f.). II. 347 ff. 

V. E. Löscher, ausfuhrl. historia mottirum zw. den ev. Luthe- 
rischen u. Reformirten. Frkf. u. L. 723. HL 4. J. G. Walch, EinL 
in die Streitigkk. Lutheri — mit den Sacramentirern. L. Werke 20. 

Philipp's von Hessen Antheil: C. von Rommel, Ph. d. Grosse. 
Giessen 830. 3 B. Neudecker, Urkunden aus d. Reformationszeit. 
Cassel 836. 



350 Allgemeine Dograengieschlclite. Fünfte Periode. 

oder Weitergehen, über Vernunft und Offenbarung, über Buch- 
staben und Geist. Aber seine Aufregung und jene Bedenk- 
lichkeit, welche ihm durch die Ueberti-eibungen Anderer ge- 
kommen war, hatten ihn von vorn herein für die härtere 
Ansicht gestimmt, 

§♦ i«o* 

Die Augsburglsclie Confcssion, diese wclt- 
gcscLielitliche Urkunde, ist in ihrer Richtung- und in 
ilircm Charakter ganz geeignet, ein bleibendes Zeugniss 
abzulegen von dem wahren Verhältnisse zwischen den 
beiden Kirchen, wie sie sich nun gegenüberstanden: 
und von dem versöhnlichen Geiste, in welchem die neue 
sich aufstellte ^). Ebenso wahr und bleibend zeigt die 
erste Darstellung der Glaubenslehre unter den Pro- 
testanten, das Werk Melanchthon's, auf den Unterschied 
zwischen den Kirchen hin: bestimmter und klarer als 
es irgend von Luther geschehen war, aber auch in je- 
nem milderen Geiste, dessen Darstellung Philipp Me- 
lanchthon innerhalb seiner Partei geworden ist^). 

1.") Richtung und Charakter der A. C*): nicht die 
anerkannte Glaubenslehn^ der Kirche darzustellen , diese viel- 
mehr, als den Protestanten und Katholischen gemeinsam, vor- 
auszusetzen, jedoch diejenigen Lehren aus ihr zu erwähnen, 
in denen man geneigt war, Prot, und Irrlehrer der Zeit zu 
vermengen (wie Trinität, letzte Dinge): dagegen das auszu- 
führen, worin die Schullehren der Zeit und die kirchliche Sitte 
verdorben zu sein schienen; Alles mit entschiedener Hinwen- 
dung auf das Leben. Uebrigens sich noch in vollem Zu- 
sammenhange mit der Kirche anzusehen: mit Absicht wurde 
selbst des Widerspruchs gegen das Papstthum in der A. C. 
nicht gedacht. Daher später die Abfassung der Schmalk. 
Artikel. 



c) Liter, der Gesch. der Augsb. Confession, am vollständigsten b. 
KöUner, Symbolik 150 ff. Unter Neueren: C.W. Spieker, das 
A. Glaubensbk. und die Apol. dess. Mit krit., gesch. u. erlaub. Bmkk. 
Berl. 830. II. E. Foerstemann, ürkundenbuch zu der Gesch. des 
Reichst, zu Augsb. Halle 833. 35. II. 

6) C. F icke US eher, Gesch. des Reichstages zu Augsburg im h 
1530, nebst e. Unters, über den Werth der Augsb. Conf. Niirnb. 830. 
Beck, eonsilia A. C. — Tittmann, de summis principiis A. C. 
Lpz. 830. — J. A. L. Danz, d. A. C. nach i. Gesch., i. Inhalte u. 
i. Bedeutung — K. H. Scheidler, ü. d. A. C. Jena 830. 

D. a Coelln: eonfessionum Melanchthonis et Zwingin Augu- 
stanarum capita graviora tnter se oomparantur. Vrat. 830. 



Die chrlstl. Dogmengeschichte. Erster Thell. 351 

In ihrer dogmatischen Allgemeinheit und Unvollstündigkeil 
hatte die A. C. iiicht die Absicht und besitzt nicht die Eigen- 
schaft , für theologische Fragen und Streitigkeiten eine 
Norm abzugeben, wohl aber den Geist ihrer Kirche zu 
bezeichnen und zu leiten. 

2. Melanchthon*^), von einem ganz frei - wissenschaft- 
lichen Gebiete mit Einemmale mitten in den kirchlichen Streit 
versetzt, und von Bewunderung des Lutherischen Geistes er- 
füllt, ordnete sich diesem völlig unter: nur fasste er die Ge- 
danken desselben philosophischer auf, begründete und be- 
stimmte sie biblisch (hierin übrigens unter Erasnius und Cal- 
vin) und trug in Alles, wie er sprach und handelte, seinen 
Charakter hinein, welcher sich vor der theologischen Contro- 
vers entsetzte, wenn er gleich Opfer und Ertragen für die 
gute Sache keineswegs gescheut hat. Was Melanchthon's Theo- 
logie in seiner Kirche gar bald verhasst machte, und worin 
er allerdings zu wenig Mass gehalten hat, dieses war: die 
mildeste Beurtheilung jeder Abweichung von der geltenden 
Lehre — die Art allgemeine Bezeichnungen zu gebrau- 
chen, in welchen sich leicht die Verschiedenheit einigen konnte 
— die mehr praktische Auffassung des Lehrstoffes. 

Die loci theologici^^ (der Name, Hauptartikel bedeu- 
tend, vornehmlich in der Schriftlehre, trat nun an die Stelle 
der Sentenzen) von 1521 : dann in dreifacher üeberarbeitung 
seit 1535. 

Sollen Tvlp nun die Theologie und den Geist der 
Luther iscLen Partei durch diese ganze Periode 
hin zusammenfassend darstellen (um hierauf die der 
übrigen jetzt neben einander tretenden Parteien folgen 
zu lassen) : so hat sich in jener auf den bisher beschrie- 

c) loach. Camerarii de vita Phil. Mel. narratio, ed. G. Th. 
Strobel. Hai. 777. 8. Schnurrer. de Ph. M. rebus Tuhingensi- 
bus. Opuscc. ed. Paul. (1828) 45 ss. — Corpus Iteformm. 1 — 3. 

d) Loci communes rerum theologicarum seu hypotyposes theolo' 
gieae. Viteb. 521, 4 und 8. Aus Mel. VorlU über den Brief aa die 
Römer (als die protestant. Haupturkande) entstanden. Es ist mög- 
lich, dass früher schon ohne M. Wissen Abrisse derselben gedruckt 
worden seien. Jene erste Ausg. durch Augusti L. 821. 

Semler zu Bannig. Glaubensl. 11. 146. G. T. Strobel, Vers. 
e. Literärgesch. yon Ph. Mel. locis theologicis, als dem ersten evang. 
Lehrbuche. Altorf u. Nürnb. 776. 8. Merkwürdig die ital. Ausgabe 
Venedig (wahrsch. 1530): I pi'incipii della theologia di Ippofilo 
de Terra JVegra {Fogt. catal. librr. rar. 569). Gegenstück: 
lo. Eck. enchir. locc. comm. ed. 8. 1541. 



552 Allgemeiuc DogmcngescLlcLte. Fünfte Periode. 

benen Grundlag^en eine dreifaclie Riclitiing- des Den- 
kens und der Glaubenslehre gebildet, und hat neben 
einander bestanden bis zum Ablaufe des 17. Jalirhuu- 
dcrts : eine, welche vielmehr aus der Opposition vor 
der Reformation herstammte, eine, vv^elche sich mehr an 
die Gesinnung: unserer Reformatoren hielt, und die 
(bei Weitem vorherrschende), welche an die Personen 
und an den Buchstaben derselben hingegeben war*). 

§* !«»♦ 

Aus der früheren Opposition gegen die Kirche dräng- 
ten sich vornehmlich die Parteien der Antitrinita- 
rier und Anabaptisten (115) an die Reformation 
heran : ott auch mit einander verbunden ^). In ihrem 
ursprünglichen und eigentlichen Charakter wurden beide 
von den Reformatoren entschieden zurückgewiesen : erst 
gemildert und beschränkt konnten sie" den Protestanten 
näher kommen, und im Leben, wenn gleich nicht im 
Rechte und in staatsbürgerlicher Anerkennung, zu ih- 
nen gerechnet werden^ als ünitarier und Baptisten 
(Teleiobaptisten) , oder Socinianer und Menno.ni- 
ten^). 

1. Die Antitrinitarier jener Zeiten waren eigentlich 
mehr Bestreiter von Offenbarung und positiver Religion üLer- 
haupt, denn als der eigentliche Sitz und Miltelpunct von die- 
sem galt das Dogma von der Trinilät (speculative Opposi- 
tion)*); die Anabaptisten waren Gegner der bürgerlichen 



a) Der Gedanke einer Entwickelung des Lutherischeo Lehr- 
begriffes im 16. und 17. Jalirb., ist nicht ganz eigentlich und pas- 
send, sofern derselbe ein Fortschreiten vom Unvollkommenen zum 
Besseren, Würdigeren, überhaupt ein Fortschreiten ausspricht. Aber 
der Geist der Reformatoren stand weit über ihren Lehrformen, mehr 
noch über denen der Ihrigen ; auch war es nicht die Absicht von die- 
sen, über das hinauszugehen, was jene gesprochen hätten; vielmehr 
kehrten sie am liebsten zu ihreu Formen zurück. — Jedoch die 
Sache der prot. Kirche hat sich entwickelt, auch unter den grossen 
dogmatischen Umhüllungen und Rückschritten. 

G.J.Planck, Gesch. d. Entstehung, der Veränderungen und der 
Bildung unseres prolest. Lehrbegriffes vom Anf. d. Ref. bis zur Ein- 
führung der Conc. F. 1 — 3. 2. A. 791 ff. 4- 6. 7.96 ff. Dess. Gesch. 
d. Protestant. Theologie von der Conc.formel an bis in die Mitte des 
18. Jahrh. Gült. 831. 

a) Antitrinitarismus: C. Sandii hiblioih. Jntitrinitariorum 
(kurze Angaben). Freistad. (Amst.) 684. 8. F. S. Bock^ historia 
ATrinitariorum. Regiom. 774. 76. 11. 8. 



Die clirlstl. Dograeng^eschlchte. Erster TLeil. 555 

und religiösen Lebensorduung (praktische Oppositl gegen 
die Kirche) ; bald nur wiedertaufend für die Aufnahme in ihre 
Gemeinde, bald anch wirklich, wie es so viele kirchliche Ge- 
sellschaften von vorherrschend praktischer Tendenz gewesen 
waren, Gegner der Kindertaufe ''). Die Schweiz wurde mehr 
von den Antitrinitariern, Deutschland mehr von den 
Anabaptisten heimgesucht'^). Der reforraatorische Zug 
ausserhalb Deutschland nahm meistens diese Richtung'^). Mich. 
Servetus (das vielbesprochene Opfer zu Genf 1553)^) vor- 
nehmlich giebt ein Beispiel jener umfassenderen Tendenz des 
Antitrinitarismus : aber auch von seiner grossen Principlosig- 
keit und wissenschaftlichen Unfähigkeit. In Ludwig Hetzer 
(zu Costnitz gerichtet 1529) und Job. Denk (gest. zu Basel 
1528) ^) vereinigten sich Antitrinitarismus und Anabaptismus : 



F. Trechsel: die protestantischen Antitrinitarier vor F. Socio. 
1. Buch. Mich. Servetus und seine Vorgänger. Heidelb. 839. 

5) Anabaptismus : F. Spanhem. de or. , progrcssu, seetts, 
iiomm. et dogmatibus Anabaptistarum. L. B. 643. 8. Ei. dispp. 
anab, 648. /. H. Ottii annales anabaptistici. Bas. 672. 4. 

F. V. Bucholtz, Gesch. Ferd. I. V. 835. Beil. Von den Wie- 
dertäufern. Winter, Gesch. d. Baier'schen Wiedert. im 16. Jahrh. 
München 809. 

c) lo. H. Bullinger. adv. andbaptistas VI. hat. ed. Simler. 
Tig. 560. Die Libertiner in Frankr. und der Schweiz, und Cal- 
vin-s Kämpfe mit ihnen {instructio adv. Libertinos — ,, G(4tes Geist, 
das einzige Reale"), Henry a. 0. II. 398. 

rf) Vor Servetus: Jo. Valdez (gest. 1540 zu Neapel): C.Schmidt, 
J. Valdes, Zeitschr. f. bist. Tfa., N. Folge 1837. 1. 4. Bernardin. 
Occhino von Siena (gest. 1564): labyrinthi, polygamia, dialogt. 
Jo. Campanus (Deutscher, 1530 zu Cleve im Gefängn. gestorben): 
götll. u. heil. Schrift, vor vielen Jahren verdunkelt, und durch un- 
heilsame Lehr u. Lehrer verfinstert, Restitution und Besserung. 532. 
Schelliorn. de I. C. äntitrinitario. Amoen. lit. XI. 1. lo. Va- 
lent. Gentilis (zu Genf, in Bern enthauptet 1566) Covfessio 1588- 
Th. Beza: Valent. Gentilis iynpietaium explicatio. Gen. 567. Ge, 
Blandrata (gest. um 1590 in Siebenbürgen): confessio antitrini- 
taria cum refut. Ftacii, ed. Henke. Heimst. 794. und Opsce. 245 ss. 

e) Servede, mit Beinamen Revez, aus Aragonien, 1529 mit Carl V. 
nach Italien gekommen — seit 1530 in Basel, anderwärts, in Frankr., 
Genf: Moshem. hist. Serveti. Heimst. 727. 4. Dess. anderweiter 
Versuch einer vollst, und unpart. Ketzergesch, 748. 4. Dess. neue 
Nachrichten von d. her. span. Arzt M. S. 756. 4. Trechsel a. 0. 

De trinitatis erroribus. 1531. Christiainsmi restitutio 1553. 
(N. A. von Murr 1790. 4. mit der Jahrszahl 1553.) 

/) I. I. Breitinger. anecdd. qiiaedam de L. Hetzer o. Mus. 
Helvet. VI. 100 ss. Von Denk und Hetzer vorn. Trechsel a, 0. 
Beide, deutsche üebersetzer der Propheten 1531. 



554 Allgemeine Dogmengcseliiehte. Fünfte Perlode. 

auch die ersten Unitarier in Polen gehörten beiden Parteien 
zugleich an°). Der Anabaptismus, anfangs gemässigter, setzte 
sich in Deutschland mit den Bauernaufständen in Verbindung 
(1521''): auch diese hatten sich aus früherer Zeit in die Pe- 
riode der Reformation hereingezogen)^), und schlug in Mün- 
ster (1536) in Gräuel fanatischer Pöbelherrschaft über'^). 

2. Der Socinianismus (Lälius und Fauslus Sozzini von 
Siena^): jener, der geistige Vater der Sache, gest. zu Zürich 
1562, dieser, Urheber der Partei, gest. in dem unitarischen 
Staate in Polen") 1604) ist eine so eigenthümliche Partei ge- 
worden, dass wir sie nach ihrem Lehrbegriffe unten be- 
sonders darzustellen haben"). Die Baptistensecte (Menno 
Simonis seit 1536)°) ist allmälig immer mehr zu einer ein- 



g) Catechesis et confessio ßdei eoetus, per Poloniam congregati 
in nomine D. N. I. C. 1572. 12. 

h) Luther's Werke 16. G. Sartorius, Vers. e. Gesch. des D. 
Bauernkrieges. Berl. 795. Oechsle, Beitrr. z. Gesch. des Bauern- 
krieges. 830. W. Wachsmuth, d. D. Bauernkrieg zur Zeit d. Ref. 
L. 834. Tho. Müntzer gegen Luther (1524: „wider das geistlose, 
sanftlebende Fleisch zu Wittenberg"): G. Th. Strobel, Leben, 
Schrr. u. Lehre v. Th. M. JNürnb. 796. 

i) Bauernunruhen schon im 15. Jahrhundert Ende weitverbreitet. 
Ranke's angf. D, Gesch. L 214 ff. Wachsinuth, Aufstände und 
Kriege d. Bauern im Mittelalter: Raumer's bist. Taschenb. 1834. 

k) 21 Art. der Wiedertäufer v. Münster durch J. Gochläum wi- 
derlegt — Lpz. 534. 

H. Jochmus, Gesch. der KirchenreF. in Münster und ihres Un- 
tergangs durch die Wiedertäufer. Münster 826. J. Hast (Kath.), 
Gesch. der Wiedertäufer von ihrer Entstehung zu Zwickau bis auf 
ihren Sturz zu Münster. Münst. 836. 

/) C. F. J II gen. Vita Laelii Socini. L. 814. 8. J. K. v.Orelli, 
L. Socinus: Basler wissensch. Zeitschr. IL 28 ff. 118 ff. 

S. Przipeovii vita Fansti S. Senensis j vor Bibl. FF. P, I. 
Ge. Ashwell. de Soeino et Socinianixmo. Ox. 680. 8. 

77?) Luhieniecii last, rcformat. Poloniae. Eleutherop. (Amst.) 
685. 8. Rakau, Hauptsitz seit 1569. 

n) Daselbst auch die Schriften der Partei und die Polemik der 
Kirchen gegen sie. 

o) Von Genossen: M. Simonis (Werke, Holl. 646 öfter): Aus- 
gang oder Bekehrung — Fundamentbuch. Herrn. Schyn. histor. 
Christianorum qui in Belgio foederato Mennonitae appellantur. 
Amst. 723. II. Ei. historiae Mennonitarum plenior ßeduetio. Amst. 
729. 8. J. C. Fehring, gründl. Hist. von den Begebenheiten, Strei- 
tigkeiten, Trennungen — unter den Mennoniten bis zum J. 1615 — 
herausg. v. Buddeus. Jen. 720. 8. Gern. Ris, die Glaubenslehre 
der wahren Mennoniten. Hamb. 770. S. F. Rues, aufriebt. Nachrr. 
von dem gegenw. Zustande der Menn. oder Taufgesinnten. Jen. 743. 8. 



01C chrisä. Dogmengcschichte. Erster The3. 555 

fach praktischen Partei geworden, nnd eben ihrer Allgemein- 
heit wegen, nach verschiedenen Auffassungen und Beisätzen, 
in eine ünzah[ von Secten zerfallen i*). Gewöhuh'ch hat sie 
sich mehr zu der reformirten Partei gehalten, aus äusserlichen 
Gründen, oder auch aus Sympathie für das Einfachere, Volks- 
mässigere der religiösen -Verfassung. Aber auch mit den üni- 
tariern hat sie sich in alten und neuen Zeiten oft verbunden. 
In den früheren Zeiten überwarf sich die Partei mit den kirch- 
lichen Protestanten, vornehmlich im Artikel von Erbsünde und 
Rechtfertigung, welche von den Mennoniten freier gefasst 
wurden "i) . 

In der zweiten Richtung^ finden wir zuerst Man- 
che, welche, sich zum Geiste der Reformatoren beken- 
nend, doch an ihrem Werke nicht Theil genommen ha- 
ben ^) : dann aber auch freiere Genossen der protestan- 
tischen Sache, welche in dieser lediglich die Wieder- 
herstellung des göttlichen Reichs durch die Predigt des 
Evangelium finden mochten ^). Endlich aber schlug 
diese Richtung auch bald in eine Mystik um, mit wel- 
cher sich wiederum bald die Theosophie verband ^). 

1. Von der ersten, hier bezeichneten, Art waren nach 
Erasmus und Reuchlin, ziemlich alle intelligenten Männer der 
Zeit , wenn sie nicht irgend ein Interesse von der Sache 
entfernte oder sich verbergen hiess. Niklas Manuel*), Hans 
Sachs •") u. A. den Reformatoren näher stehend: aber auch 



J. R. Riesling, Lehrgebäude der Wiedertäufer. Reval u. Lpz. 
776. 8. Reiswitz und Wadzeck, Beitr, z. Kenntniss der Menno- 
nilengemeinen in Europa und Amerika. Berl. 821. Ders. Glaubens- 
bekenntniss der Menn. und Nachrr. y. i. Gemeinen u. s. w. 834. 

Glaubensbknn. bei Schyn — Confession oder — Glaubensbk. der 

— Mennonisten in Preussen. 1660. Parteien : Grobe u. Feine (Strenge) 

— Galenisten (Galenus Abrahams Ende 17. Jahrh.) und Apostolici 
(Sam. Apostool). 

p) In Nordamerika 9 Hauptsecten der Baptisten : im Einzelnen wie- 
der vielfach getrennt. 

-q) MÖhler, Symb. 486 ff. 4. A. 

ß) Nikiaus Manuel — von Grüneisen. Stutig. u. Tüb. 837. — 
Des Venners der St. Bern, N. Manuel, Fastnachtsspiele — Bern 836. 
(„Sein Blut, das für uns worden vergossen, liegt zu Rom nicht in 
der Kisten beschlossen.") 

b) H. S. Sieg der Wahrheit, mit dem Schwerdt des Geistes durch 
die Wittenbergische Nachtigall erobert. Nürnb. 537. ,iDie gemarterte 
Theologia — das klagende Evangelium." Gedd. 1. Buch. 



556 Allgemeine Dogmengesehiclite. Fünfte Periode. 

Theopbrastus Paracelsus (gest. 1541)"), ein grauenhaft 
wunderlicher, verworren -phantastischer Geist, aber urkräftig, 
und von tiefen Ahndungen, gehört in jene Reihen. Vor Allen 
Caspar Schwenk feld von Ossigk (gest. 1561)''): anfangs 
wohl geneigt, in das Werk unserer Väter einzutreten; bald 
aber, theils unzufrieden mit der unlehendigen Wendung, wel- 
che dasselbe genommen zu haben schien, theils zurückgestos- 
sen , ihm sogar feind. Man kann nicht anders , als auch die 
religiösen Grundsätze und die Schriften Schwenkfeld's , als 
Zeichen und Denkmale einer angebrochenen besseren Zeit an- 
erkennen. 

2. Unter jenen edlen Genossen der deutsch -protestanti- 
schen Kirche, welche, sich schon bedrängt fühlend durch den 
unevangelischen Geist der Theologen, den ursprünglichen der 
Reformatoren darstellen Wollten , führen die nächsten Zeiten 
nach diesen, vornehmlich Jo. Arnd (gest. 1621)^), den Leh- 
rer vom ,, inwendigen Reiche Gottes", und Job. Valentin An- 
drea (gest. 1634)^) auf. Der Gedanke Andreä's, seine kirch- 



Ern. lul. Eimmel. de Jo. Sachsio Norimh. poeta eiiisque poe- 
tico genere, inpriiwis quantum ad remp. chi\ valuerit instaurandam . 
Ger. 837. 8. 

c) Philipp. Aurel, Theophr. Paracelsus Bombast v. Hohen heim 
— Rixner und Siber, Leben und Lehrraeinungen berühmter Phy- 
siker des 16. und 17. Jahrh. 1. B. 2. H. 2. A. 829. H. A. Preu: 
die Theologie des Th. P. v. H. ßi-l. 839. 8. Mich. Bern, Lessing, 
Par., sein Leben u. Denken. Berl. 839. 

Opp. ed. I. Huserus. Basel 1589. XL 4. — Th. P. kleine Hand- 
u. Dcnkbibel, und Einführung odei- Lehre zum ew. Leben des Hrn. 
J. C. 605. 8. 

d) lo. JFigand. de Schwenkfcldiamsmo, L. 585. 4. Kurze Le- 
bensgesch. C. S., nebst dessen Abschiede. 697. 8. — Dankbare Er- 
innerung an die Gemeine der Schwenkfelder zu Philadelphia. Görl. 
817. (Stäudl. u. Tzsch. Archiv f. d. KG.) 

Viele Schriften : (1524 Ermahnung des Misbrauchs des Ev. a. s. w. 
zur fleischl. Freiheit. 1546. Von dreierlei Leben des Menschen: die 
Schrr. über das Abendmahl und über das Fleisch Christi. — Briefe.) 

e) Vom wahren Christenthum 1G05. (Unendlich oft, auch jüngst, 
wiederb.) Gegen das Buch L. Osiander — G. IFernsdorf. Avndia- 
nus de vero clirisiianismo liber legitimis ponderibiis examinatus. 
Ed. 3. Vit. 726. und Diss. ae. 1. 246 ss. J. A. zwo Sendschreiben, 
darin er bezeugt, dass s. Bücher v. w. Chr. mit des Weigelii u. dgl. 
Schwärmern Irrthh. zur Ungebühr bezüchtigt werden. 624. 4. 

/) IFeisamami. Memm. H. E. II. 933 ss. (Selbstbiographie A.) 
Herder oft (Vorr. zu: J. V. A. Dichtungen. L. 786.) F. Stäudlin. 
de I. V. A. — consilio ei docirina morali. Gott. 806- W. Hoss- 
bach, J. V. A. und sein Zeitalter. Berl. 819. Pahl, AEnc. 4. 
Ph. Burk, Verzeichniss aller Schrr. J. V. A. Tüb. 793. 



Die chrlstl. Doginciigcscluclite. Erster TJiell. 537 

liehen Ideale als das Geheiinniss einer Gesellschaft (von Rosen 
und Kreuz g^enannt, dem alten Sinnhilde, welches auch Luther 
geliebt hatte) ^) darzustellen, hing ebenso mit dem mystischen 
Zuge seines Geistes zusammen, als er in der Nothwendigkeit 
^begründet war, jene Gedanken nur behutsam hervortreten zu 
lassen. Auf diese Vorgänger führte späterhin Ph. J. Spener 
zurück. Beide, Arnd und Andrea, haben bleibende und grosse 
Erfolge gehabt. 

3. Jene ebenhesprochenen Richtungen hatten schon manche 
mystische Elemente in sich. Aber die Mystik erhielt unter 
den deutschen Protestanten bald eine Genossin an der Theo- 
sophie: welche durch Paracelsus hereingeführt, sowohl in 
der Kabbala, der von Renchlin begünstigten, geheimen Lehre 
(welche eben von Reuchlin her eine Empfehlung für die Pro- 
testanten zu haben schien), als in der Alchymie, welche da- 
mals eben vornehmlich die Welt durchzogt), Verbündete fand. 
Der Misbrauch des wiederhergestellten freien Gebrauchs dei 
h. Schrift kam dcizu, um diese phantastischen, meist sehr un- 
evangelischen, Lehren weiter auszubilden. Val. Weigel, vor- 
mals lutherischer Prediger*), steht an der Spitze dieser Leh- 
rer: seine Schriften wurden erst nach seinem Tode (1588) 
bekannt. Bei ihm ist Alles speculativ, die Kirchenlehre alle- 
gorisirend: aber Einer aus dieser Schule, Jakob Böhm (gest. 



Fama fraternitatis , oder Entdeckung der Brüderschaft des löbl. 
Ordens des Rosenkreuzes — Frkf. 615. 4. Invitatio ad fraternita- 
tem Christi. 617. //. nnd Anderes. (Die beiden Hauptschrr. der Ro- 
senkreuzer — Frankf. 827. -8.) Theophilus und ,,entlarvter 
Apap", neu herausg. v. C. Th. Pabst. L. 826. 27. Reip. Chri- 
stianopolitanae descriptio. 619. 12. Die Christenburg, allegor. Ge- 
dicht, herausg. v. K. Griineisen (und Gr. Einleitung): Zeitschrift 
f. bist. Th. VI. 1. 1836. 

g) Ohne Zweifel war es ein längst schon gebrauchter, mysteriö- 
ser Name. 

h) Schmieder, Gesch. d. Alchemie. Cassel 830. H. Wacken- 
roder, hisfor. Skizze d. Alch. Lemgo 838 f. 8. 2 kl. Schrr. Die 
Fürsten u. Höfe des 16. Jahrb., der Alch. ergeben — Voigt, bist. 
Taschenb. 835. 

i) Hieron. Kromayer. de Weigelianismo et Rosaecrucianismo 
et Paracelsismo. L. 669. 8. A. Calov. Antiboehmius. y'il. 684. 4. 
E. D. Colberg, platonisch -hermetisches Christentbum. Frkf. u. L. 
690. II. 8. Pantheum, anabaptisticum et enthusiasticum, oder geist- 
liches Rüsthaus — Halberst. 702. Vornehmlich iß. Arnold, K. und 
K. bist. 3. und 4. 

V. W. : der güldne Griff d. i. Anleitung alle Dinge ohne Irrtbum 
zu erkennen — yvvjd-i asavzov — öffentl. Glaubensbekenntniss 1618. 

DogmengeschichteT 22 



538 Allgemeine Dogmengeschiclite. Fünfte Periode. 

1624), Philosopkus teutonicus genannt, nicht minder tiefsin- 
nend, aber zugleich gedanken- und spruchreich für das Le- 
ben, gewiss im Geist von wunderbarer Erregung und Tiefe ^), 
hat sowohl auf seiner mehr volksmässigen Seite viele Freunde 
und Jünger, als in seinen speculativen Lehren eine Schule und 
eine Secte gehabt bis auf unsere Zeit. (Böhmisten, Joh. Por- 
dage^) — St. Martin, Mystiker mit sehr ausgesprochenem Pan- 
theismus"^) — Gichtelianer ")). Quir. Kuhlmann (zu Moskau 
gerichtet 1689)°) versuchte einen politischen Ausbau des Böh- 
mismus und wurde zum Märtyrer eines Fanatismus von son- 
derbarer Färbung. 



Ä) A. V. Franckenberg und Anderer Lebensbeschrr. v. J. Böhm, 
vor Dess. Schriften (von J. G. Gicht el. Amst. 682. 11. 4. 1730. X. 8. 
Neueste A. von K.W. Schiebler. L. 831. b. j.II. 8). J. G. Ratze und 
G. S. Petri: J. Böhm und Böhmisten. AEnc. XL Gregoire a. W. 
II. 207 SS. L. Wullen, J. B. Leben und Lehre. Sluttg. 836. Vor- 
nehmlich ßaur, ehr. Gnosis 557 £f. 

Erste Schrift: Aurora, oder Morgenröthe im Aufgang. 1612. ■ — 
Von den drei Principien des göttlichen Wesens — de signatura re- 
■rum — mysterium magnum — der Weg zu Christo — Chresto» 
mathie'n aus J. B. von Ratze (Blumenlese 819), ümbreit (J. B. 
835), Wullen (Blülhen aus J. B. Mystik). Urtheile u. Auszüge bei 
Schelling (Abh. v. d. Freiheit), Hegel, Baader u. A. ' 

l) lo. Pordage (gest. 1698), metaphysica vera et divina (auch 
deutsch. 725. III.) — theologia mystica u. A. Dagegen Hnr. Mo- 
rus (von der neuplatonischen Schule), eenswa philosophiae teutoni- 
cae. Opp. Lond. 679. 1. 

m) St. Martin (L. Claud.), gest. 1804 („antma trtstis et esu- 
riens** will er sein nach Baruch. 2, 18), Uebersctzer mehrer Schrr. 
von J. B. {L'aurore naissante. Par. 800. IL und : des trois princi- 
pes de l'essence div. 802- IL), Verfasser vieler einflussreicher Schrif- 
ten : des erreurs et de la verile (775) — de l'esprit des ckoses — 
jene von M. Claudius übs. 1782, diese von G. H. Schubert ISII. 
Ucee homo (892) D. 819. Oeuvres posthumes 807. IL u. A. 

Angelus Silesins u. St. Martin (von Rahel). Berl. 833. 

Ueber ihn und die Martinistes (übrigens verschiedener Art u. 
Abkunft: auch von Martinez, maurerischem Kabbalisten nach 1754, 
und dem schwärmerischen Bauer Martin 1816): Greg. a. 0. 217 ss. 
Varnhagen v. Ense, Denkww. u. vermischte Schrr. I. Mauh. 837. 
404 ff. Gegen die Partei: Chassanis, du christianisme et de son 
culte, contre une fausse spiritualite. Par. 802. 12. 

n) J. G. Gichtel, Böhmist: G. G. Reinbeck,-Nachrr. von 
GichtePs Lebenslauf u. Lehren. Berl. 732. 8. — " J. G. G. Leben u. 
Irrthümer. Ev. KZ. 1831. Nr. 80 — 87. Engelsbrüderschaft 
nach Matth. 22, 30. 

o) Bayle Art. Kuhlmann. — Kuhlpsalter — Neubegeisterter Böh- 
me. Das Ende der Mystik ist bei ihm : ,, ewiges Unverstehn — un- 
vernünftiglich bewonnt sein." 



Die christl. Dogmeng^eschichte. Erster Tlieil. 539 

Die Lehre von J. Böhm ist jene uralte Form des Pantheis- 
mus, welche das Universum als die Selbstentwickelung der 
Gottheit aus dem dunklen Urgründe zu endlicher Rückkehr in 
denselben auffasst: aber sehr materialistisch gehalten. Daher 
sich deun bei ihm Idee'n und Stoffe, und die Namen dersel- 
ben, fortwährend vermischen. Die Trinität in der Weltent- 
wickelung und überall in den Dingen der Welt (als Mercur, 
Sulphur, Sal, zusammen Tinctur). Die Kirchenlehre wird 
durchaus speculativ gedeutet. . Das praktische Resultat : Hin- 
gebung an den Weltgeist, Läuterung des Lebens zur geistigen 
Reinheit. — Im Praktischen spricht J. B. die Sprache der 
aljten deutschen Mystiker P), noch mehr biblisch durchgebil- 
det: der theoretische Theil der Lehre ist in einer undurch- 
arbeiteten Form mit abenteuerlicher Sprachvermischung abge- 
fassfi). Eine ideale Theosophie begeisterte Jo. Kepler (gest. 
1630), indem er Idee'n aussprach, deren Tiefe erst weit spä- 
tere Zeiten erkannt haben'). 

Aber die innere GescLicLte der deutschen Reforma- 
tion in unserer Periode läuft grösstentheils an der drit- 
ten Richtung^' ab, weiche oben bezeichnet worden ist: 
derjenig^en, welche zu den Personen und persönlichen 
Lehren der Reformatoren gehalten hat. Hier trat nun, 
schon bei Lebzeiten dieser, ein starr dogmatischer Geist 
ein, welcher die Reformation aufhielt und oft entstellt 
hat^): und bald ham jener Zwiespalt zum Vorschein, 
welcher sich nach Luther und Melanchthon bezeichnete, 
und in welchen sich lange Zeit alle Differenzen der 
Theologen hineinlegten^). 

1. Das, was oben {hei 117) angedeutet worden über die- 
sen Dogmatismus in einer Kirche, welche mit so frischem 
Geistesregen begonnen hatte ; dürfen wir in der Betrachtung 
seiner Erscheinungen, mit aller ihrer Geistlosigkeit, Starrheit, 
ja Wildheit, nie aus dem Sinne lassen. Nämlich : wie dieses 
Aufhalten, Fixiren der Reformation nicht nur natürlich gewe- 
sen sei, sondern auch geschichtlich nothwendig und heilsam 



p) Gelassenheit, Hingabe an Gott .- wie die alten Mystiker. 

q) Herbigkeit, Bitterkeit, Süssigkeit, Hitze: Centri- 
petal — fugalkraft — Synthesis — Lebenskraft. Urständ (Substanz), 
Infasslichkeit (Identität), hält auch Hegel fiir wohlgcwählt. 

r) ffarmonices mundi libri 5- 1619. — J. L. C. von Breit- 
schwert, J. K. Leben und Wirken. Sfuttg. 831. 8. 

22* 



340 Allgemeine DogmengescMchte. Fünfte Periode. 

für eine Sache , welche so sehr aus dem Geniüth und dem 
Volke hervorgegangen war: welche Bedeutung diese lauge 
innerliche Begriffsarbeit für die folgenden Zeiten gehabt habe : 
wie viel sie auch dazu beigetragen habe , . und zwar in viel- 
facher Hinsicht, die Scholastik vollends aus den Schulen hin- 
wegzudrängen. Man muss endlich in. dieser unfruchtbar dog- 
matischen Zeit die mannichfachen Oppositionen, aber auch den 
Sinn und Geist der Frömmigkeit in der Tiefe, und selbst in- 
nerhalb jener dogmatischen Lehren und Systeme, nicht un- 
beachtet lassen. 

2. Die Verschiedenheit der Denkart, welche sich an Luther 
und Melanchthon anschloss , trat zuerst mit der Abänderung 
der Augsb. Confession hervor (1540. 1542), welche sich Mel. 
erlaubt hatte, indem er sowohl die öffentliche Bedeutung die- 
ser Schrift *) , als das eigentliche Fundament der protestanti- 
schen Kirche ^) freier fasste und "behandeltet -7- l)ie Ehtfremr- 
düng der Parteien wuchs seit Luther'sTpde ; sowohl Vell Lur 
ther noch gern seinen Freund vertrat, als weil der Dünkel Vie- 
ler in seiner Partei Melanchthon ungern an der Spitze sähe. 
Das Confutationsbuch von Matth. Flacius (1559), deni Syner- 
gismus entgegengesetzt*^), endlich die Cöncordienformel (1580) 



a) Wäre auch der Begriff einer öffentlichen Schrift Melan- 
chthon und den* übrigen Theologen vom Anfange herein ganz klar ge- 
wesen, so durften doch diese Theologen sich, als der Intelligenz der 
neuen Gemeine, das Recht beilegen, nach wachsender Einsicht und 
den Umsländen gemäss, ebenso wie den Ritus und die Verfassung, 
auch den Ausdruck der Lehre zu ändern. Eine Rechtfertigung Me- 
lanchthou's liegt in der kritischen Geschichte der A. C. (G. G. We- 
ber, kr. Gesch. d. A.C. Frkf. 783. IL) und in den Veränderungen, 
welche Luther fortwährend in den Schmalk. Artikeln gemacht hat. 
(Planck a. 0. III. 1. 298. und s. Marheineke, Ausg. des Luth. 
Originals jener Artikel: Jrticc. Smale. e Palat. cod. Berol. 817. 
G. T. Strohel, Apologie Mel. Nürnb. 783. K öl In er a. 0. 235 ff. 
Pischon, Gültigkeit der A. C. für die Reformirten : Illgen, Ztschr. 
I. 2. 133 ff. — Andr. Fabricii harmonia A. C. Col. 573.^. 

b) Nicht eine Formel, selbst nicht ein Dogma. 

Eben, weil Mel. die Confession nicht für die Eine Grundlage der 
Partei hielt, sondern für ihre Apologie, war er auch nachgiebiger 
zu Regensburg (1541), als es den Seinen gefiel; indem er sich eine 
andere Basis der Verhandlung gefallen Hess als jene Confession. Acta 
in conventu Ratisb. Vit. 541. u. 542. Freiere Grundsätze des Naum- 
burger Fürstentags 1561. G. P. Hone, Hist. des J. 1561 gehaltenen 
Convents. Erfurt 704. LH. Gelpke, der N. Fürstentag. L. 793. 

c) Solida et ex verbo Dei sumta confutatio et condemnatio prae- 
cipuarum corruptelaruTti , sectarum et errorum contra verum S. 
Scripturae , A. C. et Schvi. Articc. religionem. Jen. 559. 4. im 
Namen der Herzoge von Sachsen herausgegeben. 



Die christl. Dogmeiig-escljiclite. Erster Theil. .341 

vollendeten die Trennung*. Seit dieser letzten nahm sie den Ti- 
tel der Freunde und der Gegner der Concordien forme! an. 

. Dieser Zwiespalt lag: schon in dem Geiste der bei- 
den Parteien, dem milderen, freieren, praktischen, und 
seinem Gegentheile: und auch in Beziehung auf hirch- 
lichc Symbole und ihre Anerhenntniss machte sich die 
Verschiedenheit geltend'). Dann traten allmälig acht 
Streitpuncte hervor, theils hirchliche, theils dogmalisshej 
alle aber sich auf die ursprünglich Lutherische Form 
beziehend, welche man von der freieren Partei entweder 
überhaupt, oder nach der fcatholischen, oder 
zwinglisch - calvinischcn Seite hin, mildern zu 
wollen schien^). Zu einer Vereinigung, oder auch zu 
einer Entscheidung, Hessen es damals Aveder die Vcr- 
'hältnisse noch die Gesinnungen kommen ^). 

1. Der Name, Symbole, wurde für die öffentlichen 
Schriften der Lutherischen Partei da eingeführt, als diese 
Schriften eine andere Bedeutung erhielten, als sie von Anfang 
herein gehabt h.ilten"). Denn als die deutschen Reformatoren, 
zuerst nur für Willenberg (1533), die Unterschrift unter die 
A. C. anordneten ''), wollten sie (und bekanntlich der grossen 
Verwirrung und Unlauterkeit 'wegen, welche sich vornehmlich 
von den Antitrinitariern her, in ihre Partei einmischen wollte) 
von den zutretenden Predigern nur die Erklärung haben, 
dass sie den Glauben verkündigen wollten, welcher damals der 
Glaube der